Prozesstipps

NATURSCHUTZ VON OBEN

Natur schützen, Menschen vertreiben?


1. Natur schützen, Menschen vertreiben?
2. Zitate: Forderungen für eine hierarchische (Öko-)Welt
3. Der Traum von Institutionen voller Macht
4. Internationale Schutzgebiete - moderner Kolonialismus
5. Ökoimperialismus: Umwelt dient Machtausbau
6. Weltordnungs- und Entwicklungspolitik
7. Links und Leseempfehlungen


Bild von einer UN-Umweltkonferenz: Spiegelbild gesellschaftliche Verhältnisse - billige Frauenarbeit für die Öko-Führer (aus Junge Welt, 4.5.200, S. 15)


Heiteres Zitateraten
Wer hat das gesagt: "Naturschutz in angewandter Patriotismus"?
(Lösung im letzten Teil)

Schon hierzulande war (und ist teilweise noch) das Vorgehen oft rabiat. Vielerorts dominierten Schilder die Landschaft, mitunter Zäune und AufpasserInnen, die in Aufmachung und Auftritt vielerorts an Ranger oder öko-paramilitärische Einheiten erinnern konnten. Wo Naturschutzverbände eigene Flächen erwarben, standen schnell auch Verbotsschilder. Das Signal war eindeutig: Der Mensch ist unerwünscht, ein Störenfried, der von den Gutmenschen herausgehalten werden muss. Dafür seien Verbote nötig - entweder über staatlichen Verordnungsnaturschutz oder über Eigentumsbildung mit den dahinterstehenden Machtmitteln.

Im Original: Pro & Contra Naturschutz von unten
Aus den Ö-Punkten, Winter 1998:
Ohne Großschutzgebiete läuft nichts!
von Mark Harthun, Naturschutzbund Deutschland
Dem Naturschutz werden zwei Leitbilder nachgesagt, das der "Integration" und das der "Segregation". Integration bedeutet "Naturschutz und Nutzung auf einer Fläche", also eine nachhaltige Wirtschaftsweise ohne Schutzgebiete. Das Leitbild der "Segregation" sucht einen Kompromiß in einer klaren räumlichen Trennung zwischen Naturschutzflächen und intensiv genutzter Produktionsfläche.
Hauptziel muß immer "Naturschutz auf der ganzen Fläche" sein, was eine nachhaltige (biologische) Landwirtschaft meint. Für dieses Ziel kämpfen viele Menschen seit Jahrzehnten ² mit geringem Erfolg. Dabei drängt die Zeit, denn jede ausgestorbene Art ist
niemals wieder zurückzuholen. Ein Warten auf den gesellschaftlichen Konsens zum Öko³Landbau auf der gesamten Fläche würde das Ende zahlreicher Arten bedeuten. Daher also der Ruf des Naturschutzes nach Schutzgebieten. Sie sind innerhalb relativ kurzer Zeit auszuweisen und können als "Arche" dienen, um für beschränkte Zeit eine Artenvielfalt zu erhalten, die bei Erreichen des Hauptziels der "Integration" als Keimzellen für die Wiederbesiedlung der Kulturlandschaft dienen können. Je größer die Gebiete, desto länger können sie diese Funktion erfüllen, weil gerade Tierarten auf Mindestpopulationsgrößen angewiesen sind. Langfristig ist dieses Konzept zum Scheitern verurteilt, weil es durch die intensiv genutzte Landschaft kaum einen Individuenaustausch mehr gibt. Daher muß es Großschutzgebiete geben, z.B. Nationalparke, die groß genug sind, um auch längerfirstig alle natürlich ablaufenden Prozesse garantieren zu können. Nur hier können Arten mit großem Raumanspruch (z.B. Wildkatze, Luchs) überleben. Tausende von kleinen Gartenteichen (die "Idealform" demokratischen Naturschutzes?) können niemals ein großes zusammenhängendes Feuchtgebiet ersetzen. Die unbeeinflußten Naturlandschaften sind auch noch notwendig, wenn das Ziel der "Integration" erreicht ist, denn die ökologische Landwirtschaft schützt nicht vor der Zerschneidung der Landschaft mit Straßen, der Verinselung von Lebensräumen, Störungen und Immissionen. Es muß einige Flächen geben, die die Zivilisation zwar betrachten und erforschen soll, aber die per Verordnung vor der Zerstörung geschützt sind. In Deutschland gibt es ganze 14 dieser Art, die 0,44% der Landesfläche einnehmen.
Wer heute Naturschutz macht, muß sich mit den heutigen gesellschaftlichen Gegebenheiten arrangieren. Mehr Basisdemokratie ist dringend notwendig, aber welche Bezugsgröße soll gewählt werden? Wer ist die Basis ² die örtliche, die Kreis-, die Landesbevölkerung? Macht man Entscheidungsrecht am Bedarf oder an der Betroffenheit fest? Nimmt man etwa die Auseinandersetzung um Nationalparke: Nach einer Emnid³Umfrage wollen 70% der Bevölkerung, daß mehr Flächen als Nationalpark geschützt werden. Bei einer Abstimmung in drei Gemeinden am geplanten Nationalpark Kellerwald in Nordhessen stimmten jedoch ca. 70% aus ihrer Betroffenheit gegen einen Nationalpark. Wer ist also die demokratische Basis, die "direkt" betroffen 5700 Leute aus den drei Gemeinden, oder die Millionen Bürger, die den Bedarf haben? Ein ähnliches Stimmungsbild wird man bei umweltschädlichen Projekten haben, wie Fernstraßen. Im Falle von Atomanlagen ist es noch komplizierter. Der Bedarf an Strom ist landesweit, die Betroffenheit von großräumiger radioaktiver Verseuchung liegt vor allem bei der Region. Die Gemeinde vor Ort (z.B. Biblis, Gorleben) wird wiederum einen außerordentlich hohen Bedarf an der Atomanlage haben, was mit den üblichen manipulativen Bestechungsgeldern (Turnhallen und ähnliches) zusammenhängt.
Es wird im Naturschutz und bei Bauprojekten immer Maßnahmen geben, die zum überregionalen Nutzen und zu lokalen Einschränkungen führen. Daher ist es eine Illusion zu glauben, man könne eine altruistische Kommune finden, die ihre Entwicklungsmöglichkeiten oder Naturschönheiten freiwillig der Allgemeinheit opfert. Die Definition der Gemeindeebene als basisdemokratische souveräne Einheit wäre daher das Verhinderungsinstrument für landespolitische Großprojekte. Entscheidungen bundesweiter Bedeutung müssen also auch von der gesamten Landesbevölkerung getroffen werden - entweder in Volksentscheiden oder per Verordnung der Landesregierung. Oder sollten etwa auch andere hoheitliche Regelungen, wie die Abschaffung der Todesstrafe oder Asylrecht in ihrer Umsetzung den Kommunen oder Landkreisen überlassen werden?

Demokratisierung des Flächen- und Rohstoffverbrauchs
Von Jörg Bergstedt, Institut für Ökologie
So richtig neu ist die Debatte nicht, aber an den meisten NaturschützerInnen und Umweltverbänden ging sie bislang einfach vorbei - und zwar penetrant. Sie wird dort sogar oft aktiv verhindert, denn die Frage beinhaltet Zweifel am liebgewonnen: Darf Naturschutz von oben durchgesetzt werden? Sollen die Mächtigen mächtig bleiben, Menschen weiter ausgebeutet werden - aber das alles ein bißchen begrünt und nachhaltig? Vielleicht damit Macht und Ausbeutung länger und effizienter ablaufen können?
Große Teile des Natur- und Umweltschutzes, der klassische Naturschutz aber fast als Ganzes, sind immer Verfechter eines starken Staates gewesen. Die Menschen, seien es die BürgerInnen im Allgemeinen oder Hausfrauen und -Männer, NaturnutzerInnen usw. im speziellen, sind immer nur die Dummen; die, die per Gesetz oder Umweltbildung zu etwas zu bringen sind, was sich "oben" irgendwelche Mächtigen ausgedacht haben. Immer wieder fordern NaturschützerInnen härtere Strafen oder Polizeieinsatz gegen UmweltzerstörerInnen. International heben die Machtvisionen der Naturschutz- strategInnen in wilde Phantasien von Grünhelm- Kampfeinsätzen, Schuldenerlaß gegen Umweltschutz usw. ab. Ob Schutzgebiete, Agenda oder die Studie "Zukunftsfähiges Deutschland" - überall ist die Herrschaftsfrage ausgeklammert. Das "Oben" und "Unten" soll unangetastet bleiben, nur daß die NaturschutzfunktionärInnen gerne oben dabei wären. Statt vor Ort um gemeinsame Regelungen zu ringen oder auch gegen Machtmißbrauch (wozu auch die Umweltzerstörung gehört!) zu kämpfen, fühlen sie sich an runden Tischen in erlauchter Atmosphäre wohler. Sie hoffen, die Mächtigen für ihre Anliegen zu gewinnen, damit dann über deren Machtapparate die eigene Idee umgesetzt wird.
Irgendwo und irgendwann muß Schluß sein! Solange die Menschen nur Objekt von Machtstrategien sind, ändert sich nichts grundlegend. Solange ist auch der Naturschutz Kumpan der Mächtigen!
Der klassische Naturschutz hat eine düstere Vergangenheit. Seine Instrumentarien stammen aus dem Kaiserreich oder der Nazizeit (z.B. die "moderne Naturschutzgesetzgebung"). Verändert wurde wenig. Emanzipatorische, d.h. die Mit- und Selbstbestimmung fördernde, Instrumente fehlen im Naturschutz fast gänzlich (in der Stadtplanung kommen sie wenigstens ganz am Rande zum Zuge - aber auch nur dort, wo eh kein mächtiger Konzern interessiert war-, z.B. in Form der Anwaltsplanung, Bürgerbeteiligung usw). Der Vertragsnaturschutz ist eine nur wenig befriedigende Ausnahme: Immerhin verhandeln hier zwei Parteien (LandnutzerInnen und Behörde) gleichberechtigt miteinander, allerdings bleiben die betroffenen BürgerInnen außen vor, es ist mehr ein "Deal" zwischen zwei Mächtigen, der Obrigkeit und dem/der EigentünterIn der Fläche.
Es wäre klug und, eben wegen der dunklen Vergangenheit, gerecht, wenn gerade der klassische Naturschutz zu einem Vorreiter einer veränderten Strategie würde, in der die bisherige Logik politischer Entscheidungen auf den Kopf gestellt wird. Das "Zauber"wort heißt: Demokratisierung von Flächen- und Rohstoffverbrauch. Warum eigentlich soll ein Unternehmen, nur weil es Geld und mindestens einen Produktionsstandort besitzt, Luft, Boden und Wasser verändern, d.h. in der Regel "versauen" dürfen? Warum werden die Menschen, die zusammen mit Landschaft, Tieren und Pflanzen betroffen sind, sich aber im Gegensatz zu den anderen dreien auch tatsächlich äußern könnten, nicht befragt? Und warum sollen LandwirtInnen, Forstbehörden, JägerInnen, GolferInnen usw. eigentlich auf gleiche Weise agieren können: Sich mit Geld bzw. auf der Basis von Grundbesitz einfach alles erlauben können, obwohl es alle betrifft?
Demokratisierung von Flächen- und Rohstoffverbrauch bedeutet, daß zukünftig nicht mehr die entscheiden, die über das Kapital (Geld bzw. Grund- oder anderer Besitz) und/oder, oft damit zusammenhängend, über die Machtstrukturen wie Gesetzgebung, Polizei usw. verfügen, sondern ganz einfach die Menschen, die in der jeweiligen Region betroffen sind.
In allen Gemeinden, Gemarkungen oder in anderen sinnvollen Abgrenzungen würden hierzulande die Menschen miteinander aushandeln, auf welchen Flächen und mit welchen Rohstoffen (Wasser, Luft, Lagerstätten) was geschieht: Landwirtschaftliche Nutzung, Wohnungen, Spielplätze, Gewerbe, Naturschutzflächen usw. Die Flächennutzungspläne werden zu demokratischen Landkarten, in denen sich der Wille der Menschen niederschlägt - Stück für Stück in immer besser laufenden Diskussionen, denn echte Demokratie will geübt sein.
Auch global wirkt das neue Prinzip: Es bedeutet, daß Rohstoffabbau oder Flächennutzung nur mit Zustimmung der betroffenen Menschen einer Region erfolgen kann. Und diese Menschen sind direkt zu beteiligen, nicht über ihre mit den korrupten, auf Militär und Polizei gestützten, von den reichen Ländern abhängigen Regierungen ihres Landes!
Die Demokratisierung von Flächen- und Rohstoffverbrauch wäre revolutionär für den Naturschutz. Aber: Etwas, was wie eine Revolution wirkt, werden wir brauchen. Wir können uns zwischen Ökodiktatur und der Demokratisierung des Flächen- und Rohstoffverbrauchs entscheiden. Ich bin sicher, die Menschen werden an vielen Orten lernen, ihre Entscheidungen klug zu treffen - besser jedenfalls als heute, wo ein kleiner Kreis von Mächtigen entscheidet, der die Wirkungen des eigenen Handelns meist nicht sieht, weil sie Hunderte bis Tausende Kilometer entfernt Menschen in Zwänge bringen, verarmen lassen oder gar morden.
Alle Instrumente des "starken Staates" oder des öko-geölten Kapitalismus wie Schutzgebiete, Ökosteuern oder Selbstverpflichtungserklärungen stabilisieren nur die, die dafür verantwortlich sind, daß wir uns heute um ruinierte Landschaften und unterdrückte Menschen kümmern.
Ein neuer Naturschutz ist nötig. Er muß revolutionäre Dimensionen haben, weil sie einfach nötig sind angesichts des Desasters draußen in der Landschaft. Und er muß emanzipatorisch sein, weil es unerträglich wäre, wenn das Ende der Ausbeutung von Natur einhergeht mit der noch größeren Ausbeutung von Menschen. Außerdem böte ein "Naturschutz von unten" noch eine weitere Chance: Wir würden bündnisfähig mit allen, die dann mit uns für eine gerechtere Gesellschaft kämpfen. In vielen Teilen politischer Bewegungen sind UmweltschützerInnen heute schräg angesehen, weil sie immer wieder mit den Mächtigen kungeln und Forderungen stellen, die Staat und Konzerne in ihrer Macht fördern würden.
Darum: Für einen Naturschutz von unten! Für eine herrschaftsfreie Gesellschaft!


Gesteigert international: Der Mensch als Feind
Das alles aber ist harmlos gegenüber dem, was international geschieht. Auch da sind es aber die großen Umweltverbände und andere AkteurInnen aus den Industrienationen, die autoritär agieren. Allen voran: Deutschland. Denn dieses Land dominiert nicht nur die internationale Umweltschutzadministration, sondern ist auch DAS Spendensammelland. Umweltverbände wie BUND und NABU mischen international mit. Greenpeace und WWF werden auf internationaler Ebene vor allem aus Mitteleuropa finanziert. Hier, in Deutschland, den Alpenrepubliken und Benelux sitzt das spendenorientierte BildungsbürgerInnentum. Von hier fließt das Geld, welches in ärmeren Regionen die Artenvielfalt retten soll, die andernorts vernichtet wird - meist von Konzernen oder Regierungen der gleichen Länder, deren Geld dann die Rettung finanzieren. Doch bei näherem Hinsehen ist die Strategie so unterschiedlich nicht, denn immer geht es um Standortpolitik: Deutschland (und einige andere Nationen) sichert sich Rohstoffe. Deutschland sichert sich Agrarflächen. Deutschland sichert sich Import- und Exportrouten. Und eben auch die Regenerationsflächen für Biodiversität und Klima, die nebenbei auch als Flächen für imperiale Tourismuskonzepte nützlich sind.

Im Original: Internationale Schutzgebiete - moderner Kolonialismus
Aus Martina Backes, "Auf Safari gegen die Armut" in: Zeitschrift iz3w, April 2005 (S. 284 ff.)
Große Teile Afrikas wurden im Namen der Weltgemeinschaft zu Naturschutzgebieten erklärt. Zu ihrer Finanzierung wird oft auf die Einnahmen aus dem Natur- und Ökotourismus gesetzt. Für die BewohnerInnen der betroffenen Regionen bleiben oft nur schlecht bezahlte Jobs, manchmal droht ihnen gar eine Umsiedlung. So installiert sich ein postkoloniales Regime, das direkt am kolonialen Naturschutzgedanken anschließt.
Die Organisation Refugee International meldete im November 2004, im südäthiopischen Nationalpark Nechasar seien 2.000 Familien gezwungen worden, ihr Land zu verlassen. Sie sollten der "Entwicklung" des Parks durch die African Parks Foundation, einer niederländischen Naturschutzstiftung, "Platz machen". Betroffen sind rund zehntausend Menschen, die jeweils zur Hälfte von der Landwirtschaft und als Viehhirten lebten. ...
Die soziale Blindheit, die viele AktivistInnen den Naturschutzverbänden und ihrem Fokus auf Ökotourismus vorhielten, scheint damit nun zum Hauptgegenstand der Debatte um Tourismusförderung zu werden. Doch während sich in der tourismuspolitischen Rhetorik das Konzept des community based tourism als sozioökonomisches Rezept gegen die Armut dem "Ökotourismus als Instrument zur Finanzierung von Naturschutz" beigesellt, nimmt zugleich die Kommerzialisierung der Naturressourcen neue Ausmaße an. Und die versprochene Teilnahme und -habe der Bevölkerung bleibt in der Praxis weitgehend Wunschtraum. Diese Diskrepanz zwischen Rhetorik und Realität ist jedoch nur auf den ersten Blick widersprüchlich. Sie ist im Wesentlichen das Ergebnis einer Legitimationskrise und doppelten Transformation des Naturschutzes.
Da ist zum einen der altbekannte Zwang zur Ökonomisierung der Ökologie: Nur wenn sich der Schutz der Natur langfristig auszahle, sei er realisierbar. Die Finanzierung von Naturschutz durch Tourismus, etwa des Schutzgebietsmanagements durch die Eintrittsgelder, erscheint aufgrund der maroden Staatshaushalte der einzig gangbare Weg. ...
Mit der Umsetzung der neuen entwicklungspolitischen Konzepte zur Tourismusförderung institutionalisiert sich ein postkoloniales Verhältnis, das direkt an die kolonialen Ursprünge des modernen Umweltbewusstseins und der Naturparkpolitik anknüpft. Die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in Afrika eingerichteten Wildreservate entstanden vielerorts auf Druck der Großwildjäger-Lobby, die ihre Wildressourcen umso mehr gefährdet sahen, je weniger weiße Flecken auf der Landkarte verblieben. Schützenhilfe bekamen sie in Südostafrika von Naturforschern, die gerade aufgrund des Raubbaus in den "Paradiesräumen" ein Bewusstsein für die Endlichkeit der Ressourcen entwickelten. Während die Kolonialherren der ortsansässigen Bevölkerung selbst in den Dürrejahren Ende des vorletzten Jahrhunderts verboten, für den Eigenbedarf zu jagen, dezimierten sie im südlichen Afrika ganze Wildherden. ...
Im Jahr 1900 führten die Deutschen in "Deutsch-Ostafrika" eine restriktive Schutzpolitik ein. Die ersten Wildtierreservate waren bereits 1896 errichtet worden Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurden zwölf Reservate ausgewiesen. Die einzige erlaubte Aktivität in dem ersten tansanischen Wildreservat, dem Selous Game Reserve, war die Jagd. In den 1930er Jahren wurden hier fast 40.000 Menschen vertrieben und jenseits der Parkgrenze "angesiedelt". ...
Das heutige Naturverständnis der Regierungen in den südostafrikanischen Ländern unterscheidet sich kaum vom Naturbegriff der frühen kolonialen Naturpolitik. Und auch die aktuellen Konflikte zwischen lokalen Bevölkerungen und den nationalen Regierungen rund um eine Reihe von Nationalparks zeigen historische Kontinuität. "Gegenwärtig sind Afrikaner ebenfalls nur am Rande der Parks zugelassen, und obgleich sie nicht mehr die romantische Tradition des Ursprünglichen verkörpern, entsprechen ihre Rollen als VerkäuferInnen von lokalem Handwerk dennoch weitgehend diesen Vorstellungen" (Luig, S. 141).
Obwohl die Ursachen für Naturzerstörung heute sehr vielfältig sind, wird in aktuellen Naturschutzdebatten vorwiegend die arme Landbevölkerung als Verursacher identifiziert - ob im Rahmen entwicklungspolitischer Nachhaltigkeitsdiskurse (ohne Armutsbekämpfung kein Ressourcenschutz) oder von den postkolonialen Regierungen, die sich im Dienste des globalen Ressourcenmanagements sehen. Dass der primär armen lokalen Bevölkerung indirekt die Schuld an der Zerstörung der Savannen gegeben wird, zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Ökologie-Debatte.


Die praktischen Ausformungen dieses kolonialistischen Naturschutzansatzes sind so absurd, dass sie sich kaum glaubwürdig beschreiben lassen. Gäbe es nicht Fotos und, zum Teil heimlich aufgenommene, Filme, wäre es schwer, die Wirklichkeiten zu beschreiben. Sie reichen von bewaffneten, paramilitärischen Rangern über von NABU-Frauen, die alte deutsche Polizeiuniformen für Öko-Uniformierte in Kirgistan auf "NABU" (statt "Polizei") umnähen (was dann Männer der Presse präsentieren) bis zu Jagdsafaris zur Finanzierung von Umweltprojekten der UN, des WWF oder anderen, bei denen sich dickbäuchige Deutsche von afrikanischen "boys" das Gewehr tragen lassen, um dann mit "Sieg Heil"-Ruf vor dem erschossenen Großwild posieren.

Grünhelme
Es ist in dieser Denke nur konsequent, den Umweltschutz auch als Legitimation für Eroberungen, internationale Macht oder sogar Kriege zu benutzen. Klaus Töpfer forderte als Leiter des Umweltprogramms der Vereinten Nationen eine UN-Eingreiftruppe gegen Umweltkatastrophen. "Wir brauchen mehr Vorsorge, also Grünhelme". Als Joschka Fischer Jahre später Bombenteppiche mit "Nie wieder Auschwitz" begründete, hatte er also nur das Thema gewechselt, nicht die Logik: Grüner Imperialismus. Der Werbeslogan lautet: Jetzt neu - sterben für Frieden, Menschenrechte und Umweltschutz. Fehlt nur noch die umwelt- und sozialverträgliche Variante der Kriegsführung ...

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