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"Zwei fehlen noch"
Über Eliten in der politischen Bewegung

Definition aus "Meyers grosses Taschenlexikon", Band 6
Elite (frz.), die gesellschaftl. Minderheit, die polit. oder sozial führend bzw. herrschend ist und bes. Einfluß auf die Gesellschaft und deren Entwicklung ausübt ... neuere Theorien verbinden jedoch mit dem E.begriff keinen Qualitäts- oder Wertbegriff mehr, sondern sehen E. als Inhaber von (auf Grund der in der Industriegesellschaft notwendigen Arbeitsteilung entstandenen) bes. wichtige n gesellschaftl. Positionen an; solche Funktions-E. widersprechen nur dann nicht demokrat. Prinzipien*, wenn diese Positionen Vertretern aller Gesellschaftsschichten offenstehen und diese E. demokrat. legitimiert und kontrolliert werden.

*Anmerkung (steht nicht im Lexikon): Das ist ein interessantes Verständnis von Demokratie, was durchaus zutreffend ist. Demokratie will Eliten nicht überwinden, sondern ganz im Gegenteil "demokratisieren" und öffnen. Frei nach dem Motto: Elite werden kann jedeR, aber nicht alle. Demokratie ist geradezu unauflösbar verbunden mit dem Prinzip der Elite, denn es formalisiert den Weg in die Elite.

Herrschaft ist ein komplexes System aus diskursiven Elementen ("herrschende Meinung", Normen, Standards, Zurichtung auf Rollen und Verhaltensweisen, gerichtete Kommunikation und Wissensvermittlung, "was sich gehört" und mehr) und formaler Herrschaft (Gewalt, Institutionen der Macht, Sanktionen und Strafen, Grenzen, Kapitalakkumulation, Eigentum und Besitz). Jeder Mensch wächst unter heutigen Bedingungen innerhalb von vielfältigen, ineinandergeschachtelten Herrschaftslogiken auf und reproduziert diese selbst wieder – alltäglich. Herrschaft ist überall, wirkt durch alle Teile von Gesellschaft hindurch und entsteht aufgrund der völlig einseitigen Zurichtung aller Menschen auf herrschaftsförmiges Denken und Handeln "wie von selbst" immer wieder neu.
Das gilt, wie könnte es anders sein, auch in politischen Gruppen. Sehr viele und sehr unterschiedliche Formen der Herrschaft treten dort auf. Oftmals und gerade dort, wo ein emanzipatorischer Anspruch besteht bzw. als Parole ausgegeben wird, sind versteckte, manipulative, intransparente Herrschaftsformen besonders häufig. Der Grund ist klar: In "linken" oder nahestehenden politischen Gruppen ist Herrschaft eigentlich verpönt. Wer sich offen darauf bezieht, gerät in die Kritik und verliert an Einfluß. Daher haben sich verdecktere Formen des Herrschens, d.h. der möglichen zielgerichteten Beeinflussung von Menschen und Abläufen ohne Wissen bzw. ohne Zustimmung anderer Beteiligter, herausgebildet. Sie zu entdecken, ist oft schwieriger als bei offener Repression oder Kommandogewalt, seien es Schläge von Erwachsenen gegenüber Kindern, der Bullenknüppel oder der auch als solches bezeichnete Beschluß eines Vorstandes bzw. die Anweisung eines Vorgesetzten. Wegen ihrer gewollten und gleichzeitig erzwungenen (denn es darf sie ja nicht geben) Verdecktheit können Eliten aber noch gefährlicher werden – und sie haben das Zeug, Herrschaft ständig zu modernisieren. Immer wieder machen Ex-Linke und ehemalige politische Aktive Karriere in Vereinen, Regierungsämtern, Behörden oder Firmen. Was sie dort einbringen, ist ihr Know-How aus den politischen Bewegungen, d.h. ihr Wissen und ihre Erfahrung mit besonders modernen, weil unscheinbaren, manipulativen und gut verschleierten Herrschaftsformen. Die Organisationsformen von X-1000malquer und attac (personell in den Führungsstrukturen ohnehin zu Teilen identisch), die rotgrüne Kriegsregierung und -rhetorik oder das Durchdrücken von Ökoprojekten ohne Bürgerbeteiligung sind Beispiele dafür, daß „Linke“ immer wieder zu den moderneren HerrscherInnen gehören.

In diesem Text geht es um eine moderne Form der Herrschaft -die Eliten. Sie sind die NachfolgerInnen der Regierungen, Vereinsvorstände usw., die immer schnell erkennbar und daher auch leichter angreifbar waren. In „linken“ Gruppen sind Eliten der Normalzustand von Herrschaft. Es gibt sie nicht nur dort, aber dort sind sie fast überall die normale Praxis. Nur wenige orthodox zentralistische Gruppen mit starken formalen Gremien haben mehr Regierungen als Eliten.

"Zwei fehlen noch" - die Kurzgeschichte, 1. Folge: "Zwei fehlen noch" war einer der scheinbar harmlosen Sätze, an denen die Existenz und das Wirken von Eliten erkennbar wurden. Er fiel im Castor-Widerstand im November 2002 in Lüneburg ... und was er aussagte und versteckte, soll in den kommenden Zeilen deutlich werden.

Definition

Eliten sind offene Seilschaften von Menschen, deren Verhalten bewußt oder unbewußt (unreflektiert) Eliten schafft und absichert. Offen sind sie deshalb, weil es einfach ist, selbst zum Teil der Eliten zu werden - wenn bestimmte Verhaltensweisen, sozusagen die Grundregeln des Elitedaseins, eingehalten werden. Eliten sind keine Verschwörungsgruppe, sie sind häufig untereinander zerstritten. Es gibt nicht eine Elite, nicht eine homogene Gruppe, sondern Elite bezeichnet ein Verhältnis unterschiedlicher Möglichkeiten zwischen Menschen. Eliten sind (fast) überall. Was sie auszeichnet, soll im folgenden beschrieben werden. Eine Definition dagegen ist schwer, vielleicht könnte sie so lauten: Eliten sind ein System kontinuierlich höherer Handlungs- und Beeinflussungsmöglichkeiten des jeweiligen Geschehens. Eliten werden von Menschen gebildet, aber nicht deren konkretes Handeln im Einzelfall, sondern die geschaffenen Rahmenbedingungen schaffen und sichern die Elite. Elitär ist, wer die Handlungsmöglichkeiten der Eliten nutzt und sie gegen andere, die nicht zur Elite gehören, abgrenzt oder einsetzt.

Abgrenzungen zu ähnlichen Begriffen

Elite ist die modernisierte Form von Regierung, Vorstand oder anderen institutionellen Führungsgremien. Sie sind weder gewählt noch irgendwie anders bestimmt. Ein formales Amt hilft höchstens im Einzelfall, meist ist es gleichgültig. Daher sind Eliten von anderen Formen der Herrschaftsausübung abzugrenzen. Im Folgenden werden einige genannt, die Eliten am nächsten kommen.
Gemeinsam ist allen Formen von Herrschaft der Willen zur Kontrolle - Kontrolle über Menschen, Abläufe und Ressourcen. Wie diese Kontrolle organisiert ist, ist unterschiedlich.

a. Dominanz
Dominanz bezeichnet den konkreten Vorgang der Ausübung von Macht durch die eigene Überlegenheit - Waffen, Kraft, Rhetorik. Wo Dominanz in gleichen oder ähnlichen Verhältnissen wiederkehrt, wird sie zur kontinuierlichen Herrschaft, je nachdem als Führungsperson, Führungsgremium, Elite o.ä.
Dominanz und Elite sind verbindbar. Eliten müssen in der Lage sein, größere oder andere Versammlungen zu dominieren (z.B. Plena). Das tun sie für sich am günstigsten, wenn sie die Rahmenbedingungen so beeinflussen, wie es ihrer Durchsetzung hilft. Dominantes Redeverhalten oder formale Abstimmungen wären eher unmoderne, auffällige Mittel - die Eliten meist aber auch beherrschen. Meist agieren Eliten über den Einfluß auf Vorbereitung und Ablauf des Plenums, z.B. die Auswahl von Ort, Zeitpunkt, Moderation usw. Auch das ist Dominanz, aber eine unauffälligere, wenn auch meist wirksamere. Eliten und zumindest die Fähigkeit zur Dominanz sind eng verknüpft.

b. Formale Herrschaft
Zur formalen Herrschaft gehören alle durch Satzungen, Gesetze oder sonstige Rechtsetzungen formalisierten Unterschiede in den Handlungs- und Durchsetzungsmöglichkeiten von Menschen – also Vorstände, auf Führungspersonen begrenzte Zugänge zu Besitz, Räumen usw., gewählte Leitungspersonen (incl. verschleierten Formen wie Moderation), Hausrecht, Demoleitung und vieles, vieles mehr. Für Eliten ist es wichtig, bestimmte formale Zugriffe zu sichern. Diese werden dann aber im Hintergrund belassen. Offensiver Bezug auf Hausrecht usw. kommt nur verklausuliert, dann aber sehr penetrant rüber: "Ich muß dafür den Kopf hinhalten" oder "wir drei sind am Ende dafür verantwortlich" (Beispiele für versteckte Demo- oder Hausrechtsanwendung).

c. Apparate
Eng mit der formalen Herrschaft zusammen hängt der Begriff der „Apparate“. Solche basieren immer auf formaler Herrschaft, jedoch dehnt sich ihr Machtbereich über die eigentliche Zuständigkeit hinaus aus. Formale Herrschaft ist auf den eigenen Wirkungsbereich beschränkt, doch Apparate können weitaus mehr Wirkung entfalten. So übernehmen personell gut ausgestattete Geschäftsstellen oft Koordinierungs- und Steuerungsfunktionen in Bündnissen und Netzwerken. Typisch sind ASTA-, Gewerkschafts-, Jugendring-, Parteibüros/-geschäftsstellen und (Partei-)Stiftungen, die sich als Apparate in Bündnissen und Aktionen überlegen einbringen können.

d. Seilschaften
Am ähnlichsten dem Begriff der Eliten sind die Seilschaften. Seilschaften sind persönliche Verbindungen zwischen Menschen mit gemeinsamer Vergangenheit und/oder gemeinsamen Interessen. Im persönlichen stellen Verwandtschaften solche Seilschaften da, ebenso Cliquen usw. Im politischen Raum gibt es auch quer zu Organisationen Seilschaften z.B. derer, die an Fördergeldern interessiert sind und sich gegenseitig unterstützen (gegen Dritte, gegenüber dem Geldgeber usw.). Die Verbindung zur "Elite" ist, daß sich viele Eliten-Angehörige auch als Seilschaft organisieren, d.h. sie vertreten z.B. in Plena oder Deli-Treffen gleiche Interessen, u.a. gegen Vorschläge, die Dominanzstrukturen aufzuheben, Transparenz zu schaffen usw.

e. Mackerei
Mackerei ist eine Form diffamierender Dominanzausübung. Sie macht die andere Person oder eine offen gelassene Anzahl von Personen zu minderwertigen Menschen, die deshalb in der Debatte weniger oder nichts zu melden hätten. Mackerei ist widerlich, oft aber ziemlich wirkungslos, weil auffällig und abstossend. Sie wirkt durch Einschüchterung auf einzelne Menschen oder in kleinen Gruppen, meist aber nicht dauerhaft in politischen Zusammenhängen. Eliten versuchen, auf mackeriges Verhalten zu verzichten.

2. Folge: „Zwei fehlen noch“. Der Spruch fiel auf einem Plenum. Er teilte Menschen brutal in zwei Klassen. Und kaum jemand merkte es. Das ist moderne Herrschaft ...

Merkmale von Eliten

Die folgenden Punkte sollen klarstellen, welche Formen der Ausübung von Herrschaft und Kontrolle für Eliten typisch sind. Die einzelnen Punkte können auch bei anderen "Regierungsformen" auftreten, allerdings ist die Kombination und die Intransparenz/Verschleierung für Eliten typisch. Die Macht von Eliten fußt nicht auf direkte Handlungsmöglichkeiten gegen andere, sondern auf ihre deutlich besseren Handlungs- und Beeinflussungsmöglichkeiten. Systematisch und kollektiv eingesetzt sind sie sehr wirksam. Gegenüber Widerstand, der die Existenz von Eliten bzw. Herrschaft im allgemeinen in Frage stellt, handeln Eliten meist auch kollektiv. Sie vergessen sonstige Streitpunkte oder gar tiefe Gräben zwischen sich, um abzusichern, weiterhin in Elitenstrukturen agieren zu können. Wie in modernen anderen „Regierungsformen“ auch, sind sie personell durchlässig. Wer sich den Regeln unterwirft, ist dabei. Wer nicht mehr erwünscht ist, fliegt gnadenlos raus.
Die Merkmale von Eliten treten in allen Konstellationen immer wieder auf - egal ob es eine kleine Elite (z.T. nur ein oder zwei Personen) z.B. in der Familie, FreundInnenkreis bzw. der Basisgruppe ist oder ob es größere Kreise von Leuten auf großen Treffen, Aktionen usw. sind.

a. Systematisch ungleicher Zugriff auf Ressourcen
Leben bedeutet immer die Nutzung von Ressourcen. Vorausschauende Menschen schaffen auch neue Ressourcen oder Zugänge zu ihnen. Das gilt für den Alltag genauso wie für politische Arbeit. Ressourcen können vielfältig sein: Wissen, Räume, Geld, Geräte, Rohstoffe, Kommunikationswege, Mobilität und vieles mehr. Eliten verfügen über besonders gute Nutzungsmöglichkeiten. Sie haben Hausrecht, Schlüssel, kennen die Paßwörter, sitzen im ASTA oder kennen dort Leute, sind die LeiterInnen sozialer Räume oder kennen die, haben bessere technische Ausstattungen oder mehr Zugriff auf die der Gruppe usw. Jedes Detail kann das Prinzip vollständig erklären. In Lüneburg (Nov. 2002) war alles klar – die Räume, die Geräte, die Plätze. Kaum etwas war transparent geregelt oder gleichberechtigt offen für alle. Auch wenn es zwecks Verschleierung oft so benannt wurde. Einige Gruppen, die solche Offenheit einforderten, wurden ausgeschlossen. Die Eliten fürchteten um ihre Kontrolle ...
Beispiel: Zur Weltkonferenz 2002 "Rio+10" verabschiedete der Jugendumweltkongreß (Silvester 2001/02) eine Resolution mit klarer Kritik. Sie wurde in den Medien und auch in linken Bewegungen kaum wahrgenommen. Kurz vor der Tagung haute der BUKO-Vorstand eine ziemlich flache Stellungnahme mit Kritik heraus. Der BUKO ist eine elitäre und sehr seilschaftig mit anderen Gruppen, Medien usw. verbundene Organisation – und schwupp ... diese Stellungnahme fand stärkere Beachtung.

b. Exklusiver Zugang zu Informationen und Kontrolle über die Weitergabe
Was für das Materielle gilt, ist auch bei Informationen so. Erfahrungen, Adressenlisten, Informationen über den Gegenstand der Aktion (Infos von Staatsseite, Presse usw.) sind ungleichmäßig verteilt. Archive und mehr sind unübersichtlich für Außenstehende oder ganz verschlossen. Was an Infos weitergegeben wird (z.B. in ein Plenum) kontrollieren die Eliten. Da sie nicht greifbar sind (wie z.B. ein formaler Vorstand), ist unklar, wo das Wissen zu bekommen ist – ein paradiesischer Zustand für die, die über das Mehr an Wissen ihre Einflußmöglichkeiten ausbauen. So gab es im Castor-Widerstand Nov. 2002 überall PressesprecherInnen. Nicht gewählt, einfach da. Eliten agieren so. Die Liste der PresseansprechpartnerInnen ist nicht offen, das sichert den Eliten deutlich bessere Handlungsmöglichkeiten. Das Gegenmodell einer „Offenen Presseplattform“ wurde in Lüneburg vorgeschlagen - und verboten! Von den Eliten ...

c. Systematisch ungleiche Kontakte zu anderen AkteurInnen, Gruppen usw.
Handlungsmöglichkeiten sind davon abhängig, Menschen zu kennen. „Vitamin B“ (B steht für Beziehungen) helfen überall. Wer Menschen aus den Eliten anderer Gruppen, Einrichtungen oder auch Behörden, Institutionen, Presse usw. kennt, kann besser handeln und beeinflussen. Solche Kontakte sind Sache der Elite. Wer über viele Kontakte verfügt und mit ihnen agiert, ist mehr oder weniger automatisch Teil der Elite. Die Eliten ziehen die Menschen, die elitäre Fähigkeiten haben, zu sich, um diese selbst nutzen zu können. Schulungen, Transparenz im "Wer kann was?" usw. sind in linken Zusammenhängen deutlich seltener als in bürgerlichen. Eliten sind bei den „Linken“ eben deutlicher ausgebildet. „Linke“ sind aus vielen Blickwinkeln die modernste Herrschaftsform in der Gesellschaft.

d. Kontinuierliche Dominanz in Entscheidungsvorgängen
Es ist kein Zufall, daß der Altersdurchschnitt in Eliten dort liegt, wo hohe Durchsetzungsfähigkeit (Rhetorik, Kraft usw.) mit einem hohen Erfahrungsschatz zusammenfallen. Eliten haben in Plena nicht nur durch ihre deutlich besseren Möglichkeiten im Vorbereitungsprozeß und in der Steuerung des Ablaufs mehr Möglichkeiten als andere, sondern sie dominieren auch durch ihr Auftreten. Sie überzeugen durch Redegewandtheit und immer wieder den wie ein Sachzwang daherkommender Erfahrungsschatz. „Das hat letztes Jahr auch nicht geklappt“ oder „Ihr kennt unsere Bullen nicht!“ sind zwei Beispiele für viele dieser Art. Eliten sitzen regelmäßig in den dominanten Positionen. Wenn es formale Hierarchien zu besetzen gilt, sind sie schnell da, wenn es ihnen wichtig ist: Moderation, Demoleitung, "Koordinationsgruppe" usw.

3. Folge: "Zwei fehlen noch". Gemeint waren zwei der Wichtigen. Als das Plenum losgehen sollte, bemerkten einige aus der Elite (die ohne jegliche Rücksprache mit der Moderation begannen und vorgaben, was anstehen würde), daß zwei aus ihrer Elite fehlten. Die anderen, die auch noch draußen rumstanden usw., waren ihnen egal. Wie extrem deutlich ist das! Zwei Klassen Menschen ...

e. Wie bei Papi Staat: Das Gewaltmonopol
Wenn alles nichts hilft, rettet das Gewaltmonopol. Hier sind Eliten in ähnlicher Weise bevorteilt wie formale Führungsgremien. Sie „dürfen“ Menschen beim Reden abwürfen, dürfen sogar ganze Plena sprengen (wie einmal in Lüneburg geschehen, als Eliten sich im Plenum nicht durchsetzen konnten und dann ein internes forderten) oder deren Beschlüsse hinterher aufheben (wie ebenfalls in Lüneburg mehrfach geschehen). Menschen, die nicht zur Elite gehören, werden dafür angegriffen - nicht nur, aber auch von denen, die als Elite die Regeln vorgeben. Sie wechseln sich mit ihren Redebeiträgen ab, beziehen sich aufeinander, dominieren das Geschehen und bezeichnen diejenigen, dagegen aufbegehren, als dominant. Eliten brauchen in der Regel nicht dominant zu sein - es wäre sogar gefährlich, weil sichtbar. Sie „regieren“ unauffällig und locker. Reicht es nicht, so dürften sie oft formale Repression ansetzen, ohne daß ihnen das als Machtmißbrauch ausgelegt wird.
Beispiel: Es war bemerkenswert, wie viel Verständnis in den Plena des Castor-Widerstandes Nov. 2002 in Lüneburg denen entgegengebracht wurde, die Rausschmisse verhängen, Plenumsbeschlüsse nachträglich aufhoben, ständig Leute bei deren Redebeiträge unterbrachen oder beschimpfen. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, daß sie auch körperliche Gewalt hätten anwenden oder die Polizei zu Hilfe holen dürfen. Gleichzeitig wurde Personen, die nicht zur Elite gehörten, jeder längere Redebeitrag als Dominanz ausgelegt.

4. Folge: "Zwei fehlen noch" - die Bedeutung dieses Satzes im Plenum von Lüneburg fiel einigen auf. Sie hatten sich schon jahrelang mit verdeckter Herrschaft auseinandergesetzt. Ihr Ziel waren offene, gleichberechtigte Strukturen. Ihre Gegner die Elite.

f. Sachzwänge weitergeben und setzen
Eliten begründen ihr Handeln und ihre Vorschläge selten politisch, sondern meist manipulativ, d.h. sie bauen scheinbare Sachzwänge oder Erfahrungswerte auf. Sie schaffen damit gezielt Ängste und Verunsicherung, um mit ihren Vorschlägen dann die scheinbar angenehme Alternative zu bieten. Sie geben formale Sachzwänge weiter, in den meisten Fällen stimmen diese aber gar nicht - so sind z.B. weder Vereinsvorstände noch DemoleiterInnen für das Verhalten der Mitglieder oder Anwesenden verantwortlich. Genau das aber wird immer behauptet.

g. Intransparente Machtzirkel
Im Gegensatz zu formalen Herrschaftsformen (Demokratie, Delegiertensystemen usw.) sind Eliten intransparent und müssen es sein. Nur dann, wenn sie scheinbar gleichberechtigt rüberkommen, können sie ihre Überlegenheit durch die besseren Handlungs- und Beeinflussungsmöglichkeiten ausspielen. Plenumsstrukturen sind ihnen deshalb am liebsten, sie steuern Plena meist nach Belieben. Dabei geht es ihnen oft gar nicht um bestimmte Ergebnisse, sondern darum, daß wie weiter die Kontrolle und Definitionsmacht behalten (Zugang zu Ressourcen, Räumen, Presse, Geldern usw.). Das Geschwafel von Basisdemokratie und der Aufbau von komplizierten Entscheidungssystemen (Delegiertenstrukturen, Bezugsgruppen mit SprecherInnenrat usw.) gehören zu ihren typischen Verhaltensweisen von Eliten. Wo auch immer sie penetrant herbeigeführt werden, ist wahrscheinlich, daß ausgeprägte Eliten das eigentliche Geschehen prägen.
Beispiele: Gut zu erkennen ist die intransparente Machtstruktur bei gleichzeitiger Basisdemokratie-Mythologisierung z.B. in der Kampagne X-1000malquer, wo die "Basis" Stunden um Stunden über Kleinigkeiten diskutiert, während die Eliten mit der Presse reden, warum die Aktion läuft, die internen  Infoverteiler und Mailinglisten kontrollieren oder Zugriff auf die gigantischen materiellen und finanziellen Ressourcen haben. Noch widerlicher ist die Struktur von Attac, die in den gleichen Köpfen entwickelt wurde: Dort ersetzt das reine Gelaber vor Netzwerk und Basisdemokratie jegliche Mitbestimmung. Tatsächlich herrscht ein ganz kleiner Kreis über die bundesweiten Inhalte, Pressekontakte - formal sogar nur eine ca. 5köpfige Gruppe in einer Stadt (Verein share e.V., Verden). Beim Castor-Widerstand in Lüneburg verwiesen Eliten autonom agierende Gruppen immer auf den Zwang, alles im Plenum verabschieden zu müssen (Kontrolle!). Als sie sich aber im Plenum nicht durchsetzen konnten, hoben sie die Plenumsbeschlüsse anschließend auf. Das ist aber gar nicht widersprüchlich, sondern in beiden Fällen die konsequente Umsetzung ihres Macht- und Kontrollanspruchs. Das sind aber nur die Spitzen des Eisbergs, die gleichen oder ähnliche Erscheinungen gibt es auf allen Camps, Konferenzen usw. So gab es auf der Anti-Atom-Konferenz in Mülheim eine interne Vorbesprechung, wo geklärt wurde, was in welchem Arbeitskreis rauskommen sollte und wie das durch Moderation und Wortmeldungen zu erreichen sei. Verschwörungstheorie? Ein Autor dieses Textes war anwesend, weil er einen Elitemenschen kannte ...
Das Übergehen Plenumsbeschlüssen bzw. das intransparente Durchsetzung von eigenen Vorstellungen gelingt Eliten besser als formalen Gremien. Letztere sind sichtbarer und damit auch schneller angreifbarer. Das "von oben" ist spürbarer, wo formale Macht existiert (jetzt für formale Macht statt Eliten zu sein, ist aber nur die klassische Zwei-Haufen-Scheiße-Theorie, d.h. etwas ist erträglich, weil es noch Schlechteres gibt – es geht darum, Erdbeerkuchen zu haben! Daher: Keine Macht für niemand, nirgendwo und in keiner Form!).


h. Konspiratität sichert Eliten
Konspirativität gehört zu den beliebtesten Tricks, diese Intransparenz zu begründen. Die Nicht-Weitergabe von Informationen, Adressen, Kontaktpersonen usw. wird mit der Angst vor Staatsschutz oder VS begründet, richtet sich aber tatsächlich gegen der "eigene" Basis. Wo es nur anonyme Telefonnummern und Mailadressen mit beschränkter Zugänglichkeit für Teile der Gruppe gibt, machen es die Eliten den Bullen sogar leichter. Die brauchen nur noch diese zu überwachen - alles ist übersichtlich. Schwierigkeiten aber gibt es für Menschen außerhalb der Eliten, Kontakt und Durchblick zu bekommen.
Konspirativität ist aber noch aus einem anderen Grund nützlich. Mit dem Hinweis auf Verfassungs- und Staatsschutz läßt sich Kritik an hierarchischen Strukturen abblocken. Das ist ein Lieblingsthema von Eliten: Ihre Namen und ihr Handeln dürfen nicht benannt werden, weil das den Repressionsbehörden Hinweise auf die Organisierungsformen politischer Bewegung geben könnte. Tatsächlich dürfte denen das meiste aber bekannt sein, denn Eliten treten ja selbst nach außen auf, z.B. als "PressesprecherInnen", als "ModeratorInnen" usw. Nur nach innen wollen sie unsichtbar bleiben. Konspirativität richtet sich meist gar nicht gegen VS und Staatsschutz, sondern gegen die eigene Basis.
Beispiel: Anonyme Telefonnummern, Anrufbeantworter und Mailadressen erleichtern wegen der Zentralisierung aller Infoflüsse den Bullen die Abhörarbeit. Innerhalb der Gruppe sichern sie aber den Eliten das Informationsmonopol und verhindern, daß Außenstehende ohne ihre Kontrolle Kontakt mit Menschen aus der Gruppe aufnehmen können. Bei Streit über die Organisierung der Proteste zum Atomforum 2002 in Stuttgart ging eine der wichtigsten Personen der Elite sogar soweit, anderen Anti-Atom-Gruppen zu schreiben, sie sollten nicht mehr die Gruppen-Mailadresse, sondern nur noch die private der einen Eliteperson benutzen, weil sonst eventuell andere AktivistInnen (nicht VS, Staatsschutz usw.) mitlesen könnten.

i. Konsens definieren
Der Konsens ist der optimale Entscheidungsmodus für Eliten. Mit ihm läßt sich zweierlei Politik machen – und das völlig unauffällig. Zum einen ist für einen Konsens wichtig, was der Status Quo ist. Das aber muß definiert werden – und da sind die Eliten in ihrem Element. "Das war immer so" oder "letztes Mal so" ist genau die Chance, etwas vorzugeben. Dann kann es nur noch im Konsens geändert werden. Sehr oft, wie etwas als Konsens bezeichnet, was nicht beraten oder beschlossen, sondern nur jahrelang von Eliten als herrschende Meinung in die Köpfe gebracht wurde.
Als zweites ist bei Konsensentscheidungen wichtig, wie herum die Frage gestellt wird. Das aber wird bei der Erklärung des Konsensmodells nie erwähnt, damit nur die Eliten dieses entscheidende taktische Mittel einsetzen können. Zudem ist immer wieder gut zu beobachten, wie zwar das Veto-Recht in der Propaganda als Stärkung der Einzelnen benannt wird - wenn es aber genutzt wird, wird meist krasser psychischer Druck ausgeübt (jedenfalls dann, wenn der Wille der Eliten dadurch betroffen ist).
Konsens und Plenum machen damit die stark, die Herrschaft ausüben wollen. Eliten setzen auf Konsens und Plenum. Daß sie dort verlieren, ist viel unwahrscheinlicher als bei einer Wahl oder Abstimmung (ohne das jetzt gutheißen zu wollen - die Alternative ist die Abwesenheit von Herrschaft).
Beispiel: Die Sache mit der Fragestellung fiel im ersten Rauswurf-Plenum beim Castor-Protest Nov. 2002 in Lüneburg auf. Denkbar waren dort zwei Fragestellungen: Ein Rauswurf brauchte den Konsens, oder es mußten alle zustimmen, daß jemand dableiben kann. Die Eliten (aus verschiedenen Gruppen, teilweise sogar mit verschiedenen Auffassungen zur Frage des Rauswurfs) waren sich einig, daß alle zustimmen mußten. Damit wurden formal alle sehr stark gemacht. Jede Person hätte jede andere rauswerfen können. Doch nur die Eliten haben ein solches Kontrollinteresse – und wollten damit die Rauswürfe. Nicht-Eliten-Angehörige hätten auch gar nicht so agieren können – hätten sie nach gleichem Prinzip den Ausschluß von Eliteleuten gefordert, wären sie nur ausgelacht worden.

5. Folge "Zwei fehlen noch" - wenig später waren die Eliten vollzählig. Ihre KritikerInnen aber, die den Satz durchschauten, warfen sie einen Tag später raus. Ja: Raus! Etliche Gruppen durften am Castor-Widerstand im November 2002 nicht mitmachen. Weil die Eliten es nicht wollten! Die institutionelle Herrschaft (Bullen ...) brauchten nicht einzugreifen. Der Castor kam zügig ans Ziel, Herrschaftskritik fiel in Lüneburg und im Wendland weitgehend aus ... der Rauswurf aber war nötig. Es ist nicht gut für Eliten, wenn sie auf Menschen treffen, die Eliten erkennen und angreifen.

Die Alternative für politische Organisierung: Weg mit aller Kontrolle! Offene Plattformen statt Eliten, Vereine usw.!

Nicht die Debatte um die „richtige“ Entscheidungsform ist wichtig - es ist nur der Streit zwischen DemokratInnen, BasisdemokratistInnen, Plenomanen usw. und soll Ablenkung schaffen davon, daß ganz woanders entschieden wird. Die Eliten bevorzugen zwar die gleichmachenden Großstrukturen, aber sie können überall agieren. Die Herrschaftsfrage zu stellen, heißt die Rahmenbedingungen anzugreifen und neu zu organisieren. Solange Eigentums- und Besitzrecht, ungleicher Zugang zu Ressourcen und Wissen usw. das Verhältnis der Menschen untereinander prägen, gibt es Herrschaft. Daher muß emanzipatorische Politik offene Plattformen schaffen, auf denen alle Menschen mit gleichen Möglichkeiten agieren können. Weder Vorgaben noch ungleiche Zugänge zu Handlungsmöglichkeiten dürfen weiter das Geschehen prägen. Formale Herrschaft ohnehin nicht - wie peinlich es herrschaftstheoretisch doch ist, wenn (wie in Lüneburg) sich "Linke" auf Hausrecht oder Demoleitungsfunktion positiv beziehen ...
Wie offene Organisierungsplattformen aussehen können, wird noch sehr stark zu entwickeln sein. Es gibt einzelne Beispiele für Anfänge von Praxis, so etwa ...

Neue Folge? Wäre nett: "Alle oder keineR fehlen noch" - für die Selbstbestimmung aller Menschen und gleichen Zugang zu allen Handlungsmöglichkeiten. Eliten abschaffen! Herrschaft durchbrechen! Organisieren von unten!

Elitebegriff - am Beispiel von Bildungseliten in der Gesellschaft

(Aus der Broschüre "Hochschulpolitisches Programm" des RCDS (CDU-Studierendenorganisation)
Der Begriff der Elite charakterisiert eine gesellschaftliche Minderheit, die politisch oder sozial führend bzw. herrschend ist und besondere Einfluss auf die Gesellschaft und deren Entwicklung ausübt. ...
Daher müssen die Studenten in hrem Studium die Qualifikationen erwerben, um später die entscheidenden Rollen ausfüllen zu können, die sie übernehmen werden. Das Studium, wie es heute besteht und hauptsächlich auf Wissensvermittlung abstellt, kann dies nicht leisten.
Aber auch die Studenten selbst müssen sich dieser Verpflichtung bewusst sein. Das Studium dient nicht nur zum eigenen Wissenserwerb. Es ist als Vorbereitung auf die später zu bewältigenden Aufgaben zu sehen und deshalb ist jeder gefordert, mit möglichst hohem Einsatz und Engagement sein Studium zu einem bestmöglichen Abschluss zu bringen. Nur dann können wir jungen Akademiker unserer Leitungsaufgabe gerecht werden. Es sollte aber auch nicht vergessen werden, dass Studenten nicht die einzige Elite darstellen.

Linke wollen interne Eliten

Ruf nach Vorbildern, Leitfiguren, FührerInnen
Aus Jutta von Freyberg/Wolfgang Gehrcke, "Verfassungsrecht und Klassenkampf", in: Junge Welt, 29.4.2006 (S. 12)

Ohne Wolfgang Abendroth ist die Herausbildung einer unabhängigen Neuen Linken in der Bundesrepublik undenkbar. Mit seiner Arbeit als Hochschullehrer für politische Wissenschaft hat er unzählige Studenten, Lehrer, Gewerkschafter an die Grundlagen marxistischen Denkens herangeführt. Die großen außerparlamentarischen Bewegungen der Bundesrepublik – Friedensbewegung, Kampf gegen die Notstandsgesetze, Bewegung gegen den Vietnamkrieg, die Studentenbewegung – sind von ihm mit beeinflußt worden. Seine Arbeiten zur Verfassung und zur Arbeiterbewegung sind von großer Bedeutung. Die Neue Linke verfügt nicht über viele geschichtliche Persönlichkeiten von seinem Format. Es ist für die Linke höchste Zeit, Professor Abendroth neu- und wiederzuentdecken.

Links

Texte zu Elitenstrukturen ...