Ach, wer braucht schon Utopien - oder?

ro und Contra Visionen

Es stimmt, wir leben in einer visionslosen Zeit - leider. Fr viele Menschen enden Visionen bei der konsumorientierten Ausgestaltung des nchsten arbeitsfreien Wochenendes. Und wer noch nicht den Traum einer geileren Welt jenseits von Markt und Staat
aufgegeben hat, stt vielerseits auf Ignoranz, aber auch auf berechtigte Kritik. Da wir denken, dass Utopien fr gesellschaftliche Vernderungen unentbehrlich sind, ist es gerade wichtig, sich mit Kritik auseinander zu setzen, sie anzunehmen oder zu
widerlegen und Fehler zu korrigieren. Ebenso notwendig ist es, immer wieder zu begrnden, warum Utopien so wichtig sind, damit sie nicht zum blinden Selbstzweck werden. Einen Beitrag dazu mchten wir mit diesem Text leisten.

Frdern oder hemmen 

Visionen vernderndes Handeln?

Die Frage ist, ob Utopien dazu fhren, dass mensch sich immer mehr in weltferne Trume flchtet. Die Gefahr ist nicht zu leugnen: Wenn Utopien zur bloen Wunschwelt im eigenen Kopf erstarren, um berhaupt noch mit der beschissenen Wirklichkeit fertig zu
werden, fhrt das nicht zu aktiver Vernderung - sondern zur Flucht, welche nur den ganzen Quatsch sttzt, vor dem mensch sich wegtrumt. Dass kann aber nur dann passieren, wenn Visionen ganz allein gesehen werden, als etwas Auenstehendes, ber das nur
in Theoriezirkeln geredet werden kann.

Was fehlt: Aktion! Notwendig ist es daher, Visionen im Verbund mit Widerstand, mit Direkten Aktionen, vernderndem Handeln zu denken und auch auf diese Weise umzusetzen! Es hat sich in der Vergangenheit als naiv erwiesen, in aufklrerischer Manier darauf
zu hoffen, dass sich die Utopien von selber durchsetzen. Um utopische Entwrfe in gesellschaftliche Diskussionen einbringen zu knnen, Menschen berhaupt noch zu erreichen, ist es notwendig, den Trott des alltglichen Wahnsinns zu durchbrechen: Es
geht darum, mit einfallsreichen Direkten Aktionen (Blockaden, Torten...) Aufmerksamkeit zu erzeugen und diese Risse mit unseren Inhalten, Visionen zu fllen. Die betroffenen Menschen sind so viel eher bereit, diese an sich heran zu lassen - sei es aus
Wut, Verwunderung oder Neugier. Anstze dafr, wie diese Verbindungen sinnvoll hergestellt werden knnen, existieren schon und warten auf breite Resonanz, auf praktische Umsetzung - durch uns!*

Was weiter fehlt sind Strukturen, die uns mit unseren ngsten, Problemen und Trumen auffangen. Denn was ganz wichtig ist: Fr uns und andere Menschen mu erleb - und vermittelbar werden, dass Utopien nicht das ganz ferne Morgen sind, sondern etwas, mit
dem wir schon heute anfangen knnen. Freirume, Projekte, Widerstandsnetzwerke knnen durchaus eine gelebte Utopie sein. Und wer konkretes Handeln, z.B. gegen Autobahnneubau in einen greren Kontext einer gemeinsamen, autoarmen - bzw. freien Utopie
setzen kann, kann daraus wieder Durchhaltekraft ziehen, die fr uns sicher notwendig ist. Der Traum ist nichts ohne den Einsatz fr den Traum!



Sind Utopie und Analyse Gegenstze?

Einer der ltesten Vorwrfe ist der, dass Utopien eine Abwendung vom rationalen Denken hin zu idealistischer Spinnerei seien. Fr uns ist die Frage schon falsch gestellt, weil sie einen Gegensatz aufbaut, den wir so nicht sehen: die schonungslose,
selbstkritische Analyse der bestehenden Gesellschaft und Vorstellungen einer anderen Welt schlieen sich nicht aus, sondern ergnzen sich, gehren untrennbar zusammen.

Beide fr sich fhren irgendwann ins Leere: Entwrfe fr eine andere Gesellschaft kommen nicht ohne eine Analyse der bestehenden aus, denn wer nicht versteht, warum Ausbeutung von Mensch und Natur, warum Machtstrukturen und Herrschaft existieren, wird
diese nie verndern knnen. So knnen Visionen zwangslufig nur als Flucht vor der nicht erkannten Wirklichkeit enden. Und ebenso braucht eine Analyse utopische Funken, um ber das hinaus zu weisen, was kritisiert wird, Menschen Perspektiven aus den
schlechten Verhltnissen hinaus anzudeuten! Wer z.B. keine Vorstellung von einer Welt ohne Autos hat, mu fast zwangslufig vor Autobahnen und Betonwsten resignieren. Denn es liegt einfach zu nahe zu sagen: mensch ist das doof - aber es ist halt so.
Das ist der Punkt, wo Analyse und Utopie verknpft werden knnen, um Teil emanzipatorischer Politik sein zu knnen.

Wir finden es falsch, Utopien und Trume abzulehnen, weil sie etwas mit Emotionen zu tun haben - das ist keine Absage an Rationalitt, aber an ein aufspaltendes und reduzierendes Menschbild, das Gefhle verteufelt, verdrngt und unterdrckt: Widerstand
und das Streben nach einer freien Gesellschaft sttzt sich nicht allein auf Einsichten, sondern auch auf unsere Wut, Hass, Spa und Wnsche! Wenn dafr kein Platz ist, ist fr uns kein Platz!

Und auf die Frage, ob Utopien nun Quatsch sind, knnen wir nur noch zitieren: Auch in Form von Hirngespinsten tragen sie in sich ein Krnchen Realitt. Denn vieles wird gerade zu bestimmten Zeiten vorstell- und denkbar. In der Realitt wachsen den
Utopien Latenzen zu; es entstehen Mglichkeiten des Noch-Nicht. Diese Mglichkeiten lassen sich nicht mehr als blo utopisch negieren, sondern warten auf das handelnde Eingreifen der Menschen. (A. Schlemm, Macht was ihr wollt!) So bezieht z.B.
die Utopie eines arbeitsfreien bzw. armen Lebens ihre (berzeugungs-)Kraft aus der realen Chance, die Produktion durch hochmoderne Technik zu automatisieren.



Oder wieder nur starre Gegenbilder?

Viele Menschen kritisieren, dass visionre Entwrfe selbst wieder starre Gegenbilder vorgeben wrden, die keinen Raum zur eigenen Ausgestaltung lassen, von wenigen stammen und vielen aufgedrckt werden. Dieser berechtigte Verdacht bezieht sich
insbesondere auf extrem genau durchdachte Entwrfe wie z.B. kotopia und Panokratie. Wir sehen es auch als Problem, wenn Visionen nur von einzelnen Menschen entwickelt werden, da dort eine gleichberechtigte Kommunikation vieler fehlt und soziale Rollen,
in diesem Falle die der TheoretikerIn, zementiert werden. Und Utopien, die nicht in der Auseinandersetzung von Gruppen und Einzelpersonen wachsen, knnen zwangslufig nur von auen an eine Bewegung heran getragen werden.

Eine Utopie einer Gesellschaft, die in sich Gleichberechtigung und Selbstorganisation tendenziell schon verwirklicht, kann daher nur entstehen, wenn sie von allen Menschen getragen werden kann - als selbstorganisiertes Projekt. Unterschiede und
Eigenheiten drfen trotz gemeinsamer Ziele nicht verwischt werden. Dazu mu die Rollenaufteilung in AktivistInnen und TheoretikerInnen aufgehoben werden: Nicht am Schreibtisch, sondern in Austausch und Auseinandersetzung von aktiven Menschen und Gruppen
selbst knnten diese Gegenbilder entwickelt und weiter entwickelt werden. Dabei kann das Internet untersttzend sein, Erfahrungen haben aber gezeigt, dass nicht-virtuelle Treffen unersetzbar und viel intensiver sind - also bitte mehr davon!

Die Vision: eine bunte, offene Utopie, die aus und in der Bewegung entsteht, in der sich unterschiedlichste Anstze treffen und treffen knnen und die eine Vernetzung von - trotz gegenteiliger Bemhungen - immer noch recht isolierten Teilbereichskmpfen
bewirkt. So knnte die gemeinsame Vision einer Gesellschaft jenseits von Verwertungslogik und Rollenzwngen Menschen aus verschiedenen Zusammenhngen (Anti-Atom, Anti-Gentech, Kinderrechte, Anti-Kapitalismus und Anti-Sexismus / Gender) nicht nur
gedanklich strker verbinden - ohne die Autonomie der einzelnen Aktionsfelder einzuschrnken.

Aus disem Grunde ist es bedeutsam, dass wir in Utopien nicht die letzte Antwort oder die zu Ende gedachte Lsung sehen, sondern etwas Unfertiges, Prozesshaftes, das sich mit den praktischen Vernderungs - und Diskussionsprozessen weiter entwickelt kann.
Neuere, eher fragmentarische Utopien wie bolo-bolo, die viele Fragen und Antworten offen lassen, weisen da schon in die richtige Richtung - wenn auch die Diskussion noch breiter, offener und vielfltiger sein knnte. Wenn wir Utopien als Teil des
Kampfes fr ein freies Leben begreifen, dann mssen sie auch hinterfrag - und vernderbar sein! Allein schon deswegen, weil wir unsere Gegenbilder vor dem Hintergrund der Gesellschaft entwickeln, die wir verndern bzw. berwinden wollen. Mit diesem
Widerspruch und einem mglichen Umgehen damit schliddern wir in den nchsten Absatz...



Visionen ... geht das denn?

Ein Einwand gegen Visionen ist, dass es unmglich sei, eine andere, freie und kologische Gesellschaft zu denken, da unser Denken vllig von der Welt, wie sie ist, bestimmt wird. Und der zweite Teil des Einwandes ist ohne Zweifel zutreffend: So ist z.B.
in vielen Visionen die Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau beibehalten worden, ebenso wie in lteren Utopien oft eine technikkritische und kologische Perspektive fehlt. Dennoch finden wir es falsch, diese einfach als Ganzes zu verdammen. Wir alle
stecken in der Gesellschaft samt ihren Zwngen, die wir verndern und berwinden mchten - auch an uns selbst. Und es ist klar, dass unsere Vorstellungen einer geileren Welt durch die Brille der alten entstehen. Anders gesagt: Utopien richten den Blick
auf eine bessere Zukunft, aber wir sehen dieses andere Leben immer mit den getrbten Augen einer miesen Gegenwart!

Wir sehen darin keinen Grund, jede Utopie zu verwerfen, sondern einen viel greren, ehrliche, gemeinsame Reflexionen und Auseinandersetzungen voran zu treiben, um uns diese Widersprchlichkeiten immer wieder bewusst zu machen. Nochmal: Die genannte
Kritik ist richtig, absolut gesetzt schliet sie jedoch radikale Umbrche vllig aus: Ein Verzicht auf Gegenbilder wrde bedeuten, uns die Chance zu nehmen, Vernderung zu denken, die ber eine herrschaftsfrmige Gesellschaft hinaus weist und damit auch
die praktische vorbereitet. 



Fazit?

Eine Bewegung von unten mit realistischer Perspektive ist nicht denkbar ohne Zielvorstellungen und Visionen, die nicht auf Markt, Staat und autoritre Strukturen setzen - sondern auf Menschen, freie Vereinbarungen und kollektive Selbstorganisation. Anders
kann aus unserer Sicht der Orientierungs - und Perspektivlosigkeit sozialer Bewegungen nicht entgegen gewirkt werden. Dabei sind wir mit den schon benannten Schwierigkeiten konfrontiert, Gegenbilder...

- nicht am Schreibtisch - sondern in kontinuierlichen, gemeinsamen Diskussionsprozessen entstehen zu lassen. Ziel ist ein selbstorganisierter Enstehungsprozess von vielen.

- an ihre reale Umsetzung zu knpfen, als Teil des Prozess zu sehen - und zu leben!

- zu entwerfen, die gemeinsame Ziele setzen, ohne die Unterschiede der agierenden Gruppen auszulschen. (Eine Welt mit Platz fr viele!)

- in Zusammenhang mit Direkter Aktion zu setzen, um Visionen an Menschen heran zu tragen und in ffentliche Diskussionen einzugreifen. Denken, trumen, handeln!

Dass die entstehende Bewegung von unten von diesem Anspruch meilenweit entfernt ist, ist ein offenes Geheimnis. Die bisherigen Versuche, eine (zugangs-)offene Utopie zu verwirklichen (z.B. Freie Menschen in Freien Vereinbarungen auf www.opentheory.org),
sind daran gescheitert, dass es kaum bis keine Beteiligung gab. Und gerade das finden wir schade, weil es wenige aktive Leute auf eine zugewiesene Rolle fest legt. Die Lsung dieses Problems kann dieser Text nicht anbieten. Denken, trumen, handeln - die
Utopie selbst in die Hand nehmen.