Utopie konkret: Toni Blubb's

anokratie

Kaum ein Buch hat in linken Kreisen soviel Staub aufgewirbelt wie die Panokratie. Sie ging nicht einfach still und leise im Bltterberg unter - sie schlug Wellen. Wellen der Emprung, Wellen der Begeisterung, Wellen von Gelchter, Wellen von Diskussion.
Ein Buch, das es schafft, die Meinungen immer wieder zu spalten und auf diesem Wege die Debattenmdigkeit in wilde Diskussionsfreude umzuwandeln, ist es wert, betrachtet zu werden.

Zu Anfang sei es klar gesagt - dieses Buch ist vllig abgedreht, grenwahnsinnig, stlilistisch provozierend und inhaltlich uerst diskussionswrdig. Gerade deswegen sollte mensch es nicht als per se abzulehnendes oder abzufeierndes Werk, sondern als
Ideenpol und Ansto zur Debatte betrachten, in dem eine Menge Aspekte, Fragen und Themen visionrer Diskussion in auergewhnlicher Form versammelt sind.

Leitmotiv der Panokratie ist zum einen ihre Sprache und zum anderen der Tabubruch. Die Sprache prsentiert sich im Gegensatz zu den meisten visionren Werken als eine Mischung aus schwarzem Humor a'la Monthy Python, stndigen Wortspielen, die an uerst
versierten Hiphop erinnern und einem stndigem Humor, der noch ber das bitterste Thema gestrichen wird. Allein dieser Stil ist bereits eine sthetische Provokation, eine gewollte Abweichung von akademischer Seriositt oder revolutionren Phrasen.

Der Tabubruch zeigt sich in diversen Denkmodellen, von denen sich die Idee von Ying und Yang wie ein roter Faden durch das Buch zieht. Blubb versucht hier, das Gefhl und das Irrationale im Menschen wieder in seine Vision einzufhren, da er es berall -
auch und gerade in der Linken - aus dem Diskurs ausgeschlossen sieht. Alle bisherigen autoritren Gesellschaften htten die Orientierung auf das reine Yang, die pure, klare, straighte Ratio, als ihr Merkmal gehabt. Und diese Fixierung auf die Vernunft des
Menschen sei ein Fehler gewesen. Die Emotionen und irrationalen Elemente unserer Seele auszublenden, fhre automatisch zu einer kalten, hierarchischen, den reinen Zwecken gehorchenden Gesellschaft und mache eine wahrhaft anarchistische Welt unmglich.
Nur, wer das Ying wieder annimmt und das Gleichgewicht zwischen Ratio und Emotionen, Ying und Yang, wieder herstelle, kann als Mensch die Balance und die Menschlichkeit erlangen, die eine libertre Gesellschaft zum Funktionieren braucht.

Dieser Aspekt hat sich oftmals heftigen Vorwrfen der Esoterik ausgesetzt gesehen. Ein Todesurteil fr eine emanzipatorische Vision. Eines sei klar gesagt - das Entstehen hierarchischer Gesellschaften bis hin zum Nationalsozialismus vornehmlich aus dieser
Ying/Yang-Thematik herzuleiten, mag eine arg verkrzte und gefhrliche Analyse sein. Doch muss sich die grundstzliche Beschftigung mit der Seele und der Psyche grundstzlich als esoterisch abqualifizieren lassen? Ich denke nein. Wer sich ein wenig damit
befasst, wie Menschen ihre Realitt konstruieren oder was ihr Leben und ihre Handlungen lenken mag, kann das Emotionale und Irrationale, das Tobi Blubb unter Ying zusammenfasst, nicht einfach ausblenden. Der radikale Konstruktivismus und die
Skripttheorie seien hier als Verweise genannt, deren Erkenntnisse einem gar keine andere Wahl lassen, als die Erklrung fr das menschliche Verhalten da zu suchen, wo sie sich finden lsst - in der menschlichen Psyche und all ihren Elementen. Dass diese
gesellschaftlich geprgt und geformt wird, widerspricht dem in keinster Weise. Demnach mag mensch die Gesellschaftsanalyse Blubbs berechtigt kritisieren - eine pauschale Aburteilung seines Ansatzes als Esoterik ist aber doch zu flach.

Blubbs eigentliche Gesellschaftsstruktur drfte Anarchismus-Interessierten eher bekannt vorkommen. Eine vllig dezentrale, parzellierte Gesellschaft, deren regionale Einheiten hier als Moyzellen, Poyzellen usw... von Gemeinschaften aus 25 Personen bis zu
Lndern und Kontinenten hochdekliniert werden, die natrlich keine Nationen, sondern einfach wieder nur Zusammenschlsse der kleineren Einheiten sind. Produziert wird nach Bedarf, Geld ist abgeschafft und je nach Aufwand und Komplexitt der Produktion
wird sie in kleineren oder greren Zellen abgewickelt. Brot backen und Schrnke bauen kann mensch schon in seiner 25er-Moyzellen-Gemeinschaft. Computer dagegen werden wohl in einer Hyperzelle hergestellt werden.

Diese spielen in der Panokratie ohnehin eine groe Rolle, werden sie doch wie heute das Internet massiv zur schnellen Kommunikation genutzt und zwar zu einer sehr wichtigen, die uns zum zweiten Tabubuch des Buches fhrt - der Abstimmung. Jawohl, in der
Panokratie gibt es keine Plena, auf denen ein Konsens ausgesessen wird, bis die Suppe kalt ist, sondern ein ausgeklgeltes, futuristisches Abstimmungsprinzip, welches mit den freien Medien Hand in Hand arbeitet. Da in einer Gesellschaft ohne
Verwertungslogik auch alle Informationen frei und transparent sind, knnen sich in der Panokratie alle Menschen zu einer anstehenden Entscheidung in einem gewissen Zeitraum eine Meinung bilden. Dann wird von zuhause aus per Computerklick in einem
Abstimmungsverfahren abgestimmt, welches uns Blubb als transparent und unmanpulierbar prsentiert, was jeder selber nachlesen sollte.

Kleinere Zellen entsenden fr grere Prozesse zwischen den Fderationen natrlich Delegierte, welche aber bestndig wechseln. Aktive Teilnahme an allen Entscheidungen, direkte Verantwortung fr die Gemeinschaft und stndige Beschftigung mit den
politischen Prozessen sind in der Panokratie fr jeden Menschen eine Selbstverstndlichkeit. Mensch geht nicht nur seiner Ttigkeit nach, sondern soll und muss sich auch als Teil seiner Gemeinschaft in politische Prozesse einbringen. Keiner kann
mehr Verantwortung auf Autoritten und Sachzwnge abwlzen, Politik wird zirkulierend von allen gemacht. Das bewirkt eine umfassende Bildung und Aufklrung der Menschen, womit wir beim dritten Tabubruch, zumindest fr Anti-Pdagogen wren: In der
Panokratie gibt es ein Bildungssystem. Dieses ist weitgehend frei, frdert die individuelle Entfaltung und beinhaltet Fcher, vor denen sich die kapitalistische Gesellschaft frchten wrde. Aber es ist und bleibt dennoch eine Bildungsinstitution. Die
Einsicht, dass die Menschen auch in der Panokratie nicht als emanzipierte, reflektierende Leute geboren werden und dass Bildung in einem anderen Rahmen als dem der Verwertungslogik die Voraussetzung fr Emanzipation und eigenstndiges Denken ist, ist ein
weiterer Aspekt der Panokratie, der nahezu brgerlich-humanistisch daherkommen mag und dessen Sinn der Autor dieser Zeilen einfach mal als gegeben in den Raum stellt.

Nach und nach bietet die Panokratie in ihren zahlreichen Kapiteln somit Antworten auf alle Fragen, die anarchistische Theorie bislang offen lie. Mensch muss diese Antworten nicht mgen und sie bieten exzellente Reibungsflchen fr Diskussionen - aber
gegeben werden sie. Darin liegt Segen und Fluch der Panokratie. Sie liefert eine detaillierte und in sich geschlossene Vision, die gerade durch diese Geschlossenheit viele Menschen zu faszinieren vermag. Sie verschliet sich aber dadurch auch einem
Konzept von emanzipatorischer Vision, indem nur gewisse Rahmenbedingungen vorgegeben werden und der Rest dann von allen Menschen gemeinsam diskutiert und prozesshaft entwickelt werden msste. Die Panokratie ist so, wie sie ist, zwar eine libertre Vision
- aber sie gibt sie so geschlossen vor wie ein Hollywoodfilm. Eine Paradoxie? Oh ja, auf jeden Fall!

Der grte und heftigste Tabubruch der Panokratie ist ein Kapitel ber die Weltverschwrung der Illuminaten. Minutis und przise wird da die Existenz der Illuminaten bewiesen und der/die LeserIn fragt sich stndig, was das denn nun soll. Ist
das Satire? Comedy? Provokation? Mensch kann dieses Kapitel so verstehen und sich darber amsieren; es als einen Trip des Autors abhaken, den dieser in seiner Kiffestube (Blubb ist schlielich auch Herausgeber des Grow) ausgeschwitzt hat. Mensch kann
diesem Kapitel aber auch den Vorwurf machen, im Sinne vieler anderer Verschwrungstheorien um Illuminaten und hnliches extrem unschne Assoziationen an antisemitische Verschwrungspropaganda wachzurufen. Dieses Kapitel htte er sich wirklich
sparen knnen. Die Panokratie schliet mit einem dsteren Blick auf die Zukunft. Aus einer kologischen Analyse (die wie alles andere in dem Buch trotz des absurden Stils mit serisen Funoten belegt wird) wird am Ende klar, dass sich der globale Kollaps
gar nicht mehr verhindern lsst! Gerade das sei aber ein Grund fr die Panokratie.

Und somit zitiere ich zum Ende den Autor, der brigens nicht an eine Revolution, sondern nur durch eine berzeugung und Vernderung der Menschen durch Vorleben der Panokratie in den ersten panokratischen Zellen, also Freirumen im klassischen Sinne,
glaubt: Durch den Zeitverzgerungseffekt des Ozonlochs und des Treibhauseffektes fhre selbst bei einem sofortigen Stop aller Ozonkiller und Treibhausgase die Erde unausweichlich in den globalen kokollaps. Der point-of-no-return ist lngst
berschritten. Die Hoffnung auf die Rettung der Menschheit durch eine Weltrevolution ist daher illusorisch. Die einzige Rettung, die uns bleibt, ist Tjo. Von dieser Rettungsinsel aus wird es vielleicht mglich sein, die Erde schrittweise wieder bewohnbar
zu machen. [...] Tjo ist die einzige Mglichkeit, zuknftigen Generationen ein berleben in Wrde zu garantieren. [...] Die Menschheit hat bislang mehrere Eiszeiten, eine Sintflut, fnf Pestepidemien, zwei Weltkriege und sogar Schnbergs Zwlftonmusik
berstanden. Wir knnen daher zuversichtlich sein, da sie auch die zuknftigen Probleme meistern wird. Die entscheidende Frage ist jedoch, wieviel Tonnen Schwei und Blut dabei in die gebeutelte Erde sickern werden. Somit bleibt die Panokratie
als einziger trnenfreier Lsungsweg!

Tjo - das panokratische Land.....dieses Buch ist vllig irrwitzig. Aber mensch sollte sich drauf einlassen. Es bietet mehr visionre Anregungen, als mensch denken mag - wenn mensch sich einfach drauf einlsst.