Projektwerkstatt

MARTIN LUTHER: ANTISEMIT, FRAUENHASSER, SOZIALRASSIST, REAKTIONÄR

Einleitung


1. Einleitung
2. Grundsätzliches zu Martin Luther
3. Die unbekannten Seiten des Martin Luther
4. Martin Luther - ein Vorbild?
5. Luther - deutschnationales Vorbild auch und gerade heute
6. Lob für den Hetzer
7. Aktion gegen Lutherverehrung
8. Links zu Martin Luther

Martin Luther gilt als großer Held und wird ungebrochen als nationale Symbolfigur genutzt. Seine Ideologien sind allerdings derart menschenverachtend, dass er ohne Skrupel als Vordenker der Nazis bezeichnet wird, die sich immer wieder positiv auf den Reformator bezogen: In abstossenden Formulierungen phantasierte er über das feurige Ende aller Juden, vom Ersäufen behinderter Menschen in der Gosse und rechtfertigte das Morden an den aufständischen Bauern. Martin Luther steht für Sexismus, Sozialrassismus, Antisemitismus und Obrigkeitshörigkeit - ungeachtet dessen feiern die evangelische Kirche und auch insgesamt die patriotischen Teile Deutschland Luther unkritisch als wichtigen Gesellschaftsgestalter. Aufklärung und kreativer Widerstand gegen den Luther-Fankult bleiben auch in Zukunft notwendig - diese Seite ist hoffentlich ein kleiner Beitrag zu dieser kritischen Auseinandersetzung. Fragen, Anregungen, Kritik? Einfach Kontakt aufnehmen!


Martin Luther: "Daß man ihre Synagogen oder Schulen mit Feuer anstecke..."
Gespräch mit Jörg Bergstedt über die Kritik an Martin Luther und seinen heutigen Verehrer_innen (Dez. 2016)

Why the fuck ... Martin Luther???
Was macht Martin Luther so wichtig, dass Kirchen und deutschnationale Strömungen ein "Lutherjahr" ausrufen - und hier der Aufruf erfolgt, sich mit ihm auseinanderzusetzen? Nun - Luther selbst kann es nicht sein. Der ist tot. Was aber lebt, sind die Institutionen, die Luther als Helden abfeiern und sich damit hinter ihn stellen, wenn er für Juden fordert, „daß man ihre Synagoga oder Schule mit Feuer anstecke, ... das Geleit und Straße ganz und gar aufhebe“ (also ein Art Ausgangsverbot) und sie zu Zwangsarbeit verpflichte. Luther erniedrigte Frauen. Türken, Glaubensabweichler, Gebrechliche und Aufständische seien vom Teufel besessen und deshalb zu vertreiben oder gleich zu töten. Jede Obrigkeit sei von Gott bestimmt und deshalb auch der schlimmste Despot zu ertragen. Dass Hitler sich auf Luther bezog, ist angesichts dessen nicht überraschend. Es ist aber unerträglich, wenn heute große Organisationen diesen religiösen Fanatiker abfeiern - und Millionen Menschen der Kirche und anderen lutherisch geprägten Strömungen dabei kritiklos folgen. Dass Luther mit seinem Hahnenkampf gegen den Papst (beide sahen sich selbst als Stimme Gottes und unfehlbar - ein unversöhnlicher Gegensatz) auf die weltlichen Führungen setzte und der heranwachsenden Allmacht des Staates ein geistiges Fundament schuf, ist schlimm genug. Der Staat bedankt sich artig und fördert solchen Fanatismus seit Jahrhunderten. Auch die jetzt anstehenden Feierlichkeiten für einen der einflussreichsten Antisemiten und Hassprediger aller Zeiten werden mit Steuergeldern ausgestattet. Das Gegenteil wäre nötig: Luther als Held streichen! Wider jeden religiösen Fanatismus! Lutherdenkmäler schleifen! Lutherstraßen, -kirchen, -städte und -stätten umbenennen! Kritische Aufarbeitung statt Feiern und Feiertage! Aufklärung statt Verklärung!


Martin Luther: Ob Kriegsleute in seligem Stande sein können, 1526
Ich möchte mich fast rühmen, dass seit der Zeit der Apostel das weltliche Schwert und die Obrigkeit noch nie so deutlich beschrieben und gerühmt worden ist wie durch mich. Sogar meine Feinde müssen das zugeben. Und dafür habe ich doch als Lohn den ehrlichen Dank verdient, dass meine Lehre aufrührerisch und als gegen die Obrigkeit gerichtet gescholten und verdächtigt wird. Dafür sei Gott gelobt! ... Gott henkt, rädert, enthauptet, tötet und führt den Krieg. Das alles sind seine Werke und sein Gericht.

Aus "Denklinien der Weltkulturen" (S. 65)
Der humanistische Denker Erasmus von Rotterdam wollte die neue Kultur der Neuzeit auf zwei Säulen bauen, nämlich auf der Moral der stoischen Ethik und auf den Lehren der christlichen Bergpredigt. Doch der Reformtheologe Martin Luther widersprach ihm heftig, für ihn genügte allein die Bibel (sola scriptura) als Säule der neuen Kultur. Damit hat dieser Theologe die Impulse der humanistischen Denker für lange Zeit verzögert, lange Religionskriege zwischen den Konfessionen waren die Folge.

Aus einem Interview mit drei Pastoren in Osthessen, im Printzip 3/2017 (S. 4f)
In seinem mittelalterlichen Denken konnte er sich gar nicht vorstellen, gegen vorhandene Gesetze der Obrigkeit vorzugehen, denn sie war für ihn gottgegeben und demzufolge auch anzuerkennen. Dies spiegelt auch seine schwierige Position im Bauernkrieg wider. ...
Man könnte sagen, Luther war konservativ, wenn es darum ging, die Ordnung zu halten und er war progressiv, was den Glauben angeht. Da komme ich gerne auf Thomas Mann zurück, der den Verdacht äußerte, dass Luther politisch keine Ahnung hatte. Die Anheizung der Bauern durch Müntzer war jedoch insofern fatal. als dass er sie in den sicheren Tod gegen übermächtige Truppen schickte. Ein weiterer Grund für Luther, die Revolte um der Menschenleben willen so früh wie möglich niederzuschlagen. ...
Luther hatte im Ansatz eine negative Anthropologie: Wir sind alle ohne Furcht vor Gott und voller Begierde.


Sprechblase Lutherzitat
Postkarte als PDF (vollständig und in Farbe)


Gegen deutschen Heldenmythos
Völker und Nationen sind Konstrukte – das erste weitgehend ohne, das zweite aber mit dem vollen Schwall formaler Regelungen. Innen und Außen, das Eigene und das Fremde, das „Wir“ und das „Die“ schaffen Identität, das Gefühl organisierter Geborgenheit und Zugehörigkeit. Ein Mensch, der in solchen prägenden Verhältnissen aufwächst, wird vieles mehr verinnerlichen und die Existenz von Völkern und Nationen als unumstößliche Tatsachen akzeptieren. Und noch schlimmer: Als Folge wird das Konstruierte als Selbstverständliches wieder im Denken reproduziert, an andere Menschen weitergegeben und so die Konstruktion selbst weiter vorangetrieben.
Auch Deutschland hat Helden. Sie wechseln je nach Zeitgeist und entsprechend den Interessen bzw. Ideologien derer, die den Diskurs privilegiert beeinflussen können. Aber sie alle brauchen identitätsstiftende Helden – nicht als einziges, aber Helden (oft ausschließlich männlich, aber in feministischen Kreisen fehlen die Heldinnen dann auch nicht) sind gute Projektionsflächen dafür, was als identitätsstiftendes Gedankengut in ihnen verpackt werden soll.

Das prägnanteste Beispiel der letzten Jahre in doitschen Landen ist Martin Luther. Wer sich anschaut, was er für Theorien vertreten hat, würde sich – so er/sie nicht eine extreme rechte Gesinnung hat – angewidert abwenden. Alles Jüdische soll verbrannt, Behinderte ersäuft werden, Frauen sind nur darum da, um Männer zu gebären. Hoch lobt er die Obrigkeit und fordert die totale Unterwerfung selbst unter die fiesesten Herrscher. Da Luther tot ist, könnte mensch auch zur Tagesordnung übergehen – mit einem kritischen Hinweis zu jeder Geschichtsschreibung, die Luther als großen Reformator darstellt. Aber Luther ist nicht einfach tot. Er lebt – als deutscher Held. „Luther – eine deutsche Heldengeschichte“ titelte die Filmwerbung Ende 2003, als der Film die Kinos füllte. Von kritischen Bezügen auf Luthers Sprüche und Handlungen – kein Wort. Das Volk jubelt Luther zu, er kämpft aufrichtig gegen die kirchliche Obrigkeit. Das zieht – und macht ganz vergessen, wie er zu der ihm genehmen Obrigkeit stand, wie er sich für den Massenmord an den aufständischen BäuerInnen aussprach.

Lutherkritische Aktionen
Das Spektakel um Luther rund um den Film blieb 2003 bis 2005 zum Glück nicht ungestört. Zu Film gab es Flugblattaktionen, Ausstellungen und manch Veranstaltung. Die Mehrzahl der Kinos verweigerte jegliche Kooperation – der Heldengenuss sollte ungestört über die Leinwände flimmern. In einer der Wirkungsstätten von Luther, der Lutherstadt Wittenberg, lief eine Aktionswoche gegen Luther, wo verschiedene Aktionen zusammenkamen und recht wirkungsvoll auf die reaktionären und diskriminierenden Positionen von Luther hinwiesen. Gegenüber dem Heldenmythos ist das wenig – aber die Aktionsform setzt dort an, wo die modernste Form der Herrschaft stattfindet: Die Herrschaft über die Köpfe, der Diskurs.


Luther am Boden - als Ergebnis des Krieges, den sein "praktischer Vollstrecker" (Hitler) angezettelt hatte.

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