Militanz und Gewaltfreiheit

Trennen oder verbinden?

Auszge aus einem Gesprch

Mattia, Freitag warst du im Black Bloc, wie war es?

Freitag um 12 habe ich mich dem Black Bloc auf der Piazza Da Novi angeschlossen. Da waren vielleicht 300-500 Leute aller Nationalitten: Franzosen, Englnder, Deutsche, Italiener, Amerikaner und einige auch aus dem Osten. Am Anfang sind wir mit einer
Gruppe von Gewerkschaftlern mitgegangen, glaube ich zumindest (den Cobas, Red.). Dort gab es kleinere Schlgereien und wir haben uns sofort getrennt und sind fr uns weitergezogen, ohne Plan. Ohne Anfhrer, der die Gruppe geleitet htte. Wer mitmachen
wollte war willkommen, im Anarcho-Stil.

Welche Route habt ihr verfolgt?

... sind wir nach links und sind auf die Piazza Manin gekommen, wo die Pazifisten waren (Liliput-Netzwerk, Netzwerk gegen G8, Legambiente (Umweltschutzorganisation) Red.). Da haben wir etwa 10 Minuten angehalten. Pltzlich kam die Polizei angerannt und
wir sind abgehauen in Richtung Piazza Corvetto und rote Zone, da bin ich aus der Gruppe raus. Die Polizei hat uns jedoch nicht verfolgt. Die haben angehalten und haben die Pazifisten, die da ruhig waren, mit erhobenen Hnden zusammengeknppelt.
Paradox, kaum zu glauben.

Und die Polizei von 12 Uhr bis 18 Uhr, was hat die gemacht, um euch aufzuhalten?

Nichts. Wir sind nie an etwas gehindert worden, noch nicht einmal als wir in der Nhe der eindrucksvollen Machtentfaltung der Ordnungskrfte am Bahnhof Brignole vorbeigekommen sind. Da hatte ich das Gefhl, dass sie uns haben vorbeiziehen lassen. Sicher
waren wir auch sehr schnell, wir haben in Windeseile Barrikaden aufgebaut. Aber in der Zeit, in der ich beim Black Bloc war (am Ende gegen sechs Uhr abends waren wir weniger als 100), hat uns niemand aufgehalten. Im Gegenteil, an einem bestimmten Punkt,
ich glaube in der Nhe vom Ferraris-Stadion, hat eine Gruppe Steine gegen etwa 50 Carabinieri geworfen, die sich zurckziehen mussten. Unter uns hatte niemand Angst angehalten zu werden. Und ich glaube, dass auch niemand whrend des Zuges verhaftet worden
ist.

... In zwei Situationen sind wir auf Gruppen aus dem Social Forum gestoen: am Anfang auf der Piazza Da Novi und am Ende in der Piazza Manin. In beiden Fllen sind wir zurckgedrngt worden, sei es von den Gewerkschaftlern, die da entschiedener waren oder
von den Pazifisten, die sichtbar verngstigt waren durch unsere Prsenz und die die Hnde hoch genommen haben, wie um sich zu verteidigen.



Kommentar zum Gesprch

ich kann die aussagen des Interviews mit il manifesto nur besttigen. ich habe hnliches erlebt... das problem ist, glaube ich, das es mehrere demonstrationszge in schwarz gekleidet gab, ein teil davon war nrdlich, ein anderer teil sdlich der
roten zone unterwegs. der nrdliche zug war grer, dort wurde auch ein als dt. staatsschtzer vermuteter demonstrant der demo verwiesen.





Bericht ber Vorkommnisse 

am Samstagnachmittag

Als unsere Bezugsgruppe auf die Strasse am Convergence-Centre eintraf (unabhngige Anarchisten in schwarz gekleidet) stand der Piazza Kennedy bereits unter dichtem Trnengasnebel. Wir suchten den Weg nach vorne, denn Militanz gegen die faschistischen,
paramilitrischen Carabinieri ist fr uns ein legitimes Mittel. Wir glauben nicht, dass wenn man friedlich singend durch die Strassen zieht, die Bullen wohlmglich die Helme, Waffen und Westen ablegen und sich anschliessen. Allerdings akzeptieren wir den
friedlichen Widerstand. Auf dem Weg Richtung dem Kennedy-Platz durchquerten wir einen Block der Grodemonstration, der aus Pazifisten bestand. Unser Weg wurde mit lauten Pfiffen und Buh-Rufen begleitet. Doch damit nicht genug, auf einmal wurden wir mit
Schlgen und Tritten angegriffen. Htten Leute die Angreifer nicht weggezogen, wren sie zu allem fhig gewesen. Wir liessen uns auf Diskussionen ein, stellten aber fest, das viele der Leute den brgerlichen Medien vertrauten, indem sie uns als
schwarzem Block die Schuld an Carlos Tod gaben und patriotische Sachen von der Zerstrung unserer schnen Stadt erzhlten. Hinterher zogen sie Bandierra Rossa singend weiter und fr uns stellte sich die Frage, ob wir nun von vorne mit Trnengas
und Knppeln und von hinten mit Schlgen und Tritten attackiert werden. Der schwarze Block ist nicht berholt. Dem unabhngigen Militanten verdanken brgerliche, Pazifistische Globalisierungskritiker ihre Aufmerksamkeit in den Medien. Dadurch haben sie
die Chance erhalten, ihre Anliegen einer breiten ffentlichkeit darzustellen. Es interessiert die Medien heutzutage nicht, wenn 100000 Menschen durch die Strassen ziehen und Fahnen schwingen. Der Friede ist das Ziel, aber nicht der Anfang. Ob friedlich
oder militant, wichtig ist der Widerstand!!!





Stellungnahme 

anarchistischer Gruppen

Als aktive Mitglieder (,militanti`) der unten aufgelisteten anarchistischen Initiativen erklren wir hiermit nach den Ereignissen der letzten Tage in Genua,

in Erinnerung daran, dass tausende von Anarchisten am friedlichen Protest gegen den G8 teilgenommen haben,

im Protest gegen die provozierende Polizeigewalt, die unter Anderem die Erschiessung eines jungen Demonstranten zur Folge hatte, sowie die kriminelle Attacke (,mattanza`) auf den Sitz des Genoa Social Forum Samstag Nacht,

in Solidaritt mit den Hunderten von Demonstranten, die verprgelt, festgenommen und angezeigt wurden,

unter Verurteilung der offensichtlichen Absicht von Seiten der Regierung, die anarchistische Bewegung und die gesamte Anti-Globalisierungs-Bewegung, die in Genua auf die Strasse gegangen ist, zu kriminalisieren

dass:

1) wir nichts mit den Anarchisten des Schwarzen Block und hnlichen Strukturen gemeinsam haben. Jeder, der will, kann sich als Anarchist bezeichnen oder so bezeichnet werden: wir achten auf die Verhaltensweisen, nicht auf die Bezeichnungen.

2) Jeder muss fr sich selbst die Verantwortung bernehmen. Genau das Gegenteil davon ist die nicht zu rechtfertigende Praxis, Gewalt auszuben und sich dann zwischen die anderen Demonstranten zurckzuziehen, so dass diese den brutalen Angriffen der
Ordnungskrfte ausgesetzt werden.

3.) Unsere Art der Teilnahme am sozialen Konflikt ist von Werten inspiriert, die in der mehr als hundertjhrigen Geschichte der organisierten anarchistischen Bewegung zum Ausdruck kommen, welche aus der Ersten Internationale hervorging und sich dann in
den Gewerkschaftskmpfen, im Antifaschismus und in der leidenschaftlichen Verteidigung der persnlichen und gesellschaftlichen Freiheiten entwickelt hat. Wir sind der Meinung, dass die wahllose (,indiscriminata`) Gewalt und der Terrorismus (auch
der psychologische) Instrumente im Dienste der Macht sind, und bestimmt nicht derjenigen, die ohne Zwang eine grndliche Transformation der Gesellschaft unter libertaerem Vorzeichen verwirklichen wollen: Instrumente derer sich die Macht wie in Genua
bedient, um Freirume und Orte politischer Handlungsfhigkeit zu vernichten. Wer Paketbomben verschickt, wer eine Stadt in Schutt und Asche legt - begnstigt durch die Toleranz und die sonnenklare Komplizenschaft der Polizei (die sich so eifrig mit
den friedlichen Demonstranten beschftigt) - hat nichts mit uns gemein, unabhngig von mglicherweise gleichlautenden Selbstetikettierungen.

Circolo libertario Pisacane - Bassano del Grappa, Massimo Ortalli, von historischen Archiv der Federazione Anarchica Italiana - Imola, Circolo anarchico Ponte della Ghisolfa - Milano, A rivista anarchica - Milano, Cooperativa Alekos - Milano,

Milano, 23 luglio 2001.





Aussagen eines Polizisten in Genua

in der polizei gibt es immer noch viel faschismus, es gibt eine subkultur von vielen leicht beeinflubaren jugendlichen, und von denen unter uns, die an dem abend applaudiert haben. aber das massaker haben die anderen angerichtet, die von GOM, der
strafpolizei. ... das tor ging dauernd auf, aus den lastwgen stiegen die jugendlichen aus und wurden verprgelt. sie haben sie zur wand gestellt. drinnen schlugen sie ihnen die kpfe gegen die wand. einige haben sie angepisst, sie wurden unter androhung
weiterer schlge gezwungen facetta nera zu singen. ein kleines mdchen erbrach blut und die chefs der GOM schauten zu. den mdchen drohten sie, sie mit den knppeln zu vergewaltigen. es bringt nichts, wenn ich dir sachen erzhle, die man schon
nachlesen kann.

und ihr, die anderen? von uns waren nicht viele da. der groteil war noch in genua um die rote zone zu schtzen. es gab welche die zugestimmt haben, es gab leute, die interveniert haben, wie ein inspektor, der mit den worten: das ist nicht eure sache
einen bergriff beendet hat und es gab leute die wie ich vielleicht wenig gemacht haben, und die sich jetzt dafr schmen.

















Offene Fragen

Warum haben sich AnarchistInnen und viele andere im Black Bloc von Polizei und teilweise Nazis dominieren lassen? Fehlten klare eigene Strategien und Ziele, Verabredungen und Training?

Wie ist eine Sozialdemokratisierung der Bewegung durch die technisch berlegenen NGOs zu verhindern, die oft weder Kapital noch Staat kritisieren, sondern einzelne Details fr abtrennbar und einzeln regelbar halten?

Wie knnen die elitren Ebenen der Gesellschaft fr emanzipatorische Ideen genutzt werden, ohne sie zu strken - also Medien, Regierungen usw.? Subversion, Kommunikationsguerilla plus klare Positionen und selbstorganisierte Vermittlung nach auen? Wo
waren die radikalen Inhalte in Gteborg und Genua, Bonn oder beim Castor? Nach auen dringt meist nur das staatsnahe, professionelle Gerede der NGOs ...

Wie kann eine Organisierung von unten praktisch aussehen - ohne Anpassung und Dominanzen, ohne Planlosigkeit und Nebeneinander?