Antirepression

UMGANG MIT HIERARCHIEN

Buchvorstellungen zum Themenbereich


1. Hierarchien erkennen: Pack die Herrschaftsbrille ein!
2. Hierarchien abbauen: Die Liste der Möglichkeiten (Übersicht)
3. Buchvorstellungen zum Themenbereich

Bücher zu Hierarchien
Auch in sozialen Bewegungen und einzelnen Politgruppen prägen Hierarchien das Geschehen. Das ist einmal hausgemacht, denn fast alle Gruppen und Organisationen stellen ihr Label, ihren Kassenstand, die Sicherung der hauptamtlichen Stellen oder die Präsenz in den Medien über die inhaltlichen Ziele. Das führt automatisch zu Konkurrenzkämpfen gegen andere Player, vor allem aber gegen allzu viel Selbständigkeit von Basisinitiativen, denn je selbstbewusster und mit eigenen Ideen aktiv die Menschen vor Ort, desto weniger Aufmerksamkeits- und Geldanteile landen in den Landes-, Bundes- und internationalen Zentralen. Ein sehr wütendes Buch über die daraus entstehenden Verhältnisse hat Sonia Savioli mit „NGO“ (2019, Zambon in Frankfurt, 143 S., 12 €) verfasst. Ein wütendes. Schon die Sprache ähnelt eher einer kämpferischen Rede als einem Sachbuch. Oft stehen rhetorische Fragen am Ende einer Darstellung von personellen Verflechtungen und skandalösen Vorgehensweisen von NGOs. Schwerpunkt sind die großen Player mit internationalen Aktivitäten, vor allem unter dem Deckmantel der Entwicklungshilfe. Doch genau das stört an dem Buch: Es werden auffällige Skandale beschrieben, während der Alltag und die durchgehende Korruption in Folge des ständigen Jagens nach Spenden- und Fördergeldern nur am Rande angedeutet wird. Das Prinzip NGO ist aber eines, welches große Teile sozialer Bewegungen und politischer Propaganda durchzieht – bis auf die kleinste, z.B. kommunale Ebene.
Ein weiterer Grund für die Entstehung von Hierarchien sind die umgebenden gesellschaftlichen Verhältnisse. Denn in allen sozialen Beziehungen spiegeln sich die Zurichtungen und Zwänge wider, die die beteiligten Menschen in die Gruppe hineinschleppen, d.h. sich dort so verhalten, wie sie das in der sonstigen Welt gewöhnt sind. Eine solche Beschreibung von „hegemonialen Formationen“ und „struktureller Gewalt in der Gesellschaft“ (Untertitel) haben Reinhard Hildebrandt und Simone Lück-Hildebrandt zu ihrem Buch „Herrschaft und Beherrschung“ (2017, Tectum bei Nomos in Baden-Baden, 221 S., 48 €) gemacht. Der Staat und die von ihm und, dann von Substrukturen, in ihm ausgehende Gewalt werden genau beschrieben. Beispielhaft werden dann die Finanzkrise, Teilaspekte des Sozialabbaus in den 90er Jahren und die Verhältnisse in der DDR beschrieben. Der Schwerpunkt liegt auch insgesamt auf dieser als struktureller Gewalt bezeichneten, formalen Herrschaft, was angesichts des Rückentextes mit Bezug auf Systemtheorie, Diskursanalyse usw. etwas überrascht.
In zwei weiteren Büchern geht es um die Verfasstheit der Demokratie, die uns alle – ungefragt – umgibt. Sie ist die Staatsform fast aller Länder dieser Erde und gilt als besonders weit entwickelt ausgerechnet in den Ländern, die international dominieren und andere Länder bzw. deren Bevölkerung und Rohstoffe ausbeuten. Das sei kein Zufall, meint Jason Brennan in „Gegen Demokratie“ (2017, Ullstein in Berlin, 464 S., 24 €). „Die Demokratie soll endlich nach ihren Ergebnissen beurteilt werden. Und die sind keineswegs überzeugend“, heißt es vielsagend auf dem Rückentext. Dann seziert der Autor Kapitel für Kapitel die realen Verhältnisse. Allerdings fehlt dabei eine Analyse der strukturellen Probleme, die in der Idee des Herrschens eines demos steckt. Die nur kurz beschriebenen Alternativen muten zudem zweifelhaft an – es riecht nach Aristokratie, also Konzentration von Macht statt deren Auflösung zugunsten von Selbstverwaltung jenseits der demos-Herrschaft. Ebenso unbefriedigend bleiben die Vorschlägen in Dirk Jörkes Buch „Die Größe der Demokratie“ (2019, Suhrkamp in Berlin, 282 S., 18 €). Auch er seziert zunächst den Zustand der Demokratie, reduziert deren Vorkommen aber auf die nationalstaatliche Ebene und sieht die Probleme hauptsächlich in der Auflösung nationaler Souveränität. Als Lösung möchte er – selbstverständlich unter gut gemeinter Absage an Nationalismus – deren Macht zurückgewinnen. Europa solle dann eine Konföderation sein statt einer Union. Woher der Optimismus kommt, dass Nationalstaaten, die in der Vergangenheit für so viel Elend und Unterdrückung verantwortlich waren, plötzlich zu Hoffnungsträger werden könnten, erschließt sich nicht wirklich.
Gegenüber den düsternen Beschreibungen gesellschaftlicher Zwänge und struktureller Gewalt wird Gerd Stanges „Die libertäre Gesellschaft“ (2012, Die Buchmacherei in Berlin, 75 S., 7,50 €) sehr entspannend und hoffnungsfroh. Hier werden in kurzen, prägnanten Absätzen die Grundfehler in den vier großen gesellschaftlichen Bereichen Arbeit oder freie Aktivität, Staat und Gesellschaft, Bildung und Kultur sowie Gemeinschaftsaufgaben benannt und Gegenentwürfe beschrieben. Vorangestellt sind einige Eingangskapitel, die einen allgemeinen Rahmen aufmachen und in die Fragestellungen einleiten.

Bücher zu Gruppenmethoden
Wer bei Bildungsangeboten oder in einer Gruppe aktiv Kreativität, Kommunikation, Kooperation und Hierarchieabbau fördern will, ist gut beraten, sich Methoden anzuschauen, mit denen das gelingen kann. Es gibt viele kleine Möglichkeiten, die sich in die Debatte einbauen lassen, um Vorgänge transparent zu machen, Entscheidungen gleichberechtigt zu treffen oder zum Ideenspinnen anzuregen. Andere Methoden sind komplex und können einen gesamten Prozess umfassen. Dazu gehören zum Beispiel Planspiele und das Open-Space-Verfahren.
Planspiele sind ein wichtiges Mittel für eine kreative und praxisnahe Bildungsarbeit, mit dem fiktive, aber für das jeweilige Thema doch relevante Situation durchgespielt werden können. Mit dem „Handbuch Planspiele in der politischen Bildung“ (2017, Wochenschau in Schwalbach, 331 S., 39,80 €) haben Andreas Petrik/Stefan Rappenglück eine umfangreiche Sammlung aller wichtigen Informationen vor. Es beginnt mit einigen einführenden Kapiteln, dann folgen Fallbeispiele, die anschaulich beschrieben werden. Anschließend geht es um die Evaluation, neue Entwicklungen zum Beispiel im Online-Bereich und schließlich um Servicehinweise, die praxisnah dargestellt werden. So ist ein Werk entstanden, das sowohl praktische Tipps als auch theoretisches Hintergrundwissen vermittelt. Die Kapitel sind von verschiedenen Autor*innen verfasst.
Ein beeindruckendes Materialpaket für Open-Space haben Michael M. Pannwitz und einige Mitstreiter*innen zusammengebracht. Einiges findet sich auf seiner Internetseite michaelmpannwitz.de/was-ist-open-space, doch umfangreicher sind das Buch „Meine open space Praxis“ (2010, Westkreuz-Verlag in Berlin, 280 S., 49,90 €, zusammen erstellt mit Georg Bischoff) und der „Kärtchensatz open space Aufbau“ (5. Auflage 2013, gleicher Verlag, 18,95 €, zusammen erstellt mit Yaari Pannwitz) mit 73 Karten zur Koordinierung der Aufgaben vor, während und nach der OpenSpace-Phase. Auch wenn manches Details überorganisiert wirkt, strahlen alle Beschreibungen und Materialien die große Erfahrung und Praxisnähe der Autor*innen aus. Das Buch bietet sehr genaue Beschreibungen der einzelnen Phasen mit Zeitplänen und Beispielfotos bis hin zu ausformulierten Redetexten. Die Karten sollen das Abarbeiten der verschiedenen Handlungen erleichtern. Schwerpunkt ist dabei der Aufbau und die Gestaltung der Räume, die durch die Karten in viele Einzelteile zerlegt sind. Das hilft, wenn mehrere Menschen mithelfen und so eine gute Aufteilung erreicht werden kann.
Viele, oft kleine und schnell anwendbare „neue Methoden für die Arbeit mit Jugendgruppen“ (so der Untertitel) enthält „Vom Warming-Up zum Cool-Down“ (2017, Beltz Juventa in Weinheim, 135 S., 19,95 €). Sie sind jeweils auf einer oder wenigen Seiten sehr übersichtlich dargestellt mit Angaben über Zeitaufwand, erforderliche Gruppengröße, Ort und benötigtes Material – ein gutes Hilfsmittel in der alltäglichen Praxis. Ebenfalls viele Tipps sind in „Methodenlehre in der Sozialen Arbeit“ von Dieter Kreft und C. Wolfgang Müller enthalten (2019, Ernst Reinhardt in München, 192 S., 23,99 €). Das ist nicht der einzige Zweck des Buches, vielmehr geht es auch um Anspracheformen wie Straßensozialarbeit, genaues Beobachten und allgemeine pädagogische Hinweise. Den Hauptteil nehmen aber Beschreibungen, darunter viele unbekanntere, aber auch die Klassiker wie Supervision, Rollenspiel oder Mediation. Letztere füllt ein weiteres Buch ganz aus. Anja Köstler beschreibt in „Mediation“ (2019, Ernst Reinhardt in München, 110 S., 15,99 €) das Verfahren und die Vorgehensweise sehr präzise. In den Text sind an passenden Stellen kurze Merksätze eingebaut, die einen roten Faden beim Lesen und bei der Anwendung bilden können.

Speziell zu einem Thema ist die Sammlung „Toleranz spielend lernen“ (2017, Jugendstiftung Baden-Württemberg in Sersheim, 50 S.), aber dafür sehr anregend und breit angelegt von Möglichkeiten innerhalb einer Gruppe oder Schulklasse über konkrete Projekte, z.B. Ausstellungen, bis zu Theater im Bus oder eine thematisch passende Stadtführung.

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