Religionskritik

AUTONOMIE UND KOOPERATION: WO EIGENNUTZ UND GEMEINNUTZ SICH GEGENSEITIG FÖRDERN!

Autonomie und Kooperation


1. Eigennutz und Gemeinnutz
2. Autonomie und Kooperation
3. Beziehungskisten: Auf die Art der Kooperation kommt es an
4. Voraussetzungen für „Autonomie und Kooperation“
5. Der Weg zu Autonomie und Kooperation
6. Links und Lesestoff

Wie könnte eine Gesellschaft oder auch nur die Organisierung von Menschen in einer überschaubaren Runde aussehen, in der Eigennutz und Gemeinnutz zusammenfallen? Was funktioniert im Kleinen (Wohngemeinschaft, politische Gruppe, Projekt, Betrieb) und im Großen (Städte und Regionen bis zu globalen Zusammenhängen)?

Vorsicht jedem Versuch einer einfachen Beschreibung gegenüber ist angebracht, denn entgegen steht die ungeheure Vielfältigkeit und Komplexität von Gesellschaft, die noch zunehmen wird, wenn Herrschaftsverhältnisse wie Obrigkeit, Institutionen und Normierungen wegfallen bzw. überwunden werden. Dennoch soll im folgenden der Versuch gemacht werden, ein grundlegendes Prinzip zu beschreiben, das wahrscheinlich nur eines von mehreren ist, dem aber grundlegende Bedeutung zukommt auf allen Ebenen: Autonomie und Kooperation. Dieses Begriffspaar stellt zusammen die Ausgangsbasis von herrschaftsfreier Selbstorganisierung dar. Die Menschen und ihre Zusammenschlüsse müssen einerseits autonom, d.h. selbstbestimmt, unabhängig und in Bezug auf den Zugang zu allen gesellschaftlichen Ressourcen (materielle Ausstattung, Wissen, Informationsaustausch, Mobilität usw.) gleichberechtigt sein. Andererseits ist Kooperation die Voraussetzung, über die eigenen Möglichkeiten hinauszukommen, sich Freiheiten zu schaffen und ständig weiterzuentwickeln. Dass ist in der Isolation nicht vorstellbar. Als grundlegenden Prinzip von herrschaftsfreier Selbstorganisierung sind Autonomie und Kooperation aber nur zusammen vorstellbar. Ohne Kooperation würde Autonomie zur Isolation oder – als Kollektiv – Autarkie. Das sind keine emanzipatorischen Perspektiven, daraus erwachsen sogar rechte Ideologie, wenn Kollektive als abgeschlossene Identitäten betrachtet werden (Volk, Nation, Bioregion).
Andersherum ist aber Kooperation herrschaftsfrei auch nur unter Wahrung der Autonomie denkbar. Menschen müssen sich ihre Kooperationen frei wählen können, sonst wäre selbige erzwungen und könnte nicht in Frage gestellt werden. Wer aber eine Kooperation nicht verlassen kann, ist erpressbar und damit eher zur Hinnahme von Hierarchien bereit.

Autonomie – Handeln ohne Schranken
Die Autonomie eines Menschen oder eines frei vereinbarten Zusammenschlusses von Menschen bedeutet die möglichst schrankenfreie Nutzung aller Handlungsmöglichkeiten und –alternativen. Praktisch ist dieses nicht grenzenlos möglich. Einerseits sind die Rahmenbedingungen durch die allgemein zu einem Zeitpunkt gültigen Grenzen des Handelns gesetzt – was kein Mensch kann, geht nicht oder muss erst erfunden werden. Emanzipation bedeutet aber auch hier den Willen, diese Handlungsmöglichkeiten auszudehnen, z.B. dank neuer Erfindungen, Erkenntnisse und Experimente. Zum anderen ist nicht jede Möglichkeit jedem Menschen in jeder Situation zugänglich. Hier ist Emanzipation das Bestreben, diese Beschränkungen immer weiter abzubauen, damit – so das Ziel – alle Menschen gleichermaßen auf die gesellschaftlichen Möglichkeiten und den gesellschaftlichen Reichtum zugreifen können. Viele formale Beschränkungen wie Eigentumsrecht, Geldzwang bei der materiellen Reproduktion, Abschottung von Wissen oder Maschinen können schnell überwunden werden. Heute steht "nur" das Profit- und Machtinteresse dagegen, aber kein an einem besseren menschlichen Leben orientiertes Interesse. Andere Beschränkungen wie z.B. die Verfügbarkeit von Ressourcen, Wissen oder Technik sind nicht vollständig, aber weitgehend aufhebbar.

Sichtbar ist, dass die überwindbaren Grenzen alle von Menschen gesetzte Grenzen sind, d.h. wo mittels eines Aufwandes an Formalitäten, Kontrolle usw. der Zugang zu Wissen, Dingen und Möglichkeiten nicht für alle möglich ist. Autonomie ist für Menschen und Gruppen aber nur dann tatsächlich gegeben, wenn sie nicht nur selbstbestimmt handeln dürfen (also ohne Sanktionierung bestimmter Verhaltensweisen), sondern auch können, d.h. auf die Ressourcen zugreifen können, die sie für ihr Leben und das Umsetzen ihrer Entscheidungen brauchen. Emanzipation bedeutet, dieses Umsetzen auch möglich zu machen, d.h. Ressourcen wie Wissen, Technik usw. nicht nur zu schaffen und zu beschaffen, sondern auch so zu organisieren, dass ein Zugriff für alle möglich ist – ohne Bedingungen!

Im Original: Autonomie
Möll, Marc-Pierre: "Kontingenz, Ironie und Anarchie - Das Lachen des Michel Foucault" (Quelle)
Die "unbestimmte Arbeit" der "permanenten Erschaffung unserer selbst" ist Ausdruck unserer "Autonomie" und "Freiheit". Foucault stimmt mit Kant überein, dass "Freiheit" zunächst negativ als Freiheit von "Naturnotwendigkeit" (Kant) bzw. von natürlich oder notwendig erscheinenden Denk- und Handlungsweisen (Foucault) bestimmt werden muss und dass "Autonomie" demgemäß als Selbststeuerung aufzufassen ist.

Freiheit ist die Menge an Möglichkeiten
Heinz von Foerster, in: Bernhard Pörksen (2008), „Die Gewissheit der Ungewissheit“ (S. 40)
Meine Auffassung ist, kurz gesagt, dass die Freiheit immer existiert. In jedem Augenblick kann ich entscheiden, wer ich bin. Und damit dies auch gesehen wird, plädiere ich für eine Form der Erziehung und des Miteinander, die die Sichtbarkeit der Freiheit und die Vielzahl der Möglichkeiten nicht behindert oder verkleinert, sondern unterstützt. „Handle stets so“, lautet mein ethischer Imperativ, „dass die Anzahl der Möglichkeiten wächst.“

Also: Viele Möglichkeiten und eine starke Autonomie zu haben, bedeutet: Freie Menschen ...

Kooperation – direkte und gesamtgesellschaftliche Kooperation ... und mehr!
Doch der Mensch lebt nicht allein - und das ist gut so, für ihn! Denn wenn Menschen kooperieren, haben sie mehr Möglichkeiten. Sie können Dinge bewegen, die zu schwer oder zu umfangreich für eine Person sind. Sie können unterschiedliche Fähigkeiten entwickeln und damit komplexere Abläufe miteinander oder nacheinander umsetzen. Sie schauen aus verschiedenen Blickwinkeln auf das Geschehen und können somit Fehler oder Optiminierungsmöglichkeiten schneller erkennen. Sie können sich gegenseitig anregen und Wissen effizient weitergeben, d.h. sich als Gesamtzusammenhang ständig weiter entwickeln. Insofern ist soziale Interaktion auch eine Stärkung der Autonomie - wenn sie die Autonomie nicht so einschränkt, dass der Einzelne immer mehr zum Rädchen im System, also zum Erfüllungsgehilfe externer Ideen wird.

Nur wenn der Mensch sich frei entscheiden kann zur Kooperation, zum Lernen, zum Austausch usw., ist er ... in freier Vereinbarung.

Heinz von Foerster, in: Bernhard Pörksen (2008), „Die Gewissheit der Ungewissheit“ (S. 40)
Natürlich ist jeder Mensch in ein soziales Netzwerk eingebunden; das Individuum ist kein isoliertes Wunderphänomen, sondern auf andere angewiesen und muss — um eine Metapher zu wählen - mit ihnen tanzen, Wirklichkeit in der Gemeinsamkeit konstruieren. Diese Einbettung in das soziale Netzwerk bedeutet natürlich auch eine Einschränkung der Beliebigkeit durch das Zusammensein, ändert aber nichts an der grundsätzlich vorhandenen Freiheit. Man trifft Absprachen, identifiziert sich mit dem anderen, erfindet zusammeneine Welt - und ist eben immer wieder auch in der Lage auszusteigen; die Tänze, für die man sich auf diesem Weg entscheidet, sind womöglich unendlich verschieden.

Kooperation bedeutet gemeinschaftliche Aktivität, die sich aufeinander bezieht und miteinander agiert. Das kann als Zwangsverhältnis geschehen oder als freie Vereinbarung bzw. – im komplexeren System – als freie Akzeptanz der Integration eigener Tätigkeit in umfassendere Vorgänge mit der Option der Verweigerung ohne Sanktionierung derselben. Diese Unterscheidung in freie und erzwungene Kooperation ist wesentlich, um ein Verständnis von Herrschaftsfreiheit zu schaffen. Freie Kooperation ist dann gegeben, wenn Kooperation mit Autonomie verbunden ist.

Aus Christoph Spehr (2003): "Gleicher als andere", Karl Dietz Verlag in Berlin
Die Theorie der freien Kooperation ist die Forderung nach einer paradigmatischen Wende; sie ruft dazu auf, die Probleme der Praxis in einer anderen konzeptionellen Form zu rekonstruieren. ...
(S. 63)
Der Charakter dieser Grundlegung der freien Kooperation ist allerdings eher der einer Grammatik, der Grammatik einer in Entstehung begriffenen zeitgenössischen Sprache der Befreiung. Es gibt bessere und schlechtere Grammatiken. ...
(S. 70)
Das Kriterium der direkten Überlebenssicherung ist immer wieder: Können wir auch Nein sagen? Werden wir auch in Zukunft noch Nein sagen können? (S. 83)

Freie Kooperation entsteht auf zwei Wegen. Zum einen können Menschen oder Gruppen sie bewusst miteinander eingehen und jederzeit gestalten. Dieses sind die Fälle, die auch als Zusammenarbeit wahrgenommen werden. Ebenso besteht eine Kooperation, wenn die Tätigkeit von Menschen ohne ihr Zutun an anderer Stelle und von anderen Menschen oder Gruppen für ihre Zwecke genutzt, weiterentwickelt wird und umgekehrt die ursprüngliche Person in einem materiellen oder informellen Austausch mit anderen steht, d.h. neues Wissen oder die Veränderung von Rahmenbedingungen selbst wieder erfährt, nutzen kann u.ä. Dieses funktioniert schon im Kleinen. Wenn dort, wo Menschen zusammenwohnen, verschiedene Handlungen vom Abwaschen bis zur Nahrungsmittelbeschaffung, Streichen der Wände und Tausende von Handlungen mehr das Überleben und das Wohlbefinden fördern, so ist das eine Kooperation, auch wenn vieles niemals als solche gedacht wird oder abgesprochen ist in der Runde aller. Die einzelne Handlung, oft motiviert durch eigenes Interesse, wirkt sich auf alle Beteiligten aus, weil das Zusammenwohnen einen komplexen Rahmen abgibt mit komplizierten Wechselwirkungen. Ein freie Kooperation setzt in solchen Verhältnissen die Autonomie voraus, d.h. die Beteiligten halten sich nicht gezwungenerweise in der Kooperation auf. Sollte ihnen die Kooperation nicht mehr gefallen oder nützen, so muss ein Ausstieg ohne Sanktionen möglich sein. Diese Situation zu verwirklichen, wäre Ziel von Emanzipation.

Ähnlich der Situation in einer Wohngemeinschaft ist die gesamtgesellschaftliche Ebene. Auch hier haben die Handlungen der Einzelnen bzw. der Gruppen vielfältige Wirkungen. Der Rahmen ist noch größer und vor allem noch unüberschaubarer, was dazu führt, dass gar nicht mehr alle Wirkungen erkennbar werden. Ebenso ist nicht mehr direkt nachvollziehbar, woher welche Ressourcen und welches Wissen stammen, das jemand für sich selbst nutzt. Schwierig hingegen ist die Frage der Autonomie. Ein Ausstieg aus der Gesellschaft ist nicht möglich, wenn Gesellschaft als Gesamtheit von allem definiert wird. Dann würde auch die Person, die sind in ein Einsiedlertum zurückzieht und selbst versorgt, immer noch zur Gesellschaft gehören. Autonomie braucht aber den Ausstieg aus der Gesellschaft nicht, sondern sie ist dann gewährleistet, wenn die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen keine bestimmte Form des Lebens erzwingen. Dann ist innerhalb dessen, was definitorisch die Gesellschaft ist, Autonomie lebbar, auch z.B. das Einsiedlertum, in dem keine bewusste Kooperation mehr stattfindet – wohl aber noch die Wechselwirkung hinsichtlich der Möglichkeit, Wissen anderer zu nutzen, eigenes Wissen abzugeben oder jederzeit eine bewusste Kooperation wieder eingehen zu können. Insbesondere Letzteres sollte nicht unterschätzt werden. Das Wissen darum, allein handeln zu können, aber das auch jederzeit anders entscheiden zu können und KooperationspartnerInnen zu suchen, ist eine wichtige Grundlage von Autonomie und Kooperation. Es gibt keine formalen Schranken, keine Regeln und keine KontrolleurInnen hinsichtlich der Kooperationen, die ein Mensch aufnimmt oder sein lässt.

bei Facebook teilen bei Twitter teilen

Kommentare

Bisher wurden noch keine Kommentare abgegeben.


Kommentar abgeben

Deine aktuelle Netzadresse: 44.200.175.255
Name
Kommentar
Smileys :-) ;-) :-o ;-( :-D 8-) :-O :-( (?) (!)
Anti-Spam