Am Jahrtausendwechsel 2001

mrisse einer konkreten Utopie

Viele unserer Wunschvorstellungen entsprechen schon gar nicht mehr sehr entfernten Utopien, sondern sie sind sehr realistisch. Echter Realismus zieht in seine Betrachtungen nicht nur das ein, was deutlich sichtbar ist, sondern auch das, was als Antwort
auf unabdingbare Notwendigkeiten im Schoe der Gesellschaft erst heranwchst (Jungk 1990, S.14).



1. Wiedereinbettung des konomischen 

ins Gesellschaftliche

Aus der DDR bringe ich die Erfahrung mit, da mit einer Mangelwirtschaft keine neue Politik zu machen ist. Die konomie mu stimmen. Es wre aber verhngnisvoll, mit dieser Begrndung der konomie und konomischen Kalklen die Herrschaft ber die
Gesellschaft zu geben. Aus diesem Grund befrworteten die frhen kommunistischen revolutionren Vorstellungen auch ein Primat der Politik, was unter Mangelbedingungen allerdings zu konomisch oft unsinnigem politischen Voluntarismus fhrte.

	Deshalb mssen andere Bedingungen geschaffen werden, den verhngnisvollen Selbstlauf der konomie (die ihre Zwecke selbst setzt und nicht mehr an menschliche Zwecke bindet) aufzuhalten und gesellschaftlichen Zielsetzungen zu unterwerfen. Dies fhrt zu
einer nach-konomischen Gesellschaftsformation (vgl. Schlemm 1999, S. 73). konomie wird laut Wirtschaftslehre dadurch notwendig (und dominant), da man mit knappen Gtern nur entsprechend konomischer Rationalitt wirtschaften knne. Die Herrschaft
der konomie zu beseitigen bedeutet deshalb, die Herrschaft der (Angst vor der) Knappheit zu beseitigen.



2. Wirtschaft: Knappheiten sind beseitigt 

auf Grundlage starker produktiver Krfte 

(Menschen und Technologien)

Der erreichte Stand der Produktivkrfte wrde lngst eine ausreichende materielle und energetische Versorgung der Menschen auf diesem Planeten ohne Arbeitsstre und kologische Zerstrung gestatten. Die Versorgung schliet auch kulturell entwickelte
Bedrfnisse ein - die jedoch nicht mehr durch Marketing erzeugt werden, sondern durch langlebige Gter, Mehrfachnutzung, Leasing u.a. ressourcensparende Praktiken befriedigt werden.

Die Entwicklung ist davon gekennzeichnet, da das jeweils frher Dominierende als Untergrundproze weiterluft, seine Gesetze aber nicht mehr andere Bereiche unterwerfen. Jetzt ist die Mglichkeit gegeben, da auch die stofflich-energetische ReProduktion
der Gesellschaft im Untergrund ohne viel Aufwand an lebendiger Arbeit und nichtverschwenderischer Ressourcennutzung funktioniert, ohne das Leben der Menschen und ihre Zeit aufzufressen.

Ziel ist die Befreiung DER Arbeit und Befreiung IN der notwendigen (Rest-)Ttigkeit. Arbeit als abstrakt dem Profitprinzip unterworfene Ttigkeit verndert dadurch ihre innere Qualitt in dem Sinne, da sie eben nicht mehr als Abstraktes zu bestimmen
ist, sondern sich wieder direkt auf Nutzen und Zweck bezieht und zu konkreten, miteinander vernetzten Ttigkeiten wird (Abschaffung der Arbeit, wie sie die KRISIS-Leute fordern).





3. Befreite kreative Menschlichkeit

Wir brauchen keine Neuen Menschen durch eine Erziehungsdiktatur erzeugen. Sie sind schon unter und in uns.

Das Menschliche ist dadurch gekennzeichnet, da Individuen gegenber den gesamtgesellschaftlichen Verhltnissen eine Mglichkeitsbeziehung (so oder anders oder nicht zu handeln zu knnen) besitzen, die die Tiere noch nicht hatten (Holzkamp 1985, S.
236).

Gerade die ganz normale kapitalistische Entwicklung fordert und frdert Fhigkeiten und Verhaltensweisen wie Wissen, Kreativitt und Teamarbeit aus den eigenen Notwendigkeiten heraus und erzeugt dadurch zwangsweise Fhigkeiten, die fr ihre Zwecke
berflssig - sogar schdlich - sind, weil sie berschieenden Charakter haben.

Dieses Wissen mu dazu genutzt werden, die Bedrohung durch die scheinbar unberwindliche Entfremdung und Fetischisierung der Verhltnisse durch die Individuen aufzubrechen. (Der Nachweis der Entfremdung und Fetischisierung - wie von KRISIS - knnte
kurzschlssig so gedeutet werden, da er nur noch mehr begrndet - und damit verfestigt wird, wenn keine Auswege ableitbar sind.)



4. kologisch vertrgliche, humane 

und produktive technische Produktionsmittel

Die in B) vorausgesetzte hohe Produktivitt der stofflich-energetischen Bedrfnisbefriedigung ist nicht mglich mit den Mitteln der vorindustriellen Zeit, sondern nutzt die durch die Megamaschine hindurchgegangenen Produkte nun in vllig neuer Weise
(vgl. Meretz a).

Die moderne Fertigungstechnik wird inzwischen sowieso in Richtung automatisierter Kleinstserienfertigung entwickelt, die Planungs-, Steuerungs- und Regelungstechnik in Richtung Dezentralisierung und Flexibilisierung (Multiagentensysteme) ... (Dies kann
analysiert und bewertet werden, wie dies Marx mit der damals entstehenden Werkzeugmaschinenproduktion im 13. Kapitel des 1. Bd. des Kapitals tat.). Zur Zeit entsteht eine automatische Produktionsweise zweiter Ordnung, die massenhafte Herstellung von
Einzelprodukten auf direkte Anforderung durch den Bestellenden, d.h. eine Selbstplanung (Meretz a) mglich. Im Produktionsbereich selbst verlagert sich die Entscheidungskompetenz damit zwangslufig in die direkte Produktion. Insgesamt entstehen zur Zeit
mannigfaltige Vorstellung(en) von Informations-&Kommunikations-Systemen als Handlungskoordinationsmedium kooperativer Interaktionen in einer alternativen Gesellschaftsformation (Fuchs).

Hier liegen Basisvoraussetzungen fr eine vllig neue Produktionsweise vor, die als Utopie durchaus das Modell Replikator (StarTrek) haben kann. Dabei werden die jeweiligen Anforderungen nutzerfreundlich eingegeben und die Technik realisiert die Wnsche
auf Grundlage von fertigen Modulen im Hintergrund.



5. Regionalisierung - aber moderne Vernetzung 

ber Informations- und Kommunikationstechnologien

Die bereits genannten Tendenzen der Dezentralisierung und Flexibilisierung der Produktion bei globaler Vernetzung knnen unter neuen gesellschaftlichen Zielsetzungen (Bedrfnisbefriedigung statt Profit) zugrunde gelegt werden.

Eine dezentral-vernetzte Produktion und Entwicklung nach der Basar-Methode wie Linux (Raymond, Meretz b) erweist sich gerade beim Beispiel Linux sogar effektiver als die bisherige kapitalkonzentrierte- und -beherrschte Produktionsweise.





6. Graswurzel-Demokratie

Regionalisierte Wirtschafts- und Lebensgemeinschaften werden auf der Grundlage von Dezentralisation und Flexibilisierung vllig neue Anforderungen und Mglichkeiten zur demokratischen Selbstbestimmung haben. Die uralte politische Forderung nach
Selbstbestimmung erhlt hier ihre materielle Fundierung.

Wir treffen uns hier auch wieder mit ursprnglichen marxistischen Forderungen:

Das Wort Staat im Parteiprogramm durch Gemeinwesen zu ersetzen (MEW, Bd. 34, S. 128)

Selbstregierung der Produzenten (MEW, Bd. 17, S. 339)

Machtbergabe an die lokale Selbstverwaltung/Selbstregierung (MEW, Bd. 17, S. 341)...

Die bisherigen Revolutionen in der Geschichte ersetzten bestimmte Herrschaftsformen durch neue. Diesmal geht es um die Abschaffung jeglicher Herrschaft ber Menschen und die Natur - ein vllig neues gesellschaftliches Ziel. Dieses Ziel beinhaltet, da die
Menschen sich selbstbestimmt versorgen und ihr soziales und kulturelles Leben selbst organisieren: Bisher wurden die gesellschaftlichen Beziehungen ber persnliche oder strukturelle Gewaltverhltnisse vermittelt - die Menschen in der herrschaftsfreien
Gesellschaft haben die Mglichkeit, sich von beiden Gewaltverhltnissen zu emanzipieren. Dies erfordert aber, da auch auf dem Weg, auf dem dieses Ziel erreicht werden soll, dieser Aufgabe entsprechend auf Gewalt- und Machtverhltnisse verzichtet werden
mu. Es mu zu dem von Marx in der 3. Feuerbachthese angemahnten Zusammenfallen des nderns der Umstnde und der ... Selbstvernderung kommen.