Flugblatt bei der Anti-Religionsaktion (Weihnachten 2001 in Gießen)
Der
Redetext bei der Aktion:
Ich
bin nicht Jesus, ich bin das Leben.
Seit
2000 Jahren handelt Ihr in meinem Namen:
-
Ihr habt
mich verbrannt, zu Hunderttausenden, auf Scheiterhaufen, als Volksfeste.
„Hexe“ und „Ketzer“ habt Ihr mich genannt.
-
Ihr habt
weggeschaut, als ich vergast wurde. Ihr habt die Mörder gesegnet und
auch hier den geistigen Boden bereitet. Ihr habt die Verträge mit
den Nazis geschlossen. Und Ihr wart selbst die Mörder in der Konzentrationslagern.
-
Ihr zwingt
mich zur Ehe und zerstört meine Liebe zum gleichen Geschlecht. Erst
macht Ihr mich zur Frau, dann macht Ihr mich zur Mutter. Ihr macht mich
zum Mann und ich werde mächtig.
-
Ihr habt
mich getötet auf den Schlachtfeldern Eurer Kreuzzüge. Und Ihr
tötet mich weiter auf neuen Kreuzzügen: in den Weltkriegen, in
den Kolonien, im Kosovo, in Afghanistan – Ihr tötet mit Waffen, Ihr
tötet mit Geld.
Das
alles tut Ihr, Ihr Christen, in meinem Namen.
Aber
ich ... bin ... das Leben.
Der
Flugblatttext bei der Aktion:
Ich
bin nicht Jesus, ich bin das Leben.
Seit
2000 Jahren handelt Ihr in meinem Namen:
Ihr
habt mich verbrannt, zu Hunderttausenden, auf Scheiterhaufen, als Volksfeste.
„Hexe“ und „Ketzer“ habt Ihr mich genannt.
Menschen
wurden wegen ihres Wissens als „Hexen“ und „Ketzer“ gebrandmarkt, grausam
gefoltert, ertränkt oder verbrannt. Ihr Wissen stand der Allmacht
der Kirche im Weg, zum Beispiel untergruben die Erkenntnisse über
Verhütung die Legende der natürlichen Fruchtbarkeit von Frauen
und die Verteufelung der sexuellen Lust.
Ihr
habt weggeschaut, als ich vergast wurde. Ihr habt die Mörder gesegnet
und auch den geistigen Nährboden bereitet. Ihr habt die Verträge
mit den Nazis geschlossen. Und Ihr wart selbst die Mörder in den Konzentrationslagern.
Die
Kirchen haben von den Greueln der Nazis nicht nur gewußt, sie haben
verhandelt und Verträge geschlossen – die Kirche durfte bleiben, weil
sie dem Schweigen zustimmte. Die wenigen christlichen WiderständlerInnen,
die heute immer wieder genannt werden, waren Ausnahmen und vertuschen,
daß die Kirchen und Millionen ChristInnen in Deutschland und anderen
Ländern an der Vernichtung und Vertreibung mitgewirkt haben.
Und
sie haben immer wieder den geistigen Nährboden bereitet. So wie es
die Kolonialpolitik ohne brutale Missionierung in dieser Form nicht gegeben
hätte, ist auch der Antisemitismus nicht ohne christliche Diskussionen
und Instiutionen denkbar.
"Wie
es unmöglich ist, daß die Aglaster ihr Hüpfen und Getzen
läßt, die Schlange ihr Stechen: so wenig läßt der
Jüde von seinem Sinn, Christen umzubringen, wo er nur kann."
(Tischreden. Erlanger Ausgabe der Werke Luthers, Bd. 62, S. 375)
„Darumb
wisse Du, lieber Christ, und Zweifel nichts dran, daß Du, nähest
nach dem Teufel, keinen bittern, giftigern, heftigern Feind habest, denn
einen rechten Jüden, der mit Ernst ein Jüde sein will.“ (Luther:
Handbuch der Judenfrage, S. 182)
„Wenn
ein Dieb zehn Gülden stiehlet, so muß er henken; raubet er auf
der Straßen, so ist der Kopf verloren. Aber ein Jüde, wenn er
zehn Tunne Goldes stiehlet und raubet durch seinen Wucher, so ist er lieber
denn Gott selbs.“ (Luther: Von den Jüden und ihren Lügen. Erlanger
Ausg. Bd. 32. S. 244)
"Summa,
ein Jude steckt so voll Abgötterei und Zauberei als neun Kühe
Haare haben, das ist unzählig und unendlich, wie der Teufel, ihr Gott,
voller Lügen ist." (dito, S. 300)
„Ich
will meinen treuen Rat geben.
Erstlich,
daß man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke, und was nicht
verbrennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, daß
kein Mensch einen Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich..
Zum
andern, daß man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre.
Denn sie treiben eben dasselbige darin, was sie in ihren Schulen treiben
...“ (S. 233-238)
"Denn
es gibt viele Schwätzer, Ungehorsame und Schwindler... die aus dem
Judentum kommen. Diese Menschen muß man zum Schweigen bringen...es
sind abscheuliche und unbelehrbare Menschen, die zu nichts Gutem taugen."
(Paulusbrief an Titus 1, Verse 10-16)
Ihr
zwingt mich zur Ehe und zerstört meine Liebe zum gleichen Geschlecht.
Erst macht Ihr mich zur Frau, dann macht Ihr mich zur Mutter. Ihr macht
mich zum Mann und ich werde mächtig.
Daß
fast alle Menschen sich als Mann und Frau empfinden und zu einer Ehe zwischen
genau einer Frau und einem Mann streben, kommt nicht von selbst. Es ist
die Folge von Erziehung, von Gesetzen, Geld, Medien und Moral. Christliche
Moral predigt die Ehe zwischen Mann und Frau als Ziel einer Partnerschaft.
Doch tatsächlich wären viele Formen des Lebens möglich:
Eine bunte Gesellschaft selbstbestimmter Menschen. Offene Beziehungen,
kollektives Leben und Homosexualität werden ausgegrenzt, zu Krankheit
oder Verwirrung definiert.
Wer
als Mann auf die Welt kommt, wird auch als Mann erzogen und füllt
jene Positionen und Rollen aus, von denen Macht ausgeübt wird – ob
er will oder nicht. Die patriarchalen Strukturen in Kirchen sind ein deutliches
Beispiel. Frauen haben keine oder keine gleichen Entfaltungschancen – selbst
dann nicht, wenn sie sich „männlich“ verhalten, d.h. Macht auszuüben
bereit sind. Von Männern wird das erwartet – sie sind Pastor, Ehemann,
Kollege, Vorgesetzter, Parteifunktionär oder Führer eines „zivilisierten“
(d.h. meist christlichen) Landes.
Ihr
hat mich getötet auf den Schlachtfeldern Eurer Kreuzzüge. Und
Ihr tötet auf den Schlachtfeldern bis heute: in den Weltkriegen, in
den Kolonien, im Kosovo, in Afghanistan – Ihr tötet mit Waffen, Ihr
tötet mit Geld.
Zwischen
1096 und 1291 fanden auf Betreiben der Päpste sieben Kreuzzüge
ins „Heilige Land“ Palästina statt, die nach Schätzung des Schriftstellers
Hans Wollschläger („Die bewaffneten Wallfahrten nach Jerusalem“) insgesamt
22 Millionen Menschen das Leben kosteten. Bei der Eroberung Jerusalems
(1099) wurden etwa 70 000 Juden und Muslime im Blutrausch umgebracht -
die gesamte Einwohnerschaft der Stadt. Die noch vor Blut triefenden Ritter
gingen anschließend „vor Freude weinend ... hin, um das Grab unseres
Erlösers zu verehren, und entledigten sich ihm gegenüber ihrer
Dankesschuld“ - so ein Augenzeuge („Die Kreuzzüge in Augenzeugenberichten“,
dtv-Taschenbuch, 1971, S.101).
Die
Kolonialpolitik, die blutige Unterwerfung vieler Länder und Menschen
in Afrika, Asien, Mittel- und Südamerika sowie Ozeanien trägt
die Handschrift des Christentums – die Missionierung war das zentrale Mittel
der Umerziehung und der Legitimierung von Unterdrückung, Folter und
Mord. Noch heute koppeln viele Kirchen ihre Hilfsangebote an den christlichen
Glauben.
Weltkriege
und alle weiteren Kriege wurden durch die Kirche unterstützt, öffentlich,
mit Militärseelsorge und kirchlichen Sozialdiensten. Das Gerede vom
Frieden auf Erden und das Handeln für den Krieg sind immerwährende
Kennzeichnen vieler christlicher Organisationen, Parteien und der meisten
Menschen christlichen Glaubens. Auch im Kosovo und jetzt in Afghanistan
ist die Kirche im Krieg, sitzen ChristInnen und die christliche Moral in
Panzern, Bombern und hinter Maschinengewehren.
Millionen
Tote sind Folge von Vertreibung und Ausbeutung. Die Herrschaft des freien
Marktes statt Selbstorganisation und Kooperation hat Hunger, Armut, Kriege
und Flucht oft erst geschaffen und verstärkt.
Das
alles tut Ihr in meinem Namen. Aber ich bin ... das Leben.
Was
ist „gut“ und „böse“? Seit 2000 Jahren wird weltweit aufgeteilt in
„entwickelt“ und „unterentwickelt“, in „zivilisiert“ und „unzivilisiert“,
„modern“ und „rückständig“.
„Führungsländer“
dominieren vieles, getarnt als „Wertegemeinschaften“. Die Teilung in „gut“
und „böse“ soll verdecken, daß es um Macht, Geld und die Durchsetzung
von Leitkulturen geht. Das Leben, die Möglichkeit aller Menschen,
sich frei zu entfalten, ist nirgends das Ziel des Handelns. Nicht in den
Regierungen, nicht in den Kirchen, nicht im Kleinen.
Christentum
ist Macht, Ausbeutung, eine Blutspur von vielen Millionen Menschen.
Wie lange noch kann es sich tarnen als „humanitär“, „zivilisiert“
oder eben ... „christlich“?
|
Zu
den Finanzen von Kirchen:
DER
SPIEGEL 49/2001 - 03. Dezember 2001
URL:
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,171699,00.html
Kirche
- Diskret wie Schweizer Banken
Die
Kirchen klagen über rückläufige Steuereinnahmen und leere
Kassen. Doch ein Wissenschaftler hat errechnet: Die Christen-Institutionen
sind die reichsten Unternehmer der Republik. Drei Jahre lang recherchierte
der Hamburger Politologe Carsten Frerk penibel Zahl um Zahl. Er las Haushaltspläne
und Bilanzen, befragte Finanzräte und Stiftungsaufseher, durchforstete
Rechenschaftsberichte und Staatskirchenverträge. Dann rechnete er
zusammen - und kam auf eine stattliche Summe. Die beiden großen Kirchen
in Deutschland, so sein Fazit, verfügen über ein Gesamtvermögen
von fast einer Billion Mark.
Das
Unterfangen des 56-jährigen Wissenschaftlers war höchst beschwerlich.
Denn wenn es um ihr Geld geht, sind die beiden Kirchen so verschwiegen
wie Schweizer Banken. Zwar sickert hin und wieder mal eine Zahl über
kirchliche Latifundien, Weinberge, Brauereien, City-Immobilien oder Forste
und Gutshöfe durch, doch einen Überblick hat niemand. Die Kirchenoberen
achten streng darauf, dass nicht allzu viel publik wird.
Die
Haushaltspläne der evangelischen Landeskirchen etwa enthalten in der
Regel Sperrvermerke zu Haushalts- und Vermögensfragen. Angaben
über Stiftungen, Sondervermögen und Immobilien werden nicht veröffentlicht.
Sogar die katholische Bischofskonferenz klagt über „die Zurückhaltung
ihrer Bistümer“, die „äußerst ungern pekuniäre Auskünfte
erteilen“. Der Grundbesitz beider Kirchen wurde zuletzt 1937 in einer offiziellen
Reichs-Statistik erfasst. Aktuelle Zahlen gibt es nicht.
Frerks
Zahlen, die er Mitte Dezember veröffentlicht, dürften denn auch
für Aufregung sorgen: Der Autor stellt erstmals detailliert Vermögenswerte,
Geldanlagen und Immobilien von Landeskirchen und Diözesen, karitativen
Stiftungen und anderen ebenso frommen wie lukrativen Werken vor*.
Carsten
Frerk: „Finanzen und Vermögen der Kirchen in Deutschland“.
Alibri
Verlag, Aschaffenburg; 436 Seiten; 48 Mark / 24 EURO
ISBN
3-932710-39-8
Das
gesamte Kirchenvermögen (Geld, Aktien, Beteiligungen, Grund und Immobilien)
beziffert Frerk auf 981 Milliarden Mark - damit sind die Kirchen die reichsten
Unternehmer der Republik.
Allerdings
verteilt sich der Reichtum sehr unterschiedlich auf eine Vielzahl kirchlicher
Rechtsträger - von der Dorfgemeinde bis zu den Hilfswerken Misereor
(katholisch) und Brot für die Welt (evangelisch).
Von
der knappen Kirchen-Billion ist indes nur ein Teil sofort verfügbar.
Immobilien-
und Grundbesitz im Wert von 298 Milliarden, so Frerk, seien ebenso problemlos
kapitalisierbar wie 170 Milliarden Mark Geldvermögen. Historische
Kirchenbauten dagegen haben, da unverkäuflich, nur theoretischen Wert.
Auch
der aber ist beträchtlich: Würde die Kirche den Kölner Dom
etwa als Museum einer öffentlichen Stiftung übereignen, könnte
sie mit einer Ausgleichszahlung von 500 Millionen rechnen. Beide
Kirchen, so hat der Autor errechnet, besitzen alles in allem 6,8 Milliarden
Quadratmeter Grund und Boden - etwa dreimal so viel wie Bremen, Hamburg,
Berlin und München zusammen. Allein auf evangelischem Boden
stehen 75 062 Gebäude. Mal auf Filetgrundstücken in der City,
mal am Dorfanger. Die Katholiken vermochten keine Zahl zu nennen.
Das
Gemeindehaus der Hamburger St.- Petri-Kirche etwa ist ein siebenstöckiger
Bürobaunahe der Haupteinkaufsstraße, Schätzwert 20 Millionen,
vermietet an einen Radiosender und an Firmen. In Berlin-Mitte gehörten
Grund und Boden sowie das Gebäude des Dorint-Hotels am Gendarmenmarkt
einem Immobilienfonds der EKD. In Hildesheim verfügt die katholische
Kirche über 16 City-Grundstücke. Den Wert aller kirchlichen Gebäude
und Grundstücke beziffert Frerk auf 424 Milliarden Mark.
Ihre
Ausgaben für Personal, Seelsorge und gute Taten decken die Kirchen
jedoch kaum aus Vermögen, sondern vor allem aus laufenden Einnahmen.
Allein 17 Milliarden kommen jährlich durch die zwangsweise von den
Mitgliedern erhobene Kirchensteuer herein - rund 9 Milliarden bei den Katholiken,
etwa 8 bei den Evangelischen. Weitere 19,1 Milliarden beziehen sie aus
staatlichen Quellen, zum Teil als Zuschüsse, zum Teil als Ausgleich
für die Zwangsenteignung von Kirchengut mit dem Reichsdeputationshauptschluss
von 1803.
Mit
öffentlichen Geldern werden unter anderem extra bezahlt oder subventioniert:
Militär-,
Anstalts- und Polizeiseelsorge, Kirchentage, Denkmalpflege, Religionsunterricht,
kirchliche Kindertagesstätten, Kirchen-Bibliotheken und Konfessionsschulen.
In zahlreichen Bundesländern werden zudem Bischöfe und Pfarrer
wie Beamte vom Staat besoldet. Der Staat verzichtet außerdem auf
20 Milliarden Einnahmen, indem er den Kirchen steuerliche Privilegien einräumt.
Zudem kostet die Abzugsfähigkeit der Kirchensteuer mittlerweile rund
6,8 Milliarden pro Jahr.
Einen
Großteil ihres Geldes deponieren die frommen Geldhüter auf zwölf
kirchlichen Banken - etwa der katholischen Kölner Pax-Bank oder der
Evangelischen Darlehnsgenossenschaft Kiel. Frerk taxiert die Einlagen kirchlicher
Organisationen bei den religiösen Geldinstituten auf insgesamt 42
Milliarden Mark. Trotz der permanten Klage der kirchlichen Finanzverwalter
über sinkende Steuereinnahmen und harsche Sparmaßnahmen ist
diese Summe in den letzten Jahren gestiegen. 1997 waren es noch 7,5 Milliarden
weniger. Dabei fehlt in den Bilanzen der Kirchenbanken ein wichtiger
Posten: die Kirchen-Depots mit Aktien und Investmentpapieren. Mit
diesen „unsichtbaren Depots“, so Frerk, steige die Summe der Anlagegelder
- auf rund 50 Milliarden Mark. Die Kirchen-Banken sind zudem nur eine Größe
im Finanzspiel der Christen. Nach Frerks Einschätzung existieren bei
„weltlichen“ Geldhäusern etwa dreimal so viel Kirchenkonten wiebei
Pax und Co. Die gesamten kirchlichen Geldeinlagen setzt er auf derzeit
170 Milliarden Mark an. Eigene Baufirmen, Versicherungen und Siedlungsunternehmen
werfen ebenso Millionengewinne ab wie Kolping-Hotels und CVJM-Herbergen
oder kirchliche Reiseunternehmen. Auf zwei Milliarden Umsatz wird allein
das Volumen kirchlicher Gruppenreisen in Deutschland geschätzt.
Auf
die Vermögenslage angesprochen, dementierte der Ratsvorsitzende der
EKD, Präses Manfred Kock: „Unser Vermögen wird überschätzt.
Wir verfügen nur über die uns gesetzlich zustehenden Rücklagen,
die für drei Monate reichen.“
Beide
Kirchen haben zuletzt für 1993 immerhin 5,1 Milliarden Mark Einnahmen
aus Vermögen zugegeben, was bei einer Verzinsung von fünf Prozent
102 Milliarden Mark Vermögensbesitz ergäbe. Dabei fehlten noch
die Wohlfahrtsverbände sowie die Hilfs- und Missionswerke. Auf
diese Werke ist Frerk nicht gut zu sprechen. Sie schmücken sich seiner
Ansicht nach mit fremden Federn:
Misereor
etwa finanziert sich zu 49 Prozent aus Steuergeldern, zu 41 Prozent aus
Spenden, nur 8 Prozent kommen aus diözesanen Mitteln. Warum Misereor
als „Bischöfliches Hilfswerk“ firmiert, fragt Frerkangesichts der
Zahlen, „bleibt unerklärlich“.
Untersucht
hat der Autor auch einzelne Landeskirchen und Diözesen, etwa das Erzbistum
Köln. Der Sprengel mit seinen 2,3 Millionen Katholiken gilt gemeinhin
als reichstes deutsches Bistum. Doch das stimmt nicht ganz: Reich
ist nicht das Erzbistum, sondern lediglich der „Erzbischöfliche Stuhl
zu Köln“, ein Titel, der an den jeweiligen amtierenden Oberhirten
gebunden ist. Rechtlich bedeutet das: Vermögen und Einnahmen
müssen nicht im Diözesanhaushalt ausgewiesen werden, da
die „Bischöflichen Stühle“ ihre Etats quasi privat verwalten.
Über
das Generalvikariat besitzt der Kölner Bischofsstuhl, in Person: Kardinal
Joachim Meisner, 67, zum Beispiel rund 40 Prozent des Grundkapitals der
„Aachener Siedlungs- und WohnungsgesellschaftmbH“, der 22 000 Einheiten
im Rheinischen gehören. Geschätzter Marktwert des bischöflichen
Anteils: 1,9 Milliarden Mark. Vom Jahresgewinn 1998 gingen 3,7 Millionen
in die erzbischöfliche Kasse. Ein Kapitel für sich sind die Medien-Beteiligungen
der Kirchen. So gehört die lukrative Augsburger Weltbild-Gruppe, die
in ihrem Buchversand auch allerhand esoterische Titel vertreibt, 15 Bistümern.
An der Tellux Beteiligungsgesellschaft sind 8 Oberhirten als Mehrheitsgesellschafter
beteiligt. Die TV-Firmaproduziert kirchenfreundliche Streifen wie „Glut
unter der Asche“ oder „Nikolaikirche“, aber auch Krimis wie „Der Discokiller“
aus der Serie „Polizeiruf 110“.
Bei
seinen Nachfragen zum kirchlichen Medien-Engagement stieß Frerk auf
eine Mauer des Schweigens. Immerhin fand er heraus: Der Umsatz in Verlagen
beträgt mindestens 1,5 Milliarden, in der kirchlichen Filmbranche
68 Millionen Mark.
Den
vermutlich größten Kirchenschatz vermochte der Hamburger Wissenschaftler
indes nicht einmal annähernd zu erheben - jene Kleinodien wie Kelche,
Monstranzen und Reliquiare, die in kirchlichen Museen und Tresoren lagern
oder zu sehen sind. Aus ihnen, glaubt Frerk, ist so wenig Kapital zu schlagen
die aus dem Dom zu Speyer. Deshalb hat er sie unter der Rubrik „Kunst,
Sakrales und Unverkäufliches“ zusammengefasst.
PETER
WENSIERSKI
|
Das
blutige Erbe der Bibel
Es ist
kein Wunder, dass eine Kirche, die in der Bibel ihr Grundgesetz sieht,
in der Vergangenheit zur größten Verbrecherorganisation der
Geschichte wurde und Millionen Tote auf dem Gewissen hat. Alles war in
ihrer Bibel, zu der sie sich bis heute ein- schränkungslos bekennt
als gottgewollt vorgezeichnet: blutige Kreuzzüge, Massenmord an Andersgläubigen,
Hexenverbrennungen, grausamste Foltermethoden und die Versklavung bzw.
Ausrottung ganzer Volks- stämme. Vielfach berief man sich dabei ausdrücklich
auf die Bibel - so schon der „heilige“ Ambrosius, der die Vernichtung der
Goten forderte, weil sie dem arianischen Glauben anhingen, und sie mit
dem bib- lischen Volk Gog verglich, das Jahwe den Raubvögeln zum Fraß
gibt; oder der „heilige“ Augustinus, der unter Berufung auf die Bibel zur
Gewalt gegen die Manichäer aufrief und die Zerstörung fremder
Kultstätten forderte; oder Martin Luther, der unterständiger
Berufung auf die Bibel, vor allem auf Mose, dazu aufrief, jüdische
Synagogen in Brand zu setzen und Bauern zu ermorden. Die biblische
Kriegsmystik erfaßte auch Bischöfe des 20. Jahrhunderts: so
feierte der katholische Alttesta- mentler Kardinal Faulhaber im 1. Weltkrieg
den deutschen Frankreichfeldzug als „Triumph der sittlichen Weltordnung
gegenüber einer gottesfeindlichen Staats- idee“, während der
evangelische Landesbischof Hans Meiser im 2. Weltkrieg Gott pries, weil
„unsere Heere auf den Schlachtfeldern Flanderns einen Sieg errungen haben,
wie er ähnlich in der Geschichte der Völker nicht gefunden wird.“
Das
ganze Ausmaß der auf die Bibel gestützten Ver- brechensgeschichte
der Kirche wurde jüngst in einer Dokumentation der Initiative Ein
Mahnmal für die Millionen Opfer der Kirche zusammengestellt, die wir
nachfolgend auszugsweise wiedergeben:
Die
Inquisition
Als
trotz beständiger Verfolgungen Andersgläubiger die Bewegungen
der Katharer und Waldenser vor allem in Südfrankreich, aber auch in
Italien und Deutschland immer mehr Zulauf erhielten, organisierte die Kirche
im ausgehenden 12. Jahrhundert die bürokratisierte und totalitäre
Gehirnwäsche in Form der Inquisition. Die In- quisition (lat.“Befragung“)
war nach Aussage des Spiegel (1.6.98) „Vorläufer von Gestapo, KGB
und Stasi.“ Sie forderte in Europa zwischen dem 13. und dem 18. Jahr- hundert
mindestens eine Million, nach anderen Schätzungen zehn Millionen Menschenleben
(Der Spiegel, 1.6.98). Auf einen verbrannten „Ketzer“ (von griech. katharoi,
die Reinen) kam etwa die zehn- fache Zahl an Menschen, die zu langjährigen
Kerker- strafen oder zu wiederholten schweren Demütigungen verurteilt
wurden: Tragen von Brandmalen oder Ab- zeichen, regelmäßige
Geißelungen oder beschwerliche Wallfahrten. Wer einmal in die Mühlen
der Inquisition geriet, hatte keine Chance. Er wurde durch eine oft langjährige
Haft in finsteren Verließen gefügig ge- macht, durch Folter
gequält und zu einem „Geständnis“ gezwungen. Sein Vermögen
wurde beschlagnahmt und fiel zum großen Teil an die Kirche; seine
Angehörigen standen meist mittellos auf der Straße, niemand
traute sich, ihnen zu helfen.
Die
Inquisition begann mit dem „Ketzerkreuzzug“ (1209-1229) gegen die Katharer
in Südfrankreich. Diese wurden in den folgenden Jahrzehnten
vollstän- dig ausgerottet.
Kreuzzüge
Zwischen
1096 und 1291 fanden auf Betreiben der Päpste sieben Kreuzzüge
ins „Heilige Land“ Palästina statt, die nach Schätzung des Schriftstellers
Hans Woll- schläger („Die bewaffneten Wallfahrten nach Jerusa- lem“)
insgesamt 22 Millionen Menschen das Leben kosteten. Bei der Eroberung Jerusalems
(1099) wurden etwa 70 000 Juden und Muslime im Blutrausch umge- bracht
- die gesamte Einwohnerschaft der Stadt. Die noch vor Blut triefenden Ritter
gingen anschließend „vor Freude weinend ... hin, um das Grab unseres
Er- lösers zu verehren, und entledigten sich ihm gegen- über
ihrer Dankesschuld“ - so ein Augenzeuge („Die Kreuzzüge in Augenzeugenberichten“,
dtv-Taschenbuch, 1971, S.101).
Ermordung
von Juden
Die
ersten Opfer des ersten Kreuzzuges waren 1096 die Juden im Rheinland, die
zu Tausenden von fanati- sierten „Pilgern“ erschlagen wurden. Ein Mönch
hatte sie dazu aufgeheizt.
1298
wurden beim sogenannten „Rindfleisch-Pogrom“ in Franken 4000 bis 5000 Juden
umgebracht - 700 in Nürnberg, 841 in Würzburg usw. 1348-1350
wurden im gesamten deutschsprachigen Raum etwa 300 jüdische Gemeinden
vollständig ausgelöscht. Die Juden wurden für die Pest oder
andere Ereignisse verant- wortlich gemacht.
Den
Boden bereitet hatte die jahrhundertelange Ver- leumdung und rechtliche
Diskriminierung der Juden (z.B. Tragen des „Judenflecks“ auf der Kleidung)
auf Betreiben der Kirche.
Ermordung
von „Heiden“
Wie
die „Heiden“ des Mittelmeerraumes wurden auch im Mittelalter die noch nicht
christianisierten germanischen und slawischen Stämme erbarmungslos
bekriegt und zur Taufe gezwungen. Von den Schlächtereien an den Sachsen
durch Karl „den Großen“ im 9. Jahrhundert zieht sich eine wenig bekannte
Blutspur durch die deutsche Geschichte bis hin zum Wenden-Kreuzzug (!)
1147. Alle diese Kriege, Metzeleien und gezielten Ver- wüstungen ganzer
Landstriche erfolgten immer unter dem Vorwand, die „Heiden“ zu bekehren.
Zahlreiche Bischöfe riefen dazu auf oder beteiligten sich selbst mit
ihren Truppen. Die Gefangenen wurden meist vor die Wahl gestellt, sich
taufen zu lassen oder zu sterben. Ebenso verfuhr der Deutsche Ritterorden
in Ostpreußen. Erhellendes zu diesem verdrängten Thema
findet sich in der Kriminalgeschichte des Christentums von Karl- heinz
Deschner in den Bänden 4 (S.457 ff), 5 (S.46 ff, 146 ff, 305 ff, 350
ff, 450 ff, 563 ff) und 6 (u.a. S.457 ff).
Eroberung
Amerikas
In
den ersten 50 Jahren nach der Entdeckung Ameri- kas durch die katholischen
Spanier waren bereits eine Million Indianer im karibischen Raum zugrunde
ge- gangen - ermordet, durch Zwangsarbeit zu Tode ge- schunden oder an
Infektionen gestorben. Nach 150 Jahren waren in ganz Amerika 100 Millionen
Men- schen gestorben - über 90 Prozent der Bevölkerung (Südwestpresse,
2.5.92). Der katholische Theologe Leonardo Boff nennt die Eroberung Amerikas
den „größten Völkermord aller Zeiten“ (Publik-Forum, 31.5.91).
Die Spanier behandelten die Indianer schlimmer als Tiere und massakrierten
sie auf grau- samste Weise. Sie erhängten „zur Ehre der Apostel und
Jesu Christi“, wie sie sagten, jeweils 13 Indianer über einem Feuer,
so dass sie gleichzeitig erstickten und verbrannten. Sie trieben die Indianer
in Fall- gruben mit spitzen Pfählen, verstümmelten sie oder warfen
ihre Kinder lebendig den Hunden vor. Der Kazike Hatuay wurde vor seiner
Verbrennung ge- fragt, ob er sich taufen lassen wolle, um wenigstens in
den Himmel zu kommen. Er fragte zurück, ob denn auch Christen in den
Himmel kämen. Dies wurde bejaht. „Sogleich und ohne weiteres Bedenken
erwiderte der Kazike, dort wolle er nicht hin, son- dern lieber in die
Hölle, damit er nur dergleichen grausame Leute nicht mehr sehen, noch
da sich aufhalten dürfe, wo sie zugegen wären. „(taz, 21.2.87)
Sklavenhandel
Die
Kirche kämpfte schon in der Antike energisch für die Beibehaltung
der Sklaverei. Kein Wunder: Sie hielt selbst Sklaven, deren Freilassung
verboten wurde. Uneheliche Kinder (z.B. die von Priestern und Findel-
kinder) wurden zu Kirchensklaven gemacht. Der französische Nationalheilige
Martin von Tours hielt z.B. 20 000 Sklaven. (Deschner, Kriminalgeschichte
des Christentums, Bd.3, S.524)
Auch
als nach der Entdeckung Amerikas bis zum 19. Jahrhundert 13 Millionen Afrikaner
versklavt und in den neuen Kontinent gebracht wurden, erhob die Kirche
nicht ihre Stimme dagegen. Im Gegenteil:
Papst
Nikolaus V. legitimierte in seiner Bulle „Divino amore communiti“ vom 18.
Juni 1452 die Sklaverei, indem er den portugiesischen König ermächtigte,
die Länder der Ungläubigen „zu erobern, ihre Bewohner zu vertreiben,
zu unterjochen und in ewige Knecht- schaft zu zwingen.“ Auch Kolumbus hatte
keine Skru- pel, da „Heiden ohnehin zu ewiger Verdammnis ver- urteilt seien“.
In Sevilla stand anfangs sogar der Bischof Rodriguez de Fonsca selbst als
Auftraggeber hinter dem Sklavenverkauf der Indianer. (Friedhelm v. Othegraven
in „Litanei des Weißen Mannes“,S.102) Der Kirchenstaat schaffte als
einer der letzten euro- päischen Staaten erst 1838 die Sklaverei offiziell
ab.
Hexenverfolgung
Der
Leitfaden für die systematische Verfolgung und Er- mordung von „Hexen“
war das Buch „Der Hexen- hammer“, herausgegeben 1488 von zwei deutschen
Dominikanermönchen - mit päpstlicher Druckerlaubnis. Der
Vatikan sicherte den Wahnsinn noch zusätzlich durch eine päpstliche
Bulle ab. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts starben durch den Hexenwahn
in Europa überwiegend Frauen (Main-Echo, 12.3.99), Deschner veranschlagt
die „Opfer des kirchlichen Hexenwahns“ auf neun Millionen (Deschner, Abermals
krähte der Hahn, S.347). Viele, darunter auch Kinder, starben auf
dem Boden des heutigen Deutschland. Auch hier verfolgten beide Konfessionen
gleichermaßen die angeblichen Hexen, für die es nach „peinlicher
Be- fragung“ unter schrecklichen Folterqualen kein Ent- rinnen gab. Erst
die Aufklärung machte den Ver- brechen ein Ende.
Massenmord
in Kroatien
Noch
im 20. Jahrhundert erreicht die Blutspur der Kirche einen schaurigen Höhepunkt:
Im „katholischen Kroatien“ werden zwischen 1941 und 1943 etwa eine Dreiviertel-
million orthodoxe Serben umgebracht, zum Teil zuvor noch zum katholischen
Glauben zwangsbekehrt. An den Massakern beteiligten sich an maßgeblicher
Stelle katholische Geistliche, vor allem Franziskaner. Der Vati- kan ist
über alles unterrichtet, behandelt das blutige Re- gime aber mit spürbarem
Wohlwollen. Die katholische Hierarchie, allen voran Militärvikar und
Erzbischof Stepinac (1998 vom Papst seliggesprochen), stützt das faschistische
Regime bis zuletzt moralisch ab. (Vgl. hier- zu Deschner, „Ein Jahrhundert
Heilsgeschichte“, Band 2, S.210 ff sowie Vladimir Dedijer, „Jasenovac -
das jugos- lawische Auschwitz und der Vatikan“, 1988)
Völkermord
in Ruanda
In
Ruanda wurden binnen 100 Tagen 800 000 Menschen umgebracht. Die Katholische
Kirche, der 70 % der Ruander angehören, hätte als einzige die
Autorität ge- habt, das Blutbad zu stoppen. Doch „die meisten ihrer
Priester und Nonnen hatten 1994 bei dem Blutbad teil- nahmslos zugesehen
oder gar den Mördern geholfen.“ (Spiegel 1/2000) Am 14. April begann
das Massaker von Kibeho, zunächst an den 15 000 Flüchtlingen,
die im Kirchen-Areal Schutz suchten. Es dauerte zwei Tage, bis alle zu
Tode gehackt, verstümmelt, erschlagen, er- schossen oder zum Teil
lebendig verbrannt waren. Zeugen beschuldigten Priester und Nonnen
der Katho- lischen Kirche, den Völkermord an den Tutsi unterstützt
zu haben. „Zwischen dem 7. April und dem 4. Juli wurden in 160 Kirchen
Tutsi niedergemetzelt, die in die vermeintlich sicheren Sanktuarien geflohen
waren.“ Heute leben die Beschuldigten „hinter Klostermauern in Belgien,
leiten Ordenshäuser in Frankreich, studieren Theologie an päpstlichen
Universitäten oder predigen Nächstenliebe und Vergebung in italienischen
Kirchen.“ Mit Bischof Misago, so der Spiegel ((1/2000) „steht gleichsam
Ruandas Katholische Kirche unter Anklage.“ „Die ruandischen Bischöfe
sagten, noch nachdem das Schlachten längst begonnen hatte, der Hutu-Regierung
ihre Zusammenarbeit zu und forderten die Bevölkerung auf, deren Anordnungen
zu befolgen ...“ Zwei J ahre nach dem Genozid plage eine Gruppe ruandischer
Priester das Gewissen. „Doch die Teilnehmer des Dis- kussionskreises wurden
strafversetzt; den Initiatoren drohte der Vatikan gar mit dem Kirchenausschluss.“
Erst zwei Kirchenfunktionäre sind inzwischen von Ge- richten in Ruanda
verurteilt worden. „Über diejenigen, die fliehen konnten, halten Vatikan
und Kirchenfürsten ihre schützenden Hände.“ Pfarrer Uwayezu
wird von einem überlebenden Schüler beschuldigt, seine Klasse
an die Milizen verraten zu haben, die sie allesamt zu Tode hackte. Der
einzige überlebende Schüler, der verletzt aus einer Grube entkam,
beschuldigt Bischof Misago und Uwayezu der Mitschuld. Bischof Misago selber
besorgte Uwayezu ein Fluchtauto, mit dem er entkam. Nun arbeitet Uwayezu
unter dem Schutz der Kirche in Italien. (alle Zitate aus Spiegel 1/2000
„Mit Weihrauch und Machete“)
Hintergrund:
Unter der belgischen Kolonialherrschaft hatte die Kirche zunächst
die herrschenden Tutsis unterstützt und dadurch den Gegensatz zwischen
Tutsis und Hutus mit verstärkt. Als sich zu Beginn der Unab- hängigkeit
ein Sieg der Hutu-Mehrheit abzeichnete, begannen viele katholische Geistliche,
diese zu unter- stützen und deren Gewalt zu billigen. Angesichts
eines solchen Sündenregisters wirkt das mea culpa des Papstes, mit
dem er im Frühjahr dieses Jahres so großes Aufsehen erregte,
eher peinlich. Unter der vielversprechenden, aber zugleich doppeldeutigen
Überschrift „Bekenntnis der Schuld im Dienste der Wahrheit“ lautet
das Schuldeingeständnis: „In manchen Zeiten der Geschichte haben die
Christen bisweilen Methoden der Intoleranz zugelassen.“ Diese ungeheuer-
liche Verharmlosung verschlägt einem den Atem. Was der Papst „bisweilen“
nennt, dauerte bekanntlich vom 11. bis zum 18. Jahrhundert und führte
zur systema- tischen Ausrottung von Millionen von Menschen. Dies alles
wurde nicht von ungenannten Christen „zugelassen“, sondern von den Vorgängern
des Papstes Johannes Paul und des jetzigen Großinquisitors Kardinal
Ratzinger angeordnet und durchgeführt - mit Hilfe v on Zehntau- senden
irregeleiteter Gläubigen der Kirche, die mit Ver- dammnisdrohungen
und Ablaßversprechungen gefügig gemacht wurden.
Eine
Gruppe, die sich Freie Christen für den Christus der Bergpredigt nennt,
schrieb dem Papst zu diesem Thema einen offenen Brief, in dem es u.a. heißt:
Wie
will die Kirche bei Gott Vergebung für ihre Blutspur erlangen und
glaubwürdig dartun, dass sich derartiges nicht wiederholt, wenn Ihr
Schuldbekenntnis die Taten gar nicht eingesteht und die Verantwortung dafür
anderen zuschiebt? Von jedem Ihrer Gläubigen verlangen Sie im Beichtstuhl
ein ehrliches Bekenntnis unter Angabe seiner konkreten Sünden. Eine
Beichte, die so ausfiele wie Ihr Schuldbekenntnis, wäre nach kirchlicher
Lehre schlicht ungültig. Das Wort „töten“, das in der Kirchengeschichte
lange Zeit das Wort „lieben“ ersetzte, kommt in Ihrer Beichte überhaupt
nicht vor, son- dern wird nur im Zusammenhang mit der Tötung unge-
borenen Lebens erwähnt, einem Bereich, der für Sie ungefährlich
ist. Die Toten der Kreuzzüge, die Opfer der Inquisition, die verbrannten
„Hexen“ und die er- mordeten Katharer, Waldenser, Hussiten und Täufer
erwähnen Sie mit keinem Wort.
Da
war Ihre Kirche früher schon weiter, als beispiels- weise Ihr Vorgänger
Hadrian VI. 1523 eingestand, dass „auch bei diesem Heiligen Stuhl schon
seit man- chen Jahren viel Verabscheuungswürdiges vorge- kommen“ sei:
Er jedenfalls hat die Verfehlungen der Kirche nicht auf deren „Söhne
und Töchter“ abge- schoben. Haben Ihnen womöglich Ihre Kurienkardi-
näle ein ehrliches Bekenntnis, zu dem Sie in früheren Ansprachen
ansetzten, nicht mehr erlaubt? Wo bleibt Ihr Bekenntnis zur Versklavung
der schwarzen Brüder und Schwestern, von der Sie 1985 bereits sprachen,
und das Bekenntnis zu den Verbrechen gegenüber den indianischen Ureinwohnern,
die Sie 1992 erwähnten? Anstatt einzugestehen, dass im Auftrag der
Kirche von kirchlichen Missionaren unter den Eingeborenen Blutbäder
„zur höheren Ehre Gottes“ angerichtet wurden, sprechen Sie kühl
von der „Logik der Gewalt“, der „die Christen nachge- geben hätten
- selbstverständlich „im Dienste der Wahrheit“. Bei einer ordentlichen
Beichte würde man bekennen: „Wir haben Indianer getötet, wir
haben Schwarze versklavt, wir haben die Kolonien ge- plündert, wir
haben Ketzer und Hexen verbrannt und insgesamt Millionen von Menschen auf
grau- same Weise ermordet.“
Geradezu
gefährlich ist Ihr Ausweichen in der Juden- frage: Sie sind „zutiefst
betrübt über das Verhalten aller, die im Lauf der Geschichte“
die Juden „leiden ließen“. In diesem Punkt scheinen Sie die Schuld
der Kirche vollends zu verdrängen, obwohl sie es doch war, die von
den „Gottesmördern“ sprach und auf diese Weise die Juden jahrhundertelang
stigmatisierte, so dass Adolf Hitler nach eigenem Bekunden nur mehr vollzog,
was die Kirche geistig vorbereitet hatte. Wer garantiert den Juden
und anderen der Kirche mißliebigen Religionen, dass sie vor weiteren
Ver- folgungen durch die Kirche wirklich sicher sind, wenn die Kirche so
wenig Einsicht in ihre moralische Mitverantwortung am Holocaust zeigt und
statt dessen geradezu dreist von einer „heidnischen Ideo- logie“ spricht?
Zu
einer gültigen Beichte gehört nach katholischer Lehre nicht nur
die ehrliche Reue und der gute Vorsatz, die alten Sünden nicht erneut
zu tun, sondern auch die Wiedergutmachung. In dem von Ihnen herausgege-
benen Katechismus der Katholischen Kirche heißt es in Ziff 1459:
„Viele Sünden fügen dem Nächsten Schaden zu. Man muß
diesen, soweit möglich, wiedergutmachen (z.B. Gestohlenes zurückgeben,
den Ruf dessen, den man verleumdet hat, wiederherstellen, für Beleidigun-
gen Genugtuung leisten). Allein schon die Gerechtigkeit verlangt dies.“
Wann gibt die Kirche ihr Diebesgut zu- rück, das ihren unglaublichen
Reichtum begründete: Die Vermögen der Ketzer, das Geld der „Hexen“,
die Schätze der beraubten Indianerstämme, die Ländereien,
die sie sich durch nachgewiesene Urkundenfälschungen er- schlichen
hat? Wann räumt die Kirche ihre Schatz- kammern, um einen weltweiten
Entschädigungsfonds zu bilden - für die Nachkommen der von ihr
„missio- nierten“ Schwarzen und Indianer, für die Opfer der Judenverfolgung
und auch für die Folteropfer moderner Diktatoren, die nicht zuletzt
deshalb möglich wurden, weil die Kirche als moralische Autorität
des Abendlandes der Welt jahrhundertelang auf grausamste Weise vor- exerziert
hat, wie man mit religiösen, rassischen und politischen Minderheiten
verfährt.
Wann
befreit sich die Kirche von ihren eigenen Lehren der Gewalttätigkeit,
z.B. von einem „heiligen“ Augustinus, der die Folter als „Kur für
die Seele“ pries, von einem „heiligen Bernhard von Clairvaux, der die Katharer
ins Feuer trieb oder von einem „heiligen“ Thomas von Aquin, der die Häretiker
dem staatlichen Henker empfahl? Will sie im Ernst einen Mann wie Pius XII.
heilig sprechen, der Hitlers Rußlandkrieg befürwortete und zum
Holocaust schwieg?
Und
wie seht es mit den in den Tod und die „ewige Ver- dammnis“ geschickten
Millionen Ketzern im Jenseits aus? Nachdem sie in Ihrem „mea culpa“
mit keinem Wort er- wähnt werden, bleibt ihr geistiges Schicksal ungewiß:
Wird
die Kirche diese „armen Seelen“ vom Bannfluch befreien und dafür nun
ihre kirchlichen Peiniger ver- fluchen?
Wenn
der Papst am Ende seines Pontifikats so halb- herzig auf die Verbrechen
seiner Institution reagiert, drängt sich eine Rückblende auf
den Beginn seiner Amtsperiode auf. Als er auf seiner ersten Auslandsreise,
die ihn nach Lateinamerika führte, auf der Insel Haiti gelandet war
und den Boden geküßt hatte, richtete er sich auf und schwärmte
von den ersten Glaubensboten, die nach der Entdeckung des Kontinents hierher
ge- kommen seien. Er sprach von der „Zeit des Heils für diesen Kontinent
zu Gottes Ruhm und Ehre“ und pries die Kirche als die „erste Instanz, die
sich für die Ge- rechtigkeit einsetzte“.
Die
Glaubensboten, die Johannes Paul als seine Vor- boten lobten, waren am
Ende des 15. Jahrhunderts erschienen. Ihr Wirken war von dem spanischen
Dominikaner und späteren Bischof Bartholomae de las Casas beschrieben
worden: „Die Christen drangen unter das Volk, schonten weder Kind noch
Greis, weder Schwangere noch Entbundene, rissen ihnen die Leiber auf und
hieben alles in Stücke, nicht anders, als über- fielen sie eine
Herde Schafe.“ Johannes Paul würdigte das Werk der Missionare „mit
Bewunderung und Dank- barkeit“ und pries ihr Verdienst, dass sie Christus
den Erlöser verkündeten und die Würde der Eingeborenen verteidigten,
für ihr unantastbares Recht eintraten, um „das Reich Gottes... bei
euren Vorfahren präsent zu machen“ - wie er dem am Flughafen erschienenen
Empfangskomitee versicherte. Der Augenzeuge des seinerzeitigen Geschehens,
Las Casas, berichtet dar- über: „Als die Indianer einige Christen
in gerechtem und heiligem Eifer erschlugen, machten die Christen das Gesetz,
dass allemal 100 Indianer umgebracht werden sollten, sooft ein Christ von
ihnen getötet wurde.“ Und, so berichtet Las Casas weiter: „Sie machten
auch breite Galgen, so dass die Füße fast die Erde berührten,
hingen zur Verherrlichung und Ehre des Erlösers und der 12 Apostel
je 13 und 13 Indianer an jeden derselben, legten dann Holz und Feuer da-
runter und verbrannten sie alle lebendig.“ Und was sagt Papst Johannes
Paul II. auf Haiti, wo sich all dies ereignete: „So war die Kirche auf
dieser Insel die erste Instanz, die sich für Gerechtigkeit einsetzte
und die Rechte der Menschen...“
Als
die katholischen Missionare Ende des 15. Jahr- hunderts auf Haiti ankamen,
war die Insel von einem hochstehenden Indianervolk besiedelt und hatte
etwa 1,1 Millionen Einwohner. Nach wenigen Jahren waren es nur noch 46.000,
wenig später nur noch 1000.
Was
sagte der Papst bei seiner Ankunftsrede in Haiti:
„Hier
wurde unter Schwierigkeiten und Opfern Schönes erreicht...“
Wenige
Flugstunden später küßte der Papst den Boden Mexikos. In
einer seiner Reden sagt er: „Seit dem Jahre 1492 die Verkündigung
der Frohen Botschaft in der neuen Welt begonnen hat, gelangte der Glaube
schon gut 20 Jahre später nach Mexiko.“ Wie dies geschah, beschreibt
Karlheinz Deschner: „Die romhörigen Katholiken erschlugen, erstachen,
erwürgten, ersäuften, verbrannten - alles im Namen Gottes und
der Jungfrau Maria. Sie verbrannten Könige, Häuptlinge und „Hexen“,
die gesamte altmexikanische Führungsschicht. Sie verbrannten ungezählte
Dörfer, Städte, unschätzbare Tempel, Götterbilder,
Kunstwerke, fast die ganze az- tekische Kultur. Der vom Papst in Mexiko
an der Spitze der „großen Gestalten von Verkündern der Frohen
Bot- schaft“ gewürdigte Franziskaner Juan de Zumarraga, Leiter des
ersten mexikanischen Erzbistums, tat sich im Schleifen der Kultstätten
besonders hervor. Bereits 1531 meldete er die Vernichtung von mehr als
500 Tempeln und 20.000 Götzenbildern...“
Und
was berichtet der Augenzeuge Las Casas über die römisch - katholischen
Gottesboten in Mexiko? „Sie achteten und schonten die Eingeborenen weit
weniger wie ihr Vieh, sondern sie achteten sie nicht höher, ja noch
weit geringer als den Kot auf den Straßen.“ Es muß zu wahren
Orgien der Grausamkeit gekommen sein, bei denen Männer und Frauen
durch Hunde zer- rissen wurden, Babys zerstückelt, Schwangere aufge-
spießt, Hände, Nasen, Lippen und Brüste abgeschnitten wurden
„mit Hilfe Gottes, der heiligen Jungfrau und des Apostels Santiago“, des
spanischen Nationalheiligen, dessen angebliches Grab in Santiago de Compostella,
seit dem Hochmittelalter eine abendländische Großwall- fahrtsstätte
war. (Karlheinz Deschner) Auf einer seiner Reisen besuchte der Papst auch
Brasilien und pries ganz besonders den „Apostel und Lehrmeister Brasiliens“
de Anchieta, als den „Missionar, der kam, Jesus zu verkünden...“ Die
blutbefleckte Vergangenheit der brasilianischen Mission war kein Thema
für Carol Wojtila. Der von ihm gepriesene Missionar hatte die Losung
ausgegeben: „Schwert und Eisenrute sind die besten Prediger.“ Der heutige
Papst s prach ihn selig. Der Kreis schließt sich. Das angebliche
mea culpa des Papstes ist kein ehrliches Schuldbekenntnis:
-
Er entschuldigt
sich nicht im Namen der Kirche, sondern schiebt die Schuld auf die Christen,
die „Söhne und Töchter“.
-
Er verharmlost
die begangenen Verbrechen; nach seinem eigenen Katechismus ist eine Beichte
voller Ausreden und Ausflüchte eine ungültige Beichte.
-
Er denkt
gar nicht an Wiedergutmachung - gegenüber den Nachkommen der Indianerstämme
in Lateinamerika, gegenüber den Opfern des Holocaust und ihren Nachkommen.
-
Er wendet
sich nicht von den sogenannten Heiligen ab, die zu Vorbildern der kirchlichen
Verbrechen wurden - nicht von einem Augustinus, der die Folter als Kur
für die Seele pries, nicht von einem Thomas von Aquin, der die Häretiker
dem staatlichen Henker empfahl und nicht von einem Pius XII., der Hitlers
Rußlandkrieg befürwortete und zum Holocaust schwieg. Im Gegenteil:
Er will ihn heilig sprechen.
-
Er kümmert
sich auch nicht um die Millionen Ketzer, die seine Kirche in die ewige
Verdammnis schickte; wird seine Kirche diese armen Seelen nun vom Bannfluch
befreien und dafür deren kirchliche Peiniger verfluchen?
-
Werden
den heilig gesprochenen Päpsten, die schwere Blutschuld auf sich luden,
ihre Heiligentitel wieder aber- kannt?
Nichts
von all dem: Die Kirche hat sich von ihrer Ideo- logie und ihrer Tradition
mit dieser Erklärung beileibe nicht getrennt. Sie ist eine Organisation,
deren weltliche und geistliche Macht historisch auf Mord und Totschlag,
auf Indoktrination und Drohung mit ewiger Verdamm- nis fußt; und
sie hat von all dem nicht freiwillig abge- lassen. Die Anerkennung der
Menschenrechte erfolgte nicht durch die Kirche, sondern gegen die Kirche.
Sie hat ihre Scheiterhaufen nicht freiwillig gelöscht. Wenn die politischen
Verhältnisse es ihr wieder erlauben, wird sie ihre Intoleranz erneut
gewalttätig durchsetzen, solange sie sich von ihrer alten Ideologie
nicht trennt. Sie hat deshalb, aufgrund ihrer Vergangenheit und ihres
heutigen Zustands, mit Jesus von Nazareth, dem Christus Gottes, auf den
sie sich berufen will, längst nichts mehr zu tun - seit 1 ½
Jahrtausenden nicht mehr, als diese Kirche zur Staatsreligion wurde und
alles mit Feuer und Schwert verfolgte, was sich ihr nicht unterwarf. Sie
mag sich katholisch nennen, aber bitte nicht christlich. Wer sich in die
Geschichte dieser Kirche vertieft und mit den Ausreden des angeblichen
Schuldbekenntnisses des Papstes konfrontiert wird, versteht einmal mehr,
warum in der Johannes-Offen- barung in Bezug auf die verweltlichte Kirche
von der Hure Babylon die Rede ist, die in Reichtum schwelgt und sich mit
den finsteren Figuren der Weltgeschichte verbündet, und weshalb es
in der Offenbarung heißt:
„Ziehet
aus von ihr, mein Volk, auf dass ihr nicht teil- haftig werdet ihrer Sünden.“
|
Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung
Geschrieben Ende 1843 - Januar 1844
http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_378.htm
Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx/ Friedrich Engels - Werke. (Karl)
Dietz Verlag, Berlin. Band 1. Berlin/DDR. 1976. S. 378-391.1,5. Korrektur
Erstellt am 30.08.1999
»Deutsch-Französische Jahrbücher«, Paris
1844
|378|Für Deutschland ist die Kritik der Religion im wesentlichen
beendigt, und die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik.
Die profane Existenz des Irrtums ist kompromittiert, nachdem seine himmlische
oratio pro aris et focis |Gebet für Altar und Haushalt| widerlegt
ist. Der Mensch, der in der phantastischen Wirklichkeit des Himmels, wo
er einen Übermenschen suchte, nur den Widerschein seiner selbst gefunden
hat, wird nicht mehr geneigt sein, nur den Schein seiner selbst, nur den
Unmenschen zu finden, wo er seine Wirklichkeit sucht und suchen muß.
Das Fundament der irreligiösen Kritik ist: Der Mensch macht die Religion,
die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewußtsein
und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch
nicht erworben oder schon wieder verloren hat. Aber der Mensch, das ist
kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das
ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät. Dieser Staat, diese Sozietät
produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewußtsein, weil sie
eine verkehrte Welt sind. Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser
Welt, ihr enzyklopädisches Kompendium, ihre Logik in populärer
Form, ihr spiritualistischer Point-d‘honneur |Ehrenpunkt|, ihr Enthusiasmus,
ihre moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner
Trost- und Rechtfertigungsgrund. Sie ist die phantastische Verwirklichung
des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit
besitzt. Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen
jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist.
Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes
und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion
ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen
Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das
Opium des Volkes.
|379|Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des
Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung,
die Illusionen über einen Zustand aufzugeben, ist die Forderung,
einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion
ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die
Religion ist.
Die Kritik hat die imaginären Blumen an der Kette zerpflückt,
nicht damit der Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage, sondern
damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume breche. Die Kritik
der Religion enttäuscht den Menschen, damit er denke, handle, seine
Wirklichkeit gestalte wie ein enttäuschter, zu Verstand gekommener
Mensch, damit er sich um sich selbst und damit um seine wirkliche Sonne
bewege. Die Religion ist nur die illusorische Sonne, die sich um den Menschen
bewegt, solange er sich nicht um sich selbst bewegt.
Es ist also die Aufgabe der Geschichte, nachdem das Jenseits der Wahrheit
verschwunden ist, die Wahrheit des Diesseits zu etablieren. Es ist zunächst
die Aufgabe der Philosophie, die im Dienste der Geschichte steht, nachdem
die Heiligengestalt der menschlichen Selbstentfremdung entlarvt ist, die
Selbstentfremdung in ihren unheiligen Gestalten zu entlarven. Die Kritik
des Himmels verwandelt sich damit in die Kritik der Erde, die Kritik der
Religion in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik
der Politik. |