SS-Treffen in Bad Hersfeld

Scherbenhaufen für die Stadt

„Warum ist das Gedankengut des Faschismus noch immer in unseren Köpfen? Diese Frage, so einfach sie zu stellen ist, so komplex wird wohl die Antwort darauf sein müssen. Da wird von Bewältigung der Vergangenheit geredet. Aber was fangen wir heute damit an? Schweigen wir? Ziehen wir Konsequenzen? Vergangenes läßt sich erklären, über Vergangenes kann man reden, Vergangenes läßt sich aufarbeiten. Das Wesentliche aus meiner Sicht ist aber: Vergangenheit sollte uns so nachhaltig beschäftigen, daß wir aus ihr Konsequenzen ziehen müssen, für unser gegenwärtiges und zukünftiges Tun und Tätigsein.

Anfang der 80er Jahre erfuhren wir in Bad Hersfeld, daß sich bei uns zwei ehemalige SS-Divisionen treffen werden. Unsere Stadt bot die Bühne für die Verbreitung faschistischen Gedankenguts. Für uns galt es zu verhindern, daß unsere Stadt diesen Bärendienst leistet. Es war schwer, dafür Verbündete zu finden. Niemand aus dem öffentlichen Leben war als Mitstreiter zu gewinnen. Nur eine Handvoll Leute waren dazu bereit. So kamen 1981 zur ersten Demonstration gegen das „SS-Treffen" immerhin rund 500 Menschen. Aber noch lange nicht hatten alle Menschen unserer Region begriffen, daß diese Demonstration Teil der notwendigen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus war.

Den Höhepunkt im Kampf gegen den Faschismus erreichten wir mit unserer Demonstration 1983. Solidaritätsbekundungen aus dem In- und Ausland stärkten uns. Das Interesse der Medien war riesengroß, und sie wurden zu einem Sprachrohr für die Unglaublichkeit, die sich in diesen Tagen in unserer Stadt abspielte. Hier trafen sich Verfolgte und Verfolger. Noch heute gibt es in Bad Hersfeld Menschen mit eintätowierten KZ-Nummern am Arm. Zu diesen Verfolgten zählten auch der Festspielregisseur Imo Moszkowicz.

Was haben wir bewirkt? Wir haben ein bißchen das Bewußtsein der Bevölkerung verändert. Wir haben die öffentliche und parlamentarische Diskussion über die Vergangenheit angestoßen. Wir haben auch die Wiedergutmachungsfrage beschleunigt. Wir haben die Aufarbeitung der faschistischen Vergangenheit vielleicht überhaupt ins Gespräch gebracht. Auch das Kulturleben der Festspielstadt blieb nicht unberührt. Das Staatstheater Kassel gastierte mit „Furcht und Elend des Dritten Reichs" von Brecht in unserer Stadthalle. Das Festspielensemble organisierte mit uns eine antifaschistische Matinee am selben Ort. In einer Resolution rügte das Ensemble schließlich den damaligen Intendanten Kübel.

Was ist geblieben? Welche Fragen können heute mit den Erfahrungen dieser jüngsten Vergangenheit und den Ergebnissen beantwortet werden? Welche Chancen haben Hersfelder Sinti? Wie werden Minderheitsprobleme überhaupt gelöst? Wie verhalten wir uns gegenüber Bürgerkriegsflüchtlingen und Asylsuchenden? Wir können zu Recht stolz auf unser Grundgesetz sein, das auf den Erfahrungen des Dritten Reiches entstanden ist. Viele Menschen mußten aus dem Deutschland dieser Zeit ins Exil gehen. Aus dieser bitteren Erfahrung zogen die Väter und Mütter des Grundgesetzes mit dem deutschen Asylrecht die Konsequenzen. Doch wie geht unser Bundesinnenminister heute mit der Asylfrage („Altfallregelung") um? Warum wird Menschen das Bleiberecht verweigert? Warum werden Menschen abgeschoben? Können oder dürfen wir tatenlos zusehen, wenn Menschen bei Gefahr für Leib und Seele nach mehren Jahren Aufenthalt bei uns abgeschoben werden, wie zum Beispiel Kurden?"

So bewertet Adolf Corell (Jahrgang 1940), der seit vielen Jahren aktiver Antifaschist ist und einer der Mitorganisatoren der Proteste gegen die SS-Treffen war, im Regionalmagazin Projektor 1 rückblickend seine Eindrücke der Treffen von Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS.

Nach wie vor gibt es in Deutschland sogenannte „Traditions- und Militärvereine", in denen sich ehemalige Soldaten treffen, um unter anderem „Kameradschaft zu pflegen".2 In diesen Verbänden werden „die Kriegsschuld Deutschlands, die Kriegsverbrechen und der Völkermord oft geleugnet oder zumindest weitestgehend verharmlost. Das geschieht zum Beispiel, indem die Waffen-SS zum `vierten Wehrmachtsteil' deklariert wird und behauptet wird, daß die Waffen-SS wie auch die Wehrmacht nicht an Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen beteiligt gewesen sei." 3 Doch die Verbrechen des Dritten Reichs lassen sich kaum auf Adolf Hitler und Joseph Goebbels reduzieren. Ein weiterer Aspekt ist, daß die alten „Kameradschaftsverbände" junge neonazistische Verbände und Organisationen finanziell und ideell unterstützen und damit neues und nicht selten kriminelles rechtes Gedankengut fördern.4

Ein Beispiel für einen solchen militärischen Traditionsverband ist der „Bundesverband der Soldaten der ehemaligen Waffen-SS e.V. - Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit" (HIAG). Bis vor etwa 15 Jahren fanden die Jahrestreffen der HIAG in Bad Hersfeld und Oberaula statt. Hier versammelten sich frühere Angehörige des 1. Panzerkorps, das die Elitedivision „Leibstandarte Adolf Hitler" (1. Division) sowie die 12. Division „Hitlerjugend" umfaßte.

Nachdem dieTreffen in den Jahren 1979 und 1980 von der Öffentlichkeit so gut wie unbemerkt stattfanden, sorgten sie in den Jahren 1981 bis 1983 für stürmische Proteste und kräftigen Wirbel, die die sonst so beschauliche Festspielstadt Bad Hersfeld in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit rückten und vom damaligen und heutigen Bürgermeister, Hartmut Boehmer (damals CDU, heute parteilos), als „Scherbenhaufen für die Stadt"5 angesehen werden.

Wie alles begann

Nachdem sich die Mitglieder des ehemaligen 1. Panzerkorps zehn Jahre lang in Nassau an der Lahn getroffen hatten, waren sie im Jahre 1979 nach landesweiten und internationalen Protesten gezwungen, sich einen anderen Tagungsort zu suchen und diesen geheimzuhalten. Voller Wehmut klagte daraufhin Albert Stenwedel, Sprecher der HIAG, im „Freiwilligen", der Verbandszeitschrift der Hilfsgemeinschaft, nicht ohne vorwurfsvollen Unterton an die örtlichen Politiker: „Auch mir ist der Umzug nicht leichtgefallen. (...) Aber politische Engstirnigkeit und mangelnde charakterliche Stärke haben uns die Wiederkehr nach dort, wo wir zehn Jahre waren, völlig unmöglich gemacht".6

Im darauffolgenden Jahr entdeckte Charlotte Landgrebe, aktiv im „Arbeitskreis gegen Faschismus im Landkreis Altenkirchen" und eine der DemonstrantInnen in Nassau, in einer anderen Ausgabe dieses „Freiwilligen"7 Anzeichen dafür, daß das Jahrestreffen der HIAG in diesem Jahr im osthessischen Bad Hersfeld stattfinden sollte.

Auf eine entsprechende Anfrage an den Bürgermeister der Stadt, Hartmut Boehmer (CDU), antwortete dieser ihr, daß ihm von „einem solchen Treffen nichts bekannt" sei und daß die Stadthalle, in der das Treffen stattfinden soll, an dem fraglichen Termin schon anderweitig vermietet sei.8 Nachdem der Arbeitskreis die Recherche aber fortgesetzt hatte und Otto Köhler, ein Journalist des Westdeutschen Rundfunks (WDR), nochmals persönlich bei Boehmer Auskünfte einholte, bestätigte der Bürgermeister nach einigem Zögern, daß die Stadthalle doch an die Soldaten des 1. Panzerkorps vermietet worden war. Dabei handele es sich jedoch „nur um ein Kameradschaftstreffen".9 Auch seien von Seiten der Stadt Auflagen gemacht worden. So sei es den ehemaligen Soldaten verboten, Kränze niederzulegen oder NS-Symbole zu zeigen. Zudem werde die Stadt weder einen Vertreter schicken noch einen Empfang geben.


Boehmer behauptet, er weiß von nichts - Brief an Charlotte Landgrebe


Hersfelder Zeitung vom 4. Juni 1981.

„Das Ansehen Hersfelds droht Schaden zu erleiden"

Da weder die drei Rathausparteien noch der Bürgermeister etwas gegen das Treffen unternahmen, bildete sich 14 Tage vor Pfingsten aus dem Umfeld des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) ein „Antifaschistischer Arbeitskreis". Ungefähr 30 Personen „unterschiedlicher politischer Couleur", wie es in einer 1982 erschienenen Dokumentation des DGB heißt10, setzten sich zum Ziel, die Öffentlichkeit über das Treffen sowie über Hintergründe zu den Personen und deren politischen Einstellung zu informieren und, falls möglich, das Treffen zu verhindern. Der Arbeitskreis bereitete eine Kundgebung für den 6. Juni vor, verschickte landes- und bundesweite Presseerklärungen und entwarf, druckte und verteilte Flugblätter, um die Menschen in Bad Hersfeld zu informieren.

Die örtliche Presse leistete ihren eigenen, etwas anderen Beitrag zu den Geschehnissen. So erschien in der Hersfelder Zeitung (HZ), dem Monopolblatt der Stadt, ein Artikel mit der Überschrift „Das Ansehen Bad Hersfeld droht Schaden zu erleiden".11 Hierin wurde deutlich gemacht, daß die Stadt „keine rechtliche Handhabe" besitze, dieses „interne", wie zu lesen war, Treffen zu verhindern und gleichzeitig der Eindruck erweckt, daß nicht etwa das SS-Treffen der Stadt schade, sondern vielmehr die Proteste dagegen. In einem weiteren Artikel, der am Tag der Protestdemonstration erschien, war unter dem Titel „Ich habe von allem nichts gewußt" ein Portrait des ehemaligen SS-Sturmbannführers und damaligen Ersten Vorsitzenden und Sprecher der HIAG, Albert Stenwedel, zu finden.12 Dieser konnte in dem vom damaligen HZ- Chefredakteur Arnold zum Winkel verfaßten Artikel Sätze zum Besten geben wie: „Nach 1933 gab es für den ehemaligen Parteigenossen nur eins: Freiwillig hinein in die „Leibstandarte Adolf Hitler". Zudem sei die Waffen-SS Teil des Heeres gewesen und habe mit den Greueltaten, die unter Himmler stattfanden, nichts zu tun gehabt, formulierte geschichtsrevisionistisch Stenwedel weiter. Von den Nazi-Greueln habe er überhaupt nichts gewußt und er sei, so wird er zitiert, „dem damaligen Staat dankbar, daß die Geheimhaltung funktioniert hat". (Anmerkung: Nach Auffassung der HIAG umfaßte die Waffen-SS nur die SS-Divisionen und deren Ersatzeinheiten. In dem Buch „Anatomie des SS-Staates"13 heißt es dagegen: „Dies ist jedoch nicht richtig." Vielmehr käme diese falsche Behauptung daher, daß der Begriff „Waffen-SS" schon während des Krieges, aber auch danach, vorzugsweise auf die militärischen Formationen der SS angewandt wurde. In Wahrheit umfasse der Begriff „Waffen-SS" alle diejenigen Formationen der SS, die von Reichsfinanzministerium (RFM) finanziert wurden. Dazu ist weiter zu lesen: „Zu den vom RFM etatisierten Teilen der SS und somit der bewaffneten oder Waffen-SS gehörte auch die gesamte Konzentrationslagerorganisation.") Stenwedels Wunsch: „Man soll uns in Ruhe lassen, wenn wir zusammenkommen." Unter dem Artikel ist ein Foto Stenwedels vor dem Hersfelder Rathaus zu finden, das der Chefredakteur persönlich geschossen hat.

An der Demonstration, die unter den Losungen „Keine Nazi-Ehemaligen Treffen" und „Verbot aller neonazistischen Organisationen" stand, nahmen schließlich 500 Personen teil. Unter den Demonstranten befanden sich auch ehemalige KZ-Häftlinge. Der Schriftsteller Peter O. Chotjewitz, der bei der Abschlußkundgebung eine Rede hielt, betonte: „Ich mache das niemandem zum Vorwurf, daß er als kleiner Schütze Arsch in dieser verbrecherischen Organisation gedient hat, weil er mußte". Seiner Ansicht nach könnten auch die militärischen Traditionen der Befreiungskriege von 1813 bis 1815 gepflegt werden, aber „Traditionsverbände, die im Dritten Reich Kameraderie pflegten, gehören verboten. An deren Stecken klebt zuviel Braunes".14 Trotz des großen Aufsehens, welches das Treffen und die Proteste dagegen in der Bevölkerung und in der Presse ausgelöst hatten, konnte das Treffen nicht verhindert werden, sondern sollte auch im darauffolgenden Jahr wieder stattfinden.

1982 wurde die Zusammenkunft von einer Rede des hessischen Landtagsmitgliedes und Vizepräsidenten der deutschen Kriegsgräberfürsorge, Hans-Otto Weber (SPD) begleitet. Ebenso nahmen an der Feierstunde der damalige Bundestagsabgeordnete des Wahlkreises Hersfeld, Wilfried Böhm (CDU), und Bürgermeister Boehmer teil.15

„Eine fassungslose Unbegreiflichkeit"

Anfang 1983 stellte ein empörter Bürger bei Bürgermeister Boehmer die Anfrage, ob es der Wahrheit entspräche, daß er an den letzten Treffen als Ehrengast teilgenommen hätte. Dieser antworte in einem Schreiben, daß es ausschließlich seine Entscheidung sei, an welchen Treffen oder Veranstaltungen er teilnehme, denn „als Privatperson kann ich Ehrengast sein, selbst, wenn Ihnen das nicht gefällt", formulierte er. Er werde sich auch in Zukunft die Freiheit herausnehmen, in seiner Freizeit zu tun, was er wolle.16

Nachdem im Mai 1983 der Antrag der SPD, durch den Magistrat der Stadt zukünftige Treffen der HIAG in Bad Hersfeld zu verhindern, an den Gegenstimmen der CDU und der FDP gescheitert war, informierte Julius Klausmann, der DGB-Kreisvorsitzende und einer der Mitorganisatoren der Proteste in den vorausgegangenen Jahren, alle Mitglieder der Ensembles, die jemals bei den Bad Hersfelder Festspielen aufgetreten sind. In einem Schreiben berichtete er ihnen, daß in der Festspielstadt auch 1983 wieder Treffen der HIAG stattfinden sollten. Unter den informierten Künstlern befanden sich z.B. der Regisseur Imo Moszkowicz, der den „Sommernachtstraum" inszenieren sollte, und die Schauspieler Günther Mack und Eva Renzi, die Hauptrollen in verschiedenen Stücken übernommen hatten. Als Reaktion auf die an ihn herangetragenen Vorfälle verfaßte Moszkowicz, der seine Mutter und sechs Geschwister im KZ verloren hatte und sich als ehemaliger Auschwitzhäftling mit einer „fassungslosen Unbegreiflichkeit konfrontiert" sah, einen Brief an Bundespräsident Karl Carstens, der gleichzeitig Schirmherr der Festspiele war. Er bat ihn darin, „mir höflichst mitzuteilen, wie Sie, sehr geehrter Herr Bundespräsident, in dieser erschreckenden Situation, in die der Magistrat der Stadt zumindest Sie und mich gebracht hat, zu reagieren beabsichtigen, damit ich mich an Ihrem Beispiel orientieren kann."17

Einige Tage später erreichte den Regisseur ein Brief von Bürgermeister Boehmer, in dem dieser ihm, so sehr er auch die „persönliche Situation" des Künstlers „sehe und verstehe", mitteilte, daß die Stadt keine rechtliche Handhabe besitze, das SS-Treffen zu verbieten. Die HIAG sei nicht verfassungswidrig, da in ihrer Vereinsatzung zu lesen sei, daß der Verein „restaurative Kräfte" ablehne und mit seinen Mitgliedern bereit sei, „mit ganzer Kraft die Stärkung der Demokratie zu fördern". Deshalb müsse die Stadt bei der Vermietung der Stadthalle eine Neutralität wahren, die nicht nur politische Parteien betrifft, sondern auch den „weltanschaulichen Bereich", formulierte Boehmer.

Schließlich könne „ein Mietvertrag nicht im Hinblick auf mögliche Demonstrationen wieder aufgehoben werden."18 Auf dieses Schreiben hin bat Moszkowicz um die Entlassung aus seinem Festspielvertrag, solange „ehemalige SS-Organisationen willkommenes Gastrecht" in Bad Hersfeld genießen würden.19 Auch die Antwort des Bundespräsidenten konnte den Regisseur nicht beruhigen, denn dieser machte lediglich darauf aufmerksam, daß die Festspiele einen „nicht wieder gutzumachenden Schaden" erleiden würden, falls er seine Schirmherrschaft zurückziehen würde.20 Nach Imo Moszkowicz kündigten aus Solidarität auch Günther Mack und die Schauspielerin Gabriele Kloske ihre Veträge. Der Festspielintendant Hans Gerd Kübel äußerte sich vorläufig nicht zu den Vorfällen.

Brief von Boehmer an einen Hersfelder Bürger.

„Klausmann will die Festspiele torpedieren"

Nach diesen Ereignissen im Vorfeld der für das Jahr 1983 erneut geplanten Demonstration und vor Probenbeginn des Schauspielensembles stand plötzlich Julius Klausmann im Kreuzfeuer der Kritik. „Klausmann will die Festspiele torpedieren" , lautete die Überschrift in der HZ.21 Man warf dem DGB-Kreisvorsitzenden vor, er wolle der Stadt und den Festspielen schaden und sich aus Geltungsbedürfnis in den Mittelpunkt des Medieninteresses stellen. Andere Personen beließen es nicht bei öffentlicher Kritik an Klausmann. So erhielt er im Vorfeld der Protestkundgebung anonyme Drohanrufe, die von Beschimpfungen bis zu Morddrohungen reichten, seine Autoreifen wurden von Unbekannten zerstochen und seine Familie wurde massiv bedroht.

Auch in der örtlichen Presse und aus dem eigenen Umfeld wurde Klausmann kritisiert. So war im Anzeigenblättchen „Kreisanzeiger"22 unter der Überschrift: „Der «Fall Julius Klausmann» - oder: Polizeigewerkschaft als Psychiater" folgendes zu lesen: „ (...) Klausmann trommelt. Klausmann läßt die Propagandamaschine auf Hochtouren laufen (...)." Im folgenden wurde dann eine Erklärung der Gewerkschaft der Polizei (GdP) zitiert, in der Klausmann vorgeworfen wurde, daß „der DGB-Vorsitzende in seinem verbissenen Faschistenkampf überall Faschisten sieht, auch dort, wo keine sind." Fazit und „Höhepunkt" dieses Artikels war die abschließende Betrachtung der GdP: „Erfolgszwang, nervöse, bisweilen hysterische Züge, aber auch Profilneurosen sind als auslösendes Moment für solch ein Verhalten nicht mehr auszuschließen." Nebenbei wurde noch einmal ausführlich dargelegt, welche finanziellen und immateriellen Schäden Klausmann durch sein Handeln der Stadt Hersfeld zugefügt habe.

Sein Einsatz und Ehrgeiz, die Vorgänge von Bad Hersfeld in ganz Deutschland, sogar in der ganzen Welt bekannt zu machen, brachten ihm immer wieder den Vorwurf ein, er wolle um seines Ruhmes willen der Stadt schaden. Dennoch schien sein Vorhaben gelungen zu sein, verfolgt man die nationalen und internationalen Solidaritäts- und Protestschreiben, die im Laufe der Zeit in Hersfeld eintrafen. Sie stammten z.B. vom „Komitee der Überlebenden von Auschwitz", ehemaligen Widerstandskämpfern oder Schauspielensembles aus ganz Deutschland.


Neben `'alten Kameraden" waren auch Neonazis in der Stadt
Foto: A. Thannhäuser

Die Stadt war jedoch von diesen Schreiben nicht zu überzeugen. So durfte Albert Stenwedel, obwohl Boehmer nachträglich behauptete, er habe nie jemanden im Rathaus empfangen, am Tag vor der geplanten Demonstration dort noch einen Besuch abstatten, wo HZ-Chefredakteur zum Winkel ihn, zusammen mit zwei seiner Kameraden, unter dem Bild des Bundespräsidenten ablichtete.23

Am 21. Mai 1983, dem Pfingstsamstag, fand in der Hersfelder Innenstadt eine Gegendemonstration statt, an der 8.000 Menschen teilnahmen. Begleitet wurde die Demo, an deren Organisation und Gestaltung über 60 Einzelgruppen beteiligt waren, von Konzerten und Reden, die über die Hintergründe der SS sowie die Geschichte der SS-Treffen in Bad Hersfeld und an anderen Orten informierten. Redner waren z.B. der ehemalige KZ-Häftling Emil Carlebach und die Schauspielerin Eva Renzi, die wiederholt diese Treffen kritisiert hatte. Sie forderte in einer an Bundeskanzler Kohl gerichteten Rede: „Wie verlangen eine gesetzliche Entscheidung, daß sich nirgendwo mehr in diesem Lande (...) alte oder neue Faschisten, welchen Namen sie sich auch immer geben mögen, in öffentlichen, von Steuergeldern unterhaltenen und bezahlten Sälen, Hallen oder öffentlichen Plätzen versammeln dürfen."24 Im Rahmen der Demonstration kam es zu Ausschreitungen, da, wie den OrganisatorInnen schon im Vorfeld bekannt war, neben AntifaschistInnen auch Neonazis in die Stadt gereist waren.

Am Pfingstsamstag weilte so z.B. auch der bekannte Neonazi-Führer Michael Kühnen in Bad Hersfeld. Kühnen gründete einen Tag später in Anwesenheit verschiedener Größen aus der Neonaziszene, z.B. Thomas Brehl aus Fulda, in Haunetal-Wehrda die „Kameradschaft 8 - Hersfeld".25 Manche politischen Vertreter erdreisteten sich, für diesen Vorfall die Gegendemonstrationen verantwortlich zu machen. So forderte zum Beispiel die Junge Union (JU) Bad Hersfeld in einem Schreiben Julius Klausmann zum Rücktritt auf. „Ihr Ziel", heißt es in dem Brief, „die Verhinderung von nationalsozialistischen Tendenzen, hat sich durch Ihre Aktivitäten genau in das Gegenteil umgekehrt." Und: „Sie haben durch Ihre Äußerungen und Taten (...) dafür gesorgt, daß das Ansehen und der Ruf der Kreisstadt Bad Hersfeld bis über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus in Mißkredit geraten ist." Fazit: „Mit diesem Schreiben fordert Sie die JU Bad Hersfeld auf, Ihr Amt niederzulegen."26

„Geben Sie Gedankenfreiheit"

Mit Ende der Demonstration waren die Turbulenzen rund um das SS-Treffen noch nicht vorbei. Weil die Schauspielerin Eva Renzi im Rahmen eines privaten Abendessens mit Boehmer, Intendant Kübel und deren Ehefrauen sowie dem Landrat, das am Rande der Tourismus-Börse im Frühjahr '83 in Berlin stattgefunden hatte, Karl Carstens, den damaligen Bundespräsidenten und ehemaliges Mitglied der NSDAP, als „alten Nazi" bezeichnet haben soll, wurde ihr Festspielvertrag von Intendant Kübel fristlos gekündigt. Dies geschah, nachdem ihm ein privater (!) Brief in die Hände gespielt worden war, der diese Aussage nochmals wiederholte. Am Tag des Probenbeginns zeigte sich daraufhin Eva Renzi mit einem Pappschild vor der Stiftsruine den Fotografen, auf dem zu lesen war: „Geben Sie Gedankenfreiheit". Diesen Satz spricht der Marquis de Posa zu König Philipp in dem Stück „Don Carlos" von Friedrich Schiller, das in jenem Jahr auf dem Festspielprogramm stand. Ebenso war die Stellungnahme Eva Renzis zu den Vorwürfen dort zu lesen: „Ich habe niemals öffentlich behauptet, daß Carstens ein Nazi sei." 27

Fast das gesamte Festspielensemble kritisierte daraufhin den Rauswurf der Kollegin und das Verhalten des Intendanten Hans Gerd Kübel, der sich nicht öffentlich von den SS-Treffen distanziert hatte. Als Reaktion auf das Verhalten ihres Intendanten entzogen 35 SchauspielerInnen Kübel das Vertrauen. In der Begründung war zu lesen, daß Kübel schwere Fehler begangen habe. So habe er sich, auch nach der Kündigung von Mack und Moszkowicz, nicht öffentlich vom SS-Treffen distanziert. Ferner war in dem Vertrauensentzug zu lesen: „Der späte Zeitpunkt der fristlosen Kündigung von Eva Renzi kann uns nicht vom aufgeführten Kündigungsgrund überzeugen. Er erscheint uns auch als Statuierung eines Exempels zur Disziplinierung des Ensembles." Außerdem habe keine Aussprache mit dem Ensemble zu Beginn der Arbeit stattgefunden. Fazit dieses Papiers: „Wir sind aufs Äußerste irritiert."

In einer „Antifaschistischen Matinee", die am 7. August in der Stadthalle, dem Ort des SS-Treffens, stattfand, setzen sich Mitglieder des Festspielensembles unter dem Motto: „Vergeßt die Opfer nicht - seht die Gefahr" mit den Themenbereichen Ideologie, Militarismus, Rassismus, SS, Endlösung sowie Neonazismus auseinander, wie es in der Einladung hieß. Neben Texten von Hitler, Goebbels, Brecht, Fried oder dem Neonazi Kühnen wurde auch ein „deutscher Bürgermeister 1983" mit dem Satz zitiert: „Wir Deutsche reagieren auf das Wort `Nationalsozialismus' sowieso immer etwas hysterisch." 28

Eva Renzi klagte vor dem Bühnenschiedsgericht in Frankfurt das ihr verweigerte Gehalt ein. Neben den unterstützenden Solidaritätsbriefen, die nach ihrer Kündigung täglich in Bad Hersfeld eintrafen und diesen Schritt verurteilten, gab nachträglich auch das Gericht Eva Renzi Recht: Die Stadt verlor den Prozeß und mußte der Schauspielerin das Gehalt auszahlen.


Einladung zur Antifaschistischen Matinee

Auch bei der feierlichen Eröffnung der Festspiele am 2. Juli ging Hartmut Boehmer, wenn auch nur kurz, in seiner Eröffnungsrede auf die Vorfälle ein, die in diesem Jahr Bad Hersfeld in das öffentliche Interesse gerückt hatten: „Die Ergebnisse machen deutlich, daß wir in unserem Rechtsstaat die Freiheit zu demonstrieren haben, aber auch manches ertragen müssen, so schwer es uns fällt."

Ende gut, alles gut?

Die SS-Treffen haben 1983 zum letzten Mal in Bad Hersfeld stattgefunden. Von den Diskussionen und den Protesten scheinbar zermürbt, wollten die Kameraden sich im kommenden Jahr an anderer Stelle treffen.

In den darauffolgenden Jahren fanden weitere HIAG-Treffen statt, so zum Beispiel im Nachbarkreis in Oberaula und in Nesselwang (Allgäu), die wiederum von stürmischen Protesten und Gegenveranstaltungen begleitet waren.

Hartmut Boehmer ist seit 1996 erneut Bürgermeister von Bad Hersfeld. In seiner Antrittsrede im Mai 1996 ging Boehmer auch auf 1983 ein: „(...) Als Scherbenhaufen für unsere Stadt sehe ich insbesonders die Ereignisse im Frühsommer 1983 an. Es ist der Stadt damals schwerer Schaden zugefügt worden. Wir alle wissen: Es geht nicht darum, die Vergangenheit zu bewältigen. Das können wir nicht. Sie läßt sich ja nicht nachträglich ändern oder ungeschehen machen. Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für Gegenwart und Zukunft. Und deshalb entschuldige ich mich, soweit ich für die Ereignisse im Frühsommer 1983 Verantwortung getragen habe, und versichere, alles zu tun, damit solches oder ähnliches sich nicht noch einmal in unserer Stadt abspielen wird."

14 Jahre nach dem „Festspielskandal" kehrte Eva Renzi nach Bad Hersfeld zurück, weil Festspielregisseur Helmut Stauss sie dazu berief. Sie wurde als „erste Bürgerin" in Georg Büchners „Dantons Tod" engagiert und übernahm dann sogar noch eine Hauptrolle, als eine Kollegin wegen Krankheit ausfiel. Julius Klausmann hatte noch in einem Interview mit dem Regionalmagazin Projektor Ende Februar gesagt: „Die vier Schauspieler, die sich an exponierter Stelle mit dem DGB hingestellt haben, sind sozusagen verurteilt worden, sind der schlechten Leistung bezichtigt worden, man hat ihre Ehre gekränkt, man hat sie diffamiert."29 Doch das war nicht alles. Vielmehr sei es so, daß Eva Renzi, Gabriele Kloske, Imo Moszkowicz und Günther Mack seit 1983 „de facto Berufsverbot in Bad Hersfeld haben", formulierte Klausmann. „Sie sind bislang nicht mehr engagiert worden, auch ihre Namen sind bei den jeweiligen Agenturen seit 1983 nicht mehr abgefragt worden." Julius Klausmann: „Das bedeutet in der Künstlerwelt die totale Isolation."

Während einer Pressekonferenz Mitte März jedoch, in deren Rahmen die Verpflichtung Eva Renzis bekanntgegeben wurde, stellte Regisseur Stauss klar, daß diese nicht als Provokation verstanden werden dürfe, sondern eine rein künstlerische Entscheidung sei. Er habe Eva Renzi über deren Tochter Anuschka, die ebenfalls Schauspielerin ist, kennengelernt. Gleichzeitig bat er die Bürger von Bad Hersfeld, zu überdenken, ob die Vorfälle von 1983 jetzt nicht vergessen werden könnten. Vielleicht sei die Verpflichtung von Eva Renzi sogar eine Möglichkeit, die Stadtgeschichte zu „bewältigen". Der Intendant der Festspiele, Volker Lechtenbrink, warnte davor, die Ereignisse von 1983 wieder aufzuwärmen und den Auftritt Eva Renzis zum Generalthema werden zu lassen. „Bad Hersfeld lebt jetzt", betonte er. Er akzeptiere zudem jede künstlerische Entscheidung der Regisseure.

Auf Anfrage der Hersfelder Zeitung zu der Verpflichtung Eva Renzis zeigten sich Hartmut Boehmer und der Kulturdezernent Michael Bock (CDU) einig: „Kein Kommentar", die Verpflichtung von Eva Renzi sei ausschließlich Sache des Regisseurs und des Intendanten.

Ebenso lehnte Hartmut Boehmer die Anfrage für ein Interview des Regionalmagazins Projektor ab, in dessen Rahmen er zu den Geschehnissen im Jahr 1983 befragt werden sollte. Diese seien für ihn „Vergangenheit", er wolle sich nicht mehr dazu äußern, ließ Bürgermeister Boehmer durch seine Sekretärin ausrichten und verwies auf seine Antrittsrede.30

Widerstand gegen den „braunen Sud" - Interview mit dem Ex-DGB Kreisvorsitzenden Julius Klausmann

Julius Klausmann war zu Zeiten der SS-Treffen DGB-Kreisvorsitzender im Kreis Hersfeld-Rotenburg und gleichzeitig Mitinitiator der Gegendemonstrationen und Proteste. In einem Gespräch im Frühjahr 1997 erläuterte er zurückblickend seine Sichtweise der damaligen Ereignisse.

Woher wußten Sie, daß es sich bei den SS-Treffen um ein Treffen „antidemokratischer Kräfte" handelte?

Informationen über diese Verbände kann man nur haben, wenn man sich in diese Verbände hineinbegibt, sich darum kümmert, was diese tagtäglich machen, die Satzungen liest, die Vereinssitzungen besucht, die Veröffentlichungen dokumentiert. Dann weiß man ziemlich bald, wie ihr Innenleben aussieht. Daran kann man dann messen und festlegen, wie antidemokratisch sie sind. Sie sind faschistoid, sie sind antidemokratisch, sie haben autoritäre Führungs- und Vereinsstrukturen, und sie sind zuweilen auch kriminell. Das haben wir auch bei Treffen in Oberaula und Nesselwang feststellen können. Die Art und Weise, wie die Waffen-SS, die Leibstandarte Adolf Hitler und die Hitlerjugend aufgetreten sind, hat uns bewogen, genauer hinzugucken, was diese Verbände machen. Dabei ist uns ein Zufall zwischen die Hände geraten. Wir haben nämlich ein Interview mit dem damals im Gefängnis sitzenden Michael Kühnen gemacht, der damals im Begriff war, mehrere Wehrsportgruppen in ganz Deutschland aufzubauen. Michael Kühnen hat für sich in Anspruch genommen, in Deutschland die neue Rechte zu organisieren, mit Hilfe aus Belgien und Kanada, also mit Hilfe der Größen im Ausland. In diesem Interview bekennt Kühnen, daß er von diesen alten Verbänden finanziert und unterstützt wird. Das war der erste Hinweis, daß die „alten" Organisationen auch die „jungen" wieder neu finanzieren, wobei wir uns vorher sehr wohl gewundert haben, wie sich diese jungen Naziorganisationen finanzieren: entweder durch einen Mitgliedsbeitrag oder durch die Unterstützung von Dritten. Wir haben durch die Aussagen von Kühnen nachweisen können, daß die Jungnazis finanziell von der Waffen-SS, durch die Leibstandarte, also durch die alten HIAG-Verbände finanziert werden. Damit wurde deutlich, daß neues kriminelles Gedankengut finanziert und unterstützt wird. Sonst könnte es sich nicht am Leben erhalten.

Wie kam es zu dem Interview? Warum hat Kühnen sich überhaupt dazu bereiterklärt?

Dirk Gerhard, ein wichtiger Pressefachmann, ist damals zu ihm hingegangen und hat mit ihm telefonisch vereinbart, wo man sich treffen wird. Wir haben diesen Journalisten gewählt, weil wir jemanden wollten, der Kenner der rechtsradikalen Szene ist. Kenner in der Art, daß er weiß, wie die verschiedenen Gruppen entstanden sind, wie sie verflochten sind. Dieser Journalist war mit uns schon sozusagen viele Jahre „in der Bewegung drin". Er ist ein ausgewiesener Demokrat, der darüber Bescheid weiß, was rechte Gruppen in Deutschland machen. Warum Rechtsradikale solche Interviews machen, ist offenkundig: sie brauchen Öffentlichkeit, weil sie nur hier wirken können. Jeder Zeitungsartikel über sie ist Werbung. Michael Kühnen, der permanent Interviews gegeben hat, hat nun damit geprotzt, wieviel Unterstützung die Jungnazis von den alten Verbänden bekommen und daß sie im Gegenzug die Alten schützen werden.

Zurück zu den SS-Treffen. Wie haben die Einwohner Hersfelds die Proteste unterstützt?

Um diese Frage zu beantworten, muß man zunächst einmal in die Vergangenheit blicken. Wenn man in das letzte Jahrhundert geht, das war auch der Anfang unserer Betrachtung, muß man sagen, daß Bad Hersfeld immer rechtskonservativ regiert worden war. Wir hatten nie sehr viel Glück mit den Landräten, mit den Bürgermeistern und den Reichstagsabgeordneten. Bad Hersfeld hatte nie das Glück, linke fortschrittliche Kräfte als Regierungsvertreter, als Politikelite zu haben, mit Ausnahme von Michael Schnabrich (Anmerkung: Reichstagsabgeordneter der SPD nach dem Ersten Weltkrieg.


Julius Klausmann
Foto: A. Thannhäuser

Ihm ist in Bad Hersfeld eine Straße gewidmet). Das hängt ein bißchen mit der Armut, mit den Einkommensverhältnissen zusammen. Bad Hersfeld war landwirtschaftlich orientiert. Es gibt ein Sprichwort aus dem Volksmund, das heißt: „Die Ackerkrumme war immer sehr klein". Das bedeutet, daß nie sehr viel auf dem Boden gewachsen ist. Bad Hersfeld und die Region sind ökonomisch arm gewesen. Und dann bildete sich auch Industrieproletariat zweiter Natur, zweiter Klasse. Das heißt, es gab in der Region immer schlechtere Bedingungen als woanders. Der Kalibergbau war die erste wirtschaftliche Hochblütezeit sowie die Textilindustrie in diesem Jahrhundert. Dort haben die Menschen zum ersten Mal um die Jahrhundertwende richtig Geld verdienen können. Sonst waren sie auf ihre landwirtschaftlichen Produkte angewiesen. Diese Zusammenhänge sind aber der Hintergrund dafür, warum „Oma" und „Opa", aus heutiger Sicht, auch konservativ denken. Und so ist es geblieben. Die SPD war nach dem Ersten Weltkrieg die erste linke Bewegung in dieser Region, wenn man das so sagen darf. Trotzdem hat sich der Konservatismus sowohl in den ökonomischen Zusammenhängen, aber auch in den Köpfen der Menschen gehalten. Deswegen hatten wir keinerlei Unterstützung durch die Bevölkerung. Ich sage das absolut und ultimativ. Es gibt dazu keine anderen Interpretationen und keine andere Darstellungsmöglichkeit. Die Bevölkerung war wahnsinnig verhetzt, aufgestachelt gegen unsere Demonstrationsabsichten. Bei der Demonstration selbst waren auch nur ganz wenige Hersfelder dabei. Wenn wir uns auf die Hersfelder hätten verlassen müssen, wären wir keine 300 Menschen gewesen. Es sind aber über 8.000 gekommen. Wenn es nach den Hersfeldern gegangen wäre, würden sich die Nazis noch heute dort treffen. Wenn wir damals keine gute Demonstration gemacht hätten, wären die Nazis immer wieder gekommen. Das heißt, die demokratische Idee in Bad Hersfeld hätte keine Chance bekommen, noch einen zweiten Versuch zu machen. Deshalb war es uns auch ganz wichtig, daß gegen diesen „braunen Sud" in Bad Hersfeld eine demokratische Massenbewegung wirkt. Ganz großen und entscheidenden Anteil an dem rechtsradikalen Gedankengut in der Bevölkerung hat die Rolle, die diese häßliche Hersfelder Zeitung und ihr brauner, so bezeichne ich ihn, Chefredakteur Arnold zum Winkel gespielt haben, geleistet. Dieser hat uns in allen Berichterstattungen Radikalisierung unterstellt, er hat immer wieder dem braunen Gedankengut Vorschub geleistet, indem er uns diffamiert und die Braunen dargestellt hat. Diese Hetzkampagne gegen den


Die `'alten Kameraden" Foto: A. Thannhäuser

Deutschen Gewerkschaftsbund, gegen die Grünen, gegen die Alternativen, all die Einzelorganisationen, die mit uns zusammen ein Bündnis gebildet hatten, ist von der HZ immer wieder durchgeführt worden. Dieses Bündnis ist immer wieder diffamiert worden mit Kommentaren, mit Falschdarstellungen, mit übler Nachrede. Aber das ist auch Geschichte, das ist auch Bad Hersfeld. Dieser braune, rechtsradikale Chefredakteur hatte die Deckung, durfte machen, was er wollte. Es gab keine Einwände vom Eigentümer der Zeitung.

Haben Sie mit Herrn zum Winkel das Gespräch gesucht?

Wir haben sehr oft mit ihm gesprochen, er hat jedoch keine Anlässe gesehen, es anders darzustellen. Er ist ein Brauner, unterstützt die Braunen, er ist tendenziell ein rechtsradikaler Mensch, autoritär strukturiert, im Kopf und im Herzen. Da kann nie etwas Demokratisches rauskommen. Er hat nach unserer Einschätzung einer demokratischen Bewegung, die wir mit vielen jungen Leuten eingeleitet haben, großen Schaden angetan. Zum Winkel und die HZ sind zu Mittätern geworden. Sie haben Schaden angerichtet, aber auch Geschichtsklitterung betrieben, haben die Unwahrheit verbreitet. Das war sehr bedauerlich, was hier vorgefallen ist. Die HZ und ihr Chefredakteur haben eine ganz miese und undemokratische Rolle gespielt.

Wie bewerten Sie das Verhalten des Bürgermeisters von Hersfeld, Hartmut Boehmer?

Dadurch, daß Boehmer Täter wurde, dadurch, daß Boehmer auf der faschistischen Seite war, Boehmer sich nicht distanziert hat, diesen „Besuchern" gegeben hat, was sie wollten, hat er der Demokratie großen Schaden zugefügt. Boehmer war wie zum Winkel, nur auf einer anderen Ebene tätig. Boehmer hat das, was die faschistischen Verbände hier in Bad Hersfeld gemacht haben, legalisiert und mit Rechtfertigungen belegt. Damit ist klar gewesen, daß die Führungseliten, der Bürgermeister, der Landrat geduldet haben, daß sie da waren.

Fanden denn Gespräche mit Boehmer statt?

Boehmer ist Täter und rechtsradikaler Gedankenträger gewesen - warum sollten wir mit ihm reden? Andere haben für uns mit ihm geredet. Er war nicht Demokrat geworden, er hat sich bei der Kundgebung noch als Provokateur betätigt. Boehmer war ein widerlicher Politikvertreter.


H. Boehmer als Beobachter bei der Demo; Foto: A. Thannhäuser

Boehmer hat sich bei seiner Antrittsrede im Mai 1996 für den „Frühsommer 1983" entschuldigt ...

Das kann sein. Bei mir hat er sich aber nie entschuldigt. Ich war der Verantwortliche, ich war auch der Geschädigte. Solange er sich nicht bei mir entschuldigt, werde ich meine Meinung auch nicht ändern können. Er hat sich aber nicht nur bei mir zu entschuldigen, sondern auch bei den jüdischen Gruppen. Er hat sich zu entschuldigen bei all den Menschen, bei denen er Schaden angerichtet hat. Das ist das Mindeste.

Wie sind Sie damals denn überhaupt auf die Idee gekommen, Mitglieder des Schauspielensembles wegen der SS-Treffen zu informieren?

Die Erfahrung aus 1982 war, daß wir es in Bad Hersfeld alleine nicht schaffen werden, die Nazis zu vertreiben. Dann haben wir überlegt: Was ist für Bad Hersfeld das goldene Kalb? Was ist für Bad Hersfeld wichtig? Die Politik hat in der Mehrheit nicht auf unserer Seite gestanden. Die Zeitung und die Bevölkerung ebenfalls nicht. Also haben wir uns gefragt, was wäre, wenn wir plötzlich die demokratischen Kräfte, die internationalen und die jüdischen Kolleginnen und Kollegen der Ensembles, die jemals in Bad Hersfeld aufgetreten waren, einladen zu einem Meeting und zur Gegenwehr. Wir haben damals einen Brief an über 800 Schauspieler und Ensembles geschrieben, in der Hoffnung, daß einige einen Protestbrief schreiben, einige sich bei uns einhaken und uns helfen. Wir wollten sie als demokratische Unterstützung gegen die häßliche Bevölkerung und gegen den häßlichen Bürgermeister in Bad Hersfeld gewinnen. Der letzte Satz in diesem Brief hieß, daß sie ein Solidaritätsschreiben an die Stadt schicken sollen, damit nicht schon wieder Bücher und Menschen brennen.

Zum Rauswurf von Eva Renzi. Sehen Sie den Zusammenhang zwischen ihrer Teilnahme an der Demo und der fristlosen Kündigung?

Eva Renzi ist ja bezichtigt worden, Carstens, der damals Bundespräsident war, als alten Faschisten bezeichnet zu haben. Das war auf einer Tourismusausstellung in Berlin. Danach hat man sich wieder getroffen, und nichts ist passiert. Dann hat sie aber bei unserer Kundgebung das Verhalten des Bürgermeisters mit Worten gegeißelt. Sie hat eine phantastische Rede gehalten. Diese Rede hat bei den Zuhörern unglaublich gewirkt. Sie hat erst ganz ruhig gesprochen, sie hat von ihrer Betroffenheit geredet und dann hat sie ganz laut „pfui" gerufen. So laut, daß der gesamte Platz erschrocken ist.


Eva Renzi als Teilnehmerin der Demo; Foto: A. Thannhäuser

Die vier Schauspieler, die sich an exponierter Stelle mit dem DGB hingestellt haben, sind sozusagen verurteilt worden, sind der schlechten Leistung bezichtigt worden, man hat ihre Ehre gekränkt, man hat sie diffamiert. Durch den Rücktritt von Eva Renzi, die die Elfenkönigin Eboli im „Sommernachtstraum" spielen sollte, gab es keine Besetzung für diese Rolle mehr. Wir haben dann bundesweit, auch europaweit, mit Eboli-Darstellerinnen geredet, daß sie uns und dieser demokratischen Entwicklung zuliebe in diesem Jahr nicht in Bad Hersfeld auftreten sollten.

Es war also beabsichtigt, daß dieses Stück in jenem Jahr nicht gezeigt werden kann...

Es war die Absicht, dieser Stadt zu zeigen, daß sie schwere Fehler gemacht hat und daß es so nicht mehr weitergehen kann. Wir wollten zusammen mit den Schauspielern der Stadt zeigen, daß sie so etwas nicht mehr machen darf. Dennoch wurden dann unter dem neuen Regisseur natürlich ein Ersatz für Eva Renzi gefunden. Viele Schauspieler haben sich nicht um die Geschichte gekümmert, sie waren nicht bereit, sich mit diesen Schauspielern und den Protesten solidarisch zu zeigen.

Sie sind wegen Ihrer Vorgehensweise stark kritisiert worden. Es gab jedoch nicht nur Kritik von „außen", Sie wurden mit Ihrem Vorgehen auch massiv aus den eigenen Gewerkschaftsreihen kritisiert!?

Um das zu erklären, muß man kurz auf die Entwicklung der gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung eingehen. Sie ist zwar im Laufe der Zeit stärker geworden, aber sie ist nicht stärker politisch geworden. Es gibt 6,8 Millionen Mitglieder in den Gewerkschaften, das heißt aber nicht, daß diese gleichzeitig bereit wären, eine politische Arbeiterbewegung darzustellen. Sie sind erst einmal „nur" Gewerkschaftsmitglied und wollen erst einmal eine Verbesserung ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen erwirken. Und hier einen Gleichklang oder zumindest einen zeitlichen Gleichschritt, was die demokratischen Aktivitäten betrifft, zu erreichen, ist sehr schwer und problematisch. Heute wie früher. Konrad Knapp, ein hauptamtlicher rechtskonservativer Gewerkschaftler, der politisch nicht sehr klug war, hat von uns verlangt, die alten Nazis „doch machen zu lassen in Bad Hersfeld". Er hat uns unter Zeugen vorgeschlagen, man sollte mit dem Spazierstock durch den Kurpark laufen und „ihnen den Arsch verhauen" - das wäre politische Demonstration genug. So ist es oft passiert, daß sich Gewerkschaftsleute uns in den Weg gestellt haben und der Meinung waren, wir würden als DGB Schaden anrichten, wenn wir die alten Leute aus Hersfeld vertreiben. Innerhalb der Gewerkschaft hat sich das gleiche abgespielt wie in der Bevölkerung. Die jungen Menschen wollten gegen die Treffen demonstrieren, die älteren Menschen waren dagegen, haben gesagt: „Laßt doch die alten Männer ihr Bier trinken." Wir meinten jedoch: Wenn faschistische Politik betrieben wird, dürfen diese Männer nicht mehr unser Gast sein. Innerhalb der Gewerkschaft haben wir diesen Kampf gewonnen. Man muß sich dann als politisch Verantwortlicher auf den Satzungsauftrag besinnen, die Demokratie zu schützen und zu wahren. Das schließt dann aus, daß man faschistische Bewegungen agieren läßt. Also muß man etwas dagegen unternehmen. Das ist unser Grundverständnis. Und wenn sich Gewerkschaftsmitglieder dagegenstellen, muß man sie aufklären. Wenn sie, nachdem sie aufgeklärt sind, nicht aus dem Weg gehen, muß man sie beiseite schieben.

Sie wurde auch persönlich bedroht, beschimpft, Ihre Familie wurde ebenfalls bedroht. Gab es denn einen Punkt, an dem Sie sich mehr in den Hintergrund rücken wollten, gezweifelt haben oder am liebsten alles „hingeschmissen" hätten?

Nein, diesen Punkt gab es nie. Es gab nie einen Moment, wo ich gedacht habe: „Das hälst du nicht mehr aus, jetzt gibst du auf...".' Ich kann mit Stolz sagen: Das war nie ein Problem. Passiert ist folgendes: In einer Gaststätte bin ich eines Tages nicht mehr bedient worden mit der Bemerkung: „Sie kriegen hier nie mehr was." Das sagte eine Frau zu mir, die ich nicht kannte. Ich fragte daraufhin nach, warum, und bin hinausgeworfen worden. Ich bin gegangen und habe versucht herauszubekommen, warum ich hinausgeworfen wurde und was ich diesen Leuten getan habe. Ich habe dann erfahren, daß dieser Wirt zu dem Kreis von Leuten gehörte, der die Faschisten als Kundenkreis hatte. Das zweite Erlebnis war, daß ich von einem CDU-Abgeordneten in der Festspielkantine persönlich angegangen worden bin, ich solle doch hier den Platz verlassen, ich sei doch ein „Volksschädling". Das ist ein Ausdruck aus der faschistischen Zeit. Ein drittes Erlebnis war, daß mir bei den Festspielen von einem wichtigen CDU-Vertreter gesagt wurde, ich solle doch hier verschwinden, ich würde in Hersfeld alles nur kaputtmachen. Das kann man ja alles verkraften. Kompliziert wird es erst dann, wenn die Familie bedroht wird. Da denkt man plötzlich anders. Da fängt man an zu überlegen, wie man die Familie schützen kann. Wir hatten insgesamt um die 80 Drohanrufe, die zum Inhalt hatten, wir sollten endlich aus Bad Hersfeld verschwinden, und wir „würden schon sehen". Die Drohanrufe haben sich gesteigert, je näher der Tag der großen Demonstration rückte. Dazu kam die Berichterstattung in den Medien. Immer dann, wenn etwas besonders Häßliches über uns in der Zeitung stand, wurde es auch mit den Bedrohungen schlimmer. Dann hat man das Leben meiner Frau bedroht. Es ist ihr auch gesagt worden: „Wir wissen, wo deine Kinder in den Kindergarten gehen." Als dann meine Kinder plötzlich auch gefährdet waren, haben wir die Polizei eingeschaltet. Die Morddrohungen, die ich erhalten habe, insgesamt waren es neun, und eine Bombendrohung bezogen sich immer auf die bevorstehende Demonstration. Es wurde gesagt: „Du bist schuld an der katastrophalen Schädigung der Stadt Hersfeld. Du gehörst vernichtet. Mit Dir soll man die Straße pflastern." Ertragen kann man das alles nur, wenn man Menschen um sich hat, die einem helfen. Das geht nur in einer demokratischen Gruppe - es ist immer alles mit Freunden oder in der Gruppe abgesprochen worden. Ich habe auch nie etwas geheimgehalten, ausgenommen die Morddrohungen. Diese habe ich geheimgehalten, weil ich nicht wollte, daß Menschen, die nicht in der Verantwortung stehen, Angst bekommen und nicht mehr mitmachen.

Würden Sie heute genauso handeln wie früher oder würden Sie etwas anders machen?

Ich würde das heute mit den Kollegen und Kolleginnen aus Bad Hersfeld genauso machen. Weil es eben nur die Möglichkeit gibt, faschistoiden Machenschaften und faschistischen Vereinigungen mit demokratischen Mitteln entgegenzutreten. Das heißt, wer den gewaltfreien Widerstand unterstützt, kann eigentlich nur Erfolg haben. Wir haben zu Tausenden gewaltfrei demonstriert, wir haben zwar viel aushalten müssen, hatten aber auch Erfolge. Wir haben danach die Faschisten durch ganz Deutschland gejagt, in Goslar und in Bergen, waren an insgesamt 17 Orten, in denen sie sich getroffen haben. Wir sind mit Omnibussen hingefahren und haben demonstriert. Immer mit Gewerkschaften, verschiedenen Organisationen und Parteien. So muß es sein - dazu gibt es eigentlich keine demokratische Alternative.

Welche Rolle spielt Osthessen nach diesen Vorfällen allgemein in der Neonazi-Szene? Hat Bad Hersfeld vielleicht sogar eine bundesweite Bedeutung?

Bad Hersfeld hatte, ohne daß wir das wollten, eine internationale Bedeutung erhalten. Es ist ganz klar, wenn die Neonazis von uns angegriffen werden, schließen sie sich zusammen und lassen ihre Bünde noch fester werden. Das haben sie gemacht. Wir haben in Zürich, in Brüssel, in Kopenhagen beobachtet, aber auch in Braunschweig, daß sich internationale neofaschistische Vereinigungen treffen und für Bad Hersfeld rüsten. Es ist europaweit von Michael Kühnen Werbung für diese Veranstaltung gemacht worden. Wir haben uns im Vorfeld der Demonstration nicht darum gekümmert, welche Bedeutung dieses Treffen bekommen könnte. Uns ging es erst einmal darum, eine Gegenwehr aufzubauen. Welche Bedeutung es dann letztendlich bekommen sollte, hing auch damit zusammen, ob es uns gelingen würde, möglichst viele Leute nach

Die Demo in der Bad Hersfelder Innenstadt 1983

Foto: A. Thannhäuser


Hersfeld zu bekommen, die dann an der Demo teilnehmen. Das war unsere Hauptaufgabe: Es mußten viele werden. Wir haben dann alle Universitäten, alle Studentenvertretungen, alle Künstler, alle DGB-Kreise angeschrieben. Es sind insgesamt 62 Omnibusse nach Bad Hersfeld gekommen. Das heißt, wir waren selbst für die breite Publizität verantwortlich. Wir haben sowohl die eigene als auch die Veranstaltung der Nazis hochgeschraubt. Der Termin rückte immer näher, wir hatten keine Unterstützung in Hersfeld, also mußten wir sie von außen suchen. Indem wir unsere Veranstaltung bekannter gemacht haben, haben wir auch die Waffen-SS-Treffen und die neofaschistischen Aktivitäten bekannter gemacht. Das kann man nicht mehr trennen. Ein Beispiel dafür, welchen Bekanntheitsgrad die Vorfälle hatten, war, daß der Fernsehmoderator Hans Rosenthal in seiner Sendung für uns gesprochen hat. In allen Schauspielhäusern der Bundesrepublik sind Solidaritätserklärungen abgegeben worden. In allen Vorberichten in den Publikationen der Neonaziszene spielte Bad Hersfeld eine Rolle. Im Vorfeld hieß es immer: Wir müssen den Chaoten des DGB, oder, wie sie uns immer nannten, den „Bolschewisten", Einhalt gebieten. Im Nachhinein haben sie Bad Hersfeld europaweit als ihren größten Erfolg verkauft. Bei den alten Waffen-SS-Leuten war das differenzierter, sie haben Hersfeld als Schande empfunden, als Schande für „ihre" demokratische Bewegung. Die alten Männer haben aber dennoch nichts gelernt, sie haben in ihren Publikationen dafür gesorgt, daß es so weiter geht wie bisher.

Gehen denn immer noch Gefahren von Traditionsverbänden aus?

Wenn ich jetzt sagen würde, es wäre alles in Ordnung, würde ich die Wahrheit mit Lügen strafen. Natürlich ist es nach wie vor so, daß diese faschistischen Vereinigungen weiter existieren, neue Täter schaffen. Die Neue Rechte existiert nach wie vor. Eigentlich müßte der Staat die Aufgabe wahrnehmen, dafür zu sorgen, daß faschistische und neofaschistische Vereinigungen verboten und verfolgt werden.

Kann man durch Verbote denn verhindern, daß es diese Gruppen/Organisationen gibt?

Wir haben immer gesagt, es reicht nicht, allein Verbote auszusprechen. Es muß dennoch ein Verbot ausgesprochen werden, damit aktuelle Aktivitäten unterbunden werden können. Wichtiger ist für uns aber, nicht zuerst ein Verbot auszusprechen, sondern Aufklärung zu betreiben, Informationen zu geben. Also, aus gewerkschaftlicher Sicht könnte der Auftrag heißen, eine mannigfaltige Form von Aufklärung zu betreiben. Dies soll geschehen in Schule, Studium, Universität, Berufsausbildung und politische Ausbildung in Form von einer „Nachrüstungs"ausbildung, z.B. in der Volkshochschule, bei Lehrgängen. Im gesamten Bildungsbereich sollte demokratische Aufklärung über Faschismus stattfinden. Woher sollen die Menschen es sonst wissen?...


Hintergründe

Boehmer, Hartmut, war zur Zeit der SS-Treffen CDU-Bürgermeister und ist seit 1996 erneut, diesmal parteiloser, direkt gewählter Bürgermeister von Bad Hersfeld.

Klausmann, Julius, Jahrgang 1948, ist heute Erster IG Metall-Bevollmächtigter in Marburg. Er ist verheiratet und hat vier Kinder. Julius Klausmann zu der Frage nach seiner persönlichen Motivation, gegen die SS-Treffen vorzugehen: „Es ist meine Überzeugung, faschistischen Vorgängen demokratische Initiativen entgegenzustellen, weil die Geschichte lehrt, daß wer den Anfängen nicht wehrt, dann ertragen muß, was diese weniger demokratischen Kräfte mit diesem Land machen. Das ist eine zutiefst demokratische Überzeugung, man muß lernen aus den Erfahrungen der KZ's, man muß lernen aus den Erfahrungen der Geschichte. Das bedeutet konkret: Man darf antidemokratischen Kräften nicht einen Millimeter Platz einräumen. Diese Demokratie muß geschützt werden wie der eigene Augapfel."

Renzi, Eva, eigentlich Evelyn Renziehausen, wurde 1944 in Berlin geboren. Bei den Festspielen 1983 sollte sie die Rollen der Eboli und der Titania spielen, wurde aber noch vor Probenbeginn fristlos gekündigt. Heute lebt Eva Renzi in Südfrankreich. Bei den Festspielen 1997 trat sie in verschiedenen Rollen in Georg Büchners „Dantons Tod" auf.

Zum Winkel, Arnold, wurde 1993 als Chefredakteur der Hersfelder Zeitung abgesetzt. Heute betreibt er eine Presseagentur, die vornehmlich für das Rotenburger Anzeigenblatt „Heimatnachrichten" arbeitet.

HIAG

Die „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS - HIAG" wurde 1951 gegründet. Laut Satzung hat der Verband folgende Ziele: die Gleichstellung der Soldaten der ehemaligen Waffen-SS mit anderen Soldaten der Wehrmacht - hier wird gerne der ehemalige Bundeskanzlers Konrad Adenauer mit dem Satz zitiert: „ Die Männer der Waffen-SS waren Soldaten wie alle anderen auch" -, Eingliederung dieser Personen in das Versorgungsgesetz, Durchführung von Vermißtensuchdiensten, Betreuung der Versehrten sowie von Angehörigen der Soldaten der ehemalige Waffen-SS sowie eine „Pflege der Kameradschaft". 31 Nachdem die Versorgungsrechte abgesichert waren, widmete sich die HIAG verstärkt „geschichtsrevisionistischen Themen".32 Zudem wird „das sozialdarwinistische Weltbild der SS weiter propagiert: `Das Leben ist Kampf, Kampf jeder Art - und die Welt ist unbarmherzig genug, über jeden hinwegzugehen, der nicht bereit und gewillt ist, dieses Lebensgesetz anzunehmen'".33 Im Verfassungsschutzbericht 1982 war zum Beispiel über den Bundesver

band der HIAG zu lesen: „Das Organ der HIAG, „Der Freiwillige", warb auch 1982 für das z.T. rechtsextremistische Bücherangebot des mit der HIAG personell, institutionell und ideologisch eng verbundenen Munin-Verlages in Osnabrück. „Der Freiwillige" bringt verherrlichende Berichte über Kriegshandlungen und Fronterlebnisse, ohne auch nur im Ansatz Distanz gegenüber den für den Krieg politisch Verantwortlichen erkennen zu lassen."34 Nach Auffassung der HIAG umfaßte die Waffen-SS nur die SS-Divisionen und deren Ersatzeinheiten. In dem Buch „Anatomie des SS-Staates"35 heißt es dagegen: „Dies ist jedoch nicht richtig." Vielmehr käme diese falsche Behauptung daher, daß der Begriff „Waffen-SS" schon während des Krieges, aber auch danach, vorzugsweise auf die militärischen Formationen der SS angewandt wurde. In Wahrheit umfasse der Begriff „Waffen-SS" alle diejenigen Formationen der SS, die von Reichsfinanzministerium (RFM) finanziert wurden. Dazu ist weiter zu lesen: „Zu den vom RFM etatisierten Teilen der SS und somit der „bewaffneten" oder „Waffen-SS" gehörte auch die gesamte Konzentrationslagerorganisation." Der große Einfluß der HIAG auf Soldaten-und Traditionsverbände und die Parteien, in denen ihre Interessenvertreter saßen, nahm mit der Zeit ab. Am 31. Dezember 1992 stellte der HIAG-Bundesverband offiziell seine Tätigkeit ein.36 Regionalstrukturen sind aber weiter vorhanden.37 Die Zeitschrift des Verbandes, „Der Freiwillige", erreichte zuweilen eine Auflage von bis zu 12.000 Exemplaren. Sein Erscheinen konnte bis 1996 nachgewiesen werden.38

Waffen-SS und „Leibstandarte Adolf Hitler"

Die Geschichte der SS beginnt 1923 als Leibwache Adolf Hitlers. Zwei Jahre später, 1925, wird sie als Sondergliederung der SA weiter ausgebaut. Ihre Aufgaben waren neben dem Schutz führender Parteimitglieder die Beobachtung der innerparteilichen Entwicklung anderer Parteien und die Unterdrückung der Opposition. Gleichzeitig sollte die SS durch ihre strengen Aufnahmevorschriften zur Verkörperung des „nordischen Deutschen", also des nationalsozialistischen Rassegedankens, werden. Am 17. Juni 1933 stellte Hitler unter Führung Sepp Dietrichs aus 220 ausgewählten SS-Leuten eine „Stabswache" auf. Sie erhielt auf dem Parteitag der NSDAP den Titel „Leibstandarte Adolf Hitler" (LAH) und wurde am 9. November auf Hitler persönlich vereidigt. Ihre erste Bewährungsprobe erhielt die LAH, als sie 1934 bei der Niederschlagung des sogenannten „Röhm-Putschs" führende Männer der SA, darunter auch den SA-Führer Ernst Röhm, ermordete.39 Ende 1934 wurde die SS in drei Bereiche unterteilt. Sie gliederte sich in die allgemeine SS, die Verfügungstruppe und die Wachverbände. Während die allgemeine SS im Laufe der Zeit immer mehr an Bedeutung verlor, wurden die anderen Abteilungen zu den Ausführungsorganen der Nationalsozialisten. Die Aufgabe der Wachverbände, die sich aus den SS-Totenkopfverbänden zusammensetzten, war die Bewachung der Konzentrationslager, die Aufgabe der Verfügungstruppe die Garantie der inneren Sicherheit sowie die Verfolgung und Vernichtung der Opposition. Im Laufe des nationalsozialistischen Regimes wurden die

Waffen-SS-Teile weiter ausgebaut, und sie setzte sich während des Krieges zum Teil aus ausländischen Soldaten verschiedener europäischer Länder wie Kroaten, Niederländern, Schweden oder Ungarn zusammen. Bei der Waffen-SS handelte es sich nicht um einen weiteren, einen „vierten" Teil der Wehrmacht, sondern um eine persönliche Verfügungstruppe Hitlers. Sie besaß eigene Offiziersschulen, eine eigene Gerichtsbarkeit, Versorgung und Ämter sowie einen eigenen Eid. Sie war eine Elitegruppe zur Eroberung und Vernichtung Europas. Die Leibstandarte Adolf Hitler war so zum Beispiel an Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien, in Belgien, der Normandie und in den Ardennen beteiligt. In Oberitalien ermordete sie auf bestialische Weise griechische Juden am Lago Maggiore.40

Anmerkungen:

1 dieser Kommentar ist in der Projektor-Ausgabe 4/95 „Warum ist unserer Region so braun" er schienen.

2 aus der Satzung der HIAG, Landesverband Hessen e.V., Wiesbaden 1957

3 Wagner, Bernd (Hrsg.), Handbuch Rechtsextremismus, rororo, Hamburg 1994

4 aus dem Interview mit Julius Klausmann v. 28.2.1997

5 zitiert aus der Antrittsrede von Bürgermeister H. Boehmer nach seiner Wiederwahl zum Bürger meister, Mai 1996

6 „Der Freiwillige", Ausgabe 3/80

7 „Der Freiwillige", Ausgabe 4/81

8 Brief von H. Boehmer an Charlotte Landgrebe vom 30.4.81

9 Abschrift des Beitrags von Otto Köhler, dokumentiert in „Bad Hersfeld wird immer schöner", Dokumentation des DGB Hersfeld-Rotenburg, 1982

10 „Bad Hersfeld wird immer schöner", Dokumentation des DGB Hersfeld-Rotenburg, 1982

11 Hersfelder Zeitung (HZ) v. 4.6.81

12 HZ v. 6.6.81

13 Buchheim/Boszat/Jacobsen/Krausnick, Anatomie des SS-Staates, dtv, München 1994

14 „Bad Hersfeld wird immer schöner", s. Anmerk. 10

15 HZ v. 21.6.82

16 Brief von H. Boehmer an Volker Theine v. 20.1.83

17 Abschrift des Telegramms von Imo Moszkowicz an Bundespräsident Karl Carstens v. 12.5.83

18 Abschrift des Antwortbriefs von Boehmer v. 13.5.81

19 Abschrift des Telegramms von Moszkowicz an Boehmer v. 14.5.83

20 „DIE ZEIT" v. 10.6.83 „Die SS-Festspiele von Bad Hersfeld"

21 HZ v. 17.5.83

22 „Kreisanzeiger" v. 19.5.83

23 „DIE ZEIT" v. 10.6.83

24 die Rede von Eva Renzi ist dokumentiert in der „Deutschen Volkszeitung" v. 2.6.83

25 HZ v. 24.5.83

26 Schreiben der JU Bad Hersfeld an Julius Klausmann v. 24.5.83

27 „DIE ZEIT" v. 10.6.83

28 zitiert aus dem Matinee-Programmheft

29 Interview mit Julius Klausmann v. 28.2.97


30 Eigenrecherche

31 aus der Satzung der HIAG, s. Quelle 2

32 Mecklenburg, Jens (Hrsg.), Handbuch des deutschen Rechtsextremismus,

Elefanten Press, Berlin 1996

33 ebenda, zitiert aus „Der Freiwillige", Ausgabe Mai 1959

34 Verfassungsschutzbericht des Jahres 1982, S.145

35 Buchheim/Boszat/Jacobsen/Krausnick, Anatomie des SS-Staates, dtv, München 1994

36 Mecklenburg, Jens, Handbuch des deutschen Rechtsextremismus, Elefanten Press,

37 ebenda

38 Wagner, Bernd, Handbuch Rechtsextremismus, rororo, Hamburg 1994

39 Informationen aus Buchheim/Broszat/Jacobsen/Krausnick, Anatomie des SS-Staates,

München 1994

40 Informationen aus der Broschüre „Bad Hersfeld wird immer schöner",

DGB Hersfeld-Rotenburg