Bio im Aldi - Fluch oder Segen?

Es ging durch die Fachpresse: Aldi testet Bio. Butterpreise von DM 2,49 und Milchpreise von DM 1,50 sind im Gesprch, allerdings nicht von ALDI, sondern vom Verband des deutschen Einzelhandels. Ist brutaler Einkauf zu erwarten?

Allem Anschein nach nicht. 80 Pfennig sollen Bauer Ebeling und die Wendtlndischen Milchkooperative von ALDI bekommen: Ein richtig guter Preis!, wie Ebeling in der Lebensmittelpraxis zitiert wird. Und in der Tat - nicht im ruinsen Einkauf besteht
die Gefahr, die von den Discountern und insbesondere von ALDI ausgeht. Nach allem Anschein beutet ALDI nicht aus, jedenfalls nicht mehr, sondern eher weniger als blich. Die Mitarbeiter mssen viel arbeiten, werden aber auch berdurchschnittlich bezahlt.
Lieferanten knnen mit ALDI gro werden und gut verdienen, wenn sie die Qualittsziele und die Lieferfhigkeit schaffen. Die Spannen werden mit der Menge reduziert, aber nicht auf Kosten des Gewinnes. Das Geheimnis liegt bis heute in der Beschrnkung auf
ein Mini-Sortiment von 550-700 Artikeln und dem Verzicht auf jeden Schnickschnack, der nicht tatschlich mit Warenwert zu tun hat. Unglaublich, wie die Stckkosten sinken, wenn man statt 10.000 nur 550 Artikel fhrt. ALDI und die anderen echten Discounter
knnen TATSCHLICH billig: Sie haben ihre eigenen Kosten radikal reduziert und ermglichen auch ihren Lieferanten durch Konzentration auf wenige, mengenstarke Artikel eine echte und durchschlagende Kostensenkung ohne Qualittsverlust (innerhalb
einer konventionellen Definition von Qualitt).

Das Problem: An den Preisvorgaben der Discounter mssen sich alle anderen Anbieter messen, auch die, die mehr als 700 Artikel fhren und daher viel hhere Kosten haben. Nicht ALDI mu den Einkaufs-Preis drcken, sondern EDEKA - oder der Naturkosthandel -
, um mit ALDI preislich zu konkurrieren, weil Vielfalt nun einmal hhere Abwicklungskosten produziert. Das ist weniger schade im Falle unterschiedlicher Marken mit industriell hergestelltem, quasi identischem Inhalt aber sehr schade im Falle regionaler,
typischer, individueller, handwerklich hergestellter Proveniencen, die niemals solche Mengen erreichen knnen und sollen, wie sie fr ein System ALDI erforderlich sind.

Knnte man nicht einfach sagen, 700 Artikel sind genug, um die Bevlkerung zu versorgen? Mu denn all diese Vielfalt sein, ist sie nicht Luxus? Unter den Rahmenbedingungen eines Notstandes htte dieser Standpunkt sicher einiges fr sich. Und
die Grndungssituation von ALDI und damit die Erfindung des Discounters als Handelsform spielten sich nicht zuflligerweise in einer oder doch geprgt durch ein Notsituation ab: Nachkriegszeit, Inflation, Trmmer, Hunger. 550 Artikel, fr jedermann
bezahlbar und den tglichen Bedarf grundstzlich abdeckend, waren eine volkswirtschaftliche, eine durchaus ideell motivierte und begreifbare Grotat, ein Verdienst um die Bedrfnisse einer notleidenden Bevlkerung. ALDI ist bis heute stolz auf die
nachweisbar inflationssenkende, Geldwert stabilisierende Wirkung der ALDI-Niedrigpreise.

In einer Situation, in der Lebensmittelpreise nirgends so niedrig sind wie in Deutschland, gemessen am Wohlstand der Bevlkerung, und ein Lebensmittelmarkt aufgrund fehlender Verdienstmglichkeiten und wirtschaftlicher Enge von einem Qualittsskandal in
den nchsten taumelt, darf man fragen, ob ALDI nicht mit Vehemenz ein Problem lst, das lngst keines mehr ist und damit andere, ebenso schwerwiegende Probleme verursacht. beroptimierung nennt man das. Dies auch mit Blick auf das immer wieder virulente
und sich auch schon in den Anfangsgrnden der Realisierung befindliche Projekt des BioDiscounters. Ein Handelssystem, welches sich wie ALDI auf die Kombination niedriger Preise mit hoher (Bio-)Qualitt verlegt und dies mit der konsequenten Beschrnkung
des Sortiments und damit der eigenen Kosten ohne Ausbeutung realisiert, hat enormes Erfolgspotential, das ist berhaupt keine Frage. Ebensowenig ist eine Frage, dass es auf den gesamten Biomarkt einen Preisdruck ausben wrde, der zu Industrialisierung
und Verringerung von Vielfalt fhren wrde. Schn, wenn man 550 Artikel gnstig kaufen kann. Aber wollen wir unser Leben auf 550 Artikel und deren mehr oder weniger austauschbare Verpackungsvarianten beschrnken, selbst wenn diese biologisch angebaut
sind? (Mit maximalem Rationalisierungs- und Mechanisierungsgrad schon in der Landwirtschaft, Hochleistungszucht, industrialisierter Verarbeitung mit zunehmenden Kompromissen bei Produktionshilfsstoffen, Frische, verschwindender Regionalitt und
Individualitt). [...]

gekrzter Artikel von Martin Ftterer; www.kunden-kontakt.de