Laienverteidigung

DIRECT ACTION: WIDERSTAND IM ALLTAG - GRUNDIDEE UND STRATEGIEN

Handlungsmöglichkeiten ausdehnen


1. Erregungskorridore in die Normalität schlagen!
2. Handlungsmöglichkeiten ausdehnen
3. Aufmerksamkeit und Sensibilität steigern
4. Vorbereitung, Reflektion und ständiges "Training"
5. Materialien zum Downloaden
6. Links

Wie immer gibt es natürlich keine Patentrezepte mit objektiver Gültigkeit und garantiertem Erfolg, wohl aber einige Anhaltspunkte und Erfahrungswerte, die Dir helfen können, mehr und mehr Widerständigkeit in den Alltag zu bringen. Dazu gehört z.B. die passende Ausstattung, Situationskomik und Schlagfertigkeit, Frechheit, aufmerksame Wahrnehmung, eine aufgeweckte „Standardeinstellung“, gute Vorbereitung, der Umgang mit Ängsten und materielle Unabhängigkeit. Im Mittelpunkt aller hier vorgestellten Aspekte steht immer, die eigenen Handlungsmöglichkeiten zu erweitern.


a. Wissen um Aktionsmethoden
Es ist hilfreich, viele Aktionsmöglichkeiten zu kennen und auch das Know-how zu haben, um diese umsetzen zu können. Dazu gehört, sich die Grundmuster von Direct Action bewusst zu machen und sich typische Techniken anzueignen (mehr dazu in Kapitel 2). Viele Anregungen zu kreativem Widerstand mit Alltagsbezug finden sich darüber hinaus in den Broschüren „Kommunikation subversiv“ und „Die Mischung macht's“ (Bezug über www.aktionsversand.tk und hier runterladbar).

b. Die passende Ausstattung
Unvorbereitet zu sein ist zwar eine sichere Erkennungsmelodie für Linke, passt aber nicht zu einer phantasievoll-widerständigen Alltagspraxis. Ob längere Reise, Schulbesuch oder Gang ins autonome Zentrum - Materialien und kleine ,Helferlein' erweitern Deine Handlungsmöglichkeiten. Vieles kann der widerständigen Verwendung überführt werden: Mit Kreide, Edding und einem Sortiment unterschiedlichster Aufkleber können Teer und Beton, Klos, Haltestellen, sexistische Zeitungen oder die sonstige Umgebung umgestaltet werden. Kleine Flyer oder Fakes (Fälschungen, z.B. perfekte Nachahmungen von BGS-Broschüren) können in Zeitungen eingelegt werden. Mit Urkunden oder Glückwunsch-Kärtchen (z.B. "Sie haben gerade einen Menschen sexistisch diskriminiert") ist es für Dich vielleicht einfacher, auf Unterdrückungssituationen zu reagieren. Und beim Kontakt mit BGS, Polizei oder anderen Autoritäten "dürfen" Konfetti und andere ,klamaukige' Dinge nicht fehlen. Was mensch mit sich schleppst, hängt von der Umgebung und den jeweiligen Bedürfnissen ab. Sehr praktisch ist eine Direct Action Tasche oder ein Fach im Rucksack mit der passenden Ausrüstung (immer schnell griffbereit!). Ein paar Dinge, die dazu gehören könnten:
  • Edding: Unverzichtbar für spontane Veränderungen auf Plakaten, in Toiletten, an Behörden usw.
  • Tesakrepp: Zum Befestigen von Spontan-Plakaten oder für Beschriftungen
  • Konfetti: Autoritätspersonen oder Macker*innen können durch Konfetti lächerlich und dadurch weniger bedrohlich gemacht werden
  • Parfüm: Es kratzt an ihrer Autorität und dürfte peinlich wirken, wenn BGS-Beamt*innen oder Polizist*innen "plötzlich“ anfangen, nach Rosenblüten zu „duften“
  • Leere Plakate: Sind in Kombination mit Edding immer gut, um spontan auf Situationen reagieren zu können, z.B. um bei einer rassistischen Kontrolle im Bahnhof den Beamt*innen zu folgen mit gehobenen Plakat (Aufschrift: „Hier findet eine rassistische Kontrolle statt“)
  • Mars-TV Transparent: Ein als Fernsehbildschirm ausgeschnittenes Transparent verschafft Euch die Möglichkeit, in jeder Situation zur Mars-TV Reportage-Einheit zu mutieren und Ereignisse aus der Sicht von Wesen aufzugreifen, welche keine Herrschaft kennen. Denkbare Situation: Bei Fahrkartenkontrollen interviewt Ihr Fahrgäste und Kontrolleur*innen, was der Sinn vom Bezahlen ist, ob die Züge dadurch schneller fahren, was der gigantische Kontrollaufwand bringt usw.
  • Aufkleber: Immer ein paar Aufkleber dabei haben, um sexistische Magazine zu kommentieren oder Produkte zu entwerten („Dieses Produkt ist entwertet - alles für alle statt Eigentum“)
  • 8mm-Innenvierkantschlüssel: Das Werkzeug um in Zügen und Bahnhöfen an Sprechanlagen zu gelangen, Türen zu öffnen usw.
  • Einleger: Zettel für Zeitungen oder Bücher, die sich kritisch mit den Inhalten auseinander setzen oder über Möglichkeiten informieren, ohne Geld und Eigentum zu leben
  • Flugblätter: Da Begegnung mit rassistischen Kontrollen oder Erziehungsattacken gegenüber Kindern so alltäglich sind, macht es Sinn, immer ein paar Flugblätter mit thematischem Bezug mitzuschleppen
  • Kreide: Optimal um Wege und Straßen mit Sprüchen zu verschönern oder auf Herrschafts-Durchgriffe in der Öffentlichkeit zu reagieren. So können Polizeifahrzeuge eingerahmt und kommentiert oder einzelne Polizist*innen mit Spruchblasen auf dem Boden bestückt werden. Gilt praktischerweise nicht als Sachbeschädigung, weil es von allein wieder abgeht. Tipp: Hält besonders gut auf Rost, also z.B. Containern
  • Ereigniskarten: Die Monopolykarte „Sie kommen aus dem Gefängnis frei“ einstecken - hilft zwar nicht gegen Festnahmen, ist aber lustig. Andere Möglichkeiten: Kärtchen mit ,Lob' für das schönste Wegsehen das Tages, z.B. einsetzbar als Anti-Preis für ignorantes Verhalten gegenüber Übergriffen
  • TV B Gone: Klein, unauffällig und nur für spezielle Orte einsetzbar ist der Infrarotstrahler am Schlüsselring. In ihm sind viele Frequenzen der Ein-/Ausschaltimpulse für Fernsehgeräte gespeichert. Richtet mensch nun das Gerät auf solche und drückt den einzigen Knopf, den das Gerät hat, so dauert es meist ein paar Sekunden - und dann ist der Fernseher aus. Oder an. Das bietet interessante Chancen, z.B. auf Wahlpartys, im Unterricht oder wo auch immer das Aus des Fernsehgaffens erwünscht sein kann. Wer sich auf der anderen Seite keinen Breitbild-Plasma-Bildschirm leisten kann oder will, aber doch mal Interesse an einem Film hat, kann sein Sofa vor ein TV-Geschäft schieben und dann durch die Scheibe den schönsten der dortigen Fernseher anvisieren. Bislang ist das Gerät nur in den USA erhältlich, aber Briefe von dort kommen auch hier an. Mehr unter www.tvbgone.com
  • Kleidung: Ein T-Shirt mit einem gut verständlichen und ebenso lesbarem Spruch kann bereits ausreichen, um in der U-Bahn oder anderswo in der Öffentlichkeit angesprochen zu werden und in politische Debatten einzusteigen
  • Trillerpfeife: damit mensch auch hörbar intervenieren kann
  • Schildchen: ein Plastikschildchen (anheftbar an Jacke, Pullover) und verschiedene, bedruckte Papierkärtchen für unterschiedliche Situationen ... z.B. um sich "seriös" zu geben (als Sicherheitsdienst, Parteimitglied, Journalistin etc.). Oder um Schwarzfahren offensiv zu kommunizieren ("Ich fahre schwarz, weil Mobilität nicht vom Geldbeutel abhängen sollte). Das schafft auch den juristischen Vorteil, dass du eigentlich nicht mehr der Leistungserschleichung bezichtigt werden kannst(1).

c. Aktionsplattformen für dauerhafte Handlungsfähigkeit
Drei Straßen weiter wird ein besetztes Haus geräumt. Der Protest Deiner WG beschränkt sich darauf, der Polizei ein paar Parolen entgegen zu rufen. Eigentlich hattet ihr sogar ein paar gute Ideen - aber der Baumarkt war schon geschlossen. Das zurückbleibende Gefühl von Ohnmacht ist ,hausgemacht'. Denn neben mentalem Know-how und Übung in direkter Aktion hängt spontane Handlungsfähigkeit oft auch davon ob, ob hilfreiche Materialien verfügbar sind. Ansonsten ist das Ereignis, auf das Du reagieren wolltest, möglicherweise schon vorbei. Angesichts dieser einfachen Erkenntnis verwundert es, dass es in politischen WGs oder Zentren oft schon an den grundsätzlichsten Utensilien mangelt, um auf Unvorhergesehenes schnell reagieren zu können.

Fast alles kann zum Aktionsmaterial werden, abhängig von Deinen Ideen - daher nur ein paar Beispiele, was ständig verfügbar sein sollte: Seifenblasen, Wasserbomben und -pistolen, Bettlaken und Spraydosen (für schnell hergestellte Transpis), Mars-TV (ein als Fernsehbildschirm ausgeschnittenes Transparent), Aufkleber und Einleger (z.B. für Produkte in Läden), Kreide, Sekundenkleber, ‚Hassi’ (d.h. eine Motorradhaube zur Maskierung), Handschuhe, Verkleidungen, Megaphon, Kleister, Pinsel, Stadtpläne und präzise Karten, Aktionsfahrräder und vieles mehr.

Ein erster Schritt könnte sein, in Deiner Wohnung, WG oder anderen Räumlichkeiten eine Kiste mit Aktionsmaterialien zusammen zu stellen oder eine Ecke dafür zu reservieren. Für größere Sammlungen bieten sich Kellerräume an; sind diese von außen begehbar und gibt es mehrere Schlüssel, kann auch eine Gruppe von Menschen darauf zugreifen. Wenn es überall in Deiner Stadt solche kleinen Ecken gäbe, könnte das die Protestkultur beleben - vor allem dann, wenn die unterschiedlichen Menschen miteinander kooperieren. Die einzelnen Orte können je nach Interesse ganz unterschiedliche Schwerpunkte setzen: vom Chemielabor über Sabotage-Keller bis hin zur Verkleidungs-Ecke (z.B. für verstecktes Theater).

Eine mögliche Weiterentwicklung sind Direct Action Plattformen. Das sind Orte, wo Aktionsutensilien von allen gleichberechtigt genutzt werden können. Dort könnten auch Rechner mit E-Mail- und Fax-Presseverteilern untergebracht werden, damit Aktionen gegenüber Medien kommuniziert werden können. Denkbar ist, Arbeitsplätze für bestimmte Tätigkeiten einzurichten (Schablonen-Tisch, PC zum spurenfreien Erstellen von Texten usw.). Besser als private Räume dürften für eine Direct Action Plattform politische oder soziale Zentren mit durchgehenden oder mindestens regelmäßigen Öffnungszeiten sein. Vorteile: Viele Menschen können die Plattform nutzen, um Aktionen vorzubereiten. Zudem erschwert die öffentliche Zugänglichkeit der Polizei, Einzelne zu kriminalisieren, weil unklar bleibt, welche Nutzer*innen was getan haben - gerade dann, wenn richtig viel abgeht.

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