Genua: Analysen zu Bewegungsstrategien

ielfalt ist kein Zufall, sondern die Frage der Organisierung!

Die grte direkte politische Aktion der letzten Jahre hat zumindest ein bemerkenswertes Ergebnis: Was jahrzehntelang (scheinbar) nur eine Sache der Schurkenstaaten irgendwo weit weg war, ist jetzt Normalzustand in den Industrielndern - die Regierenden
in Staat, Konzernen und Medien sind vor ihren BrgerInnen nirgends mehr sicher. Sie treffen sich in Festungen und lassen auf die Protestierenden schieen. Bisher landeten solche Staaten immer in den Menschenrechtsberichten, wurden boykottiert oder gar
mit NATO-Bomben bedacht. Jetzt ist diese Situation in Europa und den USA entstanden. Doch: Was genau will der? Hat er Angst um das eigene Wohl, gar die eigene Nation? Oder entsteht eine emanzipatorische Bewegung, die endlich Ernst macht mit einem Kampf
gegen Herrschaft und Verwertung berall?

Alles ist richtig, denn die Bewegung, die in Medien und (was fr ein Unsinn!) auch oft in eigenen Papieren als GlobalisierungsgegnerInnen bezeichnet wird, ist sehr unterschiedlich. Das betrifft die Inhalte und die Aktionsformen. berall, vor allem bei
vielen Wichtig-Leuten der verschiedenen Gruppen (FhrerInnen der NGOs, Fhrungszirkel linksradikaler Medien oder Gruppen usw.), werden eigenntzige Ziele verfolgt, andere ausgegrenzt statt die offene Debatte um politische Ziele und Wege zu erffnen. Wann,
wenn nicht jetzt wre sie mglich und chancenreich ... wo soviele Menschen aufgebracht sind, Engagement entsteht, aber noch keine Klarheit ber den weiteren Kurs besteht. Wenn die Debatte unterbleibt, werden die siegen, die kraft ihrer Dominanz, Gelder
und Kontakte schneller sind, sich selbst als Sprachrohre der Bewegung inszenieren und damit nicht nur viel Schaden anrichten, sondern auch viele neuinteressierte Menschen fr ihre Zwecke gewinnen werden. Ergebnis wird dann wieder eine Teilung in erstarrte
Strukturen sein mit viel Frust, Selbstdarstellung und Ellbogenmentalitt, aber wenig kreativer Widerstndigkeit.

Auf den folgenden Seiten knnen nur wenige Aspekte der Aktionen in Genua dargestellt werden. Wir stellen verschiedene Texte aus ganz unterschiedlichen Quellen zusammen - zunchst einen Bericht, dann das Thema Militanz contra Gewaltfreiheit sowie
schlielich einige Bewertungen und die Frage Wie weiter?. Etliche weitere Texte sowie eine bersicht ber weitere Links zum Thema sind im Internet unter www.hoppetosse.net zu finden.



Bericht eines italienischen 

Demonstranten

Hallo an alle.

 Ich war auf den Demos in Genua am Freitag und am Samstag, bei denen es zu Auseinandersetzungen kam. Das was ich gesehen und erlebt habe ist schwer zu erzhlen, vielleicht ist es fr die, die nicht dabei waren, noch schwerer zu glauben. Ich bitte euch,
diese e-mail komplett zu lesen und mir zu glauben, dass das was ich euch erzhle alles wahr ist. Es sind alles Dinge, die ich selbst miterlebt habe oder die mir von engsten Freunden erzhlt worden sind. Die Berichterstattung, besonders die im Fernsehen,
verdreht die Realitt in einer unglaublichen Weise. ... in Genua waren die Demonstranten Schlachtvieh.

Teil 1: Schon bei der Abfahrt aus Mailand wird klar, dass wir nicht mehr Brger im vollen Sinne sind. Bevor wir in den Zug steigen werden wir wie Kriminelle durchsucht, einer nach dem anderen. Bis hier hin ist es o.k., es dient der Sicherheit. Der Zug
braucht acht Stunden bis Genua, normalerweise sind es zwei. Niemand macht Ansagen, informiert uns.

In Genua angekommen (um fnf Uhr morgens), eine der wenigen guten Nachrichten. Wir finden Schlafpltze auf einem, in ein Camp verwandelten, Sportplatz. Die Stimmung ist wunderbar. Tausende Leute schlafen Seite an Seite, in Schlafscken, vor den Augen noch
die Bilder der friedlichen Demo von Donnerstag. Es gibt eine groe Bereitschaft, eine wichtige Erfahrung miteinander zu teilen und eine hoffnungsvolle Erwartung fr den kommenden Tag.



Teil 2: Am Morgen danach das schlimme Erwachen. Am Freitag sind die verschiedenen Gruppen ber die Stadt verteilt, um die berhmte rote Zone mit Tnzen, Performances und Slogans zu belagern. Auf dem Platz, auf dem ich war, war eine friedliche
Demonstration, wir sangen und tanzten an den Metallabsperrungen, die zur Verteidigung der acht Groen aufgestellt worden waren. Der Rhythmus wird auf den Beschlge geklopft und es werden Slogans gegen die G8 und die Absperrung der Stadt gerufen. Pltzlich
ffnet die Polizei die Hydranten mit Pfeffer versetztem Wasser, das in den Augen brennt. Das machen sie ein Mal, zwei Mal aber niemand verliert die Ruhe.



Teil 3: An anderen Punkten der Stadt ist es mit der Ruhe vorbei. ber die Uferstrae kommt der Schwarze Block, einige werden gesehen als sie mit der Polizei sprechen, andere kommen direkt aus ihren Reihen. Sie beginnen, alles auseinander zu nehmen.
Polizei und Carabinieri rhren sich nicht. Der schwarze Block versucht sich in die Demo einzugliedern bei den Cobas (unabhngige Gewerkschaften) und anderen Gewerkschaften. Sie schlagen einen Gewerkschaftsfhrer und werden mit Mhe zurckgedrngt.

Dann taucht der Schwarze Block auf dem ersten Themen-Platz (Centri Sociali) auf. Hier platzen sie, bis an die Zhne bewaffnet rein. Die Polizei folgt ihnen, die Demonstranten werden zunchst vom Black Bloc angegriffen und dann von der Polizei und an dem
Punkt fangen die gewaltttigen Angriffe an. Der Black Bloc zieht weiter und taucht auf dem Platz auf, wo das Liliput-Netzwerk war (Fairer Handel, katholische Basisgruppen, Mani Tese, Pazifisten etc.)

Die Leute versuchen sie mit gewaltfreiem Widerstand dazu zu bringen wegzugehen. Die Polizei kommt nach, greift den Platz an. Die Leute nehmen die Hnde hoch und schreien Frieden. Es hagelt Trnengas und Knppel. Es gibt Verletzte. Der Black Bloc zieht
weiter und verwstet die Stadt. ...

300-400 vom Black Bloc ziehen durch Genua, wer sie anfhrt, kennt die Stadt genau: ihr Zerstrungsrundgang geht ber alle Themen-Pltze, wo Initiativen aus der Bewegung sind. Es ist erschreckend. Sie bewegen sich militarisiert, sie unterwandern, die
Anfhrer brllen Befehle, die anderen fhren aus. Und im Gefolge kommt die Polizei und greift rcksichtslos an, whrend der Black Bloc verschwindet.



Teil 4: Es ist Abend geworden, gegen sechs Uhr. ber den schwarzen Block hrt man nichts mehr. Es verbreitet sich die Nachricht, dass die Carabinieri einen Demonstranten erschossen haben. Wir versammeln uns im GSF-Zentrum an der Uferstrae, wir sind
ungefhr 10.000. Wir sind alle erschpft, es kommen Berichte, dass 10 Verletzte in den Krankenhusern liegen und es mehr als doppelt so viele gibt, die es vorgezogen haben, sich nicht registrieren zu lassen. Bertinotti kommt (der einzige Politiker der den
Mut hatte, sich zu zeigen), ihm es gelingt, die Gemter ein wenig zu beruhigen. Wir wrden alle gern zu unseren jeweiligen Camps zurck aber die Verantwortlichen des GSF, die auf der Bhne, bitten uns instndig uns nicht aus dem Zentrum zu entfernen: die
Polizei spiele verrckt und habe angefangen, auf alle loszuprgeln, die wie Demonstranten aussehen knnten. Alle fnf Minuten tnt die Stimme aus dem Mikrofon: Nicht rausgehen, es ist gefhrlich! Wir verhandeln mit dem Brgermeister um Busse gestellt zu
bekommen, die euch zu euren Campingpltzen zurckbringen. Ich wiederhole, es ist gefhrlich durch Genua zu gehen, die Polizei ist auer Kontrolle. Die Anspannung ist auf dem Hhepunkt.

Es herrscht Angst, die Erzhlungen von gewaltttigsten Schlgereien verdoppeln und verdreifachen sich. Es gibt viele Verletzte. Ein alter Mann der weint, mit einer Binde um den Kopf, ein pensionierter Metallarbeiter. Der Senator Malabarba erzhlt, dass er
im Polizeiprsidium war. Dort habe er sehr merkwrdige Gestalten in Demokleidung gesehen, die auf deutsch und anderen Sprachen redeten. Sie plauderten mit den Polizisten und gingen dann aus dem Prsidium. Die Anspannung steigt jedes Mal wenn die
Helikopter ber dem Zentrum kreisen und es mit einem riesigen Scheinwerfer ausleuchten. Wir sind buchstblich gefangen fr ber vier Stunden bis die Busse kommen, die uns zu unseren Camps zurckbringen, vllig fertig.

In der Nacht wird eines der Camps, wo Demonstranten schlafen, von der Polizei umstellt. Kommt rein und durchsucht uns, macht was ihr wollt sagen die Demonstranten. Leute weinen: sie flehen nicht verprgelt zu werden. Die Polizei kommt ins Camp: sie finden
nichts.

In unserem Camp diskutieren die Leute, aber die verbreitetsten Gefhle sind Angst und Unsicherheit ber das was passiert. Wir schlafen unruhig und besorgt ber das, was am nchsten Tag passieren wird ein.



Teil 5: Samstag morgen, die groe Demo geht los. Wir sind sehr, sehr viele, 300.000. Der Anfang ist ruhig, Lieder, Tnze, hunderte Fahnen, unterschiedliche Farben und Sprachen. Es sind Umweltschtzer, Bauern, Menschenrechtsorganisationen, normale Leute,
ltere, Eltern mit ihren Kindern da. Pltzlich, ohne Grund, teilt die Polizei die Demonstration in zwei Teile auf der Piazzale Kennedy. Aus dem Nichts tauchen die blichen aus dem Black Bloc auf: es bricht die Hlle los. Die Polizei beginnt, beide Teile
der Demo anzugreifen. Dem vorderen Teil gelingt es weiterzukommen, der hintere Teil bleibt unbeweglich in der Sonne bis zum Abend. Es gehen Verfolgungen in ganz Genua los, die Polizei schlgt ohne Rcksicht zu. Der hintere Teil der Demo ist eingezwngt
zwischen einer sehr hohen Mauer auf der einen und dem Meer auf der anderen Seite.

Vorne ist die Polizeiabsperrung, hinten die ganzen Leute. Pltzlich beginnt die Polizei Trnengas gegen die Demo zu sprhen: alle sitzen mit erhobenen Hnden, wehrlos. Das Trnengas brennt in den Augen und man kann nicht atmen. Der einzige Fluchtweg ist,
ins Meer zu springen. 500 Leute sind aufgeweicht, um dem Gas zu entkommen. Auch von den Helikoptern wird Trnengas gesprht, vom Meer kommen weiter Carabinieri.

In der Zwischenzeit randaliert der Black Bloc berall, niemand hlt sie auf. Sie prgeln auf Einen von der Rifondazione, bewerfen den Sprecher vom Genoa Social Forum mit Steinen, znden an, schlagen alles kaputt. Ich bin im vorderen Teil der Demo, wo die
Situation ruhig bleibt. Die vom GSF bitten uns zu gehen: der Platz muss freigemacht werden, damit die, die hinten stehen fliehen knnen vor den Polizeiangriffen und dem Trnengas, das ohne Unterlass gesprht wird.

... Von da treten wir mit anderen zusammen den Rckweg durch die Stadt an: Wir mssen zurck zum GSF-Zentrum an der Uferstrae, um die Ruckscke zu holen und um zu klren, wann und wie wir zurckkommen knnen. Sie sagen uns, vorsichtig zu sein: in der
Stadt hat die Polizei eine richtige Menschenjagd begonnen. Wir treffen auf einige Polizeiwannen, von denen aus sie uns zubrllen: Wir bringen euch alle um! oder die Polizisten lachen mit der Pistole in der Hand und schieen in unsere Richtung.



Teil 6: Die Demonstration ist seit einigen Stunden vorbei. Um Mitternacht bricht die Polizei im Pressezentrum ein. Sie schlagen wild auf alle ein, die sie finden, darunter auch die Anwlte vom Rechtsbro des GSF; dessen Hauptverantwortlichen sie
verhaften. berall sind Blutlachen: an den Wnden, auf den Sachen, auf dem Boden. Sie zerstren die Computer vom Rechtsbro mit den Dutzenden von Zeugenaussagen, die whrend der Auseinandersetzungen gesammelt wurden.

Sie beschlagnahmen oder zerstren alle Dokumente mit Beweisen, die Videos mit den Filmen, die die gewaltsamen Polizeieinstze von Samstag und Sonntag beweisen. Whrend der Durchsuchung ist Anwlten, Journalisten, Parlamentariern, rzten und Filmemachern
der Zugang verboten. Vittorio Agnoletto und einige Parlamentarier werden geschlagen. Die berhmten Waffen, die auf der Pressekonferenz aufgetaucht sind, sind Samstagnacht nicht gefunden worden, oder zumindest htten sie in der anderen durchsuchten Schule
gefunden worden sein mssen, die lediglich als Schlafplatz fr die Demonstranten fungierte.

... Denkt ber Folgendes nach: bevor die Bilder herauskamen von der Schieerei, bei der der Demonstrant umgekommen ist, war die Version der Polizei die, dass er durch einen Stein, den ein anderer Demonstrant geworfen hat umgekommen sei. Da ein groer Teil
der Dokumentation, die das GSF gesammelt hat von der Polizei beschlagnahmt oder zerstrt wurde, bleiben nur die Versionen der Regierung und der Ordnungskrfte ...

Es ist wichtig, dass so viele Leute wie mglich die Wahrheit wissen.