Knast
Aus ProjektWerkstatt
Knast - Alptraum in Mauern
Wofür gibt es Gefängnisse?
Jetzt, da ich diesen Artikel schreibe, verbringe ich mein elftes Jahr im Gefängnis. Aber, dessen können sich LeserInnen sicher sein, ich werde mich nicht auf die Gedanken eines Mannes begrenzen, dessen intellektuelles und biologisches Universum so lange Zeit von vier Wänden der Maße 2x4 Meter begrenzt wurden!
Der judikative (rechtliche) Blickwinkel
Die Juristen sagen: Gefängnis ist keine Bestrafung, es ist nur Freiheitsentzug. Es ist schwierig, noch scheinheiliger zu sein! Das ist so, als würde ich zu meiner Tochter sagen: Weil Du nicht nett warst, wird Dir Dein Nachtisch entzogen, aber sei gewiss: es ist keine Bestrafung, es ist nur der Entzug des Nachtischs. Abgesehen von der Folter kann ich mir nicht vorstellen, was als Bestrafung für einen Menschen noch schlimmer sein könnte. Außerdem ist es sehr verkürzt zu sagen, Gefängnis sei Freiheitsentzug.
Erstens ist Freiheit in einer kapitalistischen und repressiven Gesellschaft etwas sehr relatives. Mein Wörterbuch nennt die folgende Definition für Freiheit: „Die Fähigkeit, ohne Zwang zu handeln.“
Wenn Du 40 000 Franc im Monat verdienst, hast Du die Möglichkeit, 40 000 Franc auszugeben, und keinen mehr. Wenn Du arbeitslos bist und nur 25 000 Franc im Monat zur Verfügung hast, wird Deine „Freiheit“ von diesen 25 000 Franc völlig eingeschränkt. In einer Gesellschaft, in der Du für alles Geld brauchst - für Essen, Trinken, Kleidung, Wohnung, Unterhaltung ... sogar zum Pissen, weil die Urinale nicht umsonst benutzt werden dürfen - wird Geld Deine Freiheit immer ernsthaft einschränken. Im Gegenteil, die Reichen haben die größte Freiheit und unterliegen den geringsten Zwängen.
Gilbert Cesbron schrieb: Wie kann jemand glücklich sein, allein in sieben Zimmern zu wohnen, wenn die Nachbarn zu siebt in einem hausen?
Andererseits hast Du nicht die Freiheit, 130 km/h auf einer einsamen Autobahn zu fahren, weil Du sonst bestraft wirst. Du hast nicht einmal die Freiheit zur Ablenkung, denn wenn Du vergisst, Geld in den Parkautomaten zu werfen, wirst Du auch bestraft! Das ist etwas, was mir im Gefängnis nicht passieren wird! Es stimmt, dass mein Körper nicht frei ist, aber mein Verstand ist es. Zum Beispiel habe ich die Freiheit, um 10 Uhr morgens fernzusehen, während Sie arbeiten oder diese Freiheit nicht haben! Der Gefangene hat also Freiheiten, die Sie draußen nicht haben. Folglich ist es nicht die Freiheit, die der/dem Gefangenen entzogen wird, sondern das Leben! Der/Dem Gefangenen wird alles geraubt, was das Leben menschlich macht, und alle Vergnügungen, kurz: das Leben! Ich denke, das größte Vergnügen im Leben sind Frauen, Sex, Liebe, Zärtlichkeit. Das gibt es im Gefängnis nicht. Das zweite Vergnügen ist die Gastronomie. Nun, im Gefängnis isst Du Scheiße. Wein und Bier gibt es nicht. Zum Mittagessen gibt es nichts zu trinken. In manchen Gefängnissen gibt es keine Toilette in der Zelle - nur einen stinkenden Eimer; es gibt keinen Wasserhahn, man trinkt abgestandenes Wasser aus einer Schüssel, mit dem mensch auch Geschirr und sich selbst wäscht. Morgens und abends gibt es etwas Kaffee, aber der ist für mich nicht trinkbar. Einen Vogel auf einem Ast sitzen sehen, oder einen Sonnenuntergang zu bewundern, das gibt es nicht im Gefängnis. Einen Freund auf der Terrasse eines Cafes zu sehen und ein Glas mit ihm zu trinken, das gibt es nicht. Menschliche Beziehungen gibt es nicht im Gefängnis. In Sint-Gilles blieb ich 24 von 24 Stunden täglich in einer dreckigen Zelle. (Gefangene, die die Gefängnisse in Frankreich, den Niederlanden, in Deutschland kannten, sagten mir, dort wären die Zellen komfortabler als hier.) Ich ging nie zur Erholung: von zweistündigem Im-Kreis-Gehen gelangweilt zu werden und zehn Meter hohe Wände zu betrachten, auf denen sich Stacheldraht befindet, ist schlimmer, als sich in der Zelle zu langweilen und die Fernsehprogramme durchzuschalten oder Karten zu spielen. Gefängnis ist also wirklich der Entzug des Lebens, nicht von Freiheiten. Mensch wird sogar der Lebenspläne beraubt. Einen Tag am Meer zu planen, einen Film, einen Abend mit Freunden - kommt alles nicht in Frage. Gefängnis bedeutet, stückweise zu sterben, gelangweilt zu sein, gelangweilt zu sein, immer gelangweilt zu sein. Allein zwischen vier Wänden. Oder zu zweit in einer Zelle, was noch schlimmer ist. Für manche bedeutet es sogar, jeglicher Hoffnung beraubt zu sein: wer rauskommt, steht ohne alles da - ohne Haus, Möbel, Auto, Geld, Job, Frau. Vielmehr sogar Millionen an Schulden: zivilrechtliche, Gerichtskosten, Strafen ... Alle außer den wenigen Privilegierten müssen dann mit 21000 Franc im Monat auskommen, bis zum Tod von der Sozialhilfe leben. Wer wagt es da noch zu sagen, dass Gefängnis nichts weiter ist als Freiheitsentzug? Ein Mitgefangener sagte mal: „Gefängnis bedeutet, lebendig begraben zu sein.“
Der Blickwinkel der Spezialisten
Gefängnisse sind wie „Brutplätze“, aus denen die Leute als größere Gefahr für die öffentliche Sicherheit herauskommen als zu dem Zeitpunkt, als sie hineingesteckt wurden. (Philippe Toussaint, Rechtsreporter im Journal des Procès) [...] Paradoxerweise ist Gefängnis kein Weg, Kriminalität zu bekämpfen, sondern es trägt zu deren Ausbreitung bei ( Georges Kellens, im Journal des Tribunaux Nr. 5888).
Die Spezialisten haben verstanden, wofür es Gefängnisse gibt. Aber ich möchte ein Beispiel geben, damit auch Laien verstehen, warum jemand das Gefängnis 10 Mal gefährlicher für die öffentliche Sicherheit verlässt, als sie oder er es betreten hat. Ein Dieb hat mir seine Geschichte erzählt. Ich verändere Details, sodass er nicht erkannt werden kann: Meine Freundin und ich wollten eine Familie gründen, aber wir wurden zur gleichen Zeit und auf brutale Weise arbeitslos. Ein Freund überzeugte mich, mit ihm Diebstähle zu begehen. Einige Zeit lang hatte ich ein gutes Leben, aber ich übertrieb es und wurde von der Polizei erwischt. Mein Anwalt sagte mir, ich würde drei Jahre kriegen, aber es wurden fünf. Er riet mir, in Berufung zu gehen. Es wurden sieben Jahre! Das Geld, das ich beiseite gelegt hatte, verschwand in den Taschen des Anwalts. Er sagte, ich müsste nur zweieinhalb Jahre von den sieben absitzen, aber ich bin schon das vierte Jahr im Gefängnis, und es ist keine Freilassung in Sicht. Meine Freundin hat schon seit langem einen anderen. Wenn ich rauskomme, werde ich nackt wie ein Baby sein. Ich werde nicht jeden Job für 35 000 Franc im Monat erledigen für einen Chef, der Millionen-Profite in seine Taschen schiebt. Also habe ich keine andere Wahl, als wieder zu stehlen. Aber dieses Mal werde ich viel cleverer sein. Die anderen Diebe haben mir alle Tips gegeben. Mein alter Partner hatte zu viel Angst bei der Arbeit, jetzt habe ich einen besseren Partner gefunden. Ich hatte einen schlechten Weiterverkäufer, jetzt habe ich die Adresse eines guten. Wenn ich in Brüssel wohne, werde ich in Liège einbrechen, oder umgekehrt. Mensch wird nie wieder gestohlene Güter bei mir finden. Es müssen sehr clevere Polizisten sein, die mich wieder fangen wollen. Wenn ich früher in Häuser einbrach, war ich nie bewaffnet, weil ich nur einige Jahre wegen Diebstahls riskieren wollte, aber nicht wegen Mordes. Jetzt wird es umgekehrt sein: ich werde immer bewaffnet sein, wenn ich einbreche. Und wenn mich der Besitzer überrascht, werde ich ihn einfach niederschießen, damit er mich nicht verpfeifen kann. Da haben Sie den Effekt, den das Gefängnis auf einen Dieb hatte, der, unter uns gesagt, nie im Leben zum Einbrecher geworden wäre, wenn er nicht so plötzlich seine Arbeit verloren hätte, als er gerade eine Familie plante. Und sprechen Sie zu einem Gefangenen nicht von Reue, Gewissen, von Demokratie oder Respekt vor dem Leben: dies sind Ideen, die im Gefängnis kaum existieren. In Ihrer besch... Gesellschaft gibt es überhaupt keinen „Respekt vor dem Leben“, denn das Leben eines Menschen zu respektieren bedeutet nicht, seine biologische Existenz zu respektieren, sondern seine Lebensqualität. Ein Chef, der das Recht hat, mit einem Strich seines Stiftes 3000 Menschen arbeitslos zu machen und seine Fabrik auf der anderen Seite der Welt neu aufzubauen, wo die Arbeit 100 Mal weniger kostet als in Belgien, dieser Chef hat überhaupt keinen Respekt vor menschlichem Leben. Dieser Mensch sagte, der „konstitutionelle Staat“ ist nichts weiter als die Legalisierung des Rechtes der Stärksten, die Schwächsten zu treten. Solange es keine wirtschaftliche und soziale Demokratie gibt, solange wird politische Demokratie eine Lüge bleiben, schrieb M. Bakunin. Leser, haben Sie jetzt verstanden, warum das Gefängnis einen 10 Mal gefährlicher macht, als mensch vorher war?
Der Blickwinkel des Gefangenen
Dies ist leicht zusammenzufassen: JedeR Gefangene weiß, dass sie/er im Gefängnis hauptsächlich zwei Rechte hat: das Recht, gelangweilt zu sein, und das Recht, den Mund zu halten. Wenn nicht - ins Loch. Wir haben gesehen, dass Gefängnis vor allem den Entzug des Lebens bedeutet, aber für einen Gefangenen ist es noch etwas mehr: neben der Langeweile ist es die Selbstzerstörung, die Zerstörung der eigenen Fähigkeit, sich zu konzentrieren und Entscheidungen zu treffen, die Zerstörung des physischen Zustandes, des Gefühlslebens, der eigenen Sexualität ... Tatsächlich entscheidet mensch im Gefängnis nie über irgend etwas: weder, was mensch essen will, noch wann. Mensch entscheidet nicht über die Stunde oder den Tag des Duschens. Damit Wasser fließt, muss mensch einen Knopf drücken. Weil die meisten Knöpfe kaputt sind, muss mensch einen Finger ständig auf dem Knopf lassen, und das Wasser ist oft eiskalt oder zu heiß. Mensch entscheidet nicht über die Stunde, zu der abends das Licht ausgeht, noch über die Stunde, zu der es morgens eingeschaltet wird. Es gibt keinen Schalter in der Zelle. Der Wärter schaltet das Licht von außerhalb der Zelle. Mensch kann nicht einmal über die Regelung der Heizung entscheiden, wenn mensch friert oder es zu warm findet: es gibt keinen Regler am Heizkörper. Mensch entscheidet nicht über das Wechseln der Bettlaken, wenn sie dreckig sind. Sie werden alle zwei Wochen gewechselt. Seit sieben Jahren habe ich nicht mehr darüber entschieden, welche Kleidung ich anziehen werde: ich werde immer dieselben grauen Leinenhosen tragen, dasselbe dunkelblaue Hemd, denselben grauen Mantel, dieselben Socken, dieselben schwarzen Schuhe, dieselben zu großen oder zu kleinen Unterhosen. In einer Welt, die für immer von vier Wänden von zwei mal vier Metern begrenzt wird, passiert nie etwas Angenehmes.
Letzte Nacht habe ich nicht viel geschlafen. Ein Abhängiger wurde verhaftet, der jetzt auf Entzug ist. Die ganze Nacht schrie er: Ich habe Schmerzen, ich werde sterben. Heute morgen kam eine Abwechslung: ich hörte einen heftigen Streit zwischen einem Wärter und einem Gefangenen. Der Gefangene wurde zum Loch gezogen, und ich höre ihn regelmäßig schreien: Oberwärter, H...sohn.
Ständig höre ich den Lautsprecher vor meiner Zelle: Rückkehr von der Erholung, vorbeigehende Arbeiter, 214 zum Sozialarbeiter, 128 zum Rechtsanwaltsraum, Männer für die Körper-Durchsuchung (nach jedem Besuch ...).
Gestern erhielt ich meine Kisten mit persönlichen Gegenständen aus dem Gefängnis von Huy (?) zurück, in das ich aus Versehen für fünf Tage verlegt wurde. Ich stellte fest, dass eine Kiste mit für mich wichtigen Gegenständen fehlte. Sie „ging verloren“, ich werde sie nie mehr zurückbekommen.
Vor einigen Wochen wurde mir der Zutritt zur Kantine verweigert. Nachdem ich eine Beschwerde eingereicht hatte, stellte die Buchhaltung fest, dass es noch einen Depouhon gab, und als er in ein anderes Gefängnis verlegt wurde, gaben sie ihm mein ganzes Geld! Es wurde zurückgezahlt, aber da mensch in der Kantine nur einmal pro Woche bestellen kann, musste ich eine Woche lang ohne Tabak und Kaffee auskommen.
In dem Gefängnis von Huy weigerte sich ein Moslem, dem seine Religion verbietet, sich nackt zu zeigen, seine Unterhose auszuziehen. Ergebnis: ins Loch. Ich betone, dass er nicht kämpfte und keine Drogen schmuggelte. Er weigerte sich lediglich aus religiösen Gründen, seine Unterhose auszuziehen. Lang leben die Menschenrechte!
Mensch könnte Seiten mit ähnlichen Details füllen. Aber weil in den Zellen niemals etwas passiert, erreichen solche Details die Dimension echter Ereignisse. Und diese Ereignisse sind, ohne viele Ausnahmen, ärgerlich, erniedrigend, herabstufend, scheiße, schwächend, kindisch ... Muss ich hinzufügen, dass ein Gefangener, nachdem er Jahre in so einer Hölle verbracht hat, nicht mehr normal ist und manchmal das Gefängnis wie ein verrückter Hund verlässt?
Ich habe gerade eine interessante Arbeit gelesen: „Der aggressive Mensch“ von P. Karli (Neuro-Biologe), das er gemeinsam mit Odile Jacob 1989 veröffentlichte. Der Autor zeigt im Besonderen, dass, wenn mensch einen perfekt sozialisierten Erwachsenen nimmt und ihn für nur vierzehn Tage isoliert, sich dann bereits neuro-chemische Veränderungen im Gehirn zeigen. Können Sie sich vorstellen, was im Gehirn eines Menschen vorgeht, der zehn Jahre in dieser Hölle isoliert wird? Dieser Mensch ist nicht nur nicht mehr normal, sondern er verlässt das Gefängnis in einem viel gefährlicheren Zustand für die öffentliche Sicherheit als dem, in dem er sich vorher befunden hat.
Fazit
Also, wozu ist Gefängnis gut, wenn mensch es gefährlicher verlässt? Ich werde es Ihnen sagen: Gefängnis dient in erster Linie dazu, die Güter der Reichen vor dem Neid der Armen zu beschützen. Natürlich beschützt es sie nicht vor den etwa 9000 Personen, die sich jetzt in Gefängnissen befinden und keine Angst hatten (? und vor denen sie keine Angst hatten/haben?). Aber es beschützt die Reichen vor den Millionen von Arbeitslosen, Ausgeschlossenen, Geringverdienenden, Marginalisierten ... die Angst davor haben, ins Gefängnis zu gehen. Wäre es nicht so, dann gäbe es schon lange keine Gefängnisse mehr. Natürlich ist es nicht sinnvoll, (alleine) für die Abschaffung der Gefängnisse zu agitieren - Kapitalismus funktioniert nicht ohne Repression, es gäbe sofort einen Bürgerkrieg. Mensch sollte gegen die Ursachen und nicht gegen die Symptome der Krankheit agitieren: Kapitalismus, und in erster Linie für die Transformation der Aktien-Gesellschaften in kooperative Gesellschaften. Innerhalb dieser ökonomischen Organisation, in der soziale Gerechtigkeit anstelle „repressiver Gerechtigkeit“ die Realität ist, werden Sie sehen, wie die Gefängnisse sich leeren, während sie jetzt bis zum Platzen gefüllt sind.
- Jean-Paul Depouhon, 4 rue de la résistance, 4500 Huy, Belgium
Ursprünglich in französisch veröffentlicht: « La prison, ça sert à quoi ? ». In: Alternative Libertaire 214, February 1999, auf englisch übersetzt vom „anarchist black cross-gent“, mit ein paar kleinen Änderungen von Jean-Paul Depouhon, Juli 2002.
Jean-Paul Depouhon ist ein belgischer anarchistischer Gefangener, der im Moment im Gefängnis von Huy einsitzt. Er wurde 1989 verhaftet, im Alter von 42 Jahren; ihm wurde Mord und versuchter Mord vorgeworfen. Obwohl er immer seine Unschuld beteuerte, wurde er wegen Beihilfe zum Mord zu 20 Jahren verurteilt. 1995, während eines halbtägigen besonderen Freigangs anlässlich des Todes seines Vaters, gelingt ihm die Flucht. Im Ausland, im Untergrund, und ohne irgendwelche Mittel zum Überleben, raubt er mehrere Banken aus, um zu überleben. Im Februar 1998 wurde er erneut verhaftet.
Es sieht so aus, als leide er unter eher willkürlicher Zensur der Gefängnisverwalter in Huy. Wir versuchen herauszufinden, was genau da passiert, und wir bitten jeden, Jean-Paul (weiterhin) zu schreiben. Wenn Sie kürzlich mit Jean-Paul Kontakt hatten, dann informieren Sie bitte abc-Gent. Danke. abc_gent@yahoo.com
8 Tage U-Haft in Stammheim ...
Ansichten und Innenansichten aus dem Knast
Dienstag, 14. Mai ... die Konzernchefs und viele weitere Teilnehmis* der „Jahrestagung Kerntechnik“ betreten die Suttgarter Liederhalle. Nur ca. 30 Protestierende sind trotz bundesweiter Mobilisierung in Anti-Atom-Kreisen vor dem Eingang. Zwei versuchen eine Sitzblockade im Eingang - der Rest guckt zu. Weitere Aktionen folgen. Vom Dach des neben dem Eingang stehenden Hochhauses wird ein Transparent heruntergelassen, Rufe ertönen von oben. Die Polizei versucht vergeblich, auf das Dach zu gelangen - die Türen sind verbarrikadiert. Drei Stunden können wir 6 Aktivistis aus Stuttgart und Mittelhessen am dem Dach agieren. Dann gelingt es der Polizei, das riesige Transparent von der Wand zu reißen. Nun ist nicht mehr viel sichtbar von uns. Wir verhandeln mit der Polizei, die aus dem Fenster unter uns zu uns aufschaut. Das weckt schöne Erinnerungen, z.B. an den 1. Juni 2000, als wir auf der Schilderbrücke über der Autobahn am Expo-Gelände standen und uns abseilten. Die Polizistis dort unten waren so klein - welche ein Gefühl, als sie uns hilflos baten, uns nicht in die Fahrbahn zu hängen (90min war die Autobahn gesperrt, hihi ...leider war aber kam Verkehr, schluchz ...). Nun also eine ähnliche Lage. Die Polizei muß zustimmen, daß wir nicht verhaftet werden, wenn wir den Zugang freimachen. Personalienaufnahme und fertig. Das wäre ein akzeptables Ende, die drei Stunden verliefen ohne große Aufregung, wir haben viel miteinander gesprochen über die Handlungsmöglichkeiten in solchen Situationen und was dann weiter geschehen wird. Doch leider haben wir uns verschätzt. Als wir die Tür öffnen, ist Schluß: Die Polizei nimmt uns fest, Polizeigewahrsam wird angekündigt. Ich bezeichne den Bullenchef als das, was er ist: „Lügner“. Er nimmt es gelassen hin, sammelt die Personalausweise ein und fordert uns auf, die 15 Stockwerke herunterzugehen. Ich ärgere mich und setze mich hin. 2 Polizistis zerren mich an den Armen die Treppen runter, Stufe für Stufe kracht mein Arsch auf den Steinboden. Dann geht's durch die Außentür auf den Bürgisteig zu den Bullenwannen. Die anderen fünf gehen mit den Polizistis herunter.
Verhaftet ...
Der Moment der Ankunft im Freien ist frustrierend. Nein, mehr: Er ist schockierend. Unten stehen planlos ca. 30 weitere Atomgegnis herum. Sie gehören überwiegend dem Bündnis gegen das Atomforum an - ein Zusammenschluß von hierarchistischen Gruppen wie der Ökologischen Linken, NGOs wie dem BUND und einigen Anti-Atom-Eliten. Wir, die wir kreative Widerstandsaktionen machen wollen und offene Strukturen sowie Organisierung von unten ohne Chefis und zentrale Gremien anstreben, wurden im Vorfeld ausgeschlossen. Zweimal wurde ein Mensch angegriffen, er sei zu jung, um Dinge einschätzen zu können - ohne Konsequenz. Ich dachte mir, als ich das hörte: „Wenn jemand sagt: Du kannst das als Frau gar nicht beurteilen, fliegt dieseR raus - mit Recht. Aber die Diskriminierung nach Alter geht durch - die Eliten können sich das erlauben.“ Und nun schleifen mich diese Bullenärsche an ihnen vorbei. Niemand ruft, singt, protestiert - nein, sie gucken weg, stieren hilflos in die Gegend, einige gucken sogar feindselig. Ich lächele einige an, während ich zwischen den Bullen in der Sonne liege. Niemand lächelt zurück. Ein kleines Kind ist mein einziger Gesprächpartni, immerhin ein Kontakt. Ich schleuderte mein Handy zu den PinkSilver-Leuten. Das müssen die Bullen ja nicht in die Hände bekommen. Dann fängt ein anderer von uns Verhafteten an, Protestlieder zu singen. Wir singen mit, die meisten Atomgegnis rundherum schweigen weiter.
Kontrollen, Durchsuchungen, die Zeit verrinnt, aber irgendwann sitzen wir alle in den Bullenwannen und die Fahrt geht los. Aus den Fenster sehen wir die anderen Demonstrantis. Wieder keine Reaktion. Schwach ohne Ende. Unsolidarisch, langweilig.
Ab zur Bullizei ...
Noch sind wir zusammen, jeweils drei in einer Wanne. Wir schaukeln während der Fahrt, die Fahris stellen den Ventilator ab. Kleine Kraftproben auf einer sonst langweiligen Fahrt. Im Polizeirevier am Pragsattel steht alles fein säuberlich bereit. Die sind auf mehr vorbereitet, denke ist und lasse mich als letzter in den Gang mit den verschiedenen Tischen schieben. Station für Station gehen wir nacheinander die Stationen ab - Personalienaufnahme, Rechtsbehelfbelehrung, dann mal in den Raum zur ED-Behandlung (Fingerabdrücke, Handabdrücke, Fotos nackig und Fotos bekleidet usw.) oder nur warten auf die nächste Station. Noch können wir uns sehen und hören. An jeder Station versuche ich, das Gespräch offensiv zu führen. Wer mich fragt, bekommt zu hören, daß er/sie es nur fragt, weil das so vorgeschrieben ist. „Laß uns rausgehen, wir könnten ein Eis essen und dann ohne Herrschaft zwischen uns reden“, schlage ich das eine Mal vor oder bemitleide die nächsten, weil sie 40 Jahre in diesem widerlichen Gebäude zubringen müssen. Irgendwo bekomme ich eine Rechtsbehelfsbelehrung in die Hand. Ich falte ein Flugzeug daraus. „Wehe wenn Sie das auf mich werfen“, bemerkt ein Beamti am Rand des Ganges. „Bist Du ein Hochhaus?“ frage ich zurück. Ein Polizisti will mir was erzählen, kommt aber gar nicht dazu, weil ich ihm seine Lage innerhalb der Befehlsstruktur Polizei erkläre. In eine Pause hinein sagt er fordernd: „Darf ich auch mal was sagen?“ „Nein“, antworte ich, komme dann aber noch auf einen anderen Vorschlag: „Wir können ja beide gleichzeitig reden. Achtung: 3, 2, 1 ...“ - und tatsächlich redet er los, ich auch. Wir Verhafteten lachen. Kreative Antirepression hat hier keine Vermittlung mehr, hier ist keine Öffentlichkeit. Aber wir fühlen uns besser so.
Allein ...
Irgendwann ist alles abgehakt. Ich werde auf eine Einzelzelle gebracht, vorbei an der Essensausgabe - aber es gibt nur totes Tier. Dann fliegt die Tür hinter mir zu. Aus. Alles ist ruhig. Jetzt ist nur noch Zelle. Graue Wand, ein Bett mit Holzliegefläche ohne Matratze. Ein Klo, sonst nichts. Noch immer gehe ich davon aus, daß jetzt die typischen Stunden des Polizeigewahrsams folgen. Der beste Moment zu schlafen. Außer Langeweile ist hier ohnehin nicht zu erwarten. Doch die Liegefläche ist kurz und hart. Ziehe ich den Kapuzi aus als Kopfkissen, wird mir kalt. So döse ich eher als daß ich schlafe - schon mal schlecht. Die Zeit vergeht so langsamer. Die Bullen gewinnen die Oberhand, immer mal wieder kommt einer rein, mustert mich überlegen. Sie zeigen mir stolz die Fahndungsfotos, die sie von mir gemacht haben. Jämmerliche Typen, die ihre Lust an Unterwerfung nicht verbergen. Die noch einige Rechnungen mit mir offen haben, denn viele Polizistis verhalten sich gegenüber ihren Gefangenen mit einer Mischung aus überlegener Witzigkeit und demütigenden Spitzen. Ihren Witz verlieren sie aber schnell, wenn sie ihre Überlegenheit nicht durchsetzen können. So nerven sie jetzt zurück, aber da ich ohnehin nicht gut schlafen kann, ist es mir egal.
Draußen gehen Türen auf uns zu, Gespräche, Schritte, eine ganze Zeit lang. Dann ist Ruhe. Und in mir wächst die Ahnung, daß die anderen fünf draußen sind und ich dableibe. Die Ahnung wird zur Gewißheit. Ich werde auf eine andere Zelle gelegt mit Matratze - und nochmal durchsucht. Sie finden meine Sturmhaube, die wird gleich beschlagnahmt. Der Kommissar ist stolz auf sich. Ich lege mich auf die Matratze. Hier müßte das klappen mit dem Schlafen, immerhin was. Nur noch einmal bekomme ich Besuch. Mir wird vorgeschlagen, daß ich einen Beamti als Postbevollmächtigten akzeptiere und eine Kaution bezahle. Dann könnte ich auch raus. Sie nutzen meine Wohnsitzlosigkeit. „Nein“, sage ich. „Ich habe eine Postadresse, der Rest ist Schikane.“ Sie gehen, ich schlafe ein.
U-Haft ...
Um 11 Uhr am nächsten Tag werde ich aus der Zelle geholt, eigentlich zu spät, denn die 24-Stunden-Frist ist um. Aber: Wer die Macht hat, hat das Recht. Und wer das Recht hat, hat die Macht. Es geht zum Haftrichti. Hauptverhandlungshaft, diese neue Allzweckwaffe der Mächtigen gegen Kritik, ist beantragt. Handschellen klicken, die Richtis haben verschärfte Sicherheitsauflagen verhängt. Im fetten Mercedes geht's zum Amtsgericht. Autofahren mit Händen auf dem Rücken ist unbequem. Dann geht's hinein, Handschellen abnehmen. Welch funkelnde Augen der Richti hat. „Der macht es Spaß, Menschen zu unterwerfen“, denke ich. Der Staatsanwalti hat beantragt, mich in Untersuchungshaft zu nehmen. Es ist von vorneherein klar, daß das durchgeht. Doch die Richti regt sich immer mehr auf, vor allem, wenn ich über sie lache und ihr erkläre, daß sie das macht, weil sie aus Herrschaftsinteressen heraus handelt. Sie ärgert sich, daß die Unterwerfung nicht gelingt, redet genervt vom „Kasperletheater“. So bleibt ihr einziges Vergnügen der Stempel unter den Beschluß zur Untersuchungshaft.
Stammheim ...
Der Stuttgarter U-Haft-Knast ist kein unbekannter. In Stammheim saßen und starben Baader, Meinhof und andere. Bei der Einfahrt in den Knast kann ich das nicht bewundern. Weiter in Handschellen und ohne Brille, die mir schon im Polizeirevier genommen wurde ebenso wie alle Telefonnummern, Uhr usw., poltert der Gefangenentransporter in den Hof. Nochmal werde ich kontrolliert, darf duschen und muß Personalien benennen. Aus der Plastiktüte mit den Affekten, wie im Knastjargon all das heißt, weil mensch neben seiner Kleidung bei sich trägt und ihm meist komplett abgenommen wird, erhalte ich ein paar unwichtige Papiere, Taschentücher und ein Halstuch zurück. „Wo sollen wir Sie denn hinverlegen?“ fragt ein Beamti. Habe ich irgendwelche Wünsche, denke ich nach. „Wenn´s geht, zusammen mit Nichtrauchern“. „Da haben wir nur eine Zelle voll Neger“, bemerkt der Beamte - und vom Nebentisch schallt es herüber: „Stehen Sie auf schwule Neger?“ Hier wird's nicht so lustig, denke ich, und streite mich mit den Rassistis über ihre Sprüche. Es bleibt nicht die einzige Diskriminierung, die ich in den wenigen Tagen im Knast mitbekomme. Homophobie zeigt sich, als ein Beamti auf dem Flur einen Knacki anmacht: „Bin ich ein warmer Bruder?“ Und starre Geschlechterzuweisungen finden sich in der Hausordnung: Nur „weibliche Gefangene“, die in Stammheim in einem Extra-Bau sitzen, dürfen sich Parfüm, Nagellack, Lippenstift und Make-up kaufen.
Die Beamtis wollen Fotos und manches mehr von mir, sind aber nicht sehr nachdrücklich und gehen so leer aus. Es geht weiter von Raum zu Raum, irgendwo erhalte ich einen Bestand an Wäsche, Bettwäsche, Handtüchern usw. aus der Kammer, d.h. dem Kleiderlager des Knastes. Das ist für mich alles nicht neu. Meine eigene Kleidung kann ich behalten, weil ich „nur kurz“ da sein werde.
Per Fahrstuhl bringt mit ein Beamter zu den „Negern“. In deren Zimmer soll ein Fernseher sein und dafür soll ich zusätzlich bezahlen. Im Knast hat ein Elektrohändler das Monopol. Eigene Geräte sind nicht erlaubt, aber das Anmieten bei einem kommerziellen Händler. Da greifen sie bei den Gefangenen deren Geld wieder ab, was viele bei minimalen Stundenlöhnen zu erarbeiten versuchen. Das ist nicht anders beim zweiwöchentlichen Einkauf, wenn die Knackis, so die Selbstbezeichnung der Gefangenen, vor allem nach Tabak lechzen und damit das meiste ihres angesammelten Kleingeldes dem Staat als Steuern wiedergeben.
Ich bemerke, daß mich ein Fernseher gar nicht interessiert. Da ändert der Beamte seinen Plan und bringt mich wieder nach unten ins Erdgeschoß. Dort sitzen die Neuzugänge und all die, die auf Haftplätze in anderen, überfüllten Gefängnissen warten. Sie haben keine Fernseher. Und dorthin komme ich - ganz am Ende des Erdgeschoßflures im Nordflügel von Stammheim.
Zelle 49 ...
Als ich in den Raum komme, ist niemand anders drin. Ich sehe, daß zwei der vier Betten belegt sind und richte mir eines her. Aus meinem letzten Knastaufenhalt bringe ich etliche Ängste mit. Damals lag ich auf einer Zelle mit zwei Aussiedlerdeutschen, die aber kein Deutsch sprachen, sondern untereinander und einer dann auch gegen mich ausschießlich per Faustschlägen die Dinge in der Zelle regelten. Alle Wände hingen voller Pornographie - und auch die Bücher, die ich herumliegen sah, paßten dazu. Darauf achtete ich nun gleich und war bereits erleichtert, als ich nichts dergleichen finden konnte. Irgendwelche seichten Romane lagen herum, wie sie für Gefangenenbibliotheken typisch waren. Und eine Bibel - naja.
Kurze Zeit später kamen meine Zellenkollegen nacheinander von verschiedenen Terminen, u.a. Arztbesuch, im Knast zurück. Die Begrüßung fiel eher zurückhaltend aus. Was ich nicht wußte, war der Grund: Die beiden lagen schon länger auf der Zelle. Einer wartete auf einen freien Platz in einem anderen Knast, der andere sollte in Stuttgart Zeugenaussagen machen. Neben ihnen war ein ständiges Kommen und Gehen in der Zelle. Das Erdgeschoß war, wie ich von ihnen erfuhr, der Zugangsbereich - d.h. hier wurden neu Verhaftete für die erste Nacht eingesperrt. Darunter waren immer wieder Drogenabhängige, die dann voll auf Entzug standen, die Zelle vollkotzten - Knast ist nicht nur langweilig, sondern zuweilen auch sehr anstrengend. Spontane Sozialarbeit hinter Stahltüren ...
Mir schien, die beiden waren nach kurzer Zeit auch zufrieden, daß zu erwarten war, daß ich dort bleiben würde und wir zu dritt die nächste Woche organisierten. Einer stellte schnell die Frage, die für die nächsten Tage prägend war: „Kannst Du Skat?“. Ich bejahte - das letzte Mal hatte ich vor fünf Jahren gespielt, im Knast von Gießen. Aber Skat war besser als alles andere. Langeweile und Leere, die der Knast schafft, ist das Bedrückende.
Knastleben ...
Ich war nur wenige Tage im Knast. Das zählt nichts im Vergleich zu dem, was andere dort erleben. Während mich viele von außen bedauerten, meinten meine Kollegen Knackis nur: „Du hast es gut“. So relativ ist Realität. Mir war klar, daß diese Tage wieder ein intensiver Erfahrungszeitraum würden. Meine Wut auf Herrschaft würde beständig wachsen - und meine Wut auch auf mein politisches Umfeld, daß so bodenlos verkürzt um politische Änderungen ringt. Immer wieder erinnerte ich mich zurück, wie oft ich bei Veranstaltungen, wo ich Referent war - z.B. zu Themen wie „Kreativer Widerstand“ oder „Freie Menschen in Freien Vereinbarungen“ - angemacht wurde für meine entschiedene Position, daß alle Knäste und Repressionsbehörden weg müßten, weil sie als starke Herrschaftsstrukturen die Gewaltförmigkeit der Beziehungen zwischen den Menschen nur steigern. Nun war ich im Knast und erlebte hautnah die Richtigkeit dieser These.
Zentrales Merkmal im Knast ist der Faktor Zeit. Sie rumzukriegen und ständig auf der Hatz zu sein, irgendeine kleinste Verbesserung der Lebensbedingungen zu erreichen, ist alles, was im Knast abläuft. Der Tagesablauf ist eintönig und absurd. Um 5.45 Uhr wurde per Piepston aus dem Zellenlautsprecher geweckt. Um 6 Uhr ging die Tür auf und Frühstück wurde gereicht. Wer da wieder eingeschlafen war, ging leer aus. Zu dritt teilten wir uns den Morgendienst aber so ein, daß wir es nie verpaßten. Wer noch nicht richtig angezogen war, bekam auch nichts - aber irgendwie fand ich beim Nachdenken immer, daß es falsch ist, die einzelnen Absurditäten aufzuzählen, weil dahinter verborgen wird, daß alles absurd ist. Um 9.15 Uhr begann der einstündige Hofgang für unseren Trakt, ca. 30 Menschen lagen in der Sonne, die meist schien, oder gingen im Kreis. Einige spielten Schach oder joggten. Ich fand nur zögerlich Kontakte zu den Menschen, dann aber konnte ich intensive Gespräche über Knastalltag und die „Knastkarrieren“ führen.
Um 11 Uhr gab es Mittag, immer konnte mensch vegetarisch bestellen - und das war meist auch das relativ beste. Fleischkost hieß hier „Normalkost“, Standardisierungen, das Erklären von „normal“ und nicht normal gehört zu den Herrschaftsmustern dieser Welt. Zwischen 14 und 15 Uhr folgte das Abendessen. Mehr als diese viermal öffnete sich die Zellentür nicht, es sei denn, ein Neuzugang kam für eine Nacht in die Zelle oder jemand bestellte eine Kopfschmerztablette - weil der Kopf dröhnte oder die Langeweile nicht mehr auszuhalten war.
Am Sonntag war dann alles gaaaaaaanz anders. Frühstück um 7 Uhr, Hofgang erst nach dem Mittag. Am Samstag gab es für den fernseherlosen Erdgeschoßbereich einen Videofilm auf dem Gang - passend ein platter Ballerfilm von einigen Knastausbrechern, die einen Zug kapern. Sonst in Stammheim nichts Neues.
Knast als Heimat ...
Der Alltag im Knast stellte für mich als jemanden, der feindlich jeder Verregelung und fremdbestimmten Arbeit gegenübersteht, einen totalen Bruch dar. Mit der Aussicht auf maximal eine Woche Aufenthalt konnte ich mich vor einem mentalen Loch retten, auch wenn immer wieder stumpfsinnige Stunden den Tag prägten. Wir spielten bis zu 8 Stunden Skat am Tag, ab dem dritten wurden zwei von uns, auch ich, immer müder davon und am letzten Tag waren es nur noch zwei Stunden. Ich hatte mir Stift und Papier organisiert, um an meinen Büchern zu arbeiten - ich wollte im Sommer eines zur Kritik an markt- und staatsorientierten Ideologien von politischen Gruppen herausbringen. Aber mein Hirn wollte nicht. Kreativität braucht einen passenden Rahmen - erst in den letzten beiden Tagen reichte der Wille zu einer politischen Erklärung im Prozeß, wenigstens Energie zum Schreiben dieser zu haben. Stattdessen begann ich in den vorhandenen Romanen zu lesen, ärgerte mich aber eher über Tolstoi und Thomas Mann, die mir von ihrem Namen her noch am relativ attraktivsten erschienen, aber deren Romane ich als flach empfand. Nagut, die Zeit mußte rumgehen ...
Mit Erstaunen stellte ich fest, daß ich dieses Problem so nicht mit den anderen teilte. Ich lernte nur eine Person kennen, die das erste Mal im Knast war. Alle anderen kehrten immer zurück, einer im Anfang-30er-Alter schon das 18. Mal, ein anderer, ganz alter Mann, das 16. Mal mit insgesamt 29 Knastjahren. Er kam als Zugang auf unsere Zelle, verbrachte dort eine Nacht und berichtete, daß er vor 11 Tagen entlassen wurde und nun wegen gefährlicher Körperverletzung nach einer Kneipenschlägerei wieder einige Jahre zu erwarten hat. Aber er nahm das recht gleichgültig hin. Der Knast war sein Leben geworden. Viele von denen, die ich sprach, hatten draußen kein soziales Umfeld mehr. Aber sie kannten die Menschen im Knast, ihre Gewohnheiten. Manche kannten noch die Zeit der Terrorismus-Prozesse und berichteten von den Vorgängen, wie andere aus ihrer Verwandtschaft erzählen. Der Knast war ihre Heimat geworden, die Menschen dort ihre Familie. Die Trennung von der Außenwelt hatte ihr soziales Umfeld abbrechen lassen. Es gab nichts mehr, warum sie klar die knastfreie Zeit als sinnvoller für sich empfinden würden. Knast schürt bei ihnen keine Angst mehr, es ist das Gewohnte - fast wehte ein Hauch von Geborgenheit gegenüber der Fremde da draußen. Knast macht sog. „Kriminelle“, indem er den Menschen sozial entwurzelt und das Wechseln von Knast und strafbaren Handlungen in der relativen Freiheit draußen zur Alltagsroutine werden läßt.
Nur wenige träumten vom Leben draußen, hatte Pläne oder vielleicht eine Liebe, auf die sie warteten und von der sie hofften, daß sie auch auf sie warten würde. Fotos halfen über die Tage, die Hoffnung auf Briefe füllte ihre Gedanken.
Frauen ...
Wer im Knast lebt, wird aus allen Beziehungen gerissen. Angesichts der dominanten Heterosexualität und der im Knast verbreiteten Homophobie, die schwule Knackis lieber schweigen läßt, findet nur das Gespräch über Frauen statt. Mein erster Knastaufenthalt vor fünf Jahren hatte mich zunächst schockiert. Frauen waren Objekt der Begierde und der Reduzierung auf ihren Körper. Von ihnen, selbst von einer Freundin, die draußen wartete, wurde nur mit dem Begriff „Fotze“ gesprochen. Das widerte mich an, ich protestierte. Ich wollte aber genauer hinsehen und auch reden mit denen, die so dachten und sprachen. Das hat einiges offenbart. Das schnelle Urteil dessen, der seine Beziehungen selbst organisieren kann oder, wie ich, aus freiem Entschluß bzw. den Ängsten, daß alles so wird wie ich bei anderen beobachte und selbst hinter mir habe, auf Distanz bleibt, paßt nicht auf die Situation im Knast. Hier herrscht eine Mischung aus Sehnsucht und Sexismus, die verschmolzen sind. Wenn ein Knacki eine Halsschmerztablette anfordert, um durch die kleine Klappe in der Zellentür einmal am Tag auf das Gesicht der Ärztin gucken zu können, so fällt es mir inzwischen schwer, das als Sexismus zu begreifen. Und wenn sich Gefangene über eine Beamtin unterhalten, die sie als attraktiv empfinden, so denke ich da ähnlich drüber.
Ich war erleichtert, daß in meiner Zelle Pornos usw. fehlten. Frauen hießen trotzdem „Fotzen“, aber ich konnte darüber reden und wir waren uns einig, daß nicht mehr zu tun. Doch die Träume und Sehnsüchte konnte und wollte ich niemandem nehmen - und sie als Sexismus zu verteufeln, wäre die Arroganz von Mittelstandslinken, die solche Lebensbedingungen wie im Knast nicht kennen.
Was man wohl kaum erwähnen muß ist, daß die Knäste fein säuberlich nach Männern und Frauen getrennt sind. Wer da nicht reinpaßt, hat Pech gehabt. Nur in den Frauenabteilungen gibt es die Möglichkeit, „eigene“ Kinder mitzunehmen - eine deutliche Aussage über die patriarchale Rollenzuweisung in dieser Welt.
Ganz unten ...
Wer Knacki ist, ist ganz unten. Nur noch die anderen Knackies bleiben als mögliche Opfer fortgesetzter Unterdrückung, also der bekannten Radfahri-Figur: Nach oben buckeln, nach unten treten. Im Erdgeschoß von Stammheim, z.B. beim gemeinsamen Hofgang, war das weniger ausgeprägt als ich es von meinem ersten Knastaufenthalt kannte - ein Grund mehr, dieses Mal als angenehmer in Erinnerung zu haben. In den Arbeiti-Gruppen aber gab es sogar oft formale Hierarchien, modernes Knastmanagement schafft Unsolidarität und läßt die Knackis sich selbst kontrollieren. Wenn die Knacki-Chefs die anderen zum Arbeiten bringen, bekommen sie Vergünstigungen. Wenn die Knacki-Arbeitis viel schaffen, meldet das der Knacki-Chef und es gibt Vergünstigungen für die Arbeitis. So läuft das Knastsystem wie geschmiert.
Weil alle nur kurz da waren, entstanden nicht die sonst üblichen Muster von Bandenbildung nach Nationalitäten. Damit fehlte aber nur eine Verschärfung, nicht jedoch die Voraussetzungen: Die Regeln, Machtverhältnisse, der Zwang des Knastes, 23 Stunden auf der Zelle, ein verregelter Tagesablauf und der ständige Krampf um die kleinen Vergnügungen, die der Knast zuläßt - echter Kaffee, Tabak, schwarzer Tee. Darum rankt sich das Leben. Ein Blick in die Hausordnung zeigt, was Knast bedeutet: Verregelung bis ins Kleinste. Der Umgang mit Wäsche oder die Besuchsbedingungen. Wer in Untersuchungshaft ist, kann Besuch nur nach richterlicher Erlaubnis und jeweils nur für kurze Zeit empfangen. Die Wartezeit vom Antrag bis zum Besuch betrug, als ich da war, 4 bis 6 Wochen. Sonstiger Kontakt nach draußen ging auch nur mit richterlicher Genehmigung - also Brief schreiben, ans Amtsgericht geschicken (offen!) und die entscheiden dann, ob sie ihn weiterschicken. Woher die Briefmarke kommt? Problem der Gefangenen ... einkaufen. Aber Einkauf ist nur alle 14 Tage und wer weniger als 14 Tage da ist, bekommt gar kein Taschengeld. Auf den Zellen im Erdgeschoß saß ich mit vielen zusammen, die wie ich nichts einkaufen konnten, über kein Geld verfügten und nur das hatten, was sie trickreich von anderen zugesteckt bekamen oder war als offizielles Knastessen reingereicht wurde.
Wer in eine Freizeitgruppe wollte, mußte sich der folgenden Anweisung unterwerfen, die im Schaukasten auf dem Hof aushing: „Mit dem Antrag auf Zuteilung einer Freizeitgruppe erkennen die Antragsteller folgende Zuteilungskriterien an: Jederzeit widerrufbar ... Weisung gebundenes Verhalten ... regelmäßige Teilnahme ... Einhaltung der allgemein gültigen Vorschriften“. Unterschrieben war diese Anweisung von der gewählten Gefangenenvertretung, nicht von der Anstaltsleitung. Das ist der Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur, dachte ich mir und schrieb den Text auf den kleinen Notizzettel, den ich immer bei mir hatte, um „8 Tage Stammheim“ zu dokumentieren.
Bücher und CDs von außen durften nur über Verlage und Buchhandlungen zugeschickt werden. Alte Zeitschriften und Bücher fallen also weg. Ohnehin darf nur dreimal im Jahr ein Paket zugeschickt werden: Einmal Weihnachten, einmal Ostern und einmal nach freier Wahl. Die Knastordnung schreibt genau fest, was reindarf - und da muß mensch genau hinsehen. Ich habe am Dienstag nach dem Prozeß meinen Ex-Mitknackis im Erdgeschoß ein Paket geschickt, aber den schwarzen Tee kriegte ich an der Kontrolle nicht durch. „Nur löslicher Tee ist erlaubt“, erklärte der Beamte.
Obwohl ohnehin alles verregelt und ein Ausbruch aus dem Knasteinerlei kaum vorstellbar ist, sieht das Knastregime verschiedene Disziplinarmaßnahmen vor. Das Wichtigste ist der Entzug von Vorteilen, z.B. Sperre des Hofgangs, von Freizeitgegenständen, Fernseh- oder Hörfunkbenutzung. Wer auffällt oder opponiert, sitzt irgendwann in der nackten Zelle. Oder gleich im Arrest, unter Knackis „Bunker“ genannt - ein kahler Raum, beleuchtet, ohne Einrichtung. Dort kann mensch bis 4 Wochen eingesperrt werden. Folter - denke ich. Vier Wochen nur die Fliesen an der Wand zählen, das muß grausam sein.
Was geschieht draußen? ...
Auf dem Polizeirevier konnte ich nicht telefonieren - Brille und Papiere hatte ich nicht. Der EA (Rechtshilfe bei Aktionen) wurde informiert von anderen, das hatten wir vorher geregelt und hätte auch gereicht, wenn nicht die Geschichte mit der Hauptverhandlungshaft gekommen wäre. Doch nun war nichts mehr möglich. Am zweiten Tag in Stammheim gab ich einen Antrag an den Sozialdienst im Knast ab mit der Bitte auf ein Telefonat und Kontakt z.B. zu Rechtsanwaltis. Bis Dienstag, wo der Prozeß lief, hatte ich nicht einmal eine Antwort. So saß ich 8 Tage ohne jeglichen Außenkontakt in Stammheim.
Was ging draußen vor? Die acht Tage waren auch Tage des Spekulierens. Zu den Aktionen gegen das Atomforum hatten sich zwei Zusammenhänge beteiligt: Ein Bündnis von NGOs, informellen Eliten in Anti-Atom-Zusammenhängen und der hierarchistischen Ökologischen Linken. Von ihnen ausgegrenzt waren AkteurInnen, die sich „von unten“ organisieren wollten, Hierarchien ablehnten und kreative Widerstandsformen trainierten. Zu letzteren zählte ich mich auch. Die formalen Strukturen waren aber im Bündnis, so auch die Rechtshilfe. Würde sie mich unterstützen, obwohl sie mich nicht mochten? Gibt es Solidarität oder nur Kampf und Ausgrenzung zwischen Gruppen? Und was machen die Menschen, die wie ich Organisierung von unten und kreative Widerstandsformen lieben? Es gibt von diesen in Deutschland nur sehr wenige, Pfingsten standen auch andere Treffen an, die Tage danach sollten Aktionen gegen den Bush-Besuch in Berlin laufen.
Ich hätte verstanden, wenn die wenigen Menschen, die in Deutschland antihierarchische Politik machen, es nicht geschafft hätten, Aktionen von draußen zu organisieren. Wissen konnte ich das nicht, nur einmal bekam ich eine Tageszeitung in die Hand, in der kurz berichtet wurde, was an Aktionen gegen das Atomforum weiterlief. Viel war das leider nicht.
Erst als ich wieder draußen war, erfuhr ich, was geschah. Das Bündnis hatte tatsächlich kaum reagiert. Als ich am Tag der Freilassung im Internet guckte, war auf deren Seite www.antiatomforum.de nichts zu finden von Verhaftungen und meinem Prozeß. Beim Prozeß war auch niemand von denen da ...
Aus den Kreativ-Widerstandskreisen wurde dagegen einiges versucht, aber es waren nur wenige, die agieren konnten. Und einige, die für den Prozeß was zusagten, sprangen dann auch noch ab. Am Ende waren es fünf Menschen, die im Prozeß agierten, andere waren aus Solidarität immerhin gekommen oder hatten einen Rechtsanwalti besorgt ...
Den Prozeß machen ...
Schon am Freitag gab es den ersten Versuch. Um 6.45 Uhr (es war wegen Pfingsten Wochenend-Weckzeit angesagt) wurde ich geweckt: „Sie haben Termin!“ So heißt das Kommando immer und fordert zum Anziehen und Bereithalten auf. Was für ein Termin das war, erfuhr ich nicht, aber um 7.30 Uhr sollte es losgehen. Ging es aber nicht. So saß ich und wartete. Zwei Stunden später war Hofgang. Auf dem Weg fragte ich die Beamtis und erfuhr, daß „der Termin“ gestrichen wurde. Ob es eine Verhandlung gewesen sei oder z.B. Haftprüfung, wußte dort aber auch niemand. Zurück in der Zelle erhielt ich um 13 Uhr die „Abladung“ vom Prozeß. Der wäre um 11.15 Uhr gewesen. Danach folgte Pfingsten, also vier Tage länger ...
Montag abend hatte ich schon alles sortiert - und das war schlau so, denn am Dienstag ging es früh los. Als um 6 Uhr das Frühstück reingereicht wurde, wurde ich aufgefordert, um 7 Uhr startklar zu sein. Ich durfte nochmal duschen und zog dann meine eigenen Klamotten wieder an - ansonsten war ich in Anstaltskleidung rumgelaufen. Es folgte eine Durchsuchung beim Verlassen des Knastes, per Gefangenentransporter gings durch Stuttgart zu den verschiedenen Gerichten, wo überall Einzelne ausstiegen - immer in Handschellen. Das letzte Mal lernte ich so wieder neue Knackis und ihre Geschichten kennen. Am Amtsgericht stieg auch ich aus. Es war 8 Uhr. Wir wurden in den Keller in Zellen gebracht, dort durften wir ohne Handschellen warten. Ich fragte, warum ich da sein und erfuhr, daß 30min später meine Verhandlung beginnen würde. Nach 10min öffnete sich wieder die Tür und der Beamti brachte mit von Zelle 5 auf Zelle 3. Dort saß ein Rechtsanwalti: „Hallo, Deine Freunde haben mich gebeten, Dich zu verteidigen“ begrüßte er mich. Ich erfuhr, wer ihn angesprochen hatte. Dann fragte er mich: „Deine Freunde wollen kreative Prozeßbegleitung machen und ich soll Dich fragen, ob Du das o.k. findest“. Natürlich fand ich das und wußte jetzt, daß von außen agiert wurde. Und das es wieder ein kreativer Prozeß werden würde. Ich ging in den verbliebenen Minuten mit dem Rechtsanwalti den Prozeß durch, wir einigten uns auf eine ungefähre Strategie und gingen dann hoch - ich wieder in Handschellen. Für den Prozeß sei erhöhte Sicherheitsstufe verhängt, berichtete der Anwalti, d.h. alles war mit Polizistis abgesichert und alle Besuchis mußten sich untersuchen lassen. Der Rechtsanwalti schätzte, daß es deshalb schwierig würde, Aktionen zu machen, aber ich war mir sicher, daß Kreativität auch heute über Herrschaft siegen würde - jedenfalls an diesem Punkt. Zwei Stockwerke über der Kellerzelle war der Gerichtssaal. Ich ging hinein und sah viele bekannte Gesichter. Puhhh, dachte ich mir. Wie schön.
Den Gerichtsprozess selbst fand ich vom Verlauf her überraschend. Dass ca. 20 Leute gekommen waren, fand ich super. Dass nur fünf Aktionen gemacht haben und der Rest trotz der laufenden Aktionsversuche konstant geschwiegen hat, fand ich dann aber erschreckend. Die Aktionen der fünf (nicht alles klappte, weil die Bullen tatsächlich einige Aktionsmaterialien beschlagnahmten) machten die ersten 10 Minuten des Prozesse zu einem kreativen Feuerwerk. Eine Person setzte sich immer um, während andere laut fragten: „Hast Du keinen festen Wohnsitz?“, worauf sich Debatten entspannen. Der Bezug war klar, das Gericht hatte mich auch deshalb schikaniert, weil ich keine Meldeadresse hatte. „Ohne festen Wohnsitz“ fanden sie als Eintrag in meinem Personalausweis. Als der Staatsanwalt seine Anklage verlesen wollte, zeigten sich doch drei Transparente jeweils mit gerufener Parole. „Wir klagen an“, dann „die Atomindustrie“ und „alle Herrschaft“ sind mir als ungefähre Erinnerung geblieben. Dann flogen Luftschlangen und Seifenblasen. Sehr schön, ich freute mich und erinnere mich an den genialen Prozeß drei Wochen vorher in Marburg ...
Aber es ging nicht so weiter. Der Staatsanwalti beantragte gleich die Verhaftung der Störenden, die Richti ließ zwei Akteuris rausschmeißen. Die schweigende Mehrheit ließ das geschehen, obwohl so eine Räumung eines Gerichtssaals eigentlich kaum möglich ist, wenn mensch sich geschickt verhält. Die Passivität brach das Feuerwerk. Die Akteuris wurden zum Publikum. Die Anklage wurde verlesen, dann stellte ich einen Befangenheitsantrag, weil mir auffiel, daß es die gleiche Richti war, die mich in U-Haft schickte und meine Argumente damals als „Kasperletheater„ bezeichnete. Unterbrechung, wieder mit Handschellen in die Kellerzelle, dann (aus Sicherheitsgründen) über einen anderen Weg wieder zurück. Antrag abgelehnt, da zu spät gestellt. Ich lehnte Aussagen zur Sache ab, der Rechtsanwalti schlug vor, daß ich eine politische Erklärung abgeben dürfe, was erlaubt wurde (siehe gesonderter Redetext) Als ich meine “Rede" fertig hatte, enttäuschten mich die ZuhörerInnen sehr stark. Es lag eisiges Schweigen im Raum, kein Applaus, Reaktionen, Dialog u.ä. - hätte ich mir auch schenken können. Den Fünfen (von denen zu dem Zeitpunkt ja nur noch drei da sein durften) will ich das aber ausdrücklich nicht als Kritik entgegenhalten - einer sagte mir hinterher auch klar, daß er zu dem Zeitpunkt schon am Ende war, ständig recht einsam agieren zu müssen, während der Rest den Prozeß eher konsumierte.
Den Hauptteil des Prozesses lief das Frage- und Antwortspiel mit den Zeugis. Alle ohne Ausnahme konnten der Rechtsanwalti und ich dahin bringen, sich über nichts mehr sicher zu sein - ob es nun um die Aufforderung, das Max-Kade-Hausdach zu verlassen, um das Versperren der Tür oder um andere Punkte ging. Übrig blieb der Hausfriedensbruch auf einer offen zugänglichen Fläche. Der Staatsanwalti forderte dennoch 60 Tagessätze - und 30 wurden es schließlich. Unspektakulär ging der Prozeß zuende. Zusammen mit einigen anderen kaufte ich Tabak, Kaffee, Schokolade und Tee für ein Paket an die Erdgeschoß-Knackis und brachte das zum Knast. Ein letztes Mal mußte ich hinein, durch die vielen Schleusen und Gitter, um meine Sachen abzuholen. Eine Runde um den Knast herum ließ mich bestaunen, was ich nur von innen kannte. Bei der Runde dabei waren zwei Bekannte vom Colorradio Dresden, eine lange Reise für diesen Prozeß und die Aufnahmen hatte sie nicht abgeschreckt.
Und weiter ...
Nun fahre ich nach der Knastzeit wieder im Land herum und versuche Wege zu finden, Herrschaft angreifen zu können, wo es geht. Die Realität ist dumpf, ebenso frustet das, was die politische Bewegung bildet. Überall informelle Eliten, Langeweile, herrschaftsbejahende Forderungen. Widerlich. Die Platzhirsche dominieren, überall informelle Eliten. Sie basteln an ihrer Dominanz, viele auch an ihren Karrieren. Organisierung von unten findet nur in Nischen statt. Und immer wieder geben Menschen, denen ich mich nahe fand, auf und normalisieren ihr Leben und ihre Politik hin auf herrschaftsförmige Verhaltensweisen und Strategien.
Vielleicht kann ich mit dem Knastaufenthalt ein bißchen Sand ins Getriebe der herrschaftsdurchzogenen, verkrusteten politischen Gruppen bringen und versuche, in verschiedenen Städten Menschen zu finden, Veranstaltungen unter dem Thema „8 Tage Stammheim - nieder mit allen Knästen und aller Herrschaft“ zu organisieren. So oft habe ich schon erlebt, daß bei der Vorstellung, daß Nazis oder Vergewaltigis nicht in Knäste kommen, aus selbsternannten Linken kleine Diktatoris wurden, die mit funkelnden Augen die Todesstrafe herbeiwünschen. Eine herrschaftsfreie Welt sieht ganz anders aus als der Knast - und auch der Umgang mit Gewalt zwischen Menschen wird ganz anders aussehen als Regeln und Strafe. Das ist eine spannende Debatte - und sie zu führen habe ich große Lust. Einige erste Veranstaltungen bahnten sich schon wenige Tage nach dem Prozeß an.
Außerdem stehen mir jetzt 30 Tage Knast bevor. Ich überlege, wie ich damit umgehe und suche nach Menschen, die Lust haben, gemeinsam Aktionen vorzubereiten. Vielleicht eine Anti-Knast-Woche mit Soliparties, um einen Teil der Tagessätze zu bezahlen. Und einen anderen Teil der Tage in den Knast gehen, aber viele Aktionen drumherum? Das wäre vorstellbar, vielleicht gibt es noch andere Ideen. Aber eine, die ich schon länger im Kopf habe, will ich auch prüfen: Nur Frauenknäste haben Kinderbetreuung. Das zeigt den patriarchalen Normalzustand. Ich habe zwei Kinder. Ließe sich mit dem Antrag, sie in der halben Zeit mitzunehmen, eine Aktion für Gleichberechtigung und gegen patriarchale Rollenzuweisungen erreichen? Aktionen und öffentliche Vermittlung, bei denen nicht der konkrete Fall im Mittelpunkt steht, sondern diese überdeutliche Situation, die beweist, daß in dieser Gesellschaft die Frauen für die Kinder zuständig sind, alles in zwei Geschlechter eingeteilt ist usw. Mal sehen, ob das bis zum Verfassungsgericht zu bringen ist - nicht im Vertrauen auf das Recht, sondern als Ansatz für Aktionen. Die Lust schwindet, wenn ich an den Zustand der „Linken“ in Deutschland denke. Sind kreative Aktionen in diesen Zusammenhängen überhaupt möglich? Also erneut: Mal sehen ...
Vielen Dank ...
Knast heißt Außenkontaktsabbruch. Aber was ich nicht wußte, war doch: Einige Menschen haben sich reingehängt und agiert - für mich und für eine Thematisierung von Herrschaftsverhältnissen. Das ist nicht nur politisch wichtig, sondern ich war glücklich darüber. Darum: Danke! Ich wünsche mir, daß Solidarität zukünftig nie mehr nur Beratung, Zugucken und Geldsammeln bedeutet. Und wenn ich erst an die vielen Menschen denke, die ganz andere Bestrafungen und Haftzeiten bekommen als ich, sehe ich vor mir sehr viel, was ich wichtig finde, anzugehen. Mit einer Kritik am Strafvollzug sind wir im Herz der Bestie. Und da will ich hin ...
Hinweis zum '-is': Dies ist eine bisher nicht offiziell anerkannte geschlechtsneutrale Sprachform. Sie drückt aus, daß ich weder in der üblichen männlichen noch in einer weiblichen oder einer männlich-weiblichen Form sprechen will - also auch nicht z.B. „Richterinnen und Richter“. Es ist nämlich in der Regel überflüssig, ständig Menschen einem oder zwei Geschlechtern zuzuordnen. Ich habe mich entschieden, ein „is“ zu verwenden. Gewöhnen uns also an Begriffe wie „Richtis“ oder „Polizistis“.
- Infos zu den Aktionen in Stuttgart: http://www.projektwerkstatt.de/hoppetosse/af02/index.html.
- Anti-Knastseiten mit Infos zur U-Haft in Stammheim, Links usw.: http://www.projektwerkstatt.de/antirepression
Wer Interesse an einer Infoveranstaltung zum Thema hat, kann sich melden bei der Projektwerkstatt, 06401/903283 oder kobra@projektwerkstatt.de.
Aktionen gegen Knäste und deren Rundherum
Gefangenentransporte stoppen ...
Gefangene werden ständig hin- und hertransportiert. Solche Transporte gehören zu den erniedrigensten Erfahrungen von Menschen, die länger in Haft sind. Transporte von A nach B ziehen sich oft über Wochen, weil nicht zwischen allen Knästen direkt Gefangenentransporte laufen, sondern große Umwege in Kauf genommen werden müssen mit mehreren Kurzaufenthalten in den Durchgangszellen anderer Knäste. Zusätzlich zu solchen Transporten gibt es bei Festnahmen während politischer Aktionen Gefangenentransporte vom Aktionsort in die Gewahrsamszellen der Polizei. Bei einem Castor-Transport nutzte die Polizei Bahnwaggons als Gefangenentransporte bei der Räumung einer X-1000malquer-Blockade, da der Wegtransport sonst durch steile Böschungen erschwert wurde. Dieser Transportzug wurde dann wiederum erfolgreich per Sitzblockade festgehalten, so dass der entgegenkommende Castor ebenfalls warten musste.
Bei der Blockade vollbesetzter Gefangenenbusse muss allerdings beachtet werden, dass die Bedingungen für Gefangene in den Bussen äußerst schlecht sind. Blockaden sollten daher symbolisch sein und vor allem die im Bus Gefangenen offensiv mit einbeziehen - sonst wird sie von denen nur als nervige Verlängerung der Transportfahrt empfunden.
Festnahmen zu Aktionen machen
Die meisten Festnahmen bei politischen Aktionen geschehen öffentlich. Es ist also eine politische Aktion, wenn sie nach außen vermittelt werden können. Sowohl die Festgenommenen wie auch die Drumherumstehenden können mit lauten Rufen, lauten Dialogen oder Theaterszenen das Geschehen, die Rolle von Knast, Polizei und Justiz sowie die Perspektive herrschaftsfreier Gesellschaft nach außen vermitteln. Ein spannendes Mittel dazu ist der offensiv-vermittelnde „Dialog“ mit Polizei oder anderen Repressions-Ausführenden selbst. Wer z.B. PolizistInnen lautstark darauf ausfragt, ob sie nur nach Befehl handeln, ob sie nicht lieber Eis essen gehen würden als Befehle zu empfangen, ob sie hinter ihrem Tun stehen usw., vermittelt die in dem Streitgespräch ausgetauschten Positionen nach außen. Zudem kann es für viele erleichternd wirken, nicht nur eingeschüchtert alles über sich ergehen zu lassen, sondern zu spüren, dass weiter Handlungsfähigkeit besteht. Allerdings mit Grenzen: Zur Sache oder zu Personen außerhalb des Kreises der Repressions-Ausführenden selbst darf auf keinen Fall etwas gesagt werden (weil sonst verwertbar für die Justiz). Und wichtig ist auch der Spürsinn dafür, welche Provokation und Nerverei kontrollierbar bleibt. Nicht jedeR hat Lust, von einem durchgeknallten Bullen vermöbelt zu werden, weil dieser bloßgestellt wird und sich abreagieren will. Jedoch auch hier hilft es, viele Handlungsoptionen offen zu halten, z.B. die vorweggenommene Thematisierung durch die laute Frage: „Möchtest Du zuschlagen, weil Dir jegliche Argumente fehlen?“ oder ähnliches. Alle diese Hinweise gelten auch für Kontrollen, Kessel usw.
Bei Knast: Aktionen im und gegen Knäste!
Mit dem Schließen des Tores von Knast oder Bullengebäude hinter dem Gefangenen sind alle Möglichkeiten der direkten öffentlichen Wirkung beendet. Wer sich dort dann wie verhält, sollte an persönlichem Befinden orientiert sein. Das Regime im Knast oder im Polizeigewahrsam ist aus verschiedenen Gründen hart - Langeweile in der Zelle, manchmal gewaltbereite Mitgefangene, Entzug von Drogen, Sorgen um andere oder Zurückgelassenes und oft die Unklarheit über das weitere Geschehen können an einem nagen. Vor allem bei kurzen Aufenthalten ist Ruhe und Schlafen für viele das Beste, andere gehen auf und ab - wer mit anderen zusammen eingepfercht ist und sich mit denen unterhalten kann, hat es noch am besten. Möglich bleibt auch auf der Polizeistation oder im Knast die provozierend-vermittelnde Kommunikation mit den BewacherInnen - die Fragen nach dem Sinn ihrer Arbeit, ob sie nicht lieber frei ihren Tag einteilen wollen statt unter Befehl zu handeln usw. Oben Gesagtes bei Verhaftungen gilt auch hier: Gefährdet Euch nicht und plaudert nicht über tatsächliche Geschehnisse oder Personen (außer eben die BewacherInnen)!
Sabotage und Militanz an Knast und Justiz
Mögliche Ziele sind:
- Eingangstüren von Gerichten und Gerichtssälen sowie die Räume selbst: Sekundenkleber ins Schloss, Bewegungsmelder zerstechen oder übermalen, stinkende Flüssigkeiten ...
- Überwachungsanlagen, Türen und Tore von Knästen, Polizei und Gerichten: Verkleben, Leitungen kappen, Farbe auftragen oder Sprayen ...
- Fahrzeuge und sonstige nichtfeste Geräte dieser Einrichtungen
- Gezielte militante Zerstörung von Gerichtssälen, Fahrzeugen, Aktenbeständen usw.
- Knäste, Gerichte und Bullenwachen bunt anmalen und vermitteln, was stattdessen an diesem Ort bzw. in diesen Gebäuden wünschenswert wäre (Knäste zu Proberäumen u.ä.).
Wichtig bei allen Formen von Sabotage und Militanz ist, genau zu überlegen, wer durch eine Aktion gefährdet oder behindert werden kann. Wer das Schloss eines Gefangenenbusses zuklebt, wenn er leer ist, verhindert das Einsteigen der Gefangenen. Wer es macht, wenn die Gefangenen drin sind, verhindert das Aussteigen. Das ist ein Unterschied. Wer Repressionsinfrastruktur zerstören will, sollte darauf achten, das Menschen nicht in Gefahr geraten können. Wer Brandsätze wirft, wo Menschen drüber wohnen, oder die Bremsen von Autos sabotiert, muss das wissen und dafür eine gute Begründung haben. Gefährdung der Gesundheit, Psyche oder gar des Lebens von Menschen ist unseres Erachtens aber nur dann überhaupt begründbar, wenn von diesen selbst und direkt die Gefährdung anderer ausgeht - also bei ausländerInnenjagenden Nazis, bei Vergewaltigern, Bomberpiloten, Diktatoren, Erschiessungskommandos usw.
Trainings zu Knast, Justiz und Bullenkontakt
Um oben genannte oder neue kreative Aktionsmöglichkeiten auch nutzen zu können, ist Vorbereitung sinnvoll - Situationen entwickeln, durchsprechen und trainieren sowie hinterher reflektieren und weiterentwickeln. Solches hat zudem einen weiteren Zweck - nämlich den, das Ohnmachtsgefühl zu überwinden. Bisher beschränkte sich die Auseinandersetzung mit der Repression oft auf den Schutz vor ihr. Festnahmen, Knast, Bullenkontakt, Verhöre usw. wurden als Bedrohung gesehen und Verhaltensregeln dafür vermittelt. Das schürte nicht nur Angst, die Kreativität hemmt, sondern reduziert alle, die mit der Staatsmacht in Konflikt kommen, zu Opfern. Genau das Umgekehrte aber wäre für eine Vermittlung von herrschaftskritischen Positionen aber sinnvoll. Jede Verhaftung, Kontrolle, jeder Gerichtsprozess und jede Inhaftierung ist die Verteidigung des angegriffenen Herrschaftssystems. Sie offenbart dessen Herrschaftsverhalten. Zu spüren, dass auch dann viele Handlungsmöglichkeiten bestehen, wenn die Daumenschraube der Repression angelegt ist, kann mental sehr viel mehr bringen als die auswendig gelernte Strafprozessordnung. Wobei nichts dagegen spricht, beides zu können ...
Gerichtsprozesse verwandeln
Gerichtsprozesse sind fast immer öffentlich - ein Ausschluß der Öffentlichkeit geschieht nur in besonderen Ausnahmen. Daher sind sie als Aktionsplattformen auch immer geeignet. Aus verschiedenen Gründen sogar ganz besonders:
- Gerichtsverfahren wirken oft schon von sich aus spektakulärer, sind ein Anlass z.B. für Medienarbeit.
- Gerichte sind Orte mit extrem absurden, fest ritualisierten Abläufen. Herrschaft wird hier optisch herausgehoben z.B. durch die Kleider- und Sitzordnung. Das Gericht guckt von oben auf die anderen herab - welch Symbolik. Ehrerbietung vorm Gericht ist vorgeschrieben, d.h. wer nicht aufsteht, riskiert bereits eine Bestrafung.
- Gerichtsgebäude sind ebenso öffentlich zugänglich. Zwar gibt es oft intensive Eingangskontrollen, aber Stifte, Aufkleber, Schablonen, Flugblätter usw. sind nicht aus Metall und schwer zu ertasten. Wer ein Transparent um den Bauch wickelt, wird es wohl meist reinbekommen. Und nachdem das nicht mehr geht, halt um den Oberschenkel ... usw. Je frecher, desto besser. Treppenhäuser, Flure, Kantinen, Fahrstühle, Fenster, Klos und mehr sind zugänglich und somit quasi eine Wandzeitung gegen Knast, Justiz und Polizei.
Die Anfälligkeit des ritualisierten Gerichtsablaufes gegenüber Störungen schafft riesige Handlungsmöglichkeiten vom versteckten Theater, dem Streit zwischen zwei oder mehr verschiedenen Teilgruppen, die gegenteilige Überzeugungen „vertreten“ - z.B. eine die Überidentifikation mit dem Gericht (Law-and-order-Rufe, Anbeten des Gerichts usw.), die andere eine herrschaftskritische. Sabotage und Militanz wirken ebenso stark, z.B. stinkende Flüssigkeit, das Verkleben der Türen am Anfang des Tages usw. Räumungen auch von Einzelpersonen im Gerichtssaal sind wegen der Bestuhlung und Enge oft sehr schwer - der Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt.
Auch die sog. Angeklagte hat viele Aktionsmöglichkeiten - z.B. durch das Ausfragen der ZeugInnen, durch Anträge auf andere Sitzordnung, Prozessunterbrechungen, Freibier für alle, Befangenheit, Beweisanträge und mehr. Die Situation der Nicht-Gleichberechtigung kann ebenso thematisiert wie politische Erklärungen abgegeben werden. In vorheriger Absprache mit Leuten unter den ZuschauerInnen können auch durch Anträge gute Ausgangssituationen für Aktionen geschaffen werden.
Veranstaltungen machen oder nutzen
Knast sowie, im allgemeineren, das System „Strafe“ und Strafandrohung innerhalb des komplexen Aufbaus von Herrschaft ist für Veranstaltungen ein besonders entscheidender Punkt. Denn er hat doppelte Bedeutung. Zum einen geht es um das konkrete: Knast bedeutet die soziale Zerstörung von Menschen mit dem Ziel der Norm(alis)ierung von Verhalten. Das ist für jede Gefangene unmenschlich und in seiner Gesamtheit jeglicher Form von Selbstbestimmung individuell sowie als soziale Gruppe zuwiderlaufend. Zum anderen aber ist Knast auch ein zentraler, weil unverzichtbarer Bestandteil autoritärer Gesellschaftsmodelle - wie sie Staaten immer darstellen. Ohne Knast bzw. die Androhung von Strafe machen formalisierte Gesetze, Normierungen und Regeln keinen Sinn. Beschlüsse, die für alle zu gelten haben, sind nur lohnenswert, wenn es auch Durchsetzungsmechanismen gibt. Diese sind folglich unverzichtbar. In den typischen Nationalstaaten der heutigen Zeit reicht die Spanne der Durchsetzungsmittel von Erziehung über Marktzwänge, gerichtete Kommunikation, Wirklichkeits- und Geschichtswahrnehmung bis zum ausgeklügelten System von Verfolgung, Strafandrohung und Strafvollzug. Jeder organisatorische Teil von Gesellschaft verfügt in sich wiederum über solche Systeme, z.B. die Noten, Verweise usw. in der Schule, Disziplinarverfahren oder Ausschlüsse in Vereinen oder Parteien sowie Prügeln, Liebesentzug usw. in der Familie. Gesamtgesellschaftlich sind Ordnungsbehörden (Jugend-, Finanz-, Bau-, Ausländer-, Gesundheitsamt usw.) sowie Bullen, Justiz und Knast die Organe und Orte von Strafe und Strafandrohung. Wer sie ablehnt, muß konsequent auch Herrschaft insgesamt ablehnen, weil Herrschaft nicht ohne Durchsetzung der Beschlüsse und Normen auskommt. So grauselig das ist, so bietet es Chancen. Die plakative Forderung nach Abschaffung von Bullen, Justiz und/oder Knästen führt zielgerichtet in eine Diskussion um Gesellschaftsutopien. Und die ist nötig. Aktionen gegen Polizei und Justiz, Veranstaltungen zu deren Abschaffung oder Diskussionsbeiträge auf Veranstaltungen anderer mit diesen Positionen bieten Ausgangspunkt für eine Thematisierung von herrschaftsfreier Gesellschaft. Ein Nationalstaat oder jede andere Herrschaftsform ohne Castor, Nazis oder internationalen Devisenspekulationen ist ohne Probleme denkbar. Ohne Knast, Polizei und Justiz dagegen nicht. Darum bieten solche Aktionen und Thematisierungen besondere Chancen.
Pro-autoritäre Positionen auch bei "Linken" angreifen!
Demonstrationen samt ihrer Vor- und Nachbereitungstreffen, Diskussionen, Camps, Kongresse und Einzelverstaltungen vieler politischer Gruppen können Ort der Thematisierung von antiautoritären Ideen sein. Das ist auch deshalb nötig, weil es nur sehr wenige „linke“ Gruppen und Organisationen gibt, die tatsächlich Herrschaft und autoritäre Gesellschaftsstrukturen ablehnen. Zwar sind fast alle nach außen verbalradikal und sprechen sich gegen Macht aus. Aber schon bei der ersten Nachfrage sowie bei ihren konkreten Aktionen wird deutlich: Sie wollen nur selbst an die Macht, wollen eine andere Art der Machtausübung, aber auf keinen Fall die Auflösung von Herrschaft.
Beispiele:
- Die meisten Antifagruppen agieren mit provokativen Slogans wie „Smash capitalism“ oder „no border, no nation“. Wenn es konkret wird, sieht das allerdings anders aus. Nach fast jedem Nazi-Aufmarsch heulen sich Antifa-Gruppen öffentlich aus, dass die Bullen nicht hart genug gegen die Nazis vorgegangen sind. Soll da vielleicht mehr, härter trainierte und besser ausgerüstete Bullerei ran? Oder rigoroser prügelnde Horden?
- Bei sexistischer Gewalt, antisemitischer oder rassistischer Hetze folgt meist als erstes der Ruf nach dem Staat, der bestrafen soll. Gleiches gilt zur Zeit vor allem im internationalen Maßstab z.B. mit dem Ruf nach UN-Mandaten für Kriegseinsätze (Weltinnenpolizei), der Schaffung und Stärkung internationaler Gerichte (mit dranhängenden Knästen sowie vorgeschalteten Weltinnenpolizei-Einsätzen, also z.B. UNO-Truppen, NATO & Co.).
- Viele politische Organisationen fordern die Aufnahme ihrer Lieblingsthemen in Lehrpläne, fordern mehr Gesetze und Kontrolle. Die Ökologiebewegung oder aktuell Gruppen wie Attac setzen sich für mehr Steuern, mehr Kontrolle, mehr Gesetze und mehr vor allem internationale Institutionen ein, die dann Herrschaft ausüben sollen.
- Auch innerhalb politischer Zusammenhänge ist der Bezug auf Rechtsstaat und Herrschaft meist positiv. Hausrecht wird gegen missliebige Personen eingesetzt, Schlüsselgewalt, formale Führungsgremien, Eigentumsdenken usw. prägen das politische Geschehen. Bei Demonstrationen wird das Demorecht als Bezugspunkt genommen, selbstorganisierte Konzepte wie „Reclaim the streets“, offene Aktionsplattformen usw. haben zumindest in der überwiegend krass autoritären deutschen „Linken“ kaum eine Chance.
- Bisheriger Höhepunkt sind selbstorganisierte Bestrafungsaktionen - von Verprügeln missliebiger anderer Gruppen und deren Aktivistis bis hin zu Ordnern auf Camps, die Leute sogar "festnehmen" können (z.B. auf Grenzcamp in Jena).
In einer solchen Atmosphäre kann das Beispiel der Knäste ein wichtiger Einstieg in eine Debatte um Herrschaft sein. Binnen weniger Sekunden sind aus „Fuck-the-system“-Linken glühende VerfechterInnen von Knästen zu machen. Der Ruf gegen Knäste erntet noch etwas Zustimmung - wenn auch in der Geschichte der „Linken“ der Trend von „Alle Türen waren offen, die Gefängnisse leer“ über „Freiheit für alle politischen Gefangenen“ (also nur noch sehr wenig) zu „Freiheit für alle linken politischen Gefangenen“ geht - womit am Ende auch deutlich wird, worum es geht: Die eigene Macht unter Fortsetzung der Beherrschung anderer. Wer das „Gegen Knäste“ dann allerdings übersetzt mit „Freiheit für alle Nazis und Vergewaltiger!“ ist dem Rauswurf aus linken Zusammenhängen recht nahe. Nicht nur einmal ist es auf „linken“ Veranstaltungen geschehen, dass KnastgegnerInnen als SexistInnen beschimpft und offen härtere Haftstrafen, Arbeitslager oder gar die Todesstrafe gefordert wurde. Insofern gilt für „Linke“ dasselbe wie für Veranstaltungen allgemeine: Die Ablehnung von Knast, Polizei und Justiz ist nicht nur wichtig, weil Strafe ein widerliches Mittel der Herrschaftsausübung ist, sondern auch, weil das einen sehr guten, da provokativen Einstieg in die Debatte um Herrschaft im allgemeinen schafft.
Perspektiven linker & antifaschistischer Politik hinter Gittern
Die Frage, die uns an dieser Stelle beschäftigen soll lautet, ob es heute für Gefangene - speziell in der BRD - die Möglichkeit gibt, sich innerhalb des Gefängnissystems zu politisieren und antifaschistisch tätig zu sein oder zu werden?
Von Ende der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts bis in die 80er hinein gab es in vielen Gefängnissen in Westdeutschland, sowie in der „Wendezeit“ auch in den Haftanstalten in Ostdeutschland (exemplarisch seien die JVA Brandenburg und die JVA Bautzen erwähnt) Aktionen von Gefangenen, die einerseits auf die desolaten Zustände hinter den Gittern und Mauern aufmerksam machten, aber zugleich auch linke Gesellschaftskritik übten. Dabei konnten sie sich der Solidarität von GenossInnen außerhalb der Anstalten sicher sein, welche ein - wenn auch oft nur begrenztes - Maß an Öffentlichkeit schufen.
Obwohl seit Ende der 90er Jahre die Anzahl der Inhaftierten von ca. 52 000 (31.12.89) auf über 81 000 anwuchs, die Zahl der tatsächlichen Haftplätze jedoch von ca. 59 000 (31.12.89) auf nunmehr circa 75 000, hat die hierdurch bedingte chronische Überbelegung nicht etwa einen Motor dafür geliefert, dass die gefangenen Menschen ihre Situation reflektierten und in den gesamtgesellschaftlichen Kontext einordnen würden, um entsprechende Schlussfolgerungen zu ziehen und dann aktiv zu werden.
Das heisst, der Ist-Zustand ist ein relativ trauriger. Die prinzipielle Bereitschaft zu handeln, sich seines Wertes als Subjekt bewusst zu werden, der Wille den Objektstatus des/der „zu-resozialisierenden-Gefangenen“ abzuschütteln und Ich-Autonomie zu erkämpfen (alles Ziele und Wege, die auch linker und antifaschistischer Politik immanent sind), scheint gebrochen. Was vielleicht auch daran mit liegen mag, dass wir hinter den Mauern ein großes Desinteresse zu spüren vermeinen seitens der GenossInnen draußen (beispielhaft sei auf die Kampagne auch der Roten Hilfe: „Freiheit-jetzt“ für die RAF-Gefangenen verwiesen. Es gibt tatsächlich sogar GenossInnen, die überrascht und erstaunt sind, wenn sie hören, dass immer noch Gefangene der RAF interniert sind). Und ohne eine gut funktionierende Öffentlichkeitsarbeit wäre jedes Handeln relativ wirkungs- und erfolglos.
Dabei gibt es durchaus Perspektiven und Möglichkeiten, würde diese nur effektiv genutzt. Vorbei sind die Zeiten, in denen die taz oder RH-Zeitung gar nicht oder nur um kritische Artikel gekürzt (Zensurmaßnahmen der Anstalten) hinter die Mauern gelangte. D. h. es besteht heute durchaus die Chance, auch systemkritische Literatur zu beziehen und sich entsprechend aus- und fortzubilden. Solche Materialien an interessierte Mitgefangene weiterzugeben ist ebenfalls möglich (sofern mensch nicht gerade in Isolationshaft sitzt).
Freilich ist stets mit Sanktionen seitens der Anstalt oder des Justizministeriums zu rechnen; zumal das Spitzelsystem sehr ausgeprägt ist. Bestehen keine enge und gut funktionierende Verbindungen zu GenossInnen „draußen“, drohen regimekritische Inhaftierte durch das justizielle Räderwerk zerbrochen zu werden.
Der Autor kann an seinem eigenen Vollzugsalltag bemerken, wie die Justiz „arbeitet“. Ein Mittel ist die strenge Postzensur; in vorliegendem Fall wurde dieser Artikel von einer in die Anstalt „abgeordneten“ Richterin inhaltlich geprüft, bevor er die Anstalt verließ; hätte ihr etwas - zu sehr - missfallen, wäre der Artikel eingezogen worden. Post von/an GenossInnen in der Schweiz, in Frankreich wurde teilweise erst nach Intervention des Oberlandesgerichts „freigegeben“. Durch diese Zensur hat die Justiz eine recht gute Kontrolle über die InsassInnen und kann steuernd eingreifen (George Orwell lässt grüßen).
Dann gibt es die Strategie, InsassInnen zu diskreditieren, indem ihnen ein „Querulantenwahn“ angedichtet wird; im Fall des Autors dieses Artikels war mit diesem Vorwurf erst Schluss, als ein renommierter Psychiater einer Universität bestätigte, dass KEIN „Wahn“ vorliege. Nun kam das Argument, dass wer „in vorwerfbarer und gemeiner Weise den Staat und seine Repräsentanten in Politik und Justiz“ bekämpfe, sein Recht verlöre, Gerichte anzurufen und um Rechtsschutz nachzusuchen. Mit Hilfe eines Anwalts wurde gegen diese Strategie das Verfassungsgericht angerufen.
Diese Beispiele sollen illustrieren, dass Gefangene aufgrund der totalen Institution, in der jede Lebensäußerung beobachtet, notiert, gespeichert wird, ohne Solidarität von außen auf verlorenem Posten stehen.
Die multiethnische und multikulturelle Zusammensetzung der Gefangenen, um auf einen letzten Aspekt kurz einzugehen, bietet eine große Chance, auch die antifaschistische Arbeit hinter Gittern zu globalisieren. Dies erfordert von allen Beteiligten die Bereitschaft, interkulturelle Konflikte hintenan zu stellen (besser wäre es, sie zu lösen, was aber in einem begrenzten Umfeld wie in einer JVA nicht möglich sein dürfte), um gemeinsam und vereint für die Ziele, die uns verbinden, zu kämpfen.
Es ist eine Frage der inneren Bereitschaft und des Willens, auch persönliche vollzugliche Nachteile in Kauf zu nehmen - aber ebenso der praktizierten Solidarität von „draußen“!
- Thomas Meyer-Falk (JVA Bruchsal), siehe http://www.freedom-for-thomas.de

