Was ist eine konkrete Utopie?

gliche Zuknfte

 - Konkrete Utopie

Utopien im allerweitesten Sinne sind alle rationell verfaten Konzepte einer anderen (schneren oder schlechteren) Welt (Pfetsch, S. 4). Aber auch die Darstellungen einer schlechteren Welt (Anti-Utopien, Dystopien) dienen wenigstens indirekt der Kritik
des Vorhandenen oder Befrchteten - zielen also auf eine Verbesserung. In diesem Sinne sind Utopien subjektiv gestaltete Zukunftsentwrfe, die im Ganzen oder im Detail eine wnschbare zuknftige Gesellschaft skizzieren (Schwendter, S. 19). Sie mssen
von uns gegen den Zeitgeist der Horrorszenarien selbst neu gefunden werden. Utopische Ziele sind vor allem jene, die im Augenblick nicht zu erreichen sind, weil sie den gegebenen Trends nicht entsprechen, sondern entgegenstehen.

Es geht uns nicht um die nicht zu verwirklichenden Utopismen.

Konkrete Utopien beziehen sich auf die Tendenzen und Latenzen in der geschichtlichen Bewegung selbst. Prozehaft-konkrete Utopie ist in den beiden Grundelementen der marxistisch erkannten Wirklichkeit: in ihrer Tendenz, als der Spannung des verhindert
Flligen, in ihrer Latenz, als dem Korrelat der noch nicht verwirklichten objektiv-realen Mglichkeiten in der Welt. (Bloch, S. 727). In diesem Sinne ist auch der Realismus selbst eine Einheit von Hoffnung und Prozekenntnis (Bloch, S. 727).

Utopien sind also in diesem Sinne keine unerfllbaren Wunschtrume, sondern als konkrete Utopie bzw. Realutopie knnen sie bei entsprechenden gesamtgesellschaftlichen Konstellationen Wirklichkeit werden (Schwendter, S. 20). Und ohne sie, ohne
berlegungen, wie es denn anders als bisher sein sollte, entstehen keine Handlungsmotivationen (Behrend, S. 23) fr die Bedingungsvernderung ...

Auch die Utopien haben ihre Geschichte. Es gab meistens Ordnungsutopien (Staatsromane mit festgeschriebenen idealen Staatsformen) und Freiheitsutopien nebeneinander. In diesem Jahrhundert entstanden leider mehr Dystopien (nicht Wunsch-, sondern
negative Angstbilder). Und in der Science Fiction-Literatur und Filmen wurden angstmachende Visionen ohne Utopien (Nakott) zur Regel. Zustzlich bekam durch das Ende der sozialistischen Staaten eine prinzipielle Utopiekritik neue Nahrung. Die
grundstzliche Kritik am Gedanken rationaler Gestaltung der Gesellschaft als eines Ganzen (Irrlitz) pat gut in den Zeitgeist der Postmoderne, die groe Erzhlungen mit Fortschrittsversprechen und -erwartungen ablehnt.

Nichtsdestotrotz speisen die Wnsche und Aktivitten von Menschen weiterhin reale Utopien. Die aufgeschriebenen sind seit den 60er Jahren fast ausschlielich Freiheitsutopien (Schwendter, S. 15) auf Grundlage einer dezentralisierten, kologisch
vertrglichen Lebensweise. Aber viel bedeutungsvoller als die beschriebenen Papiere sind die Prozesse, bei denen die Utopiebildung selber dezentralisiert ist. In ihnen werden typischerweise eine Vielfalt von Lebensbedrfnissen und zu erwartende Konflikte
bercksichtigt, beispielsweise beim Utopiegesprchskreis innerhalb des Gewaltfreien Aktionsbndnisses Hamburg.



Wnsche fr die zuknftige Gesellschaft, die herrschaftsfrei strukturiert sein soll, in der Emanzipation auf Grundlage sozialer Sicherheit fr alle mglich sein soll und die kologisch vertrgliche Wirtschaftsweisen auf Grundlage von Allianztechnologien
verwirklicht, sterben nicht ab, sondern artikulieren sich immer wieder neu. Gegenwrtig treffen sie auf eine Situation, in der die Erfllung dieser Wnsche einerseits drngend erforderlich wird angesichts der verheerenden kologischen und sozialen
Desaster des Sptkapitalismus, andererseits aber auf Grundlage der erzeugten produktiven Krfte der Menschheit auch immer strker im Horizont des Mglichen erscheint.

Prinzipiell entspricht dieser Weg durchaus einer Dialektik, die keine Sicherheit auf den Sieg des Fortschritts bietet, aber wenigstens Anknpfungspunkte fr hoffnungsvolles Handeln. Auch Marcuse sieht trotz seiner treffenden Analyse der eindimensionalen
Menschen durchaus Tendenzen in Theorie und Praxis, die in einer gegebenen Gesellschaft ber das etablierte Universum von Sprechen und Handeln in Richtung auf seine geschichtlichen Alternativen `hinausschieen` (Marcuse, S. 13).



Neue Erkenntnisse ber typische Evolutionsverlufe unter Beachtung von Selbstorganisations- und Chaoskonzepten (Schlemm 1996, S. 180ff, oder Schlemm 1999, S. 55f.) przisieren unser Wissen ber die Art und Weise der Durchsetzung von mglichen Zuknften:

Relativ stabile Zustnde erzeugen sich stndig selbst (zyklische Reproduktion: z.B. biochemische Prozesse in unserm Inneren, wirtschaftlicher Aktivitten in der Gesellschaft ...). Stabilitt bedeutet, da Abweichungen ausgemittelt, unterdrckt werden.

Diese Prozesse verndern ihre eigenen inneren und ueren Bedingungen irreversibel, bis die eigenen Existenzgrundlagen aufgebraucht sind.

Dann entsteht eine sog. sensible Phase, ein Bifurkationspunkt, an dem die Abweichungen pltzlich nicht mehr unterdrckt werden, sondern eine Chance haben, sich extrem zu verstrken (ein Schmetterlingsflgelschlag in Europa kann einen Orkan in
Amerika ermglichen - Schmetterlingseffekt). Keime fr die jetzt mglichen revolutionren Vernderungen mssen aber vorher gelegt worden sein. Es ist nicht eindeutig voraussagbar, welche Schmetterlinge vorhanden sind und welche Flgelschlge historische
Wirkungen haben werden. Es kommt darauf an, gengend Keime der von uns gewnschten Zuknfte gelegt zu haben!

In diesem Bifurkationspunkt wird der frhere stabile Zustand beendet - mglich sind jetzt mehrere verschiedene Zuknfte, die miteinander konkurrieren oder eventuell gleichzeitig entstehen und eher kooperieren (z.B. mannigfaltige Entstehung vieler
neuer biotischer Arten nach den Katastrophen).



