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Posaune Gottes für die Tiere
Hinter einer gefühlsbetonten Plakatserie steckt eine Sekte. Kritiker sehen darin eine Werbekampagne.
Von Michael Hammes
Neuss. Eine Plakatserie verdirbt derzeit in deutschen Städten den Appetit auf Wurst und Steak: Passanten schauen in treuherzig blickende Tieraugen. Reh, Schwein, Kuh und Schaf flehen: Bitte, bitte iss mich nicht! Der gerührte Bürger ist geschockt, sinnt über seinen Fleischkonsum nach - und will sich am liebsten für die geschundenen Kreaturen engagieren. Doch nicht etwa Veganer, die auf tierische Produkte gänzlich verzichten, noch Tierschützer stecken hinter der aufwändigen Kampagne, sondern die Gemeinschaft "Universelles Leben" (UL), die sich ur-christlich nennt - und die ist nach Einschätzung von Andrew Schäfer, Landespfarrer für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche im Rheinland, "stark umstritten" und "konfliktträchtig".
An der UL-Spitze steht die 71-jährige Gabriele Wittek, "das Gottesinstrument", die "Lehrprophetin" und die "Posaune Gottes". Als 1970 ihre Mutter verstarb, glaubte die gelernte Kontoristin Stimmen aus anderen Welten zu hören. Sie behält es sich vor, die Gesetze Gottes zu übermitteln und auszulegen. Die Religionsgemeinschaft wurde 1977 unter dem Namen "Heimholungswerk Jesu Christi" gegründet. Die Zahl der Gemeinschaftsmitglieder wird weltweit auf mehrere zehntausend geschätzt. Im Raum Würzburg sollen nach eigenen Angaben des UL etwa 3000 Mitglieder leben. Die UL-Anhänger sind auch wirtschaftlich stark aktiv. Es gibt eine Reihe so genannter "Christus-Betriebe", darunter die "Naturheilklinik Michelrieth", das "Einkaufsland Alles für Alle" oder auch der Vertrieb von Bioprodukten ("Lebe-gesund-Versand"). Heute sollen nach Angaben der Evangelischen Informationsstelle rund 100 mittelständische und Kleinbetriebe zum Universellen Leben gehören, "in denen eine rigide Arbeitsmoral gefordert wird: Rechtes, gewissenhaftes Arbeiten gilt nämlich als rechtes Beten". Nach einem Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofes darf die Ausgestaltung des Gemeindelebens "als totalitäre Struktur" bezeichnet werden. Der Sektenbeauftragte der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, Pfarrer Thomas Gandow, spricht von einer "problematischen Sekte".
Nach Einschätzung des Sektenexperten Schäfer kommt das UL seit einiger Zeit mit Religiösem in der Öffentlichkeit nicht mehr so gut an: "Mit Themen aus dem Bereich der Tierrechtsbewegung oder der gesunden Ernährung wird man eher anschlussfähig an gesellschaftliche Trends." Damit würden Emotionen angesprochen, seien positiv besetzt und könnten zur Verbesserung des eigenen Images dienen. Schäfer: "Vielleicht macht man damit auch interessante neue Kundenkreise wie junge Eltern auf sich und die eigenen Unternehmen aufmerksam, die auf gesunde Ernährung ihrer Kinder achten wollen, die Themen wie Tierschutz - man denke nur an BSE, artgerechte Haltung - hoch schätzen." Das sieht auch der Tierschutzbund so. Bundesgeschäftsführer Thomas Schröder: "Denen geht es nicht um den Tierschutz. Hier versuchen offenbar Trittbrettfahrer für eine zweifelhafte Sekte neue Mitglieder zu werben." UL habe versucht, örtliche Tierschutzvereine zu unterwandern.
Die neue Ausrichtung auf die Tierwelt rührt her von einer "Offenbarung", die Gabriele Wittek am 27. Februar 2001 von Gott empfangen haben will und die zu einem erneuerten Verhältnis zu den Tieren aufruft. Der Schöpfer habe darin sogar gemahnt, auf Kunstdünger und natürlichen Dung zu verzichten, da sonst Kleinsttiere und Bodenleben getötet würden.
Doch UL versucht sich auf einem noch weiteren Feld: Wie sehr Natur und Tiere unter dem aggressiven Verhalten des Menschen leiden, wird von der "Gabriele-Stiftung" durch Feldversuche analysiert. Dazu ist auf der Internetseite der Gemeinschaft zu lesen: "Dass Blumen Angst haben, wenn man aggressiv auf sie zugeht - z.B. um sie abzuschneiden -, wurde sogar auf Messgeräten nachgewiesen." Und sollte der Mensch trotz aller UL-Warnungen weiter Fleisch essen, "so brauchen sie sich nicht zu wundern, wenn sie eines Tages unter dem leiden, was Sie mit verursacht haben". Damit das nicht geschieht und das Essen dennoch schmeckt, bietet UL gleich noch "Das tierfreundliche Kochbuch" aus dem hauseigenen Verlag an, Stückpreis 24 Euro.
(Quelle: Westdeutsche Zeitung - Düsseldorfer Nachrichten vom 06.04.05)
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