Projektwerkstatt

KONSUMKRITIK-KRITIK: SELBSTREDUZIERUNG AUFS KONSUMENT*INNENDASEIN

Einleitung


Einleitung

Weitere Teile des Artikels:
Vom Irrtum der Verbraucher innenmacht 1. Wirkung wird überschätzt
Vom Irrtum der Verbraucher_innenmacht 2. Reiche werden mächtiger
Vom Irrtum der Verbraucher_innenmacht 3. Propaganda lenkt ab
Öko-Kapitalismus: Die Vereinigung des Unvereinbaren
Wer sich selbst zur Konsument_in erklärt, betritt das Hamsterrad
Kritik, Zweifel, aber keine grundlegende Analyse
Statt Ablasshandel und Schmieren der Getriebe: Aneignung der Verhältnisse
Irrtümer der Konsumkritik und Gegenmittel an Beispielen
Links und Materialien


Vergesst den Mythos, dass der Kauf über die Produktion des Gekauften entscheidet. Wenn das stimmen würde, müsste angesichts stabiler Umfragewerte die Welt anders aussehen. Denn dort bekunden die Gefragten sowohl ein hohes Umweltbewusstsein als auch eine große Bereitschaft, für verträglichere Produkte zumindest etwas mehr Geld auszugeben. Wenn ihr Konsum Einfluss hätte und sich dadurch Produktpalette und –weisen verändern würden, …

Der Anlass für diesen Text
Was unter dem Namen „March against Monsanto“ begann, wurde – weil es absurd ist, ausgerechnet in der Agrokonzernehochburg Deutschland „nur“ gegen einen US-amerikanischen Player zu schimpfen – auf „March against Monsanto & Co.“ erweitert. Das war ein Fortschritt. Am 24. Mai 2014 hieß es dann in einigen Städten wieder anders: „Konsum-rEvolution“. War das ein weiterer Schritt, das Thema von einer Konzernkritik in eine gesellschaftliche Debatte zu wandeln?
Der Gedanke, mit den Entscheidungen am Ladenregal die Welt zu verbessern, prägte schnell in mehreren Städten die stark über Internet geführten Mobilisierungen. Eine inhaltliche Auseinandersetzung der der Frage von Konsum und Produktion, mit der Frage von Macht udn Ohnmacht beim Einkauf, fand hingegen kaum statt. Daher blieb weitgehend unbemerkt, dass kaum jemand das Motto anzweifelte: Kann das überhaupt funktionieren, eine profitgeile Welt durch Geldausgaben zu retten? Oder ist es nicht eine Art Kapitulation vor der ökonomischen Macht des Kapitals, sich genau den Spielregeln des Kapitalismus freiwillig zu unterwerfen und selbst dafür zu werben, nicht mehr zu sein als die (immerhin nachdenkenden) Geldgeber_innen für die, die das Kapital besitzen?

Die Frage ist wichtig, denn es waren nicht nur die Aktivist_innen vom "March against Monsanto", die vermeintliche Verbraucher_innenmacht in den Vordergrund stellen und die Weltheilung von der Veränderung der Konsumgewohnheiten erhoffen. Wenn das tatsächlich gelingen könnte, wäre alles gut. Denn von umfangreichen Steuermitteln in Propagandafeldzüge der Regierenden bis zu Umwelt-NGOs und Grünen trommeln alle an diesen Baustellen. Wenn die Grundannahme aber falsch ist, schwimmt die gesamte Umweltbewegung auf dem Holzweg. Daher soll in den nächsten Kapiteln ein kritischer Blick auf den vermeintlich großen Einfluss des Einkaufens auf Produkte und Produktionsbedingungen geworfen werden.

Warnung! Das Lesen der folgenden Absätze kann bei Menschen, die bislang mit ihrem Geld am Ladenregal ein gutes Gefühl eingekauft haben, Zweifel bis Gewissensbisse auslösen. Das beklemmende Gefühl, mit dem eigenen Konsum eher die damit unterstützte Branche zu kommerzialisieren und in kapitalistische Form zu wandeln als die Welt zu verbessern, kann zu Desillusionierung und Frustration, damit verbunden einem Gefühl der Leere und Hoffnungslosigkeit führen. Als Gegenmittel wird empfohlen, den Markt als Aktionsort zu verlassen und zukünftig Zeit, Kraft und - als zusätzliches, aber nicht wesentliches Mittel - auch Geld in wirkungsvollen Protest und kreative Widerständigkeit zu stecken. Das ist die eigentliche Wahl, die jede_r hat!

Vortrag "Konsumkritik-Kritik" (von Jörg Bergstedt, 11.7.2016 in Fulda - unterlegt mit passenden Bildern)
Download als MP4 in HD-Format (720p) ++ Tipp: Rechtsklick, dann "Speichern unter ...")


Man braucht nicht viel, um glücklich zu sein. (Werbekampagne von Aldi Süd im März 2017)

Aus einer Rezension des Buches von Kathrin Hartmann: "Die grüne Lüge", auf: Deutschlandfunk, 12.2.2018
Viele - vor allem gut gebildete - Verbraucher wüssten zwar um die globalen Missstände, richteten sich aber lieber mit den grünen Lügen ein: "Greenwashing funktioniert auch deshalb so gut, weil Angehörige westlicher Konsumgesellschaften gerne hören, dass alles so weitergehen kann wie bisher, ja, dass ihr überbordender Lebensstil selbst es sein könnte, der dafür sorgt, die Welt besser zu machen."
Dieser Irrglaube an den sogenannten "ethischen Konsum" und angeblich nachhaltige Technologie führt, der Autorin zufolge, auch dazu, dass sich unsere Gesellschaften weiter spalten - in diejenigen, die zwar ein hohes Umweltbewusstsein, aber gleichzeitig sehr oft auch einen hohen Ressourcenverbrauch hätten, und diejenigen, die sich den vermeintlich grünen Lebensstil nicht leisten könnten. Das kritisiert die Autorin scharf: "Denn erstens wird aus einzelnen Einkaufsentscheidungen zwischen verschiedenen vermeintlich grünen Massenprodukten kein kollektives Ganzes, sondern höchstens ein privates gutes Gewissen. Zweitens tötet es jede Solidarität, wenn der Einzelne in einen moralischen Wettbewerb gegen den Nächsten geschickt wird, in dem der ‚gute‘ auf den ‚bösen‘ Verbraucher zur eigenen moralischen Erhebung mit dem Finger zeigt."


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