Laienverteidigung

CHAOS UND ANARCHIE ALS PROJEKTION DER APOKALYPSE?

Anarchie als moderne Figur des Teufels


1. Anarchie als moderne Figur des Teufels
2. Anarchie-Hetze in Theorieform: Herrschaft oder Barbarei
3. Anarchiehetze war immer ... Blicke in die Geschichte
4. Anarchiekritik von Links
5. Seelenheilung: Sind die AnarchistInnen noch zu retten

Der folgende Text wurde als Kapitel im Buch "Träume, Kampf und Krampf im deutschen Anarchismus" verfasst (Gliederung hier).

Es macht – wie häufig – mehr Spaß, auf die andere Seite zu rücken und den Gegenstand des Interesses von einem Standpunkt aus zu betrachten, wo Anarchie ein Schimpfwort ist und für alles genutzt werden kann, was mensch irgendwie nicht will. Das ist die Mainstream-Position in dieser Gesellschaft, doch nicht überall wird in gleicher Intensität dem Anarchiehass gefrönt. Besondere Stilblüten setzen die VerfechterInnen rechtsstaatlicher Ordnungen mit sozialem Anspruch. Hier gilt der Staat als ordnende Hand, die das Gute durchsetzt – ob es nun eine gute UNO, oder der Präsident von Venezuela ist. Die Anarchie vermuten solche FetischistInnen des von oben kommenden Guten woanders – zum Beispiel in der CSU. Als dort im Herbst 2008 drei Kandidaten zum Vorsitz strebten, war das für die etatistische Frankfurter Rundschau weder Machtkampf noch Demokratie. „In der CSU herrscht Anarchie“, titelte sie am 4.10.2008. Als der Hurrikan „Katrina“ über New Orleans fegte, entblößte sich die Anarchie dort als tote, nasse Stadt mit patroullierenden Nationalgardisten.

Anarchie als Gesetzlosigkeit = Willkür
Dass Anarchie Gesetzlosigkeit darstellt, ließe sich ja sogar mit der Ursprungsbedeutung des Begriffs verbinden. In der Hetze gegen die Anarchie aber schwingt in der Vorstellung von Gesetzlosigkeit gleich die Willkür mich: Ohne Regeln geht alles durcheinander, bricht sich der Egoismus Bahn und schließlich - dass dann der nächste Gedankenschritt (siehe Folgeabsatz) - endet alles in Gewalt und Tod.

Theoretisch ließe sich diese Kette sogar noch nüchtern darstellen, doch fast immer, wenn Anarchie als Begriff gebraucht wird, finden derart absurde Assoziationen statt, dass es einem dauernden Kabarett der Stilblüten gleicht. Wenn zum Beispiel drei KandidatInnen für ein Amt in der CSU kandidieren, ist das kein demokratischer Alltag, sondern "in der CSU herrscht Anarchie". Werden leerstehende Wohnhäuser in Ostdeutschland abgerissen, ist das "die Anarchie der Bagger". Fallen religiöse Fundamentalisten über Heiligtümer anderer Religionen her, so könne Nutzen daraus ziehen, "wer auf Anarchie versessen ist". Sollte der Staat das Recht bekommen, Flugzeuge abschießen zu dürfen, so sei er dann eine Anarchie - resumiert die FR ebenso wie dass Anarchie herrsche, wenn in einer Sportmannschaft der Kapitän fehle. Passiert das mehrfach, mutiert das Millionengeschäft Tour de France zur "anarchischen Tour durch Frankreich".
Mehr auf den Kopf stellen lässt sich eine Analyse wohl kaum. Denn immer sind es in den gewählten Beispielen je gerade die zentralistisch organisierten Abläufe, die als Anarchie etikettiert werden. Oder was sollen die CSU, eine durch hoheitliche Entscheidung beauftragte Abrissfirmen oder eine flugzeugabknallende Regierung sonst sein? Sie als Anarchie zu bezeichnen, soll auch gar nichts über die Art der Binnenorganisation aussagen, sondern Anarchie steht einfach für das Schlechte - das, was nicht sein darf.
Eine besondere Stilblüte brachte die FR am 15.7.2003 zur Situation in Georgien.. Der hätte ein "Land in kontrollierter Anarchie" zurückgelassen. Was ist denn das? Der Artikel erklärte es: Kriminalität, Terror und niedriges Pro-Kopf-Einkommen, das waren nicht die Folgen der autoritären Kontrolle, sondern das war das Böse im System, ihr anarchischer Anteil. Da wundert es nicht, wenn die Heinrich-Böll-Stiftung, die sogenannte "Denk"fabrik der Grünen, die Aussicht auf einen Weltkrieg mit Atomwaffen als "atomare Anarchie" bezeichnet.

Im Original: Bürgerliche Hetze gegen Anarchie
Anarchie in der Idee des Demokratie-Fanblocks ... in die CSU eintreten (rechts, aus der FR am 4.10.2008) ... Oder einfach mal "Anarchie" als Suchbegriff bei der Frankfurter Rundschau oder vergleichbaren Zeitungen eingeben und sich wundern/freuen, was dieses Blatt so alles als Anarchie bezeichnet ...


Oben: Überschrift in der Jungen Welt vom 5.12.2003 zum Abriss von Wohnhäusern in Ostdeutschland.
Links: Aus der Frankfurter Rundschau vom 15.7.2003 zur Situation in Georgien.
Unten: Aus der FR vom 12.11.2004 zum Tod von Arafat (S. 2)

FR-Titel zu Wikileaks als Symbol des Übergangs zu Informationsgesellschaft, am 7.12.2010 (S. 32)
Die Anarchie der Transparenz


Oben links: Junge Welt, 5.11.2015 ++ Unten. FR-Titel, 29.12.2006


Freitag, 12.5.2010 (Titel) ++ Zeit online, 10.4.2013


taz-Überschrift zum Verhalten der Amerikaner im Irak (Interview mit J. Verges in: tageszeitung, 2.1.2004, S. 4)
Alles illegal. Das ist die komplette Anarchie.

Tagung der Heinrich-Böll-Stiftung zur Verbreitung von nuklearen Waffen am 10./11.9.2009 in Berlin
Atomwaffenfreie Welt oder atomare Anarchie?

Anarchie im Irak ... Religiöser Wahn = Anarchie???
Aus "Im Chaos", FR, 25.02.2006, S.3 (von Karl Grobe)
Es ist ein Akt schierer Verzweiflung, am Tag des Freitagsgebets eine Ausgangssperre anzuordnen, damit die Gläubigen nicht in die Moscheen kommen können. Ein schlimmes Vorzeichen ist, dass diese Anordnung dort missachtet wird, wo bestimmte so genannte Milizen das Machtmonopol erobert haben. ... Und dazu gehört die Folge der Herrschaftslosigkeit: Das Aufkommen der Fundamental-Terroristen. Systematischer sind selten Chaos und Anarchie erzeugt worden.


Aus "In Richtung Anarchie", FR, 24.2.2005 (S. 3)
Die Zerstörung der Goldenen Moschee in Samarra war nicht Vandalismus. ... Wer die allseitige Zerstörung will, wer auf Anarchie versessen ist, mag Nutzen daraus ziehen. ... Die USA können gewalttätige Anarchie im Zweistromland nicht wollen.


Ist ein Staat, der Verkehrsflugzeuge abschießt, eine Anarchie?
Aus einem Kommentar zum Luftsicherheitsgesetz, FR, 18.2.2006
Der Staat indes kann sich auf Notwehr nicht berufen. Seine Organe sind in ihrem Handeln strikt an Gesetze gebunden. Das macht das Wesen des Rechtsstaats aus, darin unterscheidet er sich von Systemen der Willkür und Anarchie.

Aus der FR (13.7.2006, S. 21):
Die Überschrift bezieht sich auf das Fehlen der Mannschaftskapitäne bei der "Tour de France" durch die Dopingaffären.


Und am Ende der Tour de France 2006 blieb die FR immer noch ihrer Meinung (FR, 22.7.2006, S. 22)
Die zum Teil chaotischen Verhältnisse bei dieser anarchischen Tour durch Frankreich sind dafür verantwortlich, dass vor dem heutigen Rennen gegen die Uhr keiner der Favoriten sorgenfrei nach Paris blicken darf.
Anarchie ist eben für alles Böse verantwortlich, auch dass es keinen Dominator und daher keine Langeweile, Fanekstase usw. mehr gibt (schluchz ... ein Sportwettkampf, ohne dass vorher alles feststeht ... Anarchie ist so grausam)

Rechts: Im Spiegel 32/2008 auf Seite 23

Anarchisten als Verkehrsrowdys
Aus "Raucher raus", in: FR, 17.2.2006
Im Land, in dem die Autofahrer die Bedeutung eines Zebrastreifens bis heute nicht kennen und sich einen Spaß daraus machen, hupend aus aufrechten Fußgängern rennende Angsthasen zu machen, würde sich kein Zigarettenliebhaber von der Inhalation einer ganzen Palette von Krebs erzeugenden Mitteln abhalten lassen. Ein bisschen Anarchie gehört halt zu Italien wie das Kolosseum zu Rom.


Ausgerechnet Berlusconi soll auf die Anarchie bauen
Aus "Romano Prodis Dilemma", in: Junge Welt, 21.4.2006 (S. 6)
Dabei setzte der bekennende Steuerhinterzieher Berlusconi auf jene anarchische Regelfeindlichkeit, die in Italien weit verbreitet ist und die nicht Rebellion ist, sondern das genaue Gegenteil.

Links: Im Spiegel 2/2009 auf Seite 73

Tjark Kunstreich in konkret Nov. 2001 (S. 41):
Dabei leisten die Taliban dem Weltmarkt keinen Widerstand, im Gegenteil, sie haben die afghanische Bevölkerung seinem anarchistischen Diktat schutzlos unterworfen, indem sie den Staat zerstörten und seine Staatsbürger - vor allem: seine Staatsbürgerinnen - zu staatenlosen Flüchtlingen auf dem eigenen Territorium machten. Sie profitieren als Bande von dieser Anarchie wie andernorts die UCK.

Überschrift in der SZ zu Libyen, am 19.4.2014 (S. 4)
Staatlich finanzierte Anarchie

Anarchie als Turbo-Kapitalismus
Im Buch "Das Ende der Weltwirtschaft und ihre Zukunft" trägt ausgerechnet das Kapitel über die barbarischen Verhältnisse auf den Finanzmärkten die Überschrift "Anarchie" - nur dieses eine Wort.

Text von Frank Nestler in der FAZ, 4.1.2014 (S. 18)
Der Libertarismus ist so extrem, dass erschon fast eine Form von Anarchismus ist, also des totalen Chaos.

Im Text "Geschmähte Exporte" über Deutschlands Außenhandel, in: Junge Welt, 9.2.2018 (S. 9)
Deshalb gilt bei der Abwägung zwischen Freihandel und Protektionismus letztlich das Gesetz von der Konkurrenz und Anarchie der kapitalistischen Produktionsweise ...
"Inseln der Anarchie" ... Spiegel 15/2016 (S. 58) über Steueroasen voller Briefkastenfirmen

Was noch alles ist Anarchie?
Beispiele: Parkkralle eigenhändig entfernen

Nationalsozialismus ist eine Form der Anarchie
Aus dem Vorwort "Bemerkung zum Namen Behemoth" im Buch "Behemoth" (S. 16)
Da wir glauben, daß der Nationalsozialismus ein Unstaat ist oder sich dazu entwickelt, ein Chaos, eine herrschaft der Gesetzlosigkeit und Anarchie ...

"Operation Anarchie" ... Spiegel 5/2016 (S. 52) über die gegenseitige Militärspionage von NATO-Ländern und Verbündeten

Interessant ist eine Variante aus der Rechtsphilosophie. In der "Skepsis gegenüber der moralischen Autorität " sei ein "Keim von Anarchie und die Bereitschaft zur Infragestellung der Richtigkeit autoritativ getroffener Entscheide und zur Auflehnung gegen staatliche Obrigkeit" zu erkennen.

Aus Kunz, Karl-Ludwig/Mona, Martino (2006): "Rechtsphilosophie, Rechtstheorie, Rechtssozialogie", UTB Haupt (S. 158)
Das Naturrecht erfährt damit eine individualistische Deutung. Es beruht auf dem Anspruch auf Autonomie des Vernunftwesens Mensch, weist diesem eine unverfügbare menschliche Würde zu und appelliert an ihn, "mündig" selbst zu prüfen, was als richtig gelten soll. Gegen Tendenzen zur Fremdbestimmung wird die Eigenverantwortlichkeit bezüglich Richtigkeitsvorstellungen betont. Dieses Naturrechtsverständnis lebt von der Skepsis gegenüber der moralischen Autorität vorgegebener Instanzen. Es trägt damit stets einen Keim von Anarchie und die Bereitschaft zur Infragestellung der Richtigkeit autoritativ getroffener Entscheide und zur Auflehnung gegen staatliche Obrigkeit in sich. Selbst Denken wird zum Naturrechtspostulat.

Anarchie als Chaos, Gewalt und Tod
Meist geht die Hetze weiter, denn mit der offensichtlichen Horrorvorstellung fehlender Gesetze oder Kontrollmacht geht sofort die Angst von Terror, Gewalt und Tod einher. Daraus wird dann umgekehrt abgeleitet, wo Gewalt und Tod herrschen, sei Anarchie. Folglich wird der Begriff immer wieder benutzt, um eine entsprechende Situation mit einem Begriff zu fassen.

Im Original: Anarchie = Terror = Naturgewalt = ...
Überschriften in der FR, 3.3.2010 (S. 38 f.) und 21.4.2010 (S. 9)
Erst das Erdbeben, dann die Anarchie
In Kirgistan wächst die Angst vor der Anarchie


Bildunterzeile unter einem vermummten Brotkorbwerfer, in: FR, 7.12.2009 (S. 7)
Anarchist in Aktion

Aus: Freitag Nr. 15, 4.4.2002 (S. 1)
Die Gesetze der Anarchie und Rache werden das Leben bestimmen.

Frankfurter Rundschau zur Lage im Irak (7.5.2003, S. 23)
Völlige Anarchie.

Links: Frankfurter Rundschau, 3.3.2010 (S. 38)

Einleitungstext zur Lage in Haiti in der FR vom 1.2.2006 (S. 7)
Denn in dem kleinen karibischen Staat herrschen Gewalt und Anarchie.

Anarchie = Terrorismus ... sagt Europol. Mehr ...

Überschrift und Text in der FR am 26.1.2011 (S. 6)
Albanien droht eine neue Phase der Anarchie
In Albanien wächst die Furcht von einer neuen Welte der gewalttätigen Anarchie, wie sie das Land seit dem Fall des Kommunismus schon dreimal erleben musste.


Abb. links: FR, 21.4.2010

Über Somalia: 15 Jahre Anarchie
Aus "Viele Tote bei Kämpfen in Somalia", FR, 23.2.2006
Der Konflikt zwischen den Warlords und den islamischen Milizen habe "enorme Konsequenzen" für das seit 15 Jahren in Anarchie befindliche Land ...

Islamistisch plus Morde durch PolizistInnen = Anarchie
Aus einem Interview mit Britta Petersen, Leiterin der Heinrich-Böll-Stiftung in Pakistan, in: FR. 3.3.2011 (S. 9)
Pakistan ist eindeutig radikaler und islamistischer geworden und hat mit dem jetzigen Mord einen weiteren Schritt Richtung vollkommene Anarchie gemacht.

Nicht nur die Anarchie, sondern auch die AnarchistInnen werden mit dem Bann des Bösen belegt - und alle politischen Strömungen, die in den gleichen Topf geworfen werden. Solches Gedankengut kommt aus den Propagandaschmieden der Regierung ebenso wie aus vielen anderen bürgerlichen Ecken.

Im Original: Anarchie absurd
Aus der Glosse "Pimmel als Understatement" in: taz, 14.3.2011 (taz-akademie 1)
Dabei täte es ganz gut, wenn das Glied viel häufiger an die Öffentlichkeit gelangte und dem Hosenstall entflöhe. Könnte es doch vor dem Abheben zum Mainstream bewahren. Nur denen die bereit und aufgeschlossen sind, sich einer neuen Welt zu nähern, wird der anarchische Charakter des Hirns in der Hose auch verständlich.

Definition von "Autonomie" auf der Kinder-Demokratieseite der Bundeszentrale für politische Bildung (www.hanisauland.de, Quelle für "Autonomie")
... Als „Autonome“ bezeichnen sich in der Bundesrepublik Deutschland einige meist politisch links stehende Gruppen. Ihr Ziel ist es, in einer herrschaftsfreien Gesellschaft (Anarchie) zu leben, in der es keinerlei Autoritäten gibt. Um ihre Ziele zu erreichen schrecken sie oft auch vor Gewalt nicht zurück. So sieht man immer wieder so genannte Autonome, die bei Demonstrationen Steine werfen oder Schaufenster einwerfen.


Wenn die Schlächter ihr eigenes Gemetzel als Anarchie verteufeln - Anarchie-Märchenstunde made in USA!?
Erzählen wir noch eine der bizarresten Geschichten dieser Art. Sie spielte 2005. Der Hurrikan "Katrina" fegte über den Süden der USA und führte zu Überflutungen und Zerstörungen. Besonders hart trag es die Stadt New Orleans, die in einer Senke unter dem Niveau der vorbeiführenden Flüsse angelegt war. Das wurde ihr nun zum Verhängnis, denn "Katrina" zerlegte die Dämme - und die Stadt geriet unter Wasser.
Die einsetzende Hilfe durch staatliche Organe wurde zum Desaster. Eine Nation mit Weltführungsanspruch bewies, dass wenn technische Kapazitäten in innere Sicherheit und Kriegsführung gesteckt werden, bei der Hilfe für Menschen nicht mehr viel geht. Die Rettungspläne versagten gnadenlos. Noch schlimmer: Der Staat zeigte sich von seiner besonders hässlichen Seite. Es kam zu Aussortierungen der Hilfebedürfigkeit nach Zugehörigkeit zu Klassen und sogenannten "Rassen". Dass das nahegelegene und deshalb ebenso betroffene Kuba ganz anders reagierte und dort nur wenige Opfer entstanden, wurde peinlich verschwiegen. Der Verdacht kam auf, dass die Armen in New Orleans einfach im Stich gelassen wurden. Waren sie teure Evakuierungen und technische Hilfe nicht wert? Teile von Polizei und anderen Repressionsstrukturen wurden nach wenigen Tagen angewiesen, nicht Menschen zu helfen, sondern das Eigentum von Reichen, Läden und anderen zu schützen. Das war wichtiger ... auch wenn viele Waren in den überschwemmten Läden ohnehin vergammelt wären. Der Ausschnitt rechts stammt aus dem Spiegel 37/2005 (S. 136). Er zeigt nicht Plünderer, sondern die Polizei auf der (angeblichen) Suche nach Plünderern beim Einschlagen einer Haustür. Sogenannte Plünderer wurden bei solchen Aktivitäten ab und zu erschossen.
Obwohl also offensichtlich die Obrigkeit das Problem war, stellten Medien es so dar, als seien gerade das Fehlen des Staates und eine beginnende Anarchie die Ursache. Als "Anarchie" benannten sie die Aneignung der allmählich vergammelnder Lebensmittel durch die unterversorgte Bevölkerung. Sollen Menschen lieber rechtstaatlich korrekt verhungern, nur um den Teufel "Anarchie" zu vertreiben? Immer wieder prangerten die Medien an, dass die US-Regierung nicht genug Soldaten und Polizei schickte!
Der deutsche Bundeskanzler, Gerhard Schröder, mahnte zum Gegenkurs gegen das Böse. Bei der Abfahrt deutscher Hilfsteams sagte er - die tatsächlichen Verhältnisse umkehrend: "Für Menschen, die in Not sind, brauchen wir einen starken Staat." (zitiert nach Spiegel 37/2005, S. 130)

Berichte von Abläufen aus der Logik staatlicher Macht heraus:
  • Infoseite zu Katrina und seltsamen Hilfsstrategien
  • Rechts: Ausschnitt aus dem Spiegel Nr. 37/21005 (S. 10)

Positionen gegen diese Manipulation und mehr:

Im Original: Gassi gehen als Anarchie
Kolumne "Die Anarchie lebt" von Marcia Pally, in: FR, 7.7.2011 (S. 10)
Der Kapitalismus in den USA schliddert von einer Krise in die nächste. Die Hoffnung ruht auf Firmen wie Brighter Days.
Der Cowboy-Kapitalismus in Amerika ist einfach nicht mehr das, was er mal war. Toxische Investments und gerichtliche Bußgeldbescheide bestimmen das Geschäft – der Sündenlohn für finanzielle Abenteuer. Ein besseres Angebot? Anarchismus.
Vielleicht assoziieren Sie den amerikanischen Ur-Kapitalismus nicht mit Anarchismus. Aber schauen Sie sich doch einmal den Präsidentschaftswahlkampf an. Wir haben noch anderthalb Jahre vor uns, und es ist jetzt schon ein anarchistisches Gedrängel. Newt Gingrich, der republikanische Cowboy, der einst der Regierung den Geldhahn zudrehte, ist heute im Rennen und morgen schon wieder draußen. Sarah Palin behauptet, sie sei nicht im Rennen, aber sie ist auch nicht draußen. Glenn Beck ist nicht draußen, aber auch nicht drin. Michelle Bachmann scheint mehr drin zu sein, als irgend jemand denkt. Und Mitt Romney versucht die Füße still zu halten, aber die Obama-mäßige Gesundheitsreform, die er als Gouverneur von Massachusetts aufgestellt hat, bringt seine Partei dazu, ihn zu katapultieren, und zwar raus.
Während die Anarchie gedeiht, verdorrt der Kapitalismus. Die Bank of America beispielsweise bezahlt 8,5 Milliarden US-Dollar in einem Gerichtsverfahren für ihre cowboymäßigen Schwindeleien. Sie dachten, sie würden einen Profitmacher einkaufen, als sie Countrywide Financial kauften, aber irgendwie haben sie übersehen, dass Countrywide Investoren über den Wert seiner hoch riskanten Hypotheken-Anleihen täuschte. Die Bank of America landete vor Gericht. 22 Finanzinstitutionen fühlten sich betrogen. Die 8,5-Milliarden-Dollar-Zahlung wird alle Profite der Bank of America in diesem Jahr vernichten.
Angesichts der kapitalistischen Ketzerverbrennungen gedeiht der Anarchismus. Nehmen Sie die Hundesitter von Brighter Days, ein anarchistisches Unternehmen, das 2010 mehr als 250000 Dollar verdiente, indem es für 30 Minuten Gassigehen mit Hunden, deren Besitzer in Washington einfach zu beschäftigt mit Gerichtsverfahren sind, um ihre Hunde auszuführen, 16 Dollar berechnet. Die Firma gehört ihren Besitzern zu gleichen Teilen, die Eigentümer treffen ihre Entscheidungen auf wöchentlichen Meetings im Konsens, teilen ihre Verdienste gerecht auf und haben eine Betriebskrankenkasse. Sie spenden Geld für soziale Gerechtigkeit und betreiben ihre Web-Server mit Windenergie. Sie bekommen sieben Wochen bezahlten Urlaub, was sie nicht nur anarchistisch aussehen lässt, sondern schlimmer: europäisch.
Natürlich hat dieser Anarchismus einen Preis: Brighter-Days-Mitglieder machen sich Sorgen. Wenn sie gegen die Idee eines Staates sind, sollten sie dann Steuern bezahlen? Ist es ethisch vertretbar, sich um die Tiere von Menschen zu kümmern, die für kapitalistische Institutionen arbeiten? Von welchem abscheulichen Kapitalistenschweine-Konzern sollten sie ihre Krankenkassenleistungen kaufen?
Niemand hat je behauptet, dass Anarchismus leicht sei, aber im Moment sieht er einfach besser aus als die Alternative. Wegen ihrer Hunde rufen viele Bürokraten und Anwälte bei Brighter Days an. Und wenn sie von den Arbeitsbedingungen hören, fragen sie fast immer nach einem Job.
Investieren Sie noch heute in Anarchismus.


Anarchie als Inbegriff für Gewalt und Tod zu nutzen, ist nicht nur frei jeglicher Begründung oder geschichtlichen Herleitung. Es ist auch die Umkehrung dessen, was eher offensichtlich ist: Nämlich dass gefestigte Macht regelmäßig der Auslöser von Gewalt und Übergriffen ist. Niemand übt in den heutigen Gesellschaften so viel Gewalt aus wie die Inhaber der legitimen Gewalt, namentlich Polizei und Armee. Was immer dann, wenn die dort geschulte Verschleierung des eigenen Vorgehens mal nicht klappt, als Einzelfall stilisiert wird, ist tatsächlich der Alltag: Demütigung, Diskriminierung und rohe Gewalt. Faszinierend anzuschauen war, wie in Deutschland, das nach dem selbstverschuldeten Elend zweier Weltkriege eine kurze Pause organisierten Mordens einlegen musste, rund um die Jahrtausendwende ungläubig auf Berichte reagiert wurde, dass es in Kriegen Tote geben könnte, bei der Kriegsvorbereitung Übergriffe und Diskriminierungen an der Tagesordnung sind und im Kriegseinsatz regelmäßig von Willkür, Gewalt, Vergewaltigung, Korruption oder Massakern zu melden sind.
Anarchie ist dann auch das: Eine Verschleierungstaktik, dass es die Macht selbst ist, die das anrichtet, was zur Ablenkung und Legitimation auf das Böse projiziert und mit dem Begriff Anarchie (oder wahlweise anderen der großen Hetzbegriffe) belegt wird.

Anti-Anarchismus wie ein Stoßgebet: Lieber Staat, bewahre uns vor dem Bösen
Was sich hier abspielt, ist im wahrsten Wortsinn eine Verteufelung der Idee von Herrschaftslosigkeit. Es weist alle dafür typischen Merkmale einer religiösen Kategorie auf. Schauen wir doch zurück in die Religionsgeschichte: Die Akzeptanz von Göttern und ihren selbsternannten StellvertreterInnen (lange Phasen auch ohne "Innen") auf Erden entsprang weniger überzeugenden Argumenten oder großer Ideale, sondern Angst und Unwissen. Überall schienen der Tod oder zumindest großer Schrecken zu lauern: Strafen, Fegefeuer, Hölle und jüngstes Gericht wurden als freie, aber schlaue Erfindungen in die Köpfe gebracht, um dort weitere Ängste auszulösen. Gott wurde spätestens zum Popanz, als ihm - James Bond, Captain Kirk und die Hobbits lassen grüßen - ein Gegenspieler gegenübergestellt wurde. So konnte sich die Mär vom Ringen des Guten gegen das Böse, personifiziert als Gott gegen den Teufel, in den Köpfen festsetzen. Einzeltaten wurden der einen oder der anderen Sphäre zugeordnet - mitunter auch ganze Personen. Wer vom Teufel besessen war, verlor schnell seine Menschenwürde. Von Teufelsaustreibungen bis zu öffentlichen Verbrennungen reichten die als Rettung vor dem Bösen inszenierten Gewaltübergriffe der Mächtigen.
Auch in der praktischen Politik und im Alltag funktioniert das Modell: Angst schüren, Rettung anbieten. InnenpolitikerInnen und auflagengeile Medien phantasieren kriminelle Bedrohungen herbei, um Überwachung, Kontrolle und immer härtere Strafen durchsetzen zu können. Vereinsvorstände, HausrechtsinhaberInnen und andere Autoritäten legitimieren ihre Macht, in dem sie die Furcht streuen, ohne sie könnte das Chaos ausbrechen, alles aus dem Ruder laufen oder untergehen. So lassen sich Menschen immer wieder für die beruhigende Lösung der harten Hand oder der klaren Regeln gewinnen - ständig auch gegen ihre eigenen Interessen.
Anarchie steht dabei nicht konkurrenzlos als Inbegriff des Bösen, das Angst auslöst und autoritäre Politiken legitimiert. Überfremdung, Bevölkerungsexplosion, Islamismus - sie alle erfüllen diese Funktion in der hassgeladenen und deshalb gut beherrschbaren heutigen Gesellschaft.

Jochen Hörisch in einem Kommentar in: FR, 7.2.2011 (S. 10)
Die Grunderfahrung, dass Demokratie nichts anderes heißt als im Staat den Anderen unserer selbst zu erkennen, verschwindet wie eine Zeichnung am Sandstrand. So viel Selbstüberlistung wie heute war nie, so viel anarchische Lust in bürgerlichem Gewand auch nicht.


Mit der Verteufelung der Anarchie wird der Idee und Konzeption von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie ein religiöses Merkmal hinzugefügt. Denn keine Religion kommt ohne die angstschürenden Gegenbilder aus. Im Buch "Demokratie. Die Herrschaft des Volkes. Eine Abrechnung" findet sich ein analytischer Vergleich zwischen Religion und Demokratieglaube. Der muss hier daher nicht wiederholt werden. Das Recht wurde historisch immer als Ausdruck einer göttlichen oder sonstig höheren Vorgabe interpretiert. Es ist daher gar keine Überraschung, dass Demokratie und Rechtsstaat mit dem Bild von Gewalt und Tod in Form der Anarchie eine Gegenprojektion beigegeben wurde. So können sich die InhaberInnen moderner Führungsposten als RetterInnen inszenieren und für ihre Übergriffe sogar noch Dankbarkeit erwarten.

Damit aber sind Beispiele nur für plakative Formen der Hetze benannt. Sie zeigen sich als bemerkenswert flach und inspiriert vom Willen, das Ungeordnete und Freie als Zustand höchster Willkür und Gewalt darzustellen. Die Verteufelung der Alternative zu Herrschaft und Kontrolle ist eine simple Propagandastrategie, leider wirksam. Geschichtlich hat das Schüren von Angst z.B. vor anderen Ländern oder Bevölkerungsgruppen innerhalb der eigenen Gesellschaftlichen immer wieder Legitimation für umfangreiche Übergriffe bis hin zu Genoziden und Kriegen geschaffen. Es ist also eines der wirksamsten Propagandamittel.
Doch diese Beeinflussung geschieht nicht nur über Hetze und Angst, sondern auch in der Theorieentwicklung. Es ist Schul- und Universitätswissen, dass Recht und Gesetz den Menschen vor sich selbst schützen - und Anarchie Mord und Totschlag bedeuten. Begründet wird das nie, vielmehr ist dient das Axiom, dass Herrschaftslosigkeit in die Barbarei führt, als Begründungsaxiom für Recht und Ordnung, formalisierte Herrschaft oder den Staat als Ganzem.

Wer gegen die herrschende Ordnung ist, ist Anarchist (und will Terror ...)
Es ist nicht einfach, gleichzeitig die Schreckensbilder der Anti-Anarchie-Propaganda abzuwehren, ohne als Gegenreaktion in eine dogmatische Gewaltfreiheit zu verfallen. Das ist zwar aus vermeintlichem Selbstschutz verständlich, würde aber nun selbst eine festgelegte Regel bedeuten und Menschen auf bestimmte Verhaltensweisen normieren. Zudem verwechselt oder vereinheitlichet es die Konzepte von Utopie und Widerstand, die ja für unterschiedliche Situationen, Bedingungen, Phasen und Zeiten gelten. Platte Parolen für oder gegen Gewalt geben daher regelmäßig den HetzerInnen gegen eine herrschaftslose Gesellschaft einfache Munition. Das Dilemma ist auf www.anarchismus.at an einem Beispiel gut umrissen: "Obwohl die RAF sich selbst vom Anarchismus distanzierte und sich als marxistisch-leninistisch bezeichnete, was der Polizei selbstverständlich bekannt war, wurden sie automatisch als „anarchistische Gewaltverbrecher" bezeichnet. Der Grund liegt auf der Hand: erstens kann mensch mit dem Begriff Anarchismus eine unliebsame Gruppe in der Öffentlichkeit nachhaltig diffamieren, zumal der Kommunismus durch die Entspannungspolitik damals gerade kurzfristig salonfähig geworden ist. Und zweitens sieht mensch, dass auch in Deutschland der Anarchismus wieder an Wichtigkeit gewinnt. So kann mensch schnell und sicher die Bevölkerung gegen ihn aufhetzen."

bei Facebook teilen bei Twitter teilen

Kommentare

Bisher wurden noch keine Kommentare abgegeben.


Kommentar abgeben

Deine aktuelle Netzadresse: 54.145.83.79
Name
Kommentar
Smileys :-) ;-) :-o ;-( :-D 8-) :-O :-( (?) (!)
Anti-Spam