Projektwerkstatt

GENTECHNIK UND HERRSCHAFT: EINE KRITIK AUS EMANZIPATORISCHER PERSPEKTIVE

Perspektiven I: Ziele entwickeln und benennen


1. Einleitung
2. Agrogentechnik - eine kleine Einführung
3. Kritik der Kritik
4. Durch die Herrschaftsbrille: Emanzipatorische Kritikpunkte an der Agrogentechnik
5. Blick in eine bessere Zukunft?
6. Perspektiven I: Ziele entwickeln und benennen
7. Perspektiven II: Organisierung
8. Weiterführene und ergänzende Texte

Die Tat oder jeder Protestakt ersetzen keinen Inhalt. Umgekehrt gilt das ebenso. Deshalb sollen hier einige organisatorische bis strategische Überlegungen für einen emanzipatorischen Protest folgen. Zuerst zur den inhaltlichen Positionen, dann zu den Aktionsformen.

Klare und weitgehende Positionen
Es gibt viele Begründungen für eine Kritik an der Gentechnik im Allgemeinen und der Anwendung im Agrar- und Lebensmittelbereich im Besonderen. Ziel einer emanzipatorischen Gentechnikkritik ist nicht, anderen Begründungen die Berechtigung abzusprechen, sondern für einen herrschaftskritischen Standpunkt einzutreten und diesen, wo es möglich ist, eigenständig zu benennen oder mit anderen Begründungen zu verknüpfen. Es wäre allerdings fatal, weiterhin ökologische und gesundheitliche Bedenken ohne herrschaftskritische Blickwinkel zu vertreten. Denn diese sind sehr anfällig dafür, letztlich selbst der weiteren Erforschung und Entwicklung Vorschub zu leisten. Gut verbindbar sind der kritische Blick auf agrarstrukturelle Veränderungen und die neoliberale Organisierung der Welt(land)wirtschaft. Nicht verträglich mit einer herrschaftskritischen Sicht sind hingegen alle Begründungen, die eine Zunahme von Macht fordern. Denn das, auch wenn es gut gemeint wäre, würde genau die Durchsetzung der Gentechnik erleichtern - mitunter nur zeitlich verzögert. Folglich sind vermehrte Überwachung, erweiterte Befugnisse nationaler Institutionen (Stichworte: Reregulierung, nationale Souveränität), Verschärfung der Grenzregimes oder gar der Auf- und Ausbau weltweiter Herrschaft ebenso wenig mit einer herrschaftskritischen Sichtweise verbindbar wie religiöse, esoterische oder solche Motive, die für den Schutz einer halluzinierten naturbelassenen Heimat oder einer besonderen nationalen DNA eintreten.

Nach den durch sehr offensive Aktionsformen (Besetzungen, Zerstörungen, Go-ins, Veranstaltungsstörungen usw.) geprägten Jahren ab 1992 dominierten rund um die Jahrtausendwende eher zurückhaltende, weitgehend auf sanfte appellierende Aktionsformen beschränkte Kritiken der Gentechnik. Auch der Inhalt wandelte sich von einer grundlegenden Orientierung auf die Betonung von ökologischen und gesundheitlichen Risiken. Aus emanzipatorischer Sicht wäre wünschenswert, die herrschaftskritische Note verstärkt einzubringen und dafür zu werben, dass Umweltverbände, Netzwerke, Aktionsgruppen usw. mutigere, über die Frage der Gentechnikfreiheit hinausgehende Forderungen aufnehmen bzw. neu formulieren. Die fortgeschrittene Monopolisierung der Wirtschaftsabläufe geben allen Grund, gerade die herrschaftskritischen Seiten der Gentechnik zu betonen - und auch dafür zu werben, diese blinden Flecken zu füllen, wenn sie bestehen. Initiativen wie "Kein Patent auf Leben" oder "Wir haben es satt!" haben hier Anfänge gesetzt, die es aber weiterzuentwickeln gilt. Sind waren erst ein Anfang. Mehr ist nötig.

Die Machtfrage stellen: Ernährungssouveränität
Wenn die Machtfrage zum Gegenstand der Betrachtung wird, geht es immer um die Selbstbestimmung der Menschen. Das heißt, es wird nicht eine neue richtige Ordnung verkündet, sondern die Bedingungen sollen so verändert werden, dass die Menschen mehr und freier entscheiden können, mehr Möglichkeiten haben und mehr Wirkung erzielen.

Aus Gregor Samsa, "Über die Notwendigkeit einer Wiederentdeckung", in: analyse&kritik, 20.1.2006
Ausgangspunkt jeder Auseinandersetzung mit globaler Landwirtschaft sollte das Recht auf Ernährungssouveränität sein. Die Forderung stammt ursprünglich von via campesina, einem weltweiten Zusammenschluss von Kleinbauern und -bäuerinnen, LandarbeiterInnnen und Landlosen mit ca. 200 Mio. Mitgliedern. Ernährungssouveränität umfasst mehr als das Recht auf freien Zugang zu einer ausreichenden Menge gesunder, nahrhafter und kulturell üblicher Lebensmittel; vielmehr ist auch das Recht gemeint, Nahrung in bäuerlicher, d.h. nicht-industrialisierter Produktion herstellen zu können und somit das Recht, über die hierfür erforderlichen Produktionsmittel zu verfügen, insbesondere Land, Wasser und Saatgut. Grundlegende Eigentums- und Verteilungsfragen sind demnach durch das Recht auf Ernährungssouveränität ebenfalls adressiert.

Mut zu Utopien und Experimenten
Die Entwicklung der Gentechnik und die Zunahme von Beherrschungsmöglichkeiten durch diese Technik geschehen nicht isoliert von ähnlichen, weiteren Entwicklungen in der Gesellschaft. Es ist naheliegend, über die Grenzen der gedanklichen Insel "Gentechnik" hinaus zu konkreten Forderungen und Zukunftsentwürfen zu kommen, die insgesamt die Orientierung auf Profit- und Herrschaftsmaximierung überwinden oder zumindest in Frage stellen. Die immer wieder vorgebrachten Bedenken, utopische Positionen könnten der Glaubwürdigkeit im Hier & Jetzt Schaden anhaben, basieren auf keinerlei belastbaren Beobachtungen. Vielmehr zeigt die Erfahrung vieler Jahrzehnte politischer Widerständigkeit und auch der Blick über die Grenzen hinaus, dass eher das Umgekehrte gilt. Wo weitgehende Forderungen und utopische Zukunftsentwürfe gegen das Bitte-keine-Veränderungen-Palaver der Realpolitiker_innen und ihrer Schergen in Institutionen und Medien gestellt wurden, waren soziale Bewegungen viel häufiger erfolgreich. So resultiert die gesellschaftliche Breite der Umweltverbände nicht aus ihren aktuellen Orientierungen auf Lobbyarbeit und Appelle an die Mächtigen per Unterschriftensammlung und Postkarten/Email-Aufrufe, sondern aus der kämpferischen Phase in den 70er und 80er Jahren. Selbst für eine im Zentrum meist minimalreformistische Organisation wie Attac gilt: Sie wurde groß, weil ihr jahrelang visionäre Ziele nachgesagt wurden. Das war immer ein Irrtum, aber es zog an statt abzuschrecken.

Die Angst vor Glaubwürdigkeitsverlusten durch utopische Ziele ist nicht nur unnötig, sondern auch erwünscht - von Seiten der Regierenden und Wirtschaftseliten, die aus naheliegenden Gründen am Status quo festhalten wollen.

Für die Landwirtschaft bedeutet ein solches Experimentieren vor allem das Überwinden der Verbindung von Nahrungsmittelproduktion und Verwertung. Bauernhöfe und Lebensmittelverarbeitung müssen raus aus den Klauen der Märkte, des ewigen Konkurrenzkampfes. Ein Ansatz (unter mehreren!) dafür sind Formen eines gleichberechtigten, nicht-kommerziellen Umgangs mit landwirtschaftlichen Höfen und Flächen, oft benannt als Community Supported Agriculture (CSA) oder solidarische Landwirtschaft. Etlich Höfe arbeiten laut Liste in Deutschland bereits so - und es werden mehr. Deutschland ist dabei (wie so oft bei emanzipatorischen Projekten) eher ein Nachzügler. Aber besser spät als nie!

Ganz nebenbei: Immunität gegen anti-emanzipatorische Gentech-Kritik
Die Ausweitung der bisherigen Gentechnikkritik auf Herrschaftsfragen und das offensive Formulieren einer Zukunft, in der nicht die Zunahme von Kontrolle, Macht und Reglementierung, sondern deren Verschwinden die menschliche Produktivkraft für ein besseres Leben nutzbar macht, hat noch einen kleinen, aber in der politischen Praxis wertvollen Nebenaspekt. Es entsteht eine deutliche Abgrenzung gegenüber antiemanzipatorischen Blickwinkeln. Solange nämlich nur Gesundheit und Umweltschutz die Kritik ausmachen oder sogar anti-amerikanische Ressentiments die Sache dominieren, können sich Rechtsextreme, Anbeter_innen fremder Mächte (von kosmischer Energie bis zu irgendwelchen Göttern, deren Willen zu befolgen sei oder deren Werke mit der Gentechnik besudelt würden) oder Freund_innen entfesselter Regulierungswut (neue Gesetze, Ordnungstruppen, vielleicht Kameras an allen Feldern?) problemlos einreihen. Die Unterschiede fallen nicht auf. Sie wären im Kern ja auch gar nicht vorhanden. Wo aber eine emanzipatorische Orientierung sichtbar wird, entspannt sich die Lage. Wer sich um die Machtfülle von Staaten oder Göttern, die Reinheit von Völkern oder die Unversehrtheit von Heimat sorgt, steht dann im Widerspruch dazu. Ausgrenzungen sind gar nicht mehr nötig. Je stärker der emanzipatorische Gehalt, desto klarer ist der Unterschied sichtbar.

Beispiele für rechtslastige oder andockfähige Argumentationen
  • Die ständige Benennung von Monsanto und den USA bei gleichzeitigem Verschweigen deutscher Gentechnikfirmen und -politik ist nicht nur anti-amerikanisch, sondern ein optimaler Anknüpfungspunkt für Rechte und deren Gedankengeber. Monsanto wird als Inbegriff für das Böse schlechthin stilisiert und hinter fast jeder Agro-Gentechnik Monsanto vermutet. Genfelder deutscher Firmen werden weit weniger bekämpft, einige NGOs veröffentlichten sogar reine Monsanto-Genfeldverzeichnisse (z.B. frühere Gen-Mais-Karte von Greenpeace).
  • Jahrelang war die aus dem Umfeld des Gesundheitsallianz des angeblichen Wunderheilers Dr. Rath gegründete AGFG, später "Arbeitskreis Ökologie/Gentechnik e.V." als Akteur in der Gentechnikkritik aktiv. Auf deren Seite "Empfohlene Links" fand sich als erster Link Peter Fitzeks "NeuDeutschland", an anderer Stelle wird für dessen Idee einer konkurrierenden Währung (Engelgeld) geworben (AGFG auf Wikipedia).
  • NPD begrüßt MON810-Verbot (16.4.2009) ++ Interview zu Gentechnikkritik von rechts
  • Die jährliche Demo "Wir haben es satt" war spätestens im Jahr 2013 nur noch eine inhaltsleere Wiederholung. Reine Symbolpolitik und Nabelschau der Bewegungseliten schufen Raum für antiemanzipatorische Gruppen. So gab es eine große Menge von AZKler_innen, die mit dem Infoblatt "Stimme und Gegenstimme" in der Demo unterwegs waren und missionierten - immer in 2er-Teams, wie die mit dem Wachturm. Nur wenige sprachen sie an und erlebten Bemerkenswertes: "Ich hab die angesprochen, weil die sich erst gefreut haben, einen AZK-Redner zu treffen. Ich hab sie dann angequatscht, was da für ein Scheiß in ihren Flugblättern stehen würde. Und war ziemlich überrascht über die Reaktion. Ich: "Da wird der Holocaust geleugnet". Die: "Ja, den gabs ja auch nicht". Ich: "Die behaupten, die Juden würden die Homosexualität fördern, um die Familien zu zerschlagen". Die: "Ja, das ist doch die Wahrheit". Ich: "Ivo Sasek sagt zu seinen Leuten, er sei das Göttliche und sie Natur." Die: "Ivo ist göttlich". usw. Ich war ziemlich erstaunt, dass die das alles klarhatten und wie selbstverständlich dort gesagt haben. Dann haben sie mich mit eher religiösen Sprüchen wie "Du musst das mal an Dich ranlassen" usw. zu missionieren versuchen, bis ich überlegte, dass ich eigentlich wegen was Anderem auf der Demo war."
  • Den Autor dieses Textes traf es auch selbst - allerdings ohne dass er sich wehren konnte. Denn die rechtsradikale Zeitung "Junge Freiheit" solidarisierte sich mit ihm, als er im Gefängnis saß.

Ein beliebtes Buch in der gentechnikkritischen Szene war "Saat der Zerstörung" von F.W. Engdahl. Das Buch strotzt vor Anti-Amerikanismus und erschien im rechten und überall Verschwörung witternden Kopp-Verlag. Die Werbung für das Buch sprach für sich.

Auszug Buchwerbung: "Damit soll sichergestellt werden, dass Saatgut jedes Jahr neu erworben werden muss – ein Geschäft, das der Teufel nicht hätte besser erfinden können. Wird diese Entwicklung nicht aufgehalten, entsteht eine neue, bislang nicht für möglich gehaltene Form der Leibeigenschaft. Drei der vier privaten Unternehmen, die heute gentechnisch verändertes Saatgut anbieten, weisen eine unheilvolle jahrzehntelange Verbindung zur US-Kriegsmaschinerie des Pentagon auf. Einst produzierten sie "Agent Orange", das Zehntausende in Vietnam tötete und selbst heute noch Folgeschäden verursacht. Zur Zeit üben diese Firmen in Zusammenarbeit mit der US-Regierung einen enormen Druck auf Europa aus, damit auch hier alle Schranken gegen genmanipuliertes Saatgut fallen. Dies ist keine Geschichte über Profitgier. Es ist vielmehr eine Geschichte über die dunkle Seite der Macht. In den 1970er Jahren erklärte Henry Kissinger: "Wer das Öl kontrolliert, ist in der Lage, ganze Nationen zu kontrollieren; wer die Nahrung kontrolliert, kontrolliert die Menschen." Das Buch dokumentiert, dass die amerikanische Rockefeller-Stiftung der treibende Motor hinter dieser Entwicklung ist. Zusammen mit privaten Forschungsinstituten und in Mittäterschaft der US-Regierung versucht eine kleine mächtige Elite "Gott zu spielen" – mit erschreckenden Folgen für die Völker der Welt. Die vorliegende Arbeit dokumentiert eine gigantische Verschwörung. Diese ist aber leider keine Theorie oder Spekulation, sondern vielmehr rasant voranschreitende Realität."

Herrschaftskritische Warnung
Zukunft ist immer unbestimmt. Daraus folgt bei herrschaftskritischer Sichtweise eine Position, die manch radikalem/r GentechnikgegnerIn vielleicht zunächst aufstößt. Aber das hilft nichts: Es ist nie emanzipatorisch, die Zukunft festschreiben zu wollen. Über das Geschehen in einigen Jahren, Jahrzehnten oder Jahrhunderten entscheiden nicht die Menschen jetzt, sondern die, die dann leben. Deshalb ist es problematisch, nicht rückholbare Veränderungen vorzunehmen. Zwar ist Wandel auch immer ein Teil von Natur und Kultur (die ohnehin nicht trennbar sind), aber dennoch müssen grundlegende Eingriffe besonders gut überlegt und begründet werden. Das war und ist ein wichtiges Argument gegen Gentechnik und viele andere Ausbeutungsökonomien. Allerdings folgt daraus nicht, dass auch unter gewandelten, z.B. herrschaftsfreien Verhältnissen jede Gentechnik abzulehnen wäre. Denn diese Situation ist aus der heutigen heraus nicht wirklich plan- und vorstellbar. Vieles spricht sogar dafür, dass nicht die Technik als solches, sondern die Rahmenbedingungen schuld sind daran, dass ForscherInnen und Firmen vor allem auf Verknappung, Saatgutkontrolle usw. setzen. Möglicherweise wäre mit der Technik auch Anderes möglich - aber der Systemzwang besteht, profitabel zu sein. Nicht gut.
Das muss nicht so sein. Viele andere, bessere Welten sind möglich! Daher wäre eine dogmatische Festlegung heute ein anti-emanzipatorischer Akt, wenn es den Menschen der Zukunft Handlungsschranken auferlegen will. Eine emanzipatorische Kritik der Gentechnik sollte die konkreten Formen dieser Technik benennen und die Rahmenbedingungen, unter denen sie stehen. Daraus kann für die heutige Zeit eine grundlegende Ablehnung der Gentechnik folgen, denn alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens unterliegen aktuell sowohl der Profit- wie auch der Machtmaximierung. Es ist sogar sehr naheliegend, die Gentechnik unter aktuellen Bedingungen ganz abzulehnen. Denn keine Forschung oder Entwicklung kann sich den Systemzwängen entziehen. Aber das gilt eben nicht für immer, weil es grundsätzlich nicht sinnvoll ist, für Situationen etwas festlegen zu wollen, die mensch nicht kennt. Jede radikal herrschaftskritische Perspektive hebt sich selbst auf, wenn aus politischen Positionen, die aktuellen emanzipatorischen Überlegungen folgen, feststehende, nicht mehr hinterfragbare Dogmen werden. Herrschaftsfreiheit kennt keine Klarheiten außer der, dass immer die Menschen selbst der Ausgangspunkt sind. Nichts steht höher als sie - keine Religion, Moral, kein Gesetz und keine Ideologie, auch wenn viele das behaupten oder mit Macht durchsetzen.

Das, was für die Utopie sowieso gilt, könnte auch schon heute für Teilbereiche die Frage einer grundsätzlichen Ablehnung neu beleuchten. Seit einigen Jahren zeigen sich kleine Anfänge einer nicht aus Macht- und Profitinteressen heraus organisierten, finanzierten und kontrollierten Gentechnik. In Garagen, Küchen oder Werkstätten basteln Amateur_innen, Selbstlernende und Profis im Feierabend an biotechnologischen Experimenten. Erstmals systematisch zusammengetragen wurde das Geschehen 2012 im Buch "Biohacking", Ende 2013 widmete der Gen-ethische Informationsdienst dem Phänomen einen Schwerpunkt

Im Original: Biohacking
Aus Sascha Karberg/Richard Friebe/Hanno Charisius, "Occupy Biology", in: GID Dez. 2013 (S. 15)
Ein aufgeklärtes Bio-Bürgertum sollte zumindest eines der Ziele der Biopolitik der kommenden Jahre und Jahrzehnte sein - als Gegenstück und kompetente Kontrollinstanz zu den Bio-Eliten im akademischen, privatwirtschaftlichen und Verwaltungs-Sektor. Wie man mit den ersten umgeht, die heute bereits eine solche „Biological Citizenship" für sich einfordern, wird wegweisend sein. Vorbeugende Verbote, ein alle Freizeit-Biotech-Freaks einschließender kollektiver Generalverdacht, ein von Angst bestimmtes Klima, in dem Forscherneugier außerhalb des Forscherestablishments per se als suspekt oder gar gefährlich gilt, all das wäre sicher der falsche Weg. Die durchaus auch individuell gemeinte Forschungsfreiheit im Grundgesetz sollte auch in der Praxis für alle gelten.
Wenn in Deutschland etwa offene Labore, in denen Laien mit Profis zusammenarbeiten und sich austauschen können, entstehen und auch unterstützt werden, zum Beispiel vom Staat oder von Stiftungen oder Spendern, dann wird es wahrscheinlich nicht nur weniger versteckte, unregulierbare Küchen-, Kleiderschrank- oder Garagenlabore geben. Diese Labore, wie es sie in New York, im Silicon Valley, in Amsterdam, Paris, Manchester und so weiter schon gibt und die besser ausgestattet sind als es sich die meisten daheim in der Garage leisten können, sind Kristallisationspunkte für Leute, die ansonsten einsam und abgeschottet basteln würden. Solche Gemeinschaftslabore stellen schon jetzt zumindest teilweise sicher, dass Laien arbeiten können, ohne sich selbst oder andere oder die Umwelt zu gefährden. Damit einher geht eine stetig steigende Kompetenz solcher Laien und damit auch eine in die Breite gehende spezifische Bildung und Fähigkeit zur Meinungsbildung angesichts anstehender wissenschafts- und biopolitischer Entscheidungen. Außerdem können dann die kreativen Impulse und Improvisationskünste der DIY-Bewegung positiv begleitet werden - mit gesellschaftlichem Mehrwert.
Damit das geschieht, müssen Profi-Forscher ihre nicht universal, aber doch weit verbreitete Nur-Gucken-Aber-Nicht-Anfassen-Attitüde bezüglich ihrer eigenen Forschung ändern. Wenn eine solche Öffnung bewusst und respektvoll geschieht, gezielt und mit echtem Einsatz jenseits der einmal im Jahr stattfindenden „Langen Nacht der Wissenschaften", kann vielleicht auch mehr herausspringen als nur ein durch PR-Arbeit und ein wenig Volksbildung beruhigtes Gewissen gegenüber den Steuerzahlern, die nach wie vor den Hauptanteil der Forschungsfinanzierung tragen. Eine motivierte DIY-Biologin kann einer Uni-Arbeitsgruppe vielleicht auch nützlicher sein als ein Student, der nur irgendwie seine Laborpflicht abarbeitet. Warum muss jemand, der forscht, einen Uni-Abschluss haben? Forscher wird man nicht durch ein Dokument. Forscher ist, wer Fragen stellt und dann mit wissenschaftlicher Methodik nach Wegen sucht, sie zu beantworten.
Laien (griechisch: laikos: „zum Volke gehörig"), die Zeit, Bildung und Möglichkeiten genug haben, sich an Wissenschaft zu beteiligen, gibt es heute zahlenmäßig, aber auch relativ zur Gesamtbevölkerung, wahrscheinlich mehr als je zuvor. Sie sind, wenn man als Professor oder Laborleiterin ein wenig Mühe und immer mal wieder ein paar lobende Worte oder Erwähnungen in einer Veröffentlichung zu investieren bereit ist, eine viel versprechende Ressource und kein gesetzloser Bio-Mob.


Aus Arnold Sauter, "Frickler, Gründer, Bürgerforscher?", in: GID Dez. 2013 (S. 15)
Ist Biohacking eher ein nerdiges Hobby oder aber Vorbote einer neuen Qualität der aktiven Bürgerwissenschaft, der „Citizen Science"? Drohen unkontrollierbare Gefahren aus geheimen Genklitschen, oder entsteht an kreativen Orten der biotechnologischen Maker das „transformative Design" nachhaltiger Technik? Wird die Reaktion eine schärfere Regulierung und Überwachung sein, oder wird die DIY-Bio-Bewegung Keimzelle und Katalysator einer neuen Dimension der verteilten Verantwortung und gesellschaftlichen Akzeptanz für Anwendungen der Gentechnik? ...
Allerdings: Die Erforschung und Entwicklung der Biotechnologien selbst blieb in den allermeisten Fällen in der Hand von naturwissenschaftlichen Experten, sowohl in privaten als auch in öffentlichen Forschungseinrichtungen. Zwar drangen in Einzelfällen Kultur- beziehungsweise Wissenschaftsanthropologen als moderne Ethnologen zur teilnehmenden Beobachtung in die Labore vor - aber ansonsten beschränkte sich der Beitrag der Geistes-, Rechts-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler_innen auf die Mitarbeit in den erwähnten TA-Projekten, Ethikräten et cetera. Hier prägen sie auch durchaus den interdisziplinären Austausch - eine direkte Auswirkung auf Forschungsrichtungen oder projekte der Natur- und Ingenieurswissenschaften dürfte jedoch nur in Ausnahmen nachzuweisen sein. Ob die in jüngster Zeit zunehmend unterstützte Beteiligung „normaler" Bürgerinnen und Bürger, die als zukünftige Konsumenten oder Patienten ja die eigentliche Zielgruppe vieler der neuen Entwicklungen darstellen, an der Rahmung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts (zum Beispiel bei Bürgerdialogen beziehungsweise Bürgerkonferenzen des Bundesforschungsministeriums) die Ausrichtung von Forschungs- und Entwicklungsvorhaben substanziell beeinflussen kann, bleibt abzuwarten, ist aber nicht Thema der folgenden Überlegungen. Diese drehen sich vielmehr um die Frage, ob die Do-it-yourself-Biologie das Potenzial besitzt, eine neue und relevante Form der Teilhabe von Nicht-Profis an der Gestaltung zukünftiger
Biotechnologien darzustellen. ...
DN-Biologie wird per Definition von ganz unterschiedlichen Menschen betrieben, über viele Orte verteilt und motiviert durch ganz unterschiedliche Interessen und Antriebe. Hierzu gehören das Frickeln, das Experimentieren, das Forschen, der Wunsch nach Wissen und Teilhabe oder auch die mögliche Absicht einer späteren Professionalisierung beziehungsweise Ausgründung. Wie die oben genannte Studie des Wilson Centers zeigt, arbeiten in den meisten Hackerspaces ausgebildete Biologlnnen in irgendeiner Form mit. Die Zukunft der DN-Biologie ist von vielen Faktoren abhängig, die kaum zu quantifizieren sind. Beispielsweise dürfte es auf absehbare Zeit keine millionenschweren Förderprogramme wie in anderen Bereichen von Biomedizin und Biotechnologie geben, da die kleinteiligen DIY-Aktivitäten wenig zum etablierten Forschungssystem passen. Aber es erscheint überhaupt nicht ausgeschlossen, dass Politik und Privatwirtschaft sowohl den Bildungsaspekt als auch das Innovationspotenzial aufgreifen und fördern. Die weitere Entwicklung dürfte auch davon abhängen, welchen soziokulturellen Stellenwert die DIY- oder Makerbewegung auf Dauer erlangen kann, ob beispielsweise das Crowdfunding sich zur etablierten Form der Risikokapitalbeschaffung entwickelt, so dass auch größere Forschungs- und Entwicklungsvorhaben finanziert werden können, ohne dass Fördereinrichtungen oder reiche Einzelmäzene beteiligt werden müssen. Einen ersten konkreten Hinweis auf das Veränderungspotenzial im Bereich der Bio- und Gentechnik hat das Kickstarterprojekt zur Produktion von selbstleuchtenden Zierpflanzen gegeben, aufgrund dessen vielen Beteiligten erst eine Regulierungslücke in den USA auffiel: Die dortigen Landwirtschaftsbehörden kontrollieren lediglich solche transgenen Pflanzen, die in Verbindung mit Pflanzenkrankheiten gebracht werden können (beispielsweise herbizid- oder insektenresistente Sorten), und die Lebens- und Arzneimittelbehörde FDA (Food & Drug Administration) gemäß ihrem Namen nur solche, die als Nahrungsmittel oder Medikament eingesetzt werden sollen. Gerade für die skeptische „europäische Haltung" gegenüber der Herstellung und Nutzung von gentechnisch veränderten Organismen konnte die DIY-Biologie auf Iängeres Sicht eine ganz schöne Herausforderung darstellen - und zwar nicht so sehr aus Sicherheitsgründen (auch wenn Biosafety- und Biosecurity-Bedenken sicher eine wichtige Rolle spielen müssen), sondern vielmehr dann, wenn sich in den Aktivitäten der Biohacker ein ernstzunehmender Wunsch ausdrückt, die Möglichkeiten der Biotechnologie dezentral und individuell nutzen zu können. Kritiker der Gentechnik müssten sich dann mit anderen Akteuren als transnationalen Konzernen oder Vertretern der „Mainstream-Wissenschaft" auseinandersetzen, aber auch die Gentechnikbefürworter und -entwickler aus der etablierten Forschung werden sich nicht automatisch für eine unabhängige Biotechnologie-Off-Szene erwärmen. Selbst wenn die konkreten Impulse der DIY-Biologie für Forschung und Entwicklung in den Biowissenschaften marginal bleiben, könnte der Einfluss auf die gesellschaftliche Debatte und damit die Zukunft der Bio- und Gentechnik durchaus beträchtlich werden.



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