Projektwerkstatt

KREATIVE ANTIREPRESSION: AKTIONEN, SUBVERSION, OFFENSIVE VERTEIDIGUNG

Antirepression – offensiv und phantasievoll!


1. Antirepression – offensiv und phantasievoll!
2. Links zu Aktionstipps, Infos und Projekten
3. Polizei
4. Justizkritik, Gerichte und Prozesse
5. Gegen das Einsperren
6. Was soll Repression?
7. Unterstützung gegen Repression
8. Direct-Action-Hefte

Denn der Wille, dagegen zu sein, bedarf in Wahrheit eines Körpers, der vollkommen unfähig ist, sich einer Befehlsgewalt zu unterwerfen; eines Körpers, der unfähig ist, sich an familiäres Leben anzupassen, an Fabrikdisziplin, an die Regulierungen des traditionellen Sexuallebens usw. (Sollten Sie bemerken, dass ihr Körper sich diesen "normalen" Lebensweisen verweigert, so verzweifeln Sie nicht - verwirklichen Sie Ihre Gaben!). Doch der neue Körper muss nicht nur radikal ungeeignet für die Normalisierung sein, sondern auch in der Lage, neues Leben zu schaffen. Aus: Hardt/Negri (2000), "Empire", Kap. "Intermezzo: Gegen-Empire" (S. 227)

Widerstand zieht „Folgeerscheinungen“ nach sich, gerade dann, wenn er sich jenseits von vorgezeichneten Bahnen und ausgelatschten Protestpfaden bewegt: Eine davon ist Repression – damit gemeint sind alle Formen strukturell verankerter Unterdrückung, die sich gegen Normabweichungen richten. Zu den Repressionsorganen zählen Polizei, Gerichte, Staatsanwaltschaften, Knäste und Militär; alltäglich ist auch die Repression durch LehrerInnen in Schulen oder Erwachsenen gegenüber Kindern – vom Polizeiknüppel über Strafbefehle bis hin zum Wegsperren gibt es ein breites „Angebot“ repressiver Politik ...
Die Ziele von Repression liegen auf der Hand: Durch massives, gewaltsames und autoritäres Auftreten soll eine Einschüchterung erzielt werden. Angstmechanismen der Menschen werden wach gerufen. Angst vor Schmerzen, Angst vor finanziellen Konsequenzen, Eintragungen im polizeilichen Führungszeugnis oder Druck durch das soziale Umfeld. Bei jedem Menschen existieren verschiedenste - meistens durch die Umwelt und die Gesellschaft erzeugte - Ängste, die durch Einschüchterungsmaßnahmen gezielt geweckt werden sollen. Fehlverhalten wird bestraft, sanktioniert bzw. normgerechtes Verhalten gegebenenfalls gelobt. Dadurch wird via Lernprozess eine Norm gebildet, die weit über formale Regelwerke und deren Wirkung hinausgeht. Vorgesetze Regeln sollen nicht nur einfach eingehalten werden, weil Repressionsorgane existieren - sie sollen auch verinnerlicht werden.
Damit setzt Repression nicht erst dort an, wo Grenzüberschreitungen oder Regelverstöße getätigt wurden, sondern wirkt schon auf die Handlungen und die Ansichten von Menschen ein. Und das ist auch ein Ziel von Repression: Menschen kämpfen nicht mehr gegen Staatsorgane, Institutionen, Regeln und Gesetze, sondern immer stärker mit sich selbst. Der Staat braucht gar nicht mehr großartig aktiv zu werden, denn jede Überlegung wird von Normen sowie möglichen Sanktionen geleitet. Die Repression wirkt schon im Denken und erzielt große Erfolge in der Selbstbeschränkung der Menschen.

Kreative Antirepression als Gegengift
Kreative Antirepression will Menschen zu AkteurInnen machen und die weit verbreitete Ohnmacht durchbrechen. Es geht darum, Repression anzugreifen, zu demaskieren und lächerlich zu machen. Ziel ist es, offensive Strategien gegen Repression aller Art zu entwickeln und Mut zu machen, sich dieser immer wieder subversiv und kreativ entgegen zu stellen und eigene Ideen zu entwickeln. Das kann z.B. bedeuten, Repression bei der Planung von Aktionen mitzudenken und – als wäre sie Teil eines Theaterstücks – vorab einzubauen. Dabei geht es nicht darum, die Gegenseite militärisch zu schlagen, d.h. darauf zu hoffen, durch zahlenmäßige Überlegenheit auch mal eine Polizeikette zu durchbrechen. In dieser Logik kann Staatlichkeit mit ihren fast unendlichen materiellen und personellen Ressourcen nur gewinnen. Spannender ist es, subversiv zu denken: Wie kann Repression gegen sich selbst gewendet, ins Leere laufen gelassen oder für andere Zwecke verwendet werden? Gegenüber hierarchischen (Polizei-)Apparaten sind Frechheit, Überraschung & Wendigkeit das „Gegengift“.

Beispiel: Auf das Verbot sämtlicher politischer Demonstrationen während der NATO-Sicherheitskonferenz in München (2001) reagierte eine Gruppe mit der „Demo der Sprachlosen“ – mit leeren Transparenten, leeren Flugblättern und zugeklebten Mündern wurde das Verbot auf Meinungsäußerung sehr gewitzt angegriffen.

Ziel kreativer Antirepression ist es ...
  • ... die Handlungsfähigkeit der Einzelnen zu stärken, Möglichkeiten in repressiven Situationen zu erweitern.
  • ... Autorität zu untergraben und Ängste abzubauen, damit Repression nicht mehr durch ihre Androhung wirken kann.
  • ... Repression zu nutzen zur Vermittlung politischer Inhalte, z.B. Debatten um eine Welt ohne Polizei oder Knäste anzetteln.

Kreative Antirepression ist auch Kritik am Ist-Zustand politischer Bewegung, in der Repression intern weitergegeben wird. Einige problematische Tendenzen:
  • Schematische Anweisungen wie „Anna und Arthur halten das Maul“ mit befehlsartiger, oberflächlicher Wirkung
  • Überzeichnung der eigenen Ohnmacht bzw. der Macht der Gegenseite
  • Verweis auf „ExpertInnen“ (Ermittlungsausschüsse, AnwältInnen) statt Stärkung der eigenen Handlungsfähigkeit in Gerichtsverfahren
  • Hang zu übertriebener Konspirativität fördert Hierarchien und erleichtert die Überwachung der wenigen "Wichtigen"
  • Doppelmoral („CheckerInnen“ führen Kooperationsgespräche mit Polizei; Schweigebefehl an die Basis)

Möglichkeiten und Strategien
Kreative Antirepression kann in vielen Formen auftreten – ein paar sollen an dieser Stelle kurz angerissen werden:
  • Repression einfordern: Eine konkrete Strategie besteht darin, Repression offensiv einzufordern – gerade dann, wenn die Gegenseite sich in Einschüchterungsversuchen ergeht („Das ist verboten!“ – „Na und? Machen Sie doch eine Anzeige; dann kann ich vor Gericht noch einmal für mein Anliegen werben!“) Diese Taktik kann auch als Schutz vor Kriminalisierung wirken, weil sie die bekannten Muster durchbricht und Verwirrung stiftet. Beispiel: Neben einer umstrittenen Demonstration wandert eine eigene Gegengruppe, welche die Polizei ständig völlig überzogen auffordert, erstere aufzulösen. Das schafft einen breiteren Kommunikationskorridor für die Aktion, irritiert die Polizei und lenkt ihr Interesse möglicherweise eher auf die PöblerInnen.
  • Überidentifikation: Überidentifikation ist eine verwandte, ähnlich wirkende Praxis: Beim Auftauchen der Polizei kann diese z.B. sofort bejubelt oder gar angebetet werden. Solche Performances können helfen, die Autorität von Repressionsorganen zu untergraben – in der Praxis verbindet sich das für viele mit der Erfahrung, weniger oder kaum noch Angst vor dem Auftreten von PolizistInnen zu empfinden ... ein Zuwachs an Selbstsicherheit für die AkteurInnen.
  • Autorität brechen: Um die Autorität und Mackerigkeit von PolizistInnen, Gerichtsbediensteten usw. zu dekonstruieren und lächerlich zu machen kann es sinnvoll sein, immer mit Konfetti, Luftschlangen, Parfüm-Proben (um die „Opfer“ unauffällig nach Blumen duften zu lassen) oder anderen Utensilien ,bewaffnet' zu sein. Gerade z.B. bei Gerichtsverfahren mit vorhersehbarem Ablauf und gesetzter Atmosphäre können solche Utensilien für einigen Wirbel sorgen.
  • Offensive Kommunikation: Bei Zugriffen auf DemonstrantInnen oder Vernehmungen bestimmen meist die Sicherheitsbehörden das Geschehen. Offensive Kommunikation bedeutet, gar nicht erst auf Fragen oder Anordnungen zu warten, sondern selber ein unverfängliches Thema zu setzen oder Fragen zu stellen. Beliebt ist das Gegenfrage-„Spiel“, bei dem vor allem die Hierarchien von Repressionsorganen hinterfragt werden: Es fängt fast immer damit an, eine konkrete Anordnung anzuzweifeln, um von dort ausgehend den Unsinn von Befehlsstrukturen aufzudecken. Ein klassischer Einstieg ist beispielsweise, auf die Aufforderung sich auszuweisen zu fragen: „Machen sie das jetzt weil sie das müssen oder ist es ihr persönliches Interesse?“ Eine ausgefeilte Form dieser Taktik ist Mars-TV, d.h. mit Transpi-Fernsehbildschirm als Reportage-Team von einem Planeten aufzutreten, auf dem es keine Herrschaft gibt. Eine andere Variante liegt darin, sich in der Kommunikation einen Fixpunkt zu überlegen, auf den du immer zurückkommst, z.B. ständig nachzufragen, wann deine Pizza kommt - um verwertbare Aussage sicher zu vermeiden.
  • Wichtig ist immer, keine Angaben über gelaufene Aktionen oder Zusammenhänge zu machen. Hilfreich dafür sind vorherige, intensive Trainings, bei denen ihr euch gegenseitig bewusst macht, welche Sätze z.B. unfreiwillig für staatliche SchnüfflerInnen nützliche Informationen enthalten. Oder, dass Verneinungen wie „Ich war es nicht“ immer Aussagen darstellen.
  • Autoritäre Aufladung nutzen: Repression kann umgangen werden, indem du dich der bestehenden autoritären Aufladungen bedienst. Mit dem passenden Dresscode ist es schon häufiger gelungen, durch Polizeiketten zu wandern oder Zugang zu gut gesicherten Räumlichkeiten zu erhalten.
  • Sabotage: Eine Möglichkeit ist z.B. die farbliche Umgestaltung von Polizei- oder Militärfahrzeugen oder Gerichtsgebäuden, verbunden mit inhaltlicher Vermittlung. Massenhaftes Verkleben justizkritischer Etiketten ist eine weitere Form, den repressiven Alltag in Gerichten zu "kennzeichnen" (weitere Ideen: www.direct-action.tk).

Repressionsschutz und Antirepression verbinden
Repressionsschutz umfasst alle Strategien, die zum Ziel haben, Repression zu verhindern bzw. ihre Folgen abzumildern. Dazu gehört beispielsweise, bei nächtlichen Aktionen keine Spuren zu hinterlassen oder sich zu tarnen, um nicht kriminalisiert werden zu können. Oder z.B. vor Gericht PolizeizeugInnen so auszufragen, dass ihre belastenden Aussagen widersprüchlich und unglaubwürdig erscheinen. Repressionsschutz hat also seine Berechtigung, ist aber – wenn er alleine steht – eine rein defensive Strategie. Allerdings ist es möglich, diesen mit Antirepression zu verbinden. Beispiel: Bei Gerichtsverfahren kann eine offensive Nutzung rechtlicher Möglichkeiten eingesetzt werden, um dich formal zu verteidigen, aber auch, um politische Positionen zu beziehen und die Repression selbst anzugreifen. Insbesondere im Zusammenspiel mit einem – hoffentlich – subversiven und widerständigen Publikum können Angeklagte viel Spaß haben, ohne deshalb den Anspruch aufzugeben, entlastende Tatsachen aufzudecken usw.

Wichtige Hinweise und Gefahren
Kreative Antirepression ist ein Modus, eine bestimmte Denkweise, die überraschende Antworten auf Repression sucht. Daher kann es keine konkreten, immer gültigen Formen geben, sondern es bedarf der ständigen Weiterentwicklung bestehender Ansätze – auch, weil die Gegenseite sich mit der Zeit auf offensive Umgangsweisen einzustellen versuchen wird. Wichtig ist auch, immer eine (selbst-)kritische Perspektive zu wahren, um nicht z.B. aus Selbstüberschätzung in Polizei-Verhören doch verwertbare Aussagen zu machen. Eine weitere Gefahr besteht darin, dass kreative Antirepression selbst wieder ein neues „Mackertum“ hervorbringt – z.B. dadurch, dass offensive Kommunikation als Norm vorausgesetzt wird und es als „uncool“ erscheint, sich ängstlich und unsicher zu fühlen. Deshalb sollte in der Praxis kreativer Antirepression mitbedacht werden, umsichtig zu handeln, aufeinander zu achten – und eine Atmosphäre zu schaffen, in der über Ängste vor Repression geredet werden kann.


Was will kreative Antirepression bewirken?
Emanzipatorische Antirepressionsarbeit hat die Stärkung des/der Agierenden und die öffentliche Sichtbarmachung von Herrschaft und ihren Mitteln samt Visionen jenseits von Herrschaft zum Ziel. Aktionen in Repressionssituation, der Umgang auf Repression und Kontrolle oder auch die aktive Handlung an Orten der Repression soll die Kritik an Strafe, Autorität und Kontrolle vermitteln sowie für eine Welt ohne solche Unterdrückungs- und Normierungsformen werben. Daher ist die Vermittlung immer entscheidender Bestandteil von kreativer Antirepression. Nicht die Repressionsorgane selbst, sondern die BeobachterInnen bis Beteiligten an den Abläufen sind wichtig.
Für die Menschen, die kreative Antirepression nutzen, geht es zudem um die Stärkung ihrer Handlungsmöglichkeiten und ihres Rückgrats, das Abbauen von Angst und Unsicherheit. Um eigenständig zu handeln, braucht ein Mensch vor allem Wissen und Erfahrung. Die Aneignung kreativer Methoden im Umgang mit dem autoritären Staat durch Trainings und Seminare ist deshalb Grundvoraussetzung. Egal welches Gesicht uns der Staat gerade zeigt, wir üben unser Verhalten gegenüber Prügelbullen und Verhörbullen, Verfassungsschutz und Staatsanwaltschaft, Gericht und Knast.
Leider gibt es nicht nur sehr wenige Menschen und Gruppen, die sich mit kreativer Antirepression auseinandersetzen - auch etliche einflußreiche Personen aus den Eliten politischer Gruppen greifen die Idee bislang eher an. Mit ihrer Zurichtung des Verhaltens auf bestimmte Standards stützen sie eher die Normierung der Gesellschaft, gleichzeitig gehen viele Chancen verloren für öffentliche Aktionen. Denn Repression ist nicht nur eine Gefahr, sondern auch eine Chance. Wo sich Autorität und Gewalt von oben zeigt, kann sie thematisiert werden ... seien es kommunikativ, sichtbar, subversiv oder militant. Doch ob verstecktes Theater, Rollenspiel bei Festnahmen oder Aktionen gegen Überwachung - wichtig ist die inhaltliche Vermittlung von Kritik und Vision.

Der obige Text stammt aus dem DA-Kalender 2007

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