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Emanzipation

Definition und Zitate ++ Aufklärung ++ Selbstentfaltung ++ Spehr ++ Freie Vereinbarungen ++ Links

Definitionen

Def. von "Emanzipation" in Meyers Taschenlexikon
Befreiung von Individuen oder sozialen Gruppen aus rechtl., polit.-sozialer, geistiger oder psych. Abhängigkeit bei ihrer gleichzeitigen Erlangung von Mündigkeit und Selbstbestimmung.

Auszug aus Wilk, Michael (1999): "Macht, Herrschaft, Emanzipation", Trotzdem Verlag in Grafenau
Emanzipative Prozesse im libertären Sinne, zeichnen sich gerade durch Infragestellungen aus, die nicht nur eine Umstrukturierung von Herrschaft beabsichtigen, sondern die in der Lage sind. das Wesen der Herrschaftsstrukturen selbst anzuzweifeln. Dieser oft schwierige Schritt des Zweifels. Bedarf eines, über den Ist-Zustand der Gesellschaft hinausreichenden Maßstabs. der die Menschen in die Lage versetzt, sich gedanklich über die Ebenen/Grenzen der vorgefundenen Gegebenheiten hinwegzusetzen. ... (S. 45)
Emanzipation in unserern Verständnis strebt eine Form der Mündigkeit und Selbstständigkeit an, die immer wieder aufs Neue die gesetzten Grenzen anzweifelt, die letztlich in der Auseinandersetzung, Überprüfung und auch in der Überschreitung des "Gegebenen" ihre eigenen Maßstäbe zu entwickeln vermag. Sie beschreibt in diesem Sinne einen dynamischen Prozess des Lernens, des EntwickeIns eigener Stärke gegen Widerstände, der nicht in der banal selbstaufgewerteten Position endet, sondern der in der Lage ist, auch gerade diesen Prozess der Aufwertung (der u.U. andere entwertet) in Frage zu stellen. Emanzipation unter anarchistischer Vorstellung, steht für den Versuch der Annäherung an eine herrschaftsfreie Gesellschaft. Dieser Prozeß ist abhängig von den jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen und somit nicht linear und starr, sondern auch mit dein Wesen von "Versuch und Irrtum“ behaftet. Nicht zuletzt die immer wieder neu entstehende Schwierigkeit mit eigener, während emanzipativer Schritte entstehender, Macht und Stärke umzugehen, macht das Bemühen um herrschaftsfreien Umgang, und das Streben nach einer Gesellschaft ohne Staat, zu einer nicht endenden Auseinandersetzung. (S. 48)

Zitate

Erst wenn der wirkliche individuelle Mensch den abstrakten Staatsbürger in sich zurücknimmt und als individueller Mensch in seinem empirischen Leben, in seiner individuellen Arbeit, in seinen individuellen Verhältnissen, Gattungswesen geworden ist, erst wenn der Mensch seine forces propres, als gesellschaftliche Kräfte erkannt und organisiert hat und daher die gesellschaftliche Kraft nicht mehr in der Gestalt der politischen Kraft von sich trennt, erst dann ist die menschliche Emanzipation vollbracht.
(Marx-Engels Studienausgabe, Fischer 1972, S. 53).

Zur positiven Freiheit gehört auch das Prinzip, daß es keine höhere Macht als dieses einzigartige individuelle Selbst gibt, daß der Mensch MIttelpunkt und Zweck seines Lebens ist und das Wachstum und die Realisierung der Individualität des Menschen ein Ziel ist, das niemals irgendwelchen Zwecken untergeordnet werden kann, die angeblich noch wertvoller sind.
(Erich Fromm, 1993: Die Furcht vor der Freiheit, dtv)

Auszug aus Christoph Spehr, 1999: "Die Aliens sind unter uns", Siedler Verlag München (S. 47+100)
Von dem argentinischen Philosophen Ernesto Laclau stammt die scharfsichtige Bemerkung, daß die Idee der Emanzipation von vielfältigen Widersprüchen durchzogen ist; dies bedeute jedoch keineswegs, daß die Praxis der sozialen Bewegungen, die dieser Idee folgen, nicht funktionieren könne oder nichts bewirke. Allerdings müßten diese Bewegungen an den Widersprüchen der Emanzipationsidee und dieser Praxis arbeiten, um weiterzukommen - sie müßten suchen und handeln. ...
Was die Frage nach Herrschaft und Emanzipation angeht, kann die Lösung also nicht mehr in der Vision eines perfekten "Systems" liegen (das dann faschismussicher und auch noch gleich noch herrschaftssicher ist), sondern nur in einer gesellschaftlichen Praxis, die von alternativen Kriterien geleitet ist und verschiedene Ebenen umfaßt; eine Politik der Abwicklung von Herrschaft und ihren Instrumenten; eine alternative Praxis gesellschaftlicher Beziehungen; eine "demokratische" Politik, die das demokratische Zeitalter fortführt, aber auf einer kritischen Auseinandersetzung mit ihm beruht; und eine Entfaltung sozialer Fähigkeiten, die eine Alternative zur faschistischen und zur alienistischen "Person" aufzeigen.

Auszug aus Christoph Spehr, 1999: "Die Aliens sind unter uns", Siedler Verlag München (S. 201f+221+241)
Eine Theorie der Befreiung ist demnach analytisch. Sie führt den Skandal konkreter Mißstände auf eine allgemeine Ursache zurück, auf ein strukturierendes Prinzip, den zentralen "Trick" der Herrschenden gewissernmaßen. ... Eine Theorie der Befreiung ist materialistisch. Sie will nicht jeden Tag eine gute Tat tun, sondern die Grundlagen von Ausbeutung und Dominanz abschaffen. Diese Grundlagen sieht sie nicht in dem, was die Gesellschaft (und ihre Individuen) und sich denkt oder was sie von sich behauptet, sondern in der Art und Weise, wie sie ihre Produktion und Reprodution organiseirt. ... Eine Theorie der Befreiung ist parteilich. Sie will nicht allen helfen. Sie nimmt Partei in einem sozialen Antagonismus, wo die eine Seite gewinnt, was die andere verliert. Der Antagonismus ist in der bestehenden Ordnung unaufhebbar: nicht das Auswechseln von Personen, nicht der Wechsel von Programmen, weder Abstimmungen noch formale Geschäftsordnungen können daran etwas ändern. Die herrschenden Interessen sind die Interessen der Herrschenden; Befreiung erfordert, die Grundlagen der Herrschaft zu beseitigen. Und schließlich ist eine Theorie der Befreiung eine Philosophie der Praxis. Sie muß zeigen, daß Befreiung möglich ist. Sie geht davon aus, daß Herrschaft nicht total ist, so geschlossen sie auch erscheinen mag; sie beschreibt, daß und wie der einzelne mit ihr in Konflikt gerät. Sie ist keine Gesllschaftstheorie, sondern eine Theorie von der Emanzipation der Subjekte, die sie dazu aufruft, gezielt und bewußt die Spielregeln zu verletzen. ...
Emanzipation muß an die Wurzel des Übels gehen, sie muß die zentrale Grundlage von Herrschaft beseitigen. ...
Emanzipation findet statt, wo Kooperation nicht frei ist, aber sie nimmt das Agieren in einer freien Kooperation vorweg. Deshalb macht Emanzipation süchtig. Sie vermittelt uns einen Eindruck davon, was alles möglich wäre. Sie vermittelt uns diesen Eindruck nicht nur über den Kopf, sondern auch über die Haltung, die wir dabei einnehmen; es ist eine schier körperliche Erfahrung. Wir brechen die Regel, und es geht. Wir können es tatsächlich tun. Wir können dadurch sogar Einfluß auf die Regel nehmen, sie verändern. Wir spüren die Macht und die Freiheit, die freie Kooperation uns geben kann.

Auszug aus Christoph Spehr, 2000: "Gleicher als andere" (S. 27f), Download hier ...
Emanzipation bedeutet, sich aus erzwungenen Kooperationen zu befreien und freie Kooperationen aufzubauen. Beides ist notwendig. Der Wegfall des Alten verbürgt nicht automatisch das Neue. ...
Wenn erzwungene Kooperation durch eine Fülle von Herrschaftsinstrumenten aufrechterhalten wird, dann ist es für eine Politik der freien Kooperation notwendig, diese Instrumente abzuwickeln. "Abwicklung" bedeutet, dass diese Instrumente nicht für "etwas Besseres" eingesetzt werden können, sondern heruntergefahren; dass dies ein Prozess ist und keine einmalige Aktion; dass ein "Ausknipsen über Nacht" nicht möglich und in vielen Fällen auch nicht wünschenswert ist, das Ziel aber klar sein muss. Nichts anderes kann man sich heute darunter vorstellen, was es heißt, Machtfragen zu stellen: Herrschaft sichtbar zu machen und ihre Instrumente in der Praxis zurückzuweisen, und zwar an allen Orten der Gesellschaft und in jeder Kooperation.

Der Mensch im Mittelpunkt

Auszug aus Fromm, Erich (1985): "Über den Ungehorsam", dtv München
Der humanistische Sozialismus ist ein System, in dem der Mensch das Kapital und nicht das Kapital den Menschen beherrscht; in dem der Mensch seine Lebensumstände und nicht die Lebensumstände den Menschen beherrschen; in dem die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft planen, was sie produzieren wollen, anstatt daß die Produktion sich nach den Gesetzen der unpersönlichen Mächte des Marktes und des Kapitals mit dem ihnen eigenen Bedürfnis nach maximalem Profit richten. ... (S. 89)
Sozialismus muß radikal sein. Radikalsein heißt an die Wurzel gehen; und die Wurzel ist der Mensch. Heute sitzen die Dinge im Sattel und reiten den Menschen. Der Sozialismus möchte den Menschen, den ganzen, schöpferischen, wirklichen Menschen wieder in den Sattel heben. (S. 103)

Abseits der Realpolitik sagen das sogar SPD-Chefs
Auszug aus Franz Müntefering, "Was links ist", in: FR, 6.2.2008 (S. 12 f.)

Vor der Gesellschaft kommt das Individuum. Das Individuum steht im Zentrum der linken Idee. Freiheit ist der unbedingte Respekt vor dem Individuum, vor jedem einzelnen Menschen gleicher Weise. ...
Gerechtigkeit ist nicht Garantie für Gleichheit im Ergebnis. Aber sie meint gleiche Ausgangs- und Zugangsbedingungen, faire Chancen und eine soziale Absicherung für Lebensrisiken. ...
Wir organisieren Gesellschaft so, das sich jeder entfalten kann, auch hinfallen - und wieder aufstehen und weitermachen. ...

Aufklärung

Auszug aus Kant, Immanuel (1784), "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung", zitiert in: Massing, Peter/Breit, Gotthard (2002): „Demokratie-Theorien“, Wochenschau Verlag Schwalbach, Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn (S. 129)
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbsiverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Selbstentfaltung

„Selbstentfaltung“ kann man fassen als individuelles Entwickeln und Leben der eigenen Sub-jektivität, der eigenen Persönlichkeit. Selbstentfaltung bedeutet die schrittweise und zuneh-mende Realisierung menschlicher Möglichkeiten auf dem jeweils aktuell erreichten Niveau. Selbstentfaltung ist also unbegrenzt und geht nur im gesellschaftlichen Kontext, denn Reali-sierung menschlicher Möglichkeiten ist in einer freien Gesellschaft gleichbedeutend mit der Realisierung gesellschaftlicher Möglichkeiten. Selbstentfaltung geht niemals auf Kosten anderer, sondern setzt die Entfaltung der anderen notwendig voraus, da sonst die eigene Selbstentfaltung begrenzt wird. Im Interesse meiner Selbstentfaltung habe ich also ein unmittelbares Interesse an der Selbstentfaltung der anderen. Diese sich selbst verstär-kende gesellschaftliche Potenz läuft unseren heutigen Bedingungen, unter denen man sich beschränkt nur auf Kosten anderer durchsetzen kann, total zuwider.
Manche sprechen statt von Selbstentfaltung auch von „Selbstverwirklichung“ und meinen damit inhaltlich das Gleiche. Es gibt aber auch eine sehr eingeschränkte Auffassung von „Selbst-verwirklichung“, die hier nicht gemeint ist. Es geht nicht darum, eine persönliche „Anlage“ oder „Neigung“ in die Wirklichkeit zu bringen, sie wirklich werden zu lassen. Diese Vorstellung individualisiert und begrenzt die eigentlichen Möglichkeiten des gesellschaftli-chen Menschen: Wenn es „wirklich“ geworden ist, dann war's das. Eine individualisierte Auf-fassung von „Selbstverwirklichung“ reproduziert den ideologischen Schein eines Gegensatzes von Individuum und Gesellschaft unter bürgerlichen Verhältnissen. Sie bedeutet im Kern ein Abfinden mit und sich Einrichten in diesen beschissenen Bedingungen. Die unbeschränkte Selbstentfaltung freier Menschen gibt es jedoch nur in einer freien Gesellschaft. Auf dem Weg dorthin ist die Selbstentfaltung Quelle von Veränderung - der Bedingungen und von sich selbst (vgl. Kap. 2.3).
(aus Gruppe Gegenbilder, 2000: Freie Menschen in Freien Vereinbarungen, S. 17 ... Download des Buches als PDF ++ bestellen!)

Auszug aus Bookchin, Murray (1992): "Die Neugestaltung der Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (mehr Auszüge)
Die großen Errungenschaften menschlichen Denkens, der Kunst, der Wissenschaft und der Technik, dienen nicht nur zur Monumentalisierung der Kultur, sie sind ebenso ein Monument der natürlichen Evolution selbst. Kunst, Wissenschaft und Technik liefern den schlagenden Beweis dafür, daß die menschliche Art eine warmherzige, aufregende, vielseitige und besonders intelligente Lebensform darstellt - in der die Natur ihre höchste Schaffenskraft bezeugt hat. ...
Anpassung wird also mehr und mehr durch Kreativität ersetzt, und das scheinbar erbarmungslose Wirken der "Naturgesetze" macht größerer Freiheit Platz. Was frühere Generationen, mit dem Hinweis auf das Fehlen jeglicher moralischer Richtung, "blinde Natur" nannten, wird zur "freien Natur", zu einer Natur, die langsam Stimme und Wege findet, alle Lebensbereiche von unnötigem Leiden zu erlösen, in einer bewußten Menschheit und einer ökologischen Gesellschaft. ...
Wenn wir Natur als Entwicklung begreifen, erkennen wir das Vorhandensein dieser Tendenz zur Selbst-Bewußtwerdung und letztlich zur Freiheit. Diskussionen darüber, ob diese Tendenz Beweis für ein vorbestimmtes "Ziel", eine "führende Hand" oder einen "Gote' ist, sind in diesem Zusammenhang völlig irrelevant. (S. 25 ff.) ...
Die "freie" Entfaltung des eigenen Potentials und die eigene Selbsterfüllung setzen voraus, daß dieses Potential überhaupt entfaltet werden kann, weil nämlich die Gesellschaft von einer Ethik der Gleichheit unter Ungleichen beherrscht wird. (S. 92)

Rudolf Rocker, Anarchosyndicalism, Secker und Warburg 1938 (zitiert von Noam Chomsky, Quelle hier)
(Anarchismus ist ...)
kein festes, in sich geschlossenes System darstellt, sondern eher einen bestimmten 'Trend in der Menschheitsgeschichte', welcher in Gegnerschaft zu der intellektuellen Bevormundung, durch kirchliche und administrative Einrichtungen nach freier und unbehinderter Entfaltung aller individuellen und gesellschaftlichen Kräfte im Dasein strebt. Selbst Freiheit ist nur ein relativer und kein absoluter Begriff, da er die stete Tendenz hat, sich auszuweiten und auf mannigfaltige Weise immer größere Kreise zu ziehen. Für die Anarchisten ist Freiheit kein abstrakter philosophischer Wert, sondern die lebensnotwendige und konkrete Möglichkeit, die jeder Mensch hat, um all seine Kräfte, Fähigkeiten und Talente, wie sie ihm von Natur her verliehen sind, zu voller Entfaltung zu bringen und sie für die Gesellschaft gewinnbringend zu machen. Je weniger diese natürliche Entwicklung des Menschen von kirchlicher und politischer Bevormundung beeinträchtigt ist, desto tüchtiger und harmonischer kann die menschliche Persönlichkeit werden und Maßstab der geistigen Kultur der Gesellschaft sein, in der sie aufgewachsen ist.

Selbstverwirklichung meint in der Alltagssprache die möglichst umfassende Ausschöpfung der individuell gegebenen Möglichkeiten, Talente, Sehnsüchte und Wünsche. Der Begriff hat für seine konservativen Kritiker einen negativen Beiklang von Egoismus und mangelndem Familiensinn, wobei aber der Humanismus etwa auch als erste Philosophie der Selbstverwirklichung des Menschen betrachtet werden kann. In der Psychologie hat Abraham Maslow den Begriff prominent gemacht. Innerhalb einer Hierarchie der Bedürfnisse setzte er ihn an die oberste Stelle bzw. die letzte Stelle in der Reihung Körper/Sicherheit/Liebe/Anerkennung/Selbstverwirklichung. In der Psychoanalyse zeigte Carl Gustav Jung, dass der Mensch in der zweiten Lebenshälfte um die Integration abgespaltener Persönlichkeitsanteile bemüht ist. Eine Theologie der Selbstverwirklichung fußt auf dem Jesuswort in Joh 10,10 "Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben". Richtiger wäre es hierbei aber, statt von einer Selbstverwirklichung von einer "Verwirklichung durch Christus" zu sprechen. Oftmals wird der Generation von 1968 ihr Streben nach Selbstverwirklichung vorgeworfen. Für viele Jugendliche stellt die Selbstverwirklichung jedoch weiterhin ein Ideal dar. Außerdem gibt es aktuelle Strömungen innerhalb der kommunistischen Bewegung, die in der Selbstverwirklichung eines jeden das Ziel einer zukünftigen Gesellschaft sehen. (Quelle dieses Absatzes einschl. der Links)

Emanzipation als Praxis und Prozess: Experimente

Wikipedia ... offene Enzyklopädie im Internet erreicht selbst bei der Zuverlässigkeit Qualitäten wie die großen Enzyklopädien von Verlagen (also ähnlich Linux zu Windows). Statt einer Wahrheit gilt hier die Summe verschiedener Wahrnehmungen. Aber ... Ende 2005 setzte eine Debatte ein, genau diese Qualität in Frage zu stellen - Problem war und ist, dass es wohl im Prinzip möglich ist, dass wieder wenige das gesamte Projekte dominieren und steuern.

Christoph Spehr: Die Freiheit des Baumkänguruhs
  Für einen erneuerten linken Natur- und Emanzipationsbegriff

Aus dem Buch "Schwertfisch: Zeitgeist mit Gräten" (1997)
Yeti-Press ++ ISBN 3-9805640-1-0

Das linke Reden über Natur und Befreiung ist in die Krise geraten.  Die Nachhaltigkeits-Debatte hat begründete Zweifel daran geweckt, ob es wirklich einen Unterschied machen würde, wenn die Spitzenetagen der G7, der Weltbank, des IWF sowie der Banken und Großkonzerne über Nacht mit Vertretern des traditionellen linken Mainstreams besetzt würden. Bezüglich der Apologie des industriellen Fortschritts, der gesellschaftlichen Naturbeherrschung, der notwendigen Planung und Ordnung der globalen Produktion und Reproduktion bestehen nur geringe Differenzen zwischen dem marxistisch orientierten Naturbegriff und dem Naturbegriff der aufgeklärten, modernen kapitalistischen Funktionseliten.
Die linke Mainstream-Haltung zur Nachhaltigkeit beschränkte sich denn auch auf eine Position des „im Prinzip ja“ bzw. auf die Forderung „Nachhaltigkeit pus X“ - wobei „X“ in diffuser Weise für „irgendeine Art der gesamtwirtschaftlichen Ausrichtung der gesamtgesellschaftlichen Arbeit“ steht.(1) Auch darüber wird man mit dem Kapitalismus in Zukunft reden können.
Der Marxismus ist, um es mit Frank Zappa zu sagen, „nicht tot, aber er riecht schon etwas komisch“. Die traditionell-linke Formulierung des Verhältnisses von Natur, Freiheit und Emanzipation bedarf einer Revision, aus folgenden Gründen:

Eigensinn und Freiheit in der Natur

Das Baumkänguruh verpennt 60 % seiner Zeit, 30 % sitzt es untätig herum, und in den restlichen 10 % erledigt es all das, was auch für ein Baumkänguruh unvermeidlich ist: Nahrung suchen, Essen, Sex haben, Kinder versorgen, geselliges Beisammensein mit anderen.(3) Es ist eines der Tiere, die nach menschlichem Ermessen schockierend faul sind. Die meiste Zeit werden wir es im Zustand reglosen Ruhens antreffen.
Ist das Baumkänguruh frei? Nach bürgerlichem und marxistischem Freiheitsbegriff ist dies unmöglich. Es genießt keine politischen Rechte und artikuliert kein selbstreflektiertes Bewußtsein (bürgerliche Argumentation). Es ist nicht aktiver Teil einer globalen Gesellschaftsformation, die kollektiv die Grundbedürfnisse absichert und dadurch erst das „Reich der Notwendigkeit“ überschreitet (marxistische Argumentation). Trotzdem tut das Baumkänguruh, was es will, und verwirklicht das, was ihm als seine Aufgabe erscheint: ein Leben zu führen, das einem Baumkänguruh gemäß ist.
Ich plädiere ganz entschieden dafür, daß das Baumkänguruh frei sein kann. Wenn das Baumkänguruh nicht frei ist, werden wir es auch nie.  Es gibt Unterschiede zur menschlichen Freiheit, die das Wesen der freien Kooperation betreffen; dazu später. Aber wenn wir die Freiheit nicht auf etwas begründen, was in der belebten Natur liegt, der menschlichen genauso wie der nicht-menschlichen, kommen wir nie auf einen Freiheitsbegriff, der sich nicht in der Unterordnung unter begriffene Notwendigkeiten erschöpft. Dieses Etwas läßt sich als Offenheit und Eigensinn der Natur beschreiben. In der Natur regiert keineswegs die blanke Notwendigkeit. Das Bild vom ständigen Kampf ums Daseins ist hinlänglich durch die Beispiele von Kooperation und Koexistenz geradegerückt. Die Vorstellung der großen Maschine, in der jedes Rädchen ineinandergreift und die durch die Evolution beständig optimiert wird, ist ebenfalls revidiert.
Die Natur ist keine perfekt funktionierende Maschine, und die Evolution kein allzu strenger Zuchtmeister. Nach einhundertjähnigen Verrenkungen hat die Evolutionstheorie es aufgegeben, hinter jeder bizarren und phantästischen Konstruktion in der Natur einen überlebenstechnischen „Sinn“ zu entziffern. Die Natur läßt auch Platz für schlecht Angepaßtes, und sie akzeptiert auch haarsträubend umständliche und ineffiziente Wege, Ziele zu erreichen, wenn es nur überhaupt klappt. Sie folgt nicht dem totalen Diktat einer umweltbezogenen „Fitness“, sondern genauso den Weichenstellungen von sexueller und kultureller Selektion, von Vorlieben und Neigungen.
Es gibt keinen „Grund“ dafür, warum männliche Löwen eine Mähne haben, mit der sie kaum noch jagen können, so daß dies fast ausschließlich die Weibchen tun. Vermutlich haben sich die Löwinnen ihre faulen, langmähnigen Männchen durch eine entsprechende sexuelle Vorliebe selbst eingebrockt. Es macht auch keinen „Sinn“, daß bei manchen Horntieren die Geweihe so groß werden, daß sie in Gebüschen hängenbleiben oder sich bei den Brunftkämpfen ineinander verhaken und zugrundegehen. Solche Entwicklungen folgen nicht der fortschreitenden „Fitness“, sondern ebenso oft z.B. genetischen Programmen der zunehmenden Proportionsveränderung von Körperteilen, die, einmal angestoßen, von Generation zu Generation weiterschreiten, ganz ohne Umwelteinfluß (z.B. Neotonie).
Die Natur hat Platz dafür. Sie verwirklicht keineswegs das Notwendige; sie verwirklicht das Mögliche. Anders geht es auch gar nicht. Jede Veränderung tendiert dazu, erst einmal weniger fit zu sein. Fliegen mag gut sein für die Fledermaus, aber bevor es soweit war, waren die langen Finger und Hautlappen der Vor-Fledermäuse sicher nicht gerade praktisch. Unter einem totalen Fitness-Diktat würde sich gar nichts entwickeln können. Oft ist es gerade das Überleben eher schlecht angepaßter Arten, das durch spätere Umweltveränderungen erst im Nachhinein einen „Sinn“ bekommt: weil diese „schrägen Vögel“ plötzlich ungeahnte Qualitäten entwickeln.  Umgekehrt passen sich keineswegs alle Arten einer schleichenden Umweltveränderung an, selbst wenn genug Zeit dafür da wäre. Viele beharren auf der Entwicklungsrichtung, die sie eingeschlagen haben, anstatt „naheliegende“ Verbesserungen vorzunehmen.
Daß soviel Offenheit und Eigensinn im Evolutionsprozeß möglich ist, beruht darauf, daß die organische wie die anorganische Natur nicht bis ins Letzte den Gesetzen der klassischen Mechanik folgt, sondern ebenso den Regeln der chaotischen Selbstorganisation. Nicht jede Einwirkung zeigt langfristig auch Folgen; unterhalb einer bestimmten Stärke des Außeneinflusses stellen sich viele Zustände und Entwicklungslinien selbst wieder her. Die Natur ist durchzogen von Attraktoren - eine Art Schwerkraftbahnen, auf die sie wieder einschwenkt, wenn sie nur ein bißchen aus der Bahn gezogen wird.  Deshalb kann der berühmte Schmetterlings-Flügelschlag in China zwar prinzipiell alles mögliche beeinflussen, für die meisten Zustände und Prozesse ist es aber wirklich gleichgültig, was der Schmetterling tut.
Offenheit und Eigensinn in der Natur sorgen dafür, daß sich Verschiedenheit entwickelt: Lebens- und lndividualformen, die eine gewisse eigensinnige Beharrlichkeit haben, die sich nicht auf einen blanken Reflex des Notwendigen reduzieren läßt. Diese eigensinnige Beharrlichkeit des Natürlichen reicht noch nicht aus für menschliche Freiheit, aber sie konstituiert ihre Vorbedingung: die Freiheit lebender Wesen, mit einer gewissen Unabhängigkeit von ihrer Umwelt so sein zu können, wie sie gestrickt sind. Gleichzeitig konstituiert sie die Vorbedingung dessen, daß Menschen überhaupt Natur nutzen und beeinflussen können.

Naturnutzung und technokratisches Naturmanagement

Eine rein deterministisch-mechanische Natur ließe sich vom Menschen (wie auch von anderen Lebewesen) überhaupt nicht nutzen. Jeder Eingriff hätte unbegrenzte Folgen, die in 99 von 100 Fällen zerstörerisch wären. Es ist genau die Ungenauigkeit und Eigensinnigkeit der Natur, die ihre menschliche Nutzung möglich macht. Daß eben nicht alles in der Natur optimiert und knapp kalkuliert ist, macht die einfachste Form der Naturnutzung möglich: die kontrollierte Entnahme. Ob wir vom Apfelbaum drei Äpfel essen, regelmäßig unter diesem Baum rauchen oder unter ihm ein Bonbon-Papier auf den Boden werfen - es macht keinen Unterschied. Erst ab einem bestimmten Grad der Entnahme gerät das System unter Streß und springt auf einen anderen Attraktor. Es bleibt dann immer noch Natur, aber eine Natur, die zum Beispiel keine Äpfel mehr produziert.
Auf der Ungenauigkeit und Eigensinnigkeit der Natur beruht auch die Naturnutzung in Form der Wahl des Attraktors - also alles, was mit Anbau oder Zucht zu tun hat. Der Pflanzenbau macht die Kulturpflanze nicht, er wählt sie nur aus und verhindert lediglich, daß andere Pflanzen oder störende Faktoren diese Entwicklung durchkreuzen. Man kann keinen Hund in Pferdegröße züchten, keinen der Hörner hat oder das Frühstück macht: das Genom gibt es nicht her. Aber unter dem, was möglich ist, läßt sich auswählen und verschiedene Zuchtrassen schaffen.
Neben der kontrollierten Entnahme und der Wahl des Attraktors gibt es schließlich noch die Naturnutzung durch permanente Störung. Ein Hund bleibt ein Hund und ein Schwein bleibt ein Schwein, auch wenn wir sie aus der menschlichen Zuchtwahl entlassen, sogar noch nach Generationen. Dasselbe trifft auf einen schön gepflegten Garten oder ein glattrasiertes Kinn leider nicht zu. Es ist kein relativ stabiler Attraktor, wir müssen ständig wieder eingreifen.
Kontrollierte Entnahme, Wahl des Attraktors, permanente Störung - diese drei Formen der Beeinflussung sind es, die Nutzung und Management von Natur in begrenztem Rahmen möglich machen und immer möglich gemacht haben. Das technokratische Naturmanagement, das mit der europäischen Neuzeit auf den Plan tritt und mit den allerjüngsten technologischen Entwicklungen endgültig zum beherrschenden Naturverhältnis zu werden droht, kann im Prinzip auch nichts anderes. Es kann jedoch - durch entschlossene Konzentration der Mittel, durch Kombination weitläufiger Gebiete, Verlagerung des Nutzens und Verschiebung der Folgen - eine massive Steigerung von Einflußnahme erreichen.
Technokratisches Naturmanagement ist eine Naturnutzung mit hohem Mitteleinsatz, die den Maximen der linearen Optimierung, der erhöhten Manipulierbarkeit und den Substitution folgt.
Lineare Optimierung auf Kosten der vielfältigen Nutzbarkeit bedeutet, daß eine Holzplantage mehr Nutzholz produziert als ein Urwald, aber eben auch nichts anderes mehr: kein Unterholz als Lebensraum für Tiere, keine Wildpflanzen als Heilkräuter, keine vielfältige Nutzbarkeit für die Menschen der Region. Es ist das Laserpninzip: das gebündelte Licht entfaltet eine hohe, gerichtete Energie, aber es wird nicht mehr warm und nicht mehr hell im Raum.  Die Trennung von Produktion und Reproduktion in der menschlichen Arbeit ist genauso eine lineare Optimierung der „Produktionsarbeiter“. Sie werden zu Menschen, die „unbelastet“ von Reproduktionsarbeit, sozialem Leben und alltäglichem Chaos „Leistung“ bringen - linear optimiert.
Die Manipulierbarkeit auf Kosten der Stabilität läßt sich am besten anhand der Gentechnik erklären. Nutztierrassen werden heute darauf hingezüchtet, daß sie auf Wachstumshormone, Medikamente, Aufbaupräparate etc. gut ansprechen. Rinder, die hormonell labil sind, sprechen z.B. besonders gut auf RBSt an. Technokratisches Naturmanagement versucht, aus der Natur die Bereiche auszuwählen, deren Fähigkeiten zur Selbstorganisation möglichst niedrig sind, d.h. deren Attraktoren schwach sind. Ähnlich funktioniert ja auch das kapitalistische Bildungssystem: es wählt diejenigen Persön-lichkeiten aus, die sich am meisten verformen lassen, bzw. wirkt allgemein darauf hin, die Stärke der Persönlichkeit zu untergraben.  Die Wissensinhalte sind bekanntlich von höchst relativem Wert und zum größten Teil später überholt. Worauf es ankommt, ist das Brechen der intellektuellen und sozialen Selbstorganisation, der Ruin der Eigenständigkeit, der sich als Fortschritt in der Manipulierbarkeit zeigt.
Bleibt die Substitution, die Überwindung stofflicher Grenzen durch abstrakte Natur. Naturnutzung ist davon gekennzeichnet, daß vieles „nicht geht“; die Substitution handelt davon, wie es „doch geht“. Gentechnologische Manipulation z.B. durchbricht solche Grenzen. Sie kann wirklich Hunde mit Hörnern und in Pferdegröße schaffen, und vielleicht auch irgendwann welche, die das Frühstück machen. Sie kann Pflanzen kreieren, die Ersatz für strategische Rohstoffe mineralischen Herkunft liefern. Alles wird in alles umwandelbar. Aber der Preis liegt im hohen Aufwand. Keine dieser Produktionsmethoden sitzt auf einem halbwegs stabilen Attraktor auf.  Das Saatgut vermehrt sich nicht selbst, die Tiere pflanzen sich nicht fort, ohne spezielle Rahmenbedingungen geht alles schnell ein. Die so erreichte Natur ist auf ein gewaltiges Maß an ständigem Input und ständiger Manipulation angewiesen, um nicht sofort auszubrechen oder zu sterben.
Man muß sich diese Produktionsweise leisten können. Den Eigensinn der Natur nicht mehr zu nutzen, sondern zu brechen und komplett selbst zu gestalten, ist ungeheuer teuer. Die hochspezifische Kunstnatur braucht deshalb ein riesiges Hinterland an Natur und Arbeit, die den ständigen lnput liefert. Hinter den Spezialflächen und den Spezialmenschen liegen daher immer mehr Menschen und Gebiete, deren Beitrag zu dieser Produktion immer unspezifischer, „primitiver“, monotoner wird - sie stellen keine spezifischen Leistungen und Eigenschaften, sondern nur noch abstrakte Natur zur Verfügung.
Gentechnik z.B. kann auch in einer Welt produzieren, deren ökologische und soziale Vielfalt erschöpft ist, solange genug Fläche, Energie und Technologie zur Verfügung steht. Die „Facharbeiter-Natur“, deren spezifisches „Können“ genutzt wird, verschwindet zugunsten einer „an- und ungelernten Natur“, die nur noch ihre grundlegenden biochemischen Reaktionen einbringt. Die neuen Technologien sind wie globale Staubsauger, die diese gewollt „primitive“ Natur und Arbeit aufsaugen und für ein paar sensationelle Spitzenleistungen verwursten.
Die sozial-ökologische Krise des Kapitalismus
Vor diesem Hintergrund läßt sich die sozial-ökologische Krise des Kapitalismus bestimmen. Zunächst einmal wird klar, daß es eine Überlebenskrise „der Menschheit“ nicht gibt. Ein Teil lebt weiter gut, weil es nichts gibt, was ihm die Zauberkunststücke des technokrdtischen Naturmanagemerit nicht substituieren könnten.  Zugleich deutet nichts auf einen zukünftigen Big Bang hin: Die Kriegsführung forscht nach umweltverträglichen Waffen, die nicht gleich den thermonuklearen Winter auslösen. Für die Zeit nach dem Ende der fossilen Rohstoffvorkommen bieten sich ökologische Alternativen wie die großflächige Energieproduktion aus Biomasse an, auch wenn es dann für viele Menschen in der Dritten Welt ein wenig eng wird. Weder in der Atom- noch in der Gentechnik wird es ohne Unfälle abgehen, aber „die Menschheit“ wird nicht daran sterben - auch beim Bau des siebentonigen Thebens, von dem Brecht spricht, starben die Arbeiterinnen und nicht Theben.
Die derzeitige Ordnung des Weltsystems privilegiert bekanntlich die Metropolen auf Kosten der Peripherie, die Besitzenden auf Kosten der Marginalisierten, die Männer auf Kosten der Frauen, die Weißen auf Kosten der „Anderen“. Das ist keine Folge der Produktionsweise, sondern ihr Sinn: dazu ist sie da. Derzeit findet eine gewisse Auflockerung und Umgruppierung in Richtung einer in sich heterogeneren globalen Klassenspaltung statt: die Klasse derer, deren Lebensmittelpunkt der Sektor der formellen Arbeit ist und die vom globalen technokratischen Naturmanagement profitieren, gegen die Klasse derer, deren Lebensmittelpunkt im Sektor der informellen Arbeit liegt und die für das technokratische Management überwiegend „unspezifische“ Natur und Arbeit abgeben. Es ist nicht die Konkurrenz der Kapitale, die die gegenwärtige Öko-Knise verursacht; ganz im Gegenteil gibt es angesichts der Monopolisierung und beginnender internationaler Regulierungen tatsächlich Züge einer global geplanten Ressourcenbewirtschaftung.
Die Aufrechterhaltung der globalen Ordnung bedarf der Anstrengung - der Machtmittel. Die letzten fünfzig Jahre waren von einer außerordentlichen Anspruchsrevolution der benachteiligten „Hälften“ bestimmt. Um die Ordnung trotzdem aufrechtzuerhalten, bedarf es immer mehr technologisch fundierter und akkumulierter Machtmittel aller Art, bis hin zur sozialen Schmiergeldkasse. Deshalb wirft das technokratische Naturmanagement immer härter den Staubsauger an, um diese Machtmittel zu produzieren. Für neue technologische Durchbrüche sind aber von Mal zu Mal unverhältnismäßig größere Mengen an Natur und Arbeit notwendig, während die „informelle Klasse“ alles tut, ihren Anteil an der globalen Natur und Arbeit entweder nicht abzugeben oder aber sich wiederzuholen - von der Subsistenzrevolte bis zur Marktoffensive, vom Scheidungsprozeß bis zur Migration.
Das macht die Krise aus, der die Nachhaltigkeit mit Spar- oder Regulierungsvorschlägen beizukommen sucht, ohne sie lösen zu können.
Beide Seiten erleben sie als Knappheit - als Knappheit an Geld, an Ressourcen, an verfügbarer „Natur“ für ihre Pläne oder in ihrem Leben. Die einen suchen die Krisenlösung in einer autoritären, verwissenschaftlichten, „entschlackten“, aber auch „undogmatisch“-kapitalistischen Globalplanung, die die Bewegungs- und Nutzungsspielräume der Mehrzahl der Menschen radikal einschränkt. Die anderen suchen ihre Bewegungs- und Nutzungsspielräume zu verteidigen, was implizit darauf hinausläuft, das Maß an aufgehäuften Machtmitteln abzuspecken, das hypertrophe Kontrollsystem abzuwickeln und mehr Freiheit von unten durchzusetzen.(5)
Der traditionelle linke Natur- und Freiheitsbegniff gerät in dieser Konstellation mit traumwandlerischer Sicherheit stets auf die falsche Seite.
Emanzipation als Einforderung der Regeln freier Kooperation
Der gängige marxistische Freiheitsbegniff ist massiv ökonomisch verkürzt. „Freiheit von ökonomischer und materieller Notwendigkeit, Freiheit zu kollektiver Praxis“ (4> - in solchen Definitionen verschwimmt die Grundtatsache, daß das Soziale der eigentliche Ursprung des Freiheitsproblems ist. Aufstände gegen eine Ordnung, die das Überleben unmöglich macht, sind das eine: Aber in „Freiheit von Not“ oder „Freiheit zur kollektiven Selbstbeherrschung“ wird der Freiheitsbegriff so verkürzt, daß er mit 90 % der tatsächlich stattfindenden Kämpfe um individuelle und kollektive Emanzipation nichts zu tun hat.
Gehen wir nochmal zum Baumkänguruh zurück. Wir haben festgestellt, daß die Natur (als physisch-psychische Gesamtheit) lebende Wesen mit einem Eigensinn ausstattet, so sein zu wollen, wie sie gestrickt sind bzw. wie sie glauben, sein zu sollen. Und wir können davon ausgehen, daß wir genau dies auch als Menschen erleben, allerdings in einer Weise, die ungleich mehr individuelle, kulturelle, und geschichtlich gewachsene Unterschiede enthält. Diese spontane Reflex der Freiheit durchzieht das Leben von anfang an.
Das Problem der Emanzipation beginnt mit dem Punkt der Kooperation.  Unser Freiheitsbedürfnis endet ja nicht bei dem, was wir alleine tun können, sondern richtet sich zum allergrößten Teil auf etwas, wozu wir andere brauchen. In jede Kooperation, in jede Beziehung bringen wir Vorstellungen ein, daß wir etwas haben oder etwas machen wollen, daß die Verwirklichung unseres Eigensinns von anderen ein bestimmtes Verhalten, bestimmte Leistungen, bestimmte Mitwirkung einfordert.  Da wir keine Klone sind, liegt unser Eigensinn immer mit dem anderer im Hader - was dadurch ausbalanciert wird, daß wir trotz dieser Einschränkung etwas von unserem Eigensinn verwirklichen, was wir alleine nicht verwirklichen könnten.
Es gibt keine Möglichkeit, an die Kooperation eine Analyse von außen herantragen zu wollen, wann sie gerecht oder richtig ist. Aus der Fülle von Beziehungen, die wir kennen, wissen wir das. Was wir dagegen erkennen können, ist, daß Gruppen wie Individuen Kooperationen aufgeben oder einschränken, wenn die Rechnung für sie nicht stimmt - außer, sie können das nicht. Daß sie es können, unterscheidet eine freie Kooperation von einer Herrschaftsbeziehung.
Emanzipation bedeutet, in allen Beziehungen und Zusammenhängen die Regeln der freien Kooperation durchzusetzen - das heißt, einerseits die Voraussetzungen dafür durchzusetzen, daß Gruppen und Individuen die Kooperation einschränken und aufgeben können, und andererseits dieses Prinzip auch wirklich in Anspruch zu nehmen, um auf die Art der Kooperation einzuwirken. Emanzipation hängt nicht davon ab, daß andere sie begreifen oder daß sie „objektiv vernünftig“ ist. Dies ergibt sich aus dem Begriff des berechtigten Eigensinns. Sie hängt natürlich davon ab, daß beide Seiten die Möglichkeit haben, die Kooperation sein zu lassen.
An dieser Stelle kommt die Frage, wer die jeweiligen Produktionsmittel kontrolliert, ins Spiel. Aber es ist bei weitem nicht die einzige Frage. Kapitalistische Ordnung, wie andere Herrschaftsordnungen auch, stellt eine Fülle von Instrumenten zur Verfügung, um Kooperation zu erzwingen - von direkter Gewalt bis zur Gestalt der Dominanzkultur, der Kontrolle der Ideologie und der Kontrolle der Sozialnetze. Ob eine freie Kooperation vorliegt, erkennen wir daran, ob beide Seiten die Möglichkeit haben, sie sein zu lassen.
Dies ist eine faktische Frage. Kein Modell der gesellschaftlichen Kontrolle der Produktionsmittel kann sie ein für alle Mal lösen.  Emanzipation beginnt von unten, aus dem Inneren der Gesellschaft heraus, aus ihren Kooperationen und Beziehungen. Sie ist nichts, was wir an irgendeinem fernen Punkt der menschlichen Geschichte vom Baum pflücken, sondern sie findet statt, hier und heute. Und unter den Bedingungen der sozial-ökologischen Krise des Kapitalismus, wie sie oben geschildert wurden, ist sie aktuell keine Frage von vernünftigen Globalregulierungen; sondern des kollektiven wie individuellen, wenn auch sehr unterschiedlichen, Durchkämpfens von Bedingungen, die ein Mehr an Entscheidungen erlauben. Emanzipation hat mit Nachdenken zu tun; aber sie beginnt beim Baumkänguruh in uns allen.

(1) Karl Hermann Tjaden: Mensch-Gesellschaftsformation-Biosphäre, Kassel 1992, 5. 244.  Ansonsten reicht der Artikel von Ulrich Brand: Weichspüler auf dem Vormarsch, Lohnt der Kampf um den Begriff Sustainable Development?, blätter des iz3w Nr. 200, Freiburg 1994, da sich die Position z.B.  der „links“ seither nicht verändert hat.
(2) Hans Heinz Holz: Historischer Materialismus und ökologische Krise, Dialektik 9 „Ökologie“, Köln 1984, 5. 40.
(4) Die Auflistung orientiert sich, wie unschwer zu erkennen, an den „sechs Grundfunktionen des menschlichen Lebens“ aus der US-Serie „Die besten Jahre“ (Thirty- something); nur die Suche nach dem Parkplatz entfällt.
(5) Für den Aspekt nachhaltiger Krisenlösung als patriarchaler Einschränkung von Freiheitsräumen und Autonomie siehe auch: Claudia Bernhard: Der nachhaltige Antifeminismus, in diesem Band.
(6) Paul Boccara: Der Kapitalismus - überschreitbarer Horizont unserer Zeit, Argument 214, & 221.

Texte von Christoph Spehr

Links zur Theorie von Christoph Spehr

Freie Menschen in Freien Vereinbarungen

Menschen bringen sich nur dann nicht um , wenn sie so leben, dass sie keinen Vorteil davon haben können. Menschen schliessen eigentlich gar keine Verträge, sie verhalte nsich einfach auf Grund von Interessen und Erfahrungen, gemüss dem, was sie "sind". Geben und Nehmen  ist in einer sozial verwobenen Lebensweise kaum auseinanderzuhalten. Dass es für einen Beobachter so aussieht, als ob Menschen dauernd Verträge schlössen, ist eine typische Fehlinterpretation liberaler Ideologien, die sich unser Leben nur als eine Reihe von Tauschhändeln vorstellen können. Erst wenn die Gesellschaft in ihre Atome zerfallen ist, muss sie mit "Verträgen" und "Regeln" notdürftig reorganisiert werden.Was geändert werden muß, ist also die Interessenlage der Menschen, die sich wiederum historisch entwickelt hat.
(aus: P.M. 2000: Subcoma, Paranoia City in Zürich)

Freiheit

„Freiheit heisst Verantwortung. Deshalb wird sie von den meisten Menschen gefürchtet.“
George Bernard Shaw, Schriftsteller

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