Projektwerkstatt

GENTECHNIK UND HERRSCHAFT: EINE KRITIK AUS EMANZIPATORISCHER PERSPEKTIVE

Agrogentechnik - eine kleine Einführung


1. Einleitung
2. Agrogentechnik - eine kleine Einführung
3. Kritik der Kritik
4. Durch die Herrschaftsbrille: Emanzipatorische Kritikpunkte an der Agrogentechnik
5. Blick in eine bessere Zukunft?
6. Perspektiven I: Ziele entwickeln und benennen
7. Perspektiven II: Organisierung
8. Weiterführene und ergänzende Texte

Die Auseinandersetzungen nach 2000 drehten sich fast nur noch um die Anwendung der Gentechnik in der Landwirtschaft. Diese Beschränkung ist neu. Tatsächlich wird Gentechnik in vielen weiteren Bereichen angewendet. Durchgesetzt hat sich eine Benennung nach Farben:
  • Die rote Gentechnik meint alle Anwendungen in der Medizin. Trotz etlicher Misserfolge und den grundsätzlich negativen, weil nur auf Profitzwecke orientierten Wirkungen von Patenten ist die Kritik weitgehend verstummt. Das war in den 90er Jahren noch anders. Davor, z.B. in den Kämpfen der Gruppe "Rote Zora", waren Reproduktionsmedizin und die Patentierung von menschlichem Leben noch der wichtigste Blickwinkel.
  • Als weiße Gentechnik werden inzwischen zwei Bereiche bezeichnet. Schon immer nannte sich die DNA-Kriminalistik so, also wenn der Staat sein Gewaltmonopol einsetzt und Menschen bestrafen, überwachen oder zu Handlungen veranlassen will, die er für wichtig hält. Ein anderer Bereich wurde zunächst als graue Gentechnik bezeichnet, was aber werbetaktisch nicht besonders geschickt war. Es sind die industriellen Verfahren, also der Einsatz in Fertigungsprozessen, in Waschmitteln usw. Er heißt heute auch weiße Gentechnik. Klingt besser und harmloser.
  • Umstritten ist nur noch die grüne Gentechnik, d.h. die Anwendungen in und für die Landwirtschaft. Hier geht es um den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen als Nahrungsmittel für den Menschen, als Futtermittel für Tiere oder zwecks Befeuerung von Energieanlagen. Da der Farbton grün vielfach positiv aufgeladen ist gerade als Symbol für Umweltschutz, bezeichnen Kritiker_innen die Manipulation von Nutzpflanzen und -tiere für Agrarbetriebe eher als Agrogentechnik.
  • Zwischen diesen Farben sind Mischungen möglich. So können landwirtschaftliche Betriebe Pflanzen anbauen, die als Reaktoren für Medikamente dienen, d.h. hier würden rote und grüne Gentechnik vermischt. Der Einsatz gentechnisch veränderter Lebewesen und ihrer Stoffe in der Lebensmittelverarbeitung stellt einen Übergang zwischen weißer und grüner Gentechnik dar
  • Unbenannt bleiben meist Sonderformen, die von Vornherein im Geheimen ablaufen. Dazu gehören die militärische Forschung an biologischen Waffen oder Mitteln zur Vernichtung von Vegetation.

Im Folgenden soll, weil aktuell umstritten, vor allem die grüne Gentechnik im Mittelpunkt stehen. Manch eine_n wird vielleicht schon überraschen, dass fast alle gentechnisch angebauten Pflanzen nur der Vernichtung in Tierställen oder Biogasanlagen dienen. Immerhin fließen seit über zwei Jahrzehnten Millionen in die Propaganda mit der Behauptung, dass - zumindest: auch - verbesserte Inhaltsstoffe in Lebensmitteln das Ziel seien. Das zwar leicht widerlegbare, aber dennoch immer wieder vorgetragene Argument, Gentechnik könne gegen den Hunger helfen, ist schon von daher absurd. Denn eine Technik, die dem Trog und Tank statt dem Teller dient, kann per se die Ernährungslage nicht verbessern. Welchen Sinn die Agrogentechnik überhaupt haben soll, können die Befürworter_innen auch nicht schlüssig erklären. Regelmäßig landen sie nach einem Stottern auf kritische Fragen beim Hungerargument. Das ist ihre letzte Rückzugsebene, die aber eben leicht widerlegbar ist.
  • Extra-Seite zu vermeintlichen Vorteilen der Agrogentechnik und was davon zu halten ist

Wie und was wird manipuliert?
Diese Frage ist für die Abschätzung von Risiken und Nebenwirkungen wichtig. Daher sollen die verschiedenen Ziele und Anwendungsgebiete hier kurz aufgelistet werden. Neben ihnen existieren noch kleine Sonderbereiche, in denen sich Spezialist_innen an der Manipulation von Erbgut versuchen.
  • Angebliches Ziel: Verbesserung der Eigenschaften einer Pflanze
    Gemeint sind hier sehr unterschiedliche Veränderungen, im Großen und Ganzen aber die, die auch in der konventionellen Züchtung benannt würden: Höherer Ertrag, Veränderung der Zusammensetzung von Nährstoffe (z.B. um Proteine, Vitamine oder seltene Mineralien zu höheren Konzentrationen zu bringen), einfachere Handhabung oder längere Haltbarkeit. Doch praktisch gibt es kaum Forschungen dieser Art. Stattdessen wird immer das gleiche Beispiel ins Gespräch gebracht: Der "golden rice". Hier haben Forscher_innen den Provitamin-A-Gehalt im Inneren des Reiskorns erhöht, so dass Augenleiden durch Vitamin-A-Mangel auch beim Essen von geschältem Reis vermieden werden können. Jenseits einer Reihe von Skandalen bei der Entwicklung der Pflanze (z.B. heimliche Tests an Kindern) zeigt selbst dieser Leuchtturm der Gentechnikpropaganda, in welche Richtung es geht: Weiter mit der industriellen Landwirtschaft. Denn der "golden rice" ist nur für die Menschen interessant, die industriellen Reis essen (müssen) - und vor allem auch nur den. Wo durch Subsistenzwirtschaft oder lokalen Tausch das Lebensmittelangebot reichhaltiger und der Reis nicht geschält ist, tritt das Problem gar nicht auf. "Golden Rice" ist also eine agrarindustrielle Lösung für ein Problem, dass es ohne die agrarindustriellen Auswüchse gar nicht gäbe ...
  • Angebliches Ziel: Erhöhung der Widerstandskraft gegen Krankheiten/Schädlinge
    Im Mittelpunkt steht die Gensequenz aus dem Bacillus thuringiensis, die den damit verschnittenen Pflanzen ihren Beinamen "BT" gibt. Die Pflanzen produzieren ein Gift und können so einige wenige Schadinsekten abwehren. Allerdings: Die ließen sich auch mit passender Bodenbearbeitung dezimieren. Außerdem gibt es die ersten Hinweise auf Resistenzen. Für Mensch und Tier sind gv-Pflanzen, die bis zu ihrem Zelltod Gifte produzieren, eine Gefahr. Denn schon das Spritzen solcher oder ähnlicher Gifte ist stets bedenklich für Natur und Gesundheit. Dafür sind aber immerhin Mindestzeitabstände zum Verzehr vorgeschrieben. Bei Pflanzen, die das Gift im Inneren produzieren, wird das Gift bis zum letzten Moment, also bis die Magensäuren die Zellbestandteile zerlegen, ausgeschüttet.
  • Tatsächlich häufiges Ziel: Resistenzen gegen Herbizide
    Round-up-Ready und LibertyLink heißen die beiden weltführenden Kombinationen von Totalherbizid und daran per Gentechnik angepasster Pflanze. Beide Spritzmittel, Roundup mit dem Wirkstoff Glyphosat und Liberty (früher: Basta) mit dem fast gleichklingenden Glufosinat, sowie etliche weitere Mittel mit anderen Markennamen, aber gleichen Wirkstoffen werden auch ohne Gentechnik vielerorts ausgebracht - von Landwirt_innen, Kleingärtner_innen, Straßenbau- und anderen Ämtern, auf Gehsteigen und Garagenauffahrten. Die Gentechnik führte dazu, dass der Einsatz auch nach der Aussaat möglich blieb, ohne die angebaute Pflanze zu gefährden. Das hat die Einsatzmengen erheblich vergrößert und schuf optimale Bedingungen für die Entstehung von Resistenzen. Denn wenn durchgehend das gleiche Mittel eingesetzt wird, geht es damit am schnellsten. Für die Firma ist das doppelt gut: Erstens wachsende Absatzmengen, weil immer mehr gespritzt werden muss. Zweitens dann der Wechsel zu anderen Präparaten - mit etwas Glück ungefähr zeitgleich mit dem Auslaufen des Patentes.
  • Weiteres häufiges Ziel: Macht und Kontrolle
    In bunten Broschüren und blumigen Reden kaum erwähnt werden die forscherischen Anstrengungen zur Beschränkungen der Nutzbarkeit von Pflanzen. Einmal geht es um die Frage der Patentierung neuer Sorten und Linien. Nach geltendem Patentrecht ist äußerst umstritten, ob das für konventionelle Pflanzen und Tiere überhaupt geht. Schließlich können nur Erfindungen und keine Entdeckungen geschützt werden. Zwar gibt es Tricks, um das zu umgehen (z.B. die Erfindung von Methoden für Entdeckungen), aber sicherer ist die Sache bei gentechnisch manipulierten Lebewesen. Also dient die Veränderung per se als Voraussetzung für mehr Profit - da muss sie gar keinen zusätzlichen Sinn ergeben. Noch sicherer wäre allerdings eine gentechnische Überarbeitung von Lebewesen, die diese gleich ganz unfruchtbar machen. Dann könnte kein_e Landwirt_in mehr einen Teil der Ernte behalten und neu aussäen. Solche Technologien erhielten schnell böse Namen, z.B. Terminatortechnologie. Damit es nicht mehr so schrecklich klingt, laufen sie heute unter neuen Begriffen (z.B. Confinement) und haben sich ein grünes Mäntelchen umgehängt. Dass sich Pflanzen selbst umbringen, würde ja die Auskreuzung verringern. Klingt schön. Dass damit der Hunger massiv ausgedehnt werden würde, weil sich Landwirt_innen den ständigen Kauf von Saatgut nicht leisten könnten, bleibt ungenannt.
  • Ehemalige Hoffnungsträger: Pflanzen als Reaktoren
    Für Medikamente (Impfstoffe, Wirkmittel usw.) oder als Produktionsstätte für Industriestoffe sollten Pflanzen dienen. Diese Bereiche galten als zukunftsträchtigste Anwendungsfelder der Agrogentechnik. Denn Lebensmittel sind billig, Medikamente und Spezialstoffe für Produktionsprozesse versprechen mehr Gewinne. Erfolge sind bislang aber kaum zu verzeichnen. Bei der Medikamentenherstellung ergaben sich technische Probleme mit der Dosierung - der Traum des Impfens per Banane oder Apfel war deshalb schnell ausgeträumt. In anderen Bereichen haben Firmen ihr Engagement weitgehend gestoppt.

Die Liste der Anwendungen klingt lang und vielfältig. Die Wirklichkeit sieht anders aus - nämlich ziemlich trostlos. Zwei gv-Konstrukte dominieren den weltweiten Anbau: Die Toleranz gegen Totalherbizide und die Erhöhung der Widerstandskraft gegen einzelne Fressfeinde von Nutzpflanzen. In allen Fällen geht es um Futtermittel (Mais, Soja), Energiepflanzen (Raps) oder Baumwolle. Zudem schwächeln beide Systeme. Beim ersten Typ dominierte bislang, dass Pflanzen künstlich gegen den Wirkstoff Glyphosat immun gemacht wurden. Doch erstens ist Glyphosat ein Gift mit Wirkungen auf Umwelt und menschliche Gesundheit. Dass nun mehr und länger gespritzt werden konnte, hat zu Folgeerscheinungen geführt, die seit einigen Jahren kontrovers diskutiert werden. Immer mehr spricht dafür, dass die Schädlichkeit von Glyphosat unterschätzt oder vertuscht wurde, solange mit diesem Mittel noch ordentlich Gewinn zu machen war. Jetzt, wo der Patentschutz gefallen ist, greifen sogar Behörden die Kritik auf. Sie werden damit aber nur anderen Totalherbiziden und der Kombination mit gv-Pflanzen den Weg ebnen, z.B. der LL-Kombination aus dem Hause Bayer CropScience. So oder so nehmen Resistenzen und in der Folge die eingesetzten Giftmengen zu statt ab. Das war auch von Anfang an das Ziel. Uwe Schrader, Cheflobbyist u.a. bei InnoPlanta, schrieb 1999: "Die Aussicht, in dem stagnierenden Pflanzenschutzmittelmarkt durch Anwendung der Pflanzenbiotechnologie Positionsverbesserungen zu erzielen, erklärt die für das Marktvolumen und die Profitabilität der Branche unerwartet hohe interne und externe F&E- Intensität." (F&E = Forschung und Entwicklung) Das hat geklappt. Die Grafiken zeigen, dass deutlich mehr Glyphosat in den USA eingesetzt wurden seit Einführung der Gentechnik (rechts aus dem Spiegel Nr. 25 am 20.6.2011, unten aus einem Vortrag, erstellt aus dem Report "13 Jahre" von Charles Benbroock, siehe dort S. 5):



In der Forschung ist die Lage noch etwas anders. Denn an den Agrarinstituten dominiert die "Forschung in der Gentechnik, weil es dafür Geld gibt“, wie die Rostocker Agrobiotechnologie-Professorin Inge Broer 2006 in der WDR-Sendung "Immer Ärger mit Linda" freimütig einräumte. Das bestätigte sich in etlichen weiteren Aussagen der Forschung und gilt nicht nur für die Gentechnik: Wissenschaft ist heute ein Geschäft. Der aggressive Kapitalismus hat - wie zu erwarten war - auch diesen Bereich erobert. Studien entstehen, wenn sie von Geldgebern in Auftrag gegeben werden. Unter dem Druck, rentabel sein zu müssen, sind sie immer auch eine Empfehlung für den nächsten Auftrag - und deshalb an dem orientiert, was die Geldgeber hören wollen. Das ist keine Verschwörung und keine böse Absicht, sondern schlicht das System. Insofern haben Wissenschaft und Forschung immer seltener eigene Zielsetzungen, sondern sind Opportunist_innen des Geldes.
  • Extra-Seite zu Forschung, den Instituten und der Geldabhängigkeit von Wissenschaft

Und was ist mit Tieren? Die meisten Ziele der gv-Pflanzen lassen sich auch auf Tiere übertragen. Geforscht wird bereits an verschiedenen Tierarten und mit verschiedenen Zielen. Auch hier geht es um Geld - und so rückt die Patentierbarkeit in den Mittelpunkt des Interesses.

Hohe Ablehnung, schlechter Start, viel Macht und Geld
Glaubt mensch den Umfragen, so sind 70, zeitweise sogar 80 Prozent der Menschen in Deutschland skeptisch bis ablehnend gegenüber der Gentechnik im Agrar- und Lebensmittelbereich. Einen wesentlichen Anteil an dieser breiten Mobilisierung von Öffentlichkeit hatten sowohl die militanten Widerstandsgruppen gegen die Gentechnik im Allgemeinen und gegen biomedizinische Kontrolle im Besonderen (z.B. Rote Zora) als auch die oft mit herrschaftskritischen Positionen verbundenen Feldbesetzungen der 90er Jahre. Außerdem glückte der Start nicht besonders gut ...

Im Original: Für und gegen Agrogentechnik
Aus "Landwirtschaftsministerium: Veröffentlicht Umfrage", auf: GABOT, 23.01.2014
Die Befragung zeigt auch, dass die Lebensmittelerzeuger unter einem hohen Erwartungsdruck seitens der Verbraucher stehen. So gehört die Produktion von qualitativ hochwertigen (95% Zustimmung) und sicheren Lebensmitteln (93%) zu den wichtigsten Verbraucherforderungen an die Lebensmittelerzeuger. Ebenso bedeutsam sind den Verbrauchern die Einhaltung von Tierschutz- und Umweltkriterien (90 bzw. 88%) sowie die Pflege der Kulturlandschaften (84%). Ein weiteres relevantes Thema ist der Verzicht auf Gentechnik. So erwarten 83% der Befragten, dass die Landwirtschaft keine Gentechnik einsetzt, davon teilen 61% diese Erwartung "voll und ganz". Zudem wünschen sich die Verbraucher, dass die Landwirtschaft zur Versorgung mit nachwachsenden Rohstoffen beiträgt (79%) und für Arbeitsplätze auf dem Land sorgt (67%). ...
Knapp sechs von zehn Befragten (57%) geben an, beim Einkauf zumindest "häufig" Wert auf die Herkunft der gekauften Lebensmittel zu legen unter Frauen sind es sogar noch mehr (64%). Damit ist Regionalität das wichtigste Merkmal beim Lebensmitteleinkauf. Jeweils knapp die Hälfte der Verbraucher berichtet, häufig auf Merkmale wie Tierschutz (44%), Nachhaltigkeit (43%) und biologische Anbauverfahren (41%) zu achten.


  • Wie alles begann: Eine kurze Geschichte der Agrogentechnik und des Widerstandes

Doch trotzdem gab es - von kleinen Pausen abgesehen - ständig neue Felder und Fördermittel … warum??? Es gibt mehrere Gründe - so wie im gesellschaftspolitischen Raum fast immer komplexe Ursachenzusammenhänge wirken (Kritik an vereinfachten Erklärungen). Die wichtigsten sollen hier benannt werden:
  • Profit & Machtstreben sind überall: Industrialisierung der Landwirtschaft
    Bauernhöfe zu verlängerten Werkbänken der Industrie zu machen, ist keine Erfindung der Gentechnik.Seit vielen Jahrzehnten läuft dieses Programm der Steigerung von Profit und Macht. Flurbereinigungen, Infrastruktur- und Förderprogramme, Lobbyist_innen, nationale und EU-Politiken hatten dientem dem Ansinnen. Die Agrogentechnik mit ihren Möglichkeiten, Monokulturen zu fördern, Saatgut zu kontrollieren und Abhängigkeiten zu erzeugen, ist eine zusätzliche Waffe - nicht mehr, aber auch nicht weniger.
  • Staatliche Macht: Geld und Personal für die gewollte Sache
    Dass profitorientierte Firmen Interessen an der neuen, gewinnversprechenden Technik haben, war zu erwarten. Doch die Kritik an Monsanto & Co. lenkt davon ab, dass es zumindest in Deutschland vor allem der Staat war, der als Antreiber aktiv wurde. Hauptsächlich geschah das über Geld. Die Steuergelder zur Forschungsförderung für biotechnologische Verfahren überstiegen andere Bereiche, z.B. für ökologische Anbauformen, ständig um ein Vielfaches. Zudem führten Bundes- und Landeseinrichtungen eigene Forschungen pro Agrogentechnik durch. Jahrelang stockten sie ihr Personal in den Gentechnikabteilungen auf, während andere Bereiche zurückgefahren wurden. Schließlich bezogen Behörden, Polizei und Gerichte einseitig Stellung. Die Genehmigungsbehörde (BVL) pries sich selbst für eine 100%ige Genehmigungsquote. In der Regel wurde sogar Sofortvollzug verhängt, d.h. Widersprüche hatten keine praktische Wirkung mehr auf die Anlage der Felder. Fast alle weiteren beteiligten Ämter winkten die Anträge ebenfalls durch. Kam es zu Protesten, so schützten Polizei und Gerichte die Pflanzen, nicht die Menschen.
  • Propaganda & platte Mythen
    Aus internen Schriften der Konzerne und Lobbyverbände ist zu erkennen, dass diese die Nutzlosigkeit und Unkontrollierbarkeit der Agrogentechnik selbst genau kennen. Um zwecks Profitemachens trotzdem voran zu kommen, sponnen die Propagandaabteilungen Märchen und Mythen. Die drei häufigsten waren Hunger, Nachhaltigkeit und Bio-Sicherheit. Das Hungerargument ist dabei besonders dreist, weil es gleich eine doppelte Lüge darstellt. Denn erstens kann die Agro-Gentechnik nicht gegen den Hunger helfen. Und zweitens soll sie es nicht. Sie könnte nur helfen, wenn Hunger eine Folge zu geringer Erntemengen äre. Das ist aber gar nicht der Fall. Es gibt Jahr für Jahr deutlich mehr zu essen, als für alle reichen würde. Würde nicht ein großer Teil an Tiere verfüttert, wären sogar noch vier Milliarden Menschen mehr versorgt. Dummerweise ist die Welt jedoch herrschaftsförmig und auf Profitinteresse ausgerichtet organisiert. Daher werden Menschen vom Land vertrieben, Pflanzen für andere Regionen oder Zwecke angebaut. Außerdem vernichten Kriege und Umweltzerstörung viele Ernten. Patriarchale Strukturen hemmen die Selbstorganisierung. Ein riesiges Welthandelsregime nimmt Milliarden von Menschen die Möglichkeit, in ihrer Umwelt selbständig zu leben. Würden alle Menschen wieder Land erhalten, dass sie selbst für sich und ihre NachbarInnen bzw. lokale Märkte bewirtschaften könnten, wäre der Hunger von einem Jahr auf das andere weg. Hunger ist sozial geschaffen durch Umverteilung. Er absichtlich und aus Profitinteressen organisiert, d.h. strafrechtlich betrachtet, Mord. Massenmord.
    Zum zweiten ist die Sache mit dem Hunger gelogen, weil der größte Antrieb zur Entwicklung der Agrogentechnik gerade die Aussicht auf lukrative Patente und die Kontrolle des Saatgutes ist. So wird zum Beispiel intensiv daran geforscht, dass Bäuer_innen nicht mehr einen Teil ihrer Ernte für die Aussaat im nächsten Jahr einsetzen können. Mangel ist im Kapitalismus immer profitabel. Hunger ist ein Geschäft. Aus Profitsicht ist nicht wünschenswert, dass alle genug haben.
    Als weitere Werbestory (Überblick aller Behauptungen) wird die Nachhaltigkeit bemüht - ein völlig inhaltsleerer Begriff, de für alles Mögliche und vor allem zu Werbezwecken benutzt wird. Es verwundert also nicht, dass auch die Gentechnik ihn entdeckt habt. Mitschuld tragen die Umwelt-NGOs, die den Begriff in den 90er Jahren selbst groß gemacht hatten, um an staatlichen Förderprogrammen partizipieren zu können.
    Schließlich spielte noch der Begriff der Biosicherheit eine Rolle. Denn fast alle Versuchsfelder der letzten Jahre wurden mit der Behauptung angelegt, es sollten die Auswirkungen auf die Umwelt untersucht werden. Das brachte Geld aus dem Förderprogramm "Biosicherheit", schnelle Genehmigungen und Pluspunkte in der öffentlichen Akzeptanz. Die Umwelt-NGOs und die Grünen haben mehrfach selbst solche Versuche und Fördergelder gefordert - zuletzt 2013 in einer ePetition an den Bundestag (sie glücklicherweise scheiterte).
  • Verwissenschaftlichung der Sprache
    Die in den Risikodebatten auf wissenschaftliche Sprache trainierten Genpfuscher_innen konnten sich besser öffentlich bewegen, wenn die meisten gar nicht verstehen, worum es geht. Zumindest muss das eigene Anliegen seriös und nach Expertentum klingen. So inszenieren sich viele als „Wissenschaftler“ , denen es nur um die Sache ging. Ständig warfen sie mit irgendwelchen Gutachten um sich und schüchterten die Kritiker_innen ein, die nicht so viele Quellen und chemische Formeln herunterbeten konnten – oder schlicht nicht gewohnt sind, so dreist zu lügen und irgendwelche sog. wissenschaftlichen Erkenntnisse zu zitieren, die es zum Teil überhaupt nicht gab. In mehreren Fällen konnte Letzteres schon nachgewiesen.
  • Seilschaften
    Zwischen Behörden, Parteien, Konzernen und Kleinstfirmen, Lobbyverbänden und Tarnvereinen sowie großen Teilen der Wissenschaft besteht (wie in anderen Wirtschaftsbereichen auch) ein dichtes Netz des Eine-Hand-wäscht-die-Andere. Das hilft bei der Geldverteilung, Genehmigung und Kooperation zur Entwicklung neuer Verfahren und Pflanzen. Eine intensive Untersuchung dazu ist im Buch "Monsanto auf Deutsch" und auf www.gentechnik-seilschaften.tk veröffentlicht. Ausgewählte Beispiele finden sich in der Broschüre "Organisierte Unverantwortlichkeit" und der Ton-Bilder-Schau "Monsanto auf Deutsch".

Die Liste ist sicherlich nicht vollständig, sollte aber reichen, um den gewünschten Eindruck zu vermitteln, dass hier mehrere Einflüsse zusammen wirken.

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