Die Grünen Ortsverband Niederaula sind entsetzt, daß in ihrer
Heimatgemeinde Rechtsrextreme eine Versammlungsmöglichkeit gefunden haben. Als
besonders bedauerlich betrachten es die örtlichen Grünen, daß weder Bürgermeister Stang,
noch Landrat Kern, die gesetzlich gegebenen Möglichkeiten zur Verhinderung des
Treffens ausgenutzt haben. So hätte z.B. die Veranstaltung formell verboten und die
letztendliche Entscheidung dem Verwaltungsgericht überlassen werden können. Das Beispiel
des Bürgermeisters von Schlüchtern zeigt, daß auch ein Appell an örtliche Hotels
und Gaststätten genügt, um Nazis und Neonazis fernzuhalten.
(aus einer Pressemitteilung der Grünen Niederaula vom 23. April 1988)
Zu einem Stelldichein neofaschistischer Organisationen und Prominenz kam es anläßlich der Gedenkfeier zum 500. Geburtstags Ulrich von Huttens im Bürgerhaus von Niederaula. Eingeladen dazu hatte der Freundeskreis Ulrich von Hutten", eine an der Mitgliederstärke gemessen eher unbedeutende Gruppierung aus dem neonazistischen Spektrum mit Aktiven, die mehrheitlich bereits im Greisenalter sind. Bedeutung erlangte der Verein in den letzten Jahren vor allem dadurch, daß es ihm zunehmend gelungen ist, jüngere Personen aus diesem politischen Lager einzubeziehen und mit seinen Treffen eine Art neutralen Boden" jenseits der inhaltlichen Differenzen der beteiligten Strömungen zur Verfügung zu stellen.
1988 jährte sich zum 500. Mal der Geburtstag des auf der Burg Steckelsberg (bei Schlüchtern) geborenen Ritter und Humanisten" Ulrich von Hutten, einer bekannten Persönlichkeit aus dem Bauernkrieg, die von der extremen Rechten immer wieder als Symbolfigur für den Kampf des deutschen Volkes gegen seine Unterdrücker" herangezogen worden ist. So verleiht zum Beispiel die rechtsextreme Gesellschaft für freie Publizistik" jährlich eine Hutten-Medaille an verdiente nationalistische Schriftsteller. Hutten war, so Friedrich Engels in seiner Schrift Der deutsche Bauernkrieg" der theoretische Repräsentant des deutschen Adels". Dieser reichsunmittelbare Adel war im Begriff, seine Unabhängigkeit an die immer mächtiger werdenden weltlichen und geistlichen Fürsten zu verlieren. Er sah zu gleicher Zeit, in demselben Maß wie er sank, auch die Reichsgewalt sinken und das Reich sich in eine Anzahl souveräner Fürstentümer auflösen. Sein Untergang mußte für ihn mit dem Untergang der Deutschen als Nation zusammenfallen." Der Nationalismus Huttens ist also ein Fakt, eine Legende dagegen ist sein behauptetes Eintreten für die Interessen des Volkes. Engels weiter: Von Aufhebung der Leibeigenschaft und der Lasten, die der Bauer dem Adel schuldig war, ist bei Hutten nirgends die Rede."[1]
Der nach diesem Namenspatron benannte Freundeskreis Ulrich von Hutten" wollte anläßlich dieses Jahrestages auf der Burg Steckelsberg in der Nähe der Stadt Schlüchtern seine Jubiläumsfeierlichkeiten veranstalten. Im Frühjahr des Jahres traf ein Schreiben mit dieser Ankündigung im Verkehrsbüro der Stadt Schlüchtern ein. Absender war die erste Vorsitzende Lisbeth Grolitsch[2], eine ehemalige Gau-Unterführerin des nationalistischen Bund deutscher Mädel", die nach Kriegsende führend in verschiedenen kulturell ausgerichteten Gruppen des Neofaschismus in Deutschland und Österreich war.
Diese Gruppierung wurde 1983 von Lisbeth Grolitsch und Otto Ernst Remer gegründet. Remer zog sich allerdings bald aus der aktiven Arbeit des Vereins zurück. Die Mitglieder des Freundeskreises werden durch den Vorstand berufen. Anderen Interessierten steht nur die Fördermitgliedschaft offen. So wie der historische Hutten die Interessen des Adels vertrat, so will die heute nach ihm benannte Organisation die Elite sammeln. Einer Elite aber kann man nicht beitreten. In sie kann man nur nach erfolgter Leistung aufgenommen werden. Die Elite ist es, die darüber entscheidet, wer zur Elite gehört. Personell überschneidet sich der Freundeskreis mit der Deutschen Kulturgemeinschaft" (DKG) und der Notgemeinschaft für Volkstum und Kultur" (NG), zwei weitere Gruppierungen, die durch personelle Überbleibsel der NS-Zeit geprägt werden.[3] Der Freundeskreis gibt zweimonatlich die Zeitschrift Huttenbriefe für Volkstum, Kultur, Wahrheit und Recht" mit einer Auflagenhöhe von einigen hundert Exemplaren unter der Schriftleitung von Lisbeth Grolitsch heraus.[4]
Für die Autoren der Huttenbriefe ist das eigene Volk der höchste Wert". Sie verschreiben sich der geschichtlichen Wahrheit", das meint hier: ihrer mit dem Etikett Wahrheit" behängten Vorstellungswelt. Sogenannte Richtigstellungen der Geschichte finden sich nahezu in jeder Ausgabe. So lautet die Überschrift eines Artikels in den Huttenbriefen z.B.: Das Wannsee-Protokoll, die Fälschung des Jahrhunderts". Das Blatt bemüht sich immer wieder, völkische und rassistische Positionen scheinbar wissenschaftlich zu begründen. Die eigenen Ansätze des Freundeskreises Ulrich von Hutten werden als die einzig möglichen ausgegeben.[5]
Selbst eher konservative Historiker sehen hier den Namen Ulrich von Huttens mißbraucht. Der schweizer Schriftsteller und Hutten-Forscher Franz Rueb zum Beispiel stellte unmittelbar vor dem Treffen in Niederaula sein neues Buch zu Ulrich von Hutten vor. Die Frankfurter Rundschau zitiert ihn: Rueb sieht in dem ,Freundeskreis' eine neonazistische Organisation, ,die den Namen Ulrich von Huttens auf hämische und widerlichste Weise mißbraucht'. ,Diese Herrschaften machen es sich sehr einfach', sagte Rueb in einem Gespräch mit der Frankfurter Rundschau und betonte, daß der Hutten von damals ,auf heute nicht übertragbar ist, vor allem nicht reduzierbar' sei. Der fränkische Rittersohn (...) habe für die Befreiung des deutschen Volkes gekämpft. ,Die Nazis und Neonazis wollen eine deutsche Nation zur Unterdrückung anderer Länder und Völker, das ist der wesentliche politische Unterschied', so Rueb gegenüber der Rundschau."[6]
Der Bürgermeister der Stadt Schlüchtern, Hans Schott (SPD) und der Landrat des Main-Kinzig-Kreises, Karl Eyerkaufer (SPD), erklärten den Freundeskreis jedoch zu unerwünschten Gästen". Gleichzeitig drohte der Landrat mit polizeilichen Gegenmaßnahmen. Der Bürgermeister forderte die Gastronomen aus Stadt und Umkreis auf, keinesfalls Räume und Unterkünfte an Extremisten zu vermieten.[7] Dadurch wurden weitere Aktivitäten im Main-Kinzig-Kreis verhindert, und der Freundeskreis mußte sich eine neue Bleibe suchen.
Auf ein solches Verbot hatte sich der Freundeskreis allerdings vorbereitet. Schon im Vorjahr, im Oktober 1987, hatte man auch mit dem Gastwirt des Bürgerhauses in Niederaula einen Vertrag abgeschlossen. Nach Angaben der Fuldaer Zeitung/Hünfelder Zeitung vom 25. April 1988 hatte der Freundeskreis weitere Buchungen parallel in verschiedenen Landkreisen vorgenommen.[8] Für Ausweichmöglichkeiten war also gesorgt. Schließlich tagte die neofaschistische Organisation von den Behörden unbehelligt im Bürgerhaus der Gemeinde Niederaula unter der Bewirtung des damaligen Gastwirts Horst Braun statt auf der Steckelsburg. Die Aufmerksamkeit der Behörden richtete sich wieder einmal stärker auf die Gegendemonstranten. Eingesperrt in sieben Park buchten durften diese ihren Protest gegen das Treffen bekunden. Der Versammlungsfreiheit von Neofaschisten wurde offenbar ein höherer Stellenwert eingeräumt als dem Demonstrationsrecht von Demokratinnen und Demokraten.
Soviel Durchsetzungswillen wie der Landrat aus dem Main-Kinzig-Kreis, der das Treffen untersagt hatte, brachte der damalige Landrat Norbert Kern (SPD) aus dem Landkreis Hersfeld-Rotenburg nicht auf. Nach Meinung von Landrat Kern handelte es sich um eine geschlossene Gesellschaft, deshalb könne sie nicht mit rechtlichen Mitteln verhindert werden.[9] Und wenn etwas legal ist, dann muß es selbstverständlich auch von der Polizei geschützt werden. Geschützt vor der demokratischen Öffentlichkeit konnten die Feierlichkeiten des Freundeskreises Ulrich von Hutten" ihren Lauf nehmen und so kam es zu einem Stelldichein der neofaschistischen Szene.
Einen Teil der Veranstaltung, deren Ordnerdienst von der Wiking Jugend organisiert wurde, bestritt dabei der Hamburger Rechtsanwalt Jürgen Rieger. Der Vortrag von Rieger, der zugleich unter anderem Vorsitzender der Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung" ist, in Niederaula stand unter der Überschrift Die biologische Lage unseres Volkes".[10]
Aber nicht nur die Anwesenheit Riegers ließ darauf schließen, daß es sich um ein Treffen einer neofaschistischen Kaderorganisation handelte. Auch die in der Festfolge angekündigte Zusammenkunft der volkstreuen Verbände ließ erahnen, daß hier eine Zusammenkunft auf höchster Ebene stattfinden sollte.
Die Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung, an deren Spitze Jürgen Rieger seit 1972 steht, ging aus der Anfang der 60er Jahre gegründeten Deutschen Gesellschaft für Erbgesundheitspflege" hervor. Zum wissenschaftlichen Anstrich, den sich diese rassistische Organisation zu geben versucht, gehört es, daß man sich einen wissenschaftlichen Beirat" zugelegt hat, dem bekannte deutsche und ausländische Rechtsextremisten sowie rassistische Wissenschaftler angehören, sowie auch eine Vierteljahreschrift unter dem Titel Neue Anthropologie", deren Wissenschaftlichkeit sich in der großen Menge der Fußnoten erschöpft. Gemeinsam mit anderen von Rieger dominierten Vereinen wird jährlich im Sommer die Hetendorfer Tagungswoche" durchgeführt, deren Verbot der niedersächsische Innenminister 1997 vergeblich durchzusetzen versuchte. Die Gesellschaft behauptet, Unterschiede bei der Intelligenz zwischen den verschiedenen Rassen" und fordert u.a. eugenische Praktiken wie die Sterilisation Schwerkrimineller" und Erbkranker".[11]
Rechtsanwalt Jürgen Rieger verteidigt seit Jahren Personen aus dem neofaschistischen Lager.[12] Zur Zeit versucht er, das schwedische Gut Sveneby als Gutsherr biologisch-dynamisch zu bestellen und hofft, 18 junge deutsche Familien zu finden, die sich dort ansiedeln möchten. Sie sollen dort ein Leben in wunderschöner, unberührter Landschaft, nach eigener Art, unbeeinflußt durch Umerziehung, Überfremdung, Drogen und Rauschgift, mit eigenem Kindergarten und Schule führen".[13]
Mit dem Gut in Schweden läuft es jedoch nicht so gut. Nach eigenem Bekunden ist der Nazi-Anwalt zur Zeit knapp bei Kasse. Dank des Rinderwahnsinns trage sich seine Rinderzucht auf Sveneby nicht, und die EU-Gelder für den biologisch-dynamischen Anbau reichten ebenfalls nicht aus, um die laufenden Kosten für das 700 Hektar große Gut zu decken.[14]
Den Huttenbriefen ist ebenfalls zu entnehmen, daß die für Sonnabend, den 23. April, vorgesehene Sitzung der Vertreter der volkstreuen Verbände" gut besucht gewesen sein soll. In zahlreichen Wortmeldungen wurde der notwendige Wille zur Zusammenarbeit im Kampf um Deutschland bekundet. Dieser einmütige Wille trat auch in den Mittelpunkt der kurzen und prägnanten Ansprachen der zehn ausgewählten Vertreter der anwesenden volkstreuen Gruppen".[15]
Versammlungsleiter Wolfgang Nahrath[16] von der Wiking Jugend bedankte sich am Ende der Veranstaltung bei Lisbeth Grolitsch für die gesamte Durchführung der Veranstaltung. Diese wiederum bekannte sich in ihrem Schlußwort noch einmal zu Ulrich von Hutten als dem Nothelfer im hartem Kampf der Gegenwart für unser von Gefahren umwittertes Volk". Sie sprach ihren besonderen Dank den Vortragenden und Mitarbeitern aus. Ihre Hoffnungen setzte sie auf eine weitere fruchtbare Zusammenarbeit der volkstreuen Gesinnungsgemeinschaft" und hob dabei den vorbildlichen Charakter der Wiking Jugend" hervor. Inzwischen ist dieses Vorbild durch die Bundesregierung verboten worden. Daß die Veranstaltung so reibungslos verlaufen konnte, sei nicht zuletzt den Wirtsleuten zu verdanken und so ernteten diese für ihre unerschütterliche und Achtung hervorrufende Haltung" den größten Beifall.[17] Soweit die Bilanz der Huttenbriefe.
Und noch eine neofaschistische Organisation nahm nach Auskunft des Hessischen Verfassungsschutzes an der Veranstaltung in Niederaula teil. Die Nationalistische Front (NF) war ebenfalls zur Stelle, als der Freundeskreis Ulrich von Hutten nach Niederaula einlud. Wie das andere Vorbild", die Wiking Jugend, ist sie inzwischen verboten. Seit 1986 hatte sie jährlich ein als Ausbildungszeltlager getarntes Wehrsportlager organisiert. Ende 1988 nahmen Mitglieder der NF in Frankreich an einer Sonnenwendfeier teil, auf der das ehemalige SS-Mitglied Leon Degrelle, einer der Ikonen des heutigen Neofaschismus, ein Schwert an die jüngere Generation in einer theatralischen Zeremonie übergab.
Konnte sich Landrat Norbert Kern am Freitag vor der Veranstaltung noch auf die Position zurückziehen, er könne gegen das Treffen nichts unternehmen, da es sich um eine geschlossene Veranstaltung handele, stellt sich die Frage, warum die Polizei nicht nach dem Ende der Tagung im Bürgerhaus gegen die Rechtsextremen eingeschritten ist, denn nach dem Ende der Veranstaltung machten sich diese zu einer nicht genehmigten Demonstration auf. Die Fuldaer Zeitung/Hünfelder Zeitung beschrieb die Situation wie folgt: Untätig blieben die Beamten auch beim Aufmarsch der ,Huttenfreunde', nachdem sie die Feier mit ,Deutschland, Deutschland über alles' beendet hatten. Mit Motorradhelmen gewappnete Wiking-Jünger bahnten den Nazis den Weg für ihre Demonstration, Teilnehmer entrollten Transparente. Die ,private Veranstaltung' war öffentlich geworden und somit nicht genehmigt. Die Polizei sah selbst untätig zu, als junge Männer Plakate der Nationalen Front (NF) zur Schau trugen."[18] War Landrat Kern wirklich der Meinung, daß die Rechtsextremen sich schön artig an ihre Zusagen halten würden? Warum ist die Polizei nicht eingeschritten, als es zur öffentlichen Demonstration kam? Dies mochte der Landrat auch nicht während einer Bürgerinformation der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten" (VVN BdA) nach dem Treffen des Freundeskreises Ulrich von Hutten erklären, die am 26. Mai 1988 im Dorfgemeinschaftshaus Niederaula stattfand.
Die Industriegewerkschaft Metall, Verwaltungsstelle Bebra versuchte zusammen mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund im Kreis Hersfeld-Rotenburg, das Treffen des Freundeskreises in Niederaula zu verhindern. Dem Gastwirt des Bürgerhauses wurde vorgeschlagen, auf die Bewirtung der Rechtsextremen zu verzichten, und die IG-Metall hätte im Gegenzug Versammlungen und Konferenzen im Bürgerhaus Niederaula durchgeführt, um somit den ökonomischen Schaden für den Wirt zu begrenzen. Braun jedoch ließ sich nicht auf die Angebote der IG Metall ein, die ihm neben der finanziellen auch alle juristische Hilfe geben wollte, damit er den Freundeskreis nicht bewirten müsse. So kam es, daß Braun in den höchsten Tönen in den Abschlußworten von der Vorsitzenden des Freundeskreises Lisbeth Grolitsch gelobt wurde.
Die 500-Jahr-Feier des Freundeskreises in Niederaula wurde also durchgeführt.
Die Demonstranten von auswärts waren in die sieben Parkbuchten eingesperrt, und
die Niederaulaer Bürgerinnen und Bürger demonstrierten in der Kirche. Der
Kirchenvorstand Niederaula hatte zu einer Protestveranstaltung in der Kirche aufgerufen. In
seiner Predigt erteilte der damalige Niederauler Pfarrer, Karl Werner Brauer, eine
klare Absage an die Vorkommnisse im
Bürgerhaus.[19]

Mitglieder der Wiking Jugend in traditioneller
Kluft stehen Spalier.
Foto: Timo Schadt
Der Bericht des Verfassungsschutzes Hessen aus dem Jahr 1988 berichtete wie folgt von dem Treffen des Freundeskreises: Der Freundeskreis Ulrich von Hutten traf sich vom 22. bis 24. April in Niederaula (Kreis Hersfeld-Rotenburg). Anlaß war der 500. Geburtstag des Namenspatrons. An der Veranstaltung nahmen etwa 400 bis 450 Personen teil. Verschiedene in- und ausländische rechtsextreme Gruppierungen waren durch Abordnungen vertreten, darunter auch Anhänger der Wiking Jugend und der Nationalistischen Front." Gut beobachtet und trotzdem nichts dagegen gemacht![20]