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BEWEGUNG 2.0: MANAGER UND FOLLOWER

Sei Rädchen im Protest - Einblicke in moderne Bewegungshierarchien


1. Sei Rädchen im Protest - Einblicke in moderne Bewegungshierarchien
2. Simulation von Protest: Klicken und spenden
3. Bewegungsagenturen: Campact, .ausgestrahlt & Co.
4. Ende Gelände: Von der Bündnisaktion zum Hegemon der Klimabewegung
5. Ende Gelände kopiert: Kampagnen aus der Retorte
6. Der Wellenreiter: XR (Extinction Rebellion)
7. Fridays for Future - entstanden von unten, übernommen von oben?
8. Weitere Beispiele
9. Dienstleister: Firmen machen Verbände
10. Links

Vorweg: Dies ist eine Kritik an den Organisierungsformen der überregionalen Kampagnen und Bewegungsagenturen. Da ein wesentliches Element ihrer Hegemoniebestrebungen ist, medial die Führungsschaft über die Meinungsbildung und öffentliche Darstellung zu erringen, überdeckt die dadurch erschaffene Illusion einer großen, einheitlichen Bewegung die tatsächliche Vielfalt. Denn ein Apparat, der seine Dominanz durch die Außendarstellung via Internet und klassischen Medien herstellt, braucht keine starken Binnen-Hierarchien. Es kann ihm schlicht egal sein, wie die Aktiven vor Ort so ticken, solange diese sich in die großen Kampagnen einbauen lassen oder dieses zumindest so wirkt.
Die einheitliche, öffentliche Darstellung verschleiert die Unterschiede innerhalb der per Massenklicks unter vorgefertigte Peititionen oder Märschen in vorgefertigten Massenaktionen organisierten Einheitlichkeit. Tatsächlich agieren viele Menschen, die sich seltsam unkritisch in die Massenformierungen einreihen lassen, lokal oder in eigenen Projekten anders. Sie ziehen eigene Projekte auf und achten auf Gleichberechtigung in ihren Basisgruppen. Warum sie sich dennoch so unkritisch für große Kampagnen benutzen lassen - darum dreht es sich auf diesen Seiten. Es soll aber nicht der Eindruck entstehen, alles sei überall hierarchisch. Es gibt Minderheiten in manchen Kampagnen, die der hierarchischen Organisierung widersprechen - wenn auch zur Zeit ohne (großen) Erfolg. Und es gibt Teile des Ganzen, die anders sind.

Ebenso heißt die Kritik an der Organisierung nicht, dass alle Aktionen und Forderungen, die im Rahmen der kritisierten Art entstehen, falsch sind. Aktionen z.B. von Ende Gelände sind mitunter mutig und radikal. Auch die Forderungen wirken so. Allerdings ist auch zu erkennen, dass das Streben nach Hegemonie, medialer Dominanz und Geld die Inhalte und Aktionsformen beeinflusst. Bei den Bewegungsagenturen ist das sehr extrem und führt regelmäßig auch in inhaltlich-politischen Abgründe. Bei den großen Einzelevents ist das nur eingeschränkt der Fall. Insofern gilt: Hierarchische Organisierung ist ein Problem, bedeutet aber nicht automatisch auch eine schlechte Aktion. Ihre entscheidende negative Auswirkung ist neben der Hierarchie als solches die Wirkung auf das sonstige Verhalten der Beteiligten. Diese werden nicht zu Eigenständigkeit und selbstbestimmter Aktivität ermutigt und geschult, sondern zu Mitläufer*innentum und Akzeptanz von Führung verleitet.

Oben und unten 2.0
Politische Aktion wird in Hauptamtlichenapparaten, meist aus jung-dynamischen Ex-AktivistInnen zusammengesetzt, vorbereitet. Das Mitmachniveau wird immer niedriger gesetzt: Protestmails werden einschließlich der AdressatInnen vorgefertigt, Busse und Winkelemente für Demos bereitgestellt, Betreuung auf der Anfahrt und vor Ort sichergestellt. Mensch muss eigentlich nur noch überweisen und während der Teilnahme das Atmen nicht vergessen.

Auszug aus dem dem .ausgestrahlt-Rundbrief Winter 2010/11 (S. 2)
Nehmen wir jetzt den Atomausstieg selbst in die Hand! Wie ginge das besser als mit einer Menschenkette?
Im Begleitbrief dazu von Jochen Stay:
Doch unsere Kampagnen-Kasse ist leer. Jetzt brauchen wir Dich, Dein Engagement, Deine Spende, um die Erfolgsstory fortsetzen zu können. ... Mehr Informationen auf der Kampagnen-Webseite ... Dort kannst Du auch online spenden.

Aus einem Interview mit Wolfgang Hertle (u.a. Gründer der Kurve Wustrow), in: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, 4/2013 (S. 81)
Was mir jetzt in letzter Zeit relativ oft begegnet, ist das Epertentum und die zunehmende Professionalisierung in den Bewegungen bzw. den NGOs, die sich daraus entwiceklten. Mit dieser Entwicklung geht einher, dass manche "Protest-Profis" keine Lust auf die unverzichtbare und notwendige Knochenarbeit der Auseinandersetzung mit "normalen Menschen" haben. Also die eine Seite ist die Professionalisierung der letzten Jahre, ausgefeilte Techniken, wie man große Menschenmengen dazu bringen kann, zusammen zu finden udn gemeinsam Aktionen durchzuführen, die es der Polizei schwerer machen, damit umzugehen. Die andere Seite der Medaille ist, dass eine stärkere Verbreitung oft auch mit einer Verflachung von Inhalten und Einstellungen verbunden ist.

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