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Macht und Herrschaft

Definitionen und Merkmale von Herrschaft ++ Formen ++ Ist Macht notwendig? ++ Wirkungen ++ Appelle an die Macht

Definitionen von Macht

Macht ist ...
"die Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichwohl worauf diese Chance beruht" (Max Weber)
"Unter Macht ist jede Inanspruchnahme oder Einräumung von Hoheitsbefugnissen zu verstehen, durch die die Menschen in regierende und regierte Gruppen getrennt werden."
(Erich Mühsam)
"Die Macht muß als etwas analysiert werden, das zirkuliert oder vielmehr als etwas, das nur in Art einer Kette funktioniert. Sie ist niemals hier oder dort lokalisiert, niemals in den Händen einiger weniger, sie wir niemals wie ein Gut oder wie Reichtum angeeignet. Die Macht funktioniert und wird ausgeübt über eine netzförmige Organisation. Und die Individuen zirkulieren nicht nur in ihren Maschen, sondern sie sind auch stets in einer Position, in der sie Macht ausüben; sie sind niemals die unbewegliche und bewußte Zielscheibe dieser Macht, sie sind stets die Verbindungselemente."
(Michel Foucault, Dispositive der Macht, Merve 1978)

Aus Weber, Max, Wirtschaft und Gesellschaft (S. 28)
Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichwohl worauf diese Chance beruht.

Aus: Michael Foucault, Dispositive der Macht, Merve Verlag Berlin (S. 35)
Der Grund dafür, daß die Macht herrscht, daß man sie akzeptiert, liegt ganz einfach darin, daß sie nicht nur als neinsagende Gewalt auf uns lastet, sondern in Wirklichkeit die Körper durchdringt, Dinge produziert, Lust verurscht, Wissen hervorbringt, Diskurse produziert; man muß sie als ein produktives Netz auffassen, das den ganzen sozialen Körper überzieht und nicht so sehr als negative Instanz, deren Funktion in der Unterdrückung besteht.

Aus: Erich Mühsam, Befreiung der Gesellschaft vom Staat, Kramer Verlag
Es liegt im Wesen der Macht, nicht nur ihre Erhaltung mit allen Mitteln zu verteidigen, sondern sich materiell und ideell immer stärker zu machen, ja, ihre Ausdehnung und Kräftigung als einzigen Inhalt allen ihren Handlungen zugrunde zu legen.

Kim Stanley Robinson: Blauer Mars, München 1999 (S. 15)
Aber es ist so leicht, in alte Verhaltensweisen zu fallen. Eine Hierarchie wird abgeschafft, und eine andere tritt an ihre Stelle. Wir müssen uns davor hüten; denn es wird immer Leute geben, die versuchen werden, hier eine zweite Erde zu erschaffen. Die Aerophanie wird endlos sein müssen, ein ewiger Weg. Wir werden schärfer denn je zuvor darüber nachdenken müssen, was es heißt, Marsianer zu sein.

Herrschaftsentstehung nach der Revolution
Aus Kim Stanley Robinson: Blauer Mars, München 1999 (S. 617)
... So kam spontan jene bürokratische Klasse zum Vorschein, die der Schrecken so vieler Theoretiker gewesen war. Die Experten, die die Politik kontrollierten und vermutlich nie wieder losassen würden. Aber wem sollten sie die auch hinterlassen. Wer sonst wollte sie haben? Niemand ...

Aus: autonome stadt, Entwurfsarbeit von Tomislav Knaffl im Wintersemester 2000/01 an der Uni Stuttgart
eine auf langfristige perioden entscheidungsrelevante stellvertreterstruktur in sozialer und wirtschaftlicher organisationsweise begünstigt entfremdung bei sowohl stellvertretern von sinn und aufwand des gegenstandes der organisation, als auch bei stellvertretenen.

Janet Biehl (1998): Der Libertäre Kommunalismus (S. 11 und 118)
Es ist nicht so, daß die Politiker diese Wahl träfen, weil sie "schlechte Menschen" währen; viele von ihnen beginnnen ihren Dienst am Staat aus idealistischen Motiven. Sie treffen diese Wahl, weil sie Teil eines Systems gegenseitiger Machtausübung geworden sind, dessen Gesetzen sie nun unterworfen sind. Dieses System gegenseitiger Machtausübung ist, um es deutlich zu sagen, der vom Großkapital beherrschte Staat selbst. Da sie unter den Rahmenbedingungen dieses Systems agieren, teil sie mit der Zeit sein bestreben, ein Machtmonopol für eine Elite von Berufspolitikern zu sichern sowie die Interessen der Wohlhabenden zu schützen, statt volksnahere Ziele zu verfolgen wie den Ausbau der Mitwirkungsrechte und die Umverteilung des Reichtums. ...
Einmal im Besitz staatlicher Amtsgewalt, verloren überzeugte Sozialisten, Kommunisten, ja selbst Anarchisten ihre moralische und politische Integrität. Diese "Rück-Bildung" ist wirklich die Regel; sie ist vorhersehbar und anscheinend unvermeidlich.

Aus Christoph Spehr, 1999: "Die Aliens sind unter uns", Siedler Verlag München (S. 218)
Der springende Punkt ist aber, ob man überhaupt an eine geplante Bedürfnisbefriedigung durch rationale Steuerung udn Planung glaubt, eine Materialisierung gesellschaftlicher Vernunft in Institutionen. Die neueren Befreungstheorien tun das nicht. Sie lehnen das autoritäre ja totalitäre Element ab, das mit einer solchen Politik einhergeht - nicht nur im Staat, sondern auch in der Firma, in der Familie, in Organisaitonen und Gruppen.

Aus Christoph Spehr (2003): "Gleicher als andere", Karl Dietz Verlag in Berlin (S. 21)
Typisch ist, ... dass Macht, wenn sie in Übereinstimmung mit den herrschenden gesellschaftlichen Ordnungsvorstellungen ausgeübt wird, auch Recht ist, und gleichzeitig, dass sie gar keine Macht ist. Dies klingt absurd, ist jedoch gang und gäbe und Herzstück demokratischer Propaganda. Eigentum, Verfügungsgewalt, physische und strukturelle Gewalt, Zugang zu den Ebenen, auf denen die Normen gesetzt und die Regeln verhandelt werden, alles, was einen alten, dicken Bär von einem kleinen Bär unterscheidet: Es ist so selbstverständlich, dass es unsichtbar wird.

Aus Weber-Schäfer, Peter, "Die Macht und die antike Philosophie" in: Gebhardt, Jürgen/Münkler, Herfried (1993), "Bürgerschaft und Herrschaft", Nomos in Baden-Baden (S. 23)
... Machtrelationen als Unterschiede der Handlungsmöglichkeiten verschiedener Menschen ...

Aus Mühsam, Erich (1933): "Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat", Nachdruck bei Syndikat A und im Internet
Macht bezeichnet somit die tatsächliche Gegebenheit, die aus jedem zentralistischen, obrigkeitlichen, gesetzgebundenen, staatlichen Verhältnis erwächst. Als sittlicher Grundlage ihrer Herrschbefugnisse bedient sie sich des den Menschen eingeimpften Glaubens an die Berechtigung und Notwendigkeit der Autorität.

Aus Bookchin, Murray (1992): "Die Neugestaltung der Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (S. 18, mehr Auszüge)
Von Anbeginn der Geschichte, bis in die moderne Zeit, bestand der Trick aller herrschenden Eliten einfach darin, die eigenen, gesellschaftlich geschaffenen hierarchischen Herrschaftssysteme mit gemeinschaftlichem Leben als solchem gleichzusetzen, wobei letztlich die von Menschen erschaffenen Institutionen als von Gottes Gnaden erscheinen oder eine biologische Rechtfertigung erhalten.

Definitionen von Herrschaft

Widersprüchlich ist oft die Abgrenzung Macht und Herrschaft. Vielfach wird Herrschaft als institutionalisierte, also verregelmäßigte und über formale oder informelle Rahmenbedingungen abgesichterte Form der Macht verstanden. Macht gibt es auch in Wortspielen wie "Ich habe die Macht zu" und muß sich dabei nicht als Überlegenheit gegenüber anderen Menschen zeigen. Wer einer Sprache "mächtig" ist, herrscht damit nicht über andere.
Andere definieren die Begriffe anders, zum Teil sogar in der Tendenz andersherum, dass Herrschaft die formale Macht ist, d.h. die legitimierte, während Macht willkürlich sein kann.

Def. von "Macht" nach Meyers Taschenlexikon
Verhältnis der Über- und Unterordnung zw. Personen oder Staaten. M. bedarf im Unterschied zur Herrschaft und zur Autorität nicht der Anerkennung der von ihr Betroffenen. Nach Max Weber ist M. "die Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht". ...
Grundlagen von M können sein: phys. oder psych. Überlegenheit, Wissensvorsprung, höhere Informiertheit, überlegene Organisationsfähigkeit und entsprechend höhere Effizienz, Charismaglaube und Angst bei den Unterworfenen. In allen auf Demokratie und bestimmte Grundrechte der Menschen ausgerichteten Gesellscahften besteht das Problem, wie M.verhältnisse durch Recht, Gesetz, Verfassung und öffentl. Kontrolle in institutionalisierte und damit anerkannte und kalkulierbare Herrschaft überführt werden können. Kein Gesellschaftssystem mit komplexer Sozialorganisation kann zum Schutz seiner Ordnung darauf verzichten, mit dem Staat ein "Monopol phys. Gewaltsamkeit" (Max Weber) zu errichten, um durch M.mittel staatl. Gewalt (Gerichte, Polizei, Militär, Strafanstalten), einen politisch ermittelten "Allgemeinwillen" oder die Rechte von Bürgern gegen andere Bürger durchzusetzen oder die äußere Sicherheit des polit.-sozialen Systems zu gewährleisten.
Neben den polit. M.strukturen in Staat, Wirtschaft, Gesellschaft bestimmen mannigfache M.strukturen - die Behauptung von (z.B. in Rollen von Mann, Eltern, Lehrern begründeten) M.positionen sowie der Auf- und Ausbau von M.positionen - vielfach und wesentlich die Handlungen der Menschen und die zwischenmenschl. Beziehungen in allen Lebensbereichen (Ehe, Familie, Beruf, Kirche usw.).

Def. von "Herrschaft" nach Meyers Taschenlexikon
Bez. für Ausübung von Macht über Untergebene und Abhängige durch Machtmittel; von Max Weber definiert als institutionalisierte Macht im Sinne legitimier, aber auch illegitimer Ausübung von Gewalt innerhalb eines politischen Systems. ...
H.typen können nach verschiedenen Gesichtspunkten aufgestellt werden. Die älteste Typologie ist die nach der Zahl der H.träger: Monokratie, Oligarchie (bzw. Aristokratie), Demokratie; nach den entscheidenden Machtmitteln der herrschenden Elite unterscheidet man z.B. Pluto-, Hiero-, Techno-, Büro-, Militokratie.

Aus Christoph Spehr, 1999: "Die Aliens sind unter uns", Siedler Verlag München (S. 104+136)
Herrschaft ist eine einseitig verzerrte Form sozialer Kooperation - einseitig erzwungene Aneignung fremder Arbeit und Natur; einseitige Bestimmung über den anderen, einseitige Kontrolle gesellschaftlicher Verhältnisse. Herrschaft besteht darin, daß ich gegenüber anderen meine Ziele durchsetzen kann, auch wenn diese das nicht wollen; daß ich das nciht nur einmal, sondern immer wieder kann; und daß ich dafür sorge, daß diese einseitige Kontrolle auch in Zukunft funktioniert, weil ich ihre Grundlage wiederherstellen, aufrechterhalten, vielleicht sogar ausbauen kann.
Dadurch unterscheidet sich Herrschaft von Macht. ...
Die Waffen, mit denen Herrschaft ausgeübt wird, liegen auf fünf verschiedenen Ebenen: direkte Gewalt; strukturelle Gewalt; Diskriminierung; Kontrolle der Öffentlichkeit; existentielle Abhängigkeit. Herrschaft sagt zu keinem Instrument vorschnell nein, sortiert aie aber nach WIrksamkeit und Risiko, nach Akzeptanz. Herrschaftsmodelle unterscheiden sich in der Wahl der Waffen; aber keines von ihnen ich auch nur halbwegs stabil, wenn es nicht Waffen auf allen Ebenen besitzt.

Aus Christoph Spehr (2003): "Gleicher als andere", Karl Dietz Verlag in Berlin
Im demokratischen Zeitalter, unserem Zeitalter, das in etwa mit den revolutionären Erschütterungen zu Anfang des 20. Jahrhunderts beginnt und bis heute andauert, verliert Herrschaft im vordemokratischen Stil ihre Akzeptanz. In früheren Zeiten untermauerten herrschende Gruppen ihren Anspruch, das Kommando zu haben, gerade mit ihrer Andersartigkeit, ihrer Ungleichheit mit den Beherrschten. Die herrschenden Gruppen behaupteten, sie seien von Natur aus zum Herrschen bestellt. Sie seien von Natur aus dazu befähigt, Gott näher, der Vernunft näher, der Zivilisation näher oder wem auch immer. Sie seien der Kopf, die andern die Organe. Mit solchen Argumenten rechtfertigte sich in vordemokratischen Zeiten die Herrschaft von Königen und Adel über das Volk, von Männern über Frauen, von Weißen über Nicht-Weiße, von Reichen über Arme, von Wirtschaftseliten über die, welche nur ihre Arbeitskraft besaßen. Im demokratischen Zeitalter ändert sich das. Rechtfertigungen dieses Stils werden auf Dauer nicht mehr hingenommen. Damit verschwindet Herrschaft nicht, aber sie verändert sich; und sie stellt sich auch anders dar. Im demokratischen Zeitalter betonen Herrschende und Privilegierte unermüdlich, wie gleich sie den andern seien: kein gottgleicher Über-Bär, sondern Bär unter Bären. Sie prahlen nicht mehr mit ihrer Herrschaft, sondern behaupten, es gebe keine mehr. Und wenn die großen, alten Bären die kleinen zurechtstutzen, dann herrschen sie nicht, sondern setzen nur die Regeln durch, die für alle gelten.
... (S. 22)
Es ist nicht nur die Arbeit von Sklaven, was die Artefakte unserer Zivilisation schafft. Es ist auch die Haltung von Sklaven: Was geschieht, geschehen zu lassen. Die Regeln zu befolgen, die andere gemacht haben. Zu akzeptieren, dass man Regeln vielleicht auf kompliziertem Wege ändern kann, bis dahin aber unter allen Umständen befolgt. Wir trainieren das. Wir lassen es alle lernen und scheiden die aus, die es nicht lernen. Wir schützen die nicht, die Regeln brechen. Wir schützen die Regeln. Wir erzwingen die Sklavenhaltung genauso wie die Sklavenarbeit. Der Reiche lebt nicht nur von der Arbeit derer, die für ihn schwitzen, sondern auch von der Ohnmacht der Besitzlosen, ihn zu bestehlen. Er lebt auch von der Struktur, die ihm Land, Kapital, Wissen zuwirft und anderen nicht. Sein Kommando erstreckt sich nicht nur darauf, dass Menschen etwas für ihn tun, sondern auch darauf, dass Menschen etwas gegen ihn unterlassen. ... (S. 23)
Es ist die Erbsünde der demokratischen Moderne, diese Gewalt nicht prinzipiell bekämpft zu haben, sondern sich vorrangig damit zu beschäftigen, wie sie legitimiert und verregelt sein soll und wer darauf welchen Einfluss erhält. ... (S. 25)
Was ist Herrschaft? Herrschaft besteht darin, über andere verfügen zu können: ihre Arbeit, ihren Körper, ihre Person. Es spielt dafür keine Rolle, ob das in guter Absicht geschieht, oder unwillkürlich, ob es für die Beherrschten in dieser oder jener Hinsicht vielleicht "nützlich" ist. Es spielt keine Rolle, wer uns dazu ermächtigt hat, ob uns diese Herrschaft zugefallen ist, ob wir hart dafür gearbeitet haben oder ob wir sie einfach beansprucht haben. Es spielt auch keine Rolle, ob sie uns jemand durch demokratische Verfahren zugeteilt hat, ob sie durch Verträge zustandekommt, ob wir sie erkauft haben, ob die Beherrschten sie uns freiwillig geben. All dies sind wichtige Unterschiede, es ist nicht egal für das, was abläuft. Aber all dies ändert nichts daran, dass hier Herrschaft vorliegt. ... (S. 33)
Wenn wir uns also auf dem dünnen Eis eines verallgemeinerten Begriffs von Herrschaft bewegen wollen, dann können wir sagen: Herrschaft ist erzwungene soziale Kooperation. Die Kooperation ist erzwungen, weil die eine Seite sich nicht aus ihr lösen kann, weil sie nicht darüber bestimmen kann, was sie einbringt und unter welchen Bedingungen, weil sie keinen oder nur geringen Einfluss auf die Regeln der Kooperation hat. ... (S. 35)
Der Vorteil von Herrschaft ist, dass sie bequem ist und funktioniert. ... (S. 51)

Aus Weber-Schäfer, Peter, "Die Macht und die antike Philosophie" in: Gebhardt, Jürgen/Münkler, Herfried (1993), "Bürgerschaft und Herrschaft", Nomos in Baden-Baden (S. 29)
Herrschaft als institutionalisierte und auf Dauer ausgelegte Ausübung vorhandener Macht ...

Herrschaft ist sozialwissenschaftlich nach dem deutschen Soziologen Max Weber wie folgt definiert: "Herrschaft soll heißen die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden". Im Unterschied zu seiner Definition der Macht (die er als soziologisch amorph, also formlos bezeichnet) setzt Herrschaft ein bestimmtes Maß an Dauerhaftigkeit voraus; sie ist eine institutionalisierte Form von Über- und Unterordnung (Subordination), die jedoch keinerlei hierarchische Strukturen voraussetzt. Dadurch, dass Weber ein Minimum an Gehorsam voraussetzt, widerspricht seine Definition der von Karl Marx, dessen Herrschaftsbegriff auf Macht basierte. Oppenheimer meinte mit Herrschaft die Beziehung zwischen zwei rechtsungleichen sozialen Klassen; er unterscheidet zwischen Herrschaft als - er folgte darin Otto von Gierke - vertikaler Sozialbeziehung und der Genossenschaft als horizontaler Beziehung. Herrschaft (geschichtswissenschaftlich): Ausübung der Macht über Untergeordnete und Abhängige durch Machtmittel. Im klassischen Sinne ist Herrschaft nur legitim, wenn über dem Herrscher und dem Beherrschten stehende Rechte zur Machtausübung eingehalten werden. Der Ursprung der Herrschaft ist in der germanischen HausHerrschaft (Gewalt des Hausherrn über die Hausgenossen) zu suchen, aus dieser entwickelte sich die GrundHerrschaft. Der Ausübende der Herrschaft war der Adel; die Königsherrschaft, die ihre Legitimität durch symbolische Rituale (Wahlen, Salbung, Krönung) und durch Herrschaftsinsignien repräsentierte, war nur eine Sonderform der Adelsherrschaft vgl. Lehnsherrschaft. Im Zeitalter der Stände ist die Macht des Herrschers durch erzwungene Herrschaftsverträge beschränkt. In der Neuzeit setzte sich die einheitliche Staatsgewalt durch. Die neuen Herrschaftsformen unterliegen einem fortlaufenden Prozess der Neuorientierung ihrer Legitimitätsgrundlage. ...

Formen der Herrschaft

Typen der legitimen Herrschaft nach Max Weber
Nach Weber kann der Gehorsam als konstitutives Element der Herrschaft rein affektuell, aber auch ideell (wertrational) oder materiell (zweckrational) begründet sein. Rein idelle oder rein materielle Motive des bzw. der Gehorchenden (z. B. des Verwaltungsstabes) begründen jedoch eine lediglich labile Herrschaft, zu der ein weiteres, sie stabilisierendes Element hinzukommt: der Legitimitätsglaube. Weber unterscheidet nun drei Idealtypen legitimer Herrschaft nach der Art ihrer Legitimation:

Aus Gordon, Uri (2010): "Hier und jetzt", Nautilus in Hamburg (S. 80 f.)
Gewalt kommt zur Anwendung, wenn A sein Ziel erreicht, obwohl B nicht bereit ist sich zu beugen, indem A B der Möglichkeit beraubt, zwischen Einwilligung und Nicht﷓Einwilligung zu wählen. (A will, dass B das Gebäude verlässt, also drängt er oder sie B physisch durch die Tür.)
Zwang wird ausgeübt, wenn B in Reaktion auf As glaubhafte Androhung einer Vorenthaltung (oder einer Strafe) einwilligt. Angesichts einer negativ ausfallenden Kosten/Nutzen﷓Abwägung, die durch die Drohung gegeben ist, beugt sich B aus eigenem unfreien Willen. (A richtet eine Waffe auf B und verlangt, dass B das Gebäude verlässt.)
Manipulation ist am Werk, wenn A bei der Mitteilung seiner Wünsche an B bewusst lügt oder Informationen unterschlägt. Dieser willigt ein, ohne den Ausgangspunkt oder die genaue Art der Aufforderung, die A an ihn stellt, zu durchschauen. (A bittet B, die Klingel an der Tür zu überprüfen, und sobald B hinausgetreten ist, schließt A ihn aus.)
Autorität wirkt, wenn B sich As Befehl beugt, weil er davon ausgeht, dass A das Recht hat zu befehlen und er selber eine entsprechende Pflicht zu gehorchen. (A ist ein Polizist, der B sagt, er solle das Gebäude verlassen, und B gehorcht.) ...
Macht-über ist also auch wirksam, wenn diese Gruppen Werte oder Institutionen schaffen oder fördern, die den Bereich der öffentlichen Wahrnehmung oder Kritik einschränken. Wie Stephen Lukes nachweist, kann »Macht-über« auch ausgeübt werden, indem selbst die ureigensten Bedürfnisse der Menschen beeinflusst, geformt, bestimmt werden und durch die Kontrolle ihrer Gedanken und Wünsche ihre Einwilligung gewonnen wird.

Links zu den Herrschafts-/Gesellschaftsformen:

Unterdrückung

Aus Iris Marion Young !1993), Das politische Gemeinwesen und die Gruppendifferenz, zitiert in: Massing, Peter/Breit, Gotthard (2002): „Demokratie-Theorien“, Wochenschau Verlag Schwalbach, Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn (S. 289)
Aber was ist Unterdrückung? Ich habe den Begriff der Unterdrückung an anderer Stelle ausführlicher analysiert. Kurz gesagt, eine Gruppe ist dann unterdrückt, wenn auf alle oder auf einen großen Anteil ihrer Mitglieder einer oder mehrere der folgenden Sachverhalte zutreffen:
1. Der Nutzen ihrer Arbeit oder Energie geht auf andere über, ohne daß diese anderen ihnen in reziproker Weise nützen (Ausbeutung).
2. Sie sindvon der Partizipation an wichtigen sozialen Tätigkeiten ausgeschlossen, womit in unserer Gesellschaft vorrangig ein Arbeitsplatz gemeint ist (Marginalisierung).
3. Sie leben und arbeiten unter der Autorität von anderen, verfügen über wenig Autonomie bei der Arbeit und haben selbst kaum Autorität über andere (Machtlosigkeit).
4. Sie werden als Gruppe stereotypisiert, und gleichzeitig bleiben ihre Erfahrungen und ihre Situation in der Gesellschaft im allgemeinen unbemerkt, zudem haben sie wenig Gelegenheit, ihrer Erfahrung und ihrer Sichtweise von sozialen Geschehnissen Ausdruck zu verleihen und finden kaum Gehör, wenn sie es tun (Kulturimperialismus).
5. Die Gruppenmitglieder erleiden willkürliche Gewalt und Schikane, die von Gruppenhaß oder -angst motiviert ist. In den Vereinigten Staaten werden heute zumindest die folgenden Gruppen auf eine oder mehrere dieser Arten unterdrückt: Frauen, Schwarze, amerikanische Indianer, Chicanos, Puertoricaner und andere spanisch sprechende Amerikaner, asiatische Amerikaner, schwule Männer, Lesben, Angehörige der Arbeiterklasse, arme Menschen und alte Menschen sowie geistig und körperlich Behinderte (282-283).

Autorität

Autorität ist im weitesten Sinne eine soziale Positionierung, die einer Institution oder Person zugeschrieben wird und dazu führt, dass sich andere Menschen in ihrem Denken und Handeln nach ihr richten. Sie entsteht (durch Vereinbarungen) in gesellschaftlichen Prozessen (Lehrer/Schüler, Vorgesetzter/Mitarbeiter), durch vorausgehende Erfahrungen von Macht, Fähigkeiten, Wissensvorsprung und/oder durch religiöse Überzeugungen. Die sprachlichen Wurzeln entstammen dem lateinischen „auctoritas“ (Einfluss, Geltung, Ansehen, Würde, Macht) bzw. dessen Verb „augere“, das soviel wie vermehren, fördern, bereichern, wachsen bedeutet. In derselben Wortfamilie gab es auch den "auctor" (Urheber, Schöpfer, Mehrer, Förderer, Autor). Das Adjektiv zu Autorität lautet "autoritativ". Das Adjektiv "autoritär", welches oft mit "Autorität" in Zusammenhang gebracht wird, stellt hingegen die negativen Seiten der Autorität, d.h. Machtmissbrauch, Unterdrückung und Gewalt dar. Neben der Verwendung als Attribut kann Autorität auch die Person oder Institution selbst bezeichnen, die Autorität auf ihrem jeweiligen Gebiet besitzt. So ist der Lehrer in der Schule eine Autorität kraft Gesetz; ein Wissenschaftler ist eine Autorität, wenn er bei den Kollegen allgemeine Anerkennung für seine Forschung genießt. Genau betrachtet, ist Autorität nicht als Eigenschaft, sondern als Beziehung zu begreifen; die Autorität bedarf der Anerkennung anderer, das Autoritätsverhältnis ist zweiseitig. Dabei kann es sich um die verschiedensten Beziehungsformen handeln, insbesondere können die Grade der Freiwilligkeit der Anerkennung viele Formen annehmen, insbesondere:
- Zutiefst freiwillige Bewunderung und Respekt. Autorität erhält hier einen Bezug zu Ehre.
- Faktisch akzeptierte Autorität in gesellschaftlichen Rollen (z.B. Eltern, Lehrer, Vorgesetzte, Polizisten, Richter, Trainer)
- Vortäuschen der Akzeptanz der Autorität nach Außen hin, um Nachteile zu vermeiden, bei gleichzeitiger innerer oder gegenüber Vertrauten dokumentierter Ablehnung
- Erzwungene Anerkennung von Autorität aufgrund körperlicher Unterlegenheit, in Situationen von Gefangenschaft oder Gefängnis- oder allgemein aufgrund von massiven Angstsituationen. Neue Ansätze im Lehrbereich, zum Beispiel in den konstruktivistischen Lehr- und Lerntheorien, gehen davon aus, dass die Lehrperson ihre Autorität nicht nur kraft des Gesetzes/der Position erlangt, sondern durch Zustimmung von den Belehrten. Autorität kann zudem geteilt oder delegiert werden, sofern die Autorität (als Person) gewillt ist, dies zu tun. Prinzipiell betrachtet, entsteht durch Autorität dennoch ein (wenn auch ein zeitlich, räumlich oder fachlich beliebig eingeschränkt vorstellbares) Machtgefälle zwischen im elementaren Fall zwei Personen. Erich Fromm bezeichnet die Autorität des Lehrers im Lehrer-Schüler-Verhältnis als Beispiel für eine rationale Autorität, gegenüber der irrationalen Autorität des Herrn in der Herr-Knecht-Beziehung. Die rationale Autoritätsbeziehung löst sich auf, je selbstständiger der Schüler wird, bis er schließlich der Schule entwachsen ist. Pädagogisch wird Autorität oft grundsätzlich als förderliche Autorität betrachtet, die auf Vertrauen gründet, aber auch missbraucht werden kann. Soziopsychoanalytisch kritisiert Gérard Mendel Autorität als "täuschende Maske der Gewalt", die im Fall unzureichenden oder verweigerten Gehorsams ihr wahres strafendes Gesicht zeigt. Der sehr schillernde Autoritätsbegriff beinhaltet weitere Differenzierungen: charismatische Autorität, funktionale Autorität, personale Autorität, anonyme Autorität, Sachautorität, Amtsautorität, Erziehungsautorität usw. Man kann nach Bocheński epistemische und deontische Autorität unterscheiden: Epistemische Autorität ist die Autorität des Wissenden, der sich in einem Fachgebiet besonders gut auskennt und auf den man deswegen bei Fragen, die dieses Fachgebiet betreffen, zu hören gewillt ist. Deontische Autorität bezeichnet die Autorität des Vorgesetzten, der von dieser seiner Position her Weisungen zum Verhalten seiner Untergebenen erteilen kann. Unter Demonstration von Autorität oder Autoritätsdemonstration wird eine Handlung verstanden, die dazu dienen soll, dass eine Autorität anerkennt wird. Wird die Demonstration von Autorität von mehreren zusammengehörig fühlenden gleichzeitig ausgeführt, tragen Effekte der Gruppendynamik in der Regel zu einer Stärkung der Intensität der Demonstration von Autorität bei. Das Milgram-Experiment zeigt, dass eine Deckung in dem Sinne, dass z.B. Vorgesetzte Handlungen zur Demonstration von Autorität allgemein oder im Einzelfall befürworten, weiterhin zur Stärkung der Intensität der Demonstration von Autorität beiträgt. Gibt es möglichst wenig Kontakt (z.B. Gelegenheiten für Mitgefühl) zwischen Demonstrierenden und Betroffenen, so ist dies ebenfalls intensitätssteigernd. Eine Demonstration von Autorität kann zum Beispiel positiv durch Nachsicht und Respekt oder durch die offensichtliche Suche nach einem gerechten Konsens in Konflikten und somit Demonstration intellektueller Überlegenheit geschehen. Es gibt aber auch negative Methoden, z.B. durch möglichst beeindruckendes Auftreten (Habitus, Kleidung, z.B. möglichst imposante Uniform, Talar, Abzeichen, Waffe, o.ä., durch Sprache, etwa entschiedener Tonfall, Schreien, auch Drohungen, ("Säbelrasseln"), oder Beleidigungen, sowie durch Gewalt, Androhen oder Zufügen von physischem oder psychischem Schmerz, Qual, Folter. Dazu gehört auch das Verbreiten von Angst und Terror, z.B. demonstrative Verletzung oder Tötung Anderer (Exempel statuieren). (Quelle dieses Absatzes einschl. der Links)

Merkmale von "Herrschaft"

Wie wirkt gesellschaftliche Herrschafts- und Verwertungslogik?
Jeder Mensch ist vier Formen des inneren und äußeren Zwangs unterworfen. Dazu folgendes Zitat:

  1. Das Subjekt hat gesellschaftliche Normen, Regeln und Wertorientierungen internalisiert, die es dazu verlassen, auf bestimmte Situationen mit sozial geforderten Tätigkeiten zu reagieren. Entwickelte Gesellschaften bilden spezielle Subsysteme heraus, die diese Internalisierung betreiben (durchaus auch partiell unterschiedlicher Normen), z.B. Kirchen, Schulen, soziale Bewegungen ...
  2. Kommunikation dahingehend, dass freiwilliges Einverständnis bzw. Einsicht erzielt und das Subjekt davon überzeugt wird, dass es sinnvoll ist, die angeforderte Tätigkeit zu verrichten. Von interpersonaler Kommunikation bis zu medial geführten gesellschaftlichen Diskursen.
  3. Anordnung, Befehl, Zwang, das Subjekt wird unter Androhung irgendwelcher Sanktionen, in letzter Instanz meist gestützt auf die Möglichkeit der Gewaltanwendung, dazu gezwungen, die angeforderte Tätigkeit zu verrichten.  Das zentrale System, das wesentlich darauf beruht, ist der Staat.
  4. Tausch bzw. Verkauf und Kauf, das Subjekt verrichtet eine gesellschaftlich angeforderte Tätigkeit deswegen, weil es im Gegenzug von der Gesellschaft/anderen Subjekten eine andere, „gleichwertige“, Tätigkeit bzw.  ihr Produkt bekommt. Das sich auf diesem Modus aufbauende soziale System der Produktion und des Austausches von Waren entwickelt sich auf Basis bestimmter sozialer Verhältnisse als kapitalistisches und weist besondere Dynamik auf und dominiert zunehmend den gesellschaftlichen Lebensprozess insgesamt.

Diese verschiedenen Modi überlagern und verflechten sich in der gesellschaftlichen Realität sehr stark, in den meisten sozialen Bereiche sind in unterschiedlicherm Verhältnis zueinander mehrere oder alle miteinander kombiniert. So beruht entwickelte Warenwirtschaft nicht nur auf Tausch, sondern setzt voraus, dass ein Staat das Eigentumsrecht und Vertragsrecht nötigenfalls mit Gewalt durchsetzt. Andererseits funktioniert kein bürgerlicher Staat nur mit Zwang, sondern in Antonio Gramscis Worten durch „Hegemonie, gepanzert mit Zwang“. Zum einen werden von klein auf Normen internalisiert, dass die Gesetze und die Autorität des Staates zu beachten sind, auch wenn nicht daneben gleich ein Polizist oder Soldat steht, zum anderen gesellschaftliche Diskurse vorangetrieben, um Zustimmung für die konkrete Politik zu mobilisieren. Außerdem ist der Staat in hohem Umfang auch ökonomisch aktiv, investiert, verteilt um, beschäftigt massenweise LohnarbeiterInnen, hat Eigentum an Unternehmen usw.
(Quelle: Annette Schlemm, Mail vom 25.5.2001 in der Debatte um Oekonux, freie Kooperationen und Freie Menschen in Freien Vereinbarungen)

Aus Christoph Spehr (2003): "Gleicher als andere", Karl Dietz Verlag in Berlin (S. 36)
Man kann, um es in der Art Tucholskys zu sagen, einen Menschen (oder eine Gruppe von Menschen) auf vielerlei Art versklaven. Es ist nichts darunter, was in unserer heutigen Gesellschaft oder unserer heutigen Weltordnung nicht zur Anwendung käme. Es gibt keine abschließende Beschreibung der Methoden und Instrumente, mit denen Herrschaft ausgeübt, d. h. Ausbeutung und Dominanz erzwungen wird. Für einen pragmatischen Überblick, auf den in der Folge zurückzukommen sein wird, lässt sich folgende Einteilung vornehmen:

  1. Die Ausübung oder Androhung direkter, physischer Gewalt - die „militärische“ Ebene von Herrschaft.
  2. Strukturelle Unterordnung, d.h. die Errichtung oder Aufrechterhaltung von Regeln und Verteilungen in einer sozialen Kooperation, die zu einer systematisch unterschiedlichen Anhäufung von Macht führen die ökonomische“ Ebene von Herrschaft.
  3. Diskriminierung, d.h. ausschließende Solidarität einer Gruppe gegen den „Rest“ die „soziale“ Ebene von Herrschaft.
  4. Kontrolle der Öffentlichkeit, d.h. der maßgebliche Einfluss darauf, wie in einer Kooperation geredet und gedacht wird, welche Interpretationen und Normen die vorherrschenden sind die „institutionelle“ Ebene von Herrschaft.
  5. Abhängigkeit, d.h. die Ausschaltung von Alternativen für die jeweils andere Seite in der Kooperation, so dass diese Kooperation für die Gegenseite möglichst alternativlos wird – die existentiellei. Ebene von Herrschaft.

Die Trennschärfe dieser Einteilung ist begrenzt. Es geht hauptsächlich darum, eine Vorstellung zu gewinnen, was in einer Kooperation alles an Herrschaftsinstrumenten zum Einsatz kommt oder kommen kann; wir vergessen leicht ganze Ebenen dabei. Die Spannweite der Instrumente, die auf diesen fünf Ebenen verwendet wird, ist groß. Die -militärisch ein Ebene, die der direkten Zwangsgewalt, reicht von den Fäusten des Nachbarsjungen, der uns auf dem Schulhof verprügelt um regelmäßig an unser Pausenbrot zu kommen, bis zu militärischen High-Tech-Systemen, mit denen wir fremde Länder überfallen. Strukturelle Unterordnung hat meistens mit Arbeitsteilung zu tun, aber ebenso mit den -terms of tradein, den Bedingungen zu denen gehandelt wird.
Abhängigkeit kann materiell bewirkt sein, aber auch technisch, psychologisch oder emotional. Die Instrumente reichen von so modernen Instrumenten wie der angestrebten gentechnischen Revolution in der Landwirtschaft bis zu äußerst traditionellen, wie der sozialen Isolierung der Frau in der patriarchalen Gesellschaft.
Herrschaftsbeziehungen „sprechen“ auf allen Ebenen. Es ist wichtig für Herrschaft, die einzelnen Ebenen ineinander „übersetzen“ zu können - aus militärischer Überlegenheit ökonomische Unterordnung zu machen und umgekehrt, Abhängigkeit in Kontrolle der Öffentlichkeit umsetzen zu können und umgekehrt, usw. Wir unterschätzen meist, wie komplex und weitreichend die Instrumente sind, die in ganz konkreten Beziehungen zum Einsatz kommen oder „im Hintergrund“ genutzt werden. Als einzelne Person wenden wir meist keine unmittelbare Gewalt gegen unsere Putzfrau an, um sie zur Arbeit zu zwingen. Dass sie aus Bosnien geflüchtet ist, vor militärischer Gewalt, oder aus Osteuropa eingewandert, auf der Flucht vor den Folgen struktureller Unterordnung, spielt für unser Verhältnis jedoch eine große Rolle; es beeinflusst die Alternativen, die sie hat. Wir diskriminieren die Gruppe unserer eingewanderten Putzfrauen gemeinsam, indem wir z.B. ihre Ausbildung und Abschlüsse nicht anerkennen und dadurch ihre Arbeit verbilligen bzw. auf den Putzsektor hin dirigieren. Dass Putzfrauen schlecht organisiert sind und dadurch wenig Kontrolle der Öffentlichkeit haben, nehmen wir dankend als Vorteil an.

Jeder Mensch ist anders! Die Unterschiede zwischen den Menschen sind völlig verschiedener Art. Sie sind äußerlich, oft spontan und wechselhaft, haben mit unterschiedlichem Wissen oder unterschiedlicher Erfahrung Kraft, Ausdauer oder Neigung zu tun. Kein Mensch ist gleich, jeder hat seinen eigenen Standort auf der Welt mit seiner unverwechselbaren Perspektive. Alle Menschen sind aber auch gleich, denn alle Menschen haben die Möglichkeit, in der Gesellschaft ein angenehmes Leben zu führen - grundsätzlich. Praktisch ist es aber nicht so. Praktisch gibt zwischen den Menschen Abstufungen, Herrschaftsverhältnisse und Machtgefälle. Sie beruhen auf realen Abhängigkeiten, unterschiedlichen Verfügungsmöglichkeiten über die eigenen Lebensbedingungen und nicht selten auf offenem Zwang (Gewalt, Unterdrückung, Angst usw.). Oft treten zu diesen äußeren Bedingungen noch verinnerlichte soziale Konstruktionen (Rollen etc.) hinzu. Diese haben sich als verinnerlichte Zwänge teilweise soweit verselbständigt, daß sie keines äußeren Zwanges mehr bedürfen, um zu wirken. Verinnerlichte Zwänge werden auch zwischen den Menschen weitergegeben, die damit die realen Herrschaftsverhältnisse im Alltag verfestigen und reproduzieren.

Äußere Zwänge
Unterschiede zwischen Menschen können durch äußere Zwänge, d.h. formalen, institutionalisierten Herrschaftsverhältnissen oder Handlungsmöglichkeiten beruhen. Wer mehr Geld hat, eine Waffe besitzt, nicht eingesperrt ist (um nur einige Beispiele zu nennen), hat definitiv mehr Handlungsmöglichkeiten als Menschen, auf die solches nicht zutrifft. Solche institutionalisierten Herrschaftsverhältnisse werden nicht vom Individuum selbst geschaffen, sondern sind Ergebnisse gesellschaftlicher Rahmenbedingungen. Sie gelten mehr oder weniger universell, d.h. Reich- oder Bewaffnetsein führt überall zu den gleichen Machtvorteilen.
Die Unterschiede zwischen den Menschen werden in der Realität noch dadurch gesteigert, daß sich mehrere Vor- bzw. Nachteile vereinigen können. So verfügen viele reiche Menschen bzw. die Menschen in reichen Ländern nicht nur über Geld, sondern auch über Waffen, zumindest mehr oder überlegene Waffen, über das Eigentum am Boden, die Kontrolle von Handelswegen, Energieversorgung, Lebensmittelproduktion usw. Gleiches gilt auch im kleinen Maßstab – immer wieder haben einige Menschen Geld, Grundeigentum, die Verfügung über weitere Ressourcen, während anderen das verwehrt bleibt. Selbst in den reichen Industrienationen gibt es viele Menschen, denen grundlegend oder weitgehend alle Ressourcen und Möglichkeiten vorenthalten werden, z.B. Kinder, Obdachlose, Nichtmündige, viele Frauen, Behinderte, AusländerInnen und alle, die aufgrund sozialer Vorgaben nicht über die gleichen Möglichkeiten und den Zugang zu Ressourcen verfügen.

Verinnerlichte Zwänge und Erwartungshaltungen
Tradierte Vorstellungen von Wertigkeiten, Erziehungsmuster zu immer wiederkehrenden gesellschaftlichen Rollen und Inhalte von Bildung, Medienbeeinflussung usw. führen zu nicht willkürlichen, sondern typischen und sich immer wieder reproduzierenden Mustern. Für diese sozialen Konstruktionen gibt es sehr offensichtliche Beispiele. So beruht das Gefälle zwischen Männer und Frauen bei Lohnhöhen, bei der Präsenz in Führungspositionen oder beim Zugriff auf Geld, Eigentum usw. auf der immer wieder erneuerten sozialen Konstruktionen von Wertigkeitsunterschieden. Zur Rechtfertigung solcher sozial konstruierten Wertigkeitsunterschiede wird die Verschiedenheit von Menschen herangezogen: seien es geschlechtliche, biologische, ethnische Unterschiede oder unterschiedliche Neigungen, Verhaltensweisen oder sonstige Merkmale, die sich zur Zuschreibung von „Eigenschaften“ eignen. Diese realen Verschiedenheiten werden zu homogenen „Eigenschaften“ von Gruppen von Menschen umgedeutet, um sie als Rechtfertigung zur diskriminierenden Behandlung dieser Gruppen zu verwenden.
Rollenbildung und Wertigkeiten zwischen Männern und Frauen entstehen nicht durch das biologische Geschlecht, sondern aufgrund der allgegenwärtigen, von (fast) allen Menschen ständig reproduzierten Bilder und Erwartungshaltungen gegenüber den anderen Menschen und sich selbst, z.B. in der elterlichen Erziehung und Beeinflussung, Schule, Arbeitswelt, Medien usw. „Mannsein“ oder „Frausein“ als gesellschaftliche Rolle{, als soziales Geschlecht,} ist folglich eine Zuweisung der Person zu diesem Geschlecht durch gesellschaftliche Bedingungen. Dieser Prozeß reproduziert sich wegen der subjektiven Funktionalität, die diese Rollen für die Menschen im täglichen Überlebenskampf und für langfristige Perspektiven zumindest aktuell haben, ständig selbst, so daß die Rollen von Generation zu Generation weitervermittelt werden und in fast allen Lebensfeldern vorkommen. Dadurch wirken sie so, also wären sie ein Naturgesetz. Den betroffenen Menschen kommt ihre gesellschaftliche Rolle wie eine Bestimmung vor, der sie nicht entgehen können und die sie an nachfolgende Generationen weitergeben.
Ähnlich wie diese soziale Konstruktion zwischen Männern und Frauen finden sich solche zwischen Alten und Jungen, sogenannten Behinderten und Nicht-Behinderten, In- und AusländerInnen, Menschen mit und ohne Ausbildung usw. Immer werden Wertigkeiten abgeleitet, die zu unterschiedlichen Möglichkeiten der eigenen Entfaltung und zu Herrschaftsverhältnissen führen.
Die äußeren und verinnerlichten Herrschaftsverhältnisse, sozialen Rollenzuschreibungen und die wie ein unabwendbares Schicksal erscheinenden Beeinflussungen der individuellen Lebens- und Gesellschaftsentwürfe finden sich zwischen einzelnen Menschen, zwischen Gruppen und auch global z.B. zur Zeit zwischen Nationen oder Staatenbünden (wie der EU). Eine festgezurrte Rollenverteilung gibt es zwischen einzelnen Menschen ebenso wie zwischen Regionen, Stadt und Land, armen und reichen Ländern. Die inneren Zwänge werden dabei oft durch biologistische Setzungen pseudowissenschaftlich gerechtfertigt. Sei es die „natürliche Neigung der Mutter zum Kind“ oder die „gefühls-/körperbetonten Schwarzen“ – auch in der neuesten Zeit kursieren viele solcher Behauptungen, bei denen immer aus biologischen Tatsachen oder Behauptungen Ableitungen auf gesellschaftliche Rollen und Wertigkeiten erfolgen. Biologische Unterschiede zwischen Menschen sind vorhanden, aber nicht geeignet, daraus soziale Rollen zu erklären. Dennoch geschieht es, wobei die biologischen Unterschiede als Hilfsargument dienen, die Herrschaftsinteressen und kapitalistische Verwertungslogik zu verschleiern. Menschen lassen sich durch die Macht- und Profitorientierung sowie ihr eigenes Bemühen, durch Zuordnung zu vorgegebenen und erwarteten Lebensläufen ihr eigenes Leben scheinbar besser gestalten zu können, bestimmten Rollen zuordnen. Die biologischen Begründungen dienen der Verschleierung dieser tatsächlichen Interessen.

Aus Christoph Spehr, 1999: "Die Aliens sind unter uns", Siedler Verlag München (S. 27)
Damit hört die Herrschaft nicht auf; aber sie verändert sich. Der Alienismus bleibt Herrschaft, weil er weiterhin entmündigt und ausbeutet. Aber er tut dies unter Verweis auf die Interessen der Beherrschten oder das Wohl des Ganzen, nicht auf eingeborene Vorrechte. Er ist sehr flexibel und viel schwerer zu greifen als ältere Herrschaftsmodelle.

Aus: Foucault, Michel: "Dispositive der Macht", Merve
Die Macht ist nicht als ein massives und homogenes Phänomen der Herrschaft eines Individuums über andere, einer Gruppe über andere, einer Klasse über die andere aufzufassen, sondern man muß erkennen, daß die Macht- wenn man sie nicht aus zu großer Entfernung betrachtet - nicht etwas ist, das sich unter denjenigen aufteilt, die über sie verfügen und sie ausschließlich besitzen und denjenigen, die sie nicht haben und ihr ausgeliefert sind. Die Macht muß als etwas analysiert werden, das zirkuliert oder vielmehr als etwas, das nur in Art einer Kette funktioniert. Sie ist niemals hier oder dort lokalisiert, niemals in den Händen einiger weniger, sie wird niemals wie ein Gut oder wie Reichtum angeeignet. Die Macht funktioniert und wird ausgeübt über eine netzförmige Organisation. Und die Individuen zirkulieren nicht nur in ihren Maschen, sondern sie sind auch stets in einer Position, in der sie Macht ausüben; sie sind niemals die unbewegliche und bewusste Zielscheibe dieser Macht, sie sind stets die Verbindugnselemente.

Michel Foucault in "Sexualität und Macht", zitiert nach einem Text im Alligator, Zeitschrift der Grünen Liga
Die Analyse, die sich auf der Ebene der Macht halten will, darf weder die Souveränität des Staates, noch die Form des Gesetzes, noch die globale Einheit einer Herrschaft als ursprüngliche Gegebenheiten voraussetzen: dabei handelt es sich eher um Endformen. Unter Macht scheint mir, ist zunächst zu verstehen, die Vielfalt von Kräfteverhältnissen, die ein Gebiet bevölkern und organisieren, das Spiel, das in unaufhörlichen Kämpfen und Auseinandersetzungen diese Kräfteverhältnisse verwandelt, verstärkt, verkehrt: die Stützen, die diese Kraftverhältnisse aneinander finden, in dem sie sich zu Systemen verketten - oder Verschiebungen und Widersprüche, die sie gegeneinander isolieren; und schließlich die Strategien, in denen sie zur Wirkung gelangen und dren große Llinien und institutionelle Kristallisierungen sich in den Staatsapparaten, in der Gesetzgebun und in den gesellschaftlichen Hegemonien verkörpern.  (...) Die Macht ist der Name, den man einer komplexen strategischen Situation in einer Gesellschaft gibt.

Aus einer Mail von Jörg Bergstedt vom 12.1.2002
Herrschaft bedeutet nicht automatisch, daß Menschen sich „konkurrierend“ zueinander verhalten (soll heißen: Meinen Vorteil will ich - auch wenn es anderen zum Nachteil wird), sondern es erhöht die Wahrscheinlichkeit dafür.
Demgegenüber würde die Abwesenheit von Herrschaft bedeuten, daß eher kooperative Verhaltensweisen zum Zuge kommen (ich mache, was ich für ein besseres Leben sinnvoll erachte - und hoffe, daß auch andere coole Ideen verwirklichen, damit ich daran teilhaben kann).
Darum bin ich gegen Herrschaft.

Selbsterhalt von Herrschaft und Fremdbestimmung

Aus Christoph Spehr (2003): "Gleicher als andere", Karl Dietz Verlag in Berlin (S. 81)
In der erzwungenen Kooperation werden Räume und Zusammenhänge den Individuen und Gruppen zugeteilt nach Maßgabe dessen, ob man den verordneten Kooperationszielen dient. Wer mitmacht, darf sich breitmachen; dadurch reproduzieren sich die Ziele scheinbar wie von selbst. Im demokratischen Kapitalismus erfolgt die Zuteilung nach dem Maßstab der »positiven Teilnahme am Verwertungsprozess«.

Formen der Macht

Direkte Unterdrückung

Aus Christoph Spehr (2003): "Gleicher als andere", Karl Dietz Verlag in Berlin (S. 23)
Wir sagen Menschen, die über kein für ihre Existenz ausreichendes Einkommen verfügen, was sie zum Leben benötigen; wir ermitteln das anhand von Warenkörben, in die wir seit Jahrzehnten Fürst-Pickler-Eis legen, weil das nicht im Preis steigt. Wir bestimmen, ob sie umziehen dürfen, wann ihre Waschmaschine kaputt ist und gegen wen sie klagen müssen. Wir erklären denen, die von anderswo flüchten, dass die Welt leider schon verteilt ist, zufällig zu unseren Gunsten. Wir sagen ihnen, was sie legitimerweise woanders aushalten müssen und welches materielle Lebensniveau dort für sie normal ist. Wenn wir sie bei der Deportation im Flugzeug umbringen, weil sie am Knebel ersticken, gilt das als nicht so schlimm. Sie waren ja keine von uns, sie wollten es erst werden. Wir erklären denen, die die Regeln unserer Gesellschaft für scheußlich halten, dass wir dann leider keinen Platz für sie im Leben haben. Viele nehmen das wörtlich. Verantwortlich fühlen wir uns dann nicht; wir denken darüber nach, wo sich schon früher Anzeichen für ihre Schwäche und Labilität gezeigt haben.

Indirekte Formen der Unterdrückung

Mit Codes, Titeln, Autorität usw. kann Macht ausgeübt werden - Polizeiknüppel, elterliche Gewaltmonopole und vergitterte Fenster sind in vielen Fällen gar nicht nötig. Menschen reproduzieren von sich aus unterwürfiges Verhalten.

Integration von Protest
Aus Wilk, Michael (1999): "Macht, Herrschaft, Emanzipation", Trotzdem Verlag in Grafenau
Die Fähigkeit, Irritationen innerhalb des Systems zuzulassen und durch Reintegration produktiv zu nutzen, ist Wesens­merkmal moderner Herrschaftsstruktur. Ein gewisser Grad an Abweichung ist nicht störend sondern sogar gewünscht. ... (S .26)
Das System geht gleichsam gestärkt aus der Auseinandersetzung hervor - bereichert um die ihm nützlichen Inhalte der Protestbewertung und auch bereichert um die integrationsfähigen Menschen, deren bewiesenermaßen kreativeres Potential in die gemeinsame "Wir-Ebene" der "Volksgemeinschaft" eingebracht und damit gewinnbringend vermarktet werden kann.
(S. 33) ...
Die Forderung nach Gleichstellung vormals ‚Minderprivilegierter', wirkt in diesem Sinne u.U. und fatalerweise ähnlich konservativ, wie die Demokratisierung gesellschaftlicher Teilbereiche, die zum besseren Funktionieren des gesamten Herrschaftsgefüges beitragen. Es kommt nur darauf an, daß der am Rande oder am Boden befindliche Einzelne bzw. Gruppen sich zur herrschenden gesellschaftlichen Decke strecken: ...
(S. 36)
Unbeweglichkeit und Starrheit haben sich gegenüber flexiblem Umgang mit Irritationen, als die untauglicheren Mittel erwiesen. Es gilt somit, nicht nur den Fortbestand der Ordnung zu garantieren, sondern auch die kreative Potenz der Abweichung für sich zu sichern.
(S. 51)

Wichtiger Mechanismus des modernen Machterhalts: Abhängigkeiten schaffen
Aus Wilk, Michael (1999): "Macht, Herrschaft, Emanzipation", Trotzdem Verlag in Grafenau (S. 53)
Ein System, das Bedürfnisse weckt und gleichzeitig den Individuen die Ressourcen und Macht in die Hand gibt, in scheinbar freier Selbstbestimmung zur Befriedigung, dieser Bedürfnisse agieren zu können, bindet nicht nur den betreffenden Menschen ein, sondern verleiht ihm/ihr überdies noch das Gefühl selbstbestimmten Handelns und Denkens. ("Jeder ist seines Glückes Schmied“)

Marianne Gronemeyer, zitiert nach: Wilk, Michael (1999): "Macht, Herrschaft, Emanzipation", Trotzdem Verlag in Grafenau (S. 22)
Die Macht hat sich modernisiert in unseren Breiten. Sie hat ihre Plumpheit, Dreistigkeit, Rohheit, das Barbarische abgelegt. Eine Macht, die sich terroristisch gebärdet, mit Gewalt herumfuchtelt, trägt den Makel, hoffnungslos altmodisch zu sein, nicht auf dem laufenden, nicht up to date. Auch hier gibt es ein Nord-Süd-Gefälle. Elegante Machtausübung ist ein Privileg der "Ersten Welt“, Diktatur, Tyrannei, grelle Ausbeutung, die schäbigen Gestalten der Macht, bleiben den armen Ländern vorbehalten.

Verschleierung der Macht

Aus Christoph Spehr (2003): "Gleicher als andere", Karl Dietz Verlag in Berlin (S. 35f.)
Wir sind Opfer der »Matrix«, der Welt, die uns über die Augen gezogen wird: der Selbstinszenierung einer demokratischen Gesellschaft, die von sich behauptet, dass sie gegen die klassischen Urbilder kämpft und dass sie selbst nicht herrschaftsförmig ist. Dieses virtuelle Welt macht uns blind gegenüber der Realität: dass wir Sklaven sind. Verfügbar. Regeln und Kontrollen unterworfen, denen wir uns nicht entziehen und über die wir nicht bestimmen können. Den ganzen Tag, mit all unseren Empfindungen und Fähigkeiten; bis ans Ende unserer Tage und bis in die siebte Generation. Sehen können wir das, wenn wir die oben genannte Definition von Herrschaft anwenden. Fast alles ist erzwungene Kooperation. Auf die Frage »Was ist die Matrix?« lautet die Antwort: Die Matrix ist die Inszenierung des Sozialen, aus der die Idee der freien Kooperation vollständig ausgetrieben ist. Dadurch bewirkt sie, dass wir die Stäbe unseres Gefängnisses weder riechen, noch schmecken, noch berühren können. Wir nehmen unser Gefängnis überall hin mit, wohin wir auch gehen, in jedes konkrete Verhältnis. Und das Ausmaß, in dem wir in Wirklichkeit versklavt sind, ist weit totaler als das jeder antiken oder bürgerlichen Sklavenhaltergesellschaft vor uns.

Sind Macht, Ordnung, Kontrolle ... notwendig?

Aus Höfe, Otfried (1979): „Ethik und Politik“, Suhrkamp Verlag in Frankfurt
Im Gegensatz zu Sozialutopien marxistischer und nichtmarxistischer Herkunft, im Gegensatz zur Vorstellung, politische Ordnung und damit Herrschaft seien für den Menschen entweder grundsätzlich oder wenigstens unter bestimmten Lebensbedingungen überflüssig, läßt sich zeigen, daß die Anwendungsbedingungen von Prinzipien politischer Gerechtigkeit für den Menschen grundsätzlich gegeben sind. Denn sie sind mit allgemeinen Bedingungen des Menschseins als solchen (der »Natur« des Menschen) und gleicherweise allgemeinen Beurteilungskriterien untrennbar verknüpft. Deshalb ist dieser Schluß unumgänglich: Ein vernünftiges, ein humanes Zusammenleben ist für den Menschen nicht bloß unter seinen bisherigen subjektiven und objektiven Lebensbedingungen, sondern in jedem Fall ohne eine Herrschaftsordnung nicht möglich. Die Legitimation von Prinzipien der politischen Gerechtigkeit und ihre Anwendung in der politischen Welt wird die Menschen so lange beschäftigen, wie es sie überhaupt gibt. ... (S. 405 f.)
Solange es praktische Vernunftwesen gibt, die sich wegen des gemeinsamen Lebensraumes wechselseitig beeinflussen und dabei - ohne öffentlich-rechtliche Ordnung - bloß nach dem eigenen Gut- und Rechtdünken handeln, sind weder Individuen oder Gruppen noch ganze Völker vor Konflikten untereinander und Gewalttaten gegeneinander sicher. Weder Leib und Leben, noch Hab und Gut, überhaupt kein Freiraum persönlicher Lebensführung sind letztlich geschützt. ...
(S. 412)
Eine Ordnung der Konfliktbewältigung, die dem Kriterium der universalen Ordnung, die gleichsam Gesetzlichkeit genügt, ist eine Ordnung die gleichsam durch einen allgemeinen oder gemeinschaftlichen Willen gesetzt ist. Deshalb kann man - wie etwa Hobbes, Rousseau, Kant und neuerdings RawIs - in der Begründung politischer Gerechtigkeit auf den Begriff des Gesellschaftsvertrags zurückgreifen: Gerecht ist eine politische Ordnung, die durch den Gesellschaftsvertrag begründet ist - sofern man den Vertrag nicht als ein historisches Ereignis, sondern als einen normativ-kritischen Vernunftbegriff versteht, mit dem sich allgemeine Gerechtigkeitsgrundsätze legitimieren lassen. ...
(S. 416)
In einer gerechten Herrschaftsordnung sucht der Mensch - so hieß es - jene Selbstgefährdung durch seinesgleichen zu bändigen, die im naturalen Begriff der menschlichen Natur steckt. Dazu noch ein letzter Hinweis: Eine Bändigung durch vernunftbestimmte, durch gerechte Institutionen, die Bändigung durch Rechtskultur, ist im Unterschied zu einer biologischen Regelung die offenere, die anpassungsfähigere, sie ist die reflektierte und freie Form. Sie ist aber auch die gefährdetere. Denn Institutionen haben zwar eine Eigenmacht; aber ohne die Anerkennung der in ihr Lebenden haben sie keinen Bestand. Für die institutionelle Bändigung ist deshalb eine eigentümliche Zerbrechlichkeit charakteristisch. Wie es die Unrechtsverhältnisse unseres Jahrhunderts zur Genüge gezeigt haben, ist der Rückfall in Barbarei nie auszuschließen.
(S. 418)

Aus Thomas Galli (Gefängnisdirektor Zeithain), "Vergeltung, Strafe und Freiheitsentzug", in: Forum Recht 3/2016 (S. 198)
Zu den wichtigsten Aufgaben, die Aggression in einer Gesellschaft erfüllt, zählt die Einhaltung des Friedens. Aggressionen ermöglichen die Aufrechterhaltung komplizierter Hackordnungen, die man normalerweise bei Primatengruppen vorfindet. Durch Hierarchien wird aggressives Verhalten im täglichen Leben auf ein Minimum reduziert, da im Wesentlichen nur einmal ausgefochten werden muss, wer über wem steht und wer das Sagen hat.

Zur Wirkung von Macht

Aus Herodot, "Historien", III. Buch 80, zitiert nach: Massing, Peter/Breit, Gotthard (2002): „Demokratie-Theorien“, Wochenschau Verlag Schwalbach, Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn (S. 21)
Wie kann die Alleinherrschaft etwas Rechts sein, da ihr gestattet ist, ohne Verantwortung zu tun, was sie will? Auch wenn man den Eldelsten zu dieser Stellung erhebt, wird er seiner früheren Gesinnung untreu werden. Das Gute, das er genießt, erzeugt Überhebung, und Neid ist dem Menschen schon angeboren.

Aus "Das passiert, wenn unter Bergsteigern strenge Hierarchie herrscht", in: Focus, 21.1.2015
In hierarchisch geprägten Gruppen erreichten mehr Bergsteiger den Gipfel, aber es starben auch mehr von ihnen auf dem Weg dahin. ...
„Hierarchie, so hat sich herausgestellt, kann Bergsteiger auf den Gipfel tragen, aber eventuell zu einem immensen Preis“, fassen die Wissenschaftler zusammen. Um Fehler zu vermeiden, sollten in hierarchisch organisierten Kulturen Mechanismen etabliert werden, die nachrangige Team-Mitglieder ermutigen, ihre Meinung zu äußern und höherrangige motivieren, dieses Feedback aufzunehmen.

Appelle & Glaube an das Gute in der Macht

Aus der Rede auf der Antkriegsdemo in Berlin, Junge Welt, 17.2.03 (S.2-3)
Rolf Becker, Schauspieler und Mitglied im Ortsvorstand der Gewerkschaft ver.di in Hamburg:
Wir fragen die DGB-Führung: Ist das Nein heute nur ein Nein, solange die Regierung nein sagt? Wir bitten euch und fordern euch auf: Hört auf die Mitglieder, hört auf die Basis. Wir bitten euch, entfent euch nicht von uns. Wenn ihr Politik über unsere Köpfe hinweg macht, lauft ihr Gefahr, eines Tages eure Köpfe zu verlieren.
Aus der Rede auf der Antikriegsdemo in Berlin, Junge Welt, 17.2.03 (S. 2-3)
Janelle Flory (USA), Freiwillige beim Internationalen Versöhnungsbund in Minden: Die schweigende Mehrheit muß ihre Meinung äußern, bis die Politiker zuhören.

Herrschaft und Herrschaftsfreiheit

Von Annette Schlemm mit Bezug auf Christoph Spehr (2003): "Gleicher als andere", Karl Dietz Verlag in Berlin:

Herrschaft

Abwicklung der Herrschaft

militärische Ebene:
direkte Gewalt

Abwicklung:
bedeutet, dass diese Instrumente nicht für "etwas Besseres" eingesetzt werden können, sondern heruntergefahren; dass dies ein Prozess ist und keine einmalige Aktion; dass ein "Ausknipsen über Nacht" nicht möglich und in vielen Fällen auch nicht wünschenswert ist, das Ziel aber klar sein muss.

ökonomische Ebene:
strukturelle Unterordnung

Politik der Beziehungen:
alternative Vergesellschaftung,

  • Abbau von Verfügbarkeit: "Wirtschaft von unten" - Kriterium: ob eine andere Logik von Arbeit als Kooperation entsteht oder lediglich selbstorganisierte Verfügbarkeit
  • Entprivilegisierung der formalen Arbeit,
  • Aneignung von Räumen und Zusammenhängen
  • direkte Überlebenssicherung

soziale Ebene:
Diskriminierung

Entfaltung sozialer Fähigkeiten:
sich die gesellschaftlichen Erfahrungen und Fähigkeiten individuell und kollektiv verfügbar zu machen.

 

institutionelle Ebene:
Kontrolle der Öffentlichkeit

Politik der praktischen Demokratiekritik:
Praxis sozialer Bewegungen quer zur konventionellen Demokratievorstellung: Dezentralisierung, affirmative action ...

existentielle Ebene:
Abhängigkeit

Organisierung :
sich mit Gleichgesinnten (oder besser gesagt: in bestimmten Punkten Ähnlichgesinnten) gemeinsam für bestimmte Ziele einzusetzen und dabei gleichzeitig bereits eine alternative Praxis zu entfalten.

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