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Viele konkrete Tipps

Ängste ++ Förderknete ++ Projektarbeit als Job ++ Kooperation statt Konkurrenz ++ Gegenseitige Hilfe ++ Links

Einleitung
Während es langsam wieder mehr werden, die grundsätzlich gegen kapitalistische Gesellschaft aktiv werden, stecken fast alle selbst tief in den Strukturen drin, die mensch eigentlich überwinden will. Unter den Bedingen von Lohnarbeit ist es für viele Menschen kaum möglich, sich jenseits vom Feierabend-Aktivismus einzubringem, weil ihnen einfach die Zeit fehlt und sie durch die zwanghafte Schufterei krank sind. Und es ist ganz klar widersprüchlich, wenn Menschen, die gegen warenförmiges Wirtschaften angehen, ihren privaten Bedarf ganz "normal" einkaufen. Es ist deshalb wichtig, nach Möglichkeiten zu suchen, schon heute aus Lohnarbeit und Markt auszusteigen - individuell wie kollektiv.
Vom 15. - 17.6.01 fand in Stuttgart ein Seminar zu "Selbstorganisation in Alltag und Politik" statt, wo es um eben dieses Thema ging. Aus der Nachbereitung heraus entstand dieser Text, der Anstoss sein könnte, dass sich viel mehr Menschen und Gruppen auch praktisch wirksam (!) mit selbstorganisiertem Leben beschäftigen. Ausserdem entstand auf dem Seminar die Idee, ein überregionales Netzwerk gegenseitiger Hilfe aufzubauen...dazu mehr im Aufruf am Ende des Textes!
Die nächsten Seminare folgten vom 24.-26. Mai 2002 in Dresden und vom 16.-18. August 2002 in Saasen (Bericht). Weitere sind möglich in Zusammenarbeit mit Basiszusammenhängen, die Interesse am Thema haben.

Ängste

Am Anfang: es ist total wichtig, Ängste zu thematsieren und offen auszusprechen, weil es gerade diese Ängste sind, die verhindern, dass Menschen sich trauen, einen Weg jenseits von Markt und Staat zu gehen.

Bei vielen Menschen, die eigentlich mit Selbstorganisation sympathisieren, besteht Unsicherheit vor den Konsequenzen eines Ausstieges aus dem Markt: was ist z.B., wenn mensch nach zwanzig Jahren wieder zurück will, ohne Abschluss, Ausbildung etc?

Der "normale" Entwurf von geregelter Lohnarbeit ist selbst sehr unsicher, insbesondere angesichts der zunehmenden Verschärfung von Verwertung und des Abbaus von sozialen "Absicherungen". Sicherheit wird nur leider oft mit "Normalität", dem gesellschaftlich Anerkannten verwechselt.

Der Wiedereinstieg in Lohnarbeit (auch ohne Zeugnis etc.) ist kein wirkliches Problem: durch jahrelange Erfahrung in Selbstorganisation können sich AusteigerInnen gerade die Fähigkeiten aneignen, welche zur Zeit in Unternehmen richtig gefragt sind: Organisationsgeschick, Kreativität, Flexibilität, Verständnis für Gruppenverhalten - und Dynamik. Ausserdem verfügen Aktive nach langjähriger Arbeit oft über die nötigen Kontakte. Bei vielen Betrieben zählen die tatsächlich vorhandenen Fähigkeiten eine viel grössere Rolle als Schulabschlüsse, vor allem bei Medien oder im weiten Bereich Bildung. Allerdings erscheint es auch irgendwie widersinnig, ein erfolgreiches (!) selbstorganisiertes Leben aufzugeben, um wieder in den Markt einzusteigen und sich selbst in sinnentleerte Lohnarbeit zu zwängen.

Förderknete

Wenn Projekte im Kern ubhängig sind, können Fördergelder ohne die Gefahr von Abhängigkeiten angenommen werden. Einmalige Fördergelder sind unbedenklich. Ständige Zuschüsse, insbesondere für Mieten oder Hauptamtliche, führen dagegen fast garantiert in Abhängigkeiten. Erfolgsversprechend ist es, gegenüber den FörderInnen als neues, so eben gegründetes (und daher bedürftiges...) Projekt aufzutreten. Das grösste Problem ist aber, dass fast alle Stiftungen nur noch Geld an ihre eigenen Leute geben. Ausnahmen: Stiftung Mitarbeit Bonn oder die Heinrich-Böll Stiftung. Das Mitmachen bei Wettbewerben ist erfolgsversprechender: von ihnen gibt es viele und die Beteiligung ist meisst sehr schwach.

Projektarbeit als Job

Projektarbeit als Job bedeutet: das tun, was mensch tun will und es schaffen, das eigene Leben damit zu finanzieren. Wichtig ist, nach Möglichkeiten zu suchen, die Dinge, die mensch eh tut, als Abfallprodukte hinterher auch noch auf den Markt zu werfen. Ein Interviewbeitrag, den mensch für ein freies Radio macht, kann zudem noch einem kommerziellen Sender angeboten werden. Seminare können über Bildungswerke finanziert werden. Dabei kann mensch sich zu Nutze machen, dass viel der grossen Verbände (DGB, BDP) verdammt viel Fördergelder abkassieren, aber kaum noch Basisstrukturen haben, die Seminare oder Ähnliches organisieren. Die Gefahr bei Projektarbeit als Job besteht darin, dass mensch irgendwann die Basisarbeit vergisst, nur noch für die kommerziellen "Mülleimer" produziert. Viele Menschen aus politischer Bewegung, die gute Arbeit machen, wandern dadurch auf "die andere" Seite.

Kooperation statt Konkurrenz - ein Gegenentwurf zum Markt

Die Ansicht, dass Menschen sich wie ein Naturgesetz bekämpfen und miteinander konkurrieren verstellt den Blick auf die Ursachen dafür, warum Menschen heute gegeneinander arbeiten. Erst der Markt und das Verwertungsprinzip setzt die Menschen in ein Konkurrenzverhältnis: Wenn ich irgendwo fleissig bin, nehme ich anderen was weg - ohne dass es meine Absicht ist oder sein muss. Der Markt zwingt die, die bei ihm mitmachen, dazu, gegeneinander zu arbeiten - Konkurrenz ist sein Wesen. Als Gegenentwurf wurden kooperative Verhältnisse genannt, die nicht auf Gegeneinander, sondern freiwilliger Zusammenarbeit bauen. Ziel ist, Zusammenhänge so zu gestalten, dass kooperative Beziehungen im Eigeninteresse der Menschen liegen.

Durch diese Kooperation entsteht ein gemeinsamer Reichtum, der allen gehört und jeder nutzt: Bei vielen Sachen ist es einfach viel schöner für alle, wenn Räume und Materialien kollektiv angeschafft und verwaltet werden. Bücher, Computer und Drucker sind da nur die nahgelegenen Beispiele. Ohne die Kooperation wäre ein solcher Reichtum wieder nur so zu erreichen, dass sich Einzelne in Lohnarbeit abschuften, dadurch viel Zeit und Kraft für sich verlieren.

Ausserdem soll das Tauschprinzip des Marktes überwunden werden. Statt eines alternativen, "gerechteren" Wertmasstabes soll Verwertung selbst aufgelöst werden. Der Anreiz für freie Vereinbarungen liegt nicht in der Erwartung, dass ich möglichst viel von anderen bekomme - sondern dass sich durch sie selbst vielfältige Möglichkeiten auftun. Wenn ich innerhalb einer Kooperation irgendetwas für andere mache, erwarte ich nicht, deshalb etwas zurück zu bekommen - belohnt zu werden. Die Möglichkeiten der Kooperation schaffen einfach ein ganz andere Lebensgefühl, geben auch Sicherheit - egal, ob mensch sie vielleicht nie in Anspruch nimmt. Das bedeutet auch: keine muss sich anderen verpflichtet fühlen, weil ihr geholfen wurde. Wo keine Tauschlogik mehr ist, gibt es auch kein "Schuld", die zu begleichen wäre! Menschlich wäre diese Überwindung des Kosten-Nutzen-Denkens ein superschöner Fortschritt...

Probleme dabei: zur Zeit stecken (fast) alle Menschen in bestimmten, eingefahrenen Rollen - auch in radikal-politischen Zusammenhängen. Wenige MacherInnen erledigen alles für alle, beuten sich selbst aus. Es steht daher die Frage offen, wie dieses Problem gelöst werden kann.

Ist Selbstorganisation nicht unheimlich zeitverschlingend und daher wenig frei? Dieser Fall kann nur bei einem falschen Verständnis von Selbstorganisation, im Sinne eines "Wir wollen | müssen unbedingt alles selber machen", eintreten. Die dahinter steckende Idee von völliger Autarkie, d.h. kompletter Abkoppelung von der Aussenwelt und vollständige Selbstversorgung hat fatale Folgen: Diese Ansicht, die unter anderem in einigen Kommuneprojekten anzutreffen ist, führt dort zum 16-Stunden Tag - und das kann es nicht sein! In der Idee von Selbstorganisation steckt eben nicht, sich einzuigeln, sondern freie Vereinbarungen einzugehen und auszuweiten, um einzelne Menschen | Gruppen zu entlasten. Es soll ja auch weiterhin einen Austausch geben, nur nicht über den Markt, sondern in direkten, kooperativen Beziehungen - ein "Jede für sich" wäre eine ziemlich trostlose Welt! Deshalb ist folgendes notwendig...

Überregionaler Austausch: ein Netzwerk gegenseitiger Hilfe

Statt abgekapselter Inseln ist das Ziel, ein Netz gegenseitiger Hilfe aufzubauen, an dem sich so viele Gruppen und Menschen wie möglich beteiligen. Damit werden die Einzelnen von dem zermürbenden Zwang entbunden, alles machen | können zu müssen. Je vielfältiger, farbenprächtiger eine Kooperation ist, je mehr Menschen dabei sind, desto schöner ist das für mich (und alle anderen!). Und wenn mit diesem Netz nicht alle Problemfälle (Krankheit, Elektronik, Nahrung) abgedeckt werden, geht es darum, z.B. eine Ärztin in die Kooperation einzubeziehen und diese damit zu erweitern.
  Im Augenblick gibt es solche Netze weder auf lokaler, noch überregionaler Ebene. Auch in diesem Bereich steht einem Selbstorganisationsprozess eine nicht vorhandene Transparenz im Wege: keine hat Ahnung, wer was kann, wer über welche Mittel verfügt und wer auf was so richtig Lust hat. So muss das Rad immer wieder von Neuem erfunden werden. Dabei kam z.B. die Idee von schwarzen Brettern | einer Internetseite auf, auf denen alle Interessierten eintragen, was sie können | machen wollen. So können die zueinander finden, die was miteinander machen wollen.

Überregionalen Gemeinschaftsbesitz und Austausch regionaler-Selbstorganisierungs-Netzwerke
(seeeehr unvollständige Ideensammlung auf dem Seminar „Selbstorganisierung in Alltag und Politik“, 24.-26.5.2002 in Dresden)

Ausgangspunkt ist die regionale Selbstorganisierungs-Vernetzung, d.h. aus Einzelteilen entsteht ein Verbund mit gemeinsamer Ökonomie usw., z.B. von Umsonstläden, Lebensmittel-Kooperativen (vernetztes Containern mit Austausch der gesammelten Produkte, Food-Coops, Ernten nicht genutzter Früchte, gemeinsame Gartenbauflächen usw.), Projektwerkstätten (gemeinsame, offene Arbeitsstrukturen, Einrichtungen, Räume, Geräte usw.) sowie vielem mehr. Um deren Möglichkeiten zu erhöhen und auch Vorhaben zu verwirklichen, die für eine Region zu aufwendig wären, ist eine überregionale Vernetzung sowie Gemeinschaftsbesitz usw. anzustreben.

Als konkrete Ideen wurden beispielhaft genannt:

1. Gemeinsame Infrastruktur
Etwas, was allen gehört, steht nach freier Vereinbarung an einem Ort, wo es für alle zugänglich/nutzbar ist. Wenn es dort nicht mehr paßt, wird ein anderer Standort im überregionalen Verbund gesucht. Beispiele, die auch einfach zu verwirklichen sein könnten:
- Druckerei, indem alle Sachen, die sie haben oder organisieren können, an einem Ort zusammenstellen (Risograph-Druckmaschine aus Dresden, Heftmaschine aus Saasen, Rüttler, Sortiermaschine usw. von anderswo?) ... z.B. könnte dann die Produktion von Broschüren dort laufen und von dort an WeiterverkäuferInnen verschickt werden.
- Aktionsmobil (besteht schon als Gemeinschaftsprojekt vom Wagenplatz Braunschweig und Projektwerkstatt Saasen.
- Zelte, RTS-Soundsystems, transportable technische Infrastruktur (Laptop mit Presseverteiler, Scanner, Digitalkamera usw.) sowie viel mehr noch aufbauen

2. Politischer Geschenkemarkt
Was an einem Ort nicht mehr gebraucht wird, kann woanders fehlen. Denkbar sind zwei Wege:
- Suche-finde-Sache im Internet (zum Selbsteintragen)
- Konkreter Raum (wäre in Saasen schon vorhanden und kann dazu genutzt werden) oder mehrere Räume

3. Know-How-Austausch/Transparenz
Liste, wer was kann und helfen würde (handwerklich, organisatorisch, fachlich usw.). Und wo es welche Möglichkeiten und Informationen gibt.

4. Austausch und gemeinsame Planung
Vorschlag: Auf dem nächsten Organisierung-von-unten-Treffen dazu z.B. einen halben Tag gestalten – zum Austausch, was wo läuft und zur Planung der überregionalen Verknüpfungen.

Links

Projekte:

Weitere Seiten mit konkreten Tipps:

Regional: