Rubrik kologischer Landbau

andwirtschaftliche 

Perspektiven

Auch wenn vieles an der BSE-Diskussion Panikmache auf ungesicherter Faktenbasis ist und eher der Inszenierung einer Katastrophe gleicht, so verweisen die zunehmenden BSE-Flle bei Fleisch tragenden Rindviechern aus deutschem Lande auf die Schwachpunkte
einer Landwirtschaftspolitik, die bisher nur auf Masse, statt auf Qualitt setzte. Der Deutsche Bauernverband hat diese Landwirtschaft aktiv mitbetrieben, ordentlich davon profitiert und war integraler Bestandteil von konsensorientierter Klngelei mit
meist konservativen Parteien. [...]

Eine neue Landwirtschaftspolitik mu nach Auffassung der AKTION 3.WELT Saar vier Punkte beinhalten:

1. Wider die Entwertung von Lebensmitteln - mehr Autonomie

Lebensmittel haben in den letzten Jahrzehnten in der BRD eine vllige Entwertung erfahren. Whrend fr industriell hergestellte Produkte in den letzten dreiig Jahren der Preis um das vier- bis fnffache gestiegen ist, ist er fr Grundnahrungsmittel
annhernd gleich geblieben. Bauern mssen immer mehr fr immer weniger Geld produzieren. Gestiegen ist der Preis fr weiterverarbeitete Produkte, die mit allerlei Aromen aus der Fkalien-Giftkche und Zuckerzustzen ohne Ende gespickt sind. Diese
hochgradig industriell verarbeiteten Lebensmittel sind mit den schillernsten Gesundheitsversprechen versehen. Probiotische Joghurts, Vitaminzustze und die breite Palette der Light-Produkte versprechen paradiesischen Geschmack, ewiges Leben, lachende
Menschen und die Abwesenheit jedweder Krankheit. Dieser Entwertung von Lebensmitteln entgegenzutreten und die bunten Versprechungen zu hinterfragen ist auch gleichzeitig der Versuch, sich mehr Autonomie ber diesen zentralen Bereich des Lebens
anzueignen.

2. Gentechnik - neue Heilsbotschaft

Gentechnik bedeutet die Fortsetzung der bisherigen Landwirtschaftspolitik, ohne die Folgen abzuschtzen. Ihre Protagonisten werden dabei nicht mde, Gentechnik mit allerlei Heilsbotschaften (Gentechnik - Der Schlssel zum Leben) fr eine unbeschwerte
Zukunft auszustatten. Mit Gentechnik soll der Hunger in der Welt besiegt werden. Dabei werden bereits jetzt gengend Nahrungsmittel fr alle produziert. Das gewollte, weil gewinnbringende, Problem ist dabei lediglich die Verteilung. Der
verkndete Ausstieg aus der bisherigen Form der Landwirtschaft verkommt zu einem Rotgrnen Lippenbekenntnis, wenn er nicht einher geht mit einer grundlegenden Absage an Gentechnologie, deren Folgen analog zu Atomkraftwerken nicht beherrschbar sind. [...]

3. Weg mit den Nachbaugebhren - Knebelgesetz fr Bauern

Die Saatgut-Treuhand - der Zusammenschlu von Pflanzenzchtern - verlangt von Bauern seit 1998 die Zahlung von Lizenzgebhren auf Saatgut. Mit dem Bauernverband hat sie sich 1996 entsprechend geeinigt. Bauern, die ihr Saatgut - z.B. von der Kartoffel- und
Getreideernte - selber ziehen, sollen bezahlen. Nicht bercksichtigt werden dabei die jahrhundertlange Kultivierung und Entwicklung von Saatgut durch Bauern. Hier bahnt sich ein Konfliktpotential an, das letztlich alle Bauern und Buerinnen in der BRD
betrifft. Analog zu dieser nationalen Diskussion, die bisher noch vielfach unbeachtet von den vielzitierten VerbraucherInnen gefhrt wird, laufen weltweit hnliche Entwicklungen. berall bemhen sich Saatgutfirmen aus den Industrielndern, Patente auf
Saatgut zu erwerben. Ziel ist es, Bauern und Buerinnen an die kurze Leine zu nehmen, sie ihrer Selbstndigkeit zu berauben und in Abhngigkeit zu bringen. Die moderne, zeitgeme Form von Leibeigenschaft. Im offiziellen Sprachgebrauch von Parteien und
Medien heit dies freier Welthandel und Globalisierung.

4. Keine Futtermittelimporte aus der 3. Welt

Billige Lebensmittel in deutschen Supermrkten werden auf der anderen Seite der Erdhalbkugel bezahlt. 1997 wurden 3,3 Mio. Tonnen Sojaschrot als Viehfutter eingefhrt. Davon stammen mindestens 51 Prozent aus Lndern der sogenannten 3. Welt wie
Brasilien, Argentinien, Paraguay und Bolivien. Eine Alternative dazu ist neben einer Reduzierung des bermigen Fleischkonsums der Anbau von eiweihaltigen Futtermitteln (Leguminosen wie Bohnen, Erbsen) vor der eigenen Haustr. Dies konsequent zu Ende
gedacht, bedeutet eine Abkehr von der EU-Landwirtschaftspolitik. Bisher wurde im Einklang mit den nationalen Regierungen auf subventionierte berschuproduktion gesetzt, deren Verwaltung und Lagerung regelmige Folgekosten verursacht sowie ab und an in
spektakulren Aktionen - die Schlachtung von 400.000 Rindern - vernichtet werden mu.

Der Hauptgegensatz besteht letztlich nicht zwischen ko- und konventionellem Anbau, sondern zwischen stark und wenig weiterverarbeiteten Lebensmitteln. Deshalb lohnt die Kooperation mit konventionell wirtschaftenden Bauern beispielsweise im Rahmen von
regionalen Bauernmrkten und es besteht kein Grund, sich selbstgengsam in der molligen koecke einzurichten. Es war schlielich kein konventionell wirtschaftender Bauer, der vorschlug, das geschlachtete Fleisch von deutschen Rindern, in die
verschiedenen Hungergebiete der 3.Welt zu verschenken, sondern der bndnisgrne Europaabgeordnete Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf und Vorsitzende der AbL (Arbeitsgemeinschaft buerliche Landwirtschaft) verkndete dies Anfang Januar 2001. Wenn
diese Denkweise auch kompatibel ist mit der in grnen Kreisen hochgelobten Agenda 21, die Menschen in der 3. Welt die Fhigkeit zur eigenstndigen Entwicklung abspricht (vgl. Kapitel 26.1), so kann dieser kolonialistische Faux Pas von Baringdorf nicht
darber hinwegtuschen, da es die AbL war, die rechtzeitig vor den Fehlentwicklungen in der Landwirtschaftspolitik gewarnt hat. [...] Es blieb dem sozialdemokratischen Kabinettsmitglied Heidemarie Wieczorek-Zeul vorbehalten, dieser Form der Hilfe mit
Verweis auf die negativen Auswirkungen von dauerhaften Lebensmittelhilfen eine Absage zu erteilen. Bisher haben dauerhafte Lebensmittelhilfen immer nur neuen Hunger produziert, weil sie u.a. die regionalen Mrkte zerstrten.

Letztlich verweist die medial vermittelte BSE-Krise auf eine Gesellschaft ohne positive Utopie, die statt dessen auf einen berbordenden Individualismus von fanatisierten VerbraucherInnen setzt, die die Katastrophe genauso braucht wie die Nonstop Party
als emotionalen Kick zur berbrckung ihrer Leere in einem ereignislosen Alltag. [...]