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Grundsätzliche Gedanken: Selbstorganisierung ist eine Lebenskultur

Ängste ++ Förderknete ++ Projektarbeit als Job ++ Kooperation statt Konkurrenz ++ Gegenseitige Hilfe ++ Links

Einleitung
Während es langsam wieder mehr werden, die grundsätzlich gegen kapitalistische Gesellschaft aktiv werden, stecken fast alle selbst tief in den Strukturen drin, die mensch eigentlich überwinden will. Unter den Bedingen von Lohnarbeit ist es für viele Menschen kaum möglich, sich jenseits vom Feierabend-Aktivismus einzubringem, weil ihnen einfach die Zeit fehlt und sie durch die zwanghafte Schufterei krank sind. Und es ist ganz klar widersprüchlich, wenn Menschen, die gegen warenförmiges Wirtschaften angehen, ihren privaten Bedarf ganz "normal" einkaufen. Es ist deshalb wichtig, nach Möglichkeiten zu suchen, schon heute aus Lohnarbeit und Markt auszusteigen - individuell wie kollektiv.
Vom 15. - 17.6.01 fand in Stuttgart ein Seminar zu "Selbstorganisation in Alltag und Politik" statt, wo es um eben dieses Thema ging. Aus der Nachbereitung heraus entstand dieser Text, der Anstoss sein könnte, dass sich viel mehr Menschen und Gruppen auch praktisch wirksam (!) mit selbstorganisiertem Leben beschäftigen. Ausserdem entstand auf dem Seminar die Idee, ein überregionales Netzwerk gegenseitiger Hilfe aufzubauen...dazu mehr im Aufruf am Ende des Textes!
Die nächsten Seminare folgten vom 24.-26. Mai 2002 in Dresden und vom 16.-18. August 2002 in Saasen (Bericht). Weitere sind möglich in Zusammenarbeit mit Basiszusammenhängen, die Interesse am Thema haben.

Im Original: EInleitungstext des HierarchNIE-Readers (lang!) ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
1 Zu dieser Broschüre:
Hintergrund und Bedienungsanleitung

Fast wie ein „Naturgesetz“ durchziehen formale und informelle Hierarchien bestehende Gruppen, Verbände, Vernetzungen und Aktionen mit ihren Plena, Informationsflüssen und Entscheidungsabläufen. Fast alle Versuche, sie zu beseitigen oder zu überwinden, enden nach kurzer Zeit erfolglos oder tauschen eine Hierarchieform gegen die nächste. „Von unten“ als Prozeß gleichberechtigter und autonomer Menschen sowie gleichberechtigter, autonom agierender Gruppen und Zusammenhängen findet nicht oder kaum statt.
Nicht nur die Praxis fehlt, sondern auch die Theorie: Konkrete Ideen und Experimente, wie hierarchiefreie Entscheidungs- und Aktionsstrukturen aussehen können, werden kaum entwickelt und vorgeschlagen. Damit soll ein Ende sein - so die Hoffnung, die sich mit dieser Broschüre verbindet. Ziel ist, eine Diskussion zur Aufdeckung von Dominanzverhältnissen und zur Entwicklung konkreter Vorschläge für deren Abbau zu entfachen. Sie soll im günstigsten Fall als dauernde Debatte bestehen bleiben, immer wieder Ideen und Versuche austauschen, reflektieren und weiterentwickeln.
Die Zeiten quälender Plena, intransparenter Machtzirkel, der Neigung zu zentralen Strukturen oder Entscheidungen, der Stellvertretungspolitik in der Bewegung und des dominanzbildenden Gegeneinanders sollen vorbei sein - stattdessen zählen ein horizontales, gleichberechtigtes Miteinander, die Dezentralisierung von Entscheidungen, das konsequente Ringen um Transparenz und gleichberechtigten Zugang zu Wissen und Ressourcen in politischen Zusammenhängen, aber auch die Effizienz von „Bewegung von unten“.

1.1 Bedienungsanleitung
Die Ebene, auf der diese Broschüre argumentiert ist nicht eindeutig: Entscheidungsfindung von unten (EvU) ist Ziel, Methode, Utopie, Haltung, Widerstandsform, Selbsterfahrung etc. Der Aufbau der Broschüre ist daher nicht immer systematisch, es treten etliche Widerholungen auf und an anderen Stellen fehlen vielleicht den LeserInnen wichtig erscheinende Hinweise. Wir haben bewußt nicht alles geglättet, stilistisch angepaßt und in eine systematische Form gepresst, weil die Broschüre ohnehin kein Rezeptbuch sein kann und wir auch Teile aufgenommen haben, die nicht alle Beteiligten (teilweise nur eine Minderheit) getragen haben. Zudem wollten wir berücksichtigen, daß das Lesen von Broschüren bisweilen genauso wenig systematisch von vorne nach hinten und ohne Auslassung geschieht, wie das Erstellen. Gleichwohl sind wir der Meinung, daß rein selektives Lesen nicht weiterführt, insbesondere bleibt der Methodenteil bleibt ohne die Grundlagen aus diesem Artikel oft unverständlich. Wir wollen unbedingt dazu einladen, sich positiv oder negativ zur Broschüre zu äußern, Verbesserungsvorschläge einzureichen oder sich an der Fortentwicklung der Broschüre zu beteiligen. Die Erforschung der EvU hat erst begonnen!

1.2 Wir im Herstellungsprozeß
Erstellt wurde diese Broschüre im Rahmen diverser, unterschiedlich zusammengesetzter Treffen, das erste fand beim Januartreffen 2001 statt. Bis zum Abschluß der Broschüre haben viele irgendwann mal mitgearbeitet, aber am Ende war es leider wieder nur ein kleiner Kreis, der dieses Heft fertiggestellt hat. Bevor ein falscher Eindruck aufkommt: Wir sind in dem Prozeß keine besonders tollen oder gar vorbildlich-perfekten von-unten-EntscheiderInnen gewesen, sondern haben selbst manches von dem, was hier vorgeschlagen wird, mißachtet oder nicht weiter bedacht. In einem Fall hat das bedauerlicherweise zum Ausstieg einer Person aus dem Kreis der ErstellerInnen geführt, wodurch einerseits wertvolle Hinweise und Unterstützung verloren gegangen ist, was wir aber andererseits immerhin als Anstoß zu einer weitergehenden Reflexion und Auseinandersetzung genommen haben, mit der sich die Beteiligten weiterentwickeln konnten.

1.3 Wichtiger Verweis
Eine „Schwester- oder sogar Mutterdiskussion“ dieser Broschüre ist in dem Protokoll zur Organisierung von unten (OvU) wiedergegeben. Wir empfehlen die Lektüre dieses Ovu-Textes nebst der kritischen Bemerkungen dazu (im Anhang). Ebenso wie diese Broschüre und viele weitere damit verknüpfte Debatten, Termine, Einladungen ist das OvU-Protokoll auch bei www.hoppetosse.net zu finden.

2 Welchen Zielen dienen dient die Entscheidungsfindung von unten?
2.1 Wozu EvU?

Antihierarchische Kooperations-, Diskussions- und Entscheidungsprozesse in politischen Gruppen und Vernetzungen dienen verschiedenen Zielen:
• Austausch von Informationen und Herstellung von Transparenz für alle Beteiligten
• Entwicklung neuer Ideen und Initiative
• Effiziente Planung konkreter Aktivitäten
• Erarbeitung und Bestimmung politischer Positionen
• Reflexionen, Analysen, Auswertungen
• Stärkung der Handlungsfähigkeit der konkret handelnden Gruppen
• Gegenseitige Unterstützung und Solidarität
• Herstellung gleichberechtigter Arbeitsstrukturen und Sicherung der Autonomie der Einzelnen und aller Teilgruppen
• Nutzung und Weiterentwicklung des Wissens, und zwar des Wissens, was als Gesamtmenge von Alltagserfahrungen und angeeignetem Fremdwissen (Büchern, Uni usw.) bei allen Beteiligten vorhanden ist (statt Ausrichtung auf ExpertInnenwissen Einzelner)
• Entwicklung und Weiterentwicklung von Methoden zu Informationsaustausch, Gruppenprozessen, Aktionsplanung und Reflexion/Auswertung
• Förderung der Kreativität bei der Suche nach Problemlösungen und Ideen
• Veränderung der gesellschaftlichen Dominanz- und Zwangsverhältnisse für die eigene Gruppe bzw. das Individuum, dem direkten Umfeld und überall.
Damit diese Ziele erreicht werden können, müssen Vernetzungs- und Kooperationsprozesse so organisiert werden, daß sie bei der Verwirklichung der beschriebenen Zielen auch tatsächlich helfen. Entscheidungsfindung von unten ist Ziel der politischen Arbeit, weil damit versucht wird, zum Abbau von Herrschaft im Hier-und-Jetzt beizutragen und sie ist zugleich eine Methode, von der die nach außen gerichtete Arbeit von politischen Zusammenhängen profitieren kann. Beides ist untrennbar verknüpft.

2.2 Wer kann EvU anwenden?
Nicht in allen Zusammenhängen kann in gleicher Weise mit den Vorschlägen aus der Debatte um die Entscheidungsfindung von unten gearbeitet werden. Bei der Erstellung des Readers hatten wir einen bestimmten Idealtypus einer Zusammenarbeit vor Augen: Die Vernetzung, d.h. eine Zusammenarbeit eigenständiger Individuen oder Kleingruppen ohne feste Mitgliedschaften, Strukturen und ohne Ressourcen (Geld, Räume, Label...), die nur durch die Gesamtheit der Beteiligten verausgabt werden können. Solche Formen von Vernetzungen bietet den größtmöglichen Gestaltungsspielraum für die internen Prozesse.
In der politischen Praxis gibt es jedoch zahlreiche weitere Formen von Zusammenarbeit mit mehr oder minder festen Strukturen, jeweils unterschiedlichen äußeren Restriktionen, zeitlichen Horizonten, Aufgaben, Hintergründen und Erfahrungen: Basisgruppen, Aktionsplena, Bündnisse, Seminare, Organisationen, Parteien, Arbeitsgruppen etc.. Der Reader richtet sich auch an Leute, die nicht in der Form einer Vernetzung zusammenarbeiten, sondern in solchen Zusammenhängen stecken und sich dort eine andere, herrschaftsärmere Form der Entscheidungsfindung wünschen. Auf die besonderen Erfordernisse bestimmter Kooperationsformen wird im folgenden aber nur selten eingegangen, da eine explizite Berücksichtigung den Text unnötig aufgebläht hätte und ohnehin nur ein Bruchteil der möglichen Konstellationen bearbeitbar gewesen wäre. Stattdessen verweisen wir auch an dieser Stelle auf die erste Voraussetzung der Entscheidungsfindung von unten, nämlich daß sie nur voran kommen kann, wenn die Beteiligten die Dinge selbst in die Hand nehmen und einen ständig reflektierten Prozess in Gang setzen. Ein Zustand, indem dazu keine Notwendigkeit mehr besteht, ist ohnehin undenkbar.
Der Reader soll einen (nicht: den) Idealzustand ausmalen, dem man sich in der Realität von der jeweiligen Situation ausgehend nur annähern kann. Die AutorInnen rufen dazu auf, diese Annäherung in allen Zusammenhängen zu probieren und auch auszuprobieren, wie man sich - auch in herrschaftstolerierender Umgebung - der Entscheidungsfindung von unten nähern kann. Die Broschüre stellt dafür Analysebrillen, Werkzeug und Hilfsmittel zur Verfügung - basteln müssen damit alle selbst und zwar dort, wo sie gerade sind. Laßt Euch dabei nicht unterkriegen von den herrschenden Verhältnissen, schließlich geht es darum, diese Verhältnisse umfassend zu verändern und damit wird man an jeder anderen Stelle auch auf Widerstand stoßen.

3 Ein Blick auf Hierarchien und Dominanzverhältnisse
Zur Zeit sind hierarchische Strukturen und Dominanzverhältnisse ebenso weit verbreitet wie Experimente und Diskussionen zum Abbau derselben kaum stattfinden. Allgemein herrscht selbst dort, wo emanzipatorische Ansprüche bestehen, eine Engagementslosigkeit in diesem Bereich. Die Existenz von Ungleichheiten, z.B. Intransparenzen oder ungleicher Zugang zu Ressourcen (Wissen, materielle oder finanzielle Mittel, Adressen und Kontakte usw.) wird fast überall hingenommen. Das verwundert, denn in vielen Bereichen ihres Lebens und ihrer Arbeit betreiben emanzipatorische Menschen und Gruppen einigen Aufwand, um sich nicht widerstandslos in die herrschenden Verhältnisse einzufügen - im Binnenverhältnis von Gruppen und anderen bewegungsnahen Zusammenkünften ist von diesem Engagement allerdings oft wenig zu spüren.

3.1 Herrschaft ausmachen
Dabei gilt auch „unter uns“, was wir für gesellschaftliche Verhältnisse immer stillschweigend voraussetzen: Ohne eine willentlich und bewußt angestrebte Veränderung reproduzieren sich Macht- und Herrschaftsstrukturen fast automatisch. Erster Schritt zur Überwindung dieser Hierarchien ist, sie überhaupt erkennen und benennen zu können. Schon dieser erste Schritt erfordert jedoch eine eigene, bewußte und konkret für die jeweilige Situation vorgenommene Auseinandersetzung mit Dominanzen und Hierarchien sowohl im Umgang zwischen den Beteiligten, als auch im eigenen Verhalten - die Broschüre kann das nicht ersetzen, sie liefert Werkzeuge und Hilfsmittel dafür, aber sie enthält keine Patentrezepte. Entscheidungsfindung von unten - wie sie hier als idealtypischer Prozeß vorgestellt wird - funktioniert nur, wenn die Beteiligten selbst aktiv einen herrschaftsfeindlichen Umgang anstreben.
Der erste Schritt, das Erkennen von Hierarchien, kann schon deshalb nicht nach einer einheitlichen Prüfliste vorgenommen werden, weil es eine unendliche Fülle von Hierarchien und Dominanzverhältnissen in politischen Gruppen und Zusammenhängen gibt. Jede Aufzählung ist daher unvollständig, sie kann nie den subjektiven, situationsbezogene Eindruck der konkret Beteiligten ersetzen - es wäre widersprüchlich einen davon losgelösten Begriff von Herrschaft zu propagieren. Da Hierarchien und Dominanzverhältnisse zudem oftmals vielfältig miteinander verschränkt sind, widersprüchlich sind oder kaschiert werden, fällt das Erkennen von Dominanzen nicht immer leicht - oftmals unabhängig davon, ob man in dem jeweiligen Fall auf der Seite der Dominierten oder auf der Seite der Dominierenden sitzt. Entscheidungsfindung von unten ist also keine neue Struktur, sondern ein Prozeß der durch die ständige Reflexion der Beteiligten über Binnenverhältnisses von Zusammenhängen oder zwischen einzelnen Menschen angetrieben wird und der zum Erliegen kommt, sobald man sich nicht mehr drum kümmert.

3.2 Typische Hierarchien
Die folgenden Aufzählung soll unter Berücksichtigung der vorgenannten Einschränkungen einige Begriffe und Kategorien anbieten, mit denen man typische Hierachien erkennen und thematisieren kann.

3.2.1 Formale, zentralististische Hierarchien

Diese strukturierte Form der Hierarchie ist offensichtlich und sehr durchschlagend. Formal-zentralistische Konzepte der Organisierung beruhen auf Vorständen, VertreterInnenversammlungen, Kommissionen, Geschäftsstellen usw. mit besonderen Befugnissen. Manche BefürworterInnen solcher Organisationskonzepte behaupten zwar, daß formale Hierarchien transparenter seien als die in Zusammenhängen, wo es keine formalen Hierarchien gibt, aber das ist in der Regel nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich sind formale Hierarchien zumeist mit informellen Unterschieden verbunden, d.h. ein Vorstand oder andere zentrale (Führungs-)Gremien können im Unterschied zu den normalen Mitgliedern nicht nur bestimmte Entscheidungen treffen oder sogar Weisungen erteilen, sondern sie verfügen gleichzeitig auch über bessere Zugänge zu Ressourcen (Geld, Geräte, Kontakte, Informationen usw.). Dadurch können sie ihre formale Stellung stark untermauern und sich informell auch dort durchsetzen, wo ihre besonderen Befugnisse eigentlich nicht hinreichend sollten. So hätte etwa ein Führungsgremium bzw. dessen Mitglieder innerhalb einer weitergehenden Versammlung (z.B. Vorstand innerhalb einer VertreterInnenversammlung) rein formal betrachtet nicht mehr Macht als andere Beteiligte, aufgrund der besseren Vorbereitung, des leichteren Zugangs zu Daten oder anderen Ressourcen, setzten sich Führungsgremien oder dessen Mitglieder aber leicht gegen Vorschläge aus der Basis durch. Eine Gegenmacht entsteht nur dann, wenn andere Zusammenhänge ebenso informelle Macht aufbauen, z.B. durch zeitintensiven Aufbau von Kontakten zu anderen Gruppen in der Vorbereitung entscheidungsbefugter Versammlungen.

3.2.2 Bewußte, informelle Hierarchien
Informelle Hierarchien sind solche Unterschiede in der Durchsetzungsfähigkeit von Menschen, die nicht formal vereinbart sind und somit auch nicht über „offizielle“ Strukturen wirken. Sie sind oft intransparent. Zu unterscheiden sind einerseits bewußte und andererseits unbewußte, informelle Hierarchien. Es ist sehr wohl möglich, informelle Unterschiede gezielt zu schaffen oder sich selbst bzw. der eigenen Gruppe gezielt eine bessere Durchsetzungsposition zu erobern - durch Tricks in der Diskussion, ungleiche Zugänge zu materiellen Ressourcen und Wissen usw. Zu den Tricks in der Diskussion gehören abgesprochene Redebeiträge, bewußt dominantes Redeverhalten, gezielte Verunsicherung oder Diffamierung von Personen, die wegen abweichender Meinung oder aus anderen Gründen von der bewußt dominant agierenden Person oder Gruppe ausgegrenzt werden sollen. Dauerhaft informelle Hierarchien entstehen durch intransparente Zirkel und Kerngruppen, die besonderen Zugang zu den Ressourcen von Gruppen oder Vernetzungen haben, etwa Geldern, Geräten, Räumen, Internetseiten, Mailinglisten. Bewußte Dominanzverhältnisse sind sehr weit verbreitet - deutlich stärker, als üblicherweise zugegeben wird. Gezieltes Streben nach informeller Macht, Ausgrenzung anderer und die Durchsetzung eigener Positionen sind in fast allen Zusammenhängen alltäglich.

3.2.3 Unbewußte Dominanzverhältnisse
Neben den bewußten informellen Hierarchien sind (fast) überall unbewußte Dominanzverhältnisse zwischen Gruppen und Einzelpersonen zu finden, die auf unterschiedlichen Möglichkeiten innerhalb einer Gruppe oder Vernetzung beruhen. Unterschiedliche Zugänge zu Informationen und Ressourcen, unterschiedlich durchsetzungsfähiges Redeverhalten und vieles mehr prägen die politische Arbeit. Im Gegensatz zu den bewußten Dominanzverhältnissen ist hier den beteiligten Personen die Dominanz nicht klar. Ursache dafür ist meist ein Mangel an Transparenz und Reflexion, also Sensibilität für Machtverhältnisse.

3.2.4 Weiterbestehen gesellschaftlicher Dominanzverhältnisse in politischen Zusammenhängen
Selbst dann, wenn eine Gruppe oder Vernetzung sowohl formale Hierarchien abschafft, bewußtes Dominanzverhalten abwehrt und unbewußte Unterschiede in der Durchsetzungsfähigkeit reflektiert, herausarbeitet, benennt und erfolgreich überwindet, bleibt noch eine vierte Form der Hierarchie: Die der unterschiedlichen Wertigkeitsempfinden zwischen den Menschen, die in ihrem Leben für eine bestimmte soziale Rolle beeinflußt, d.h. „konstruiert“ wurden. Frauen gegenüber Männern, Jugendliche gegenüber Erwachsenen, Menschen ohne Abschluß gegenüber solchen mit akademischem Grad, Arme gegenüber Reichen, sog. Behinderte gegenüber „Gesunden“, Nichtdeutsche gegenüber Deutschen (und jeweils umgekehrt) etc. - die mit diesen Rollenkonstruktionen verbundenen Unterschiede bestehen auch dann, wenn eine Gruppe frei aller sonstigen Herrschaftsverhältnisse wäre. Das ist nicht Schuld der Gruppe oder der Vernetzung, aber nichtsdestotrotz der Fall. Es handelt sich bei den Dominierenden bzw. Dominierten allerdings nicht um einheitliche Gruppen mit einheitlich konfigurierten Mitgliedern - aber es besteht eine Tendenz derartige Rollen zu „konstruieren“, d.h. über Jahre und Jahrzehnte wird die mit solchen Rollen verbundene Erwartungshaltung in allen gesellschaftlichen und persönlichen Verhältnissen an die Menschen herangetragen und man entwickelt und verinnerlicht daraufhin ein entsprechendes Selbstwertgefühl. Innerhalb dessen leben Menschen „funktional“ in den realen Gesellschaftsverhältnissen, d.h. sie empfinden ihre Position als richtig für sich selbst, nehmen sie deshalb nicht mehr als konstruiert wahr und wehren sich nicht gegen diese. Das setzt sich in politischen Zusammenhängen bruchlos fort und kann nur abgebaut werden, wenn solche Dominanzverhältnisse offengelegt und Vereinbarungen zum Abbau getroffen werden.

3.2.5 Die „Meta-Ebene“ ... oft unerreichte CheckerInnen-Rolle
Eine Aktion läuft, ein Zentrum will organisiert sein, das Geld ist alle, Brot muß gebacken weren, aber beim letzten Mal wurde das Getreide alle und niemand hat was gesagt - so oder ähnlich kann es aussehen, wenn die „Meta-Ebene“ gefragt ist. Das Wort steht für eine typisch menschliche Eigenschaft, nach der der Mensch gedanklich aus sich heraustreten und das Geschehen quasi als Unbeteiligter von oben beobachten kann. Von dieser „Meta-Ebene“ können Verhalten und erwünschtes Ziel verglichen werden, die vorhandenen Ressourcen geprüft werden oder, sehr wichtig bei der Frage nach versteckten Hierarchien, ständig kontrolliert werden, ob eine Aktion auch so läuft wie vereinbart. Selbst wenn eine Aktion unter den Beteiligten hinsichtlich der vorzubereitenden Dinge gleichberechtigt aufgeteilt wurde, entstehen Dominanzen meist dadurch, daß nicht alle, sondern nur Einzelne (meist sogar nur eine Person) und immer dieselben darauf achten, ob eigentlich alles klappt, ob alle ihre zugesagten Sachen machen usw.
Die „Meta-Ebene“ für eigenes Verhalten zu erreichen, wird in der normalen gesellschaftlichen Zurichtung systematisch unterbunden. Was würde schon geschehen, wenn Kinder anfangen, die Situation in der Familie oder die erzieherischen Maßnahmen der Eltern, Verwandten oder anderen auf ihren Sinn zu hinterfragen. Oder dort bzw. in der Schule die Gesamtsituation, die Ziele von Ausbildung, Lernen, Noten oder Strafen. Daher muß emanzipatorische Arbeit Chancen bieten, die Kontrolle über das eigene Verhalten wiederzuerlangen - den Blick zu schulen für das Geschehen. Die Zwänge überhaupt wahrzunehmen, die Interessen anderer Menschen und die eigenen, die getroffenen Vereinbarungen und deren Umsetzung zu verfolgen, den Bedarf für eine Intervention zu erkennen u.a.m. erreicht man durch einen Blick von der "Meta-Ebene". Kleine überschaubare Projekte in eigenständiger Umsetzung können helfen, den Einstieg in das faszinierende, aber oft auch frustrierende (weil Verhältnisse demaskierende) Beobachten aus der „Meta-Ebene“ heraus zu finden. Eine Gesellschaft der „Freien Menschen in Freien Vereinbarungen“ setzt ebenso wie eine gleichberechtigte, politische Bewegung voraus, daß alle gleiche Möglichkeiten haben - und damit auch die Fähigkeit, die „Meta-Ebene“ einnehmen zu können.

4 Startaufstellung für den Weg zur Entscheidungsfindung von unten
In diesem Abschnitt wird erläutert, welche grundsätzliche Haltung die Entscheidungsfindung im Idealfall voraussetzt und welche typischen Hindernisse und Holzwege umgangen werden sollten.

4.1 Grundlegende Annahmen und Haltungen
Die Herrschaftsverhältnisse in politischen Zusammenhängen sind vielfältig, komplex, überlagern sich und verstärken sich gegenseitig. So sind oft die, die auch gesellschaftlich als „stark“ konstruiert sind diejenigen, die zusätzlich noch, bewußt oder unbewußt, dominantes Verhalten ausstrahlen oder formale Hierarchien einführen. Dem gegenüber steht die Schaffung herrschaftsfreier Verhältnisse als das grundlegende Ziel emanzipatorischer politischer Arbeit. In der politischen Arbeit lassen sich Binnen- und äußere Verhältnisse nicht trennen, denn jede Gruppe oder Vernetzung ist immer auch Teil der Gesellschaft und keine Insel. Folglich gilt der emanzipatorische Anspruch auch im Binnenverhältnis. Der Abbau aller Formen von Dominanzen ist innerhalb jeder emanzipatorischen Gruppe oder Vernetzung und auch während aller Aktivitäten Ziel der politischen Arbeit und nicht nur eine beliebig austauschbare Methode.

4.1.2 Hierarchiefreiheit als Ziel, nicht als Voraussetzung
Der Abbau von Herrschaft im Binnenverhältnis als ständiges Ziel der politischen Arbeit muß als ein permanenter Veränderungsprozeß betrachtet werden. Angesichts der tiefgreifenden Verankerung von Dominanzverhältnissen in den politischen Bewegungen, in der Gesellschaft und in der Psyche aller Menschen wäre es eine Überforderung für Gruppen und Vernetzungen, Hierarchiefreiheit als Voraussetzung für politische Arbeit zu betrachten. Ganz im Gegenteil ist wichtig, ständig die Dominanzverhältnisse zu beobachten und Stück für Stück abzubauen - der unbefleckten Herrschaftsfreiheit kann man sich annähern, sie wird aber aufgrund ihrer Abhängigkeit von den veränderlichen, individuellen Wünschen und Erfahrungen in letzter Konsequenz immer Utopie bleiben.

4.1.3 Hierarchieabbau braucht Ressourcen, Reflexion und Kritikfähigkeit
Der Prozess des Herrschaftsabbaus hat bestimmte Voraussetzungen. Die Gruppe oder Vernetzungen muß sich vereinbaren, emanzipatorische Prozesse anzustreben und sie muß Zeit und Aufmerksamkeit bereitstellen, um diesen Prozeß zu reflektieren, d.h. auf Intransparenzen, dominantes Verhalten, Verfilzungen, unterschiedliche Zugänge zu Ressourcen u.ä. abzuklopfen. Denunziationen und Diffamierungen sind dabei zu vermeiden und unnötig. Denn „Zielscheibe“ von Kritik sind nicht Personen, sondern ihr Verhalten - in der Praxis oft genug das aller Beteiligten, die auf verschiedene Art Dominanz ausüben bzw. Dominanzverhältnisse aufrechterhalten, aufbauen oder provozieren.
Es ist ein emanzipatorischer Prozess, zu lernen und zu üben, Kritik am eigenen Verhalten oder der eigenen Arbeit aushalten zu können, also Kritik nicht als Urteil über die (eigene) Person mißzuverstehen. Da aber eine solche Kritikfähigkeit nicht vorausgesetzt werden kann, muß bei der Formulierung von Kritik auch darauf geachtet werden, daß der Lernprozesses nicht durch eine persönliche Verletzungen des Gegenübers behindert wird. Es gilt, sensibel und einfühlsam, also freundschaftlich mit anderen umzugehen und den Beteiligten Wertschätzung und Respekt entgegen zu bringen, ohne jedoch auf die Kritik zu verzichten - eine notwendige Gradwanderung. Wenn die Zusammenarbeit mit einer Person überhaupt nicht mehr gewünscht ist, sollte dies direkt gegenüber dieser Person thematisiert werden, anstatt diesen Wunsch durch unterschwellig ausgrenzendes Verhalten zu realisieren.

4.2 Hindernisse und Holzwege
Aus dem folgenden wird deutlich, vor welchem Hintergrund und durch welche Kritik die Entwicklung der Entscheidungsfindung von unten voran getrieben wurde. Es handelt sich um eine unvollständige Aufzählung mehr oder minder hierarchieförmiger, typischer Verhaltensweisen in linken, bewegungsnahen und dem Anspruch nach oftmals auch emanzipatorischen politischen Zusammenschlüssen.
Der aktuelle Umgang mit Dominanzverhältnissen in politischen Gruppen und Vernetzungen eignet sich oft nicht, einen Hierarchieabbau zu bewirken, weil ...
• ... die Reaktion auf dominantes Verhalten meist die Diffamierung der als dominant wahrgenommenen Person oder Gruppe ist, nicht jedoch ihr Verhalten kritisiert. So versucht man hierarchische Gruppen auszugrenzen oder diskriminierend auftretende oder so wahrgenommenen Personen zu diffamieren, anstatt gegen das konkrete Dominanzverhalten zu intervenieren. Auf diese Weise kann der herrschaftsfeindliche Anspruch selbst zum Mittel der Dominanz werden und die Notwendigkeit der Veränderung der Rahmenbedingungen wird verdrängt.
• ... das Entgegentreten gegenüber Dominanzen auf sehr wenige Bereiche beschränkt bleibt (z.B. dort, wo es zu Solidarisierungen mit Betroffenen kommt etwa vieler Frauen mit einer sexistisch angegriffenen Frau oder einer ganzen Gruppe bei einem Angriff auf „ihr“ Mitglied, usw.). Andere Formen von Dominanzen werden dabei mangels Lobby oft völlig „vergessen“ (z.B. bevormundender Umgang mit Kindern). So bleibt der umfassende emanzipatorische Anspruch wenig glaubwürdig und konsequent.
• ... die Kritik an Dominanz mit der Forderung nach neuen Dominanzverhältnissen, z.B. Gremien, zentralen Entscheidungen (in Plena, Orga-Zirkeln u.ä.) oder Moderation, verbunden wird. Damit wird Dominanz erhalten und nur verlagert. Es nährt zudem den Verdacht, das das Hauptansinnen mindestens eines Teils der Beteiligten genau in dieser Veränderung der Machtverhältnisse liegt, um selbst durchsetzungsfähiger zu werden.
• ... selbst in den wenigen Bereichen des Versuchs von Dominanzabbau kein kontinuierlicher Prozeß vorhanden ist, sondern in der Regel besonders krasse oder aus anderen Gründen veröffentlichte Fälle zu kurzzeitigem Bemühen um emanzipatorische Prozesse führen; diese werden dann beendet und müssen im nächsten Fall oft wieder am Anfang losgehen.
• ... oftmals das Plenum aller und eine extrem bürokratische Basisdemokratie als Lösung empfunden wird; in dem Trugschluß, daß dann, wenn alle alles entscheiden können, auch die Gleichberechtigung am größten ist. Der Trugschluß besteht darin, daß die Regel „alle entscheiden über alles“ eine Orientierung hin zu zentralen Entscheidungen bedeutet, die den dominant auftretenden Personen oder Gruppen/Zirkeln erst die Möglichkeit zur Dominanz (dann sogar über alle!) schafft. Basisdemokratie in diesem Sinne fördert Dominanzen wie jede andere Zentralisierung auch. Wird sie noch mit verregelten Entscheidungsverfahren (Moderation, Konsens u.ä.) verbunden, steigert sich diese Wirkung. Verregelungen werden meist am effektivsten von denen benutzt, die dominantes Verhalten beherrschen.
Dominanzabbau und Aufbau herrschaftsfreier Entscheidungsverfahren bedürfen ganz anderer Strategien. Es kommt nicht auf den spektakulären Einzelfall oder die bürokratische Verregelung an (diesem Irrtum unterliegen schon die Nationalstaaten, die ursprünglich mit immer mehr Regeln immer freiere Verhältnisse schaffen wollten), sondern auf die Entwicklung eines kontinuierlichen Prozesses. Dieser entsteht aber nicht von selbst, sondern bedarf konkreter Handlungsformen. Derer sind bislang zu wenige entwickelt. Die wichtigste Forderung ist daher, überhaupt mit dem Probieren, kreativen Denken und dem Experimentieren mit hierarchiefreien Formen von Diskussion und Entscheidungsfindung zu beginnen. Das Know-How, neue Möglichkeiten und der auf anderen Feldern bereits bestehende Erfahrungsschatz kann nur dadurch entstehen.

5 Leitbilder der Entscheidungsfindung von unten
Im folgenden haben wir nach fünf Begriffen sortiert, was jenseits spezifischer Methoden für die Gestaltung einer Zusammenkunft zur Verwirklichung der Leibilder der Entscheidungsfindung von unten beiträgt. Transparenz, Autonomie, Gleichberechtigung, Streitkultur und Reflexion stellen die Grundausrichtung der Entscheidungsfindung von unten dar, auch wenn sie zum Teil auf völlig unterschiedlichen Ebenen zu verorten sind. Transparenz läßt sich etwa bisweilen schon durch technische Regelungen herstellen (siehe folgende Tipps), Streitkultur und Reflexion verlangt jedoch eine bestimmte individuelle Haltung und den Willen, sich selbst im Sinne eines herrschaftsfeindlichen Umgangs zu hinterfragen und zu verändern.

5.1 Transparenz

Nicht alles an politischer Arbeit und Aktionen ist geeignet, es öffentlich kundzutun. Was nicht innerhalb eines Aktionszusammenhangs transparent ist, kann aber auch nicht dessen Aktion sein - sondern ist eine autonom durchgeführte Aktion einer Teilgruppe, die dafür ihre eigenen Entscheidungen trifft. Ansonsten gilt, daß jedes Mehr an Transparenz unter den Beteiligten dem Abbau von Dominanzen dient.

5.1.1 Einladungen zu Treffen
Oftmals kommen Einladungen nur sehr spärlich herum - sowohl von den Verteilern als auch vom Inhalt her. Unterlagen, Informationen zum Stand der Dinge und Möglichkeiten der Vorbereitung auf das Treffen werden verschwiegen. Sie sind nur einem nicht benannten Vorbereitungszirkel zugänglich, der folglich deutlich bessere Möglichkeiten der Vorbereitung auf Diskussionen, Entscheidungen oder auch Streitpunkte hat. Dominanzabbau bedeutet, daß für alle auf dem Treffen relevanten Punkte (soweit vorher bekannt) maximal gleichberechtigte Möglichkeiten des Zugangs zu Informationen und Vordiskussionen bestehen bzw. entwickelt werden.
Konkrete Möglichkeiten: Einladungen darauf überprüfen; bei der Absprache von Folgetreffen ein bißchen Zeit nehmen, um Verbesserungsvorschläge zu sammeln; Vorbereitungsgruppe und Zugangsmöglichkeiten (Orte, Internetadressen, anfragbare Personen oder Gruppen usw.) sollten immer allen Beteiligten bekannt sein.

5.1.2 Transparenz auf Treffen
Was für die Vorbereitung und Einladung gilt, gilt für das Treffen genauso. Wichtig ist, auf dem Treffen transparent zu machen, welche Zusammenhänge z.B. Vordiskussionen zu Punkten des Treffens geführt haben, wo welche Informationen verfügbar sind, wer für welche Nachfragen ansprechbar ist usw.
Konkrete Möglichkeiten: Zu Beginn eines jeden Punktes (soweit nicht schon mit der Einladung transparent gemacht) zu benennen, wer wo Vordiskussionen geführt oder sich vertiefend beschäftigt hat, wo vielleicht auch in anderen Gruppen oder Vernetzungen parallele bzw. ähnliche Debatten laufen, wo Personen Sachzwänge oder Vorentscheidungen sehen usw. Es ist keineswegs negativ zu sehen, wenn sich einzelne Menschen oder Gruppen auf Treffen intensiv vorbereiten bzw. schon Vorschläge einbringen, aber das sollte immer transparent geschehen.

5.1.3 Dauernde Transparenz, Info-Eliten vermeiden
„Alles Wissen für alle Menschen“ ist eine Teilposition politischer Utopie - und das sollte auch für Gruppen und Vernetzungen gelten, soweit es sich auf die gemeinsam verhandelten Dinge bezieht. Wenn etwas etwa aus Zeitgründen nicht erzählt werden kann, sollte bekannt sein, wo es zu finden ist oder wer gefragt werden kann. Rundbriefe, Internetseiten usw. können diese Informationen breit streuen.

5.1.4 Hinweis zur Konspirativität
Der Verweis auf Repression und notwendige Konspirativität ist unabgebracht, denn die Planung strafbarer Handlungen oder ähnlichem, auch die Absprachen zwischen solchen Aktionsgruppen hat in offenen Vernetzungen oder Gruppen ohnehin nichts verloren. Hier müssen Teilgruppen agieren, die autonom handeln. In Vernetzungen wird der Hinweis auf Konspirativität oft benutzt, um Dominanzen zu verdecken oder hinter scheinbaren Notwendigkeiten zu verstecken.

5.2 Autonomie der Einzelnen und der Teilgruppen, keine Abstimmung aller
Ein weiteres Leitbild herrschaftsarmen Vorgehens ist, freie Kooperationen zu fördern und Zwangskollektivität zu überwinden.

5.2.1 Entscheidungen und Aktivitäten dezentralisieren - Plena entmachten

Plena haben oft den Hauch des Wichtigen. Gleichberechtigung, Konsens oder Basisdemokratie herrsche angeblich nur dann, wenn alle gemeinsam über alles entscheiden. Bei genauerem Hinsehen aber schränkt das nicht nur Vielfalt und Minderheiten ein, sondern stärkt auch informelle Hierarchien. Denn je größer eine Gruppe ist, desto eher setzen sich nur wenige Kraft ihre rhetorischen Fähigkeiten, Sachzwangsargumentationen oder ihrer scheinbaren Kompetenz durch. Ziel ist daher, die Entscheidungsprozesse genau umgekehrt zu gestalten: Möglichst viel entscheiden autonome Teilgruppen. Das Plenum oder andere gemeinsame Prozesse dienen der Transparenz, der Klärung von Streitpunkten und der Formulierung der Entscheidungspunkte und offenen Aufgaben, die dann von Teilgruppen gelöst werden. Bewegung und Vernetzung entsteht durch das Nebeneinander vieler handlungsfähiger Gruppen (horizontale Vernetzung). Neben ihnen muß es keine neue handlungsfähige Institution geben - weder Vorstand noch Koordinierungskreis noch Plenum. Alles, was ansteht, wird von den handlungsfähigen Teilgruppen übernommen - in einem transparenten Prozeß aller (dafür ist das Plenum dann wichtig). Im Idealfall entscheidet das Plenum nichts mehr.

5.2.2 Kooperationen fördern
Kooperation und Austausch entsteht nicht immer von selbst. Es sollten aktiv und kreativ Formen gefunden werden, wie Kooperation zwischen Gruppen entstehen können: Plena, Infowände, Mailinglisten, Rundbriefe, Zeitungen, Internetseiten, Vernetzungstreffen nach Open-Space - diese und mehr Möglichkeiten stehen zur Wahl.

5.2.3 Rücksicht auf die Aktionsmöglichkeiten anderer autonomer Teilgruppen
Die Autonomie der handlungsfähigen Teilgruppen muß dort zu Abstimmungsprozessen führen, wo die Autonomie anderer Gruppen eingeschränkt wird. Dafür treten die jeweils betroffenen Gruppen in Kontakt und einigen sich direkt. Das Plena und andere Austauschstrukturen dienen hier wiederum nur der Transparentmachung solcher Konflikte oder Kollisionen (z.B. im Rahmen von Großaktionen oder Kongressen, wenn unterschiedliche Aktionen gleichzeitig und am gleichen Ort stattfinden würden, die sich ausschließen).

5.2.4 Zusatz: Horizontale Vernetzung statt Vereinzelung
Die Entmachtung des Plenums ist nicht zu verwechseln mit Vereinzelung und Nebeneinander. Ganz im Gegenteil, denn dort, wo kein Zwang zur Gemeinsamkeit besteht, kann Gemeinsames aus dem Willen der autonomen Teile des Ganzen wachsen - eben, in dem sich viele zusammentun, die eine Idee gemeinsam verfolgen wollen. Nötig dazu sind keine Abstimmungen, sondern die Transparenz, wer welche Ideen und Interessen verfolgt und wo Mitwirkung möglich ist. Der Anspruch der horizontalen Vernetzung läßt sich in einer festeren Gruppe oder Organisation mit einem dauerhaft verwendeten Namen und gemeinsam verwalteten, begrenzten Ressourcen nur begrenzt umsetzen, da immer wieder verschiedene gemeinsame Aktivitäten und Lösungen gegeneinander abgewogen werden müssen. Aber auch in solchen Gruppen sollten man versuchen kreative Lösungen für solche Probleme zu ersinnen und möglichst viel Autonomie von Einzelnen und Teilgruppen zu ermöglichen, der regelmäßige Anspruch einer solchen Gruppe, eine gemeinsame Debatte zu führen und eine für alle gültige Entscheidung zu fällen muß deshalb nicht gleich aufgegeben werden.

5.3 Gleichberechtigte Diskussionsverfahren entwickeln
Gleichberechtigung ist ein weiteres Leitbild eines herrschaftsvermindernden Organisationsprozesses.

5.3.1 Keine Führungspersonen, keine Moderation, keine Räte
Jede Form von Delegation der Führung oder auch Gruppenprozeß-Steuerung schafft Ungleichheiten. Daher sind alle Formen von herausgehobenen Gremien oder Personen zu vermeiden - unabhängig von ihrer genauen Rolle und ihrem Titel. Vorstände, Kommissionen, Koordinationsgruppen, SprecherInnenräte, ModeratorInnen: Sie alle sind eine „Wichtigleute“-Ebene gegenüber den anderen. In der Regel sind ihre Entscheidungen zudem nicht transparent. Solche herausgehobenen Stellungen sind überflüssig, es gibt genügend andere Mittel in Entscheidungsprozessen und zum Abbau informeller Hierarchien.

5.3.2 Gleichberechtigung als Prozeß aller
Nicht irgendwelche Gremien oder Gruppenprozeß-Steuernde (wie ModeratorInnen), sondern alle Beteiligten sollten gleichverantwortlich und gleichberechtigt „zuständig“ sein, auf die Verwirklichung gleichberechtigter Gruppenprozesse zu achten. Dafür ist wichtig, daß die Gruppe tatsächliche und potentiellen Dominanzverhältnisse thematisiert und auch explizit vereinbart, daß sich alle um deren Abbau bemühen. Das kann auch in völlig neuen Gruppen, z.B. einmaligen Arbeitsgruppen auf Seminaren oder größeren Treffen, geschehen - meist reichen 5-10 Minuten zu Beginn, um zu vereinbaren, daß gleichberechtige Diskussionsstrukturen angestrebt werden. Konkret verbindet sich damit, daß alle durch direktes Ansprechen mit dafür Sorge tragen, z.B. Wortmeldungen zu berücksichtigt, Dominanzen offenzulegen, zurückhaltendere Leute bevorzugt dranzunehmen, die Entstehung von zwei Gruppen aus Redenden und Zuhörenden zu verhindern, usw.

5.3.3 Direkte Intervention statt Stellvertretung
Der Entwicklung gleichberechtigter Diskussionsverfahren ist abträglich, Plena oder Gremien durch die Übertragung von Aufgaben wichtig zu machen, die auch direkt geklärt werden können. Zu solchen von allen zu tragenden Aufgaben gehört das unmittelbare Einschreiten gegen Dominanz, Diskriminierung oder Übergriffe, aber auch reproduktive Arbeiten u.a.. Das Plenum sollte klären, daß es die Aufgabe aller ist, emanzipatorische Prozesse direkt durchzusetzen. Damit ist nicht in erster Linie die Anwendung von direkter Gewalt, sondern das „Sich-kümmern“ und „Sich-Positionieren“ gemeint. Beispiel: Wenn jedes sexistische oder rassistische Verhalten sofort auf den Protest vieler trifft und die Person oder Gruppe, von der es ausgeht, kritisiert und zur Diskussion gezwungen wird, wird ein solches Verhalten viel eher zu verändern sein als dann, wenn solche Themen immer vertagt und auf scheinbar wichtige Gremien verlagert werden.

5.3.4 Zusatz: Gleichberechtigung ist nicht Gleichmacherei
Menschen sind unterschiedlich und wollen es sein. Die Unterschiede im Redeverhalten, in der Gestik, im Ausdruck, in der Mimik beim Reden oder Zuhören - all das entsteht nicht nur aus unterschiedlicher Neigung zur Dominanz, sondern auch aus dem individuellen Willen. Ziel eines Gruppenprozesses muß es sein, beides zu schaffen: Einerseits Autonomie und Unterschiedlichkeit der Menschen zu achten, ja zu fördern im Sinne einer Weiterentwicklung aller miteinander, aber in der jeweiligen Einzigartigkeit. Gleichberechtigung als das andere Ziel bedeutet, daß die Unterschiedlichkeit nicht zu einer unterschiedlichen Durchsetzungsfähigkeit führt. Dazu ist nicht nötig (sondern wäre eher Gleichmacherei), daß alle im gleichen Stil agieren. Gleiche Redezeiten oder andere Regeln führen auch gar nicht zur Gleichberechtigung, weil jede Regel immer bestimmte Menschen fördert, die damit gut umgehen können (z.B. Redezeitbeschränkungen die, die schnell reden bzw. präzise formulieren können - meist also die Geschickten unter den Dominanten).

5.4 Fliegende Fetzen - Emanzipatorische Streitkultur und die Steine im Weg dahin
Streit ist eine sehr intensive Interaktion zwischen Menschen, eine Aus-ein-ander-setzung mit mir und anderen - die nicht per se als ,Gegeneinander' abgestempelt werden kann, wie es HarmoniesiererInnen teilweise tun.

5.4.1 Intro
Streit und Konflikte gehören zu Gruppenprozessen von unten selbstverständlich dazu - und das ist auch gut so! Ein Blick auf die derzeitigen Bewegungszusammenhänge verdeutlicht aber schnell, dass eine emanzipatorische Streitkultur nicht existiert: Anonymisierte Schlammschlachten; Leute, die sich einfach nur anpöbeln; es wird rumgemackert. Daneben gibt es eine starke Tendenz, Konflikte zu verteufeln und statt dessen zu harmonisieren bis zum Abwinken...
In diesem Abschnitt wird analysiert, warum Streit in der Szene so destruktiv verläuft und warum Harmonisierung keine Lösung sein kann. Im Gegenzug wird zu begründen versucht, warum Streit ein wichtiges Element unseres Zusammenlebens und einer gegen Herrschaft gerichteten Bewegung ist. Es folgen noch ein paar Anregungen zur Frage, wie eine herrschaftsfreie Streitkultur denn aussehen könnte.
Um einen falschen Eindruck zu vermeiden: Bedürfnisse nach Gemeinschaft und harmonischem Zusammenleben sind vollkommen in Ordnung und sollten auch offen ausgesprochen werden - absolut gesetzt bzw. als Selbstzweck ist beides aber politisch und persönlich fatal.

5.4.2 Streit um Harmonisierung
In Teilen politischer Bewegungen gibt es eine bis heute anhaltende Tendenz zur Harmonisierung. Harmoniserung meint: Streit wird zur Bedrohung für den Zusammenhalt der Gruppe aufgebaut und verklärt, denn real sind es ganz andere Probleme, die unser Zusammenleben unerträglich machen, wie z.B. Anonymisierung, patriarchale Rollenmuster, oder fehlende Sensibilität. Inhaltliche wie persönliche Auseinandersetzungen werden einer fragwürdigen „Wir“-Identität geopfert, einem Gemeinschaftsdenken, dass von jedem emanzipatorischen Anspruch abgekoppelt wird. Konflikte werden verdeckt statt ausgetragen. Es wird ein harmonischer (Quasi-)Naturzustand konstruiert, der durch Konflikte ,verschandelt` und zerstört wird. Wer Probleme offen thematisiert, wird zum Feind des verlogenen, harmonischen Zusammenlebens, unter dessen Deckmantel sich Abzocke, Verarschung und Unterdrückung abspielen.
Dazu passt auch ein esoterischer Boom seit Mitte der 70er, spürbar auch in linken Zusammenhängen: Etliche Bücher, Seminare, Workshops, die uns raten, sich mit dem „eigenen Inneren“ zu beschäftigen, „inneren Frieden zu finden“. Statt der Verbindung von Selbstveränderung mit sozialer Umwälzung werden die Einzelnen auf sich zurückgeworfen. Nicht in allen, aber in den Mainstream-Esoteriken werden Aggressionen, Wut, Haß und Konflikt als „böse“ definiert und verdrängt, als gehörten sie nicht zu uns. Folge ist oft eine Ent-Politisierung, der Rückzug ins Private (Zweierkiste, Familie usw.).
In den 80ern entwickelte Techniken zur Hamonisierung tauchen dabei immer häufiger in allen Bereichen der Gesellschaft auf - die „linke“ Szene ist da keine Ausnahme: Moderation, Mediation, Beschwichtigungsrhetorik („Jetzt streitet euch doch nicht so“) und Konsensfixierung auf Sommercamps, überregionalen Treffen und Plenas. Techniken, die längst zum Repertoire moderner, demokratischer Herrschaftssicherung gehören, d.h. von staatlicher Seite bewußt eingesetzt werden, um gesellschaftliche Widersprüche und (Klassen-)Gegensätze zu entschärfen (siehe z.B. Konflikt um den Ausbau des Frankfurter Flughafens).
Die Folgen von Harmonisierung grundsätzlich sind immer ähnlich: Aggressionen werden unterdrückt und verdrängt. Ärgernisse summieren sich. Sehr häufig kommt es dann irgendwann zum großen Knall, bei dem sich aufgestaute Wut „entlädt“ und Zusammenhänge bzw. persönliche Beziehungen auseinander krachen. Die Kritik ist aber noch weitergehender:

Kritik an Harmonisierung
• Nicht-Umgang mit Konflikten: Harmonisierung ist in jedem Fall ein Nicht-Umgehen mit Konflikten, die dämonisiert, zugekleistert und verdrängt werden - nicht aber gelöst oder produktiv ausgetragen. Indem Probleme, Aggressionen und Zoff immer wieder verdrängt, abgeschoben werden, werden sie gerade unlösbar gemacht. Konflikte, die aus dem Bewusstsein verbannt werden, verselbständigen sich, wie sich später dann in eingefahrenen Verhaltensmustern zur Konfliktbearbeitung zeigt; immer schwieriger wird ein bewußter Umgang.
• Gemeinschaftszwang: Das ständige Überbewerten von Gemeinschaft, Einheit und Konsens erzeugt einen Anpassungsdruck auf die Einzelnen. Eigenwilligkeiten, Kreativität und kritische Positionen werden verdrängt und unterdrückt, ebenso wie Wut, Haß und Aggressionen. Und das steht der Selbstentfaltung einzelner wie aller entgegen.
• Verschleierung von hierarchischen Strukturen: Harmonisierung stützt Hierarchien und Herrschaft, weil sie nicht mehr thematisiert werden (dadurch logischerweise aber nicht wegfallen).
• Ent-Politisierung: Harmonisierung kann zur Ent-Politisierung führen, wenn es nur noch abstrakt um „Gemeinschaft“ geht.

Gründe für Harmoniesucht
Bei „CheckerInnen“ mit heraus gehobenen Positionen stecken oft Herrschaftsinteressen dahinter: Unter Rückgriff auf das Zerrbild einer ,harmonischen` Gemeinschaft und Harmonisierungstechniken kann eine diskussionsfeindlichen Atmosphäre erzeugt werden, in der sie ihre Interessen viel besser, reibungsloser durchsetzten können. Die Betonung von Konsens als einzig denkbarer Entscheidungsmethode suggeriert dabei Gleichberechtigung. Bei den meisten Menschen liegen reale, verinnerlichte Ängste (z.B. vor Spaltung und Kritik) der Harmoniesucht zu Grunde. Durch Erziehung und Sozialisation haben viele von uns ein einengendes Richter bzw. Bewertungsdenken drauf („Was denkt der jetzt wohl über mich?“). Dieses zu überwinden ist ein Akt der Emanzipation von der Beurteilung durch andere, der allerdings nur Schritt für Schritt ablaufen kann und im Moment der Auseinandersetzung einer grundsätzlichen und mehr oder minder stark zum Ausdruck gebrachten Wertschätzung durch andere Bedarf.

5.4.3 Wider der Harmonisierung: Streit ist eine Produktivkraft!
Sinnvoll wäre, sich das Motto der freien Softwarebewegung anzueignen und populär zu machen: Streit ist eine Produktivkraft! Neue Ideen und Erfindungen ergeben sich erst im Aufeinandertreffen unterschiedlicher Anschauungen, unterschiedlicher Menschen. Konflikte ermöglichen individuelle und kollektive Weiterentwicklung, indem alte Positionen in Frage gestellt werden. Sie dienen außerdem der Klärung von Problemen und Positionen: Konflikte sind die Voraussetzung für Harmonie. Erst durch die Auseinandersetzung der Menschen kann Harmonie und Einigkeit aktiv hergestellt werden - wenn mensch das denn haben möchte, was ja total in Ordnung ist! Harmonie muss immer wieder neu erstritten werden ...
Ohne Streit, inhaltliche Debatte und Zoff ist keine Bewegung von unten zu machen - schon gar nicht die herrschaftsfreie Welt. Streit ist keine Bedrohung für ein nettes Miteinander, sondern ein wichtiger Teil davon - ohne den eine als „Frieden“ getarnte Langeweile droht. Nun, hört sich ja vielleicht ganz nett an - doch nun ein Blick auf linke Bewegungsüberreste:

5.4.4 Die Steine im Weg: Wenn Linke sich streiten
Trotz aller Harmoniesierung wird in radikalen Bewegungszusammenhängen zur Zeit immer noch viel gestritten. Deutlich ist aber, dass sich meist weder produktiv, noch emanzipatorisch noch freundschaftlich gezofft wird - ganz im Gegenteil.
Kritik an der vorherrschenden Streitkultur ...
• Diffamierung und Reproduktion patriarchalen Verhaltens: Lautes Reden, Drohgebärden und Beleidigungen sind auch in Bewegungszusammenhängen verbreitet, ebenso wie patriarchale Muster (z.B. Sieg-Niederlage-Logik).
• Herrschaftsförmigkeit: In Konflikten geht es um das Absichern der eigenen (Macht-)Position in der „Szene“, nicht der solidarischen Auseinandersetzung.
• nicht direkt: Streit hinter dem Rücken (also typisch bürgerlich) oder/und vollkommene Anonymisierung, wenn Debatten eine entpersonalisierte Basis (z.B. Mailinglisten, Internetforen oder Interim) haben.
• Pädagogenmentalität und Besserwisserei: Mensch will andere von oben herab belehren (Beispiel: „Lies doch erst mal Marx!“).
• Vereinheitlichung: Unterschiedliche Standpunkte werden nicht akzeptiert. Statt dessen wird eine Angleichung an die (objektive) „Wahrheit“ gefordert. Streit ist so gerade gegen Vielfalt gerichtet, die seine eigene Voraussetzung ist! Differenz wird als Bedrohung begriffen, wohingegen Begriffe wie Einheitsfront immer noch unhinterfragt positiv besetzt sind. Spaltungen sind so vorprogrammiert. (Womit nicht der Sinn gemeinsamer Organisierung in Frage gestellt werden soll.)
• Standpunktfixierung: Es wird nicht aufeinander eingegangen, miteinander diskutiert, sondern Standpunkte reproduziert, was langweilig und nervig ist und keine Weiterentwicklung ermöglicht.
Die aufgezählten Punkte zeigen, dass nicht Streit und Konflikt das Problem darstellen, sondern die gegenwärtige Form der Auseinandersetzung. Daraus ist nicht Harmonisierung abzuleiten, sondern jede Menge notwendige Veränderungen. Andere Formen des Streitens und kreative Gruppenprozesse sind zu fördern, bewußt zu entwickeln und offensiv in Zusammenhänge zu tragen.

5.4.5 Grundzüge und Bedingungen für eine herrschaftsfreie Streitkultur
• Direkte, offene Intervention: Konflikte ohne Umwege führen, Streitpunkte möglichst sofort und gegenüber den richtigen AdressatInnen ansprechen. Alles andere stärkt Institutionen (Plena usw.) und informelle, intransparente Zirkel.
• Intersubjektivität: Das Konzept der objektiven Wahrheit über Bord werfen. Ziel ist nicht die Angleichung oder Einebnung an die eine „Wahrheit“, sondern die Weiterentwicklung der unterschiedlichen Positionen und Menschen, z.B. durch gegenseitiges Bezug nehmen (statt Standpunktblabla...).
• Prozesshaftigkeit: Diskussionen und Debatten als offenen Prozeß begreifen - es gibt kein Ende, für immer feststehenden Erkenntnisse oder Standpunkte. Bewegung statt Stillstand!
• Diskriminierungsfreie Räume: In der Gruppe und im alltäglichen Miteinander über Ängste vor Konflikten, vor Bewertung und (Zuneigungs-)Verlust reden, diese ernst nehmen und zusammen nach Lösungen suchen. Ziel ist eine Welt, in der keine mehr Angst haben muss, anders zu sein. Aus dieser Perspektive sind Differenz, Unterschiede und Vielfalt eine nicht länger Bedrohung sondern Bereicherung - womit aber keine Beliebigkeit gemeint ist.
• Streit als „Normalfall“: Davon ausgehen, dass Streit und Konflikte selbstverständlich zu einem menschlichen Miteinander gehören, und es auf den Umgang damit ankommt.Im Alltag und anderswo gilt es, der vorherrschenden, negativen Bedeutung entgegen zu treten („Streit ist cool!“), d.h. zu vermitteln, dass Streit keine „Gefahr“ für ein nettes Zusammenleben ist, sondern ein wichtiges Element davon.
Wichtig ist, auch neue Formen für Diskussionen zu entwicken, die diesen Ansprüchen gerecht werden, z.B. Fishbowl statt Podiumsdiskussionen. Bleibt zu hoffen, dass dieser Text weitreichende Streits entfacht. Lasst die Fetzen fliegen ... für eine herrschaftsfreie, solidarische und kreative Streitkultur!

5.5 Reflexion
Die Ziele der Entscheidungsfindung von unten lassen sich nur verwirklichen, wenn man immer auch in der Rückschau darüber nachdenkt und (selbst-)kritisch hinterfragt, wie und warum etwas so oder so gelaufen ist. Oft passiert das nicht, weder gemeinsam noch individuell. Leider haben wir dazu nur noch einige wenige Methoden und Anmerkungen in den Reader aufnehmen können - hier besteht also besonderer Ergänzungsbedarf. Einige Andeutungen, was Reflexion heißen kann:
• Reflexion bedeutet, in den jeweiligen politischen Zusammenhänge Orte bzw. Momente zu schaffen, in denen selbstgesetzte Ziele und tatsächlich Erreichtes verglichen werden und explizit danach gefragt wird, wie die Beteiligten zurückliegende Dinge persönlich erlebt haben. Was war für die Einzelnen ärgerlich, erfreulich, furchteinflössend, enttäuschend, ausgrenzend, zurücksetzend, fördernd etc.? Haben sie ihre Ziele erreichen können oder wodurch wurde das verhindert? Wie war die Organisationsform, wie hat die Stimmung auf die Einzelnen gewirkt? Die Antworten zu solchen Fragen auszutauschen, trägt viel zu einer Weiterentwicklung des Zusammenhangs bei. Besonders weit kommt man, wenn es gelingt, eine Atmosphäre zu schaffen, die möglichst konkrete Schilderungen des Erlebten erlaubt, man also nicht dabei stehen bleibt, zu sagen „ich war genervt“, sondern etwa zu sagen „Bertis ständiges Gemeckere hat mich wütend gemacht“ (siehe oben 4.1.3). Gleichwohl helfen auch weniger präzise Eindrücke oft weiter und können Anlass sein, ggf. auch nach der Sitzung noch einmal direkt nachzufragen.
• Neben der Reflexion in der Gruppe bezeichnet Reflexion auch einen individuellen, persönlichen Vorgang, des "Sich-in-Frage-stellen" oder des "Sich-von-außen-betrachten". Es geht dann darum, sein eigenes Verhalten auch selbst einer Kritik zu unterziehen und nicht allein darauf zu warten, dass einem andere dazu Hinweise liefern. Habe ich mich da dominant verhalten? Was ist eigentlich mein Anteil am Entstehen des Disputs gerade? Höre ich überhaupt aufmerksam zu oder reagiere ich immer nach einem vorgefertigten Schema? Spiele ich meine typische Rolle wieder? Erwarte ich von anderen, die Initiative zu übernehmen? In einem gewissen Umfang stellt man sich ohnehin ständig solche Fragen und zieht daraus auch Konsequenzen. Oft könnte man das intensiver tun und in jedem Fall ist eine Reflexionsebene wichtig, wenn man mit anderen Menschen freundschaftlich und hierarchiearm kooperieren will.

Ängste

Am Anfang: es ist total wichtig, Ängste zu thematsieren und offen auszusprechen, weil es gerade diese Ängste sind, die verhindern, dass Menschen sich trauen, einen Weg jenseits von Markt und Staat zu gehen.

Bei vielen Menschen, die eigentlich mit Selbstorganisation sympathisieren, besteht Unsicherheit vor den Konsequenzen eines Ausstieges aus dem Markt: was ist z.B., wenn mensch nach zwanzig Jahren wieder zurück will, ohne Abschluss, Ausbildung etc?

Der "normale" Entwurf von geregelter Lohnarbeit ist selbst sehr unsicher, insbesondere angesichts der zunehmenden Verschärfung von Verwertung und des Abbaus von sozialen "Absicherungen". Sicherheit wird nur leider oft mit "Normalität", dem gesellschaftlich Anerkannten verwechselt.

Der Wiedereinstieg in Lohnarbeit (auch ohne Zeugnis etc.) ist kein wirkliches Problem: durch jahrelange Erfahrung in Selbstorganisation können sich AusteigerInnen gerade die Fähigkeiten aneignen, welche zur Zeit in Unternehmen richtig gefragt sind: Organisationsgeschick, Kreativität, Flexibilität, Verständnis für Gruppenverhalten - und Dynamik. Ausserdem verfügen Aktive nach langjähriger Arbeit oft über die nötigen Kontakte. Bei vielen Betrieben zählen die tatsächlich vorhandenen Fähigkeiten eine viel grössere Rolle als Schulabschlüsse, vor allem bei Medien oder im weiten Bereich Bildung. Allerdings erscheint es auch irgendwie widersinnig, ein erfolgreiches (!) selbstorganisiertes Leben aufzugeben, um wieder in den Markt einzusteigen und sich selbst in sinnentleerte Lohnarbeit zu zwängen.

Förderknete

Wenn Projekte im Kern ubhängig sind, können Fördergelder ohne die Gefahr von Abhängigkeiten angenommen werden. Einmalige Fördergelder sind unbedenklich. Ständige Zuschüsse, insbesondere für Mieten oder Hauptamtliche, führen dagegen fast garantiert in Abhängigkeiten. Erfolgsversprechend ist es, gegenüber den FörderInnen als neues, so eben gegründetes (und daher bedürftiges...) Projekt aufzutreten. Das grösste Problem ist aber, dass fast alle Stiftungen nur noch Geld an ihre eigenen Leute geben. Ausnahmen: Stiftung Mitarbeit Bonn oder die Heinrich-Böll Stiftung. Das Mitmachen bei Wettbewerben ist erfolgsversprechender: von ihnen gibt es viele und die Beteiligung ist meisst sehr schwach.

Projektarbeit als Job

Projektarbeit als Job bedeutet: das tun, was mensch tun will und es schaffen, das eigene Leben damit zu finanzieren. Wichtig ist, nach Möglichkeiten zu suchen, die Dinge, die mensch eh tut, als Abfallprodukte hinterher auch noch auf den Markt zu werfen. Ein Interviewbeitrag, den mensch für ein freies Radio macht, kann zudem noch einem kommerziellen Sender angeboten werden. Seminare können über Bildungswerke finanziert werden. Dabei kann mensch sich zu Nutze machen, dass viel der grossen Verbände (DGB, BDP) verdammt viel Fördergelder abkassieren, aber kaum noch Basisstrukturen haben, die Seminare oder Ähnliches organisieren. Die Gefahr bei Projektarbeit als Job besteht darin, dass mensch irgendwann die Basisarbeit vergisst, nur noch für die kommerziellen "Mülleimer" produziert. Viele Menschen aus politischer Bewegung, die gute Arbeit machen, wandern dadurch auf "die andere" Seite.

Kooperation statt Konkurrenz - ein Gegenentwurf zum Markt

Die Ansicht, dass Menschen sich wie ein Naturgesetz bekämpfen und miteinander konkurrieren verstellt den Blick auf die Ursachen dafür, warum Menschen heute gegeneinander arbeiten. Erst der Markt und das Verwertungsprinzip setzt die Menschen in ein Konkurrenzverhältnis: Wenn ich irgendwo fleissig bin, nehme ich anderen was weg - ohne dass es meine Absicht ist oder sein muss. Der Markt zwingt die, die bei ihm mitmachen, dazu, gegeneinander zu arbeiten - Konkurrenz ist sein Wesen. Als Gegenentwurf wurden kooperative Verhältnisse genannt, die nicht auf Gegeneinander, sondern freiwilliger Zusammenarbeit bauen. Ziel ist, Zusammenhänge so zu gestalten, dass kooperative Beziehungen im Eigeninteresse der Menschen liegen.

Durch diese Kooperation entsteht ein gemeinsamer Reichtum, der allen gehört und jeder nutzt: Bei vielen Sachen ist es einfach viel schöner für alle, wenn Räume und Materialien kollektiv angeschafft und verwaltet werden. Bücher, Computer und Drucker sind da nur die nahgelegenen Beispiele. Ohne die Kooperation wäre ein solcher Reichtum wieder nur so zu erreichen, dass sich Einzelne in Lohnarbeit abschuften, dadurch viel Zeit und Kraft für sich verlieren.

Ausserdem soll das Tauschprinzip des Marktes überwunden werden. Statt eines alternativen, "gerechteren" Wertmasstabes soll Verwertung selbst aufgelöst werden. Der Anreiz für freie Vereinbarungen liegt nicht in der Erwartung, dass ich möglichst viel von anderen bekomme - sondern dass sich durch sie selbst vielfältige Möglichkeiten auftun. Wenn ich innerhalb einer Kooperation irgendetwas für andere mache, erwarte ich nicht, deshalb etwas zurück zu bekommen - belohnt zu werden. Die Möglichkeiten der Kooperation schaffen einfach ein ganz andere Lebensgefühl, geben auch Sicherheit - egal, ob mensch sie vielleicht nie in Anspruch nimmt. Das bedeutet auch: keine muss sich anderen verpflichtet fühlen, weil ihr geholfen wurde. Wo keine Tauschlogik mehr ist, gibt es auch kein "Schuld", die zu begleichen wäre! Menschlich wäre diese Überwindung des Kosten-Nutzen-Denkens ein superschöner Fortschritt...

Probleme dabei: zur Zeit stecken (fast) alle Menschen in bestimmten, eingefahrenen Rollen - auch in radikal-politischen Zusammenhängen. Wenige MacherInnen erledigen alles für alle, beuten sich selbst aus. Es steht daher die Frage offen, wie dieses Problem gelöst werden kann.

Ist Selbstorganisation nicht unheimlich zeitverschlingend und daher wenig frei? Dieser Fall kann nur bei einem falschen Verständnis von Selbstorganisation, im Sinne eines "Wir wollen | müssen unbedingt alles selber machen", eintreten. Die dahinter steckende Idee von völliger Autarkie, d.h. kompletter Abkoppelung von der Aussenwelt und vollständige Selbstversorgung hat fatale Folgen: Diese Ansicht, die unter anderem in einigen Kommuneprojekten anzutreffen ist, führt dort zum 16-Stunden Tag - und das kann es nicht sein! In der Idee von Selbstorganisation steckt eben nicht, sich einzuigeln, sondern freie Vereinbarungen einzugehen und auszuweiten, um einzelne Menschen | Gruppen zu entlasten. Es soll ja auch weiterhin einen Austausch geben, nur nicht über den Markt, sondern in direkten, kooperativen Beziehungen - ein "Jede für sich" wäre eine ziemlich trostlose Welt! Deshalb ist folgendes notwendig...

Überregionaler Austausch: ein Netzwerk gegenseitiger Hilfe

Statt abgekapselter Inseln ist das Ziel, ein Netz gegenseitiger Hilfe aufzubauen, an dem sich so viele Gruppen und Menschen wie möglich beteiligen. Damit werden die Einzelnen von dem zermürbenden Zwang entbunden, alles machen | können zu müssen. Je vielfältiger, farbenprächtiger eine Kooperation ist, je mehr Menschen dabei sind, desto schöner ist das für mich (und alle anderen!). Und wenn mit diesem Netz nicht alle Problemfälle (Krankheit, Elektronik, Nahrung) abgedeckt werden, geht es darum, z.B. eine Ärztin in die Kooperation einzubeziehen und diese damit zu erweitern.
  Im Augenblick gibt es solche Netze weder auf lokaler, noch überregionaler Ebene. Auch in diesem Bereich steht einem Selbstorganisationsprozess eine nicht vorhandene Transparenz im Wege: keine hat Ahnung, wer was kann, wer über welche Mittel verfügt und wer auf was so richtig Lust hat. So muss das Rad immer wieder von Neuem erfunden werden. Dabei kam z.B. die Idee von schwarzen Brettern | einer Internetseite auf, auf denen alle Interessierten eintragen, was sie können | machen wollen. So können die zueinander finden, die was miteinander machen wollen.

Überregionalen Gemeinschaftsbesitz und Austausch regionaler-Selbstorganisierungs-Netzwerke
(seeeehr unvollständige Ideensammlung auf dem Seminar „Selbstorganisierung in Alltag und Politik“, 24.-26.5.2002 in Dresden)

Ausgangspunkt ist die regionale Selbstorganisierungs-Vernetzung, d.h. aus Einzelteilen entsteht ein Verbund mit gemeinsamer Ökonomie usw., z.B. von Umsonstläden, Lebensmittel-Kooperativen (vernetztes Containern mit Austausch der gesammelten Produkte, Food-Coops, Ernten nicht genutzter Früchte, gemeinsame Gartenbauflächen usw.), Projektwerkstätten (gemeinsame, offene Arbeitsstrukturen, Einrichtungen, Räume, Geräte usw.) sowie vielem mehr. Um deren Möglichkeiten zu erhöhen und auch Vorhaben zu verwirklichen, die für eine Region zu aufwendig wären, ist eine überregionale Vernetzung sowie Gemeinschaftsbesitz usw. anzustreben.

Als konkrete Ideen wurden beispielhaft genannt:

1. Gemeinsame Infrastruktur
Etwas, was allen gehört, steht nach freier Vereinbarung an einem Ort, wo es für alle zugänglich/nutzbar ist. Wenn es dort nicht mehr paßt, wird ein anderer Standort im überregionalen Verbund gesucht. Beispiele, die auch einfach zu verwirklichen sein könnten:
- Druckerei, indem alle Sachen, die sie haben oder organisieren können, an einem Ort zusammenstellen (Risograph-Druckmaschine aus Dresden, Heftmaschine aus Saasen, Rüttler, Sortiermaschine usw. von anderswo?) ... z.B. könnte dann die Produktion von Broschüren dort laufen und von dort an WeiterverkäuferInnen verschickt werden.
- Aktionsmobil (besteht schon als Gemeinschaftsprojekt vom Wagenplatz Braunschweig und Projektwerkstatt Saasen.
- Zelte, RTS-Soundsystems, transportable technische Infrastruktur (Laptop mit Presseverteiler, Scanner, Digitalkamera usw.) sowie viel mehr noch aufbauen

2. Politischer Geschenkemarkt
Was an einem Ort nicht mehr gebraucht wird, kann woanders fehlen. Denkbar sind zwei Wege:
- Suche-finde-Sache im Internet (zum Selbsteintragen)
- Konkreter Raum (wäre in Saasen schon vorhanden und kann dazu genutzt werden) oder mehrere Räume

3. Know-How-Austausch/Transparenz
Liste, wer was kann und helfen würde (handwerklich, organisatorisch, fachlich usw.). Und wo es welche Möglichkeiten und Informationen gibt.

4. Austausch und gemeinsame Planung
Vorschlag: Auf dem nächsten Organisierung-von-unten-Treffen dazu z.B. einen halben Tag gestalten – zum Austausch, was wo läuft und zur Planung der überregionalen Verknüpfungen.

Generation Wurfzelt?

Der Wandel der Gesellschaft in den imperialen Ländern und Regionen (also solchen Ländern wie Deutschland, besonders stark aber in den reichen und bürgerlichen Vierteln der Metropolen und ihrer Speckgürtel) hat eine Lebenskultur hervorgebracht, die stark von ständigen Materialflüssen aus anderen Teil der Welt und der billigen Arbeitskraft anderer Menschen lebt. Das bezieht sich auf das Materielle (vom "Coffee to go" bis zum selbstaufbauenen Wurfzelt, welches nach einmaliger Benutzung einfach stehen gelassen wird), aber auch auf die Frage, wieviele Entscheidungen über den Verlauf des Lebens mensch noch selbst trifft und wieviel durch Stundenpläne, Arbeitsaufträge oder die Meldung auf dem Smartphone fremdgesteuert ist.

Im Original: Symbole der Instant-Lebenskultur ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Wurfzelt (Abb. aus fluter Herbst 2014, S. 25)
Wurfzelte nach Festival (aus: fluter)

Smartphone

Der Effekt ist schon optisch zu sehen - "Kopf-runter"-Generation wird das mitunter genannt. Mindestens zwei zentrale Folgen hat der ständige Blick auf das Handy. Erstens nimmt die Außenwahrnehmung ab, d.h. viele Menschen laufen durch den Alltag, ohne von dem noch viel mitzubekommen. Aufmerksame Wahrnehmung ist aber die Basis für selbstorganisiertes Handeln. Wenn ich die Notwendigkeiten und Möglichkeiten des Alltags gar nicht mehr bemerke, kann ich auch nicht steuernd eingreifen, d.h. mein Umfeld ist nicht mehr von mir geprägt.
Zum zweiten bietet das Smartphone Orientierung: Der Navigator sagt, wie ich wohin komme. Irgendwelche anderen Apps sagen, wo ich jetzt sein sollte. Und wieder andere, was ich kaufen, angucken oder denken soll. Wird das zum prägenden Einfluss, hört der Wille, das Leben selbst zu planen und eigene Handlungsmöglichkeiten zu suchen einfach auf. Das Denken gerät in eine Abhängigkeit zur Fremdsteuerung. Diese tritt nicht in Form von harten Regeln, Uniformen und Befehlen auf, sondern in Form einer kaum spürbaren, aber totalen Beeinflussung von außen. Vielleicht heißt das Smartphone auch deshalb so, weil es smart beherrscht. Aber sehr, sehr gründlich.

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