Rubrik FreiRume

ochen nach der Wirtschaft

P.M. - immer wieder geistern diese beiden Buchstaben durch die linke Szene. Seit ber 20 Jahren sorgt der Schweizer Autor P.M. fr neuen Rtselstoff um seine wirkliche Identitt. Und auch fr sein neues Buch Subcoma verwendete er die beiden
magischen Buchstaben. Um es gleich vorab zu klren: Das Rtsel ist ganz einfach. P.M. steht fr einen Allerweltsnamen, etwa Peter Mller. Entstanden ist die Idee aus seinen frheren Zricher Hausbesetzeraktivitten und der Verffentlichung seines ersten
und unter ko-Anarchos wohl bekanntesten Bchleins bolobolo.

Mit Subcoma legt P.M. nun fast 20 Jahre spter ein Buch nach, welches er vor allem als Ergnzung zu seinem utopischen Gesellschaftsentwurf in bolobolo sehen will. Und in der Tat baut Subcoma mehr auf den Ideen von bolobolo auf, als das es sie ersetzt.
Im Gegensatz zu bolobolo geht es P.M. in seinem neuen Buch strker um eine fundierte und umfassende Darstellung der herrschenden kapitalistisch-patriarchal-rassistischen Vergesellschaftung. Dabei liefert er eine sehr umfassende aber kurze und
berschaubare Darstellung linker Theorie und Praxis.

Zunchst wartet er mit einem kleinen statistischen Klimmzug durch die Verwstungen des Kapitalismus im Kapitel Wovon wollen wir weg? auf. Wutet ihr zum Beispiel, da die Menschen im Mittelalter nicht mehr als 150 Tage (30 Wochen) pro Jahr arbeiteten
und die Gesamtarbeitszeit der US-AmerikanerInnen seit den 60er Jahren von 44 aus 47 Wochen pro Jahr gestiegen ist? Doch schon bald darauf wendet er sich seiner eigentlichen Frage zu: Wie kommen wir davon weg?. In diesem zweiten Kapitel stellt er
verschiedene Ausstiegsszenarien aus dem herrschenden System dar. Kurz, knapp und verstndlich (aber nicht verkrzt) geht er auf Regulationsmodelle (Energiesteuern bis Tobin Tax) und Autonomiemodelle (Subsistenz, dritter Sektor & Kommunen) ein. Er versucht
eine realistische Einschtzung unserer (der linken Bewegungen) Chancen die Gesellschaft zu verndern, um dann schlielich zu Darstellung seiner Utopie Subcoma zu gelangen. Doch was ist nun eigentlich Subcoma? Verkrzt steht es fr Sub = Subsistenz,
com = Communities und a = A-Patriarchat.

Am besten wre es, so P.M., wenn sich auf der Quartiers- oder Dorfebene der Gemeinden mglichst viele Subcoma-Initiativgruppen grndeten. Fr jeweils 10.000 bis 20.000 Menschen eine. Ihre Aufgabe wre es auch, eine Vermittlungsposition zu den
alten, demokratischen Gesellschaftstrukturen aufrecht zu erhalten. Sie wren dann Sttzpunkte der Zukunft in der Gegenwart.

Beim Thema Subsistenz greift er vor allem auf die theoretischen Anstze der Bielefelder Subsistenztheoretikerinnen um Maria Mies und Veronika Bennholt-Thomsen zurck. Ihr Konzept einer ko-feministischen Subsistenzwirtschaft, meint P.M., knne helfen, den
drohenden ko-Kollabs zu verhindern und gleichzeitig den neoliberalen globalisierten Kapitalismus stoppen. Anfangen knne mensch dabei schon jetzt, denn schlielich gebe es berall, auch in den Stdten kleine Grten, in denen Menschen sich wieder das
Wissen und die Praxis von Selbstversorgung aneignen knnten.

Der zweite zentrale Punkt seines Konzepts, nmlich die gemeinschaftliche Organisation des Lebens und der Wirtschaft (Community) schliet unmittelbar an diese Ideen an. In Kommunen, wie der Kommune Niederkaufungen oder der schweizerischen Gemeinschaft
Hardt sieht er Anstze eines anderen konomischen Prinzips verwirklicht. Dabei entscheiden die Menschen selbst, wie weit sieh gehen wollen. Ob sie zunchst nur den Wohn- oder Arbeitsraum teilen, oder gleich eine Kommune nach dem Modell Niederkaufungen
aufbauen, in dem der Privatbesitz weitgehend abgeschafft ist.

Der dritte zentrale Inhaltspunkt von Subcoma ist das A-Patriarchat. Die Herrschaft der Mnner ber die Frauen mu im Subcoma gebrochen werden. Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung etc. sollen in der neuen Welt abgeschafft werden. Doch hier offenbart sich
ein Schwachpunkt von Subcoma, denn viel mehr als oberflchliche Bekundungen und statistisches Material zum Thema Patriarchat sind hier nicht zu finden.

Kernstck der Umgestaltung der Gesellschaft sind sogeannnte LMOs (Life Maintenance Organisations), Lebenserhaltungsorganisationen, die aus etwa 500 Menschen bestehen und sich zu ca. 60% selbst versorgen sollen. Sie bilden sozusagen die kommunale Basis der
neuen Gesellschaft, sind Dreh- und Angelpunkt des Alltags der meisten Menschen. Sie sind klein genug um nicht anonym und unpersnlich zu werden und doch gro genug einen erheblichen Teil ihrer Bedrfnisse aus der Gemeinschaft heraus befriedigen zu knnen.
In gewisser Weise sind sie eine vergrerte Weiterentwicklung der bolos aus P.M.s frherer Gesellschaftsutopie bolobolo.

Doch keine Angst, P.M. fordert keinesfalls eine Rckentwicklung in drfliche Provinzialitt. Es soll auch Zusammenschlsse auf kommunaler, regionaler und berregionaler, ja sogar globaler Ebene geben. Freilich von unten bestimmt und kontrolliert und in
der Entscheidungsbefugnis und Wichtigkeit ungleich schwcher als alles, was wir heute kennen, aber doch stark genug um auch eine Hochtechnologie entwickeln und aufrechterhalten zu knnen, um globales Reisen zu ermglichen etc.. Aber alles im Einklang
mit den natrlichen Ressourcen und einer gerechten Verteilung weltweit. Fr den Norden bedeutet dies vor allem zweierlei: Die Bedrfnisse runterschrauben und effizienter umgehen mit den Ressourcen. Hier greift P.M. auf bereits wohl bekannte Modelle
aus der kologischen Diskussion der letzen Jahrzehnte zurck. Mit dem Programm ko-Nord zeigt er auf, da sich die Naturvernutzung des Nordens um etwa den Faktor 10 reduzieren mu. Wobei es auf die konkrete Aufteilung dieser Reduktionen
ankomme. Flugreisen sind da kaum noch drin - Schifffahren ist doch auch eine spannende Sache. Das der individuelle Autoverkehr eingestellt werden mte, verwundert uns wohl auch kaum und die Lsung des Ausbaus des PNV ist auch wohlbekannt. Aber P.M. geht
hier in vielen Forderungen weiter als etablierte kologInnen. Er nimmt ihre Erkenntnisse ernst. Und das heit eben dann auch oftmals laufen und radfahren. Doch, so trstet er die LeserInnen, in kleineren Wirtschaftsgemeinschaften sei ja auch nicht so
viel Transport und Fahren ntig. Lieber sollten die Menschen ihre in der neuen Gesellschaft gewonnene Freizeit zum langsamen und bewuten Reisen nutzen. Es geht um das gute Leben. Zum Anfang propagiert er die Einfhrung des arbeitsfreien Mittwochs. Die
gewonnene Zeit knnte dann auch fr allerlei Gemeinschaftsaktivitten genutzt werden.

Und auch auf den Computer mssen die Menschen in Subcoma nicht verzichten. Selbstverstndlich werden die LMOs auch Computer haben - nur eben nicht in jedem Zimmer.

Und was passiert mit denen, die nicht mitmachen wollen, werden sich nun viele Fragen. Nun, sie machen einfach nicht mit. Irgendwann werden sie vielleicht dazu stoen. Je mehr den Ausstieg wagen, desto geringer wird ihre Macht.

P.M.s neues Buch hat wenig originr Neues zu bieten. Es ist vielmehr der Versuch verschiedene Gegenentwrfe, Leitbilder und wissenschaftliche Erkenntnisse in einem utopischen Entwurf fr das Leben nach der Wirtschaft zusammenzufassen. Es ist ein Appell
an die Menschen, ihre Ohnmacht im Kapitalismus aufzugeben und aktiv zu werden, sich selbst zu organisieren, sich auf den Weg zur Freiheit zu machen. Dabei hat Subcoma viele ermutigende Momente, doch ob sie ausreichen werden, die zum Naturgesetz erklrte
konomie des patriarchalischen Kapitalismus zu strzen?