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Emanzipation

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Definitionen

Def. von "Emanzipation" in Meyers Taschenlexikon
Befreiung von Individuen oder sozialen Gruppen aus rechtl., polit.-sozialer, geistiger oder psych. Abhängigkeit bei ihrer gleichzeitigen Erlangung von Mündigkeit und Selbstbestimmung.

Aus Wilk, Michael (1999): "Macht, Herrschaft, Emanzipation", Trotzdem Verlag in Grafenau
Emanzipative Prozesse im libertären Sinne, zeichnen sich gerade durch Infragestellungen aus, die nicht nur eine Umstrukturierung von Herrschaft beabsichtigen, sondern die in der Lage sind. das Wesen der Herrschaftsstrukturen selbst anzuzweifeln. Dieser oft schwierige Schritt des Zweifels. Bedarf eines, über den Ist-Zustand der Gesellschaft hinausreichenden Maßstabs. der die Menschen in die Lage versetzt, sich gedanklich über die Ebenen/Grenzen der vorgefundenen Gegebenheiten hinwegzusetzen. ... (S. 45)
Emanzipation in unserern Verständnis strebt eine Form der Mündigkeit und Selbstständigkeit an, die immer wieder aufs Neue die gesetzten Grenzen anzweifelt, die letztlich in der Auseinandersetzung, Überprüfung und auch in der Überschreitung des "Gegebenen" ihre eigenen Maßstäbe zu entwickeln vermag. Sie beschreibt in diesem Sinne einen dynamischen Prozess des Lernens, des EntwickeIns eigener Stärke gegen Widerstände, der nicht in der banal selbstaufgewerteten Position endet, sondern der in der Lage ist, auch gerade diesen Prozess der Aufwertung (der u.U. andere entwertet) in Frage zu stellen. Emanzipation unter anarchistischer Vorstellung, steht für den Versuch der Annäherung an eine herrschaftsfreie Gesellschaft. Dieser Prozeß ist abhängig von den jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen und somit nicht linear und starr, sondern auch mit dein Wesen von "Versuch und Irrtum“ behaftet. Nicht zuletzt die immer wieder neu entstehende Schwierigkeit mit eigener, während emanzipativer Schritte entstehender, Macht und Stärke umzugehen, macht das Bemühen um herrschaftsfreien Umgang, und das Streben nach einer Gesellschaft ohne Staat, zu einer nicht endenden Auseinandersetzung. (S. 48)

Aus Marx, Karl (1988, 15. Auflage): "Zur Judenfrage" in: MEW 1 (S. 370), Dietzverlag in Berlin
Alle Emanzipation ist Zurückführung der menschlichen Welt, der Verhältnisse, auf den Menschen selbst. Die politische Emanzipation ist die Reduktion des Menschen, einerseits auf das Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft, auf das egoistische unabhängige Individuum, andererseits auf den Staatsbürger, auf die moralische Person. (...) erst wenn der Mensch seine 'forces propres' als gesellschaftliche Kräfte erkannt und organisiert hat und daher die gesellschaftliche Kraft nicht mehr in Gestalt der politischen Kraft von sich trennt, erst dann ist die menschliche Emanzipation vollbracht.

Aus Kappler, Marc (2006): "Emanzipation durch Partizipation?", Marburg (S. 17)
Der Unterschied zwischen der Bewusstwerdung der eigenen Kräfte als politische und der Bewusstwerdung jener als gesellschaftliche Kräfte, ist die Beschränkung der Handlungsmöglichkeiten beim ersteren auf vorgegebene politische Verfahrensweisen, wogegen bei der zweiten Variante die Überwindung der konventionellen und institutionalisierten politischen Strukturen hinzukommt. Ähnlich gelagert – nur um den Prozesscharakter erweitert – ist die Trennung von Martin Greiffenhagen in ein konservatives und ein progressives Verständnis von Emanzipation. Ein konservatives Verständnis liegt vor, wenn im statischen Sinne die „Freilassung einzelner oder Gruppen innerhalb eines unerwünschten Herrschaftsgefüges“ gemeint ist. Ein progressives dagegen wäre „ein prozeßhaftes Verständnis, welches das Politische Gefüge selbst in Frage stellt und in die Emanzipationsbewegung einbeziehen will.“

Zitate

Marx-Engels Studienausgabe, Fischer 1972 (S. 53)
Erst wenn der wirkliche individuelle Mensch den abstrakten Staatsbürger in sich zurücknimmt und als individueller Mensch in seinem empirischen Leben, in seiner individuellen Arbeit, in seinen individuellen Verhältnissen, Gattungswesen geworden ist, erst wenn der Mensch seine forces propres, als gesellschaftliche Kräfte erkannt und organisiert hat und daher die gesellschaftliche Kraft nicht mehr in der Gestalt der politischen Kraft von sich trennt, erst dann ist die menschliche Emanzipation vollbracht.

Erich Fromm, 1993: Die Furcht vor der Freiheit, dtv
Zur positiven Freiheit gehört auch das Prinzip, daß es keine höhere Macht als dieses einzigartige individuelle Selbst gibt, daß der Mensch MIttelpunkt und Zweck seines Lebens ist und das Wachstum und die Realisierung der Individualität des Menschen ein Ziel ist, das niemals irgendwelchen Zwecken untergeordnet werden kann, die angeblich noch wertvoller sind.

Aus Christoph Spehr, 1999: "Die Aliens sind unter uns", Siedler Verlag München (S. 47+100)
Von dem argentinischen Philosophen Ernesto Laclau stammt die scharfsichtige Bemerkung, daß die Idee der Emanzipation von vielfältigen Widersprüchen durchzogen ist; dies bedeute jedoch keineswegs, daß die Praxis der sozialen Bewegungen, die dieser Idee folgen, nicht funktionieren könne oder nichts bewirke. Allerdings müßten diese Bewegungen an den Widersprüchen der Emanzipationsidee und dieser Praxis arbeiten, um weiterzukommen - sie müßten suchen und handeln. ...
Was die Frage nach Herrschaft und Emanzipation angeht, kann die Lösung also nicht mehr in der Vision eines perfekten "Systems" liegen (das dann faschismussicher und auch noch gleich noch herrschaftssicher ist), sondern nur in einer gesellschaftlichen Praxis, die von alternativen Kriterien geleitet ist und verschiedene Ebenen umfaßt; eine Politik der Abwicklung von Herrschaft und ihren Instrumenten; eine alternative Praxis gesellschaftlicher Beziehungen; eine "demokratische" Politik, die das demokratische Zeitalter fortführt, aber auf einer kritischen Auseinandersetzung mit ihm beruht; und eine Entfaltung sozialer Fähigkeiten, die eine Alternative zur faschistischen und zur alienistischen "Person" aufzeigen.

Aus Christoph Spehr, 1999: "Die Aliens sind unter uns", Siedler Verlag München (S. 201f+221+241)
Eine Theorie der Befreiung ist demnach analytisch. Sie führt den Skandal konkreter Mißstände auf eine allgemeine Ursache zurück, auf ein strukturierendes Prinzip, den zentralen "Trick" der Herrschenden gewissernmaßen. ... Eine Theorie der Befreiung ist materialistisch. Sie will nicht jeden Tag eine gute Tat tun, sondern die Grundlagen von Ausbeutung und Dominanz abschaffen. Diese Grundlagen sieht sie nicht in dem, was die Gesellschaft (und ihre Individuen) und sich denkt oder was sie von sich behauptet, sondern in der Art und Weise, wie sie ihre Produktion und Reprodution organiseirt. ... Eine Theorie der Befreiung ist parteilich. Sie will nicht allen helfen. Sie nimmt Partei in einem sozialen Antagonismus, wo die eine Seite gewinnt, was die andere verliert. Der Antagonismus ist in der bestehenden Ordnung unaufhebbar: nicht das Auswechseln von Personen, nicht der Wechsel von Programmen, weder Abstimmungen noch formale Geschäftsordnungen können daran etwas ändern. Die herrschenden Interessen sind die Interessen der Herrschenden; Befreiung erfordert, die Grundlagen der Herrschaft zu beseitigen. Und schließlich ist eine Theorie der Befreiung eine Philosophie der Praxis. Sie muß zeigen, daß Befreiung möglich ist. Sie geht davon aus, daß Herrschaft nicht total ist, so geschlossen sie auch erscheinen mag; sie beschreibt, daß und wie der einzelne mit ihr in Konflikt gerät. Sie ist keine Gesllschaftstheorie, sondern eine Theorie von der Emanzipation der Subjekte, die sie dazu aufruft, gezielt und bewußt die Spielregeln zu verletzen. ...
Emanzipation muß an die Wurzel des Übels gehen, sie muß die zentrale Grundlage von Herrschaft beseitigen. ...
Emanzipation findet statt, wo Kooperation nicht frei ist, aber sie nimmt das Agieren in einer freien Kooperation vorweg. Deshalb macht Emanzipation süchtig. Sie vermittelt uns einen Eindruck davon, was alles möglich wäre. Sie vermittelt uns diesen Eindruck nicht nur über den Kopf, sondern auch über die Haltung, die wir dabei einnehmen; es ist eine schier körperliche Erfahrung. Wir brechen die Regel, und es geht. Wir können es tatsächlich tun. Wir können dadurch sogar Einfluß auf die Regel nehmen, sie verändern. Wir spüren die Macht und die Freiheit, die freie Kooperation uns geben kann.

Aus Christoph Spehr, 2000: "Gleicher als andere" (S. 27f), Download hier ...
Emanzipation bedeutet, sich aus erzwungenen Kooperationen zu befreien und freie Kooperationen aufzubauen. Beides ist notwendig. Der Wegfall des Alten verbürgt nicht automatisch das Neue. ...
Wenn erzwungene Kooperation durch eine Fülle von Herrschaftsinstrumenten aufrechterhalten wird, dann ist es für eine Politik der freien Kooperation notwendig, diese Instrumente abzuwickeln. "Abwicklung" bedeutet, dass diese Instrumente nicht für "etwas Besseres" eingesetzt werden können, sondern heruntergefahren; dass dies ein Prozess ist und keine einmalige Aktion; dass ein "Ausknipsen über Nacht" nicht möglich und in vielen Fällen auch nicht wünschenswert ist, das Ziel aber klar sein muss. Nichts anderes kann man sich heute darunter vorstellen, was es heißt, Machtfragen zu stellen: Herrschaft sichtbar zu machen und ihre Instrumente in der Praxis zurückzuweisen, und zwar an allen Orten der Gesellschaft und in jeder Kooperation.

Der Mensch im Mittelpunkt

Aus Fromm, Erich (1985): "Über den Ungehorsam", dtv München
Der humanistische Sozialismus ist ein System, in dem der Mensch das Kapital und nicht das Kapital den Menschen beherrscht; in dem der Mensch seine Lebensumstände und nicht die Lebensumstände den Menschen beherrschen; in dem die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft planen, was sie produzieren wollen, anstatt daß die Produktion sich nach den Gesetzen der unpersönlichen Mächte des Marktes und des Kapitals mit dem ihnen eigenen Bedürfnis nach maximalem Profit richten. ... (S. 89)
Sozialismus muß radikal sein. Radikalsein heißt an die Wurzel gehen; und die Wurzel ist der Mensch. Heute sitzen die Dinge im Sattel und reiten den Menschen. Der Sozialismus möchte den Menschen, den ganzen, schöpferischen, wirklichen Menschen wieder in den Sattel heben. (S. 103)

Abseits der Realpolitik sagen das sogar SPD-Chefs
Aus Franz Müntefering, "Was links ist", in: FR, 6.2.2008 (S. 12 f.)
Vor der Gesellschaft kommt das Individuum. Das Individuum steht im Zentrum der linken Idee. Freiheit ist der unbedingte Respekt vor dem Individuum, vor jedem einzelnen Menschen gleicher Weise. ...
Gerechtigkeit ist nicht Garantie für Gleichheit im Ergebnis. Aber sie meint gleiche Ausgangs- und Zugangsbedingungen, faire Chancen und eine soziale Absicherung für Lebensrisiken. ...
Wir organisieren Gesellschaft so, das sich jeder entfalten kann, auch hinfallen - und wieder aufstehen und weitermachen. ...

Aus Gassner, Marcus, "Emanzipation als Maßstab für jegliche Organisation" in: Grundrisse 2/2002 (S. 36)
“Das bewusste Wollen des Reiches der Freiheit kann also nur das bewusste Tun jener Schritte bedeuten, die diesem tatsächlich entgegenführen. Und in der Einsicht, dass individuelle Freiheit in der heutigen bürgerlichen Gesellschaft nur ein korruptes und korrumpierendes, weil auf die Unfreiheit der anderen unsolidarisch basiertes Privileg sein kann, bedeutet es gerade: den Verzicht auf individuelle Freiheit. Es bedeutet das bewusste Sich-unterordnen jenem Gesamtwillen, der die wirkliche Freiheit wirklich ins Leben zu rufen bestimmt ist...” (Georg Lukacs, Geschichte und Klassenbewußtsein, S. 318)
In diesen Worten Lukacs erkennt man unschwer einen jüdisch-christlichen Entsagungs- und Aufopferungsgeist. Emanzipation wird auf ein Endziel reduziert. Genau so kann aber Emanzipation nicht funktionieren. Eine Bewegung, die auf der Arbeitsteilung von Kopf- und Handarbeit beruht, wird auch wieder nur eine Gesellschaft hervorbringen, die auf Arbeitsteilung basiert. Alles andere zu glauben, würde bestenfalls Dummheit voraussetzen, schlimmstenfalls wäre es einfach nur reaktionär. - Ein Kampf gegen die kapitalistische Gesellschaft bedeutet gleichzeitig ein Kampf gegen die Organisationen, gegen die TrägerInnen der Unterdrückung in der Bewegung selbst. Verzicht auf individuelle Freiheit bringt niemals ein mehr an Freiheit, auch wenn dies noch so “dialektisch” erklärt wird.

Verkürzte Vorstellungen von Emanzipation

 

Aus Narr, Wolf-Dieter (1973): "Ist Emanzipation strukturell möglich?", in: Greiffenhagen, Martin (Hrsg.): "Emanzipation", Hoffmann und Campe in Hamburg (S. 194 f.)
Emanzipation heißt das Ideal des mittleren Bürgers, der engagiert ist, aber nicht zu engagiert und dem dieses Engagement in der Schule als Attitüde anerzogen wird (als Habitus eingebildet wird). Zweitens fällt auf, dass Emanzipation kriterien-, d. h. zahnlos bleibt. Emanzipation wird sozusagen zur schulischen Morgenandacht, begrenzt auch noch auf das Segment des politischen Unterrichts.

Themen und Fragen zum um die Emanzipation

„Selbstentfaltung“ kann man fassen als individuelles Entwickeln und Leben der eigenen Sub-jektivität, der eigenen Persönlichkeit. Selbstentfaltung bedeutet die schrittweise und zuneh-mende Realisierung menschlicher Möglichkeiten auf dem jeweils aktuell erreichten Niveau. Selbstentfaltung ist also unbegrenzt und geht nur im gesellschaftlichen Kontext, denn Reali-sierung menschlicher Möglichkeiten ist in einer freien Gesellschaft gleichbedeutend mit der Realisierung gesellschaftlicher Möglichkeiten. Selbstentfaltung geht niemals auf Kosten anderer, sondern setzt die Entfaltung der anderen notwendig voraus, da sonst die eigene Selbstentfaltung begrenzt wird. Im Interesse meiner Selbstentfaltung habe ich also ein unmittelbares Interesse an der Selbstentfaltung der anderen. Diese sich selbst verstär-kende gesellschaftliche Potenz läuft unseren heutigen Bedingungen, unter denen man sich beschränkt nur auf Kosten anderer durchsetzen kann, total zuwider.
Manche sprechen statt von Selbstentfaltung auch von „Selbstverwirklichung“ und meinen damit inhaltlich das Gleiche. Es gibt aber auch eine sehr eingeschränkte Auffassung von „Selbst-verwirklichung“, die hier nicht gemeint ist. Es geht nicht darum, eine persönliche „Anlage“ oder „Neigung“ in die Wirklichkeit zu bringen, sie wirklich werden zu lassen. Diese Vorstellung individualisiert und begrenzt die eigentlichen Möglichkeiten des gesellschaftli-chen Menschen: Wenn es „wirklich“ geworden ist, dann war's das. Eine individualisierte Auf-fassung von „Selbstverwirklichung“ reproduziert den ideologischen Schein eines Gegensatzes von Individuum und Gesellschaft unter bürgerlichen Verhältnissen. Sie bedeutet im Kern ein Abfinden mit und sich Einrichten in diesen beschissenen Bedingungen. Die unbeschränkte Selbstentfaltung freier Menschen gibt es jedoch nur in einer freien Gesellschaft. Auf dem Weg dorthin ist die Selbstentfaltung Quelle von Veränderung - der Bedingungen und von sich selbst (vgl. Kap. 2.3).
(aus Gruppe Gegenbilder, 2000: Freie Menschen in Freien Vereinbarungen, S. 17 ... Download des Buches als PDF ++ bestellen!)

Aus Bookchin, Murray (1992): "Die Neugestaltung der Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (mehr Auszüge)
Die großen Errungenschaften menschlichen Denkens, der Kunst, der Wissenschaft und der Technik, dienen nicht nur zur Monumentalisierung der Kultur, sie sind ebenso ein Monument der natürlichen Evolution selbst. Kunst, Wissenschaft und Technik liefern den schlagenden Beweis dafür, daß die menschliche Art eine warmherzige, aufregende, vielseitige und besonders intelligente Lebensform darstellt - in der die Natur ihre höchste Schaffenskraft bezeugt hat. ...
Anpassung wird also mehr und mehr durch Kreativität ersetzt, und das scheinbar erbarmungslose Wirken der "Naturgesetze" macht größerer Freiheit Platz. Was frühere Generationen, mit dem Hinweis auf das Fehlen jeglicher moralischer Richtung, "blinde Natur" nannten, wird zur "freien Natur", zu einer Natur, die langsam Stimme und Wege findet, alle Lebensbereiche von unnötigem Leiden zu erlösen, in einer bewußten Menschheit und einer ökologischen Gesellschaft. ...
Wenn wir Natur als Entwicklung begreifen, erkennen wir das Vorhandensein dieser Tendenz zur Selbst-Bewußtwerdung und letztlich zur Freiheit. Diskussionen darüber, ob diese Tendenz Beweis für ein vorbestimmtes "Ziel", eine "führende Hand" oder einen "Gote' ist, sind in diesem Zusammenhang völlig irrelevant. (S. 25 ff.) ...
Die "freie" Entfaltung des eigenen Potentials und die eigene Selbsterfüllung setzen voraus, daß dieses Potential überhaupt entfaltet werden kann, weil nämlich die Gesellschaft von einer Ethik der Gleichheit unter Ungleichen beherrscht wird. (S. 92)

Rudolf Rocker, Anarchosyndicalism, Secker und Warburg 1938 (zitiert von Noam Chomsky, Quelle hier)
(Anarchismus ist ...) kein festes, in sich geschlossenes System darstellt, sondern eher einen bestimmten 'Trend in der Menschheitsgeschichte', welcher in Gegnerschaft zu der intellektuellen Bevormundung, durch kirchliche und administrative Einrichtungen nach freier und unbehinderter Entfaltung aller individuellen und gesellschaftlichen Kräfte im Dasein strebt. Selbst Freiheit ist nur ein relativer und kein absoluter Begriff, da er die stete Tendenz hat, sich auszuweiten und auf mannigfaltige Weise immer größere Kreise zu ziehen. Für die Anarchisten ist Freiheit kein abstrakter philosophischer Wert, sondern die lebensnotwendige und konkrete Möglichkeit, die jeder Mensch hat, um all seine Kräfte, Fähigkeiten und Talente, wie sie ihm von Natur her verliehen sind, zu voller Entfaltung zu bringen und sie für die Gesellschaft gewinnbringend zu machen. Je weniger diese natürliche Entwicklung des Menschen von kirchlicher und politischer Bevormundung beeinträchtigt ist, desto tüchtiger und harmonischer kann die menschliche Persönlichkeit werden und Maßstab der geistigen Kultur der Gesellschaft sein, in der sie aufgewachsen ist.

Selbstverwirklichung meint in der Alltagssprache die möglichst umfassende Ausschöpfung der individuell gegebenen Möglichkeiten, Talente, Sehnsüchte und Wünsche. Der Begriff hat für seine konservativen Kritiker einen negativen Beiklang von Egoismus und mangelndem Familiensinn, wobei aber der Humanismus etwa auch als erste Philosophie der Selbstverwirklichung des Menschen betrachtet werden kann. In der Psychologie hat Abraham Maslow den Begriff prominent gemacht. Innerhalb einer Hierarchie der Bedürfnisse setzte er ihn an die oberste Stelle bzw. die letzte Stelle in der Reihung Körper/Sicherheit/Liebe/Anerkennung/Selbstverwirklichung. In der Psychoanalyse zeigte Carl Gustav Jung, dass der Mensch in der zweiten Lebenshälfte um die Integration abgespaltener Persönlichkeitsanteile bemüht ist. Eine Theologie der Selbstverwirklichung fußt auf dem Jesuswort in Joh 10,10 "Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben". Richtiger wäre es hierbei aber, statt von einer Selbstverwirklichung von einer "Verwirklichung durch Christus" zu sprechen. Oftmals wird der Generation von 1968 ihr Streben nach Selbstverwirklichung vorgeworfen. Für viele Jugendliche stellt die Selbstverwirklichung jedoch weiterhin ein Ideal dar. Außerdem gibt es aktuelle Strömungen innerhalb der kommunistischen Bewegung, die in der Selbstverwirklichung eines jeden das Ziel einer zukünftigen Gesellschaft sehen. (Quelle dieses Absatzes einschl. der Links)

Emanzipation als Praxis und Prozess: Experimente

Wikipedia ... offene Enzyklopädie im Internet erreicht selbst bei der Zuverlässigkeit Qualitäten wie die großen Enzyklopädien von Verlagen (also ähnlich Linux zu Windows). Statt einer Wahrheit gilt hier die Summe verschiedener Wahrnehmungen. Aber ... Ende 2005 setzte eine Debatte ein, genau diese Qualität in Frage zu stellen - Problem war und ist, dass es wohl im Prinzip möglich ist, dass wieder wenige das gesamte Projekte dominieren und steuern.

Bücher zum Thema

Freie Menschen in Freien Vereinbarungen. Gegenbilder zu Markt und Staat ... 14 Euro

Das Grundwerk zur Theorie der Herrschaftsfreiheit: Ein Buch voller Visionen, Konzepte und Experimente für eine Gesellschaft ohne Hierarchien und ökonomische Verwertung. "Gegenbilder" zum kapitalistischen System werden vorgestellt. Kein Weg ohne Ziel! Wir brauchen eine neue Debatte um Visionen und Utopien!!!

Anarchie. Träume, Kampf und Krampf im deutschen Anarchismus ... 14 Euro

Gibt es Klassen und kann etwas befreiend wirken, was Menschen in einheitliche Kategorien zwingt, um sie dann zum Subjekt der Revolution zu machen? Ist Demokratie nicht eine Form der Herrschaft? Wie kann Anarchismus dann basis- oder direktdemokratisch sein wollen? Wo laufen die Debatten um diskursive Steuerungen, Entmachtung der Funktionseliten oder das Spannungsfeld von Eigentum und gesellschaftlichem Reichtum? Ist kollektive Identität nicht auch eine Form der Beherrschung? Warum aber weisen dann gerade politische Proteste sich als anarchistisch gebärdender Gruppen eine so hohe Einheitlichkeit von Fahnen, Schildern oder Labels auf? ++ Internetseite zur Debatte um Anarchie (mit den Texten zum Buch) ++ 12,5 x 22 cm, 408 S. Erschienen im Juni 2012.

Herrschaft ... Richtwert 3 Euro

Der Überblick: Formen, Wirkung, Wege zur Herrschaftsfreiheit. Einführung in die theoretischen Grundlagen von Herrschaft und Herrschaftskritik. Angefangen mit einer Definition über die Frage, warum Herrschaft eigentlich abzulehnen ist, bis zu den Thesen über Herrschaftsfreiheit und den Weg dorthin. Entwickelt aus zahlreichen Workshops, Seminare und den Theoriewochen zur Herrschaftskritik.
   Ab 3 St.: 2,50 €, ab 10 St.: 2 €. Quadratisch 15x15cm, 64 S. ISBN 978-3-86747-058-2

Autonomie und Kooperation ... Richtwert 14 Euro

Grundlagen herrschaftsfreier Gesellschaft. Bausteine für eine solche Utopie werden in getrennten Kapiteln vorgestellt: Herrschaftsgrundlagen ++ Herrschaft erkennen ++ Wirtschaft(en) ohne Herrschaft ++ Alternativen zur Strafe ++ Horizontalität zwischen Menschen ++ Lernen von unten ++ Emanzipatorische Ökologie. A5, 196 Seiten. Extraseite zum Buch! ++ Bestellseite

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