Aktion gegen das Alte und die Entwicklung des Neuen

iderstand und Vision

Perspektivendiskussion - in der Nische. Widerstandsaktionen - kurzfristige Erregungsknaller ohne erkennbare Ziele. Soweit die Lage. Vernderungen? Die Erfahrungen sind bisher schlecht. Oft geradezu diffamierend reden AktivistInnen aktionsorientierter
Gruppen und DiskutantInnen in Theoriegruppen bereinander - die einen werfen den anderen Theorielosigkeit und Aktionismus vor, umgekehrt ist von Theoretikern bis hin zu Sesselfurzern die Rede.

Versuche der Verknpfung enden fruchtlos, kleine Anstze werden nicht wahrgenommen - so geschah es 1999/ 2000 in der Vorbereitung des Expo-Widerstands, als ein Versuch der Verknpfung von Widerstndigkeit, gesellschaftsanalytischer Reflexion und
Entwicklung von Visionen unter dem Titel Freie Menschen in Freien Vereinbarungen - Gegenbilder zur Expo 2000 versucht wurde, aber schnell ein Randdasein fristete, whrend im Kern das Nebeneinander von Theorie, Praxis und der vermittelnden Strategiefrage
weiterging. Zu den meisten Anlssen, insbesondere die drei groen Schlsselreize linken Aktionstourismusses (zumindest in Deutschland) wie internationale Wirtschaftsgipfel, Castor und Naziaufmrsche, bleibt jeglicher Versuch der Verknpfung von
Widerstand und Perspektive aus. Aber sie wre wichtig: Widerstand schafft Erregungskorridore, in denen die Diskussion dann stattfinden kann. Widerstand ohne die Diskussion schafft nur Erregung ohne Inhalt und kontinuierliche Prozesse (Eventhopping ist
eine Folge). Der Diskussion aber fehlt ohne Widerstand auch etwas Grundlegendes - nmlich die Chance breiter ffentlicher Wahrnehmung und gesellschaftlicher Debatte. Eines ohne das andere schafft immer nur Nischen und eigene Smpfe.



Beispiele:

Der Widerstand gegen den Castor schuf die Basis fr eine breite Akzeptanz regenerativer Energie. Dieses Bewutsein fr den geschichtlich-gesellschaftlichen Zusammenhang aber haben vor allem die heutigen Energieanlagenbauer und -planer nicht mehr (siehe
z.B. den verzweifelten Appell im Vorwort der Solarzeitung PHOTON im Mai 2001, wo deutliches Unverstndnis fr die Interessenlosigkeit der regenerativen Energiebranche an den Castortransporten geuert wurde)

Die Torte im Gesicht von Bill Gates steht in einem direkten Zusammenhang mit der hohen Akzeptanz des verwertungsfreien Betriebssystems LinuX. - Die Debatte um verwertungsfreie konomie wrde erheblich an Dynamik gewinnen, wenn zu der theoretischen Ebene
eine Form der politischen Praxis, der Propaganda der Tat hinzukme. So wrde z.B. die Debatte um freie Software und die gesellschaftliche Relevanz (diskutiert vor allem im Oekonux-Zusammenhang, siehe www.oekonux.de) mit direkten Aktionen verknpft
werden knnen - z.B. die Forderung nach (wert)freier Software durch eine Entwertung von Software (berkleben der Preisschilder mit 0,- DM u..) oder durch eine Verffentlichung der Source-Dateien nicht-wertfreier Software (mensch berlege sich einmal die
ffentliche Wirkung einer Aktion, den Source von Windows per Hacking u.. zu erhalten und millionenfach auf CD frei zu verteilen - und diesen massiven Erregungskorridor dann inhaltlich zu fllen).

Der Widerstand gegen die Welthandelsorganisation WTO im November 1999 in Seattle schuf eine breite Akzeptanz einer neoliberalismuskritischen Debatte. Diesen Erregungskorridor (zum Begriff siehe unten) knnten alternativ- und direkt-konomisch agierende
Projekte und Gruppen nutzen - politisch und zur Ausdehnung verwertungsfreier konomie. Das verschlafen sie allerdings komplett: Food-Coops, Tauschringe, Kommunen usw. sind derart systemkonform und angepat, da sie trotz der Steilvorlage der Proteste
nicht bemerken, da sie eine wichtige Schnittstelle zwischen Widerstand und Vision darstellen knnten.



Im Widerstand die Vision 

benennen und verwirklichen

Der Widerstand, von der direkten Aktion bis zur Verweigerung, mu nicht selbst stndig innovativ und neu sein. Vielmehr wird eine Weiterentwicklung der Methoden und Wirkung aus der Reflexion des Bisherigen, dem stetigen Wandel und dem experimentellen
Ausprobieren erfolgen. Die konkreten Strategien und Aktionsformen sind eine Mischung aus bewhrtem Alten, weiterentwickeltem Alten und ganz neuen Versuchen. Die Verbindung mit dem Visionren erfolgt auf zwei andere Arten (die heute im Widerstand
weitgehend fehlen):

Die direkte Aktion erffnet eine gesellschaftliche Debatte (Erregungskorridor), umfassend oder an dem Ort, wo eine Aktion sichtbar ist. In dieser Debatte, oft schon whrend der Aktion oder direkt danach, knnen neben politischen Positionen (Kritik,
Forderungen usw.) auch visionre Vorstellungen zu gesellschaftlichen Verhltnissen oder zu Einzelfragen wie der Energieversorgung, der Mobilitt, der Aufhebung sozialer Kategorien (z.B. sog. Geschlechter, Behinderungen, Unmndigkeit) oder des Eigentums an
Wissen, Boden usw. benannt werden. Die direkte Aktion ist dann die Starthilfe fr eine Diskussion um Visionen. Widerstand und Vision sind so miteinander verknpft, da der Widerstand die Idee der Vision transportiert.

Jede direkte Aktion ist selbst ein sozialer Vorgang. Sie bedarf einer Vorbereitung, der Durchfhrung und der Aktivitten danach. Hierfr ist eine Organisierung notwendig, die selbst zum Experimentierfeld visionrer Gesellschaftsformen werden kann.
Hierarchiefreiheit, sozialer Freiraum, Gleichberechtigung und Dekonstruktion sozialer Kategorien - das und vieles mehr kann im Proze der Organisierung, also in den beteiligten Gruppen und Zusammenhngen, bereits gelebt werden. Dann wre Widerstand
und Vision ein zweites Mal verbunden.



Aspekte und Grundlagen direkter Aktion

Das Konzept von Widerstand und direkter Aktion bedeutet keine plumpen Vokabeln fr besonders radikal posierendes Polit-MackerInnentum, sondern politische Strategien. Sie verbinden die Idee des Eingreifens in gesellschaftliche Verhltnisse, um den Raum zu
schaffen fr eine Diskussion um Kritik und Perspektiven bis hin zu Visionen.

Dieser Dreiklang der direkten Aktion, des daraus entstehenden Erregungskorridors mit einen Chancen zur gesellschaftlichen Debatte und das Einbringen von Positionen und Visionen ist nicht aufhebbar. Aktion ohne Position und Vision schafft wirkungslose
Effekte. Visionen und Konzepte ohne direkte Aktion schafft Nischen und Cliquen, aber beeinflut keine gesellschaftlichen Prozesse und Diskurse. Gesellschaftliche Verhltnisse bestehen aus den Normen, Diskussionen, Kategorien, d.h. den sich
verndernden, aber aufeinander fuenden Diskursen sowie den Strukturen, Institutionen usw., die in einem wechselseitigen Verhltnis von den Diskursen geprgt sind, aber auch aus ihrer Machtstellung heraus auf diese zugreifen knnen (mensch denke allein an
die Bildungsinstitutionen und Medien). Die Entwicklung eines Konzeptes direkter Aktion als gezielt Diskussionen schaffende und fllende Form widerstndiger Politik ist vielerorts wenig entwickelt und braucht intensive Impulse, vor allem aber auch
angesichts der notwendigen Verbindung zwischen Aktion und Position/Vision der konkreten Kooperation bisher meist getrennter Zusammenhnge strker praktischer und strker theoretischer Ausrichtung. Im folgenden sollen statt eines geschlossenen Konzeptes
Aspekte der direkten Aktion benannt werden:



Direkte Aktion

Direkte Aktion bezeichnet den Dreiklang aus einer praktischen, direkten, d.h. unmittelbaren Handlung, dem Entstehen und dann dem Fllen eines Erregungskorridors in der Gesellschaft. Direkte Aktion kann intervenierend gegen einen konkreten Mistand,
symbolisch oder provozierend sein. Ziel ist das Entstehen einer ffentlichen Wahrnehmung und Thematisierung (Erregung), in der eine thematische Debatte mglich wird. In der Erregung knnen Kritiken, Positionen, Ideen, Vorschlge und Visionen, d.h.
umfassende Alternativen so eingebracht werden, da sie in die Debatten eingreifen. Formen der Aktion knnen z.B. Militanz, symbolische Handlungen, verstecktes Theater, Kommunikationsguerilla und viele andere Formen sein, die geeignet sind, ffentliches
Interesse zu erregen, Hinterfragen einzuleiten - eben Platz (Erregungskorridore) zu schaffen fr die Debatte, in der Positionen und Visionen Platz finden.



Erregungskorridor

Dieser Begriff bezeichnet bildlich die Reaktion von Gesellschaft auf eine intervenierende, symbolische oder provozierende Aktion. Berichterstattung in den Medien, ffentliche Aufregung, Distanzierung oder Zustimmung, Hinterfragen oder Hetzen - all das
gehrt zum Erregungskorridor, auch Veranstaltungen, Debatten bis hin zu Gerichtsprozessen. In all diesen Zustnden des Nicht-Gleichgewichts ist eine Debatte um Positionen und Visionen mglich. Ohne den Erregungskorridor knnen sich Ideen nicht ausdehnen,
in Prozessen verndern und Gesellschaft entwickeln.



Widerstand

Widerstand bezeichnet eine Form des Handelns, das darauf ausgerichtet ist, ein anderes Handeln zu beenden oder zumindest phasenweise zu stoppen. Im politischen Raum dient Widerstand der Beendigung eines unerwnschten Zustandes - endgltig oder zwecks der
Debatte um eine Vernderung der Verhltnisse. Prgendes Kennzeichen des Widerstandes ist die Widerstndigkeit, d.h. es wird versucht, eine grundlegende Vernderung zu erreichen - und zwar aus einer Position der Unabhngigkeit heraus. Die angegriffenen
Verhltnisse werden nicht als Rahmen fr das eigene Handeln betrachtet. Widerstand ist mit selbstbestimmten Handlungsformen, einer Autonomie des politisches Agierens verbunden.



Von unten

Beschreibung fr einen Proze, in dem gleichberechtigte Menschen ohne Nutzung von Machtmitteln fr Ziele eintreten bzw. diese umsetzen. Damit ist von unten deutlich zu unterscheiden von unten. Von unten beschreibt einen Proze, nicht jedoch eine
bestimmte Personengruppe, die in der Regel (wenn auch sehr unscharf) mit dem Begriff unten gemeint sind. Von unten sagt aus, da die Prozesse aus einem gleichberechtigten Zusammenhang von Menschen heraus entstehen, ohne da Dominanzen und
Herrschaftsstrukturen entstehen bzw. wirken. Wichtig ist also vor allem das Wort von, das die Prozehaftigkeit benennt. Das ist ein Idealzustand, der als Vision fr die politische Bewegung zum Ziel innerer Strukturdebatten und Aktionsformen gelten
kann.



Widerstand von unten

Umfassendes Konzept politischer Organisierung, die sowohl den Aspekt des Widerstndigen, also einer eigene Regeln setzenden, auf grundlegende Vernderungen zielenden Politik als auch die Idee einer Organisationsform verwirklicht, bei der ein
gleichberechtigtes Miteinander handlungsfhiger und selbstorganisierter Basis- und Projektgruppen mit den von ihnen entwickelten Vernetzungs- und Kooperationsformen, gemeinsamen Aktionen und Positionen prgend sind. Diese Art politischer
Organisierung entscheidet sich grundlegend von den aktuell dominierenden Formen formaler, reprsentativ-demokratischer bis zentralistischer sowie informell-dominanzgeprgter Struktur.



Autonomie

Unabhngigkeit und Selbstbestimmung. Innerhalb einer politischen Bewegung bedeutet das Autonomie-Prinzip, da alle Teile von Bewegung eigenstndig sind, arbeiten und entscheiden, fr sich sprechen und mit ihren Handlungen von sich aus so agieren, da auch
andere ihre Ideen und Aktionsformen umsetzen knnen. Autonomie schliet nicht aus, da in Bndnissen oder bei Aktionen gemeinsame Absprachen erfolgen, die den Rahmen abstecken. Autonomie ist ein strategisches Kernelement emanzipatorischer
Gesellschaftsvisionen und einer Bewegung von unten, was bedeutet, da die Grenze der Autonomie und damit auch der Toleranz genau dort liegt, wo Autonomie und emanzipatorische Strukturen in Frage gestellt werden.



Freiraum

Sozialer Zusammenhnge wie Gruppen, Organisationen, Lebenszusammenhnge, Huser oder Pltze mit gesellschaftlichen Handlungen, die fr sich oder gemeinsam in einem aktiven, widerstndigen Proze die Zwnge der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen
reduzieren. In Freirumen sind die Mglichkeiten zur Entwicklung eigener Formen des gleichberechtigten Miteinanders oder widerstndiger Aktionen unabhngiger von den ueren Zwngen und daher besser mglich.



Gewalt

Direkte oder indirekte Ausbung von physischem oder psychischen Zwang zur Durchsetzung von Interessen. Zu unterscheiden sind:

a. Gewalt von oben als Ausbung von Zwang aus einer Position der Macht, z.B. beim Staat gegenber den Menschen auf Basis des Gewaltmonopols, zwischen Staaten aufgrund einer konomischen und militrischen berlegenheit oder zwischen Menschen aufgrund von
physischer oder struktureller berlegenheit;

b. Strukturelle Gewalt als sachlicher Zwang resultierend aus den Verwertungsstrukturen des Kapitalismus wie dem Zwang, seine Arbeitskraft zu verkaufen oder informellen Machtstrukturen in der Gesellschaft wie patriarchalen Strukturen;

c. Gewalt von unten als sich gegen Gewalt von oben und strukturelle Gewalt richtende individuelle oder soziale Notwehr. Die verschiedenen Gewalttypen werden in unserer Gesellschaft unterschiedlich bewertet. Gewalt durch Staaten oder Konzerne wird in der
Regel durch Gesetze gedeckt und wird daher geduldet bis akzeptiert.

Demgegenber gilt Gewalt von unten als unterschiedlich legitim. So wird Gewalt als individuelle Notwehr gegen unmittelbare physische Gewalt gerechtfertigt - bis hin zu fragwrdigen Formen der Selbstjustiz, die keine Notwehr mehr darstellt. Im Falle der
sozialen Notwehr berwiegt dagegen die Ablehnung. Individuen gilt nahezu weltweit der Schutz auch der Obrigkeit (z.B. ber die christliche Nchstenliebe), whrend Personengruppen diskriminiert werden. Krieg, soziale Diskriminierung von Frauen,
AuslnderInnen, Behinderten und vielen andere Formen der unterdrckenden Gewalt sind an der Tagesordnung, Vertreibung oder Polizeigewalt weit verbreitet. Soziale Notwehr direkt gegen diese Gewalt oder auch indirekt bis symbolisch gegen die gewalttragenden
Strukturen (Kasernen, Polizeiausrstung, Kampfjets, Kreiswehrersatzmter) oder gewalt- und herrschaftsverherrlichende Propaganda (Gelbnisse, Expo 2000 usw.) ist genauso von der strukturellen Gewalt zu unterscheiden, wie die Selbstverteidigung gegen eine
Vergewaltigung niemals dieselbe Gewalt ist wie die Vergewaltigung selbst.