In der Ausgabe 3´94 des Regionalmagazins Projektor ging es um rechte Tendenzen in der CDU. Hier wurde auch auf den Umstand hingewiesen, daß die Junge Union im Kreis Hersfeld-Rotenburg des häufigeren mit dem rechtsradikalen Verein für das Deutschtum im Ausland" (VDA) Veranstaltungen durchführt. Nach der Veröffentlichung erhielt die Redaktion einige lediglich mit der Schreib-maschine spärlich kommentierte und passa-genweise durch Textmarker hervorgehobene Kopien von Zeitungsausschnitten: Der Absender ist anhand von Stempel-Abdrucken zu erahnen - vermutlich der in Bad Hersfeld wohnhafte VDA-Landesvorsitzende von Hessen, Carl Treppmacher-Schwanke. Unter die Kopie eines Artikels des SPD-Bundestagsabgeordneten und stellvertretenden Vorsitzenden des VDA-Verwaltungsrates Horst Sielaff war die Frage getippt: ... ein Rechts-radikaler???"
Relativ unbeschadet sollte der Verein für das Deutschtum im Ausland" (VDA) über 100 Jahre innen- und außenpolitisch Einfluß nehmen und geben. Wenige Monate vor Veröffentlichung dieses Buches wurden jedoch Ereignisse bekannt, die dem VDA in einer funktionierenden parlamentarischen Demokratie eigentlich das Genick brechen müßten: Prüfungen des Bundesinnenministeriums, die am 5. Februar 1997 an die Öffentlichkeit gelangten, brachten zum Ergebnis, daß der VDA mindestens 7,4 Millionen Mark an die Bundeskasse zurückzahlen muß. Weitere Nachforschungen, ob der Verein Bundesmittel korrekt verwendet hat, stünden noch aus. Sie können zu weiteren Rückforderungen führen. Gleichzeitig hatte der Verein beantragt, 1,63 Millionen Mark Zuschuß und eine Verwaltungskostenpauschale nachzubewilligen.[1]

Daß der VDA auch diese schweren Zeiten unbeschadet überstehen wird, läßt sich jedoch erahnen. Der unter Zugzwang geratene Verein hat zur Deckung der im Jahre 1996 für Personal- und Sachmittel entstandenen Kosten, die im Zusammenhang mit dem Verfahren zur Prüfung der Verwendungsnachweise aus vergangenen Jahren" (Bundesministerium des Inneren), entstanden sind, inzwischen 180.000 DM zusätzliche Mittel erhalten.[2]
Treppmacher-Schwanke bei einer Veranstaltung des nationalliberalen Bund freier Bürger. Foto: Timo SchadtEnde 1881 gründete sich der Allgemeine Deutsche Schulverein", gab sich den Zusatz zur Erhaltung des Deutschtums im Ausland" und nannte sich 1908 in Verein für das Deutschtum im Ausland" (VDA) um. Kaum einer anderen Organisation gelang es wie dieser, in einer nahezu lückenlosen Kontinuität, von der Kaiserzeit über die Weimarer Republik über das Dritte Reich bis heute, als Ideologieschmiede einen hohen Einfluß auf die jeweiligen Regierungen zu haben.
Gleichfalls diente und dient der VDA als scheinbar privater Verein" zu offiziösen nebenaußenpolitischen Aktivitäten der deutschen Regierungen der betroffenen Epoche, stets eng verknüpft mit dem Auswärtigen Amt. Diese Aktivitäten waren von Anfang an finanzieller wie agitatorischer Natur und nicht nur geprägt von wirtschaftlichen Interessen. Dem VDA-Hauptausschuß gehörten in den 20er Jahren Spitzen der deutschen Industrie an: Carl Duisberg, Vorsitzender des Aufsichtsrates der IG-Farben und des Reichsverbandes der Deutschen Industrie, Ernst von Borsig, Mitinhaber der gleichnamigen Firma und Vorsitzender der Vereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände, Albert Vögler von den Stahlwerken in Düsseldorf und Max Schlenker, erster Geschäftsführer des Vereins zur Wahrung der gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen in Rheinland und in Westfalen".[3]
Stets lag dem Handeln der Organisation, eine pangermanistische, kolonialistische und revisionistische Motivation zu Grunde, gespickt mit einem mehr oder weniger offenkundigen Rassismus. Nach der Kaiserzeit, zu Beginn der Weimarer Republik, entstand im VDA der Plan, alle Deutschen in einer Weltorganisation zusammenzufassen. Im Jahrbuch des VDA 1922 ist zu lesen, nach welchen rassischen Merkmalen, nämlich Länge und Form der Gliedmaßen und vor allem des Beckens", Menschen als A. Indogermanen und Arier" zu erkennen sind. Deren erste Untergruppe seien die Germanen", deren dominierende Gruppe wiederum mit 100 Millionen Menschen die Deutschen. Dabei lebten lediglich 66 Millionen in Deutschland und Österreich, aber weitere 34 Millionen in der Tschechoslowakei, Polen, Südslawien, Rumänien, Frankreich, Italien, Estland, Lettland, Rußland, Schweiz, Luxemburg, Ungarn, Nord- und Südamerika".[4]
Geschickt gelang dem traditionsreichen Verein, eine feste Einbindung in deutsche Auslandspolitik zu erreichen und diese quasi als Fels in der Brandung der Geschichte über alle historischen Wendepunkte des 20. Jahrhunderts hinweg zu retten. Wie dieses Machtspiel vonstatten ging, ist, an hier natürlich nur stark verkürzt wiedergegebenen Beispielen zu erahnen: Keine zwei Wochen nach der Reichstagswahl vom 5. März 1933 (43,9 % der Stimmen entfielen auf die NSDAP) bat der VDA-Hauptausschuß Reichskanzler Adolf Hitler telegrafisch, neben unserem ersten Ehrenvorsitzenden Hindenburg als zweiter Ehrenvorsitzender an die Spitze unserer volksdeutschen Bewegung zu treten". Nicht zufällig kam es zu diesem Ansinnen, denn führende Funktionäre der einflußreichen Organisation waren ideologische Weggefährten und mit öffentlichen Erklärungen u.a. in den VDA-Mitgliederzeitschriften Wegbereiter der NSDAP. Dies geschah schon zu Zeiten, als Hitler noch im Gefängnis in Landsberg Mein Kampf" schrieb und die Partei keine nennenswerten Stimmergebnisse erzielte.[5] Bereits Ende der zwanziger Jahre gehörte der VDA zu den bedeutendsten Massenorganisationen der Weimarer Republik: mehr als 2 Millionen Mitglieder, 3.000 Orts- und 5.000 Schulgruppen. Der VDA stand mit 8.000 Schulen in Verbindung und hatte 400 Vertrauensleute mit 120.000 Anschriften in aller Welt.[6] Während des 3. Reiches verlor der VDA keinen Einfluß, ganz im Gegenteil: Für die Volkstumsarbeit jenseits der Grenzen ist ausschließlich der VDA zuständig", mahnte Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß 1939 in einer geheimen Anordnung die Partei und ihre Untergliederungen. Heß weiter: Allein zuständig für diese Aufgabe ist die Volksdeutsche Mittelstelle und als deren getarntes Werkzeug der VDA ..."[7]
Noch 1945 auf die Verbotsliste der NS-Organisationen gesetzt, wurde der VDA gerade mal zehn Jahre später als Gesellschaft für deutsche Kulturbeziehungen im Ausland" neu gegründet. Wegen der Verwendung des NS-belasteten Namenskürzels VDA" gab es anfänglich noch Einwände, u.a. des Auswärtigen Amtes. Dennoch trat die Gesellschaft unter gemeinsamem Vorsitz des früheren Reichskanzlers Dr. Hans Luther und Dr. Fritz Berthold (näheres im Kapitel Hintergründe) wieder mit dem Kürzel auf und bekannte alsbald mit einer entsprechenden Zeile auf dem Briefpapier: Gegründet 1881 als Allgemeiner Deutscher Schulverein". Am 13. Februar 1957 schrieb der einstige VDA-Führer Hans Steinacher (näheres im Kapitel Hintergründe)einen Brief an den Münchener Rechtsanwalt Fritz Berthold: Soweit ich sehe, hat der neue VDA in München schon dadurch einen nicht mehr gutzumachenden Geburtsfehler, daß sein Vorstand durch Zusammenstehen von einigen prominenten, rein politisch hervorgetretenen Persönlichkeiten besteht. (...) Damit erinnert die Methode der Besetzung des Vorstandes mich in peinlicher Weise an versuchte Methoden der NSDAP (...)". 1959 wurden der umstrittene ehemalige Präsident des Bundesverwaltungsgerichtshofs Hans Egidi und das früher als Abgeordneter im Prager Parlament sitzende Hauptleitungsmitglied der nationalsozialistischen Sudetendeutschenpartei Dr. Hans Neuwirth, (näheres im Kapitel Hintergründe) zu Vorsitzenden gewählt. Daraufhin verließ eine ganze Reihe der Gründungsväter des neuen VDA den Verein. Sie begründeten dies mit der Unterwanderung durch rechtsstehende Persönlichkeiten" aus den Altherrenreihen" des NS-Vereins Verband Deutscher Studentenschaften". Der sozialdemokratische Pressedienst formulierte: Die Vorstellungen der Leute, in deren Hände der Verein geraten ist, erinnern an gestern." [8]
Der VDA war zum Sammelbecken für Ewig-Gestrige geworden. In der Vertriebenenzeitschrift Deutscher Ostdienst" vom 20. April 1967 heißt es: Eine mittelbare Verbindung zwischen den Landsmannschaften der Vertriebenen und dem VDA besteht." und Der neue und gegenüber seiner großen Weimarer Zeit mit ihrem weitgehendem Verständnis staatlicher Stellen heute kleine und bescheidene VDA muß seine Mittel auf ganz wenige Brennpunkte konzentrieren, um mit einigen hunderttausend Mark Wirkungen zu erzielen." [9]
Im September 1981 konnte die kleine und bescheidene" Organisation wieder zu ihrem ehemaligen Namen zurückkehren. Anläßlich einer Feierlichkeit zum einhundertsten Bestehen unter Schirmherrschaft des Bundespräsidenten Prof. Dr. Karl Carstens nannte sich der VDA wieder in Verein für das Deutschtum im Ausland" um. [10] Noch im selben Monat traf sich auf Einladung des VDA eine Gruppe von Auslanddeutschen in Hünfeld. Die Fuldaer Zeitung griff in ihrer Berichterstattung über das Treffen offensichtlich dort verbreitete Bezeichnungen aus der Kolonial- und Besatzungszeit der Herkunftsländer der Veranstaltungsgäste auf und nannte Eupen-Malmedy" (Belgien), Südtirol" (Italien) und Südwestafrika" (Namibia) in einem Atemzug mit den USA, Kanada, Brasilien, Chile, Paraguay, usw.[11] Insgesamt erfreute sich die nun wieder restlos auferstandene" Organisation einer relativ geringen Beachtung ihrer braunen Vergangenheit und von revisionistischen und bisweilen rassistischen Tendenzen geprägte Gegenwart. Der damals amtierende VDA-Vorsitzende Rudo