Verkehr und Kapitalismus
... wirtschaftliche Effizienz ist nicht die Lösung sondern das Problem ...
Rede zum europaweiten autofreien Tag, 22. September 2001, in Stuttgart.
Von Lothar Galow-Bergemann – autofrei leben, die Initiative der autofreien – 0711/560294 utalothar@z.zgs.de
Liebe Freundinnen und Freunde,
Wer von uns kennt es nicht: da hast du lange und geduldig mit einem Mitmenschen über all die Nachteile und schlimmen Folgen des Automobilismus gesprochen. Dein Gegenüber hat immer nur genickt und widerwillig zustimmend gebrummt. Doch plötzlich holt er zum Befreiungsschlag aus und schleudert Dir das ultimative Argument entgegen: es sind die Sprudelkästen, derentwegen mensch leider, leider und natürlich vollkommen wider bessere Einsicht halt doch mit dem Auto fahren muß.
Nun, wir waren heute unverschämt genug, auch diese letzte Bastion automobiler Phantasielosigkeit zu stürmen. Wir haben für jeden sichtbar demonstriert: es geht auch anders. Transport autofrei. Das ist nicht nur machbar, das macht auch Spaß.
Sogar in Stuttgart, wo wir es mit einer der autogeilsten Stadtverwaltungen überhaupt zu tun haben. Wo sogar noch die lächerlichen 10 Pfennig Parkgebühr für die erste halbe Stunde an den Parkuhren verschwinden sollen, wo erst kürzlich die Erweiterung eines Spielplatzes mit dem Argument verhindert wurde, dadurch gingen ganze drei Parkplätze verloren. Von einem Herrn übrigens, der die Frechheit besitzt, sich allen Ernstes Umweltbürgermeister zu nennen! Wo Radfahrer, die sich das Recht nehmen - genauso wie die Autofahrer - in größerer Zahl gemeinsam durch die Stadt zu fahren, von der Polizei drangsaliert werden wie in keiner anderen Stadt, ja sogar eingekesselt. Nun, es wurde gerade verschiedentlich die Frage gestellt, ob unser Ochse jetzt wieder ins Rathaus zurückgebracht wird. Das weiß ich nicht. Aber was ich weiß, ist dies: er würde sich dort auf jeden Fall sehr wohl fühlen.
Dabei könnte, wer lesen kann, zur Genüge Bescheid wissen, wenn er es denn wollte: „Wachsende Blechlawine sorgt für immer mehr Abgase“ so die St.Z. vom 14.8.: „Stuttgart hat seine selbstgesteckten Ziele beim Klimaschutz nicht erreicht. Statt zu sinken, ist der Ausstoß des Klimakillers Kohlendioxid von 1995 bis 2000 um knapp zwei Prozent gestiegen. Eindeutiger Grund: der Zuwachs des Autoverkehrs.“ „Wer in der Stuttgarter Innenstadt wohnt, trägt ein erhöhtes Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken. Grund ist die Belastung vieler Straßenzüge durch Rußpartikel aus Lastwagen- und Automotoren.“ (ST.Z.19.7.00) Genug der Zitate.
Nun, während die Experten darüber rätseln, wie dieser verhängnisvolle Trend wieder umgekehrt werden kann, haben wir einfach angefangen, was zu tun. Denn wer sich so wie wir durch die Stadt bewegt, und das nicht nur heute, der leistet einen wichtigen Beitrag für eine gesündere und lebenswertere Stadt. Noch dazu übrigens, um hier einmal das Zauberwort aller Manager und Politiker zu gebrauchen, vollkommen kostenneutral. Und auch wenn wir mit unseren Anhängern und Lastenrädern von manchen Mitmenschen angestarrt werden, als seien wir geradewegs vom Mars eingeflogen. Nehmen wir einmal an, wir würden wirklich Besuch von einem anderen Stern erhalten. Was würde der über eine sogenannte Zivilisation denken, deren Einwohner freiwillig jahraus jahrein ihre eigenen Städte und Wohngebiete vergiften, sich gegenseitig mit Lärm terrorisieren, sich im sogenannten Straßenverkehr reihenweise gegenseitig nerven, schwer verletzen, zu Krüppeln machen, ja sich gegenseitig in großer Zahl umbringen? Und die das alles nicht nur als vollkommen unveränderlich und „normal“ hinnehmen, sondern sogar allen Ernstes darauf pochen, es habe ganz viel mit „Lebensstandard“ zu tun? Der Besucher könnte nur zu dem Schluß kommen, daß er auf einem vollkommen verrückten Planeten gelandet ist. Zumal es doch so einfach wäre, sich anders zu verhalten. Denn zumindest alle Gesunden und nicht Gehbehinderten bis 60 Jahre, also die übergroße Mehrheit, könnte sich problemlos so bewegen, wie wir das tun.
Warum tun sie es nicht?
Schlaue Leute haben sich darüber Gedanken gemacht. Viel wäre aus psychologischer Sicht zu erzählen. Und nicht nur die Geschichte vom Fuchs, der dem Porsche-fahrenden Hasen mit mitleidigem Blick auf dessen Stummelschwänzchen erklärt, warum er so etwas nicht nötig hat. Ich möchte auf einen anderen Aspekt eingehen. Noch viel gewichtiger als das Argument mit den Sprudelkisten ist doch das mit der Wirtschaft. „Was wäre Stuttgart ohne das Auto?“ fragte erst kürzlich die St. Z. in einer groß aufgemachten Sonderbeilage und sie hat natürlich nicht darauf geantwortet: „eine liebens- und lebenswerte Stadt“, sondern sie hat selbstredend das oberste Dogma der Autogesellschaft nachgebetet, das da lautet: „Unsere Wirtschaft geht ohne das Auto kaputt.“ Nun, nehmen wir einmal an, dieser Satz würde stimmen. Dann müßten wir uns doch eigentlich auch einmal ganz unvoreingenommen fragen dürfen, ob sie es überhaupt wert ist, diese Wirtschaft, die nun ausgerechnet von der hundertmillionenfachen Produktion mörderischer Dreckschleudern abhängt. Von der immer weiter fortschreitenden Zubetonierung unserer Städte und Landschaften. Von 50 000 jährlich auf den Straßen Getöteten alleine in der EU. Von der Erwärmung des Erdklimas, deren katastrophale Folgen nicht nur die Menschen in der sogenannten Dritten Welt, sondern auch wir hier immer deutlicher zu spüren bekommen. Die Hälfte des weltweit geförderten Öls schlucken die Autos. Für sie wurden und werden schmutzige Kriege geführt. Tschetschenien und Nigeria sind Beispiele dafür, wie für die Gier der wenigen reichen Staaten nach Öl hunderttausende Menschen ihrer Lebensgrundlagen beraubt, verfolgt, vertrieben und gemordet werden. Und wenn wir gerade in diesen Tagen jede Menge Gründe haben, über die Ursachen des Terrorismus in der Welt nachzudenken, dann müssen wir auch über den Terror reden, den die reichen Länder des Nordens im Namen ihrer vermeintlichen automobilen Freiheit seit Jahrzehnten über die Länder des Südens gebracht haben und bringen.
Wie würden wir einen Menschen beschreiben, der einfach nicht aufhört zu wachsen? Als todkrank. Was ist das für eine Wirtschaft, deren Wohl und Wehe davon abhängt, daß sie ohne Ende wächst? Es ist offensichtlich, daß der innere Zwang der Marktwirtschaft zu ewigem Wirtschaftswachstum und unendlicher Geldvermehrung die Natur, unser aller Lebensgrundlage, zugrunde richtet. Jeder weiß: Wenn in China, Indien und Lateinamerika genauso viel Auto gefahren würde, wie in den wenigen reichen Ländern, die sich arroganterweise als „die zivilisierte Welt“ bezeichnen, dann würde das Ökosystem der Erde zusammenbrechen. Und trotzdem glauben wir, von einer Wirtschaft, die genau auf diese Katastrophe zusteuert, auf Dauer leben zu können. Der ehemalige Chef von BMW hat die ganze Hirnrissigkeit der Marktwirtschaft mit dem Satz auf den Punkt gebracht:
„Wir wissen zwar, daß es viel zu viele Autos auf der Welt gibt, aber unser Problem ist, daß es zu wenige BMWs gibt.“
Und wenn von verschiedenen Seiten, auch in der Umweltbewegung, zu hören ist, ein „zukunftsfähiger Verkehr“ müsse auch „wirtschaftlich effizient“ sein, so ist das ein folgenschwerer Irrtum: Denn gerade die wirtschaftliche Effizienz ist nicht die Lösung, sondern das Problem. Es ist eben wirtschaftlich effizient, Zwiebeln vom anderen Ende der Welt, aus Neuseeland in die europäischen Supermärkte zu transportieren. Es ist wirtschaftlich effizient, die Lagerhaltung in den Großbetrieben aufzugeben und auf die Autobahn zu verlegen. Es ist wirtschaftlich effizient, ein Kartenlesegerät, das von Stuttgart nach Esslingen gelangen soll, den Umweg über Flensburg nehmen zu lassen, weil es dort billiger verpackt wird. Und es ist wirtschaftlich effizient, wenn von den Menschen verlangt wird, heute hier und morgen da zu arbeiten, unter dem Stichwort „Flexibilität“ ihre Lebenszusammenhänge zu zerreißen, was uns dann beschönigend als „Mobilität“ verkauft wird. Erst kürzlich konnten wir über eine Studie „Familien und Mobilität“ lesen, die unmißverständlich zu dem Schluß kommt, „daß beim Thema Mobilität die menschlichen Bedürfnisse hinter den wirtschaftlichen Erfordernissen zurückstehen. 67 Prozent aller mobilen Personen, aber nur vier Prozent der Ortsfesten, berichten von Belastungen, die mit ihrer Lebensform zusammenhängen...Zeitmangel, weniger Kontakte, Entfremdung von der Familie sind die häufigsten Probleme...Beruflich mobile Frauen bleiben fast immer kinderlos...“ (St.Z.30.8.01)
Und wir sind davon abhängig, Arbeitsplätze in einer Wirtschaft zu finden, die all das anrichtet. Das ist der eigentliche Skandal. Von der Politik ist nicht viel zu erwarten. Ihre Rolle ist es im wesentlichen, Erfüllungsgehilfe der Wirtschaft zu sein, wer auch immer sie macht. Dies verdeutlicht anschaulich eine Regierung, der der Kanzler aller Autos vorsteht und deren angeblich ökologischer Koalitionspartner sich von einem Ferrari-Fan im Bundestag anführen läßt.
Vielleicht sollten wir uns alle mehr als bisher fragen, was es eigentlich ist, an dem „unsere Wirtschaft“ jeden Tag arbeitet. Und das nicht nur im Hinblick auf das Auto, sondern beispielsweise auch mit Blick auf Rüstung, Atomkraft, Gentechnologie und vieles andere. „Wir arbeiten zwar alle an unserem gemeinsamen Untergang, aber ohne diese Arbeit gehen wir unter.“ Das kann doch wohl nicht der Weisheit letzter Schluß des Menschen sein.
Und die Arbeit an einer Zukunft mit zwölfspurigen Autobahnen voller Waserstoffautos kann’s ja wohl auch nicht sein, abgesehen davon, daß auch die dafür nötige riesige Wasserstoffproduktion und – verteilung größte Umweltbelastungen nach sich ziehen würde.
Liebe Leute, ich bin jahrelang ziemlich blöd gewesen. Ich habe eineinhalb Tage die Woche nur für mein Auto gearbeitet. Seitdem ich auf den Trichter gekommen bin, kann ich es mir – auch als Kleinverdiener –leisten, nur noch drei Tage die Woche zu arbeiten. Während ich mich auf der Decke räkele oder beim Vögeln bin, lassen sich andere von ihrem Chef anscheißen und zu Überstunden verdonnern.
Für die Wirtschaft ist das, was ich mache, nicht gut. Aber für mich. Und für meine Kinder. Und für meine Partnerin. Und für die Natur sowieso.
Das Problem ist nicht, daß es zuwenig Arbeit gibt. Im Gegenteil, es wird viel zu viel gearbeitet. Wenn es gar nicht so viele Autos gäbe, müßte gar nicht so viel gearbeitet werden. Und es ginge uns allen besser. Weltweit.
Ja, es gibt sie, die Fertigen, deren einziger armseliger Lebensinhalt das Auto ist. Der Berufszweig der Therapeuten würde eben auch in einer sinnvoll eingerichteten Welt vermutlich noch lange nicht aussterben. Aber für die meisten gilt: Ihr seid doch selbst nicht glücklich mit Euren Autos. Ihr wähnt Euch mobil und leidet unter Bewegungsmangel und Haltungsschäden. Ihr rast durch die Welt und habt keine Muße, sie zu entdecken. Ihr macht Euch vor, Eure sogenannte Mobilität spare Euch Zeit und doch habt Ihr nie welche. Ihr sehnt Euch nach Langsamkeit, nach Ruhe und Entspannung und seid gefangen im Hamsterrad der Jagd nach dem Geld. 60 Prozent aller StuttgarterInnen antworten auf die Frage, was sie in Stuttgart am meisten belastet: Der Autoverkehr.. Und auf die Frage, was sie sich am meisten wünschen, antworten genau so viele: Mehr Parkplätze.
Ich erlaube mir, in aller ungeschminkten Direktheit darauf hinzuweisen:
Leute, bei Euch tickt’s wirklich nicht richtig. Ihr seid bekloppt. Tja, diese Beschimpfung der Mehrheit kann ich mir leisten, denn ich habe den großen Vorteil gegenüber jedem Politiker und Parteimenschen, daß ich mich in kein Parlament wählen lassen will.
Leute, Ihr müßt Euch schon entscheiden. Wenn schon zwei Herzen, ach, in Eurer Brust schlagen, so kann ich Euch aus eigener Erfahrung nur den Rat geben: Laßt sie miteinander kämpfen, Eure beiden Herzen, denn es ist wie beim Rauchen: Voraussetzung fürs Aufhören ist allemal, daß der innere Kampf so richtig in einem entbrennt...
Weniger ist mehr.
Weniger Zigaretten. Weniger Autos. Weniger Arbeit. Weniger Wachstum.
Mehr Leben. Mehr Genuß. Mehr Liebe.
Experimente
Drachten: Verwirrung ist gut!
Den Ansatz, dass (Über)reglementierung nicht immer die beste Lösung ist, wird nicht nur von „Clowns“ wie David Engwicht verfolgt. Im Norden Hollands arbeitet Hans Monderman in der kleinen Stadt Drachten als Verkehrsplaner. Ihm ist diese Berufsbezeichnung wichtig, denn „Verkehrsingenieure“ würden Straßen verbreitern, Radfahrer in Unterführungen drängen und Verkehrsschilder aufstellen. Hans Monderman sieht die Verwirrung und nicht die Ordnung als Lösung für Verkehrsfluss und Sicherheit. Das ist riskant, was aber zum Konzept des Planers gehört: Wenn sich alle des Risikos bewusst sind, achten sie mehr aufeinander und vertrauen nicht nur den Regeln und Künsten der Ingenieure.
Monderman hat z.B. an zwei Kreuzungen, die täglich von 17.500 bzw. 22.000 Kraftfahrzeugen sowie ungezählten Radfahrern und Fußgängern gequert werden, Ampeln und Radwege entfernt. Die kleinere der beiden Kreuzungen ist seit drei Jahren ein einheitlich rot gepflasterter Platz, die größere ein Kleinstkreisel. Hier gibt es noch Gehwege, an der kleineren nicht mehr.
Bei beiden fehlen die Verkehrsschilder. Im Prinzip gilt rechts vor links, jedoch einigen sich die Verkehrsteilnehmer durchaus situationsbedingt auch anders miteinander per Blickkontakt.
Das senkt das Tempo, was dazu führt, dass Fußgängern der Vortritt gewährt wird. Und obwohl kaum ein Autofahrer schneller als 20 km/h fährt, hat sich die durchschnittliche Dauer, um das Zentrum der Stadt zu queren, fast halbiert.
Erste Erfahrungen sammelte Monderman bereits vor 20 Jahren mit seinem Konzept „shared space“. Inzwischen hat er über 100 Straßen und Kreuzungen erfolgreich so umgestaltet. Inzwischen hilft Monderman bei einem länderübergreifendem EU-Projekt, bei dem sieben Städte mit „shared space“ experimentieren. Aus Deutschland ist die niedersächsische Kommune Bohmte dabei, die ihre stark befahrene Durchfahrtstraße umbauen will. Hoffentlich bleibt man nicht im Planungsstadium stecken, damit auch hierzulande dem Risikobewusstsein eine Chance gegeben wird. Bei Google kann man mit den Stichworten „Monderman“ und „Drachten“ recht gute Ergebnisse erzielen.
Redaktion mobilogisch! Exerzierstr. 20, 13357 Berlin, Fon 030/ 492 74 73 Fax 492 79 72, www.mobilogisch.de
- Experimente in Bohmte (nahe Osnabrück) zu Gleichberechtigung im Straßenraum und Vereinbarung statt Verkehrsregeln (FR, 3.12.2005, S. 14)
Der Beispielfall: Straße für Kinder, Straße für Autos ... oder beides ... oder was?
Die Ausgangsmail als Anfang und dann viele Reaktionen ...
Hallo Jörg B. und hoppetossis,
ich habe noch eine Frage zu deinem Vortrag und hoffe, dass sie auch für andere auf der Liste interessant ist.
Du hast (sinngemäß) gesagt:
Um die Unterdrückung von (Klein)kindern aufzuheben (oder zumindest zu lindern) ist es nötig, sie ihren Willen nachgehen zu lassen. Dazu ist es aber mitunter nötig, sie vor Gefahren zu schützen - z.B., wenn sie die Straße erkunden wollen, würdest du diese eben gegebenenfalls absperren.
So weit, so gut. Nun tritt aber folgendes Problem auf: um den freien Willen des Kindes durchzusetzen, schränkst du die Ausübung des freien Willens der AutofahrerInnen ein. Das ist aber letztendlich eine Willkürentscheidung deinerseits - wie lässt es sich mit „freien Kooperationen“ vereinbaren, das eine Person festlegt, welche Interessen „wichtiger“ sind und daher (von ihr) durchgesetzt werden.
@ Jörg S.:
Ich sehe auch nicht, wie sich solche Probleme des menschlichen Zusammenlebens durch „gesamtgesellschaftliche Planung“ (ver)regeln ließen.
Nun, regeln lassen sie sich schon; - Du meinst sicher, dass dadurch das Problem nicht aus der Welt geschafft ist, oder?
Das geht ja schon prinzipiell aufgrund der verschiedenen hier gegebenen Interessen nicht. - Auch eine „freie Vereinbarung“ hebt diesen Interessengegensatz nicht etwa auf, sondern muss ja ebenfalls damit umgehen. Es kommt also darauf an, WIE man mit diesem Interessengegensatz umgeht. Und da ist mir ein Verfahren eben um Laengen lieber, welches nachvollziehbar, bewusst und gesteuert die Interessenlagen in den Entscheidungsprozess einfließen laesst (statt informell und mittels „Faustrecht“). Dass es trotzdem vorkommen kann, dass im Ergebnis gegen bestimmte Interessen entschieden werden muss, ist ebenso bedauerlich wie generell unvermeidbar (das passiert ja im Kern bei so genannten „freien Vereinbarungen“ auch; wenn naemlich kein Kontrakt zustande kommt. Dann wars das mit der Kooperation und dem, der sie wollte).
Wenn aber die Menschen sich ueber den zufaelligen und unbewussten Arbeitskraftaustausch erheben wollen; damit quasi „Herr ueber ihre eigenen kollektiven Entscheidungen“ werden sollen (das nenne ich naemlich emanzipatorisch; und nicht, wenn die Menschen aus dem gesellschaftlichen Zusammenhang herausgeloest werden), muss man verbindliche Regelungen schaffen. Das gilt sowohl bei dem Kinderstraßenbeispiel als auch bei Andreas´ Straßenbeispiel oder bei größeren technischen Projekten. Wer hier auf „Freie Kooperation“ setzt, muss sich schon entweder gnadenlos naiv bezeichnen lassen oder dem Vorwurf aussetzen, generell solche Projekte verunmoeglichen zu wollen.
Sozgr joerg s.
> Es kommt also darauf an, WIE man mit diesem Interessengegensatz umgeht.
Genau. Und die entscheidende Frage heisst: WIE ist dieser Umgang so zu organisieren, dass die Chance auf eine kooperative Loesung moeglichst hoch und die Moeglichkeit einer konkurrierenden, dominanz ausuebenden Loesung moeglichst klein ist.
Bei Existenz von Herrschaftsstrukturen - und seien sie noch so demokratisch, so kontrolliert, rotierend u.ae. - besteht das Problem der Interessensgegensaetze weiter. Aber, und diesen Punkt uebersiehst Du staendig, sie koennen jetzt sowohl ueber eine Einigung bzw. eine kreative Loesung als auch ueber Macht „geloest“ werden. Es ist eben nicht mehr noetig, auf die andere Position Ruecksicht zu nehmen, wenn ich die Dinge so regeln kann, dass ich mich durchsetze und absichere, nicht wegen Machtmissbrauch wegrotiert/-kontrolliert zu werden.
Das ist aber in Herrschaftssystemen nicht so schwierig. Nicht die tatsaechliche demokratische Kontrolle, sondern Manipulation, selektive Informationspolitik, Seilschaften usw. steuern das Geschehen. Meines Erachtens ist das grundsaetzlich nicht auszuschalten - und wie Du das machen willst, hast Du auch noch nie gesagt (sondern immer die Schwaeche der „Freien Vereinbarung“ kritisiert). Was fuer die „Freie Vereinbarung“ als Schwaeche (der relative Zwang zur Einigung und damit zur Kooperation) dargestellt wird, gilt im besten Fall auch fuer eine uebergeordnete Instanz. Im schlechtesten Fall kann diese aber herrschaftsfoermig handeln. Wer Interessensgegensaetze „von oben“ zu loesen versucht, macht alles noch schlimmer.
wie würde denn eine gesellschaft organisiert sein, in der ich mich mit pkw von berlin nach aachen bewegen würde und in jedem dorf kurz mal eine „freie vereinbarung“ mit den dort lebenden menschen über die frage, ob die straße heute nicht besser ein spielplatz sein sollte, treffen muss. ist da nicht eine grundsätzliche gesellschaftliche vereinbarung welche orte spielplätze sind und welche nicht (auch wenn es durchaus mehr spielplätze sein dürfen...) einfacher zu realisieren und auch gerechter - denn die autofahrenden haben ja vielleicht auch wichtige gründe, z.b. zu einer total kerativen direct action sache zu kommen ;-)
O.K. Darueber waere zu diskutieren.
Die umgekehrte Variante, dass in allen Orten Kinder nicht auf die Strasse duerfen, gefaellt mir aber auch nicht ... ist also Bedarf an Vereinbarung ...
Und wenn es uebergreifende Gremien gibt, kommt es zum gleichen Streit, nur mit Machtstruktur und den daraus folgenden Seilschaften, Bestechung ...Auch wenn ich immer noch nicht weiß, wie sich das Problem im Rahmen freier Kooperationen sinnvoll lösen ließe, möchte ich doch die Dem-Zent.-„Lösung“ kritisieren. Mal abgesehen davon, dass eine Diktatur der Mehrheit über die Minderheit sicherlich nicht besonders erstrebenswert ist (würdet ihr eine Müllkippe neben dem Haus in dem ihr wohnt gut finden, nur weil die Mehrheit dies entschieden hat?) sehe ich ein weiteres gravierendes Problem: Das Kind hatte keinen Einfluß auf die Entscheidung. Dies kommt auch sehr gut aus der Geschichte mit den drei Bären am Anfang von C. Spehrs „Gleicher als andere“ (m.E. das einzig wirklich gute an dem Teil). Also selbst wenn wie in Andreas´ Beispiel mehr Spielplätze und weniger Straßen gebaut werden, so hat das Kind trotzdem keine Möglichkeit gehabt, auf die Entscheidung, was wo gebaut wird, was es wie nutzen darf etc. Einfluss zu nehmen. Dann müßten ihn also wieder Erwachsene erkären, was sie (wegen überkommener Regeln) zu tun und zu lassen haben und gegebenenfalls dies auch noch durch Zwangsmaßnahmen durchsetzen - die autoritäre Erziehung würde fortleben.
ist denn die „diktatur“ der minderheit über die mehrheit erstrebenswerter? [mal abgesehen davon, dass die wortwahl „diktatur“ ja schon abwerten soll, ohne zu begründen]. weil mein haus hier steht und mein kind hier spielen soll, haben alle anderen gefälligst zu sehen, wo sie bleiben. so lautet doch das spiel umgekehrt. und, ja, da ist mir im zweifelsfall eine mehrheitsentscheidung lieber, wo eine minderheit unterliegt und sich dann, in dieser frage, fügen muss. nur in der theorie, wo zeit überhaupt keine rolle spielt, und alle menschen beliebig lange miteinander über diese fragen reden können, würde es wohl alternativen dazu geben. und eine nicht-entscheidung ist eben in vielen fällen z.b. auch eine entscheidung. ...
ich frage nochmal, wie so eine welt der „freien vereinbarungen“ eigentlich praktisch funktionieren soll. wird dann im zug auch erstmal mit allen passagieren, die sich eingefunden haben, darüber frei vereinbart, wohin der zug jetzt eigentlich fahren soll und wo er hält? und wer mal steuern darf und wer nicht? Und wenn (d)ein kind mal unterwegs anhalten will, um kühe zu streicheln, dann passiert das, weil sonst ist das autoritär? und was ist mit den anderen passagieren, die vielleicht jetzt gerne wirklich ankommen würden?
> ist denn die „diktatur“ der minderheit ueber die mehrheit
> erstrebenswerter?
Ich verstehe das immer noch nicht.
Im einen Fall doiminiert ein Teil (Mehrheit oder Seilschaft) ueber die anderen. Um anderen Fall (freie Vereinbarung) kann die das nicht. DAraus schlussfolgern hier staendig Leute, dass es Macht ist, wenn Macht nicht ausgeuebt werden kann. Ist mir voellig unklar.
Also: Wenn (um beim Beispiel zu bleiben) jemand nicht mit seinem Auto die Lebensqualitaet der dort Wohnenden einschraenken kann, ist das Machtausuebung?
Wenn also jemand verhindert, dass Bomben abgeworfen werden, sit das genauso Machtausuebung wie das Bombenabwerfen?
Dieser Betrachtung fehlt meines Erachtens einfach die Logik.
Ich finde es, um das mal klarzustellen, SEHR GUT, dass nicht einfach die Mehrheit der Autofahrer die Lebensqualitaet von Kindern einschraenken koennen - scheiss egal, ob sie das ueber eine repraesentative Demokratie oder eine Radikaldemokratie machen (der Unterschied haelt sich wohl dabei in Grenzen).
Ich finde es SEHR GUT, wenn sie sich mit den Betroffenen einigen MUeSSEN, weil ihnen die Herrschaftsmittel fehlen, es ohne die einfach zu machen.
Was daran die gleiche Machtausuebung sein soll, kapiere ich einfach nicht.> weil mein haus hier
> steht und mein kind hier spielen soll, haben alle anderen
> gefaelligst zu sehen, wo sie bleiben. so lautet doch das spiel
> umgekehrt.
Nein. Es lautet: Muessen wir verhandeln und uns vereinbaren. Das ist ein entscheidender Unterschied zu „Eurem“ Modell, wo alles doch offensichtlich im Konflikt ueber Macht organisiert wird. Diese Radikaldemokratie haben wir irgendwie schon.> und, ja, da ist mir im zweifelsfall eine
> mehrheitsentscheidung lieber, wo eine minderheit unterliegt und sich
> dann, in dieser frage, fuegen muss.
Ja, darfst Du ja auch. Sei gluecklich. Diese Situation ist schon da.> nein, aber in der logik gaebe es gar keine muellkippen mehr (weil die
> wirklich niemensch neben dem eigenen haus haben will).
Richtig. Und das waere gut so.
In „Deinem“ Modell von Gesellschaft gaebe es aber weiter Muellkippen (und zwar da, wo weniger Menschen wohnen, weil die ja dann die Minderheit gegenueber der Metropole sind. Nur ... diese Staatsform haben wir gerade.> aber auch keine fabriken mehr, keine stauseen, keine windenergieanlagen
Hier kommt jetzt reine Polemik rein. Es gibt etliche Fabriken (eher kleine) und viele, viele Windenergieanalgen, die mit Zustimmung aller von Leuten aus einer Region gebaut wurden. Das ist jetzt sogar eine Propaganda, die so auch aus dem jetzigen System ausgeht und letztlich heisst: Menschen sind scheisse, die koennen sich nicht selbst organisieren und einigen, darum muessen sie beherrscht werden.
Bis jetzt ist es doch so, dass Bau und Nutzung der Straße (weitestgehend) unabhängig vom Willen der konkret Betroffenen entschieden wurden. Wenn diese nun die Straße blockieren, üben sie meinetwegen Macht aus; es ist aber für sie auch der einzige Weg, den Mißstand unfreier Vereinbarungen zu ihren Lasten zu beenden. Das Machtmittel wird zur Verhinderung von Konsequenzen vermachteter, unfreier Vereinbarungen eingesetzt, um eine freie herbeizuführen.
Durch die Blockade der Straße schaffen sie die Notwendigkeit einer Diskussion über deren Verwendung. Da es ja (wahrscheinlich) auch nicht in ihren Interesse liegt, sich von der Außenwelt abzuschneiden, haben sie auch durchaus ein Interesse an einer Lösung - wenn nun beide Seiten dieses haben, werden sie hoffentlich auch in der Lage sein, eine zu finden. Zusammengefasst: Von unfreien Vereinbarungen Betroffene verhindern deren Ausführung um eine frei(er)e herbeizuführen; dazu müssen sie sich Verhandlungsmacht, die sonst per „Normalzustand“ nur der Gegenseite zur Verfügung steht, aneignen. Wieso du dieses Mittel ablehnst, ist mir unverständlich - wie sonst soll Widerstand aussehen? btw: Würdest du auch einen Streik ablehnen, weil er „autoritär“ und „Machtausübung“ gegenüber KapitalistIn und StreikbrecherInnen wäre?
Noch was: wie soll denn nun deiner Meinung nach mit Menschen in einer Radikaldiktatur der Mehrheit über die Minderheit (sorry, Radikaldemokratie natürlich ;-) ) umgegangen werden, die sich doch glatt nicht der gesamtgesellschaftlichen Entscheidung beugen wollen - das sich ihr immer alle fügen halte ich doch für eher unwahrscheinlich? „Notfalls“ dann vielleicht doch Panzer, Knäste etc.?
tja, gute frage. notfalls vielleicht schon?
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