Kirche und Religion

Siehe auch: Textsammlung bei Schwarze Katze +++ Bericht Anti-Kirchen-Aktion in Gießen 2001
Eingangsseite gegen Kirche und Religion +++ Martin Luther

Flugblatt bei der Anti-Religionsaktion (Weihnachten 2001 in Gießen)

Der Redetext bei der Aktion:
Ich bin nicht Jesus, ich bin das Leben.
Seit 2000 Jahren handelt Ihr in meinem Namen:

  • Ihr habt mich verbrannt, zu Hunderttausenden, auf Scheiterhaufen, als Volksfeste. „Hexe“ und „Ketzer“ habt Ihr mich genannt.
  • Ihr habt weggeschaut, als ich vergast wurde. Ihr habt die Mörder gesegnet und auch hier den geistigen Boden bereitet. Ihr habt die Verträge mit den Nazis geschlossen. Und Ihr wart selbst die Mörder in der Konzentrationslagern.
  • Ihr zwingt mich zur Ehe und zerstört meine Liebe zum gleichen Geschlecht. Erst macht Ihr mich zur Frau, dann macht Ihr mich zur Mutter. Ihr macht mich zum Mann und ich werde mächtig.
  • Ihr habt mich getötet auf den Schlachtfeldern Eurer Kreuzzüge. Und Ihr tötet mich weiter auf neuen Kreuzzügen: in den Weltkriegen, in den Kolonien, im Kosovo, in Afghanistan – Ihr tötet mit Waffen, Ihr tötet mit Geld.

Das alles tut Ihr, Ihr Christen, in meinem Namen.
Aber ich ... bin ... das Leben.

Der Flugblatttext bei der Aktion:
Ich bin nicht Jesus, ich bin das Leben.
Seit 2000 Jahren handelt Ihr in meinem Namen:

Ihr habt mich verbrannt, zu Hunderttausenden, auf Scheiterhaufen, als Volksfeste. „Hexe“ und „Ketzer“ habt Ihr mich genannt.
Menschen wurden wegen ihres Wissens als „Hexen“ und „Ketzer“ gebrandmarkt, grausam gefoltert, ertränkt oder verbrannt. Ihr Wissen stand der Allmacht der Kirche im Weg, zum Beispiel untergruben die Erkenntnisse über Verhütung die Legende der natürlichen Fruchtbarkeit von Frauen und die Verteufelung der sexuellen Lust.

Ihr habt weggeschaut, als ich vergast wurde. Ihr habt die Mörder gesegnet und auch den geistigen Nährboden bereitet. Ihr habt die Verträge mit den Nazis geschlossen. Und Ihr wart selbst die Mörder in den Konzentrationslagern.
Die Kirchen haben von den Greueln der Nazis nicht nur gewußt, sie haben verhandelt und Verträge geschlossen – die Kirche durfte bleiben, weil sie dem Schweigen zustimmte. Die wenigen christlichen WiderständlerInnen, die heute immer wieder genannt werden, waren Ausnahmen und vertuschen, daß die Kirchen und Millionen ChristInnen in Deutschland und anderen Ländern an der Vernichtung und Vertreibung mitgewirkt haben.
Und sie haben immer wieder den geistigen Nährboden bereitet. So wie es die Kolonialpolitik ohne brutale Missionierung in dieser Form nicht gegeben hätte, ist auch der Antisemitismus nicht ohne christliche Diskussionen und Instiutionen denkbar.
"Wie es unmöglich ist, daß die Aglaster ihr Hüpfen und Getzen läßt, die Schlange ihr Stechen: so wenig läßt der Jüde von seinem Sinn, Christen umzubringen, wo er nur kann."  (Tischreden. Erlanger Ausgabe der Werke Luthers, Bd. 62, S. 375)
„Darumb wisse Du, lieber Christ, und Zweifel nichts dran, daß Du, nähest nach dem Teufel, keinen bittern, giftigern, heftigern Feind habest, denn einen rechten Jüden, der mit Ernst ein Jüde sein will.“ (Luther: Handbuch der Judenfrage, S. 182)
„Wenn ein Dieb zehn Gülden stiehlet, so muß er henken; raubet er auf der Straßen, so ist der Kopf verloren. Aber ein Jüde, wenn er zehn Tunne Goldes stiehlet und raubet durch seinen Wucher, so ist er lieber denn Gott selbs.“ (Luther: Von den Jüden und ihren Lügen. Erlanger Ausg. Bd. 32. S. 244)
"Summa, ein Jude steckt so voll Abgötterei und Zauberei als neun Kühe Haare haben, das ist unzählig und unendlich, wie der Teufel, ihr Gott, voller Lügen ist."  (dito, S. 300)
„Ich will meinen treuen Rat geben.
Erstlich, daß man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke, und was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, daß kein Mensch einen Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich..
Zum andern, daß man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre. Denn sie treiben eben dasselbige darin, was sie in ihren Schulen treiben ...“ (S. 233-238)
"Denn es gibt viele Schwätzer, Ungehorsame und Schwindler... die aus dem Judentum kommen. Diese Menschen muß man zum Schweigen bringen...es sind abscheuliche und unbelehrbare Menschen, die zu nichts Gutem taugen." (Paulusbrief an Titus 1, Verse 10-16)

Ihr zwingt mich zur Ehe und zerstört meine Liebe zum gleichen Geschlecht. Erst macht Ihr mich zur Frau, dann macht Ihr mich zur Mutter. Ihr macht mich zum Mann und ich werde mächtig.
Daß fast alle Menschen sich als Mann und Frau empfinden und zu einer Ehe zwischen genau einer Frau und einem Mann streben, kommt nicht von selbst. Es ist die Folge von Erziehung, von Gesetzen, Geld, Medien und Moral. Christliche Moral predigt die Ehe zwischen Mann und Frau als Ziel einer Partnerschaft. Doch tatsächlich wären viele Formen des Lebens möglich: Eine bunte Gesellschaft selbstbestimmter Menschen. Offene Beziehungen, kollektives Leben und Homosexualität werden ausgegrenzt, zu Krankheit oder Verwirrung definiert.
Wer als Mann auf die Welt kommt, wird auch als Mann erzogen und füllt jene Positionen und Rollen aus, von denen Macht ausgeübt wird – ob er will oder nicht. Die patriarchalen Strukturen in Kirchen sind ein deutliches Beispiel. Frauen haben keine oder keine gleichen Entfaltungschancen – selbst dann nicht, wenn sie sich „männlich“ verhalten, d.h. Macht auszuüben bereit sind. Von Männern wird das erwartet – sie sind Pastor, Ehemann, Kollege, Vorgesetzter, Parteifunktionär oder Führer eines „zivilisierten“ (d.h. meist christlichen) Landes.

Ihr hat mich getötet auf den Schlachtfeldern Eurer Kreuzzüge. Und Ihr tötet auf den Schlachtfeldern bis heute: in den Weltkriegen, in den Kolonien, im Kosovo, in Afghanistan – Ihr tötet mit Waffen, Ihr tötet mit Geld.
Zwischen 1096 und 1291 fanden auf Betreiben der Päpste sieben Kreuzzüge ins „Heilige Land“ Palästina statt, die nach Schätzung des Schriftstellers Hans Wollschläger („Die bewaffneten Wallfahrten nach Jerusalem“) insgesamt 22 Millionen Menschen das Leben kosteten. Bei der Eroberung Jerusalems (1099) wurden etwa 70 000 Juden und Muslime im Blutrausch umgebracht - die gesamte Einwohnerschaft der Stadt. Die noch vor Blut triefenden Ritter gingen anschließend „vor Freude weinend ... hin, um das Grab unseres Erlösers zu verehren, und entledigten sich ihm gegenüber ihrer Dankesschuld“ - so ein Augenzeuge („Die Kreuzzüge in Augenzeugenberichten“, dtv-Taschenbuch, 1971, S.101).
Die Kolonialpolitik, die blutige Unterwerfung vieler Länder und Menschen in Afrika, Asien, Mittel- und Südamerika sowie Ozeanien trägt die Handschrift des Christentums – die Missionierung war das zentrale Mittel der Umerziehung und der Legitimierung von Unterdrückung, Folter und Mord. Noch heute koppeln viele Kirchen ihre Hilfsangebote an den christlichen Glauben.
Weltkriege und alle weiteren Kriege wurden durch die Kirche unterstützt, öffentlich, mit Militärseelsorge und kirchlichen Sozialdiensten. Das Gerede vom Frieden auf Erden und das Handeln für den Krieg sind immerwährende Kennzeichnen vieler christlicher Organisationen, Parteien und der meisten Menschen christlichen Glaubens. Auch im Kosovo und jetzt in Afghanistan ist die Kirche im Krieg, sitzen ChristInnen und die christliche Moral in Panzern, Bombern und hinter Maschinengewehren.
Millionen Tote sind Folge von Vertreibung und Ausbeutung. Die Herrschaft des freien Marktes statt Selbstorganisation und Kooperation hat Hunger, Armut, Kriege und Flucht oft erst geschaffen und verstärkt.

Das alles tut Ihr in meinem Namen. Aber ich bin ... das Leben.
Was ist „gut“ und „böse“? Seit 2000 Jahren wird weltweit aufgeteilt in „entwickelt“ und „unterentwickelt“, in „zivilisiert“ und „unzivilisiert“, „modern“ und „rückständig“.
„Führungsländer“ dominieren vieles, getarnt als „Wertegemeinschaften“. Die Teilung in „gut“ und „böse“ soll verdecken, daß es um Macht, Geld und die Durchsetzung von Leitkulturen geht. Das Leben, die Möglichkeit aller Menschen, sich frei zu entfalten, ist nirgends das Ziel des Handelns. Nicht in den Regierungen, nicht in den Kirchen, nicht im Kleinen.
Christentum ist Macht, Ausbeutung, eine Blutspur von  vielen Millionen Menschen. Wie lange noch kann es sich tarnen als „humanitär“, „zivilisiert“ oder eben ... „christlich“?

Zu den Finanzen von Kirchen:

DER SPIEGEL 49/2001 - 03. Dezember 2001
URL: http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,171699,00.html
Kirche - Diskret wie Schweizer Banken

Die Kirchen klagen über rückläufige Steuereinnahmen und leere Kassen.  Doch ein Wissenschaftler hat errechnet: Die Christen-Institutionen sind die reichsten Unternehmer der Republik.  Drei Jahre lang recherchierte der Hamburger Politologe Carsten Frerk penibel Zahl um Zahl. Er las Haushaltspläne und Bilanzen, befragte Finanzräte und Stiftungsaufseher, durchforstete Rechenschaftsberichte und Staatskirchenverträge. Dann rechnete er zusammen - und kam auf eine stattliche Summe. Die beiden großen Kirchen in Deutschland, so sein Fazit, verfügen über ein Gesamtvermögen von fast einer Billion Mark.
Das Unterfangen des 56-jährigen Wissenschaftlers war höchst beschwerlich.  Denn wenn es um ihr Geld geht, sind die beiden Kirchen so verschwiegen wie Schweizer Banken. Zwar sickert hin und wieder mal eine Zahl über kirchliche Latifundien, Weinberge, Brauereien, City-Immobilien oder Forste und Gutshöfe durch, doch einen Überblick hat niemand. Die Kirchenoberen achten streng darauf, dass nicht allzu viel publik wird.
Die Haushaltspläne der evangelischen Landeskirchen etwa enthalten in der Regel Sperrvermerke zu Haushalts- und Vermögensfragen.  Angaben über Stiftungen, Sondervermögen und Immobilien werden nicht veröffentlicht. Sogar die katholische Bischofskonferenz klagt über „die Zurückhaltung ihrer Bistümer“, die „äußerst ungern pekuniäre Auskünfte erteilen“. Der Grundbesitz beider Kirchen wurde zuletzt 1937 in einer offiziellen Reichs-Statistik erfasst.  Aktuelle Zahlen gibt es nicht.
Frerks Zahlen, die er Mitte Dezember veröffentlicht, dürften denn auch für Aufregung sorgen: Der Autor stellt erstmals detailliert Vermögenswerte, Geldanlagen und Immobilien von Landeskirchen und Diözesen, karitativen Stiftungen und anderen ebenso frommen wie lukrativen Werken vor*.
Carsten Frerk: „Finanzen und Vermögen der Kirchen in Deutschland“.
Alibri Verlag, Aschaffenburg; 436 Seiten; 48 Mark / 24 EURO
ISBN 3-932710-39-8

Das gesamte Kirchenvermögen (Geld, Aktien, Beteiligungen, Grund und Immobilien) beziffert Frerk auf 981 Milliarden Mark - damit sind die Kirchen die reichsten Unternehmer der Republik.
Allerdings verteilt sich der Reichtum sehr unterschiedlich auf eine Vielzahl kirchlicher Rechtsträger - von der Dorfgemeinde bis zu den Hilfswerken Misereor (katholisch) und Brot für die Welt (evangelisch).
Von der knappen Kirchen-Billion ist indes nur ein Teil sofort verfügbar.
Immobilien- und Grundbesitz im Wert von 298 Milliarden, so Frerk, seien ebenso problemlos kapitalisierbar wie 170 Milliarden Mark Geldvermögen. Historische Kirchenbauten dagegen haben, da unverkäuflich, nur theoretischen Wert.
Auch der aber ist beträchtlich: Würde die Kirche den Kölner Dom etwa als Museum einer öffentlichen Stiftung übereignen, könnte sie mit einer Ausgleichszahlung von 500 Millionen rechnen.  Beide Kirchen, so hat der Autor errechnet, besitzen alles in allem 6,8 Milliarden Quadratmeter Grund und Boden - etwa dreimal so viel wie Bremen, Hamburg, Berlin und München zusammen.  Allein auf evangelischem Boden stehen 75 062 Gebäude. Mal auf Filetgrundstücken in der City, mal am Dorfanger.  Die Katholiken vermochten keine Zahl zu nennen.
Das Gemeindehaus der Hamburger St.- Petri-Kirche etwa ist ein siebenstöckiger Bürobaunahe der Haupteinkaufsstraße, Schätzwert 20 Millionen, vermietet an einen Radiosender und an Firmen.  In Berlin-Mitte gehörten Grund und Boden sowie das Gebäude des Dorint-Hotels am Gendarmenmarkt einem Immobilienfonds der EKD. In Hildesheim verfügt die katholische Kirche über 16 City-Grundstücke. Den Wert aller kirchlichen Gebäude und Grundstücke beziffert Frerk auf 424 Milliarden Mark.
Ihre Ausgaben für Personal, Seelsorge und gute Taten decken die Kirchen jedoch kaum aus Vermögen, sondern vor allem aus laufenden Einnahmen. Allein 17 Milliarden kommen jährlich durch die zwangsweise von den Mitgliedern erhobene Kirchensteuer herein - rund 9 Milliarden bei den Katholiken, etwa 8 bei den Evangelischen. Weitere 19,1 Milliarden beziehen sie aus staatlichen Quellen, zum Teil als Zuschüsse, zum Teil als Ausgleich für die Zwangsenteignung von Kirchengut mit dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803.
Mit öffentlichen Geldern werden unter anderem extra bezahlt oder subventioniert:
Militär-, Anstalts- und Polizeiseelsorge, Kirchentage, Denkmalpflege, Religionsunterricht, kirchliche Kindertagesstätten, Kirchen-Bibliotheken und Konfessionsschulen. In zahlreichen Bundesländern werden zudem Bischöfe und Pfarrer wie Beamte vom Staat besoldet. Der Staat verzichtet außerdem auf 20 Milliarden Einnahmen, indem er den Kirchen steuerliche Privilegien einräumt. Zudem kostet die Abzugsfähigkeit der Kirchensteuer mittlerweile rund 6,8 Milliarden pro Jahr.
Einen Großteil ihres Geldes deponieren die frommen Geldhüter auf zwölf kirchlichen Banken - etwa der katholischen Kölner Pax-Bank oder der Evangelischen Darlehnsgenossenschaft Kiel. Frerk taxiert die Einlagen kirchlicher Organisationen bei den religiösen Geldinstituten auf insgesamt 42 Milliarden Mark. Trotz der permanten Klage der kirchlichen Finanzverwalter über sinkende Steuereinnahmen und harsche Sparmaßnahmen ist diese Summe in den letzten Jahren gestiegen. 1997 waren es noch 7,5 Milliarden weniger.  Dabei fehlt in den Bilanzen der Kirchenbanken ein wichtiger Posten: die Kirchen-Depots mit Aktien und Investmentpapieren.  Mit diesen „unsichtbaren Depots“, so Frerk, steige die Summe der Anlagegelder - auf rund 50 Milliarden Mark. Die Kirchen-Banken sind zudem nur eine Größe im Finanzspiel der Christen. Nach Frerks Einschätzung existieren bei „weltlichen“ Geldhäusern etwa dreimal so viel Kirchenkonten wiebei Pax und Co. Die gesamten kirchlichen Geldeinlagen setzt er auf derzeit 170 Milliarden Mark an.  Eigene Baufirmen, Versicherungen und Siedlungsunternehmen werfen ebenso Millionengewinne ab wie Kolping-Hotels und CVJM-Herbergen oder kirchliche Reiseunternehmen. Auf zwei Milliarden Umsatz wird allein das Volumen kirchlicher Gruppenreisen in Deutschland geschätzt.
Auf die Vermögenslage angesprochen, dementierte der Ratsvorsitzende der EKD, Präses Manfred Kock: „Unser Vermögen wird überschätzt.  Wir verfügen nur über die uns gesetzlich zustehenden Rücklagen, die für drei Monate reichen.“
Beide Kirchen haben zuletzt für 1993 immerhin 5,1 Milliarden Mark Einnahmen aus Vermögen zugegeben, was bei einer Verzinsung von fünf Prozent 102 Milliarden Mark Vermögensbesitz ergäbe. Dabei fehlten noch die Wohlfahrtsverbände sowie die Hilfs- und Missionswerke.  Auf diese Werke ist Frerk nicht gut zu sprechen. Sie schmücken sich seiner Ansicht nach mit fremden Federn:
Misereor etwa finanziert sich zu 49 Prozent aus Steuergeldern, zu 41 Prozent aus Spenden, nur 8 Prozent kommen aus diözesanen Mitteln. Warum Misereor als „Bischöfliches Hilfswerk“ firmiert, fragt Frerkangesichts der Zahlen, „bleibt unerklärlich“.
Untersucht hat der Autor auch einzelne Landeskirchen und Diözesen, etwa das Erzbistum Köln. Der Sprengel mit seinen 2,3 Millionen Katholiken gilt gemeinhin als reichstes deutsches Bistum.  Doch das stimmt nicht ganz: Reich ist nicht das Erzbistum, sondern lediglich der „Erzbischöfliche Stuhl zu Köln“, ein Titel, der an den jeweiligen amtierenden Oberhirten gebunden ist.  Rechtlich bedeutet das: Vermögen und Einnahmen müssen nicht im  Diözesanhaushalt ausgewiesen werden, da die „Bischöflichen Stühle“ ihre Etats quasi privat verwalten.
Über das Generalvikariat besitzt der Kölner Bischofsstuhl, in Person: Kardinal Joachim Meisner, 67, zum Beispiel rund 40 Prozent des Grundkapitals der „Aachener Siedlungs- und WohnungsgesellschaftmbH“, der 22 000 Einheiten im Rheinischen gehören. Geschätzter Marktwert des bischöflichen Anteils: 1,9 Milliarden Mark. Vom Jahresgewinn 1998 gingen 3,7 Millionen in die erzbischöfliche Kasse. Ein Kapitel für sich sind die Medien-Beteiligungen der Kirchen. So gehört die lukrative Augsburger Weltbild-Gruppe, die in ihrem Buchversand auch allerhand esoterische Titel vertreibt, 15 Bistümern. An der Tellux Beteiligungsgesellschaft sind 8 Oberhirten als  Mehrheitsgesellschafter beteiligt. Die TV-Firmaproduziert kirchenfreundliche Streifen wie „Glut unter der Asche“ oder „Nikolaikirche“, aber auch Krimis wie „Der Discokiller“ aus der Serie „Polizeiruf 110“.
Bei seinen Nachfragen zum kirchlichen Medien-Engagement stieß Frerk auf eine Mauer des Schweigens. Immerhin fand er heraus: Der Umsatz in Verlagen beträgt mindestens 1,5 Milliarden, in der kirchlichen Filmbranche 68 Millionen Mark.
Den vermutlich größten Kirchenschatz vermochte der Hamburger Wissenschaftler indes nicht einmal annähernd zu erheben - jene Kleinodien wie Kelche, Monstranzen und Reliquiare, die in kirchlichen Museen und Tresoren lagern oder zu sehen sind. Aus ihnen, glaubt Frerk, ist so wenig Kapital zu schlagen die aus dem Dom zu Speyer. Deshalb hat er sie unter der Rubrik „Kunst, Sakrales und Unverkäufliches“ zusammengefasst.
PETER WENSIERSKI

Das blutige Erbe der Bibel

Es ist kein Wunder, dass eine Kirche, die in der Bibel ihr Grundgesetz sieht, in der Vergangenheit zur größten Verbrecherorganisation der Geschichte wurde und Millionen Tote auf dem Gewissen hat. Alles war in ihrer Bibel, zu der sie sich bis heute ein- schränkungslos bekennt als gottgewollt vorgezeichnet: blutige Kreuzzüge, Massenmord an Andersgläubigen, Hexenverbrennungen, grausamste Foltermethoden und die Versklavung bzw. Ausrottung ganzer Volks- stämme. Vielfach berief man sich dabei ausdrücklich auf die Bibel - so schon der „heilige“ Ambrosius, der die Vernichtung der Goten forderte, weil sie dem arianischen Glauben anhingen, und sie mit dem bib- lischen Volk Gog verglich, das Jahwe den Raubvögeln zum Fraß gibt; oder der „heilige“ Augustinus, der unter Berufung auf die Bibel zur Gewalt gegen die Manichäer aufrief und die Zerstörung fremder Kultstätten forderte; oder Martin Luther, der unterständiger Berufung auf die Bibel, vor allem auf Mose, dazu aufrief, jüdische Synagogen in Brand zu setzen und Bauern zu ermorden.  Die biblische Kriegsmystik erfaßte auch Bischöfe des 20. Jahrhunderts: so feierte der katholische Alttesta- mentler Kardinal Faulhaber im 1. Weltkrieg den deutschen Frankreichfeldzug als „Triumph der sittlichen Weltordnung gegenüber einer gottesfeindlichen Staats- idee“, während der evangelische Landesbischof Hans Meiser im 2. Weltkrieg Gott pries, weil „unsere Heere auf den Schlachtfeldern Flanderns einen Sieg errungen haben, wie er ähnlich in der Geschichte der Völker nicht gefunden wird.“
Das ganze Ausmaß der auf die Bibel gestützten Ver- brechensgeschichte der Kirche wurde jüngst in einer Dokumentation der Initiative Ein Mahnmal für die Millionen Opfer der Kirche zusammengestellt, die wir nachfolgend auszugsweise wiedergeben:
Die Inquisition
Als trotz beständiger Verfolgungen Andersgläubiger die Bewegungen der Katharer und Waldenser vor allem in Südfrankreich, aber auch in Italien und Deutschland immer mehr Zulauf erhielten, organisierte die Kirche im ausgehenden 12. Jahrhundert die bürokratisierte und totalitäre Gehirnwäsche in Form der Inquisition. Die In- quisition (lat.“Befragung“) war nach Aussage des Spiegel (1.6.98) „Vorläufer von Gestapo, KGB und Stasi.“ Sie forderte in Europa zwischen dem 13. und dem 18. Jahr- hundert mindestens eine Million, nach anderen Schätzungen zehn Millionen Menschenleben (Der Spiegel, 1.6.98). Auf einen verbrannten „Ketzer“ (von griech. katharoi, die Reinen) kam etwa die zehn- fache Zahl an Menschen, die zu langjährigen Kerker- strafen oder zu wiederholten schweren Demütigungen verurteilt wurden: Tragen von Brandmalen oder Ab- zeichen, regelmäßige Geißelungen oder beschwerliche Wallfahrten. Wer einmal in die Mühlen der Inquisition geriet, hatte keine Chance. Er wurde durch eine oft langjährige Haft in finsteren Verließen gefügig ge- macht, durch Folter gequält und zu einem „Geständnis“ gezwungen. Sein Vermögen wurde beschlagnahmt und fiel zum großen Teil an die Kirche; seine Angehörigen standen meist mittellos auf der Straße, niemand traute sich, ihnen zu helfen.
Die Inquisition begann mit dem „Ketzerkreuzzug“ (1209-1229) gegen die Katharer in Südfrankreich.  Diese wurden in den folgenden Jahrzehnten vollstän- dig ausgerottet.
Kreuzzüge
Zwischen 1096 und 1291 fanden auf Betreiben der Päpste sieben Kreuzzüge ins „Heilige Land“ Palästina statt, die nach Schätzung des Schriftstellers Hans Woll- schläger („Die bewaffneten Wallfahrten nach Jerusa- lem“) insgesamt 22 Millionen Menschen das Leben kosteten. Bei der Eroberung Jerusalems (1099) wurden etwa 70 000 Juden und Muslime im Blutrausch umge- bracht - die gesamte Einwohnerschaft der Stadt. Die noch vor Blut triefenden Ritter gingen anschließend „vor Freude weinend ... hin, um das Grab unseres Er- lösers zu verehren, und entledigten sich ihm gegen- über ihrer Dankesschuld“ - so ein Augenzeuge („Die Kreuzzüge in Augenzeugenberichten“, dtv-Taschenbuch, 1971, S.101).

Ermordung von Juden
Die ersten Opfer des ersten Kreuzzuges waren 1096 die Juden im Rheinland, die zu Tausenden von fanati- sierten „Pilgern“ erschlagen wurden. Ein Mönch hatte sie dazu aufgeheizt.
1298 wurden beim sogenannten „Rindfleisch-Pogrom“ in Franken 4000 bis 5000 Juden umgebracht - 700 in Nürnberg, 841 in Würzburg usw. 1348-1350 wurden im gesamten deutschsprachigen Raum etwa 300 jüdische Gemeinden vollständig ausgelöscht. Die Juden wurden für die Pest oder andere Ereignisse verant- wortlich gemacht.
Den Boden bereitet hatte die jahrhundertelange Ver- leumdung und rechtliche Diskriminierung der Juden (z.B. Tragen des „Judenflecks“ auf der Kleidung) auf Betreiben der Kirche.
Ermordung von „Heiden“
Wie die „Heiden“ des Mittelmeerraumes wurden auch im Mittelalter die noch nicht christianisierten germanischen und slawischen Stämme erbarmungslos bekriegt und zur Taufe gezwungen. Von den Schlächtereien an den Sachsen durch Karl „den Großen“ im 9. Jahrhundert zieht sich eine wenig bekannte Blutspur durch die deutsche Geschichte bis hin zum Wenden-Kreuzzug (!) 1147. Alle diese Kriege, Metzeleien und gezielten Ver- wüstungen ganzer Landstriche erfolgten immer unter dem Vorwand, die „Heiden“ zu bekehren. Zahlreiche Bischöfe riefen dazu auf oder beteiligten sich selbst mit ihren Truppen. Die Gefangenen wurden meist vor die Wahl gestellt, sich taufen zu lassen oder zu sterben.  Ebenso verfuhr der Deutsche Ritterorden in Ostpreußen.  Erhellendes zu diesem verdrängten Thema findet sich in der Kriminalgeschichte des Christentums von Karl- heinz Deschner in den Bänden 4 (S.457 ff), 5 (S.46 ff, 146 ff, 305 ff, 350 ff, 450 ff, 563 ff) und 6 (u.a. S.457 ff).
Eroberung Amerikas
In den ersten 50 Jahren nach der Entdeckung Ameri- kas durch die katholischen Spanier waren bereits eine Million Indianer im karibischen Raum zugrunde ge- gangen - ermordet, durch Zwangsarbeit zu Tode ge- schunden oder an Infektionen gestorben. Nach 150 Jahren waren in ganz Amerika 100 Millionen Men- schen gestorben - über 90 Prozent der Bevölkerung (Südwestpresse, 2.5.92). Der katholische Theologe Leonardo Boff nennt die Eroberung Amerikas den „größten Völkermord aller Zeiten“ (Publik-Forum, 31.5.91). Die Spanier behandelten die Indianer schlimmer als Tiere und massakrierten sie auf grau- samste Weise. Sie erhängten „zur Ehre der Apostel und Jesu Christi“, wie sie sagten, jeweils 13 Indianer über einem Feuer, so dass sie gleichzeitig erstickten und verbrannten. Sie trieben die Indianer in Fall- gruben mit spitzen Pfählen, verstümmelten sie oder warfen ihre Kinder lebendig den Hunden vor. Der Kazike Hatuay wurde vor seiner Verbrennung ge- fragt, ob er sich taufen lassen wolle, um wenigstens in den Himmel zu kommen. Er fragte zurück, ob denn auch Christen in den Himmel kämen. Dies wurde bejaht. „Sogleich und ohne weiteres Bedenken erwiderte der Kazike, dort wolle er nicht hin, son- dern lieber in die Hölle, damit er nur dergleichen grausame Leute nicht mehr sehen, noch da sich aufhalten dürfe, wo sie zugegen wären. „(taz, 21.2.87)
Sklavenhandel
Die Kirche kämpfte schon in der Antike energisch für die Beibehaltung der Sklaverei. Kein Wunder: Sie hielt selbst Sklaven, deren Freilassung verboten wurde.  Uneheliche Kinder (z.B. die von Priestern und Findel- kinder) wurden zu Kirchensklaven gemacht. Der französische Nationalheilige Martin von Tours hielt z.B. 20 000 Sklaven. (Deschner, Kriminalgeschichte des Christentums, Bd.3, S.524)
Auch als nach der Entdeckung Amerikas bis zum 19. Jahrhundert 13 Millionen Afrikaner versklavt und in den neuen Kontinent gebracht wurden, erhob die Kirche nicht ihre Stimme dagegen. Im Gegenteil:
Papst Nikolaus V. legitimierte in seiner Bulle „Divino amore communiti“ vom 18. Juni 1452 die Sklaverei, indem er den portugiesischen König ermächtigte, die Länder der Ungläubigen „zu erobern, ihre Bewohner zu vertreiben, zu unterjochen und in ewige Knecht- schaft zu zwingen.“ Auch Kolumbus hatte keine Skru- pel, da „Heiden ohnehin zu ewiger Verdammnis ver- urteilt seien“. In Sevilla stand anfangs sogar der Bischof Rodriguez de Fonsca selbst als Auftraggeber hinter dem Sklavenverkauf der Indianer. (Friedhelm v. Othegraven in „Litanei des Weißen Mannes“,S.102) Der Kirchenstaat schaffte als einer der letzten euro- päischen Staaten erst 1838 die Sklaverei offiziell ab.
Hexenverfolgung
Der Leitfaden für die systematische Verfolgung und Er- mordung von „Hexen“ war das Buch „Der Hexen- hammer“, herausgegeben 1488 von zwei deutschen Dominikanermönchen - mit päpstlicher Druckerlaubnis.  Der Vatikan sicherte den Wahnsinn noch zusätzlich durch eine päpstliche Bulle ab. Bis zum Ende des 18.  Jahrhunderts starben durch den Hexenwahn in Europa überwiegend Frauen (Main-Echo, 12.3.99), Deschner veranschlagt die „Opfer des kirchlichen Hexenwahns“ auf neun Millionen (Deschner, Abermals krähte der Hahn, S.347). Viele, darunter auch Kinder, starben auf dem Boden des heutigen Deutschland. Auch hier verfolgten beide Konfessionen gleichermaßen die angeblichen Hexen, für die es nach „peinlicher Be- fragung“ unter schrecklichen Folterqualen kein Ent- rinnen gab. Erst die Aufklärung machte den Ver- brechen ein Ende.
Massenmord in Kroatien
Noch im 20. Jahrhundert erreicht die Blutspur der Kirche einen schaurigen Höhepunkt: Im „katholischen Kroatien“ werden zwischen 1941 und 1943 etwa eine Dreiviertel- million orthodoxe Serben umgebracht, zum Teil zuvor noch zum katholischen Glauben zwangsbekehrt.  An den Massakern beteiligten sich an maßgeblicher Stelle katholische Geistliche, vor allem Franziskaner. Der Vati- kan ist über alles unterrichtet, behandelt das blutige Re- gime aber mit spürbarem Wohlwollen. Die katholische Hierarchie, allen voran Militärvikar und Erzbischof Stepinac (1998 vom Papst seliggesprochen), stützt das faschistische Regime bis zuletzt moralisch ab. (Vgl. hier- zu Deschner, „Ein Jahrhundert Heilsgeschichte“, Band 2, S.210 ff sowie Vladimir Dedijer, „Jasenovac - das jugos- lawische Auschwitz und der Vatikan“, 1988)
Völkermord in Ruanda
In Ruanda wurden binnen 100 Tagen 800 000 Menschen umgebracht. Die Katholische Kirche, der 70 % der Ruander angehören, hätte als einzige die Autorität ge- habt, das Blutbad zu stoppen. Doch „die meisten ihrer Priester und Nonnen hatten 1994 bei dem Blutbad teil- nahmslos zugesehen oder gar den Mördern geholfen.“ (Spiegel 1/2000) Am 14. April begann das Massaker von Kibeho, zunächst an den 15 000 Flüchtlingen, die im Kirchen-Areal Schutz suchten. Es dauerte zwei Tage, bis alle zu Tode gehackt, verstümmelt, erschlagen, er- schossen oder zum Teil lebendig verbrannt waren.  Zeugen beschuldigten Priester und Nonnen der Katho- lischen Kirche, den Völkermord an den Tutsi unterstützt zu haben. „Zwischen dem 7. April und dem 4. Juli wurden in 160 Kirchen Tutsi niedergemetzelt, die in die vermeintlich sicheren Sanktuarien geflohen waren.“ Heute leben die Beschuldigten „hinter Klostermauern in Belgien, leiten Ordenshäuser in Frankreich, studieren Theologie an päpstlichen Universitäten oder predigen Nächstenliebe und Vergebung in italienischen Kirchen.“ Mit Bischof Misago, so der Spiegel ((1/2000) „steht gleichsam Ruandas Katholische Kirche unter Anklage.“ „Die ruandischen Bischöfe sagten, noch nachdem das Schlachten längst begonnen hatte, der Hutu-Regierung ihre Zusammenarbeit zu und forderten die Bevölkerung auf, deren Anordnungen zu befolgen ...“ Zwei J ahre nach dem Genozid plage eine Gruppe ruandischer Priester das Gewissen. „Doch die Teilnehmer des Dis- kussionskreises wurden strafversetzt; den Initiatoren drohte der Vatikan gar mit dem Kirchenausschluss.“ Erst zwei Kirchenfunktionäre sind inzwischen von Ge- richten in Ruanda verurteilt worden. „Über diejenigen, die fliehen konnten, halten Vatikan und Kirchenfürsten ihre schützenden Hände.“ Pfarrer Uwayezu wird von einem überlebenden Schüler beschuldigt, seine Klasse an die Milizen verraten zu haben, die sie allesamt zu Tode hackte. Der einzige überlebende Schüler, der verletzt aus einer Grube entkam, beschuldigt Bischof Misago und Uwayezu der Mitschuld. Bischof Misago selber besorgte Uwayezu ein Fluchtauto, mit dem er entkam. Nun arbeitet Uwayezu unter dem Schutz der Kirche in Italien. (alle Zitate aus Spiegel 1/2000 „Mit Weihrauch und Machete“)
Hintergrund: Unter der belgischen Kolonialherrschaft hatte die Kirche zunächst die herrschenden Tutsis unterstützt und dadurch den Gegensatz zwischen Tutsis und Hutus mit verstärkt. Als sich zu Beginn der Unab- hängigkeit ein Sieg der Hutu-Mehrheit abzeichnete, begannen viele katholische Geistliche, diese zu unter- stützen und deren Gewalt zu billigen.  Angesichts eines solchen Sündenregisters wirkt das mea culpa des Papstes, mit dem er im Frühjahr dieses Jahres so großes Aufsehen erregte, eher peinlich. Unter der vielversprechenden, aber zugleich doppeldeutigen Überschrift „Bekenntnis der Schuld im Dienste der Wahrheit“ lautet das Schuldeingeständnis: „In manchen Zeiten der Geschichte haben die Christen bisweilen Methoden der Intoleranz zugelassen.“ Diese ungeheuer- liche Verharmlosung verschlägt einem den Atem. Was der Papst „bisweilen“ nennt, dauerte bekanntlich vom 11. bis zum 18. Jahrhundert und führte zur systema- tischen Ausrottung von Millionen von Menschen. Dies alles wurde nicht von ungenannten Christen „zugelassen“, sondern von den Vorgängern des Papstes Johannes Paul und des jetzigen Großinquisitors Kardinal Ratzinger angeordnet und durchgeführt - mit Hilfe v on Zehntau- senden irregeleiteter Gläubigen der Kirche, die mit Ver- dammnisdrohungen und Ablaßversprechungen gefügig gemacht wurden.
Eine Gruppe, die sich Freie Christen für den Christus der Bergpredigt nennt, schrieb dem Papst zu diesem Thema einen offenen Brief, in dem es u.a. heißt:
Wie will die Kirche bei Gott Vergebung für ihre Blutspur erlangen und glaubwürdig dartun, dass sich derartiges nicht wiederholt, wenn Ihr Schuldbekenntnis die Taten gar nicht eingesteht und die Verantwortung dafür anderen zuschiebt? Von jedem Ihrer Gläubigen verlangen Sie im Beichtstuhl ein ehrliches Bekenntnis unter Angabe seiner konkreten Sünden. Eine Beichte, die so ausfiele wie Ihr Schuldbekenntnis, wäre nach kirchlicher Lehre schlicht ungültig. Das Wort „töten“, das in der Kirchengeschichte lange Zeit das Wort „lieben“ ersetzte, kommt in Ihrer Beichte überhaupt nicht vor, son- dern wird nur im Zusammenhang mit der Tötung unge- borenen Lebens erwähnt, einem Bereich, der für Sie ungefährlich ist. Die Toten der Kreuzzüge, die Opfer der Inquisition, die verbrannten „Hexen“ und die er- mordeten Katharer, Waldenser, Hussiten und Täufer erwähnen Sie mit keinem Wort.
Da war Ihre Kirche früher schon weiter, als beispiels- weise Ihr Vorgänger Hadrian VI. 1523 eingestand, dass „auch bei diesem Heiligen Stuhl schon seit man- chen Jahren viel Verabscheuungswürdiges vorge- kommen“ sei: Er jedenfalls hat die Verfehlungen der Kirche nicht auf deren „Söhne und Töchter“ abge- schoben. Haben Ihnen womöglich Ihre Kurienkardi- näle ein ehrliches Bekenntnis, zu dem Sie in früheren Ansprachen ansetzten, nicht mehr erlaubt? Wo bleibt Ihr Bekenntnis zur Versklavung der schwarzen Brüder und Schwestern, von der Sie 1985 bereits sprachen, und das Bekenntnis zu den Verbrechen gegenüber den indianischen Ureinwohnern, die Sie 1992 erwähnten? Anstatt einzugestehen, dass im Auftrag der Kirche von kirchlichen Missionaren unter den Eingeborenen Blutbäder „zur höheren Ehre Gottes“ angerichtet wurden, sprechen Sie kühl von der „Logik der Gewalt“, der „die Christen nachge- geben hätten - selbstverständlich „im Dienste der Wahrheit“. Bei einer ordentlichen Beichte würde man bekennen: „Wir haben Indianer getötet, wir haben Schwarze versklavt, wir haben die Kolonien ge- plündert, wir haben Ketzer und Hexen verbrannt und insgesamt Millionen von Menschen auf grau- same Weise ermordet.“
Geradezu gefährlich ist Ihr Ausweichen in der Juden- frage: Sie sind „zutiefst betrübt über das Verhalten aller, die im Lauf der Geschichte“ die Juden „leiden ließen“. In diesem Punkt scheinen Sie die Schuld der Kirche vollends zu verdrängen, obwohl sie es doch war, die von den „Gottesmördern“ sprach und auf diese Weise die Juden jahrhundertelang stigmatisierte, so dass Adolf Hitler nach eigenem Bekunden nur mehr vollzog, was die Kirche geistig vorbereitet hatte.  Wer garantiert den Juden und anderen der Kirche mißliebigen Religionen, dass sie vor weiteren Ver- folgungen durch die Kirche wirklich sicher sind, wenn die Kirche so wenig Einsicht in ihre moralische Mitverantwortung am Holocaust zeigt und statt dessen geradezu dreist von einer „heidnischen Ideo- logie“ spricht?
Zu einer gültigen Beichte gehört nach katholischer Lehre nicht nur die ehrliche Reue und der gute Vorsatz, die alten Sünden nicht erneut zu tun, sondern auch die Wiedergutmachung. In dem von Ihnen herausgege- benen Katechismus der Katholischen Kirche heißt es in Ziff 1459: „Viele Sünden fügen dem Nächsten Schaden zu. Man muß diesen, soweit möglich, wiedergutmachen (z.B. Gestohlenes zurückgeben, den Ruf dessen, den man verleumdet hat, wiederherstellen, für Beleidigun- gen Genugtuung leisten). Allein schon die Gerechtigkeit verlangt dies.“ Wann gibt die Kirche ihr Diebesgut zu- rück, das ihren unglaublichen Reichtum begründete: Die Vermögen der Ketzer, das Geld der „Hexen“, die Schätze der beraubten Indianerstämme, die Ländereien, die sie sich durch nachgewiesene Urkundenfälschungen er- schlichen hat? Wann räumt die Kirche ihre Schatz- kammern, um einen weltweiten Entschädigungsfonds zu bilden - für die Nachkommen der von ihr „missio- nierten“ Schwarzen und Indianer, für die Opfer der Judenverfolgung und auch für die Folteropfer moderner Diktatoren, die nicht zuletzt deshalb möglich wurden, weil die Kirche als moralische Autorität des Abendlandes der Welt jahrhundertelang auf grausamste Weise vor- exerziert hat, wie man mit religiösen, rassischen und politischen Minderheiten verfährt.
Wann befreit sich die Kirche von ihren eigenen Lehren der Gewalttätigkeit, z.B. von einem „heiligen“ Augustinus, der die Folter als „Kur für die Seele“ pries, von einem „heiligen Bernhard von Clairvaux, der die Katharer ins Feuer trieb oder von einem „heiligen“ Thomas von Aquin, der die Häretiker dem staatlichen Henker empfahl? Will sie im Ernst einen Mann wie Pius XII. heilig sprechen, der Hitlers Rußlandkrieg befürwortete und zum Holocaust schwieg?
Und wie seht es mit den in den Tod und die „ewige Ver- dammnis“ geschickten Millionen Ketzern im Jenseits aus?  Nachdem sie in Ihrem „mea culpa“ mit keinem Wort er- wähnt werden, bleibt ihr geistiges Schicksal ungewiß:
Wird die Kirche diese „armen Seelen“ vom Bannfluch befreien und dafür nun ihre kirchlichen Peiniger ver- fluchen?
Wenn der Papst am Ende seines Pontifikats so halb- herzig auf die Verbrechen seiner Institution reagiert, drängt sich eine Rückblende auf den Beginn seiner Amtsperiode auf. Als er auf seiner ersten Auslandsreise, die ihn nach Lateinamerika führte, auf der Insel Haiti gelandet war und den Boden geküßt hatte, richtete er sich auf und schwärmte von den ersten Glaubensboten, die nach der Entdeckung des Kontinents hierher ge- kommen seien. Er sprach von der „Zeit des Heils für diesen Kontinent zu Gottes Ruhm und Ehre“ und pries die Kirche als die „erste Instanz, die sich für die Ge- rechtigkeit einsetzte“.
Die Glaubensboten, die Johannes Paul als seine Vor- boten lobten, waren am Ende des 15. Jahrhunderts erschienen. Ihr Wirken war von dem spanischen Dominikaner und späteren Bischof Bartholomae de las Casas beschrieben worden: „Die Christen drangen unter das Volk, schonten weder Kind noch Greis, weder Schwangere noch Entbundene, rissen ihnen die Leiber auf und hieben alles in Stücke, nicht anders, als über- fielen sie eine Herde Schafe.“ Johannes Paul würdigte das Werk der Missionare „mit Bewunderung und Dank- barkeit“ und pries ihr Verdienst, dass sie Christus den Erlöser verkündeten und die Würde der Eingeborenen verteidigten, für ihr unantastbares Recht eintraten, um „das Reich Gottes... bei euren Vorfahren präsent zu machen“ - wie er dem am Flughafen erschienenen Empfangskomitee versicherte. Der Augenzeuge des seinerzeitigen Geschehens, Las Casas, berichtet dar- über: „Als die Indianer einige Christen in gerechtem und heiligem Eifer erschlugen, machten die Christen das Gesetz, dass allemal 100 Indianer umgebracht werden sollten, sooft ein Christ von ihnen getötet wurde.“ Und, so berichtet Las Casas weiter: „Sie machten auch breite Galgen, so dass die Füße fast die Erde berührten, hingen zur Verherrlichung und Ehre des Erlösers und der 12 Apostel je 13 und 13 Indianer an jeden derselben, legten dann Holz und Feuer da- runter und verbrannten sie alle lebendig.“ Und was sagt Papst Johannes Paul II. auf Haiti, wo sich all dies ereignete: „So war die Kirche auf dieser Insel die erste Instanz, die sich für Gerechtigkeit einsetzte und die Rechte der Menschen...“
Als die katholischen Missionare Ende des 15. Jahr- hunderts auf Haiti ankamen, war die Insel von einem hochstehenden Indianervolk besiedelt und hatte etwa 1,1 Millionen Einwohner. Nach wenigen Jahren waren es nur noch 46.000, wenig später nur noch 1000.
Was sagte der Papst bei seiner Ankunftsrede in Haiti:
„Hier wurde unter Schwierigkeiten und Opfern Schönes erreicht...“
Wenige Flugstunden später küßte der Papst den Boden Mexikos. In einer seiner Reden sagt er: „Seit dem Jahre 1492 die Verkündigung der Frohen Botschaft in der neuen Welt begonnen hat, gelangte der Glaube schon gut 20 Jahre später nach Mexiko.“ Wie dies geschah, beschreibt Karlheinz Deschner: „Die romhörigen Katholiken erschlugen, erstachen, erwürgten, ersäuften, verbrannten - alles im Namen Gottes und der Jungfrau Maria. Sie verbrannten Könige, Häuptlinge und „Hexen“, die gesamte altmexikanische Führungsschicht. Sie verbrannten ungezählte Dörfer, Städte, unschätzbare Tempel, Götterbilder, Kunstwerke, fast die ganze az- tekische Kultur. Der vom Papst in Mexiko an der Spitze der „großen Gestalten von Verkündern der Frohen Bot- schaft“ gewürdigte Franziskaner Juan de Zumarraga, Leiter des ersten mexikanischen Erzbistums, tat sich im Schleifen der Kultstätten besonders hervor. Bereits 1531 meldete er die Vernichtung von mehr als 500 Tempeln und 20.000 Götzenbildern...“
Und was berichtet der Augenzeuge Las Casas über die römisch - katholischen Gottesboten in Mexiko? „Sie achteten und schonten die Eingeborenen weit weniger wie ihr Vieh, sondern sie achteten sie nicht höher, ja noch weit geringer als den Kot auf den Straßen.“ Es muß zu wahren Orgien der Grausamkeit gekommen sein, bei denen Männer und Frauen durch Hunde zer- rissen wurden, Babys zerstückelt, Schwangere aufge- spießt, Hände, Nasen, Lippen und Brüste abgeschnitten wurden „mit Hilfe Gottes, der heiligen Jungfrau und des Apostels Santiago“, des spanischen Nationalheiligen, dessen angebliches Grab in Santiago de Compostella, seit dem Hochmittelalter eine abendländische Großwall- fahrtsstätte war. (Karlheinz Deschner) Auf einer seiner Reisen besuchte der Papst auch Brasilien und pries ganz besonders den „Apostel und Lehrmeister Brasiliens“ de Anchieta, als den „Missionar, der kam, Jesus zu verkünden...“ Die blutbefleckte Vergangenheit der brasilianischen Mission war kein Thema für Carol Wojtila. Der von ihm gepriesene Missionar hatte die Losung ausgegeben: „Schwert und Eisenrute sind die besten Prediger.“ Der heutige Papst s prach ihn selig.  Der Kreis schließt sich. Das angebliche mea culpa des Papstes ist kein ehrliches Schuldbekenntnis:

  • Er entschuldigt sich nicht im Namen der Kirche, sondern schiebt die Schuld auf die Christen, die „Söhne und Töchter“.
  • Er verharmlost die begangenen Verbrechen; nach seinem eigenen Katechismus ist eine Beichte voller Ausreden und Ausflüchte eine ungültige Beichte.
  • Er denkt gar nicht an Wiedergutmachung - gegenüber den Nachkommen der Indianerstämme in Lateinamerika, gegenüber den Opfern des Holocaust und ihren Nachkommen.
  • Er wendet sich nicht von den sogenannten Heiligen ab, die zu Vorbildern der kirchlichen Verbrechen wurden - nicht von einem Augustinus, der die Folter als Kur für die Seele pries, nicht von einem Thomas von Aquin, der die Häretiker dem staatlichen Henker empfahl und nicht von einem Pius XII., der Hitlers Rußlandkrieg befürwortete und zum Holocaust schwieg. Im Gegenteil: Er will ihn heilig sprechen.
  • Er kümmert sich auch nicht um die Millionen Ketzer, die seine Kirche in die ewige Verdammnis schickte; wird seine Kirche diese armen Seelen nun vom Bannfluch befreien und dafür deren kirchliche Peiniger verfluchen?
  • Werden den heilig gesprochenen Päpsten, die schwere Blutschuld auf sich luden, ihre Heiligentitel wieder aber- kannt?

Nichts von all dem: Die Kirche hat sich von ihrer Ideo- logie und ihrer Tradition mit dieser Erklärung beileibe nicht getrennt. Sie ist eine Organisation, deren weltliche und geistliche Macht historisch auf Mord und Totschlag, auf Indoktrination und Drohung mit ewiger Verdamm- nis fußt; und sie hat von all dem nicht freiwillig abge- lassen. Die Anerkennung der Menschenrechte erfolgte nicht durch die Kirche, sondern gegen die Kirche. Sie hat ihre Scheiterhaufen nicht freiwillig gelöscht. Wenn die politischen Verhältnisse es ihr wieder erlauben, wird sie ihre Intoleranz erneut gewalttätig durchsetzen, solange sie sich von ihrer alten Ideologie nicht trennt.  Sie hat deshalb, aufgrund ihrer Vergangenheit und ihres heutigen Zustands, mit Jesus von Nazareth, dem Christus Gottes, auf den sie sich berufen will, längst nichts mehr zu tun - seit 1 ½ Jahrtausenden nicht mehr, als diese Kirche zur Staatsreligion wurde und alles mit Feuer und Schwert verfolgte, was sich ihr nicht unterwarf. Sie mag sich katholisch nennen, aber bitte nicht christlich. Wer sich in die Geschichte dieser Kirche vertieft und mit den Ausreden des angeblichen Schuldbekenntnisses des Papstes konfrontiert wird, versteht einmal mehr, warum in der Johannes-Offen- barung in Bezug auf die verweltlichte Kirche von der Hure Babylon die Rede ist, die in Reichtum schwelgt und sich mit den finsteren Figuren der Weltgeschichte verbündet, und weshalb es in der Offenbarung heißt:
„Ziehet aus von ihr, mein Volk, auf dass ihr nicht teil- haftig werdet ihrer Sünden.“

Zitate zur „christlichen Kultur/Wertegemeinschaft“

Der New Yorker Terrorangriff der islamischen Fundamentalisten zielte auch auf das liberale Crede des Abendlandes. Doch Europäer und Amerikaner wollten sich von den „Gotteskriegern“ nicht einreden lassen, sie hätten bloß Wohlstand zu bieten: Ihre geistige Tradition ist es wert, verteidigt zu werden ...
(Überschrift im Spiegel, 52/01)

Weihnachten 2001 stehen die christlich-abendländischen Werte mehr auf dem Prüfstand denn je.
(Peter Porsch, PDS-Fraktionsvorsitzender in Sachsen, in seiner Presseerklärung zum Weihnachtsfest, zitiert nach Junge Welt, 27.12.2001, Seite 4)

Zitate zur Herrschaft Gottes

"Ich vermähle den Sklaven Gottes Konstantin mit der Sklavin Gottes Katharina ... Du hast von Anfang an das männliche und das weibliche Geschlecht erschaffen ... und dem Manne die Frau gegeben als Gehilfin und zur Erhaltung des menschlichen Geschlechts."
(Heiratsansprache bei Leo Tolstoi in "Anna Karenina")

Aus Pater Urban Rapp, „Weltkirche ist Missionskirche“ in: Eucharistischer Weltkongress München e.V. (1961), „Statio orbis“, Kösel Verlag München (S. 164)
„Aufbau eines neuen Afrika unter dem Kreuz“ ... Der Kampf um die Seele Afrikas zwischen Kirche, Kommunismus und Materalismus wird nicht mit einem Almosen entschieden. In dieser geistigen Auseinandersetzung geht es um das Reich Gottes oder um das Reich des Fürsten dieser Welt. Das im christlichen Abendland bekannte und gepflegte Missionsgebet kennt nur das Heidentum als den Widersacher der christlichen Lehre. Die Fronten haben sich verschoben, sie sind noch grundsätzlicher geworden und haben apokalyptischen Charakter.

Kirchlicher Rassismus

Scheinheiligkeit und rassistische Klischees im gleichen Text
Aus Pater Urban Rapp, „Weltkirche ist Missionskirche“ in: Eucharistischer Weltkongress München e.V. (1961), „Statio orbis“, Kösel Verlag München (S. 160, 164)
Kirche kennt keine Rassen und keine Grenzen. ...
„Der Afrikaner erlebt den Anruf und die Anziehung durch die katholische Kirche als etwas Angeborenes und Natürliches.“ „Er findet sich selbst ganz natürlich zu Hause im Mysterium, ja er ist gefangen und gleichsam gebannt von allem, was erhaben ist. Unser Glaube ist voll von Mysterien, und unsere Liturgie offenbart etwas Erhabenes.“ Als äthiopische Kleriker am Anfang und am Schluß der afrikanischen Missionsveranstaltung Kultgesänge und ﷓tänze vorführten, wurde auch und vielleicht gerade für Afrika die Bedeutung des Tanzes für die Liturgie deutlich.

Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung

Geschrieben Ende 1843 - Januar 1844
http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_378.htm
Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx/ Friedrich Engels - Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 1. Berlin/DDR. 1976. S. 378-391.1,5. Korrektur Erstellt am 30.08.1999

»Deutsch-Französische Jahrbücher«, Paris 1844
|378|Für Deutschland ist die Kritik der Religion im wesentlichen beendigt, und die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik.
Die profane Existenz des Irrtums ist kompromittiert, nachdem seine himmlische oratio pro aris et focis |Gebet für Altar und Haushalt| widerlegt ist. Der Mensch, der in der phantastischen Wirklichkeit des Himmels, wo er einen Übermenschen suchte, nur den Widerschein seiner selbst gefunden hat, wird nicht mehr geneigt sein, nur den Schein seiner selbst, nur den Unmenschen zu finden, wo er seine Wirklichkeit sucht und suchen muß.
Das Fundament der irreligiösen Kritik ist: Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewußtsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben oder schon wieder verloren hat. Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät. Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewußtsein, weil sie eine verkehrte Welt sind. Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt, ihr enzyklopädisches Kompendium, ihre Logik in populärer Form, ihr spiritualistischer Point-d‘honneur |Ehrenpunkt|, ihr Enthusiasmus, ihre moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund. Sie ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt. Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist.
Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend.  Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist.  Sie ist das Opium des Volkes.
|379|Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über einen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist.
Die Kritik hat die imaginären Blumen an der Kette zerpflückt, nicht damit der Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage, sondern damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume breche. Die Kritik der Religion enttäuscht den Menschen, damit er denke, handle, seine Wirklichkeit gestalte wie ein enttäuschter, zu Verstand gekommener Mensch, damit er sich um sich selbst und damit um seine wirkliche Sonne bewege. Die Religion ist nur die illusorische Sonne, die sich um den Menschen bewegt, solange er sich nicht um sich selbst bewegt.
Es ist also die Aufgabe der Geschichte, nachdem das Jenseits der Wahrheit verschwunden ist, die Wahrheit des Diesseits zu etablieren. Es ist zunächst die Aufgabe der Philosophie, die im Dienste der Geschichte steht, nachdem die Heiligengestalt der menschlichen Selbstentfremdung entlarvt ist, die Selbstentfremdung in ihren unheiligen Gestalten zu entlarven. Die Kritik des Himmels verwandelt sich damit in die Kritik der Erde, die Kritik der Religion in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik.

Links zur Kirche

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