Geschlechterrollen

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Inhaltsverzeichnis

1. Zugänge

Ein persönlicher Zugang zu Geschlecht

Gender, Dekonstruktion, soziales Geschlecht, Zweigeschlechtlichkeit - nur ein paar Begriffe, die in manchen politischen Räumen ganz selbstverständlich verwendet werden, während nicht ,eingeweihte' Personen außen vor bleiben. Da wird ganz schön viel vorausgesetzt, ein Problem, vor dem auch diese Broschüre steht. Klar, es geht irgendwie um Geschlechterverhältnisse, aber etwas mehr Ausführlichkeit ist schon geboten ...
In einigen, inzwischen nicht mehr ganz so neuen Diskussions- und Theorieansätzen wird davon ausgegangen, dass Geschlecht konstruiert ist. Ausgangspunkt war die stärkere Unterscheidung in sex und gender. Sex meint das biologische Geschlecht, also die körperlichen Merkmale, die wir als männlich oder weiblich wahrnehmen. Dagegen wird mit gender das soziale Geschlecht bezeichnet, worunter die Rolle zu verstehen ist, die Menschen aufgrund ihres Geschlechts zugewiesen wird. Mit Hilfe dieser Ausdifferenzierung konnte verdeutlicht werden, dass aus dem biologischen Geschlecht nicht ableitbar ist, wie sich Menschen sozial verhalten (sollen). Es sind vielmehr gesellschaftliche Normen, verfestigte Vorstellungen und Bilder, die uns annehmen lassen, dass mann oder frau so oder so ist.
Und dann gibt es Leute, die auch sex grundsätzlich in Frage stellen - weil es immer eine Setzung ist, was auf biologischer Ebene als männlich oder weiblich gilt. Weil es viel mehr Unterschiede zwischen zwei beliebigen Menschen gibt als zwischen zwei Personen aus den Schachteln, die mit ,m' oder ,w' beschriftet sind. Und weil es Menschen gibt, die nicht in diese Zweiteilung passen.1 Damit sollen nicht körperliche Unterschiede zwischen Menschen geleugnet, wohl aber stark bezweifelt werden, ob die Vielfalt menschlichen Lebens sich kategorisieren und zweiteilen lässt.
Aus dieser Perspektive, die mir sehr sympathisch ist, ist Zweigeschlechtlichkeit eine soziale Konstruktion: Sowohl unsere Vorstellungen als auch praktischen, vergeschlechtlichten Lebensentwürfe sind nicht ein Stück unveränderlicher ,Natur'2, sondern von Menschen gemacht. Dekonstruktion von Zweigeschlechtlichkeit bedeutet, sich diese Veränderbarkeit bewusst zu machen und praktisch zu versuchen, die geschlechtliche Einteilung von Menschen unwichtiger zu machen und - als ferne Utopie - irgendwann gänzlich zu überwinden.

Dekonstruktion ist kein Zauberwort

Das hierarchische Geschlechterverhältnis findet seine Basis darin, Menschen in zwei Geschlechter aufzuteilen. Aber es zerfällt nicht wie ein Kartenhaus, weil es als ,konstruiert' markiert wird. Die Ungleichheiten zwischen Menschen unterschiedlichen Geschlechts sind vielfältig und haben eine starke Eigendynamik: Männer erhalten von Geburt an tendenziell mehr Aufmerksamkeit; Mädchen dürfen sich viel weniger weit vom Wohnort entfernen als gleich alte Jungen; Jungen wird auch heute noch abtrainiert und untersagt, zu weinen; die Lohnstrukturen in der BRD weisen insgesamt ein deutliches Gefälle (nicht nur) nach Geschlecht auf; fast alle Frauen haben einzelne, viele alltägliche Erfahrungen mit ungewollter Anmache, sexistischen Übergriffen und Gewalt - vor allem durch Männer; gesellschaftliche ,Spitzenpositionen' (die ich nicht haben will, aber dennoch ist der Hinweis auf die aktuelle Realität notwendig) in Politik, Wirtschaft oder Wissenschaften sind männlich dominiert. Das sind nur ein paar Ausdrucksformen dieses Systems, die reflektiert und überwunden werden sollten.

Persönliche Zugänge

Vielleicht ist das immer noch zu abstrakt, um verständlich zu machen, was mich an der zweigeschlechtlichen Ordnung ,stört' (vorsichtig ausgedrückt). Für mich ist Zweigeschlechtlichkeit manchmal ein erdrückender, auf jeden Fall alltäglicher Teil meiner Erfahrungen. Einerseits ist mir bewusst, wie stark ich selber in diesen Kategorien denke, wahrnehme und leider auch handele. Eben dass es mich unsicher macht, wenn ich auf Menschen treffe, die nicht in die Schachteln passen, die fest in meinem Kopf sitzen.
Aber die Einteilung in männlich und weiblich, die kein Dazwischen- oder Anderssein duldet, zerreißt mich auch. Weil ich merke, dass ich dem nicht entsprechen kann und will: Ich möchte manchmal „stark“ und selbstbewusst sein - etwas, was als ,männlich' gilt -, aber genauso oft möchte ich mich auch Tränen hingeben, klein sein und mich von anderen auffangen lassen - was ,weiblich' sein soll. Ich will Menschen mögen, sie interessant finden, mich vielleicht in sie verlieben, ohne mich dabei an den Kategorien Mann oder Frau orientieren zu müssen.
Ich will diese Einteillungen nicht mehr, auch, weil es mir unmöglich erscheint, Menschen ,wertfrei' in (zwei) Kategorien zu pressen. Es gibt kein ,reines' Klassifizieren: Hinter zweigeschlechtlichen Einteilungen steckt schon der Wille zur Vereinfachung, zur Zuschreibung von Eigenschaften und Wertigkeiten. Die Schachteln Mann oder Frau sind immer anfällig dafür, als kompaktes Paket verwendet zu werden - gefüllt mit Rollenbildern, Normen und Klischees.
Geschlecht ist immer eine Abstraktion, hinter der die Individuen zurücktreten. So werden einzigartige Menschen zu bloßen Exemplaren einer idealisierten Weiblich- oder Männlichkeit, der ohnehin niemensch entsprechen kann.
Warum brauchen wir also Zweigeschlechtlichkeit - oder brauchen wir sie überhaupt?

Hinweise und Zusätze

Schwerpunkte dieser Broschüre bilden Aktions- und Alltagsansätze, die Zweigeschlechtlichkeit hinterfragen. Das ist aber nur ein ganz kleiner Ausschnitt dessen, was ich für wünschenswert halte. Die Gender-Debatte wird insgesamt viel zu theoretisch geführt. Dekonstruktion könnte auch Teil praktischer Experimente auf politischen Veranstaltungen sein, die heute selber immer wieder Zweigeschlechtlichkeit bestätigen und reproduzieren. Leider gibt es nur wenig Ansätze, das zu ändern.
Hier nur ganz knapp ein paar Hinweise für mögliche Veränderungen:

  • Gruppenprozesse: Da, wo Geschlechterverhältnisse für wichtig erachtet werden, setzen die Methoden weiterhin nur die kritisierte Zweiteilung voraus. Quotierung (Redeliste nach Geschlecht) bezieht sich auf Menschen als Mann oder Frau (abgesehen davon, dass die Quote nur denen nützt, die sich überhaupt trauen, sich zu melden). Im Detail erscheint mir besser, Menschen vorzuziehen, die sich z.B. das erste Mal melden (statt die Machtverteilung zwischen den dominanten Männern und Frauen zu regeln, fände ich es insgesamt sinniger, Hierarchien grundsätzlich aufzubrechen).
  • Organisierung: Angesichts sexistischer Anmache als Normalität haben Frauenräume unzweifelhaft ihre Berechtigung. Dennoch entttäuscht es mich, dass es daneben nicht auch Ansätze gibt, Zweigeschlechtlichkeit unwichtig zu machen. Eine der wenigen Versuche ist die ,Duschampel': Dabei geht es darum, die Einteilung in Frauen- und Männerduschen zu überwinden, ohne die individuellen Bedürfnisse auszublenden. Über eine Art veränderbarer Tafel können die jeweils duschenden Menschen signalisieren, was für sie okay ist und was nicht. Statt gender steht hier das Individuum im Mittelpunkt.3
  • Reflektion: Überall könnten Menschen viel mehr miteinander reflektieren, welche Rollen sie wiedergeben und wie es möglich sein könnte, sich schrittweise von zweigeschlechtlichen Logiken zu entfernen ...

Schreibweise
In dieser Broschüre wird mehrheitlich die weibliche Schreibweise verwendet (es gibt Ausnahmen, z.B. um die Dominanz männlicher Grenzüberschreitungen nicht auszublendenn). Wenn Dich diese Schreibweise stutzig macht, ist das gut so.
Nur, warum wundern sich so wenige, dass normalerweise immer von „Medizinern“ oder „Schülern“ geredet wird?


2. An der Zweigeschlechtlichkeit rütteln

„Und, was ist es?“, alle wollen es wissen: Der Klärung des geschlechtlichen Status wird eine hohe Bedeutung zugemessen, die auf mich befremdlich wirkt. Schon Sekunden nach der Geburt eines Menschen ist die drängende Frage offenbar ,geklärt' - zumindest in 96 - 98 % aller Fälle. Bei der Beantwortung gibt es nur zwei Varianten: Dass Menschen entweder weiblich oder männlich sind, scheint irgendwie selbstverständlich. Etwas dazwischen oder der Verzicht auf geschlechtliche Zuordnung sind weder denkbar noch vorgesehen. Allerdings gibt es aus emanzipatorischer Perspektive viele Gründe, an dieser Einteilung und ihrer ,Natürlichkeit' zu zweifeln.
Es gibt zahlreiche Ansatzpunkte, die Zweigeschlechtlichkeit hinterfragen und vielleicht Mut machen, auch praktisch an dieser zu rütteln. Hier ein unvollständiger ,Katalog' ...

a. Geschichtliche Zweifel

Patriarchal1 waren weite Teile der Welt, ,nett' formuliert, schon länger organisiert. Historisch betrachtet ist das konkrete Modell zweier, entgegengesetzter Geschlechter dennoch eine relativ moderne ,Erfindung'. Sie hängt eng zusammen mit der kapitalistischen Industrialisierung, die ihr angepasste gesellschaftliche Organisations- und Reproduktionsformen blutig durchsetzen ließ: Wohnen und produktive Tätigkeiten - vormals eine Einheit - wurden dabei voneinander getrennt. Die so neu entstehenden Sphären von häuslicher und außerhäuslicher, entlohnter Arbeit wurden geschlechtlich zugeordnet.
So „bildete sich im frühen 19. Jahrhundert eine ganze Theorie, eine Geschlechtermetaphysik, aus den biologischen Unterschieden der Geschlechter wurden unterschiedliche Rollenmodelle und Lebensprojekte entwickelt und begründet. Die Geschlechter sind gleichwertig, aber ungleich, sie sind anders, sie stehen in einem polaren und in einem kompensatorischen Gegensatz zueinander. Und insofern die Entlastung der Frau von der Berufsarbeit alten Traditionen der oberen Schichten ebenso entsprach wie der neuen Realität der Bürger, in der die Frau, kindergebärend und -aufziehend, ans Haus gebunden war, aus dem die Berufs- und Erwerbsarbeit auswanderte, war solches Rollenkonzept auch ganz ohne Philosophie zum Normalbestand der Lebensinterpretation geworden. [...] Der Mann - so das Modell - ist aktiv, die Frau passiv; der Mann von seinem Tun, die Frau von ihrem Sein her lebend; der Mann gehört in die Leistungswelt, die Frau steht jenseits der Leistungszwänge in einer anderen Welt - der der Freiheit; der Mann lebt von seiner Kultur, die Frau von ihrer Natur, ihrer Geschlechtsrolle; der Mann ist aufs äußere und öffentliche Leben bezogen, auf Markt, Konkurrenz und Macht, auf Arbeit und Politik und auch auf deren Anonymität, die Frau aufs Innere und Private, aufs Intime und auch aufs Personale; der Mann ist bestimmt von Rationalität und Objektivität, die Frau von Emotionalität und Subjektivität.“2
Auch die Art und Weise, wie Menschen eingeteilt werden, hat sich im Lauf der Geschichte deutlich verändert. „Im Mittelalter wurde Geschlecht primär aufgrund von Kleidung zugeordnet. Frauen, daß heißt Menschen, die wir nach unseren Maßstäben als Frauen bezeichnen würden, lebten nachweislich zum Teil ihr Leben lang, teils sogar verheiratet, als Männer. Sie fuhren z.B. zur See, wo sie auf engstem Raum mit anderen Männern zusammenlebten ohne das sie als Frauen wahrgenommen worden wären. Mit der Herausbildung des modernen bürgerlichen Subjektes wurden viele vorher äußerlich erzwungene Verhaltensnormen internalisiert und gleichzeitig eine klar getrennte Biologisierung der vergeschlechtlichten Körper vorangetrieben einhergehend mit entsprechenden Praxen der Körperformierungen (z.B. Korsett).“3 Daran wird ersichtlich, dass die Kategorisierung in Männer und Frauen ein gesellschaftlicher Prozess ist, bei dem das, was als ,Natur' bezeichnet wird, immer wieder neu festgelegt und dementsprechend ,durchgesetzt' wurde.

b. Biologische und medizinische Zweifel

Auch biologisch ist Zweigeschlechtlichkeit eine Fiktion: Zwischen 2 bis 4 % aller Neugeborenen kommen ohne eindeutige Geschlechtsmerkmale zur Welt und gelten als intersexuell. Dabei werden unterschiedlichste Normabweichungen in der Kategorie Intersexualität zusammengefasst: Gemischte Geschlechtsorgane, Differenzen zwischen äußerlichen Geschlechtsmerkmalen und chromosomaler „Vorgabe“ Beispielsweise gibt es XY-Frauen4, die einen männliche Chromosomensatz aufweisen und dabei äußerlich eine eher weibliche Erscheinung oder ,Mischformen' ausbilden. In der Sexualmedizin wird Geschlecht inzwischen entlang von sechs Achsen gefasst, die völlig gegenläufige Ergebnisse zum geschlechtlichen Status ausweisen können und ein einfaches „entweder oder“ absurd wirken lassen; in der modernen Psychologie gibt es ähnlich differenzierte Modelle.5 Es „kommen ständig neue Hinweise ans Licht, daß bereits auf biologischer Ebene tatsächlich eine Vielfalt von Geschlechtern existiert bzw. daß die Grenzen zwischen den klassischen Geschlechterkategorien durchaus fließend sind. Entgegen dieser Erkenntnis, daß schon im biologischen Bereich viele Zwischenstufen zwischen ,eindeutiger' Männlichkeit und ,eindeutiger' Weiblichkeit existieren, wird an der Idee von der polaren Zweigeschlechtlichkeit festgehalten.“6
Selbst unter Medizinerinnen setzt sich mehr und mehr die Anschauung durch, dass eine eindeutige Definition von Geschlecht unmöglich ist - allerdings hält sie das nicht davon ab, Menschen chirurgisch und hormonell zu ,korrigieren', die biologisch aus dem Rahmen fallen.7 An dieser Praxis wird deutlich, dass Geschlecht eine soziale Setzung ist, die mit aller Gewalt hergestellt wird: Um als natürlich und unhinterfragbar zu erscheinen, muss die zweigeschlechtliche Ordnung (biologische) Abweichungen medizinisch auslöschen.

c. Kulturelle Zweifel

„Es gibt eine Reihe von Kulturen, die mehr als zwei Geschlechter kennen, bzw. in denen andere Zuordnungen stattfinden (Ein ,Geschlecht' für Kinder bis zur Pubertät, ein ,Geschlecht' für gebärfähige Frauen, ein ,Geschlecht' für jüngere Männer, und ein ,Geschlecht' für ältere Frauen und ältere Männer).“8
In Indien und weiteren südasiatischen Gesellschaften leben Menschen, die sich weder als Mann noch als Frau verstehen, in Gemeinschaften zusammen; sie bezeichnen sich als Hijra.9 In einigen mexikanischen Kulturen gibt es die sogenannten Muxe, die teilweise als „Drittes Geschlecht“ begriffen werden. Dieser Begriff ist schwierig, weil einfach nur eine zusätzliche Kategorie aufgemacht wird, um Komplexität zu bannen - und ist damit typisch für den westlich-wissenschaftlichen Umgang mit allem, was an selbstverständlichen Setzungen der eigenen Weltsicht rütteln könnte. Denn faktisch stehen Muxe für zahlreiche Formen von Geschlechtsdarstellung, die nicht klar zugeordnet werden können (unter anderem Männer in einer sozialen Frauenrolle, die mit einem Mann zusammen leben, der auch ein Verhältnis mit einer Frau hat).10
Selbst innerhalb starr zweigeschlechtlich organisierter Sozialsysteme gibt es starke Binnen-Differenzierungen: “Untersuchungen unserer Kultur unter ethnologischen Gesichtspunkten zeigen das es nicht eine Männlichkeit gibt sondern viele unterschiedliche Arten von Männlichkeit z.B. nach Schichtzugehörigkeit und Status. Dabei gelten bestimmte Attribute von Männlichkeit aus der einen Gruppe in der anderen nicht selten als weiblich (Z.B. zurückgenommener Körperhabitus).“11 Je nach Situation kann eine Person mit ,eindeutiger' Geschlechtsidentität Verhaltensweisen annehmen, die als weiblich oder männlich definiert werden oder zwischen ihnen wechseln. Einflussfaktor dafür können unter anderem die sozialen Positionen sein: So verwenden beispielsweise Männer gegenüber Vorgesetzten ein stärker weiblich codiertes Redeverhalten.12 Daran wird erkennbar, dass Weiblich- und Männlichkeiten soziale Rollenbilder mit fließenden Übergängen darstellen, auf die theoretisch von allen Menschen zurückgegriffen werden kann.

d. Soziale Zweifel

Überall auf der Welt gibt es Menschen, die nicht der zugewiesenen Geschlechtsrolle entsprechen können oder wollen. Einige fühlen sich in ihrem Verhaltensrepertoire eingeschränkt, empfinden sich als im ,falschen' Geschlecht, stellen abweichende Geschlechterbilder dar (z.B. Travestie) oder lehnen jegliche Zuordnung ab. Wahrscheinlich haben viele Menschen Erfahrungen damit, sich in konkreten Situationen oder Lebenslagen von Rollenerwartungen eingezwängt zu fühlen, nicht ,richtig' zu sein oder Verhaltensweisen zu zeigen, die nicht zu der offiziellen Gender-Rolle passen. Andere spüren lebenslang die Zumutungen, die damit einhergehen, sich ständig als Frau oder Mann verhalten zu müssen. Nur die wenigsten entwickeln dadurch eine grundsätzliche Opposition zur zweigeschlechtlichen Matrix13, aber die Existenz solcher Bruchpunkte untermauert bereits die Frage, ob es nicht emanzipatorischer wäre, die Festlegung auf zwei Geschlechter zurückzudrängen und schrittweise ganz abzuschaffen. Denn die geforderte Verhaltensnormierung kollidiert - trotz einiger Liberalisierungen - ständig mit der individuellen Selbstentfaltung. Sie lässt zwar Raum für Abweichungen, die aber immer an der Norm gemessen und (von dieser ausgehend) als untergeordnet oder minderwertig klassifiziert werden. So entsteht erheblicher Druck, sich den Geschlechternormen anzugleichen. Bei ihrem Wegfall könnten Unterschiedlichkeiten für sich und nebeneinander bestehen - ohne Rangfolge oder Wertigkeiten.

e. Alltagspraktische Zweifel

„Kategorien sind immer gesellschaftlich produziert und haben den Zweck, menschliche Erfahrungen zu ordnen und zu organisieren.“14
Häufig wird argumentiert, dass Kategorisierungen das Leben einfacher machen würden. Der alltägliche Nutzen, in zwei Geschlechter einzuteilen, ist unter einem bestimmten Blickwinkel sehr fragwürdig: Zum einen dürfte der Prozess der Gender-Identifizierung, auch wenn er fast immer im Hintergrund unseres Bewusstseins abläuft, ständig einen erheblichen Anteil unserer Aufmerksamkeit binden bzw. abziehen. Zum anderen bleibt unklar, was daran praktisch sein soll: Wenn ich vom Geschlecht nicht automatisch auf das Verhalten rückschließe, hilft es mir nicht zu wissen, was mein Gegenüber ,ist'. Die abstrakte Einteilung in Mann oder Frau sagt über die konkrete Person eigentlich nichts mehr aus. Wenn ich z.B. Menschen suche, die sensibel, umsichtig und aufmerksam sind, ist das Geschlechterraster möglicherweise eher ein Hindernis als eine Hilfe, weil es so schematisch angelegt ist und verhindert, dass ich Menschen individuell kennenlerne. Funktional erscheint diese Einteilung vielleicht deshalb, weil Männer und Frauen in diese Gesellschaft aufgrund unterschiedlicher Zurichtung tendenziell bestimmten Stereotypen15 entsprechen.


3. Geschlecht als Konstruktion

Aufgrund der angedeuteten Zweifel gibt es feministische, queere16 und herrschaftskritische Ansätze, welche Geschlecht nicht als natürlich gegeben, sondern als soziale Konstruktion17 begreifen. Dass Zweigeschlechtlichkeit konstruiert ist, soll aber nicht aussagen, sie sei nur eine Phantasie in unseren Köpfen. Sie drückt sich aus in ,handfesten' Gewaltverhältnissen: Ungewollte Anmache, Grenzüberschreitungen und sexualisierte Gewalt18 sind fester Bestandteil dieser zweigeschlechtlichen Normalität. Ansätze, die Geschlecht auf bloße Sprechweisen beschränken, verkennen diese äußerst realen Folgen der Konstruktion.
Doch wie und wo wird Geschlecht eigentlich konstruiert?

a. Diskurse, Zurichtung und ständige Selbstreproduktion

Patriarchale Verhältnisse und Zweigeschlechtlichkeit werden nicht von „oben” durchgesetzt. Sie bilden ein die Gesellschaft durchziehendes Netz. Medien, Werbung, allgegenwärtige Bilder, wissenschaftliche Debatten, Normen und Sozialisation konditionieren Menschen von Geburt an. Geschlechterverhältnisse sind also ein Diskurs, d.h. ein weit verzweigtes Geflecht von Kommunikationsprozessen, die immer wieder nahe legen, dass Menschen in Männer und Frauen eingeteilt werden müssten. Die Vorstellung, dass es nur zwei, einander entgegengesetzte Geschlechter gibt, wird damit fest in den Köpfen verankert und wirkt fort in das individuelle Verhalten. Neben dem allgemeinen Diskurs durchlaufen alle Menschen eine geschlechtsspezifische Sozialisation: Über Erziehung, Prägung durch das soziale Umfeld und weitere Faktoren, werden Menschen zugerichtet, ihrer zugewiesenen Geschlechterrolle zu entsprechen; auch später wirken diese Einflüsse weiter. All das führt wie „von selbst“ dazu, dass fast alle Menschen sich als ,Mann' oder ,Frau' erleben und sich entsprechend ihrer Zurichtung verhalten. Patriarchale Verhältnisse und Rollenlogiken reproduzieren sich so ständig selbst. Praktisch konstituieren sie sich erst durch die Performativität, d.h. werden dadurch immer wieder neu geschaffen.
Die Wirkungsmächtigkeit zweigeschlechtlicher Diskurse erklärt sich unter anderem dadurch, dass Geschlecht verinnerlicht und zum Dreh- und Angelpunkt der persönlichen Identität gemacht wird, z.B. weil unser emotionales und sexuelles Begehren stark damit verknüpft ist. Mann- oder Frau-Sein wird zur Basis jeder Interaktion mit oder Annäherung an andere Menschen, ohne die mensch hochgradig verunsichert wäre. Zudem erhalten wir für erfolgreiche Geschlechtsdarstellungen und angepasstes Rollenverhalten soziale Anerkennung, was es subjektiv sinnvoll macht, sich diesem Regime zu unterwerfen.

b. Institutionalisierung

Zweigeschlechtlichkeit ist auch in institutionalisierte Herrschaft eingebettet. So gibt es medizinische Definitionen, die darüber entscheiden, ob ein neugeborenes Kind männlich, weiblich oder uneindeutig und daher als ,korrekturbedürftig' gilt. Solche Setzungen sind Herrschaft, weil sie willkürlich erfolgen (und ja auch immer wieder geändert wurden), nur von privilegierten Kreisen - Wissenschaftler-, Mediziner- und Juristinnen - vorgenommen werden können und tiefgreifende Folgen für die Opfer haben. Wer Geschlecht definiert, bestimmt darüber, ob Menschen einer chirurgischen Anpassung unterzogen werden oder nicht.
Ein anderes Beispiel sind juristische Setzungen, die nichts anderes als „m“ oder „w“ dulden: Bis heute ist es in Deutschland nicht möglich, sich einen geschlechtlich uneindeutigen Status zu geben. Auch Toiletten oder Formulare auf Behörden sind zweigeschlechtlich ausgerichtet. Veränderungen der offiziellen Geschlechtsidentität setzen voraus, sich medizinisch an das ,neue' Geschlecht angleichen zu lassen, was erheblichen Normierungsdruck entfaltet und die körperliche Unversehrtheit in Frage stellt. Zudem gibt es weitere Hürden: Wer das Geschlecht ,wechseln' will, braucht die ärztliche Diagnose „Transsexualität“. Diese wird als lebenslange (nicht überwindbare!) Persönlichkeitsstörung angesehen, was erhebliche Nachteile (z.B. in Hinsicht auf Jobsuche oder Krankenversicherung) schafft.19

c. Auslöschung von Abweichungen, Körperformierung

Da Zweigeschlechtlichkeit schon auf biologischer Ebene nicht reibungslos ,funktioniert', sind soziale ,Nachbesserungen' erforderlich: „Ohne medizinische operative und medikamentöse (Hormonpräparate/ Wachstumsbremsen für Frauen/ Kindergynäkologie/ Operationen/ usw.) Eingriffe und die Praxen der Körperformierung, z.B. Bodybuilding, Diäten, Enthaarung, Bewegungsdressur würden Menschen sich nackt sehr viel weniger eindeutig geschlechtlich unterscheiden lassen als sie es heute tun. Und auch heute sind die meisten Männer und Frauen sich einander sehr viel ähnlicher als den in der Öffentlichkeit repräsentierten Frauen und Männerkörpern in Werbung und Pornographie.“20 Einen besonders brutalen Ausdruck dieses Normierungsregimes bildet der Umgang mit Intersexuellen: Menschen mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen werden unmittelbar nach der Geburt chirurgisch und hormonell angepasst.


4. Gender und kreativer Widerstand

Leider ist es oft so, dass die Kritik an Zweigeschlechtlichkeit nur an Unis diskutiert wird. Es fehlt an Versuchen, diese Debatten mit verändernder Praxis jenseits der eigenen Nische zu verbinden. Denn irgendwie reicht es mir nicht, dass ein paar ausgewählte, privilegierte Individuen sich besonders schlau vorkommen, weil nur sie „wisssen“, dass Geschlecht konstruiert ist. Um diesen Zustand aufzubrechen, könnte es meines Erachtens spannend sein, Dekonstruktion und die Ideen kreativen Widerstands zusammenzubringen.
Eine Möglichkeit, die Konstruktion von Zweigeschlechtlichkeit und die unangenehmen Folgewirkungen breiter zu thematisieren, könnte Direct Action bieten. Darunter verstehe ich ein Aktionskonzept, welches davon ausgeht, dass Herrschaft inzwischen sehr stark über Diskurse getragen wird. Und auch die Wirkungsmächtigkeit von Zweigeschlechtlichkeit scheint ja damit zusammenzuhängen, dass es keine gesellschaftlichen Räume gibt, die nicht von ihr durchzogen würden. Selbst die ,privatesten' Vorstellungswelten sind davon bestimmt, Menschen in männlich oder weiblich zu kategorisieren.
Direct Action will - knapp formuliert - mittels phantasievollen, kommunikativen Aktionsformen an Diskursen rütteln. Sehr oft geht es darum, ein Überraschungsmoment zu entwickeln, welches Menschen aus ihren normalen Abläufen ,reißt' und dadurch kommunikative Räume öffnet, in denen sogar über Utopien diskutiert werden kann. Dazu werden ungewohnte Methoden verwendet, z.B. Demonstrationen, welche das offensiv bejubeln, was eigentlich abgelehnt wird.
Diesen Ansatz würde ich gerne auf Gender übertragen - also eben darüber nachzudenken, wie Aktionen aussehen könnten, welche die zweigeschlechtliche Normalität hinterfragen. In diesem Text möchte ich mich darauf beschränken, vor allem einige Ideen vorzustellen - wer mehr über Direct Action und konkrete Methoden erfahren will, sei auf http://www.direct-action.de.vu und die Lesehinweise auf der Rückseite dieser Broschüre verwiesen.

4.1 Ideen für kreativen Widerstand gegen Sexismus und Zweigeschlechtlichkeit

Eine Anmerkung vorweg: Das hier ist nur eine unvollständige Liste von Einfällen, die gerne erweitert werden kann. Dazu gibt es ein offenes Wiki, d.h. eine Internetseite, die relativ einfach veränderbar ist: http://deu.anarchopedia.org/index.php/Gender:Aktionsideen.

Krieg, Militarismus
Militär ist auch ein zugespitzter Ausdruck patriarchaler Herrschaftsverhältnisse: Kriege führen zu einer Stärkung oder Reorganisierung von Zweigeschlechtlichkeit auf allen ,Seiten', unter anderem durch massiv herbeigeführte Prostitution oder die Verbreitung von martialischen Männlichkeitsbildern und -praktiken. Systematische Vergewaltigungen von Frauen, aber auch von kriegsgefangenen Männern sind fester Teil der Kriegs- und „Eroberungsstrategie“. Schon in ,Friedenszeiten' gehen Armeen mit Mackertum und Männerbünden einher. Daher können antimilitaristische Aktionen gut mit der Kritik an Zweigeschlechtlichkeit verbunden werden.

Aktionsideen

  • Panzer werden häufig über das normale Bahnnetz durch die Republik befördert und pausieren dabei auf gewöhnlichen Bahnhöfen. Sabotage an Militärtransporten (z.B. Umfärben) kann mit aussagekräftigen Parolen gegen Militarismus und kriegerischer Männlichkeit verbunden werden
  • Kriegerdenkmäler können geteert und gefedert oder mit pinker Farbe ,dekonstruiert' werden; Schablonen- oder freihändige Graffitis können für die inhaltliche Vermittlung sorgen
  • Kreiswehrersatzämter (als Symbol für Militär und Bundeswehr) können vielfältig umgestaltet werden
  • In Bücher oder Zeitschriften mit militaristischen Inhalten vom Format her passende Flyer einlegen, auf denen Zusammenhänge zwischen Krieg und patriarchalen Verhältnissen vermittelt werden
  • „Eine Aktionsmöglichkeit zur Infragestellung ,unserer Jungs in Kabul', d.h. der militärischen Männlichkeitsphantasmen, wäre z.B. satirisch mit einem Ausstiegsprogramm wie für Drogensüchtige an Militärangehörige heranzutreten (aufgeführt werden könnten z.B. die negativen Auswirkungen des Militärdienstes auf Militärangehörige; erhöhte Gewaltbereitschaft, Unfähigkeit zur friedlichen Konfliktlösung, psychosoziale Verelendung, u. u.). Es ginge dabei darum gerade das Elend des Militärdienstes hervorzuheben und damit das Held(Inn)enbild zu zerstören.“1

Medizinische Zuweisungen
Ärzte-Tagungen oder medizinische Kongresse zu Intersexualität können als Aktionsfläche genutzt werden, um die politische Kritik an der Angleichungspraxis und der gewalttätigen Durchsetzung von Zweigeschlechtlichkeit in die Öffentlichkeit zu tragen.

Aktionsideen

  • Umgestaltung und Sabotage am Konferenz-Ort per Graffiti, Schlösserverkleben (schnell aushärtender Kleber plus Nagel ohne Kopf) ...
  • Werbeplakate in der Umgebung verändern und nutzen, um auf die Tagung und das fragwürdige medizinische ,Engagement' hinzuweisen
  • massenhaftes Verkleben kritischer Etiketten im Tagungsort
  • Gegenveranstaltungen, z.B. Utopiezonen, wo Unterschiedlichkeit von Menschen gewünscht ist und nicht in zwei Pole eingeteilt wird
  • Gender-Glücksrad als Mitmach-Aktion aufbauen, das bei Stillstand anzeigt, zu welchem Geschlecht mensch gemacht wird mit entsprechender Begründung aus dem Medizinerinnen-Jargon
  • als Jubel-Demonstration die zweigeschlechtliche Normierung mit schräg-übertriebenen Parolen ,abfeiern' („Danke, dass ihr der Biologie auf die Sprünge helft, damit wir alle Männer und Frauen sein können“, „Medizin macht's wahr: Nur zwei Geschlechter statt chaotischer Vielfalt“)

Werbeplakate
Werbung arbeitet intensiv mit normierenden Geschlechter- und Körperbildern. Männer werden häufig seriös, cool und in aufrechter Haltung dargestellt. Dagegen werden Frauen oft in ungesunden, schiefen Körperhaltungen präsentiert, auf Sexobjekte und ihren Körper reduziert.2 Sie erscheinen so als willenlos und frei „verfügbar“. Das ist nicht die Ursache für sexualisierte Gewalt, wohl aber ein Rahmen, in dem viele Typen sich bestätigt fühlen, die Grenzen von Frauen zu übergehen.

Aktionsideen

  • Spruchblasen anbringen, welche Rollenbilder thematisieren und kritisch hinterfragen (Beispiele: www.projektwerkstatt.de/

download/download_gender.html)

  • Je nach Anzahl der abgebildeten Personen können per Spruchblasen auch Dialoge angedeutet werden, z.B. könnten sich die Marlboro-Helden mit ihrer eigenen Funktion beschäftigen: „Warum reiten wir ständig durch die Prärie?“ - „Es geht darum, Männlichkeit und Abenteuer zu verbinden, damit diese Zigaretten gekauft werden.“
  • Gezielte Veränderung einzelner Worte oder Buchstaben um die Aussage des Plakates zu verändern; genaues Ausmessen ist nötig, wenn die Überkleber genau passen und ,echt' wirken sollen
  • Warnhinweise für Plakate, die ausgehungerte Models abbilden, z.B. „Die Orientierung an hier abgebildeten Schönheitsnormen führt zu Magersucht“
  • Unabhängig von solchen vorbereiteten Aktion lohnt es sich, immer einen großen Marker oder Mini-Sprühdose dabei zu haben

Verstecktes Theater gegen Diskriminierung
Verstecktes Theater ist das Spielen von kleinen Theaterstücken, die nicht als solche erkennbar sind, d.h. authentisch wirken. Dabei können die Schauspielerinnen auch zu ihrer Absicht scheinbar gegenläufige Rollen einnehmen, um den Aufmerksamkeitskorridor zu erweitern und bestimmte Positionen durch Überspitzung ad absurdum zu führen. Ziele können sein, Unbeteiligte zum Eingreifen zu bewegen, Debatten anzuzetteln usw.

Aktionsideen

  • Eine Kasse bei Aldi. In der Schlange stehen mehrere Schauspielerinnen, die eine Szene zum Thema Zwangsheterosexualität vorbereitet haben. Ein lesbisches Pärchen beginnt sich zu knutschen. Ein Schauspieler empört sich darüber, dass diese ,perversen Schlampen' so eine Nummer nicht mehr nur zu Hause durchziehen, sondern jetzt auch noch in aller Öffentlichkeit. Unnatürlich und eklig sei das. Die Situation eskaliert, als der Macker verkündet, beide bräuchten eigentlich nur mal einen anständigen Schwanz zwischen den Beinen, um wieder klarzukommen. Die Reaktion der Umstehenden folgt prompt. Eine Frau aus der Schlange schnauzt ihn an, was ihn es angehe, wen und wie Leute küssen, andere unterstützen sie, sogar die Kassiererin erklärt, dass der Macker bei der nächsten Bemerkung die Filiale verlassen dürfe. Einmischung erfolgreich - die Schauspielerinnen nutzen die Situation, um - natürlich immer noch in ihren Rollen - mit den Umstehenden über Sexismus und heterosexuelle Normierung zu reden.
  • Mögliche Wirkungen: Unbeteiligte dürften zum Nachdenken angeregt worden sein, sich Einmischende haben gelernt, den Mund aufzumachen und zu einer Meinung zu stehen. Dennoch besteht die Gefahr, dass durch eine undeutliche Überspitzung selber wieder Klischees bedient werden - anstatt diese ad absurdum zu führen. Daher bedarf verstecktes Theater der intensiven Vor- und Nachbereitung.

Keine Angaben zum Geschlecht

  • Beim öffentlichen Ausfüllen von Behördenformularen o.ä. die Angaben zum Geschlecht verweigern und das lautstark begründen
  • Oder den Vorgang hinterfragen „Warum muss ich mich entscheiden, Mann oder Frau zu sein?“, „Warum ist das jetzt gerade wichtig, ob ich ,m' oder ,w' ankreuze?“
  • Bei schriftlich einzureichenden Unterlagen (ohne öffentliche Vermittlung) ist es möglich, die vorgegebene Antwortstruktur unterlaufen, indem z.B. mehrere Kreuze oder eines zwischen ,m' und ,w' gemacht wird (kann mit Kommentaren inhaltlich begründet werden)
  • Felder leer lassen und kritische Fragen bzw. Bemerkungen daneben setzen

Produkte verändern
Die Konditionierung auf Geschlechterrollen findet überall statt - auch in jedem Laden. Viele Produkte (Videos, DVDs, Zeitungen, Bücher, Spielzeug mit normierten Geschlechterbildern ...) bieten sich an, kritisch ,kommentiert' oder einfallsreich verändert zu werden, z.B. mit Etiketten, Aufklebern oder passenden Einlegern, auf denen inhaltlich vermittelt werden kann. Zusätzlich kann auf Internetseiten verwiesen werden.

Aktionsideen

  • Schönheitsprodukte können mit Warnhinweisen („Vorsicht: Schönheitswahn kann zu ständigem Druck und Magersucht führen“) bestückt werden
  • Oder Inhaltsstoffangabe präzise überkleben („Dieses Produkt enthält 100% Schönheitsnormen“)
  • Etiketten für Preisschildchen in Kindermodeabteilungen mit Spruch „Der Preis dieser Ware: Lebenslange Festlegung auf ein Geschlecht - Umtausch nicht möglich“ und weiterführender Webseiten-Adresse (ein paar gibt es im Literaturverzeichnis am Ende der Broschüre)
  • Produkte gendern (per Aufkleber), die vorher noch nicht zugeordnet waren und dadurch die Einteilung lächerlich und hinterfragbar machen, z.B. Kaffee für Männer, Äpfel für die Frau usw. Oder in Läden lautstark nach solchen Produkten fragen ...

Zeitungen, Bücher
Es gibt unglaubliche Massen von Büchern, Magazinen und Zeitschriften, die normierte Rollenaufteilungen und -klischees verbreiten. Frauenmagazine z.B. schreiben weiblich definierten Menschen die Rolle der Hausfrau zu, während der Typ arbeiten geht. Die reduzierte, monotone Themenauswahl erweckt den Eindruck, als ob Frauen sich „natürlicherweise“ für Mode, Schönheit, Kochen und Familie interessieren würden. Geschichten beliebter Promis und deren ,privateste' Enthüllungen sollen die Monotonie des eigenen Lebens verdecken. Schon ,Mädchenzeitungen' betreiben Starkult und Schönheitswahn. Aber auch Druckerzeugnisse ohne ausdrücklichen Verweis auf Geschlecht transportieren fast immer Rollenbilder und Sexismus.

Aktionsideen

  • Eine Möglichkeit sind Einleger für Zeitungen oder Bücher, die deren Inhalt offen kritisieren
  • Denkbar sind aber auch offiziell wirkende Beileger, in denen z.B. ein Teil der Redaktion sich von den Inhalten des Magazins distanziert usw.
  • Oder einen Flyer einlegen, auf dem die Redaktion ein Zurückgabeangebot unterbreitet wegen zahlreicher Beschwerden aufgrund sexistischer Klischees und deren Folgen ...
  • Über kleine Spruchblasen können die abgebildeten Stereotype hinterfragt werden

Spielzeug
Auch über Spielzeug werden schon sehr früh Rollen zugeordnet und eingeübt sowie heterosexuelle Normen produziert. Puppenküchen mit buntem Plastikgeschirr, Barbie und Ken ... all das soll bei weiblich definierten Menschen dazu führen, dass sie schon als Kind Fürsorge für andere und Aufopferung bist zur Selbstaufgabe lernen.. Auf der anderen Seite Eisenbahnen, Modelle von Bundeswehrflugzeugen, Panzer und grüne Soldaten, Actionfiguren und klobige Roboter für Jungen. Sie sollen sich von Anfang an als Handelnde fühlen, die alles nur aus den eigenen Augen sehen und dabei ihre Gefühle zu unterdrücken lernen.

Aktionsideen

  • Barbiepuppen und Action-Helden können mittels Spruchblasen zu überraschende Aussagen („Ich bereite dich auf ein Leben hinterm Herd vor“, „Ich stehe für Männlichkeitswahn“) gebracht werden
  • Denkbar ist auch, offiziell wirkende Warnhinweise (wie auf Zigarettenschachteln) auf Packungen von Barbie, Superman & Co. anzubringen („Vorsicht: Dieses Spielzeug kann zur Festigung einer einengenden Geschlechterrolle führen“)
  • Technisch aufwendig, aber interessant wäre, die Sprachausgabe solcher Puppen zu verändern
  • Als Reporterinnen-Team vom Mars (dort gibt es keine Zweigeschlechtlichkeit, weshalb mensch auf naive Weise herrschaftskritisch sein kann!) in seltsamer Montur und mit ausgeschnittenem Bildschirm in Spielzeugabteilungen auftauchen und Menschen befragen, warum es Mädchen- und Jungenspielzeug gibt, was die dahinter stehenden Einteilungen sollen; dabei immer wieder andere Personen (z.B. Verkaufspersonal) einbeziehen, um eine hohe Aufmerksamkeit und Dynamik zu erreichen (mehr zur Aktionsform: http://www.mars-tv.de.vu)

Sprache als Aktionsfeld
Sprache reproduziert Zweigeschlechtlichkeit und die damit verbundenen Hierarchisierungen, z.B. das Reden in der männlichen Form. Außerdem wird fast immer das Geschlecht benannt, obwohl es für das Verständnis des Gesagten nicht von Bedeutung ist. Sprache kann daher als ein Aktionsfeld betrachtet werden, das immer verfügbar ist. Es geht nicht darum, eine politisch korrekte Ausdrucksweise vorzuschlagen oder gar durchsetzen zu wollen. Ziel ist es, durch irritierende Sprechweisen ein Nachdenken und Diskussionen auszulösen.

Aktionsideen

  • Geschlecht unwichtig machen, indem geschlechtsneutrale Formulierungen verwendet werden, wenn Geschlecht nicht von Bedeutung ist
  • Die geschlechtsneutrale „is“-Form (Aktivistis, Studis, Polizistis) verwenden und die entstehende Irritation nutzen, um über Zweigeschlechtlichkeit und deren Unsinn zu debattieren
  • durchgängig die weibliche Form benutzen
  • Leute ständig mit wechselnden Worten (sie als er und umgekehrt) ansprechen, von sich selbst mit ,falschen' Geschlechtsbezeichnungen reden

Ehe, Familie
Ehe und abgeschottete Kleinfamilien, immer noch weit verbreitet, erhalten patriarchale Verhältnisse aufrecht. Durch ihre Abkopplung ist es kaum möglich, die Gewalt- und Herrschaftsverhältnisse in Familien anzugehen, z.B. geschlechtsspezifische Erziehung. Auch sexualisierte Gewalt spielt sich mehrheitlich im familiären Nahumfeld ab. Durch steuerliche Anreize und Vorgaben (es können nur zwei Menschen heiraten) sichert die BRD ab, dass viele Menschen sich über das Ehe-Modell organisieren.

Aktionsideen

  • Hochzeitsmessen angreifen oder umnutzen, indem z.B. der Laufsteg (wo Hochzeitsmode vorgeführt wird) für Performances oder eine stilisierte Mini-Demo erobert wird
  • Standesämter farblich umgestalten und kritische Anmerkungen zu Ehe und Kleinfamilie auf den Wänden hinterlassen
  • Aktionen zur Streichung des besonderen Schutzes der Ehe im Grundgesetz und für ein Wahlverwandtschaftsrecht3

Weitere, ungeordnete Aktionsideen

  • Gehwegschilder mit stilisierter Abbildung von Mutter im Rock mit Kind verändern, z.B. mit Edding eine Spruchblase aufmalen: „Papi, darf ich auch einen Rock tragen?“ oder „Was haben Röcke mit Kinderbetreuung zu tun
  • Als Gruppe sozialer Frauen in der Schule nach einem Drittel der Stunde aufstehen und gehen mit der Ansage, dass das Lehrpersonal den männlichen Schülern unabhängig von der Qualität ihrer Beiträge zwei Drittel ihrer Aufmerksamkeit zukommen lässt4
  • Vatertag nutzen, um mittels Aktionen die männliche Dominanz im öffentlichen Raum zu thematisieren.
  • Schilder in Umkleidekabinen von Modegeschäften anbringen, welche die zweigeschlechtliche Codierung von Kleidung anzweifeln
  • Etiketten auf Toiletten (als Spruch z.B. „Sexismus runter spülen“)
  • Graffitis auf Polizeistationen oder Bereitschaftspolizei-Kasernen können neben der grundsätzlichen Kritik an Repression auch den männerbündischen Charakter dieser Institutionen benennen
  • Sich als Mann in einer Parfümerie ausführlich über Nagellack oder weiblich definierte Parfums beraten lassen, vielleicht mit weiteren Personen, die vermittelnd eingreifen
  • Uneindeutige, irritierende Geschlechtsdarstellung in der Öffentlichkeit, z.B. durch ,falsche' Kleidung, Mimik oder Verhalten ...
  • Flyer auslegen, die auf der Vorderseite ein Werbeangebot mit geschlechterstereotyper Aussage, z.B. „Wickeln für Frauen“. Auf der Rückseite steht die Frage „Was hat Wickeln mit Frauen zu tun?“ und ein Text, der sich damit beschäftigt, wie solche Zuschreibungen wirken. Diese Logik der „Anti-Verarschung“ ist vielfältig einsetzbar, um Menschen ihre eigene Zurichtung und Manipulierbarkeit bewusst zu machen. Möglich ist auch, auf diese direkte Aufklärung zu verzichten. Statt dessen auf eine Anmelde-Internetseite verweisen oder zu einem ersten Treffen einladen, wo dann im Gespräch vermittelt werden kann, was die Absicht der Aktion war (Vorteil: intensivere Kommunikation, allerdings dürfte auch mit Verärgerung zu rechnen sein)
  • Schon ein T-Shirt mit dem gut lesbaren Spruch „Müssen Menschen immer Männer oder Frauen sein?“ kann für Nachfragen oder irritierte Blicke sorgen - ausreichend, um in Alltagssituationen (z.B. im Zug) in Diskussionen über Geschlechterverhältnisse einzusteigen
  • Sabotage gegen Firmen, die von Frauenausbeutung profitieren; ohne Aufforderung zur Nachahmung sei an die Praxis der Roten Zora (sog. terroristische Gruppe) gegen den Adler-Textilkonzern erinnert: Über Anschläge unterstützen militante Gruppen - aus ihrer Sicht - die Streiks von Textilarbeiterinnen in Südkorea. In den dortigen Produktionsstätten von Adler waren ökonomische und sexistische Ausbeutung eng miteinander verbunden5
  • „Von der Zerstörung der Penetrationsmetaphysik (der Ideologie ,Richtiger Sex' ist nur mit Penetration) zur Entwichtigung der Sexualität. Um dies zu erreichen könnten z.B. Praxen aus der Ethnomethodologie verwendet werden, wie wäre es z.B. mit einer Museumsausstellung zu den heterosexistischen Ritualen und Dogmen weißer Männchen zu Beginn des 21. Jahrhunderts (von der Methodik her angelehnt an die Völkerschauen des 19ten Jahrhunderts - nur der Blick auf eben die weiße Mittel- und Oberschicht in Deutschland gerichtet).“6


4.2 Doing Gender als alltägliche Inszenierung

„Geschlecht ist nicht etwas, das wir haben, schon gar nicht etwas, das wir sind. Geschlecht ist etwas, das wir tun.“1 Zweigeschlechtlichkeit reproduziert sich nicht nur über abstrakte Diskurse, sondern durch das alltägliche Verhalten von Menschen, die sich als Männer oder Frauen empfinden. „Der komplexe und vielfältige Prozeß der Sozialisation hat zur Folge, daß sich Individuen in aller Regel als eindeutig männlich oder weiblich betrachten und dieses Merkmal für einen wesentlichen Aspekt ihrer Identität halten. Sie haben sich einen hinreichenden Anteil der ihnen zugewiesenen kulturellen Gendervorstellungen einverleibt und drücken ihr Geschlecht durch eine ihrer Geschlechtsidentität angemessene Weise der äußeren Erscheinung, des Handelns, Fühlens und Denkens aus. Sie essen und trinken wie ein Mann oder wie eine Frau, sie kleiden und verhalten sich wie ein Mann oder wie eine Frau, sie denken und fühlen wie ein Mann oder eine Frau, sie sprechen und handeln wie ein Mann oder eine Frau.“2
Dieser Prozess wird als doing gender („Geschlecht machen“) bezeichnet. Geschlecht wird in diesem Ansatz weniger als innere Haltung oder fixe Identität, sondern als Ergebnis von Handlungen und Interaktionen aufgefasst. Dadurch scheinen Veränderungspotentiale auf, die sich für eine irritierende Praxis anbieten - gerade im Alltag.

Mehr als Crossdressing
In manchen politischen Zusammenhängen ist die Idee des doing gender immerhin angekommen, allerdings in einer stark verkürzten Aufnahme: So wird das Verändern von Kleidung und äußerlicher Erscheinung unter geschlechtsspezifischen Aspekten - auch ,Crossdressing' genannt - häufig als karnevalistisches Event betrieben. In manchen Subkulturen ist es inzwischen trendy, sich als Mann mit Haarspange und farbig lackierten Fingernägeln auszustatten. Die gesellschaftliche ,Matrix' vereinnahmt und vermarktet inzwischen solche uneindeutigen Selbstdarstellungen. Wer sich nicht vom queeren Look blenden lässt und die unterschiedlichen Ebenen geschlechtlicher Inszenierung betrachtet, kann entdecken, dass viele Aspekte männlichen Rollenverhaltens überhaupt nicht angetastet werden - z.B. mangelnde Sensibilität, Mackertum, raumeinnehmendes Sprechen ... Nicht gegen den Experimentiercharakter, sondern deren Verklärung als radikalem undoing gender3 wendet sich meine Kritik. Zweigeschlechtlichkeit und die damit verknüpften Rollenbilder verschwinden nicht durch modische Gags oder gelegentliche Rollenwechsel in Ausnahmesituationen. Sie sind so tiefgreifend in die persönliche Identität eingeschrieben, dass es ein klein wenig anstrengender wird, die zweigeschlechtliche Ordnung zu unterlaufen. Eine oberflächliche, verklärte Praxis verhindert vielleicht sogar eine grundsätzliche Auseinandersetzung und Veränderung.
Außerdem ist zu berücksichtigen, dass antisexistische Praxis nicht nur uneindeutigere Inszenierungen umfassen sollte, zumal sich darin bereits Privilegien andeuten: Ob Frauen und Männer in sozialen Schichten mit ,härteren' ökonomischen Zwängen, die Rollenaufteilungen begünstigen, überhaupt so viel Raum haben, ihr doing gender zu reflektieren und ob das für sie relevant ist, bezweifle ich stark. Die praktische Überwindung von Rollenaufteilungen, Gewalt- und Eigentumsverhältnissen und vielfältigen Benachteiligungen aufgrund von Geschlecht ist ebenso wichtig und ergibt sich nicht (und schon gar nicht allein) aus Crossdressing oder ähnlichen Praxen.

Aspekte geschlechtlicher Inszenierung
Doing Gender, der Prozess der ständigen Selbstreproduktion von Geschlechterrollen hat viele Facetten. Diese unterschiedlichen Ebenen können sich durchaus widersprechen, ohne die zugewiesene Rolle als brüchig erscheinen zu lassen. Vieles, was Menschen nachdrücklich als ,männlich' oder ,weiblich' erscheinen lässt, steht im Hintergrund oder entspringt unbewussten Handlungen. Sie bedürfen daher einer Bewusstmachung, z.B. durch Beobachtung, gegenseitiges Spiegeln sowie Mitteilen von Wahrnehmungen.

  • Mimik: ,Männlich' ist, einen möglichst ausdruckslosen Gesichtausdruck zu tragen, der nichts über die inneren Befindlichkeiten verrät (dieses Verhalten ist so stark antrainiert, dass es für viele Männer tatsächlich schwierig ist, die gesamte Bandbreite von Gesichtsmuskeln einzusetzen); die Augen starren durch andere hindurch. Frauen sollen hingegen immer lächeln, freundlich blicken und Emotionalität ausdrücken. Aufgrund der zunehmenden Verschärfung kapitalistischer Konkurrenzlogiken wird die männlich codierte Mimik immer mehr verallgemeinert.
  • Körpersprache: Die Art und Weise zu stehen, zu sitzen, die Hände zu bewegen ... nahezu alles ist männlich oder weiblich vordefiniert. Untersuchungen und alltägliche Erfahrungen zeigen, dass Frauen tendenziell viel eher unstabile Körperhaltungen annehmen, die auf das Selbstbewusstsein zurückwirken, die Arme und Hände eng am Körper halten usw. Mit einer männlichen Selbstinszenierung wird hingegen verbunden, offensiv Raum einzunehmen, sich breit zu machen, bequem einzurichten.
  • Stimme und Tonlage: Obwohl alle Menschen biologisch eine große Bandbreite von Stimmlagen umsetzen können, gibt es zwischen Männern und Frauen starke Unterschiede in Modulation (z.B. Tonlage), Lautstärke, Rhythmus oder Pausensetzung. Bestimmte Sprechweisen sind geschlechtlich codiert4: Eine laute, sonore Stimme mit schwach ausgeprägter Modulation (wenig Tonlagenwechsel) wird als männlich identifiziert, ebenso wie das Betonen durch Lautstärkewechsel. Für Frauen ,gilt': „mit leiser Stimme, in vergleichsweise hoher Stimmlage und in variableren Intonationsmustern sprechen, die Töne länger ausgleiten lassen und stärker behauchen und die Arme dabei eng am Körper halten. Solche Verhaltensmuster wirken exaltiert, emotional involviert, emphatisch und wenig selbstbewußt. Sie würden einen Mann bedeutend unmännlicher wirken lassen. In der bewußten männlichen Selbstdarstellung tauchen solche Merkmale daher nur dann auf, wenn eine Frau oder ein schwuler Mann imitiert werden sollen.“5 Männer, die mit hoher Stimme sprechen, werden von ihrer Umgebung stark zurecht gewiesen und so zur Normangleichung gedrängt.
  • Lachen: Selbst die Art und Weise, wie Menschen lachen, ist sozial antrainiert und zweigeschlechtlich klassifiziert: Stoßartiges Lachen aus dem Bauch = männlich; schrilles, hohes oder musikalisches Lachen = weiblich. Mehrheitlich sind es Männer, die das Lachen initiieren, während Frauen tendenziell häufiger mitlachen - auch in dieser Aufteilung drücken sich Machtverhältnisse aus.
  • Redeverhalten: Ausuferndes Monologisieren, polemische Angriffe gegen andere und objektivierende Formulierungen gelten als männlich; unsicheres Reden mit vielen Abschwächungen („ich weiß nicht genau“, „vielleicht“) und nachfragendem Ton als weiblich.
  • Kleidung: Frauen-Schuhe sind oft eng und unbequem, während Männer-Schuhe viel Spielraum lassen; weibliche Klidung dient vorrangig der Zurschaustellung des Körpers, weniger praktischem Nutzen.
  • Soziales Verhalten: Wer kümmert sich um was, wer kocht, wer beschäftigt sich in einer Gruppe mit den emotionalen Problemen der Einzelnen, wer nimmt es wahr, wenn andere traurig sind und spricht diese an, wer hört zu, wer kümmert sich um Technik ... entlang dieser und tausend anderer Fragen kann untersucht werden, welche geschlechtlichen Codierungen und Rollenbilder sich im sozialen Verhalten abzeichnen.
  • Begehren: Da Zweigeschlechtlichkeit und Sexualität zur Zeit eng mit einander verbunden sind bestätigen sich Menschen auch auf dieser Ebene ständig in ihrer Geschlechtsidentität. Es ist für viele Menschen ein wesentlicher Teil des eigenen Selbstverständnisses, sich auf Männer oder Frauen zu ,orientieren'.

Performativität
„Während Performanz verstanden als Aufführung oder Vollzug einer Handlung ein handelndes Subjekt vorauszusetzen scheint (das ist auch die Position der Sprechakttheorie), bestreitet der Terminus Performativität gerade die Vorstellung eines autonomen, intentional agierenden Subjekts. Die Performativität einer Äußerung unterstreicht deren Kraft, das Äußerungssubjekt und die Handlung, die sie bezeichnet, in und durch diesen Äußerungsakt allererst hervorzubringen.“6
Vielleicht denkst Du jetzt: Oh je, schon wieder so ein akademisches, hippes Fremdwort. Die Überlegungen, die sich hinter dem Begriff verbergen, können für die alltägliche Infragestellung von Zweigeschlechtlichkeit allerdings spannende Impulse liefern. Performativität, bezogen auf Zweigeschlechtlich bedeutet ungefähr so viel: Geschlecht ist nicht etwas, das in uns drin steckt und nach außen gewendet wird, sondern unsere Handlungen und Verhaltensweisen schaffen diesen Eindruck erst, insbesondere durch die vielen Wiederholungen. Der Effekt richtet sich auf andere, betrifft aber auch uns selbst: Jede Handlung wirkt auf mich zurück und formt mich - und erscheint dabei rückwirkend als Identität, als das vermeintliche ,innere Wesen'.

Beispiele aus dem Kontext von Zweigeschlechtlichkeit:

  • Das Tragen eines Rockes macht etwas mit der Trägerin, fördert einen unsicheren Stand und umsichtigere Bewegungen, die sich auch in der ,inneren' Haltung (z.B. stärkere Unsicherheit) niederschlagen.
  • Leises, fast gehauchtes Reden mit steigender Intonation (klingt freundlich-fragend und ist weiblich codiert) hat einen beruhigenden Effekt. Durch die Wirkungsmächtigkeit der Äußerungsformen wird die so redende Person zu dem, was diese als innere Identität erscheinen lassen.
  • Wer übt, mit geöffneten Beinen zu sitzen (für viele Frauen keine Selbstverständlichkeit aufgrund ihrer Zurichtung) und einen sicheren Stand zu entwickeln, erlebt sich selbstbewusster und wird von anderen auch eher so wahrgenommen.

Angesichts dessen, wie perfekt eingeübt und vehement die Geschlechtsdarstellungen wiederholt werden, ist nachvollziehbar, warum es so einfach fällt, dahinter eine unumstößliche Identität wahrzunehmen. Wenn aber die Darstellung selbst von so erheblichem Gewicht ist, bieten sich auch Möglichkeiten der Ab- und Verwandlung.

Perfomativität und doing gender nutzbar machen
Weil Weiblich- und Männlichkeiten immer Idealvorstellungen bilden, denen kein Mensch völlig gerecht wird, müssen wir uns ständig aufs Neue durch unser Verhalten und darauf folgende Reaktionen in unserer Identität bestätigen. Travestie ist etwas, was wir alle betreiben: „Wenn es sozusagen einen Wiederholungszwang gibt, dann erzeugt die Wiederholung die Identität niemals voll und ganz. Die Tatsache, daß es überhaupt eine Notwendigkeit zur Wiederholung gibt, ist schon ein Indiz dafür, daß Identität nicht mit sich selbst identisch ist. Sie muß immer wieder eingerichtet werden, das heißt, sie ist in jeder ,Pause' in Gefahr, abgeschafft zu werden.“7 Das bedeutet auch, dass es zwar nicht möglich ist, Geschlecht einfach abzulegen, wohl aber, die Wiederholung abzuwandeln. Wer sich die Ebenen geschlechtlicher Inszenierung klar macht, kann auch bewusst versuchen, andere Verhaltensweisen anzunehmen, vorsichtiger mit Privilegien umzugehen oder verschiedene Ebenen gegeneinander auszuspielen. Mögliche Ziele: Die Aneignung eines breiteren Verhaltensspektrums, die Überwindung von Rollenverhalten, das Nachempfinden der Wirkungen von geschlechtlicher Darstellung und damit verknüpfter Ungleichheiten, die Herbeiführung von Verwirrung über den geschlechtlichen Status ...
,Einsatzgebiete' können sowohl geplante Performances oder Aktionen, aber auch gerade der Alltag sein, in dem wir gefordert sind, eine eindeutige Geschlechtsidentität vorzuweisen, zu ,spielen'. Gezielte und überspitzte Rollenwechsel können helfen, die Absurdität der bestehenden Rollen offen zu legen.
Daneben dürfte besonders interessant sein, mittels widersprüchlicher und ,schräger' Geschlechtsdarstellungen die zweigeschlechtliche Zuordnung zu erschweren. Eine Möglichkeit wäre wechselndes Verhalten oder die Verbindung nicht zusammenpassender Ebenen (z.B. hohe, ,hysterische' Stimme und Hip Hop-Outfit; auffälliger Bart und zierliche Bewegungsabläufe). Einen geschützten Rahmen für das Ausprobieren anderer Darstellungs- und Verhaltensweisen könnten Workshops oder Crossdressing-Partys bilden, wo Menschen erst einmal locker experimentieren können, ohne sich den prüfenden Blicken der Normalität aussetzen zu müssen. Nur sollte gender trouble, das Aufbrechen zweigeschlechtlicher Logiken, nicht in diesem engen Szenerahmen stehenbleiben. Zumindest wenn der Anspruch besteht, den zweigeschlechtlichen Alltag zu hinterfragen - überall!

Problemlagen
Ich wollte mit diesem Text eigentlich helfen, sich Ausdrucksformen geschlechtlicher Inszenierung bewusst zu machen - und so aneignen zu können. Meine Absicht ist nicht, von allen Menschen zu fordern, sich ab nun möglichst (immer) uneindeutig geben zu müssen.
Dieser Hinweis ist vielleicht wichtig, weil ich selber die Gefahr kenne, reflexhaft alles abstreifen zu wollen, was ich oder andere als männlich definieren. Das kann sogar zu Selbsthass führen, dazu, meinen Bart- oder Haarwuchs zu verwünschen, weil sie mich ungewollt deutlich gendern. Und ich kenne auch soziale Frauen, die lange Haare oder Röcke zwar manchmal schön finden, beides aber nicht tragen, weil sie sonst mädchenhaft wahrgenommen würden.
Damit enstehen neue Codes ... vielleicht so etwas wie die Norm des Queeren, nicht ganz Eindeutigen. Und auch Zweigeschlechtlichkeit wird eigentlich nicht überwunden, sondern in ihrer Macht nochmals bestätigt. Genau das erscheint mir nicht erstrebenswert und wäre eine Folge, welche dieser Text nicht veranlassen wollte.

Sollen alle Verknüpfungen wirklich gelöscht werden?
Mein Traum wäre, dass bestimmte Verhaltensweisen, Gesten oder Äußerlichkeiten keine allgemeinen Zuschreibungen mehr nach sich ziehen. Ich will, dass Menschen so aussehen können, wie sie wollen, ohne dafür eingeteilt und bewertet zu werden. In einer noch zu schaffenden Welt, wo Unterschiede nebeneinander und für sich stehen könnten, würde es sicher auch Menschen geben, die äußerlich dem entsprächen, was heute als extrem weiblich oder männlich gilt. Aber sie würden dafür nicht damit bestraft, in ein kompaktes Paket eingeschnürrt zu werden: Ohne die Verknüpfungen (z.B. „lange Haare = weiblich”, „tiefe Stimme = männlich”) gäbe es nur noch Individuen mit spezifischen Merkmalen, aus denen nichts mehr abgeleitet würde.
Eine bewusst abweichende Inszenierung soll nicht einfach alles verdrehen, sondern Menschen befähigen, ihre Individualität vielfältiger zu entwerfen. Insofern geht es für mich auch bei einem reflektierten doing gender darum, sich selbst zu entfalten - und zwar jenseits von Zwängen und Zweiteilungen. Sich nicht zu schminken, abzuschminken, Röcke zu tragen, Bärte anzukleben, nur weil es schräg wirken könnte. Sondern weil es dir gefällt.

4.3 Direkte Intervention

Sexismen und Grenzüberschreitungen, oft Ausdruck patriarchaler Strukturen, durchziehen den Alltag. Die Formen können stark variieren - nur ein paar Beispiele: Männer, die Frauen hinterher pfeifen ... Männer, die Frauen schwere Gegenstände ungefragt abnehmen ... ungewünschte Berührungen während eines Gesprächs ... sexistische Sprüche, die Menschen aufgrund des Geschlechts allgemein be- und abwerten („Männer wollen immer nur das eine ...“, „Frauen gehören hinter den Herd“, „Ich brauche mal zwei starke Männer“) ... Herabsetzungen bis hin zu Gewalt gegen Männer, die nicht den gesetzten Normen entsprechen (sich „weiblich“ verhalten, Männer erotisch finden, in der Öffentlichkeit weinen usw.) ...

All das ist prägend für den Alltag (nicht nur) von Frauen; dennoch fehlt es fast vollständig an offensiven, direkten Umgangsweisen mit dieser unschönen Wirklichkeit. Direkte Intervention könnte ein Weg unter vielen sein, das zu verändern.
Direkte Intervention bezeichnet für mich das direkte Eingreifen bei Diskriminierung aller Art ohne Meta-Struktur über den jeweils Handelnden. Die Akteurinnen handeln autonom und nicht als Vertretung eines (z.B. per Plenumsbeschluss) konstruierten „Wir". Wichtig ist dabei der Kommunikationsaspekt, d.h. dass die Handlung darauf abzielt, Denkprozesse anzustoßen, und mit kommunikativen Elementen verbunden ist: Die Betroffenen und andere Menschen bauen eine direkte Gesprächsebene auf, vor allem zum Opfer, zu den TäterInnen und eventuell zu denen, die nicht gehandelt haben. Ziel der Kommunikation mit den TäterInnen ist intensive Reflexion und die Verdeutlichung der klaren Kritik an gewaltförmigem Verhalten.
Die konkreten Formen des Eingreifens können vielfältig sein - möglich sind: Einmischen, laut werden, Hilfe holen, die Person über Tricks aus der Situation raus ziehen („Da ist ein Anruf für dich ...“). Ein wirkungsvolles Eingreifen kann aber auch über schräge, theatralische Mittel aus dem Spektrum der Kommunikationsguerilla realisiert werden: Du könntest dem oder - deutlich seltener - der Täterin eine Urkunde für unsensibles Verhalten verleihen (es reicht ja ein kleiner, immer greifbarer Zettel). Solche Negativpreise bieten sich vielleicht auch für die an, welche weggeschaut haben ...

Soziale Intervention
Sexistische Übergriffe entstehen nur selten aus dem Nichts. Fast immer haben sie ein ,Vorspiel' mit „leichteren“ Grenzüberschreitungen (z.B. unerwünschte Anmache, körperliches oder verbales Bedrängen, aufdringliche Blicke). Viele dieser Situationen - auf Kongressen oder Camps, in Kneipen oder Zentren - sind öffentlich. Das Umfeld schaut weg, der Täter fühlt sich im Weitermachen bestätigt. Die fehlende allgemeine Aufmerksamkeit und konkrete Sensibilität für Diskriminierung machen somit Grenzüberschreitungen erst möglich. Der Vergewaltiger hinter der dunklen Ecke bildet die Ausnahme: Der größte Teil sexistischer Anmachen und ,Vorstufen' zum Übergriff findet in Familien, unter Bekannten oder zumindest innerhalb nicht-anonymer Situationen statt. Daher besteht immer die Möglichkeit, mittels direkter Intervention eine weitere Eskalation zu verhindern - in der Regel vor der Anwendung von Gewalt und meist auch noch vor starken Übergriffen.
Debatten in der linken Szene setzen fast immer erst bei Vergewaltigungen oder konkreten Übergriffen an. Dann geht es um Rauswürfe oder Beschlüsse - oft martialisch durchgesetzte Einzelakte, die über das Fehlen von antisexistischer Handlungsfähigkeit hinwegtäuschen. Diese Fixierung ist meines Erachtens fatal, weil sie verhindert, dass darüber nachgedacht wird, was eigentlich Schritte sein könnten, um Sexismus in seiner ganzen Breite ,abzusägen'. Gerade deshalb wäre es sehr wichtig, endlich mit einer Kultur der Direkten Intervention anzufangen ...


Steigerung: Genitale Korrekturen an intersexuellen Menschen

Allgemein wird angenommen, daß ausschließlich zwei biologische Geschlechter existieren, Frau und Mann. Diese Einstellung wird nicht näher differenziert und reflektiert, ist doch die Zuordnung nach den Geschlechtsorganen angeblich eindeutig beim jeweiligen Geschlecht angelegt: Eierstöcke oder Hoden. Genetisch werden Frauen und Männer auf die Chromosomen XX oder XY (Karyotyp) festgelegt. Dabei gab es schon immer Menschen, deren biologisches Geschlecht keine eindeutigen Merkmale trägt: seit nahezu 50 Jahren werden sie einem der beiden Geschlechter chirurgisch und hormonell zugewiesen. Eltern sollen nicht in Verlegenheit kommen, sich mit gesellschaftlich definierten Abnormalitäten auseinandersetzen zu müssen. Für die Betroffenen hingegen entstehen massive Folgeschäden.

Von Hermaphroditen zu Intersexuellen
Bereits in griechischen Sagen tauchen zweigeschlechtliche Mischwesen auf, die sogenannten Hermaphroditen (eine Mischung aus der Göttin Aphrodite und dem Götterboten Hermes). Hermaphroditen wurden in den Göttersagen bewundert. Im alten Rom jedoch wurden die menschlichen Hermaphroditen als Monster betrachtet und in einem ,Reinigungszeremoniell' verbrannt.
Im Laufe der Jahrhunderte wandelte sich das Verständnis vom Hermaphroditen zu einem Syndromkomplex mit Krankheits- und letztendlich pränatalem Abbruchswert. Im 6. Jahrhundert hatte der Vater das Geschlecht zu bestimmen, eine spätere Umentscheidung des Erwachsenen wurde mit dem Tode bestraft. Langsam milderten sich die Strafen, eine Neuorientierung im Erwachsenenalter wurde im 17. und 18. Jahrhundert möglich. Gleichzeitig wurde die Feststellung des Geschlechts von der juristischen an die medizinische Hand abgegeben. Diese fühlte sich zunehmend berufen, das ,wahre Geschlecht' herauszufinden, denn es herrschte alsbald die Meinung, Hermaphroditen kämen nur bei Pflanzen und niederen Tieren vor, bei Menschen ließe sich entweder das wahre Geschlecht erkennen oder die Geschlechtsorgane seien stark unterentwickelt. Im 19. Jahrhundert wurde die Möglichkeit einer standesamtlich unauffälligen Änderung des Geschlecht per Randvermerk eingeführt. Ab dem 20. Jahrhundert wurden seitens der Medizin bis dato existierende diagnostische Möglichkeiten durch Hormon- und Chromosomenanalysen erweitert. In diesem Rahmen wurde auch der Begriff ,Intersexualität'1 entwickelt, mit den Untergruppierungen feminine und maskuline ,Scheinhermaphroditen'. Als dritte Gruppe wurden die ,echten' Hermaphroditen beibehalten. Doch dabei blieb es nicht: Man(n) untersuchte die Ursachen dieser medizinerseits verstandenen Abnormalitäten und kreierte etwa 13 verschiedene Syndrome, welche allesamt als behandlungsbedürftig erklärt wurden. Die bekanntesten Gruppen lauten: Turner-Syndrom, Hermaphroditismus Verus, Sweyer-Syndrom, Noonan-Syndrom, Klinefelter-Syndrom, Adrenogenitales Syndrom, Androgeninsuffizienz-Syndrom (auch testikuläre Feminisierung genannt), progestin-induzierte Intersexualität und sind u.a. aufgrund gonadaler, chromosomaler und/oder hormoneller Varianzen vorzufinden. MedizinerInnen schufen sich hier selbst einen Markt und erklärten sich zu Spezialisten.
Ab 1930 wurden zur Therapie der vielfältigen Krankheiten - Hermaphroditen als eigenständige Gruppe waren inzwischen abgeschafft - zeitgleich chirurgische und hormonelle Korrekturmöglichkeiten entwickelt. Zunächst wurden diese ,Korrekturen' Erwachsenen angeboten, die jedoch oftmals dankend ablehnten. Daraufhin griff man ab Ende der 40er Jahre auf Kinder zurück. Eine geschlechtliche Zuweisung richtet sich bis heute primär nach der chirurgischen Machbarkeit, ,it's easier to make a hole than to build a pole' (es ist leichter ein Loch zu machen als einen Stab zu bauen), statt der noch im 18. Jahrhundert gültigen juristischen Richtlinie ,in dubio pro masculo' (im Zweifel für die Männlichkeit).

Nur wenige erfüllen die geschlechtliche Norm
Medizinisch entspricht ein Mensch der Norm, wenn er auf dem 23. Chromosomenpaar die Chromosomen X und X - oder X und Y - trägt und bei der Geburt eine Klitoris kleiner als 1 cm oder einem Penis über 2,5 cm hat. Dabei existieren alle Längen des Lustorgans dazwischen sowie verschiedene Ausprägungen - von einer doppelten bis zu keiner Vagina; gleich verhält es sich hinsichtlich der Uterusstruktur; Gonaden (Eierstöcke oder Hoden) können sehr komplex und gemischt angelegt sein; hormonelle Werte verursachen verschiedene Behaarungsausprägungen. Die Gesellschaft und Medizin definieren hiervon diverse Personengruppen als ,intersexuell' (0,4 - 4 Prozent der Gesamtbevölkerung - Statistiken wurden bezeichnenderweise nie erhoben). Unter weiblichen Menschen werden 5-15 Prozent als genital fehl- und mißgebildet angesehen. Davon gelten 70 Prozent gelten als virilisiert, also vermännlicht. Für männliche Menschen gibt es genitale Fehl- und Mißbildungen nur in sehr geringem Umfang, etwa 1-7 Prozent, eine Verweiblichung wird z.B. körperlich bisher nicht als krank angesehen. Allen geschlechtlichen Ausprägungen zufolge existieren mindestens 4000 Geschlechter, oder sogar so viele, wie es Menschen gibt.

Zuweisungsrichtung als medizinische Willkür
Wird eine Person mit sichtbar ambivalenten Genitalien bereits nach der Geburt erkannt, so richtet man sich nur nach dem chromosomalen Befund. Bei XX oder X0 wird fraglos feminisiert, befindet sich ein Y im Chromosomensatz, richtet sich eine Zuweisung nach der diagnoseabhängig zu erwartenden Penisgröße mit zufriedenstellender Penetrationsfähigkeit. Diese hat zwar ideellen Vorrang, setzt jedoch hohe Maßstäbe und führt daher in der Praxis eher selten zu einer Maskulinisierung. Das gonadale Geschlecht spielt hier eine untergeordnete Rolle, ein psychosexuelles Geschlecht konnte sich bei einem Baby noch nicht entwickeln. Syndromabhängig gibt es in medizinischen Fachbüchern haarsträubende Zuweisungstabellen.
Fällt ein Kind erst in späteren Jahren auf und lebte beispielsweise bereits mehrere Jahre als ,Frau', so ist dies nach der Medizin beizubehalten und eine entsprechende ,Korrektur', trotz u.U. gegenläufigen chromosomalen Befundes, zur Fixierung des bisher gelebten Geschlechtes einzuleiten. Sofern ein Individuum als ,Mann' definiert wurde, ist wiederum die tatsächliche oder noch auszureifende Penislänge das entscheidende Kriterium und kann durchaus ein Grund zur Feminisierung des Kindes in späteren Jahren sein. In jedem Falle kann das bürgerliche Geschlecht nachträglich verändert werden.
Manchmal werden Intersexuelle unter Vorspielen eines Pornofilmes auch selbst nach ihrer genitalen Wunschrichtung befragt: „Willst du ficken oder gefickt werden?“2 Zusammengefaßt bedeutet dies, daß die geschlechtliche Zuordnung bei gleichem Phänotyp (äußeres Erscheinungsbild) in verschiedenen Kliniken unterschiedlich gehandhabt wird, zumal manche Ärzte Penisaufbauplastiken favorisieren und daher vermehrt Intersexuelle männlichen Geschlechtes produzieren. Generell ist jedoch eine starke und weiter steigende Feminisierungstendenz auszumachen, egal wie schlecht das chirugische Ergebnis ästhetisch und funktionell ausfällt. Es „herrscht die soziale Anschauung vor, daß es für ein weibliches Individuum mit reduzierter Genitalfunktion leichter sei ,im Leben ihren Mann zu stehen' als für ein männliches Individuum mit verminderter Geschlechtsfähigkeit“ (Bolkenius 1982, S. 249).

Medizinische Intervention ohne Zustimmung
Heute werden etwa 90 Prozent aller ehemals Intersexuellen zu Frauen korrigiert und gesellschaftlich zumeist auch als solche wiedererkannt, bei etwa 30 Prozent der sogenannten genitalen Fehl- und Mißbildungen wird chirugisch interveniert. Je nach Abweichung vom ärztlicherseits definierten Geschlecht werden Hormone verabreicht, chirurgisch ein Penis vergrößert, Hodenimplantate eingesetzt oder eine Klitoris verkleinert, neue Vaginen konstruiert, Gonaden (Eierstöcke, Hoden) entfernt oder Venuslippen (auch: Schamlippen, Labien) wegoperiert.3 Es können dutzende gynäkologische Untersuchungen folgen, in dessen Rahmen Körpergröße, Phänotyp, Gewicht, Regelmäßigkeit der Hormoneinnahmen kontrolliert und fotografische Abbildungen von Genitalregionen erstellt werden.
Da Diagnosestellungen insbesondere im Rahmen der Intersexualität oftmals bereits ab Geburt erfolgen, beginnen zu diesem Zeitpunkt auch medizinische Maßnahmen. Geschlechtliche Korrekturen sollten in den 80er Jahren vor Ende des 2. Lebensjahres vorgenommen werden, zwischenzeitlich verspricht man sich bessere Erfolge bei einem Eingriff in der 6. Lebenswoche. Hormonelle Substitutionen (,Ersatzhormongabe') werden sofort eingeleitet. Sofern sich eine Chromosomenvariation bereits pränatal feststellen ließ, wird im Rahmen der medizinischen Indikation zu einem Abort geraten. Bei bereits aufgetretenen Fällen von Intersexualität in der Familie werden der Mutter hohe Hormondosierungen während der Schwangerschaft verabreicht, um intrauterin [in der Gebärmutter, Anm.] eine Virilisierung des Embyos zu vermeiden. Diese Methode zeitigt einen ,Erfolg' von 66 Prozent. Alle anderen Kinder werden dennoch zugewiesen.
Eine Erwägung, das Kind bis zum entscheidungsfähigen Alter zu belassen, wie es auf die Welt gekommen ist, findet nicht statt. Eltern werden nicht über Intersexualität informiert, sondern nur über befundene Abweichungen. So wird ausschließlich im diagnostischen Krankheitsbild und oftmals in nicht verständlicher Sprache referiert. Kontakte zu kritischen Gruppen intersexueller Erwachsener werden nicht angeboten. Eltern haben somit keine autonome Entscheidungsmöglichkeit. Auch fehlt eine Kommunikationsmöglichkeit mit unkorrigierten Intersexuellen, da unseres (organisierte Intersexuelle) Wissens nach in Europa keine belassen wurden.

Erfahrungen Zugewiesener
Niemand kontrolliert MedizinierInnen bei ihren Eingriffen. Somit kann keine repräsentative Aussage getroffen werden, ob und in welchem Ausmaß Folgeschäden aus den ,Behandlungen' entstehen. Doch in zunehmendem Maße gruppieren sich ehemals Intersexuelle in Selbsthilfeorganisationen, um auch Öffentlichkeit herzustellen. Begonnen hat 1993 die Intersex Society of North America (ISNA), welche mittlerweile ca. 150 Mitglieder umfaßt und neben einem intensiven Austausch untereinander Kontakte zu WissenschaftlerInnen, Medien sowie vereinzelten, kritischen ÄrztInnen pflegt. Allen derzeit existierenden Organisationen ist gemeinsam, daß sich hieran Angeschlossene trotz korrigierter Genitalien und Körper als Intersexuelle oder HermaphroditInnen definieren.
Unserer Recherchen ergaben, daß etwa 60 Prozent der Intersexuellen Suizidversuche vorgenommen haben. Viele bewegen sich unerkannt im Rahmen des zugewiesenen Geschlechtes. Allen ist gemeinsam, daß sie am Rande des Erträglichen leben. Eine nicht unerhebliche Anzahl (ca. 20 Prozent) hat erfolgreichen Suizid begonnen. Sehr wenige arbeiten politisch zur Thematik.
Zur Pro- und Contradiskussion von Zuweisungen möchte ich folgendes Zitat zur gedanklichen Anregung nennen:
„In 70 Fallstudien Heranwachsender und Erwachsener, welche mit sichtbar anormalen Genitalien aufwuchsen ... erachtete man nur eine Person der angeführten als potentiell psychotisch, und diese potentielle Krankheit war verbunden mit psychotischen Eltern und nicht mit sexueller Uneindeutigkeit. ... Sogar Ärzte früherer Interventionen erkannten, daß eine Anpassung an ungewöhnliche Genitalien möglich ist.“ (Fausto-Sterling)
Organisierte Intersexuelle stellen fest: durch geschlechtliche Zwangszuweisungen an nicht einwilligungsfähigen intersexuellen Kindern entsteht ein erheblich höherer psychischer Schaden, als dies durch Ablehnung seitens der Bevölkerung jemals möglich sein wird, ganz abgesehen von physisch irreparablen Schäden. Menschen besitzen ab Geburt zwar keine ausgeprägte Identität, aber eine Integrität und ein Gefühl für Intaktheit.
Als extrem einschneidend in ihrem Leben als Erwachsene beschreiben alle sich zum Thema Äußernde die genitalen Korrekturen, welche die Möglichkeiten einer erfüllten Sexualität für alle Zeiten versagen, und zwar unabhängig davon, ob eine Reduktion oder eine Totalamputation des Lustorgans erfolgte. Weiterhin wird als äußerst belastend die erlebte Isolation sowie Unkenntnis der Umwelt und damit Unmöglichkeit, sich offen zur Thematik auszutauschen, formuliert. Nahezu alle fühlen sich im ,falschen', da konstruierten Körper. Etwa 15 Prozent der Zugewiesenen wünschen sich eine Revision. Diese Personen werden zumeist fälschlicherweise als Transsexuelle deklariert.

Intersexuelle als "Laborratten"
Zu den chirurgischen Eingriffen selbst sind ebenfalls äußerst kritische Stimmen bekannt, welche von ,Schlachtfeld' bis ,Totalschaden' zur Bewertung des OP-Bereiches reichen. Von extremen Traumatisierungen durch die Behandlungen ist die Rede, dem Gefühl, sich niemals anderen Kindern zugehörig gefühlt oder extreme Isolation während der gesamten Adoleszenz erfahren zu haben (trotz Zuweisung). Schmerzhafte Untersuchungen sind ebenso in Erinnerung wie auch als Vergewaltigung erlebte Penetrationen während gynäkologischer Untersuchungen und Bougierungen.4 Demütigend und entwürdigend sind körperliche Abtastungen jeder Art sowie Bildmaterialerstellung. Einige beschreiben ihren stationären Aufenthalt schlicht in der Funktion als ,Laborratte' und auch im häuslichen Bereich fühlten sich einige als fortbestehendes ,Krankengut', ohne daß ihre eigene Persönlichkeit wahrgenommen wurde. Viele wünschen sich ihre ehemaligen Genitalien zurück und einige wenige, welche nicht zugewiesen wurden, beschreiben ihre Jugend zwar nicht als besonders glücklich, sind aber froh, keine medizinische Interventionen erlebt zu haben.
Etwa 30 Prozent aller Intersexuellen leben keinerlei Beziehungen. Ein überwiegender Anteil, etwa 60 Prozent, definiert sich im Rahmen des zugewiesenen Geschlechtes als homosexuell. Dies ist insoweit von Bedeutung, als daß Eltern zur Zuweisungslegitimation auch der Wunsch nach einem erfüllten Eheleben prognostiziert und suggeriert wird.
Im Rahmen eugenischer Bestrebungen wird Intersexualität tendenziell nicht mehr existieren. Dies hat zur Folge, daß nicht nur die gesamte Bevölkerungsgruppe der Hermaphroditen systemtisch ausgelöscht wird. Auch jegliche sichtbare Vermännlichung des Weiblichen wird einer ,lolitaorientierten' Sichtweise (Frauen sollen mädchenhaft erscheinen) unterworfen und angepaßt. Zunehmende Ausweitung der Kindergynäkologie auf immer jüngeres Klientel trägt hierzu ebenso bei wie die standardisierten Ultraschall-Untersuchungen, bei welchen auch der genitale Aspekt regelmäßig kontrolliert wird. PädiaterInnen (KinderärztInnen), Kinder- und ErwachsenengynäkologInnen, UrologInnen, PsychologInnen und ChriurgInnen sind in diesem Bereich tätig.

Eine gewalttätige Philosophie
Grundlage einer phantasierten geschlechtlichen Bipolarität ist das Denken in Zweier-Gegensätzen, das sogenannte dichotome Denken. Diese Philosophie ist äußerst gewalttätig, denn „sie ist ohne Zweifel die Spaltung in Geist einerseits und in Körper, Materie, Stofflichkeit andererseits; genauer die Herauslösung des Geistes aus dem Leib und der Natur, sowie deren anschließende Herabwürdigung zur geistlosen Materie. Nach dem Vorbild und Modell dieser Trennung sind alle anderen, uns nur zu bekannten und vertrauten Gegensätze wie Natur - Kultur, Leben - Tod, Rationalität - Gefühl, Kopfarbeit - Handarbeit und nicht zuletzt Männlichkeit - Weiblichkeit geformt und formuliert worden. Dabei handelt es sich aber nicht um rein deskriptive Feststellungen, da diese Form der Gegenüberstellung immer schon eine Wertung impliziert.“ (Rainer 1995, S. 14) Dichotomes Denken ist daher nicht in der Lage, das Besondere auch als solches zu akzeptieren, da das Besondere kein Gegenteil besitzt und daher keinen Wertevergleich zuläßt, sondern in seine Einheit besteht. Jede Inanspruchnahme einer Dichotomie dient meiner Meinung nach einer lebensvernichtenden Atmosphäre, der Necrosphäre.
Birgit-Michel Reiter (Ungekürzte Version: www.nadir.org/nadir/initiativ/kombo/k_34isar.htm

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