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KONSENS

Konsens und Vereinheitlichung


Konsens und Vereinheitlichung Die Methode des Konsens Der Konsens als Waffe Beispiele Links

Politische, psychologische und strategische Probleme belasten jede Konsenskultur. Starrheit und klare Grenzziehung zwischen Innen und Außen vermindert oder verhindert Dynamik, Offenheit und eine Welt, in der viele Welten Platz haben. Der hohe Aufwand und die bei einem Veto auftretende starke Personenzentrierung fördern eine Vorsichtshaltung schon im Kopf der Beteiligten. Vorgeschlagen wird nur, was konsensfähig erscheint - Experimentierfreude, Kreativität und Abweichung werden unterdrückt. Weniger gilt das für die schon bestehenden Eliten, die gewohnheitsmäßig im Mittelpunkt stehen. Für sie schafft die Inszenierung "Veto" nur dann, wenn sie sonst eher verdeckt agieren.

Im Original: Konsens steigert kollektive Identität
Tucholsky, Kurt: "Die Verteidigung des Vaterlandes". In: Die Weltbühne. 06.10.1921, S. 338f.
Nichts ist schwerer und erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und zu sagen: Nein!

Burkhard Keimburg, 1989; Konsensprinzip in der Kommune, in: Trafik Nr. 2/1989, (S. 29ff.)
Kreativität blüht nur in konsensfreien Räumen oder im kleinen Rahmen, wie zum Beispiel in den verschiedenen Arbeitsbereichen.

Aus: Jens Herrmann, 2001: Politische Gemeinschaften, Teil 7, in Der Rabe Ralf, August 2001 (S. 22)
Auch in Kommunen selbst gibt es seit langem eine Diskussion um das "Konsensprinzip". Exemplarisch dafür sind die Erfahrungen eines Kommunarden aus Niederkaufungen. Er verweist auf offene Fragen bezüglich der Ausgestaltung des Konsensprinzips. So sei weder klar, ob das Aussprechen eines Vetos bedeute, daß nun weiterdiskutiert werden müsse, oder ob damit die Entscheidung feststehe. Auch was passieren soll, wenn zwei sich gegenseitig ausschließende Meinungen vertreten werden und es zu keiner Einigung käme, oder was Verantwortung im Zusammenhang von Konsens heiße, sei letztlich nicht klar. Nach seinen Erfahrungen verhält sich das Konsensprinzip eher konservativ: "Dadurch daß Experimente extrem angstbesetzt sind und niemand Lust hat, sich durch einen Neuerungsvorschlag unnötig zu verschleißen, werden viele Ideen schon im Vorfeld verworfen." Zudem bedeute die Entscheidung im Konsens meist, daß die Lösung dann der kleinste gemeinsame Nenner werde. Neues Engagement werde immer von irgendwem mißtrauisch beäugt, was schnell dazu führe, daß KommunardInnen, die etwas Alternatives einbringen oder machen wollen, sich eher zurückhalten, in der Erwartung, daß es ohnehin nicht durchsetzbar wäre. ... Ein neues Modell, das die Niederkaufunger Kommune ausprobiere, sei die Dezentralisierung von Entscheidungen in Kleingruppen.

Auszug aus Len Fisher (2010): "Schwarmintelligenz", Eichborn in Frankfurt (S. 85 f.)
Wenn der Druck der Gruppe so groß wird, dass ihre Angehörigen der "Selbsttäuschung, der erzwungenen Konsensbildung und dem Konformismus" erliegen, dann spricht man von Gruppendenke.
Die einzelnen Mitglieder der Gruppe werden dazu gebracht, sich einer gemeinsamen Position anzuschließen und unter allen Umständen an ihr festzuhalten. Das kann sogar in Wahnvorstellungen münden: Die Angehörigen der Gruppe bügeln jedes noch so offensichtliche Gegenargument ab, klammern sich an wirklichkeitsfremde Überzeugungen und werden "Opfer einer kollektiven Selbstüberschätzung und Betriebsblindheit".

Martin Wilke auf seiner Konsenskritik-Seite ++ Dortige Kurzkritik am Konsens
Konsensprinzip führt zur Abschottung der Gruppe, zumindest stärker als Mehrheitsentscheidung.

Verschiedene Meinungen aus der mehrheits-basisdemokratischen Sudbury Valley School (Quelle)
Ein Konsens-Treffen sagt praktisch: „Wir werden mit diesem Treffen nicht fertig, bis du dem zustimmst, was die Mehrheit will.“ Ich habe mich genötigt gefühlt, mehr als eine Gruppe zu verlassen, weil ich mich unwohl fühlte und mir das Gefühl gegeben wurde, unerwünscht zu sein, als ich es ablehnte, Dingen zuzustimmen, die ich für falsch hielt. In einer gewöhnlichen, nach parlamentarischen Regeln ablaufenden Versammlung, wird mir nie das Recht verweigert, meine Abneigung zum Ausdruck zu bringen, meine Meinung, daß die Mehrheit unrecht hat, beizubehalten und mich dennoch dem Mehrheitswillen unterzuordnen. Als ständiger Angehöriger der Minderheit in vielen Versammlungen kann ich die immanente Respektlosigkeit gegenüber meiner Individualität, die von Treffen des Konsens-Typs herrührt, nicht tolerieren.
Das grundlegendste Recht jeder Minderheit ist das Recht, dabeizusein und zuzusehen und die Mehrheit machen zu lassen, was sie will, ohne sich jemals von ihrer eigenen Überzeugung zu trennen, daß die Mehrheit unrecht hat.
Konsens entspricht der Herrschaft durch die Hartnäckigen ...
Ich persönlich finde, daß Konsens eine sehr subtile, heimtückische Form der Nötigung ist. Kinder sind oft unterschiedlicher Meinung – manchmal aus persönlichen, manchmal aus prinzipiellen Gründen ... Ich möchte, daß ein Kind die Freiheit hat, anderer Meinung zu sein. ...
Ich fühle mich sehr unwohl bei dem Gedanken, daß man versucht, die ganze Gruppe dazu zu bringen, auf die selbe Weise denken. Warum sollen wir alle immer einer Meinung sein? Was ist mit der Wertschätzung von Verschiedenheit? Es ist eine großartige Sache, wenn Leute verschiedener Meinung sind und doch zusammenarbeiten können – das ist eine wirklich starke Gemeinschaft. ...
Wiederholter Konsens ist immer ein Anzeichen mächtigen Gruppendrucks, der die eine andere Meinung vertretende Minderheit zwingt, ihre Position aufzugeben und sich der vorherrschenden Sicht anzuschließen. ...
Deshalb wird eine anarchistische Gesellschaft auf kooperativem Konflikt aufgebaut sein, da „Konflikt an sich nicht schädlich ist. ... Meinungsverschiedenheiten bestehen [und nicht versteckt werden sollten] ... Was Meinungsverschiedenheiten destruktiv macht, ist nicht die Tatsache des Konflikts an sich, sondern das Hinzufügen von Konkurrenz.“ [Alfie Kohn, No Contest: The Case Against Competition, S. 156] In der Tat, „eine starre Forderung nach Übereinstimmung bedeutet, daß die Leute wirksam davon abgehalten werden, ihre Weisheit zu den Bemühungen der Gruppe beizutragen.“ [ebd.] Es ist dieser Grund, warum die meisten Anarchisten Konsens-Entscheidungsfindung in großen Gruppen ablehnen. (...)
A.2.12 Ist Konsens eine Alternative zu direkter Demokratie?
Die wenigen Anarchisten, die direkte Demokratie im Rahmen freier Vereinigungen ablehnen, unterstützen im allgemeinen Konsens bei der Entscheidungsfindung. Konsens ist darauf gegründet, daß jeder in der Gruppe einer Entscheidung zustimmt, bevor sie umgesetzt werden kann. Daher, so die Argumentation, hält Konsens die Mehrheit davon ab, über die Minderheit zu herrschen, und steht stärker in Übereinstimmung mit anarchistischen Prinzipien.
Auch wenn Konsens, sofern alle einer Meinung sind, die beste Möglichkeit in der Entscheidungsfindung ist, hat er seine Probleme. Wie Murray Bookchin in der Beschreibung seiner Konsens-Erfahrung zeigt, kann Konsens autoritäre Folgen haben, weil „um in einer Gruppe vollen Konsens über eine Entscheidung zustandezubringen, wurden Angehörige der abweichenden Minderheit oftmals unterschwellig gedrängt oder psychologisch genötigt, davon Abstand zu nehmen, über einen schwerwiegenden Streitfall abzustimmen, da ihre Abweichung im Prinzip auf einen Ein-Mann-Veto hinauslaufen würde. Diese in amerikanischen Konsensverfahren „Beseitestehen“ genannte Praxis beinhaltete oft Einschüchterung der Andersdenkenden, was so weit ging, daß sich Leute aus den Entscheidungsfindungsprozessen völlig zurückzogen, statt – selbst als Minderheit – in Übereinstimmung mit ihren Ansichten fortwährend ihre abweichende Meinung ehrenhaft durch Abstimmen zum Ausdruck zu bringen. Nachdem sie sich zurückgezogen hatten, hörten sie auf, politische Wesen zu sein – so daß eine „Entscheidung“ getroffen werden konnte. ‘Konsens’ wurde letztendlich erst erreicht, als die Mitglieder, die eine andere Meinung hatten, ihren Status als Teilnehmer des Prozesses aufgaben.“


Darüber hinaus weisen Konsensverfahren methodische Schwächen auf, die nur - aber immerhin - teilweise behoben werden können.

Es ginge auch anders ...
Hierarchiefrei sind Gruppenprozesse nur, wenn auf das Ziel, eine einheltliche Meinung zu bilden, verzichtet wird. Nur der Konsens, dass eine Kooperation der Unterschiedlichen die Basis allen Handelns ist, wäre dann noch übrig: Eine Welt, in der viele Welten Platz haben. Dann ist nicht mehr wichtig, wer genau dazu gehört. Es ist nicht mehr nötig, dem Ganzen einen einheitlichen Namen oder Titel zu geben. Genau das ist aber meist gewünscht - und dann wird Konsens zur Waffe. Mensch kann ihn aber auch anders verstehen ...

In der Definition von Joris Kern erhält der Begriff "Konsens" eine Nähe zur "Welt, in der viele Welten Platz haben" - nur dumm, dass Konsensverfahren so nur selten ablaufen
Konsens ist hier der Versuch, unter Freien und Gleichwertigen alle Bedürfnisse möglichst optimal zu berücksichtigen. Verschiedene Bedürfnisse oder Wünsche sind nicht per se in Konkurrenz zueinander, sondern Teile eines noch zu gestaltenden gemeinsamen größeren Bildes, in dem vieles Platz haben kann. Dahinter steht der Wunsch, dass es allen Beteiligten maximal gut geht und sie sich maximal gehört, gesehen, verstanden und wohlwollend behandelt fühlen sollen. Dazu gehören die Fähigkeiten, sich seiner Bedürfnisse bewusst zu werden, sie zu kommunizieren und für sie einzustehen. Außerdem gehört auch dazu, gut zuzuhören und zu akzeptieren, dass die Bedürfnisse der anderen Beteiligten genauso wichtig sind wie die eigenen, aber eben auch nicht wichtiger.
Dazu gehört unter Umständen auch die Bereitschaft, die eigenen Bilder davon, wie eine Lösung aussehen soll, immer wieder los zu lassen, um in Übereinstimmung mit den eigenen Bedürfnissen Wege zu finden, dass die Bedürfnisse der anderen auch erfüllt werden können. Hilfreich ist Selbstkenntnis, um unerwartete Möglichkeiten und auch die Bedürfnisse hinter den Wünschen zu finden, sowie die Bereitschaft, sich selbst und die eigenen Motive transparent zu machen.
In der Konsensfindung sind die ursprünglichen Wünsche oder Positionen keine Begrenzung sondern ein Startpunkt. Man zerlegt die Wünsche und Bedürfnisse in immer genauere Bausteine, um dann aus dem entstandenen großen Puzzle eine Lösung zusammenzubauen, die möglichst viele der Bausteine enthält. Im Prozess der Verhandlung werden die Perspektiven weiter und vielfältiger, statt enger. Statt um verschiedene Bedürfniserfüllungsstrategien zu streiten, geht es um das Erschaffen einer gemeinsamen Strategie, in der möglichst alle Bedürfnisse erfüllt werden. Wenn wir uns als Partner*innen betrachten und ernst nehmen, deren gemeinsames Ziel es ist, eine für alle Beteiligten gute Lösung zu finden, entstehen manchmal neue Wege, die niemand vorher erahnen konnte.
Für eine Konsenskultur ist es sogar schädlich, sich selbst zu sehr zurückzunehmen. Wichtige Bedürfnisse nicht zu äußern, macht es anderen schwer bis unmöglich, die Bedürfnisse aller bei der Erarbeitung einer Lösung mitzudenken. Die Konsensfindung dauert dadurch länger, wird sogar unmöglich oder die entstehenden Unzufriedenheiten führen zu Konflikten in anderen Bereichen, Prozessen oder Zeiten.
In einem idealen Prozess der Konsensfindung dient die gewählte Konsensmethode nur noch zur Abfrage und Bestätigung der Lösung, die bereits gefunden wurde. Wenn bei der Konsensabfrage noch ein Veto kommt, ist im Prozess vorher etwas grundsätzlich schief gelaufen oder er wurde zu früh beendet.

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