Beziehung

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beziehungsweise frei

Kommunikation und andere schlechte Ratschläge für eine andere Beziehungspraxis
Sich jenseits von Zweierbeziehungen, Vorgaben und Geschlechterrollen aufeinander beziehen – das hört sich schön an. Wer den Versuch wagt, diese Utopie auch umzusetzen, wird in der „Praxis“ mit vielen Problemen und Widersprüchen konfrontiert sein. Das ist nicht überraschend – aber für viele lähmend, anstrengend. Die Schwierigkeiten sind dabei so vielfältig wie die Menschen selbst. Und auch aus prinzipiellen Erwägungen kann es gerade keine „Anleitung“ für unnormierte Begegnungen geben, die den jeweils individuellen und konkreten Wünschen entspringen. Dennoch unterbreitet dieser Text ein paar schlechte Ratschläge, auf die du vielleicht zurück greifen magst ... oder auch nicht.

it's all about communication“

Eine Beziehungspraxis auf der Basis von Autonomie und freier Vereinbarung ist nur denkbar als ein bewusster, reflektierter Prozess, der sich aktiv gegen die Vorgaben der uns umgebenden Welt, aber auch die Normierungen stemmt, die wir selbst verinnerlicht haben. Es bedeutet, dass Menschen sich darüber verständigen, was sie miteinander anstellen wollen und was nicht. Wenn nicht Normen oder unausgesprochene Erwartungshaltungen das Miteinander bestimmen sollen, ist eine intensivere, offene Kommunikation unabdinglich: Das Mitteilen von Bedürfnissen, spontanen Empfindungen, Grenzen und Ängsten ist eine wesentliche Voraussetzung für einen anderen Umgang miteinander, der sich ständig hinterfragt und neu entwirft.
Ziel dieser Kommunikation könnte sein ...

  • Bedürfnisse bewusst zu machen, zu entdecken und einander mitzuteilen
  • sich gegenseitig Feedback zu geben und unterschiedliche Wahrnehmungen auszutauschen
  • Rollenmuster, eingefahrene Verhaltensweisen und Hierarchien kontinuierlich zu hinterfragen

Diese Kommunikation fällt nicht vom Himmel – es ist ein offener Lernprozess, der mit vielen, zuweilen nervigen Hindernissen kämpft.

Keine „Verhandlung“ über Bedürfnisse

Gerade in Bezug auf sexuelle Nähe (ja, auch das ist nur eine sprachliche Hilfskonstruktion ...) erscheint Kommunikation schwierig. Zum einen ist es schwer, für sich selbst klar zu kriegen, was die eigenen Wünsche sind – da diese ja nicht frei von Normierungen sind. Es fehlt teilweise einfach die Übung darin, Bedürfnissen nachzuspüren, ohne diese in Kategorien zu pressen. Dabei kann es ganz schön spannend sein, sich selbst Fragen wie „Was fasziniert mich an dieser Peron?“ oder „Was wünsche ich mir gerade?“ zu stellen – auch oder gerade weil keine eindeutige Antwort zu erwarten ist.
Zum anderen ist es in der dominanten Kultur nicht üblich, offen über Anziehung, Bedürfnisse nach Nähe oder Sexualität zu reden, geschweige denn darüber zu „verhandeln“. In der romantische Vorstellung wird stillschweigend voraus gesetzt, dass die Beteiligten irgendwie wissen, was sich die andere Person wünscht. Unter diesem romantischen Denkmantel kann sich dann umso ungebrochener die patriarchale, meistens heterosexuelle Normalität durchsetzen, die von Grenzüberschreitungen, Rollenbildern und Normen geprägt ist. Im besten Fall kommt dabei ein mehr oder weniger gelungenes Ratespiel heraus. Auch im Bett bzw. überall dort, wo sexuelle Annäherung statt findet, ist verbale Kommunikation tabu – es gibt ja einen immer wieder bewährten „Fahrplan“, die Hierarchie der Berührungen (mit der mythisch aufgeladenen Eisbergspitze „Orgasmus“). Wo Wünsche nicht kommuniziert werden können, kann schnell ein angespanntes, verkrampftes Klima entstehen, das überhaupt nicht lustvoll oder „romantisch“ ist: Es besteht ein wahnsinniger Druck, instinktiv das „Richtige“ zu tun. Das Bild der starken, tollen Liebhaberin duldet keine Nachfragen, auf welche Weise die andere Person eigentlich gestreichelt, geküsst oder stimuliert werden will. Denn das, was Menschen als schön empfinden, kann und ist häufig völlig unterschiedlich.
Und ja, offene Kommunikation kann mitunter tatsächlich sehr „unromantisch“ werden, weil z.B. sehr früh auseinander klaffende Bedürfnisse klar werden – aber ich finde es wichtig, um andere Menschen nicht zu verletzen. Denn ebenso wenig wie der „normale“ heterosexuelle Fahrplan vorausgesetzt werden kann, kann ich bei keiner neuen Begegnung ausgehen, das mein Gegenüber keine isolierte Zweierberziehung will. Wo die Hoffnungen, Wünsche und Gefühle, welche die beteiligten Menschen mit in eine Begegnung tragen, nicht mitgeteilt werden, sind Verletzungen eigentlich vorprogrammiert. Wenn du einer Person einfach nur einen Augenblick nah sein möchtest, dein Gegenüber aber von einer innigen Beziehung träumt, kann es ziemlich verantwortungslos sein, direkt mit dem Knutschen anzufangen, ohne einander die unterschiedlichen Erwartungen kommuniziert zu haben.
Trotz der viel beschworenen Offenheit ist es für viele Menschen – mindestens anfangs – total schwierig, über sexuelle Phantasien, Wünsche und Grenzen zu sprechen oder sich gegenseitig auszutauschen. Dabei würde es gerade dieser Austausch erleichtern, spontaner und einfühlsamer zu agieren, wenn Menschen körperliche Nähe zu einander aufbauen. Und wo Menschen diese Kommunikation versuchen, können viele Ängste abgebaut und Situationen „entschärft“ werden, die vorher mit ganz viel Druck belegt waren. Zum Beispiel weil es selbstverständlich wird darüber zu reden, welche Berührungen als angenehm oder unangenehm empfunden werden, wie du am liebsten gevögelt werden willst oder wie du andere gerne vögeln würdest. Oft werden in der Kommunikation viele Phantasie und Wünsche erst entdeckt oder entwickelt, weil sich die beteiligten Menschen selber intensiver mit diesen Fragen beschäftigen.

Rollen hinterfragen und neu „aufrollen“

Wo es darum geht, nicht den herrschenden Bildern zu folgen, ist die Auseinandersetzung mit Herrschaftsverhältnissen inklusive subtiler Normen nicht weit – oder: sollte es zumindest sein. Es gibt kein außerhalb der Matrix – in unterschiedlicher Abstufung sind wir alle zugerichtet worden, uns konform zu verhalten und der zugewiesenen Rolle zu entsprechen. Aus der bewussten Ablehnung der gesellschaftlichen Normalität ergibt sich leider nicht automatisch, dass all die Rollenlogiken und -bilder passe sind, die uns von Geburt an begleiten und unser Denken und Fühlen durchdringen.
Auch in Zusammenhängen, die sich als emanzipatorisch bezeichnen oder verstehen, wird immer wieder Normalität abgebildet – oft ist es die fehlende Bereitschaft zur selbstkritischen Auseinandersetzung, aber sicher auch Angst. Denn es ist nicht unbedingt angenehm sich einzugestehen, dass wir ganz schön fest in den Mustern stecken, die wir "eigentlich" ablehnen. Aber jede Begegnung zwischen Menschen kann auch ein Ort sein, diese Verhältnisse und unsere eigene Verstrickung in diese zu reflektieren. Ein ständiges, gegenseitiges Hinterfragen kann anstrengend sein – aber auch immer wieder für spannende, lustvolle Entwicklungen sorgen. Es setzt voraus, das alle Beteiligten dazu bereit sind, sich mit sich selbst und der eigenen Rolle auseinander zu setzen. Nur ein paar der möglichen Fragen: Gibt es eingefahrene Abläufe? Wer bestimmt das Geschehen? Wer „leitet“ das Knutschen ein, wer beendet es? Gibt es eine Hierarchie der Berührungen? Gebe ich geschlechtsspezifisches Verhalten wieder?
Wichtig ist mir dabei die Unterscheidung zwischen unbewusst reproduzierten Machtverhältnissen und der Inszenierung von Machtverhältnissen, die auf freien Vereinbarungen beruhen und die z.B. in einigen Spielarten des Sado-Masochismus umgesetzt werden.
Sich die existierenden Rollen bewusst zu machen kann neue Räume öffnen, um sich neu zu inszenieren und einen spielerischen Umgang damit zu finden – z.B. indem bewusst Verabredungen getroffen werden, die gewohnten Muster zu verdrehen, zu vertauschen und zu verändern. Auch in dieser Hinsicht kann die Auseinandersetzung mit der SM-Szene produktiv sein (auch ohne selber SM-Praktiken, die ja sehr vielfältig sind, nachgehen zu wollen).

Let's talk about Eifersucht

Eifersucht kann schrecklich sein. Aber viel schlimmer kann es sein, wenn darüber nicht mehr geredet werden kann, weil wir uns ja so cool und emanzipiert geben. Deshalb ist es ganz wichtig, immer für eine Atmosphäre zu sorgen, in der keine befürchten muss, wegen Verlustängsten oder Eifersucht nieder gemacht zu werden. Zumal auch verdrängte oder unterdrückte Eifersucht sich irgendwo „entlädt“.
Ich glaube, dass Eifersucht vor allem etwas mit der Person zu tun hat, welche diese empfindet. Meiner Erfahrung nach basiert sie fast immer auf „Ego-Knicks“ – das einer selbst das Gefühl fehlt, ein toller, liebenswerter, „vollständiger“ Mensch zu sein. Ich selber neige jedenfalls nur dann zu anhaltenden Verlustängsten, wenn mein Selbstbewusstsein kränkelt und ich niedergeschlagen bin – dann kann es mich total angreifen, wenn Menschen, die ich mag, anderen ihre Zuneigung zeigen. Aus diesem fehlenden Selbstvertrauen heraus kann nicht das Vertrauen in andere entwickelt werden, dass diese dich als besondere Person mit all deinen Ecken und Kanten mögen – und du genau deshalb nicht „ausgewechselt“ werden kannst. Dieses „Unvollständig“-Fühlen führt zur Flucht in Beziehungen, in der eine andere Person mit Projektionen überfrachtet wird, die unerfüllbar sind und das Problem auch gar nicht lösen. Weil es eigentlich darum gehen müsste, ein positives Grundverhältnis zu sich selbst aufzubauen, das es ermöglicht, als eigenständiger Mensch auf andere eigenständige Menschen zu zu gehen.
Dazu kommt, das es mächtige Diskurse gibt, die Eifersucht formen und in bestimme Bahnen lenken – während nur wenige die Nase rümpfen, wenn geliebte Menschen sich mit anderen vergnügen, indem sie Tennis spielen, entsteht rasende Eifersucht, wenn die gleichen Menschen irgendwie das Monopol auf körperliche, emotionale oder sexuelle Zuneigung antasten.
All das ist natürlich keine vollständige Analyse – was Eifersucht und ihre Hintergründe ausmacht, kannst nur du selbst heraus finden, vielleicht mit Unterstützung von Menschen, denen du vertraust. Denn die Auseinandersetzung mit Eifersucht kann ziemlich tief in die persönliche Geschichte hinein reichen. Hilfreich kann es sein, sich gegenseitig jenseits ritualisierter „Liebes“-Bekundungen mitzuteilen, warum mensch die andere mag, was sie als besondere Person ausmacht. Und natürlich das praktische Erleben, dass die Zuneigung zu dir nicht endet oder du ausgetauscht wirst, wenn andere Menschen weitere emotionale Bindungen eingehen. Espi


Begraben unter unkomplizierten Paketlösungen

Eigentlich wolltest du nur mit mir Händchen haltend durch die Straßen ziehen. Doch es gibt keinem Raum dafür – in den Blicken, in den Köpfen anderer sind „wir“ längst ein wir, ein Paar, eine Beziehung. Und seit dem behandeln „uns“ andere plötzlich anders. Auf dem Plenum in meinem linksradikalen Hausprojekt mache ich die gleiche, ernüchternde Erfahrung. Jeder Ausdruck von Zuneigung zieht sofort Zuschreibungen nach sich, die aus „Menschen, die sich mögen“ eine Einheit macht. Das Besondere wird aufgelöst in allgemeinen Kategorien, die eigentlich nichts sagen ... was vielleicht auch Zweck der „Übung“ ist.
Einem Menschen einfach nur nah sein wollen, spontane Zuneigung ausdrücken – das geht nicht. Sofort stellen sich „wie von selbst“ Fragen, was die Zuneigung bedeutet, wo sie hinführt, ob wir jetzt ein „wir“ sind, zusammen sind usw. Und wenn nicht, so tritt dieser Prozess spätestens dann ein, wenn andere davon mitbekommen und bestrebt sind, Sicherheit zu gewinnen statt die Ungewissheit auszuhalten, wie diese Menschen gerade zueinander stehen. Und aus der flüchtigen Ausrede „Ja, wir sind zusammen“ wird schnell Wirklichkeit.
Das Problem liegt darin, dass mensch sich zu diesem Zeitpunkt längst im Buchungsprozess der vorgegebenen Paketlösungen befindet, ohne überhaupt den Wunsch nach einem Paket äußern zu müssen.

Wie – nur Nähe?

Einfach nur Nähe zu wollen, einfach nur Bedürfnisse zu spüren und dafür individuelle Vereinbarungen zu suchen, ist in der kulturellen Matrix nicht vorgesehen. Für jede Form der zwischenmenschlichen Annäherung ist eine kompakte Paketlösung vorgesehen. „Bitte entscheiden Sie – es stehen Ihnen alle Möglichkeiten offen“, erklingt eine Stimme aus dem Off, die bemüht ist, die vordefinierten Varianten als Freiheit zu verkaufen.
Es ist nicht wichtig, ob mensch sie bestellt hat: Wer Nähe will, muss das kompakte Paket „Zweierbeziehung“ buchen – inklusive des Bekenntnis zur Monopolisierung von intensiver Zuneigung. Wer eine enge, auf Dauer angelegte Beziehung mit Austausch über persönliche Nöte will, muss das Paket „Freundschaft“ buchen – zusammen mit dem Kleingedruckten, dass die Zuneigung rein platonisch zu sein hat, d.h. körperliche Attraktion in diesem Paket ausgeschlossen ist. Wer sexuelle Nähe sucht, kann – ach wie komfortabel – zwischen dem Paket „One-Night-Stand“ oder „Affäre“ wählen.
All diese Pakete werden feinsäuberlich voneinander getrennt – und auf den ersten Blick machen sie das Leben einfacher, bannen sie doch scheinbar die Komplexität. Nur das Leben ist anders. Der verinnerlichte Zwang, der geordneten Kästchenstruktur menschlicher Beziehungen zu entsprechen, setzt Menschen permanent unter Druck, erzeugt ganz viele Ängste und Probleme, die es vorher nicht gab. Und dann kann es tatsächlich zum Weltuntergang werden, wenn beste Freunde miteinander schlafen. Die Brüche machen Angst – die geliebte Ordnung erweist sich als äußerst instabil. Dabei könnte dieser Umstand ja auch Mut und Hoffnung wecken, legen solche „Vorgänge“, die gar nicht selten passieren, doch gerade die Brüchigkeit der Kategorien offen. Und deuten zaghaft die Möglichkeit eines Zusammenlebens jenseits von Paketlösungen an.

Aus einem anderen, älteren Text („Nicht normal ... hoffentlich“) von mir:
„Grenzen zwischen Freundschaft und dem, was (Zweier-)Beziehung genannt wird scheitern glücklicherweise an der Komplexität von Leben & menschlichem Miteinander ... zur Zeit schaffen sie fast immer schizophrene Wesen, Grenzen und Probleme, die es vorher nicht gab. Abstrakte, platonische Zuneigung ist eine Fiktion patriarchal-reduktionistischer Aufklärung, welche Menschen in Geist und Körper, in isolierte Funktionen aufspaltet. Zuneigung, körperliche Nähe und Sexualität lassen sich nicht trennen: Zu den Menschen, die ich mag, fühle ich mich auch hingezogen, auf unterschiedliWeisen, die nicht vor den Körperpanzern enden, die wir unter den gewaltförmigen, konkurrierenden Verhältnissen aufbauen. Überall, wo ich zu Menschen einen persönlichen Umgang entwickle, sind auch Wünsche nach Nähe, Hände berühren, Zärtlichkeit, Umarmung, Kuscheln, Körper fühlen, schmecken, riechen, miteinander Einschlafen, die ich nicht verdrängen kann, auch wenn ich das bis jetzt noch häufiger versuche.“
Der Versuch, Beziehungsweisen jenseits dieser Zuschreibungen zu entwickeln, führt sicherlich zur Reibung mit einer Umgebung, die jegliche Begegnung zwischen Menschen in Kategorien pressen will, die lebendige Begegnungen nicht vorsehen. Das zu erleben, kann anstrengend bis ätzend sein. Aber solche Situationen stellen immer auch Möglichkeiten dar, das zu thematisieren, Diskussion und vielleicht sogar Reflektionen darüber anzustoßen, dass diese ganze diskursive Paket-Fabrikation voll beschissen ist. Diese direkte Intervention im Alltag ist wichtig, denn Veränderung in den Köpfen fällt – wir ahnen es schon – nicht vom Himmel.
Den Zauber uneindeutiger Begegnungen zu erleben, die nicht auf ein Paket hinaus laufen, diese beängstigend schaurige wie auch wohlige Ungewissheit – das ist für mich ein ungemein schönes, ermutigendes und hoffnungsvolles Moment. Weil ich spüre, dass Ausbrüche aus der Normalität möglich sind.
Ohne platte Parolen kommt allerdings auch dieser Text nicht aus:
Annahmeverweigerung aller Paketlösungen, die Lieben + Leben normieren - Pakete aufschnüren, Grenzen einreißen ... am besten sofort anfangen. Espi


„Jenseits der ritualisierten Begrüßungsumarmung scheint keine Zärtlichkeit möglich, 
ausser mensch hat sie sich per Beziehung quasi vorreserviert.“
(Quelle: Luther Blisset, Redefine our relationships)


Das Manifest der Anti-Liebe

1. DIE Liebe gibt es nicht. Liebe war und ist schon immer kulturell geprägt. Die Liebe, wie sie vor 2000 Jahren existiert hat, war nicht dieselbe, wie wir sie heute kennen. In der Geschichte der Menschheit gab es verschiedene Vorstellungen und Konzepte von Liebe, die von einer rein funktionalen Zweckliebe über die platonische Liebe bis zur romantischen Liebe von heute reicht. Dazwischen gab es sicherlich auch viele verschiedene Ideen und Konzepte von Liebe, die völlig abweichend zu den vorherrschenden Vorstellungen waren. Von DER Liebe zu sprechen, wie es CrimethInc. tut, ist deshalb absurd.
2. DIE Liebe ist eine Ideologie. Die Vorstellung, daß Liebe romantisch ist - wie sie CrimethInc. vertritt - existiert seit der Mitte des 18. Jahrhunderts und ist ein Produkt der durch die Aufklärung und die Entstehung der Bourgeoisie und des Kapitalismus gesellschaftlichen Umwälzungen. Diese Umwandlungsprozesse erzeugten neue Produktions- und Reproduktionssphären und damit auch neue Rollenanforderungen innerhalb der Produktionsgemeinschaft "Familie". Das bipolare Geschlechtermodell, die Vorstellung von DEM "Mann" und DER "Frau" als gegensätzliche Pole, die sich gegeneinander anziehen, setzt sich in dieser Zeit durch. Die konstruierte Anziehung wird durch die romantische Liebe naturalisiert und letztenendes als Ideologie in die Gefühlswelt der Menschen übernommen. Die romantische Liebe kann nicht ohne diese Ideologie gedacht werden. Sie findet nicht im herrschaftsfreien Raum statt, sondern ist Trägerin herrschaftsförmiger Ideologie.
3. DIE Liebe ist weder subversiv, noch konterrevolutionär. Wenn CrimethInc. behaupten, man könne sich in die Musik verlieben, dann behaupten wir, daß sich die Menschen auch in den Staat verlieben können, in das Geld und in die Ausbeutung. DIE Liebe ist kein sakraler Gegenstand der Revolution, der Herrschaftsverhältnisse aufdeckt. Sie ist vielmehr selbst Gegenstand eben dieser Herrschaftsverhältnisse und weder unschuldig, noch frei.
4. DIE romantische Liebe bedeutet Abschottung. Wenn CrimethInc. davon sprechen, daß die Liebenden sich gemeinsam aus ihrer Welt katapultieren und den Alltag um sie herum vergessen, ist das gleichzeitig illusionär und reaktionär. Illusionär deshalb, weil wir nicht außerhalb gesellschaftlicher Verhältnisse existieren können. Sozioökonomische und soziokulturelle Strukturen haben sich eben auch in uns selbst eingeschrieben. Reaktionär deshalb, weil die Liebenden nicht die Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt, ihrem Alltag und ihren Mitmenschen suchen, sondern sich viel lieber in eine Nische des Systems verkriechen und es sich dort gemütlich einrichten, bis letztlich alles um sie herum - inklusive ihre Lebensgrundlage - kollabiert ist.
5. Die romantische Liebe ist Teil des Spektakels. Was gibt es tolleres als nach getaner Arbeit in die Arme der/des Liebenden zu sinken und alles zu vergessen, um am nächsten Tag wieder perfektEr LohnsklavIn sein zu können? Die romantische Liebe ist die Regenerationsmaschine der Ware "Arbeit". Sie hält das Schweine-System perfekt am Laufen.

Gerade wenn CrimethInc. mit ihrem Artikel den Begriff der Liebe umdeuten wollten, kommen sie nicht daran vorbei den Begriff DER romantischen Liebe radikal zu analysieren und zu dekonstruieren. Tun sie das nicht, wird sich ihr Konzept von Liebe perfekt ins Spektakel einordnen lassen.
Laßt uns also endlich anfangen, die Ideologie des Begriffs DER romantischen Liebe niederzureissen. Und genau das können wir nur tun, wenn wir von der Vorstellung DER Liebe ablassen, nach neuen und verschiedenartigen Formen von Liebe suchen und endlich eine radikale Trennung der Begriffe Romantik und Liebe durchführen.
Schluß mit DER romantischen Liebe!
Es lebe die Anti-Liebe!
Arsen 13

  • Anmerkung: Dieser Artikel ist eine Entgegnung auf den Text "Nimm Teil am Widerstand - Verliebe Dich!" des CrimethInc. Kollektivs. Beide wurden in der schmucken Zeitung "Interface" veröffentlicht - alle Beiträge dieses Produktes finden sich unter: http://ainfos.de/sectionen/crimethinc/texte.html


introduction

Diese Broschüre interessiert sich nicht dafür, ob es ok ist, neben der "Hauptbeziehung" noch mit anderen zu vögeln. Diese Broschüre ist gelangweilt, wenn "freie Liebe" als revolutionärer Akt verkleidet wird - während dabei Geschlechterverhältnisse unangetastet bleiben und sogar neue Normen aufgestellt werden.
"Beziehungsweise frei" ist ein Plädoyer für Beziehungsweisen, die sich den schematischen Einteilungen (wahlweise Freundschaft, Affäre oder Beziehung) und allen Vorgaben verweigern, die unser Begehren normieren. Es geht um die Zerstörung all dieser Einteilungen.
Sie erklärt nicht, wie ihr zu viert kuscheln könnt oder dass ihr alle das müsstet - sie deutet vielleicht an, dass ihr es könntet. Die Hoffnung liegt "nur" darin, den Horizont des Möglichen zu erweitern und dabei zu helfen, die Mauern in unseren Köpfen nieder zu reißen, die ein offenes, unberechenbares, buntes und chaotisches Liebesleben verhindern. Und dass diese Texte etwas Mut machen, mit anderen Beziehungsweisen zu experimentieren.
Dieses Heft will provozieren, in Frage stellen und Diskussionen anzetteln. Daher ist es maximal der Anfang für eine Diskussion, die vieles noch vertiefen kann. Und deshalb sind Kritik, Anregungen und Feedback aller Art immer erwünscht. Zu Themen, die in dieser Broschüre angeschnitten werden, sind natürlich auch Workshops oder Seimare denkbar - bei Interesse einfach melden! Über die folgende Adresse kann auch dieses Heft (1 Euro pro Stück plus Porto) bezogen werden.

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