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Was ist Anarchie?
Begriff und Wirklichkeit
zwischen Aufstand und Lebensgefühl

Definitionen ++ Verwirrungen ++ Was bleibt an Definition? ++ Varianten des Anarchismus ++ Links

Ein Text im Buch "Anarchie. Träume, Kampf und Krampf im deutschen Anarchismus" (Gliederung)

Was nun ist Anarchie eigentlich?
Ganz einfach ist die Frage nicht zu beantworten - aber das gilt für alle anderen Modelle der Gesellschaftsgestaltung auch. Schließlich sind die hochkomplex und schwer in einem Wort zu fassen. Zumal kein Begriff eindeutig sein kann. Denn Begriffe sind Denkkonzepte, die sich Menschen im Kopf bilden, um Wahrnehmungen und Empfindungen einsortieren zu können in ein Weltbild. Ohne ständiges Zuordnen würde im Kopf Chaos herrschen. Millionen von Sinneseindrücke würden nebeneinander existieren und kaum Zusammenhänge erkennbar sein. Begriffsbildung ist eine Form der Strukturierung von Denken. Es macht möglich, alles Wahrgenommene einzuordnen und so auch in Erinnerung zu behalten, weil es in Beziehung tritt zu bereits Bekanntem. Allerdings entsteht so das Problem, dass alle neuen Eindrücke vom vorhandenen Denken geprägt werden. Daher ist Denken immer gerichtet, es gibt weder Objektivität noch Wahrheit, auch nicht zur Anarchie. Der Begriff ist zudem eines der typischen "Containerworte", also ein Begriff, in dem mensch fast nach Belieben alles hineinkippen kann.

Definitionen

Das ist Anarchie - von David Edelstadt
Eine Welt in der keiner regieren soll,
über die Arbeit und Mühe eines anderen,
Frei wird sein jedes Herz und Gehirn,
Das ist Anarchie
Eine Welt in der Freiheit jeden beglückt,
den Schwachen den Starken „ihn“ und „sie“
wo „deins“ und „meins“ keinen unterdrücken wird
Das ist Anarchie

Es geht schon ganz vorne los mit den Unklarheiten. Die Einen sagen, der Begriff Anarchie leitet sich aus dem Griechischen (αναρχία = Führerlosigkeit) ab und bedeutet deshalb ursprünglich die Abwesenheit von Herrschaft durch Einzelne ("Führer"). Andereübersetzen "anarchia" mit Herrschafts- oder Gesetzlosigkeit. Das ist zwar nicht völlig unterschiedlich, aber auch nicht das Gleiche - gibt es doch viele Hierarchien, die keine Einzelperson an der Spitze aufweisen. Im heutigen Gebrauch des Wortes wird die "Führerlosigkeit" in der Regel von der Einzelperson abstrahiert, d.h. im zweiten Sinne ausgelegt. Die klassischen Anarchisten in der Tradition von Bakunin, Kropotkin und Proudhon verstanden vor allem institutionelle oder strukturelle Gewalt als Herrschaft. Anarchie, schlussfolgerten sie, wäre eine staaten- bzw. institutionenlose Gesellschaft, bei weitergehender Herrschaftsanalyse die Form der Vergesellschaftung ohne alle Hierarchien und Privilegien.
Im Detail kam und kommt es aber zu unterschiedlichen Definitionen und Sichtweisen. Weil alle Formen organisierter Herrschaft, wie wir sie kennen, keine zeitlosen Institutionen sind, sondern im Laufe der Geschichte kamen und gingen, vermuten viele AnarchistInnen, dass es neben und noch mehr vor dem Beginn der Dominanz moderner Staaten tatsächliche Anarchie gegeben haben könnte. Auch über manche der heute lebenden Naturvölker wird behauptet, dass dort zumindest von Herrschaft Einzelner keine Rede sein kann. Ein Beispiel sind die Mbuti. Sie sollen ohne Macht von Führern leben, mithin nach einer Definitionsmöglichkeit in einer Anarchie. Die Abwesenheit von Gesetzgebern und Gesetzen kennzeichnet ihr Leben zudem als 'gesetzlos'. Aber ohne Ordnung war ihr Leben deshalb mitnichten, woraus dann ein Meinungsstreit folgt, wieweit andere Hierarchien, Privilegien und versteckte Fremdsteuerung wirksam sind. Somit bleibt offen, ob es solche ursprünglichen Formen der Anarchie außerhalb der Zeiten und Territorien der Herrschaft gegeben hat bzw. gibt. Daneben existieren Experimente bewusst gewählter Formen der Anarchie innerhalb etablierter Herrschaftsräume.
Es gab historisch mehrere Versuche, anarchistische Strukturen, zumindest in Ansätzen, auch in größeren Gesellschaften umzusetzen, beispielsweise bei der Pariser Kommune 1871, in der Ukraine zwischen 1917 und 1922 durch die Machnotschina, zeitweilig und ansatzweise in den Räterepubliken von München 1919 und Schwarzenberg 1945 sowie während des spanischen Bürgerkriegs von 1936 bis 1939 in Katalonien und dessen Hauptstadt Barcelona durch die CNT. Alle diese Umsetzungsversuche (teil)anarchistischer Gesellschaftsorganisation scheiterten nicht nur an sich selbst, sondern relativ schnell durch gewaltsame Niederschlagung oder Übernahme von außen. Relativ lange konnten sich das anarchistische Modell der Machnotschina unter den Bedingungen des Russischen Bürgerkriegs sowie der Anarchosyndikalismus in Katalonien unter den Bedingungen des Spanischen Bürgerkriegs halten. KritikerInnen betrachten diese längerfristigeren Ausnahmen als Nischenmodelle, da die Gegner des Anarchismus zunächst vorrangig andere Feinde hatten, gegen die sie die AnarchistInnen zeitweilig als Verbündete nutzten, um sie hinterher eiskalt niederzumetzeln. In Russland waren diese Feinde die konterrevolutionären "Weißen Armeen", in Spanien die faschistischen Truppen Francos. Vielfach wird AnarchistInnen vorgeworfen, dass sie selbst "Macht" in bevorzugten, wenn auch bis dahin eher machtlosen Gruppen (Arbeiterräte, Soldatenräte, Gewerkschaften, Partisanenbewegungen) konzentrierten und so neue, einseitige Herrschaftsstrukturen unter Ausschluss anderer Bevölkerungsschichten erzeugten. Daraus folgt die Bewertung, dass es noch nie, weder aktuell noch historisch eine Gesellschaft ohne Herrschaftsstrukturen gegeben hat und die nostalgische Nabelschau vergeblicher Versuche in der Vergangenheit die notwendige und vorantreibende, aktuelle Debatte bremst.
Da der Anarchismus keine Staatsform darstellt, er im Gegenteil staatliche Herrschaft ablehnt, fällt es schwer, konkrete Theorien und Umsetzungsstrategien zur Überwindung gängiger Staatsstrukturen zu benennen. Die meisten Gegenmodelle abseits des Anarchismus hinterfragen den Staat als solches kaum oder gar nicht. Aufgrund der grundlegenden Kritik staatlicher (Herrschafts-)Strukturen kann es aber keinen "anarchistischen Staat" geben. Das gibt Zündstoff für die Kritik am Anarchismus, wenn die Frage gestellt wird, welche Mechanismen Gewaltenteilung, die Gewährleistung der Menschenrechte, eine Infrastruktur zur Versorgung der Menschen, staatlich garantierte Bildung und anderes im Anarchismus gewährleistet werden sollten - zumal dann, wenn die Umsetzung des Anarchismus sich auf größere Gesellschaften auswirken soll.
Von der Grundidee her sollten sich anarchistische Vorstellungen z.B. von kapitalistischen, demokratischen oder marxistischen Vorstellungen dadurch unterscheiden, dass sie keine Privilegien oder privilegierten Klassen schaffen, also niemanden von der gleichberechtigten Beteiligung an der Gesellschaft ausschliessen wollen. Es soll weder eine vorübergehende Übernahme der Staatsgewalt noch eine Diktatur des Proletariats geben. Jegliche Machtkonzentration einzelner Gruppen wird abgelehnt und soll durch geeignete Organisierungsstrukturen wie das anarchistische Rätemodell verhindert werden. Räte sollten in allen Bevölkerungsschichten entstehen, wobei auch dieser Vorschlag einige Ausblendungen z.B. informeller Macht beinhaltet. Aus dem egalitären Anspruch folgt jedoch nicht bei allen der Verzicht auf zugespitzte Kämpfe gegen diejenigen, die real (nach Ansicht der Anarchisten illegitim) konzentrierte Macht innehaben und sich durch AnarchistInnen daher bedroht sehen.
Obgleich Ideen des Anarchismus Impulse für das Herausbilden von Demokratien und Formen des Arbeitskampfes gegeben haben, besitzt der Anarchismus in der Gegenwart kaum Unterstützung in der Bevölkerung. Stattdessen wird er oftmals fälschlich mit einem Zustand des "Chaos" assoziiert. Vorgeworfen wird dem Anarchismus ein Teil seiner Geschichte, bei dem gewaltsame Anschläge verübt wurden. Heutzutage stehen auch den AnarchistInnen nahestehende Gruppierungen wie die sogenannten Autonomen seitens der Gesellschaft in der Kritik wegen ihres teilweise gegnerischen Verhältnisses zum bürgerlichen Recht und dem Gewaltmonopol des Staates. Diskussionen um den Anarchismus drehen sich auch häufig um die Frage, ob es eine Natur-gegebene (früher Gott-gegebene) Ordnung der Gesellschaft im Sinne einer Hierarchie gibt, die bereits im Wesen des Menschen angelegt sei. Dieser Konflikt spiegelt sich auch in der Wissenschaft, die sich darüber nicht einig ist, aber darauf verweist, dass die Mehrzahl der bisherigen Gesellschaftsmodelle hierarchisch aufgebaut waren. Gleichzeitig aber zeigt sie, dass sich gesellschaftliche Verhältnisse als Zurichtungen in Menschen festsetzen, d.h. es auch keine große Überraschung ist, dass angesichts der Dominanz herrschaftsförmiger Kulturen die Mehrzahl der Menschen selbige akzeptiert und reproduziert.

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Aus Schmidt, Manfred G. (1995): Wörterbuch zur Politik, Kröner Verlag in Stuttgart
Anarchie (von griech. anarchia = Herrschaftslosigkeit, Gesetzlosigkeit). Mehrdeutige und mehrwertige Bezeichnung für herrschafts- oder gesetzlose Ordnungen.
1) Für Anhänger des -Anarchismus ist A. eine positivzustimmend bewertete Vorstellung einer herrschaftsfreien Ordnung eines Gemeinwesens, in der die Kooperation und die -Koordination der Tätigkeiten der Gesellschaftsmitglieder ohne Dazwischentreten staatlicher oder sonstiger gesetzlicher Zwangsordnung erfolgen.
2) Im allgemeineren Sinne ist A. die Bezeichnung für den Zustand einer Ordnung, die durch das Fehlen autoritativer Institutionen oder Normen oberhalb der Ebene jeweils selbständiger Einheiten gekennzeichnet ist, wie z.B. die Auffassung von der anarchischen Struktur der internationalen Beziehungen in der sog. Realistischen Schule der Forschung zur Internationalen Politik.
3) Im hiermit verwandten Sinne ist A. die kritisch-abwertende Bezeichnung für eine Gesellschaftsordnung, die durch gesetzloses (im Sinne von »gegen Gesetz oder Moral verstoßendes«) Tun und Lassen einzelner oder aller charakterisiert ist.
Anarchismus, eine zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstandene politische Bewegung und Weltanschauung, deren Ziel die Herstellung einer herrschaftsfreien Gesellschaft im Sinne einer Gesellschaftsordnung ohne Ausbeutung, Staat, Militär und Justiz ist, in der die Gesellschaftsmitglieder frei, gleich und brüderlich nach jederzeit kündbarer Vereinbarung in überschaubaren basisdemokratischen Assoziationen zusammenleben. Man unterscheidet verschiedene Formen des A.:
1) die extrem individualistisch-libertäre Variante mit dem Leitgedanken der Maximierung individueller Freiheit und Autonomie (z. B. Godwin, 1756-1836),
2) den solidarischen A. mit der Leitidee gegenseitiger Hilfe (z. B. Proudhon, 1809-65),
3) den kollektiv-sozietären A., der insb. für Assoziationen der Arbeitenden auf der Basis von Kollektiveigentum eintritt (z. B. Bakunin, 1814-76),
4) den Anarcho-Kommunismus mit der Leitvorstellung, daß jedem nach seinen Bedürfnissen 711 geben sei (z. B. Fürst Kropotkin, 1842-1921), und 5) den insb. in Frankreich und Spanien verwurzelten

Wikipedia zu Anarchie
Wenn der Begriff in größeren Zusammenhängen verwendet wird, bezeichnet Anarchie auch eine auf sozialen und philosophischen Ideen basierende Gesellschaftsordnung. Anarchie bedeutet, dass jeder Mensch sich ohne unterdrückende Autorität und in freier Assoziation mit anderen Menschen entfalten kann. Freiwillig angenommene Autoritäten, wie etwa Mentoren, Trainer oder Berater, sind mit der Idee einer herrschaftsfreien Ordnung kompatibel. Ebenso können Regeln in Form von Sozialen Normen existieren. Die Anarchie negiert indes jegliche Autorität, sei es mit oder ohne Gewaltenteilung: Es existieren weder eine Exekutive (ausführende), eine Judikative (richterliche) noch eine Legislative (gesetzgebende) Gewalt, somit also kein Staat. Vielmehr wollen die Anarchisten die Gesellschaft selbst regeln, etwa über Räte, freie Übereinkunft oder rein funktionale Entscheidungen.
Eine solche Organisationsstruktur ist per Definition hierarchie- und gewaltfrei und sollte nicht mit einer herkömmlichen Administration verwechselt werden. Eine anarchistische Gesellschaft im Sinne des Anarchismus ist eine Gesellschaft, in der jeder Mensch selbst beziehungsweise in Kooperation mit anderen für die eigenen Lebensumstände Verantwortung übernimmt. Es gibt keinerlei lenkende Zentralgewalt. Sanktionen gehen nicht von einer Führungsschicht aus, sondern sind nur möglich, wenn vorher vereinbarte Regeln verletzt wurde - mit den Worten von Pierre Joseph Proudhon: "Anarchie ist Ordnung ohne Herrschaft." ...
Im allgemeinen Sprachgebrauch wird mit dem Begriff Anarchie ein durch die Abwesenheit von Staat und institutioneller Gewalt bedingter Zustand gesellschaftlicher Unordnung und Gesetzlosigkeit beschrieben. Die treffende Bezeichnung für diesen Zustand ist jedoch Anomie.

Zu Anarchie auf Anarchopedia
Das Wort Anarchie kommt aus dem Griechischen und leitet sich aus dem Präfix an, was so viel wie nicht heißt, und dem Wort für Herrscher (archos) ab. Anarchie heißt also Nichtherrschaft oder Herrscherlosigkeit, es ist der herrschaftslose Zustand, der den Prinzipien des Anarchismus entspricht. In ihr können sich die Menschen frei von Gesetzen, Grenzen und Normen bewegen und sich so frei und ohne Zwang entwickeln.
Anarchie beschreibt den Zustand, nicht das politische System, wie die -ismen (Kommunismus, Anarchismus, Kapitalismus). Wie aus dem Griechischen (siehe oben) abzuleiten, handelt es sich bei der Anarchie um einen Zustand absoluter Herrschaftslosigkeit und um nichts anderes. Die heutigen Assoziationen mit Gewalt, Chaos, etc., gehen schlichtweg am eigentlichen Begriff vorbei. Diese Empörten würden z.B. ihre geliebte Demokratie nie mit Krieg assoziieren, doch folgt er ihr so oft auf den Fuß. Viele Male wird und wurde der Begriff Anarchismus von Pseudoanarchisten missbraucht.

Von der Anarchie leiten sich weitere Begriffe ab: Der Begriff der Anarchie bezeichnet die Idee einer herrschaftsfreien und gewaltlosen Gesellschaft, in der Menschen ohne politischen Zwang (Macht) und Herrschaft gleichberechtigt und ohne Standesunterschiede miteinander leben und sich so frei entfalten können. Ein Mensch, der nach diesen Idealen lebt oder einer, der eine herrschaftsfreie Gesellschaft anstrebt, wird als AnarchistIn (bzw. Anarcho, Anarcha oder, geschlechtsneutral, Anarch@) bezeichnet. Die daraus resultierenden politischen Denkansätze, die die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit des Staates und des staatlichen Gewaltmonopols bestreiten, bezeichnet man als Anarchistische Theorien.
Der Anarchismus bezeichnet die Theorie der Anarchie, also jene Weltanschauung, die davon ausgeht, dass die Herrschaft von Menschen über Menschen (Chefs, Führer, Autoritäten, staatliche Herrschaft, jede Form von Hierarchie) nicht gerechtfertigt, unnötig, repressiv und gewaltsam ist, eine Unterdrückung darstellt, und somit aufgehoben werden muss. Im Mittelpunkt stehen Freiheit, Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung und Selbstverwaltung der Individuen, die Ausübung von Zwang wird zurückgewiesen. (Dieser Abschnitt zur Definition von Anarchie entstand auf der Basis eines Textes im Internet, siehe dort auch: Anarchismus.)
Im Gegensatz zum umfassenden Theoriebegriff "Anarchismus" wird "anarchistisch" zurückhaltender benutzt und mehr schon Teilaspekte oder einzelne Einstellungen bzw. Handlungen. Wenn etwas "anarchistisch" ist, dann wird damit in der Regel nur ausgedrückt, dass es sich gegen Herrschaft wendet oder gezielt frei von Herrschaft gehalten werden soll. Bisweilen wird das Adjektiv "libertär" synonym für "anarchistisch" verwendet. Diese Terminologie ist jedoch unpräzise - libertär ist oft noch zurückhaltender als Teilwesenszug einer damit beschriebenen Sache, eines Verhältnisses oder einer Gesinnung gemeint.

Wer den heutigen Buchmarkt zu Anarchie betrachtet, wird einen erheblichen Anteil sehr alter Werke feststellen. Deutschsprachige, anarchistische Verlage bringen immer wieder Neudrucke alter Texte heraus, die mitunter 100 und mehr Jahre auf dem Buckel haben. Offenbar war die Idee einer herrschaftsfreien Gesellschaft, mitunter gleichgesetzt mit der Idee klassenloser Gesellschaft (wenn sich hier auch schnell harte Ideologiekämpfe mit Marx und den von seinen Ideen inspirierten MarxistInnen ergaben), schon aus der Aufklärung heraus schnell als Idee formuliert - was selbst Immanuel Kant höchstpersönlich zeigte, als er Anarchie in seiner Übersicht, wie Freiheit und Gesetz mit Gewalt verbunden sein können, einen Königsplatz einräumte.

Aus Kant, Immanuel (1798): AA VII, "Anthropologie in pragmatischer Hinsicht" (S. 330 f., im Internet)
Freiheit und Gesetz ... sind die zwei Angeln, um welche sich die bürgerliche Gesetzgebung dreht. - Aber damit das letztere auch von Wirkung und nicht leere Anpreisung sei: so muß ein Mittleres hinzu kommen, nämlich Gewalt, welche, mit jenen verbunden, diesen Prinzipien Erfolg verschafft. - Nun kann man sich aber viererlei Kombinationen der letzteren mit den beiden ersteren denken:
A. Gesetz und Freiheit ohne Gewalt (Anarchie).
B. Gesetz und Gewalt ohne Freiheit (Despotismus).
C. Gewalt ohne Freiheit und Gesetz (Barbarei).
D. Gewalt mit Freiheit und Gesetz (Republik).

Die Hochphase anarchistischer Betätigung und Schreiberei lag hierzulande dann um die vorletzte Jahrhundertwende. Von dort stammen etliche Definitionen und Beschreibungen dessen, was Anarchie ist, wäre oder sein soll.

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Definition in Alexander Berkmann, ABC des Anarchismus (1929)
Anarchismus heißt, daß Sie frei sein werden; daß niemand Sie versklaven, Sie herumkommandieren, Sie berauben oder mißbrauchen wird. Das bedeutet, daß Sie die Freiheit haben werden, das zu tun, was Sie wollen, und daß Sie nicht gezwungen werden, etwas gegen ihren Willen zu tun. Das bedeutet, daß Sie die Möglichkeit haben, ohne Einmischung anderer so zu leben, wie Sie es wünschen. Das bedeutet, daß Ihr Nachbar die gleiche Freiheit hat wie Sie, daß jeder dieselben Rechte und Freiheiten besitzen wird. Das bedeutet, daß alle Menschen Brüder sind und wie Brüder in Frieden und Harmonie lebe werden. Das heißt, daß daß es keine Kriege geben wird und keine Gewaltanwendung einer Gruppe gegen die andere, kein Monopol, keine Armut, keine Unterdrückung und kein Ausnutzen des Mitmenschen.
Kurz gesagt: Anarchismus heißt die Gesellschaftsform, in der alle Männer und Frauen frei sind und in der alle die Vorteile eines geregelten und sinnvollen Lebens genießen.

Peter Kropotkin: Anarchismus (aus der Encyclopaedia Britannica von 1910)
Anarchismus (von Griechisch an und archos, Gegenteil von Herrschaft), Bezeichnung eines Prinzips oder einer Theorie des Lebens und Verhaltens, dem zufolge die Gesellschaft ohne Regierung gedacht wird. Harmonie wird in solch einer Gesellschaft nicht durch Unterwerfung unter das Gesetz oder durch Gehorsam vor irgendeiner Autorität erreicht, sondern durch freie Vereinbarungen, die zwischen verschiedenen Gruppen getroffen werden. Diese Gruppen würden nach territorialen und beruflichen Unterteilungen frei eingesetzt, zum einen um Produktion und Verbrauch zu regeln, zum anderen um die Befriedigung der unendlichen Vielfalt von Bedürfnissen und Wünschen des zivilisierten Menschen zu sichern. In einer Gesellschaft, die nach diesen Prinzipien entwickelt wurde, würden die freiwilligen Vereinigungen (...) eine noch größere Ausdehnung annehmen, um so den Staat in allen seinen Funktionen zu ersetzen. Sie würden ein eng verknüpftes Netzwerk bilden, zusammeng Anarchismus (von Griechisch an und archos, Gegenteil von Herrschaft), Bezeichnung eines Prinzips oder einer Theorie des Lebens und Verhaltens, dem zufolge die Gesellschaft ohne Regierung gedacht wird. Harmonie wird in solch einer Gesellschaft nicht esetzt aus einer endlosen Vielzahl von Gruppen und Vereinigungen aller Größen und Grade.

Rudolf Rocker, Anarchosyndicalism, Secker und Warburg 1938 (zitiert von Noam Chomsky, Quelle hier)
(Anarchismus ist ...) kein festes, in sich geschlossenes System darstellt, sondern eher einen bestimmten 'Trend in der Menschheitsgeschichte', welcher in Gegnerschaft zu der intellektuellen Bevormundung, durch kirchliche und administrative Einrichtungen nach freier und unbehinderter Entfaltung aller individuellen und gesellschaftlichen Kräfte im Dasein strebt.

Mühsam, Erich (1933): "Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat", Nachdruck bei Syndikat A und im Internet (mehr Auszüge)
Anarchismus ist die Lehre von der Freiheit als Grundlage der menschlichen Gesellschaft. Anarchie, zu deutsch: ohne Herrschaft, ohne Obrigkeit, ohne Staat, bezeichnet somit den von den Anarchisten erstrebten Zustand der gesellschaftlichen Ordnung, nämlich die Freiheit jedes einzelnen durch die allgemeine Freiheit. In dieser Zielsetzung, in nichts anderm, besteht die Verbundenheit aller Anarchisten untereinander, besteht die grundsätzliche Unterscheidung des Anarchismus von allen andern Gesellschaftslehren und Menschheitsbekenntnissen.
Wer die Freiheit der Persönlichkeit zur Forderung aller Menschengemeinschaft erhebt, und wer umgekehrt die Freiheit der Gesellschaft gleichsetzt mit der Freiheit aller in ihr zur Gemeinschaft verbundenen Menschen, hat das Recht, sich Anarchist zu nennen. Wer dagegen glaubt, die Menschen um der gesellschaftlichen Ordnung willen oder die Gesellschaft um der vermeintlichen Freiheit der Menschen willen unter von außen wirkenden Zwang stellen zu dürfen, hat keinen Anspruch, als Anarchist anerkannt zu werden. ...
(S. 7)
Die Verneinung der Macht in der gesellschaftlichen Organisation ist das maßgebliche Wesensmerkmal der Anarchie, oder, um dieser verneinenden Erklärung die bejahende Form zu geben: der Anarchismus kämpft anstatt für irgendeine Form der Macht für die gesellschaftlich organisierte Selbstverfügung und Selbstentschließung der Menschen. Unter Macht ist jede Inanspruchnahme oder Einräumung von Hoheitsbefugnissen zu verstehen, durch die die Menschen in regierende und regierte Gruppen getrennt werden. Hierbei spielt die Regierungsform nicht die geringste Rolle. Monarchie, Demokratie, Diktatur stellen als Staatsarten nur verschiedene Möglichkeiten im Verfahren der zentralistischen Menschenbeherrschung dar. Wenn die Demokratie sich darauf beruft, daß sie dem Volksganzen die Beteiligung an der öffentlichen Verwaltung mit gleichem Stimmrecht für alle gewährt, so ist daran zu erinnern, daß gleiches Stimmrecht nichts mit gleichem Recht zu tun hat und daß die Aussonderung von Abgeordneten eben die Beteiligung der Aussondernden an der Verwaltung verhindert und ihre Vertretung durch einander ablösende Machthaber bedeutet. ...
(S. 25)

Aus Schmück, Hajo (2003): "Anarchie" - Zur Geschichte eines Reiz- und Schlagwortes (Quelle)
Im Brockhaus'schen "Conversations-Lexikon" von 1814 findet sich noch ein anthropologisch orientierter Interpretationsansatz des Anarchiebegriffs, demzufolge Anarchie als "ein Volksverein ohne gemeinschaftliche Regierungsform" definiert wurde.

Aus dem Internet
Mit einem Wort, wir weisen alle privilegierte, patentierte, offizielle und legale Gesetzgebung, Autorität und Beeinflussung zurück, selbst wenn sie aus dem allgemeinen Stimmrecht hervorgegangen sind, in der Überzeugung, daß sie immer nur zum Nutzen einer herrschenden und ausbeutenden Minderheit gegen die Interessen der ungeheuren geknechteten Mehrheit sich wenden können. In diesem Sinne sind wir wirklich Anarchisten. (S. 69)

Aus Cantzen, Rolf (1995): "Weniger Staat - mehr Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau
Aristoteles verwendet den Begriff »Anarchie« in der Bedeutung von »Zustand der Sklaven ohne Herrn« als Entartung der Demokratie. Auch in der (Staats-)Verfassungslehre behält »Anarchie« als eine der Despotie entgegengesetzte Entartung negative Bedeutung’. In der Theologie des Mittelalters kennzeichnet »Anarchie« hingegen das Höchste und Freieste, was der Mensch sich vorstellen kann; der Zustand, in dem sich Gott befindet, der keiner Gewalt unterworfen ist. In diesem Sinne nimmt auch Kant den Begriff zur Bezeichnung einer Verfassungsform auf, die den unvollkommenen Menschen nicht angemessen ist: Anarchie sei »Gesetz und Freiheit, ohne Gewalt«. ... (S. 24 f.)
»Anarchie ist ... eine Regierungsform oder Verfassung, in welcher das öffentliche und private Gewissen ... allein zur Erhaltung der Ordnung und Sicherstellung aller Freiheiten genügt, in welcher also das Autoritätsprinzip, die polizeilichen Einrichtungen, die Steuern usw. auf das einfachste beschränkt sind, in welcher ... die Zentralisation - durch föderative Einrichtungen und kommunale Gebäude ersetzt - verschwinden.« (Proudhon, zitiert nach Souchy in Borries u. a. 1970, 11 f.) ...
(S. 28)

Ludwig Börne (ca. 1835)
Nicht darauf kommt es an, daß die Macht in dieser oder jener Hand sich befinde: die Macht selbst muß vermindert werden, in welcher Hand sie sich auch befinde. Aber noch kein Herrscher hat die Macht, die er besaß, und wenn er sie auch noch so edel gebrauchte, freiwillig schwächen lassen. Die Herrschaft kann nur beschränkt werden, wenn sie herrenlos – Freiheit geht nur aus Anarchie hervor. Von dieser Notwendigkeit der Revolution dürfen wir das Gesicht nicht abwenden, weil sie so traurig ist. Wir müssen als Männer der Gefahr fest ins Auge blicken und dürfen nicht zittern vor dem Messer des Wundarztes. Freiheit geht nur aus Anarchie hervor – das ist unsere Meinung, so haben wir die Lehren der Geschichte verstanden.

Definitionen der Anarchie aus neuester Zeit betonen stärker die Beziehungen in Gesellschaften. Anarchie steht nicht mehr nur für die Abwesenheit staatlicher Gewalt oder anderer Formen von Hierarchie, sondern beschreibt eine egalitäre Form des Miteinanders. Das passt zu modernen Herrschaftsanalysen, die der diskursiven Fremdbestimmung, ökonomischen Zwängen und Formen der Vereinnahmung einen eigenständigen und bedeutenden Platz neben den formalen Hierarchien geben. Wer Herrschaftsfreiheit will, muss Antworten finden, wie diese denn aussehen kann. Sie ist mehr als die Abwesenheit von Apparaten und Institutionen.

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Aus Fuchs, Christian (2001): „Soziale Selbstorganisation im informationsgesellschaftlichen Kapitalismus“, Selbstverlag (S. 209)
Dem Anarchismus geht es um die unmittelbare Entscheidungsfindung durch Betroffene unter Abwesenheit von Autorität, Herrschaft und Hierarchie. Die Abwesenheit solcher Strukturen, Verhältnisse und Prozesse kann als Annäherung an eine Symmetrisierung der Machtverhältnisse gesehen werden. Symmetrische Macht bedeutet, daß jedeR Betroffene dieselben Möglichkeiten und Ressourcen besitzt, entsprechende Entscheidungen im eigenen Sinn zu beeinflussen. Partizipatorische Basisdemokratie, alle Betroffenen entscheiden alles, das sie betrifft - so könnte ein Ideal des Anarchismus formuliert werden. Und dieses Ideal kommt der Vorstellung der Etablierung inklusiver sozialer Information durch Prozesse der sozialen Selbstorganisation sehr nahe.

Definition auf www.anarchismus.at
Kurzdefinition: EinE AnarchistIn glaubt an eine freie Gesellschaft gleichberechtigter Menschen ohne Herrschaft. Er/sie tritt für die Beseitigung jeder Herrschaft ein und bekämpft deshalb Staat, Kirche, Polizei, Kapital, Herrschaftsideologie. Er/sie tritt immer und überall für die Interessen der unterdrückten Masse ein, gleichzeitig arbeitet er/sie an theoretischen Modellen und den praktischen Beispielen für eine zukünftige Gesellschaft: Eine Gesellschaft ohne Herrschaft und Autorität, ohne Ausbeutung und Entfremdung aufgebaut auf neuen Prinzipien wie Solidarität statt Egoismus, gegenseitiger Hilfe statt Konkurrenz und freier Vereinbarung statt Befehlsprinzip.

Aus Diefenbacher, Hans (Hrsg., 1996): "Anarchismus", Primus Verlag in Darmstadt (S. 10)
Zwar findet man, wenn man die Bücherwände einer entsprechend ausgestatteten Bibliothek entlanggeht, ohne allzu große Mühen alles Nötige, um die Ideen des Anarchismus zu studieren. Aber - und dies ist die zweite Schwierigkeit - in der politischen Auseinandersetzung heute kommen die differenzierten Diskussionen, die Konzepte und Beweisführungen der Anarchisten nicht mehr vor. Kaum ein politischer Begriff kann daher durch Unkenntnis und Falschinterpretation so leicht mißbraucht werden wie der Anarchismus. Viele Ideen sind verschüttet; teilweise wurden sie wieder entdeckt, um danach wieder vergessen zu werden, und es erscheint nicht ganz unwahrscheinlich, daß einige davon die Welt noch einmal so überraschen werden, als wenn sie wirklich neu wären. Der vorliegende Band ist daher nicht nur "wider das Vergessen" geschrieben: Wer es sich nicht zu einfach macht und den Begriff des Anarchismus in der vorgestellten Weise aus strategischer Absicht diffamiert, der sieht sich vor einem auf den ersten Blick schwer zu entwirrenden Knäuel von Utopien, Gesellschaftsentwürfen, Strategien und Aktionen. Eine Rekonstruktion dieser Ideen und der Geschichte des Anarchismus ist aber Voraussetzung für eine Diskussion der Frage, ob eine künftige Entwicklung der Gesellschaft von der Aufnahme anarchistischer Gedanken irgendeinen Nutzen ziehen kann.
Aber so ausdifferenziert, bisweilen verworren und sektiererisch sich die Strömungen des Anarchismus darbieten, so kann doch ein "größter gemeinsamer Nenner" formuliert werden:
  • Der Anarchismus wird von Anarchisten immer für die einzig legitime Verkörperung sowohl des Sozialismus als auch des Kommunismus gehalten: Die herrschaftsfreie Gesellschaft ist das eigentliche, gemeinsame Ziel.
  • Anarchismus will dabei jedoch mehr als Sozialismus und Kommunismus, nämlich nicht nur eine klassenlose oder genossenschaftliche, sondern auch eine von jedwedem unnötigen institutionellen Überbau befreite Gesellschaft.
Aus Diefenbacher, Hans (Hrsg., 1996): "Anarchismus", Primus Verlag in Darmstadt (S. 91)
Anarchismus ist die Haltung der permanenten Erzeugung, Um- und Neuschaffung der (sozialen) Welt. Die Ethik als das wesentliche Gebiet des Anarchismus macht die Welt zum Charakter- und Willensproblem.

Aus "Anarchie - eine Einführung" (Faltblatt ohne AutorInnenangabe)
Anarchie bedeutet die völlige und absolute Verneinung jeder Form von Herrschaft und gleichzeitig die Schaffung und Erhaltung einer herrschaftsfreien gesellschaftlichen Ordnung. Anarchie ist die Idee einer gesellschaftlichen Entwicklung, ist zugleich die Vorstellung einer Utopie, vieler möglicher Wege dorthin und das Werkzeug, dafür zu kämpfen. Aus ihrer Ablehnung jeder Herrschaft ist die Anarchie grundsätzlich antistaatlich, antikapitalistisch, antinational und diskursüberwindend.

Aus Gordon, Uri (2010): "Hier und jetzt", Nautilus in Hamburg (S. 9 f.)
Das erste Kapitel bietet einen Rahmen, in dem eine Reflexion über den Anarchismus gesehen werden kann, nicht in inhaltlichen Begriffen, sondern hinsichtlich der Frage, was das eigentlich ist - Anarchismus. Ich schlage vor, unter Anarchismus mindestens Dreierlei zu verstehen. Erstens ist Anarchismus eine zeitgenössische soziale Bewegung, die sich aus dichten Netzwerken vieler Einzelner, von Bezugsgruppen und Kollektiven zusammensetzt. Sie kommunizieren intensiv, teilweise weltweit und stimmen sich bei einer Vielzahl direkter Aktionen und andauernder Projekte miteinander ab. Die durch und durch dezentrale und netzwerkartige Struktur der anarchistischen Bewegung scheint manchmal verwirrend - all die Aktivitäten entfalten sich gewöhnlich ohne formelle Mitgliedschaften oder feste organisatorische Abgrenzungen.
Zweitens ist Anarchismus die Bezeichnung für eine komplexe politische Kultur, die diese Netzwerke inspiriert und mit Inhalt füllt - wobei der Begriff hier eine Gruppe gemeinsamer Orientierungen bezeichnet, die das politische Handeln und das Reden darüber sowie auch das tägliche Leben ausrichten. Kennzeichnend für diese Kultur sind:
- ein gemeinsames Repertoire politischer Aktionsformen auf der Grundlage der direkten Aktion, des Aufbaus von Alternativen »von unten«, von Kontakten und Konfrontation auf lokaler Ebene;
- gemeinsame Organisationsformen: dezentralisiert, horizontal und konsensorientiert,
- eine gemeinsame Kultur in so unterschiedlichen Bereichen wie Kunst, Musik, Kleidung und Essgewohnheiten, häufig angelehnt an westliche Subkulturen;
- eine gemeinsame politische Sprache, der es auf Widerstand gegen den Kapitalismus, den Staat, das Patriarchat und allgemein gegen Hierarchien und Dominanz ankommt.
Die anarchistische politische Sprache transportiert selber eine dritte Bedeutung von Anarchismus - Anarchismus als Sammlung von Ideen. Anarchistische Ideen sind theoretisch ausgefeilt und befinden sich zugleich im Fluss unablässiger Weiterentwicklung. Der Inhalt zentraler anarchistischer Gedanken ändert sich von einer Generation zur nächsten und ist nur vor dem Hintergrund der Bewegungen und Kulturen zu verstehen, in denen und durch die sie ausgedrückt werden.

Aus Kastner, Jens: "Verrückte Destabilisierung", in: GWR 1/2011 (S. 16, Text über Queer und Anarchie)
Queere Programme formierten sich fortan explizit "Wider die Eindeutigkeit" und als "Politik der Destabilisierung".
Eine solche Politik lässt sich ohne weiteres auch ganz allgemein als libertär bezeichnen, wenn man unter "libertär" eine fundamental-kritische Haltung stabilen Formen gegenüber in Politik (Partei- und Staatsapparate aller Art), Produktion (Fabrik, Arbeitszeitregime) und sozialem Leben (Ehe, Kleinfamilie etx.) versteht.

Aus David Graeber (3. Auflage 2013), "Frei von Herrschaft" (S. 59)
Es gibt einen Ausweg man muss nur akzeptieren, dass anarchistische Organisationsformen keinerlei Staatsähnlichkeit aufweisen würden. Dass damit eine unendliche Vielfalt von Gemeinschaften, Vereinen, Netzwerken, Projekten in jeder denkbaren Größenordnung ins Spiel käme, die sich auf jede uns vorstellbare Art und Weise und womöglich auf viele unvorstellbare überlappten und überschnitten.

Auffällig an allen neueren Texten zur Anarchie ist , dass sie weniger bedeutend sind als die alten Schriften und ihre ProtagonistInnen. Viele sind zudem nur Übersetzungen, d.h. der deutschsprachige Raum wirkt fast frei von aktueller anarchistischer Theoriearbeit. Gibt es keine neuen Ideen? Oder keine Menschen, für die Anarchie mehr ist als die Phase zwischen Rebellion gegen Elternhaus, Schule und erzwungene Lohnarbeit und dem Wiedereintauchen in genau diese Welt?
Fraglos: Es gibt keinen Grund, Texte nur deshalb kritischer zu sehen, weil sie älter sind. Aber Herrschaftsanalyse unterliegt einer Erweiterung der Kenntnis wie andere Wissenschaftszweige auch. Was ein Jahrhundert alt ist, passt nicht mehr zu allen sozialen Prozessen und zum soziologischen Kenntnisstand der Jetzt-Zeit. Den damaligen, oft mutigen und weitsichtigen AutorInnen ist das nicht anzukreiden. Wohl aber denen, die sich heute damit zufrieden geben. Oder sogar mit noch weniger: Nämlich nur den klangvollen Namen, mit deren Nennung sich das verhasste System ein Weilchen provozieren lässt, bis mensch selbst in ihm versinkt.

Anarchie im Alltag der AnarchistInnen

Nochmal eine andere Sache ist die gelebte Anarchie, also einerseits die Praxis derer, die in unzähligen, oft kaum sichtbaren Alltagsexperimenten wie kleinen Betrieben, WGs oder Basisgruppen ein herrschaftsfreies Miteinander zu entwickeln und zu verwirklichen versuchen, andererseits Reden und Tun derer, die sich auch offiziell unter dem Label der Anarchie organisieren. Hier entwickeln sich Traditionen: Abläufe wiederholen sich, Strategien werden geschmiedet und formen so das Gesamtbild der Anarchie mit.
Umgekehrt formen die gesellschaftlichen Verhältnisse, insbesondere die prägenden Diskurse der Zeit, das Denken der AnarchistInnen. Anarchistische Subkulturen stehen Pate für verschiedene Richtungen kampfbetonterer oder harmonischer Entwürfe vermeintlich herrschaftsfreier Welten. Der Siegeszug esoterischer Fluchtpunkte für die sich in der Moderne auflösenden Lebenskoordinaten fand auch in Teilen anarchistischer Zusammenhänge statt - und erst recht gilt das für den Inbegriff des Guten schlechthin, der wie eine religiöse Heilslehre als Rettung der Welt verkündet, für den gebetet und gebombt wird: Die Demokratie. Eine Herrschaft des Volkes und Herrschaftsfreiheit gelten vielen nicht als unvereinbar, sondern als zusammen denkbar oder sogar als Dasselbe.

Insofern produzieren Theorie und Praxis der AnarchistInnen bereits eine Menge an Verwirrung, was eigentlich Anarchie sei. Aber das ist harmlos gegenüber dem, was dem Begriff so alles beigegeben wird von denen, die lieber nicht als AnarchistInnen gelten wollen.

Anarchie - der Begriff für alles, auch völlig Verwirrtes

Anarchie erscheint als Containerbegriff für alles Mögliche - angefangen von rosaroten Welten, in denen alle sich lieb haben, bis hin zum Inbegriff von triefenden Blut, Chaos oder wahlweise Terror. Dazwischen wird die Anarchie kurzentschlossen auch für die Demokratie vereinnahmt und soll deren Reinstform oder höchste Entwicklung darstellen. Offenbar löst der Begriff starke Gefühle wie Hoffnungen, Angst oder Sehnsüchte aus, ohne dass er auf eine eigene Geschichte der Praxis zurückblicken könnte wie beispielweise der Kommunismus (falls mensch die peinlich personenzentrierten Versuche hochaufgeblähter Staatsapparate, die ihre BürgerInnen noch mehr fürchteten als den Kapitalismus, als gelebten Kommunismus ansehen will). Unter dem Banner des Kommunismus wurden Kriege geführt, Länder erobert und Heldengeschichten geschrieben. Das nährt Emotionen - aber der Anarchismus? Die kleinen Versuche in der Ukraine oder, wegen des antifaschistischen Glanzes wenigstens etwas bekannter, in Spanien fristen auf den Nebenplätzen der Geschichte ein Randdasein. Kleinste Ansätze libertärer Republiken auf deutschem Boden hat es gegeben, aber die Münchener Räterepublik dürfte es regelmäßig nicht einmal in den Schulunterricht schaffen. Noch trauriger fristet die Republik Schwarzenberg ihr Dasein im Land des Vergessens. Hätte nicht Stefan Heym per Roman die Erinnerung wachgerufen, gäbe es wahrscheinlich kaum jemanden, der mit ihr etwas anfangen könnte.
Es mag dahinstehen, ob die kleinen oder ganz kleinen Versuche überhaupt schon so etwas wie Anarchie, also herrschaftsfreie Gesellschaft, hervorbringen konnten. Unklar ist, ob sie auch längerfristig hätten erhalten und entwickeln können, denn sie sind alle durch äußere Gewalt beendet worden und auch deshalb schnell in Vergessenheit geraten.

Vielleicht aber gibt es noch einen anderen Grund, warum anarchistische Experimente verschwiegen werden und gleichzeitig der Begriff so voll Elend und Abschau gepumpt wird, nämlich die Angst vor einem Eingeständnis: Wäre Anarchie nicht die konsequente Form dessen, was all die Moralapostel der besseren Welt, von Urkirchen bis Bionade, so predigen? Um diesen Gedanken nicht zuzulassen, bedarf es eines Diskurses, dessen Ziel auch der eigene Kopf ist. Und so wütet eine unfassbare, zerstörerische Wucht in dem kleinen Wörtchen, welches damit zum Tabu aufgebaut wird - zum absoluten No-Go eines jeden aufgeklärten, zivilisierten Geistes. Schauen wir einmal in diese Abgründe der Definitionen von Anarchie, die von der alten "Welt" bis zur "Jungen Welt" durch den Blätterwald, Parteitagsreden und demokratischer Verblendung rauschen.

An dieser Stelle als Einschub: Das Kapitel über "Hetze gegen Anarchie"

Sympathie für die Anarchie - oft absurd wie die Hetze

Neben all der Hetze taucht der Begriff "Anarchie" selten, aber eben doch immer mal wieder, an überraschenden Orten ganz positiv auf - und das sogar aus der Mitte der Gesellschaft, von den GralshüterInnen der Demokratie. Wie tickt eine Parlamentszeitschrift, die allen Ernstes behauptet, das heutige Indien biete wegen der vielen Machtzentren (u.a. Armee), die sich gegenseitig in Schach halten, "das Bild ... einer funktionierenden Anarchie"? Was muss in Attac-FunktionärInnen gefahren sein, die - "zutiefst fasziniert" - im Layout des drögen Wochenblattes ZEIT "viel Anarchie" entdecken? Anarchie wandelt sich hier in einen sympathischen Begriff. Doch vielleicht ist auch das nur eine weitere Methoden, wie die Idee der Herrschaftslosigkeit zum Tabu gesellschaftlicher Debatte gemacht wird: Sie wird zu einer Art Kunstwerk erklärt, inhaltlich dabei entleert und dann nicht mehr ernst genommen.

Im Original: Anarchie als Bild, Layout, Kunstwerk ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Behauptung, Indien sei aktuell eine Anarchie, in: Das Parlament Nr. 32 - 33 vom 7.8.2006
Alle wichtigen Akteure haben die formellen und informellen Spielregeln des demokratischen Wettbewerbs akzeptiert. Somit gibt es keine bedeutsamen Gruppen wie zum Beispiel die Armee, welche die indische Demokratie in Frage stellen. Diese gegensätzlichen Aspekte bestimmen das Bild Indiens als einer funktionierenden Anarchie.

Aus einem Brief von Attac an die Herausgeber der Zeit am 21.3.2009
Unsere Layouterin lässt übrigens ausrichten, dass es sie zutiefst faszinierte, wie viel Anarchie in dem für den unbedarften Betrachter so klaren Layout der Zeit versteckt ist.

Es gibt weitere Ausnahmen von der anti-anarchistischen Verklärung der Herrschaftsfreiheit als Werk des Teufels. Ein, die oft wie ein Versehen wirkt, ist der stilistische Rückgriff auf anarchistische Bilder, die als Symbol für Kreativität und Brillanz stehen. Sie beschreiben dabei aber immer nur Einzelhandlungen, so wie ausgerechnet die deutsche Fußballnationalmannschaft. Schon 2006 galt ihr Erfolg dem "anarchischen" Konzept. Und 2010, als der Mannschaftsführer kurzfristig wegen Verletzung passen musste, aber die zur deutschen Nation gerechneten Kicker ungewöhnlich erfolgreich auftraten, überstürzten sich die Medien mit ihren Analysen, dass der gleichberechtigte Tanz Aller das Geheimnis des Erfolgs sind. Aber niemand kam auf die Idee, das mal auf die Gesellschaft zu übertragen - und die meisten Anarch@s verpassten diese Chance auch, weil sie, um ihren Anarch@-Coolnessfaktor nicht zu gefährden, Zimmer oder Laptoptaschen mit Anti-WM-Aufkleber dekoriert hatten und nur heimlich Fußball guckten.
Wobei Zweifel bleiben, ob die Balltreter denn wirklich so außerhalb der DFB-Hierarchien und Deutschtümelei standen ...

Rechts: Positiver Anarchiebegriff in England (zur Fußball-WM 2006), gefunden in: FR, 26.6.2006

Mit einer weiteren Ausnahme von der allgemeinen Hetze erweitert sich der Fanblock anarchistischer Gedanken und erreicht beeindruckend seltsame Kreise. "Anarchie an der Börse" sei eine unverschämte Verdrehung zu Propagandazwecken, befanden ausgerechnet die Ultra-Marktradikalen und Ex-Ökos Maxeiner und Miersch. Sie schimpften über die Hetze gegen die Anarchie und meinten damit nicht, wie ihre KollegInnen von Manager-Magazin und n.tv, den Sturm blutüberströmter, feuerlegender Teufel in Menschenkörpern, sondern ganz positiv eine Art von Freiheit. Beide warben offen für die Anarchie, die mit ihnen und einigen anderen teils aus bürgerlichen, teils aus marxistischen, teils aus rechten politischen Lagern stammenden Personen die Strömung der AnarchokapitalistInnen bilden. Spätestens diese Wortschöpfung beweist, dass Anarchie einfach alles sein kann und nur eines sicher ist: Ein Containerbegriff für große Gefühle.

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Überraschende Pro-Anarchie-Positionen von den Marktradikalen Dirk Maxeiner und Michael Miersch
Der schlimmste Feind des Anarchisten ist der Journalist. Ihm verdankt er seinen schlechten Ruf. Was steht in der Zeitung, wenn Drogenbosse und Clanführer in Afghanistan aufeinander los gehen? Anarchie am Hindukusch! ... Wie heißt es, wenn die Kurse mal verrückt spielen: Anarchie an der Börse! Und wenn irgendwo Bombe unbekannter Herkunft explodiert, werden garantiert Anarchisten dahinter vermutet. Der Leser lernt: Anarchie heißt Chaos. ... Über dem ersten RAF-Steckbrief in den siebziger Jahren prangten die Worte "Anarchistische Gewalttäter", obwohl die Baader-Meinhof-Bande sich als kommunistischer Guerillatrupp verstand. ... Freiwillige Zusammenschlüsse ohne Hierarchie und größtmögliche Freiheit des Individuums: So stellen sich Anarchisten die ideale Gesellschaft vor. Das müsste eigentlich jedem einleuchten, der sich aus seiner "selbstverschuldeten Unmündigkeit" (Kant) befreien möchte. Nur möchte das gar nicht jeder: Aus verständlicher Bequemlichkeit und Verantwortungsscheu ziehen es viele Menschen vor, ihre Interessen zu delegieren, anstatt andauernd für sich selbst haftbar zu sein. Und deshalb ist der Anarchismus immer ein Minderheitenprogramm geblieben. Zu schön um wahr zu sein. Und vor allem viel zu anstrengend, um Mehrheiten dafür begeistern zu können. ... Anarchisten halten uns den Spiegel vor: So könnte die Welt aussehen, wenn wir wirklich aufgeklärt, mündig und frei wären! Dafür sollte man ihnen ein bisschen dankbar sein und sie nicht ständig als Terroristen oder Chaoten missverstehen. Also, liebe Kollegen in den Medien, wenn das nächste mal irgendwo Chaos herrscht und ihr wollt einen Wiederholungsfehler vermeiden: Nehmt "Durcheinander", "Wirrwarr", "Unordnung" - aber bitte nicht "Anarchie".

Beispielhafte Seiten der AnarchokapitalistInnen und Umfeld:

Was bleibt an zentralen Definitionspunkten?

Was kann bleiben von einem derart zerrupften Begriff? Und was machen die, die sich zum Anarchismus bekennen, mit ihm? Macht es überhaupt noch einen Sinn, dieses Wort zu benutzen, welches offenbar für all jenes stehen kann, was nur mit ausreichend Inbrunst gut oder schlecht befunden wird - verbunden regelmäßig mit der Abschaltung weiteren Denkvermögens? Löst jeder Gebrauch nicht nur eine Welle von Stigmatisierungen aus - wie ein umfallender Schrank, dem alle Schubladen gleichzeitig aufgehen, bevor er seinen Inhalt ganz verliert?

Um diese Frage zu klären, soll der Blick wieder weggehen von denen, die Anarchie als Projektionsfläche ihrer Ängste brauchen und wegen des Haderns mit ihrer eigenen Unentschlossenheit zum finalen Alptraum erklären. Stattdessen soll er auf die gerichtet sein, die mit dem Label sympathisieren, sich selbst als AnarchistInnen sehen und davon kund tun.

Anarchie als Herrschaftslosigkeit

Bleiben wir angesichts dessen, dass im allgemeinen Sprachgebrauch der Begriff der Anarchie gar keine klare Kontur hat und für alle Arten von Phantasien und Projektionen herhalten muss, zunächst bei dem, was das Wort von seinen Bestandteilen, also wörtlich aussagt: Herrschaftslosigkeit. Leider ist damit noch kein konkreter Inhalt in den Begriff eingeführt: Was ist Herrschaft? Und wie muss Gesellschaft aussehen, damit sie fehlt?
Darauf fehlt in den aktuellen Anarchiedebatten und -strömungen in der Regel die Antwort oder die Analysen sind auf dem Stand vor ca. 100 Jahren steckengeblieben. Klassenkampfparolen oder Konsensharmonisierung prägen das Bild, während es Diskurse, Funktionseliten usw. noch nicht einmal auf die erste Stufe der Theoriedebatte geschafft haben, nämlich zur Kenntnis genommen zu werden.

Anarchie als Prozess der Befreiung und Entfaltung

Wenn nun Anarchie die Nichtherrschaft bzw. Herrschaftslosigkeit meint, dann definiert sie sich über die Nichtexistenz von etwas. Es ist also zum einen aus dem Begriff nicht ableitbar, was denn dann ist. Zum anderen folgt aus der Anfangsdefinition eine weitere: Was ist denn Herrschaft? Hier zeigt sich schnell eine große Schwäche anarchistischer Theoriedebatten, denn fast nirgends existiert ein klares Bild davon, in welcher Weise Menschen und ihre freien Zusammenschlüsse beherrscht werden, d.h. direkter Gewalt, Zwängen und verdeckten Beeinflussungen ausgesetzt sind. Wenn aber Anarchie die Freiheit von Herrschaft ist, so kann diese Frage nicht unbeantwortet bleiben. Nötig ist ein klares Bild, wie Herrschaft wirkt. Dabei zeigt sich, dass dieses Bild mit der Zeit einem Wandel unterworfen war. Je intensiver die Beschäftigung mit Formen der Herrschaft, umso mehr Formen wurden sichtbar und beschrieben. Das ist auch für die Zukunft weiter zu erwarten. Schon von daher kann ein anarchistischer Weg nur ein Prozess sein - voraussichtlich ein endloser, wenn mensch annimmt, dass viele Herrschaftsmechanismen noch unentdeckt sind oder erst sichtbar werden, wenn andere Zwänge, Unterdrückungsmechanismen, Diskriminierungen, Diskurse usw. abgebaut worden.

Die negierende Beschreibung von Anarchie durch Benennung dessen, was nicht mehr ist, wenn eine Gesellschaft anarchisch wäre, bringt AnarchistInnen oft den Vorwurf ein, nur gegen etwas zu sein, aber nicht beschreiben zu können, für was sie eintreten. Das trifft auch oft zu. Die Kritik, nur "Nein" sagen zu können, beschönigt die Lage aber, denn oft mangelt es sogar am Mut zum klaren "Nein" und an genaueren Beschreibung, was nicht gewünscht wird. Eine gute Herrschaftsanalyse samt Kritik ist eher selten.
Andererseits müsste der Mangel an positiv beschriebenen Zukunftsbildern gar keine Schwäche sein. Denn gesellschaftliche Utopien können nur aus dem Ideengehalt der heutigen Welt schöpfen. Kulturelle Evolution aber verläuft nicht linear, sondern schafft durch die Veränderungen jeweils neue Handlungsgrundlagen, die für die Weiterentwicklung neue Qualitäten darstellen. Die aber lassen sind nicht aus dem heutigen Wissensstand heraus abschätzen - schon gar nicht die Qualitäten, die sich aus neuen Qualitäten herausbilden; und so fort in den Entwicklungsstufen (siehe das Kapitel zur Selbstorganisierung von Materie, Leben und Kultur im Buch "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen"). Es ist daher nicht nur ein pragmatischer, sondern auch ein theoretisch anspruchsvoller Ansatz, den Weg zur Anarchie als Prozess des Ausräumens von Beschränkungen, der Befreiung aus Vorgaben, Zwängen und fremdbestimmten Beeinflussungen sowie der Entfaltung von Handlungsfähigkeiten und -möglichkeiten zu betrachten. Kurz: Ein gehaltvolles Dagegensei ist keine Absage an Utopien oder den Entwurf von Zwischenzielen. Befreiung ist praxisgerecht vorstellbar als Demaskierung herrschaftsförmiger Verhältnisse und Beziehungen in der Gesellschaft samt ihrer Überwindung. Geht dieses Zurückdrängen mit der Ausdehnung selbstbestimmten Handelns einher, so ist das genau der Weg zu einer immer herrschaftsfreieren Gesellschaft. Es ist, um diesen Begriff hier zu benennen, Emanzipation - der nie endende Prozesse des Abbaus von Fremdsteuerung sowie der Entfaltung der eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten (siehe auch hierzu das Kapitel zum Prozess von Befreiung in "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen).

Aus Chomsky, Noam (1973): Anmerkungen zum Anarchismus
Man könnte aber auch anders argumentieren: Nämlich das es unser Anliegen sein muss, innerhalb jeder Phase der Geschichte jene Form von Autorität und Unterdrückung bloßzustellen, die noch aus einer Ära herrühren, wo sie Berechtigung gehabt haben könnten aus tatsächlichen Erfordernissen der Sicherheit, des bloßen Überlebens oder der Ökonomischen Fortentwicklung, jetzt aber eher zum materiellen und kulturellen Niedergang beitragen, anstatt ihn zu beheben. Wenn dem so ist, dann kann es auch keine Lehre von einer Gesellschaftsveränderung, geben, die mit Zuverlässigkeit auf die Gegenwart und die Zukunft anwendbar ist, und letztlich auch kein spezifisches und unveränderbares Konzept für das Ziel der Veränderung der Gesellschaft.

Varianten des Anarchismus

Es dürfte deutlich geworden sein: Für Anarchie oder Anarchismus gibt es keine feste Definition. Überall geistern andere Begriffsinhalte herum, oft sehr trübe und oberflächliche. Dennoch existieren einige klassische Einteilungen, zum einen nach den Organisierungsformen (siehe Folgekapitel) und zum anderen nach bestimmten Grundannahmen. Vier davon seien hier beispielhaft dargstellt. Die beiden ersten bilden eine schon längere Konfliktlinie, die weiteren vorhandene Strömungen und Neigungen.

Individual- oder sozialer Anarchismus? Eher die falsche Frage ...

Wer auf die Autonomie des Individuums setzt, wird oft als IndividualanarchistIn bezeichnet oder gar beschimpft - mitunter sogar von den AnhängerInnen basisdemokratischer Organisationen, die den Namen der Anarchie für sich besetzen wollen. Doch dadurch entsteht ein künstlicher Gegensatz. Denn in der Idee der Autonomie steckt nicht zwangsläufig die der Isolation - ganz im Gegenteil: Autonomie, d.h. die Fähigkeit zur Selbstorganisierung, ist Voraussetzung für ein horizontales Miteinander der Menschen, für freie Kooperation oder Vereinbarung. Solche Kooperation, die nicht auf Zwang und Unterwerfung beruht, dehnt Autonomie aus, weil nun das Individuum aus mehr Möglichkeiten und Handlungsoptionen wählen kann. Daher stärkt die Kombination von Autonomie und Kooperation (siehe entsprechendes Kapitel im Buch "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen") einerseits das Individuelle, weil die Menschen mehr Möglichkeiten haben. Andererseits stärkt es das Kooperative, weil gut organisierte Menschen, die ihre Möglichkeiten auch tatsächlich einbringen und verwirklichen können, weit mehr und bessere Chancen der Kooperation haben als in Befehlsstrukturen.

Im Original: Individualanarchismus ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Mühsam, Erich (1933): "Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat", Nachdruck bei Syndikat A und im Internet (S. 8, mehr Auszüge)
Entschiedene Abgrenzung aber ist geboten gegenüber den nur individualistischen Anarchisten, die in der egoistischen Steigerung und Durchsetzung der Persönlichkeit allein das Mittel zur Verneinung des Staats und der Autorität erblicken und selbst den Sozialismus wie jede allgemeine Gesellschaftsorganisation schon als Unterdrückung des auf sich selbst ruhenden Ich zurückweisen. Sie schließen die Augen vor der naturgegebenen Tatsache, daß der Mensch ein gesellschaftlich lebendes Wesen ist und die Menschheit eine Gattung, in der jedes Individuum auf die Gesamtheit, die Gesamtheit auf jedes Individuum angewiesen ist.
Wir bestreiten die Möglichkeit und auch die Wünschbarkeit des vom Ganzen losgelösten Individuums, dessen vermeintliche Freiheit nichts anderes sein könnte als Vereinsamung, mit der Folge des Untergangs im sozial luftleeren Ftum. Wir behaupten: niemand kann frei sein, solange es nicht alle sind. Die Freiheit aller aber und damit die Freiheit eines jeden setzt voraus die Gemeinschaft im Sozialismus.
Sozialismus ist, wirtschaftlich gesehen, die klassenlose Gesellschaft, in welcher der Grund und Boden sowie alle Produktionsmittel der privaten Verfügung entzogen sind, somit weder Grundrente noch Unternehmerprofit noch auch die Abgeltung vermieteter Arbeitskraft durch Lohn oder Gehalt die schaffenden Hände und Hirne um den Ertrag ihrer Mühen berauben können. An der Stelle der privaten oder staatlichen Ausbeutung steht die planmäßige gemeinsame Bewirtschaftung des Gemeineigentums, an der Stelle der bevorrechtigten Minderheit der Besitzenden jedes Landes die zum Volk geeinte Gesamtheit in allen Ländern.
Anarcho-Primitivismus

Im Spektrum politischen Gruppen begegnet mensch AktivistInnen, die sich mit der Befreiung von Tieren oder der gesamten Umwelt aus der Beherrschung durch den Menschen widmen und sich ebenfalls AnarchistInnen nennen. Schon innerhalb ihrer Strömungen ist die Vielfalt an anarchistischen Ideen hoch, wobei die größe Gruppe auch hier diejenige ist, die auf größere Theoriedebatten ganz verzichtet, ein allgemeinen (durchaus oft berechtigtes) Unwohlsein in Protest umsetzt, aber spurenlos, da in keiner Gesellschaftserklärung verfestigt, nach einiger Zeit zurückkehrt in den Schoß der bürgerlich-kapitalistischen Welt.

Eine Strömung ist der Anarcho-Primitivismus. Zurück zur Natur, heißt die Parole - Unterwerfung unter die Naturgesetze! Manchmal ist das verbunden mit einer Technologiekritik, die bei Umsetzung ein Überleben in kalten Teilen der Welt und auch andernorts bei der gerade in den Industrienationen und Metropolen erreichten Bevölkerungsdichte nicht mehr möglich machen würde. Konsequenzen oder gar Vorschläge, was das denn praktisch bedeuten würde, folgen regelmäßig nicht. Aber auch die Herleitungen wirken einfach: "Desto komplexer der Produktionsverlauf, desto schwieriger wird es sein, Herrschaftsfreiheit herzustellen. Dies ist der Punkt an dem meine Technologie-Kritik ansetzt." (grünes Blatt 2/2007, S. 32) Das entlastet den Kopf. Etwas gerät in die Kritik, weil es anstrengend ist, darüber nachzudenken. Hier entpuppt sich Technikkritik als Denkfaulheit und der daraus folgende Anarcho-Primitivismus als Ausstieg der Menschheit aus einer aufgeklärten, reflektierten und kommunikativen Welt: "In ihrer Essenz stärkt diese Technik-Kritik das Prinzip der Herrschaftsfreiheit und Selbstorganisation. Je simpler, einfacher und praktischer der Produktionsprozess (wie z.B. die Essensbeschaffung oben) ist, desto leichter lassen sich die Prinzipien anwenden."

Im Original: Anarcho-Primitivismus ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Bookchin, Murray (1992): "Die Neugestaltung der Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (mehr Auszüge)
Wir verspüren erste Anzeichen eines Vertrauensverlustes in unsere einzigartigen menschlichen Fähigkeiten - unsere Fähigkeit, in Frieden mit anderen zu leben, unsere Fähigkeit, uns um Mitmenschen und andere Lebewesen zu kümmern. Dieser Pessimismus wird täglich von Soziologen genährt, die die Ursachen unseren Versagens innerhalb unserer Gene lokalisieren, von Antihumanisten, die unsere "antinatürlichen" Sensibilitäten beklagen, und durch "Biozentristen", die unsere rationalen Qualitäten durch Beiträge herabsetzen, in denen wir von unserem "inneren Wert" her schließlich nicht anders als Ameisen seien. Alles in allem sind wir Zeuge eines breitangelegten Angriffs auf die Fähigkeitvon Vernunft, Wissenschaft und Technik diese Welt für uns und das Leben generell zu verbessern. (S. 9) ...
Es gibt kein Zurück zu dem naiven Egalitarismus der schriftlosen Welt oder zur demokratischen Polis der klassischen Antike. Wir sollten dies noch nicht einmal wollen. Atavismus, Primitivismus und Versuche, eine entfernten mit Rasseln, Trommeln, bemühten Ritualen und rhythmischen Gesängen zu beschwören, deren Wiederholungen und Wunschvorstellungen uns ein übernatürliches Wesen in unserer Mitte erscheinen lassen möchten - so sehr dies auch als harmlos oder "immanent" geleugnet oder bejaht werden mag - lassen uns die Notwendigkeit der rationalen Diskussion, des forschenden Blicks auf unsere Gemeinschaft und der beißenden Kritik an unserem gegenwärtigen Gesellschaftssystem vergessen. Ökologie ruht auf den wundervollen Qualitäten, der Schöpfungskraft und Kreativität der natürlichen Evolution, auf allem, was unsere tiefste emotionale, ästhetische und auch intellektuelle Bewunderung verdient - und nicht auf anthropomorphen Projektionen, auf Gottheiten, seien sie nun "immanent“ oder "transzendental". Nichts wird gewonnen, wenn wir einen naturalistischen, wahrlich ökologischen Rahmen verlassen und uns mystischen, psychologisch regressiven und historisch atavistischen Fantasien hingeben.
(S. 62) ...
Die Wildnis, oder was von ihr heute noch übriggeblieben ist, kann einem ein Gefühl der Freiheit vermitteln, einen geschärften Sinn für den Reichtum der Natur, eine Liebe für nicht-menschliche Formen des Lebens und eine reichere ästhetische Wertschätzung der natürlichen Ordnung.
Sie hat aber auch eine weniger unschuldige Seite. Sie kann zu einer Ablehnung der menschlichen Natur führen, zu einer introvertierten Verweigerung des sozialen Umgangs, zu einem willkürlichen Gegensatz zwischen Wildnis und Zivilisation. Rousseau neigte zu einem solchen Standpunkt, aus einer Vielzahl von Gründen, die uns hier nicht zu beschäftigen haben. Daß Voltaire Rousseau einen "Menschenfeind" nannte, ist keine völlige Übertreibung. Die Wildnisenthusiasten, die sich in die entfernten Berge zurückziehen und menschliche Kontakte meiden, haben uns im Laufe der Zeit mit zahllosen Misanthropen versorgt. Für Stammesvölker dienen solche individuellen Rückzüge, das "Suchen nach Visionen", dazu, um reicher an Erkenntnissen zu den Gemeinschaften zurückzukehren; für den Misanthropen sind sie häufig eine Revolte gegen die eigene Art, ja eine Ablehnung der natürlichen Evolution, wie sie sich in den menschlichen Wesen verkörpert.
Dieses Gegeneinanderstellen einer scheinbar wilden "Ersten Natur" und einer gesellschaftlichen "Zweiten Natur“ beweist nur das blinde und qualvolle Unvermögen, zwischen dem zu unterscheiden, was in einer kapitalistischen Gesellschaft irrational und anti-ökologisch ist, und dem, was in einer freien Gesellschaft rational und ökologisch sein könnte. Man verwirft einfach die Gesellschaft an sich. Man verschmilzt die Menschheit, ungeachtet ihrer internen Konflikte zwischen Unterdrückern und Unterdrückten zu einer einzigen "Art“, die wie ein Fluch auf einer angeblich unverdorbenen, "unschuldigen" und "ethischen" Naturwelt lastet.
Solche Ansichten führen leicht zu einem krassen Biologismus, der keine Möglichkeit bietet, Menschheit und Gesellschaft in der Natur oder genauer, in der natürlichen Evolution, einen Platz einzuräumen. Der Tatsache, daß auch der Mensch ein Produkt der natürlichen Evolution ist und daß die Gesellschaft aus diesem evolutionären Prozeß erwachsen ist, indem sie in ihre eigene Evolution wiederum die natürliche Welt - in das soziale Leben transformiert-einfließen ließ, wird in einer sehr statischen Vorstellung von der Natur nur ein zweitrangiger Platz zugewiesen. Diese simplistische Vorstellung betrachtet die Natur als ein bloßes Stück Landschaft, wie wir es etwa von Ansichtskarten kennen. In diesen Vorstellungen finden wir nur sehr wenig Naturalismus; sie sind eher ästhetisch als ökologisch.
(S. 151 f.)
High-Tech-Anarchie

Als müsste erst noch bewiesen werden, das Anarchie schlicht alles sein kann, gibt es auch das glatte Gegenteil des Primitivismus - die Cyber-Anarchie. Viele NetzaktivistInnen geben sich betont anarchisch. Trotz aller Ausblendungen an Herrschaftsförmigkeiten der Techniknutzung zeigt sich in den Debatten um Open Source, Hacken oder vieles, was zu einer modernen Herrschaftsanalyse besser passt als das Diktat des Primitivismus: Es kommt nicht auf die Sache als solches an, sondern auf die Verhältnisse und Beziehungen, in denen sich menschliches Handeln einschließlich der Nutzung von Ressourcen und Entwicklung von Werkzeugen bewegt.

Übersicht über die Grundformen

Liste verschiedener Formen des Anarchismus (Quelle dieses Absatzes einschl. der Links)

Andere, neuere oder in der Definition teilweise umstrittene Formen des Anarchismus

Anarchistische Richtungen mit Grundlagen im 19. Jahrhundert (einschließlich der Mischformen)

Anarchistischer Kommunismus

Historische Richtungen des 20. Jahrhunderts

Zum nächsten Text über die Geschichte der Anarchie, dem zweiten im Kapitel zur Bestandsaufnahme

Links und Lesestoff

Die Seiten zur Anarchie auf www.projektwerkstatt.de

Bücher zum Thema

Freie Menschen in Freien Vereinbarungen. Gegenbilder zu Markt und Staat ... 14 Euro

Das Grundwerk zur Theorie der Herrschaftsfreiheit: Ein Buch voller Visionen, Konzepte und Experimente für eine Gesellschaft ohne Hierarchien und ökonomische Verwertung. "Gegenbilder" zum kapitalistischen System werden vorgestellt. Kein Weg ohne Ziel! Wir brauchen eine neue Debatte um Visionen und Utopien!!!

Anarchie. Träume, Kampf und Krampf im deutschen Anarchismus ... 14 Euro

Gibt es Klassen und kann etwas befreiend wirken, was Menschen in einheitliche Kategorien zwingt, um sie dann zum Subjekt der Revolution zu machen? Ist Demokratie nicht eine Form der Herrschaft? Wie kann Anarchismus dann basis- oder direktdemokratisch sein wollen? Wo laufen die Debatten um diskursive Steuerungen, Entmachtung der Funktionseliten oder das Spannungsfeld von Eigentum und gesellschaftlichem Reichtum? Ist kollektive Identität nicht auch eine Form der Beherrschung? Warum aber weisen dann gerade politische Proteste sich als anarchistisch gebärdender Gruppen eine so hohe Einheitlichkeit von Fahnen, Schildern oder Labels auf? ++ Internetseite zur Debatte um Anarchie (mit den Texten zum Buch) ++ 12,5 x 22 cm, 408 S. Erschienen im Juni 2012.

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Der Überblick: Formen, Wirkung, Wege zur Herrschaftsfreiheit. Einführung in die theoretischen Grundlagen von Herrschaft und Herrschaftskritik. Angefangen mit einer Definition über die Frage, warum Herrschaft eigentlich abzulehnen ist, bis zu den Thesen über Herrschaftsfreiheit und den Weg dorthin. Entwickelt aus zahlreichen Workshops, Seminare und den Theoriewochen zur Herrschaftskritik.
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