Religionskritik

UMWELTSCHUTZ VON UNTEN

Soziale Ökologie


1. Die Beherrschung verlieren statt begrünen
2. Selbstbestimmung und Ökologie
3. Soziale Ökologie
4. Allianztechnologie: Mit der Natur intelligent kooperieren
5. Grundlagentexte und Newsletter aus dem "Umweltschutz von unten"-Netzwerk (um 2000 herum)
6. Links, Materialien und das Video zum Thema
7. Buchvorstellungen zum Themenbereich


Murray Bookchin
Aus einem Interview mit Murray Bookchin, in ÖkolinX, Sommer 1996 (S. 13)
Was bedeutet "soziale Ökologie"? Ich verwende das Wort sozial, um zu betonen, daß die Zerstörung der natürlichen Welt ihre Wurzeln in der irrationalen Struktur der heutigen Gesellschaft hat.

Aus Bookchin, Murray (1981): "Hierarchie und Herrschaft", Karin Kramer Verlag in Berlin (S. 43 f.)
Es ist leichter, Zuflucht zu nehmen in einer Kritik der Technologie und des Bevölkerungswachstums, als ein archaisches, destruktives soziales System unter seinen Bedingungen und innerhalb seines eigenen Rahmens zu bekämpfen. Beinahe von Geburt an sind wir durch die Familie, religiöse Institutionen, Schulen und durch den Arbeitsprozeß selbst dazu erzogen worden, Hierarchie, Verzicht und staatliche Systeme als die Voraussetzungen zu akzeptieren, auf denen alles Denken beruhen muß. Wenn diese Voraussetzungen nicht abgeworfen werden, müssen alle Diskussionen über das ökologische Gleichgewicht beschönigend und ohnmächtig bleiben. ...
Der Konflikt zwischen Menschheit und der Natur ist eine Erweiterung des Konflikts zwischen Mensch und Mensch. Wenn die Ökologiebewegung nicht das Problem der Herrschaft mit all ihren Aspekten aufgreift, wird sie nichts dazu beitragen, um die grundlegenden Ursachen der ökologischen Krise unserer Zeit zu beseitigen. Wenn die Ökologiebewegung bei bloßen Reformen in der Umweltkontrolle stehenbleibt, bei bloßem „Umweltschutz",ohne sich radikal mit dem Bedürfnis nach einem erweiterten Konzept der Revolution zu beschäftigen, wird sie lediglich als ein Sicherheitsventil für das existierende System der Ausbeutung der Menschen und der Natur dienen. ...
Wir hoffen, daß Ökologiegruppen alle Appelle an die „Regierungsspitzen" und an internationale und nationale Institutionen, gerade die kriminellen und politischen Körperschaften, die wesentlich zu der ökologischen Krise unserer Zeit beigetragen haben, vermeiden werden. Wir glauben, daß die Appelle an die Menschen selbst gerichtet werden müssen und an ihre Fähigkeit zur direkten Aktion, die sie dazu bringen kann, die Kontrolle über ihr eigenes Leben und Schicksal zu übernehmen. Denn nur auf diese Weise kann eine Gesellschaft ohne Hierarchie und Herrschaft entstehen, eine Gesellschaft, in der jeder der Meister seines oder ihres Schicksals ist.



Umwelt und Macht
Ein Flyer mit dem folgenden Text wurde am 1. Mai 2019 in Gießen verteilt.

Gedanken eines anarchistisch denkenden Öko-Aktivisten … zum 1. Mai
KENNT IHR DIE AUCH ZU GENÜGE? DIESE BUNTEN HOCHGLANZ-ÖKO-FLUGBLÄTTER UND STÄNDIG NEUEN BÜCHER-SCHWEMMEN DER IMMER GLEICHEN ART? DIE FANGEN AN MIT BERICHTEN, WIE DRAMATISCH ALLES IST, DASS ES 5 VOR 12 IST, DASS DIE KATASTROPHE NAHT, DASS WIR ENDLICH HANDELN MÜSSEN – WIR, DASS SIND MANCHMAL DIEJENIGEN, DIE UNS REGIEREN, ABER EIGENTLICH MEIST WIR KLEINEN LEUTEN MIT UNSEREM KONSUMVERHALTEN. ES FOLGT DANN REGELMÄßIG EIN ERHOBENER ZEIGEFINGER, DASS IHR PER MÜLLTRENNEN, LICHTAUSSCHALTEN UND WÄRMEDÄM-MUNG, RADFAHREN UND BEWUSSTEM EINKAUFEN DIE WELT RETTEN KÖNNT … UND SOLLT! AM ENDE KOMMT DANN NOCH EIN SATZ ZUR EUROPAWAHL UND DASS IHR DORT DIE RICHTIGEN PARTEIEN WÄHLT. ACH JA – UND NOCH DIE KONTONUMMER UND VIELLEICHT EIN BEITRITTSFORMULAR.
Nein, keine Angst, das müsst Ihr hier nicht schon wieder lesen. Zwar wäre vieles davon nicht ganz falsch, aber doch aus einem doppelten Grund vor allem Verarschung. Der erste ist noch harmlos: Es ist schlicht langweilig. Es ist immer das gleiche. Seit 40 Jahren ist es 5 vor 12. Die Uhr der Ökos ist offensichtlich kaputt – stehen geblieben. So wie viele traditionelle Ökos und das neureiche Umweltbildungsbürger*innentum auch. Sie argumentieren immer noch wie ganz am Anfang der Umweltdebatte: Öko-Kritik ohne Gesellschaftsanalyse.
Viel schlimmer ist etwas Zweites: Millionen solcher Flyer, Broschüren und Bücher werden gedruckt, um uns mit unse-rem Alltagsverhalten zu den eigentlichen Sünder*innen zu erklären und die Weltrettung durch Handeln im Kleinen zu propagieren. Konzerne und Staaten fördern solche Propaganda mit Millionenbeträgen. Sie wissen warum, denn wenn wir uns am Ladenregal mit Gewissenskonflikten zwischen vielen bunten Marken herumplagen, können sie im Großen weiter draufhauen. Wir vergessen dabei vor lauter Nachhaltigkeits-Konsumkrampf:
  • Eine Bombe auf Syrien, Mali oder zukünftig vermutlich noch weitere Länder zerstört mehr als wir mit unserem albernen Earth-Hour-Kleinklein retten können.
  • Jeden Tag verschwindet allein in Deutschland die Größe von 100 Fußballfelder unter Beton und Asphalt für neue Straßen, Gewerbegebiete und mehr. Und wir werfen Seedbombs, stellen kleine Kübel mit Pflanzen auf, feiern das als neue Umweltbewegung ab und lassen uns von denen, die Mensch und Umwelt im Großen ausbeuten, auch noch dafür loben …
  • Viele solche und ähnliche Vorgänge sind möglich. Es ist immer dasselbe …
    Wem dient die die Verblödung? Wem nützt das Märchen der Weltrettung durch Kleinklein? Ganz klar: Denen, die im Großen Umwelt und Menschen ausbeuten – für ihre Interessen.
    Das sind in erster Linie Staat und Kapital. Sie folgen dem ewigen Gesetz: Profit entsteht durch Ausbeutung von Mensch und Natur. Mehr Profit entsteht durch mehr Ausbeutung von Mensch und Natur. Unter diesem Gesichts-punkt stehen wir, Werktätige, Arbeitslose, (Öko-)Aktivistis usw. auf der gleichen Seite.
  • Zugbegleiter*innen, Fahrgäste und Schwarzfahrende – sie alle will das Unternehmen ausquetschen durch niedrige Löhne bzw. hohe Fahrpreise oder Strafen.
  • Baggerfahrer*innen, Polizei, Schüler*innen, Erzieher*innen, Altenpflege, Tätigkeit zu Hause, Inhaftierte: Staat und Kapital wollen, dass wir funktionieren, der großen Maschine ewiger Verwertung dienen, unseren Beitrag leisten.

Mensch und Natur sind Zahlen – Setzfiguren im großen Spiel der Vernichtung von Lebenslust, Selbstbestimmung, freier Kooperation und Assoziation.
Die Mainstream-Ökopolitiken und –Organisationen sind längst Teil des Spiels. In den Geschäftsstellen jagen BWLer*innen nach neuen Konzepten für Spendeneinnahmen – und aus guten Ideen werden stets lukrative Märkte, in denen sich die Player gegenseitig niederkonkurrieren und nach mehr Profit streben. Das geht auf Kosten von Mensch und Natur – auch im Öko-Sektor.
  • Nehmen wir ein Beispiel: Die Verkehrspolitik
    Über was wird geredet? Neue Motorentechniken. Die werden teurer, Menschen müssen neue Autos kaufen. Wer kann das am besten? Firmen, Reiche – alle die genug Geld haben oder die Kosten von der Steuer abset-zen können. Zudem werden neue Rohstoffe gebraucht, die zum Teil recht selten sind. Die reichen nicht für al-le auf der Welt. Deutschland ist mächtig. Die imperiale Wirtschaftsmacht wird den Zugriff sichern – auf Kosten anderer, vielleicht auch gleich mit Hilfe humanitäre Interventionen …
    Oder die Sache mit den Euro-Normen (Plaketten). Welche Fahrzeuge haben die besten Wertungen? Die teu-ren Schlitten, zum Beispiel die meisten SUVs. Die verballern zwar am meisten Rohstoffe in Herstellung und Betrieb, aber bei dem Preis sind halt auch schon mal Filter und illegale Software mit eingebaut. Wer kann sich diese teuren, neuen Autos leisten? Wieder: Reiche und Firmen. Am Ende gehört die Innenstadt ihnen, die „kleinen Leute“ bleiben draußen. Gentrifizierung per Öko!
  • Oder das schlimmste aller aktuellen Beispiele vermeintlicher Umweltpolitiken, die nichts als Verschärfung ka-pitalistischer Ausbeutungsverhältnisse sind: Die aktuelle Klimapolitik. Da haben sich die imperialen Staaten etwas (für sie) Feines ausgedacht. Luftbenutzung wird gebührenpflichtig – und diese Lizenz zur Zerstörung lässt sich auch noch handeln, also auch akkumulieren. Wer viel Geld hat, darf viel verpesten – und kann ande-ren die Rechte zur Umweltzerstörung abkaufen. Alle Industrienationen bekamen so viele Verschmutzungs-rechte, wie sie 1990 an Klimagase rausgepulvert hatten. Die dreckigsten Länder wurden also belohnt. Und sie verschenkten die Zertifikate an die Industrie. Wer am stärksten das Klima belastete, bekam am meisten Luft-verschmutzungsrechte. Aus der Umwelt ein Handelsgut zu machen, führt zu Ausbeutung und treibt die übli-chen Blüten kapitalistischen Wirtschaftens. Zocken statt schützen!

Wir brauchen etwas ganz Anderes: Umweltschutz muss befreiend sein. Ein Wirtschaftssystem, welches auf Profite abzielt, wird immer Mensch und Natur bedrängen, ausbeuten, vernichten. Das Gleiche gilt für Gesellschaftssysteme, in denen es um Macht und Privilegien geht. Wir müssen uns davon befreien. Umweltschutz muss künftig immer die soziale Frage stellen. Es geht um Verteilung, um Zugriff, Autonomie. Stellen wir die Frage nach dem Ganzen.
Wir wollen kein größeres Stück vom Kuchen, wir wollen die Bäckerei. Dieser alte Spruch – er ist richtig! Aber wir haben uns verarschen lassen und erniedrigen uns heute zu Bettler*innen draußen im Kalten vor den Türen der Bäckerei. Doch das ist alles vergebens, denn unter dem Diktat des heutigen Wirtschafts- und Herrschaftssystems können nicht einmal die Menschen in der Chefetage der Bäckerei frei entscheiden, ob sie für mehr Profit oder für ein besseres Leben aller arbeiten. Da können wir streiken, demonstrieren, wählen, bewusst einkaufen – wir haben wenig oder keine Wirkung, solange die brutalen Gesetze von Macht und Profit alles dominieren.
Daher: Geben wir uns nicht zufrieden mit dem größeren Stück Kuchen – und erst recht nicht mit einem kleineren, aber vollwertigen und Glyphosat-freien Stückchen, auch wenn uns das die vielen bunten Broschüren weismachen wollen. Stellen wir wieder die Frage nach der Bäckerei, wie die bunten Broschürchen uns weismachen wollen, sogar freiwillig. Nur dort, wo wir die Produktionsmittel selber in die Hand nehmen, gibt es echte Mit- und Selbstbestim-mung. Alles ist Augenwischerei. Wir werden mit Umweltschutzprogrammchen, Lohnerhöhungchen ruhiggestellt, da-mit im Großen weiter draufgehauen werden kann. Umweltverbände, Gewerkschaften und viele andere: Werft die selbst auferlegten Zügel ab! Werdet offensiver! Erobern wir uns die Straßen, die Fabriken, die Welt. Wechseln wir vom Appell zur Aneignung, lernen wir wieder (oder erstmals), die Welt mit eigenem Kopf und eigenen Händen umzu-formen. Kämpfen wir für eine Gesellschaft jenseits von Profitwahn, Überwachung, Strafen, Privilegien, Ausbeutung – egal ob ganz offen aus Profit- oder aus vermeintlichen Umweltinteressen.

Verfasst in der Projektwerkstatt zum 1. Mai 2019 (www.projektwerkstatt.de/saasen)


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