Kritik der Konsumkritik

PROJEKTWERKSTATT ODER WURFZELT?
GEDANKEN ZUR SCHWIERIGKEIT DES LEBENS ...

Einleitung


1. Einleitung
2. Viele Wege führen in die Projektwerkstatt - und wieder aus hier heraus
3. Widerstandsnomadisch leben ... und die Projektwerkstatt nutzen!
4. Rückblicke
5. Bitte kein Wohnprojekt!
6. Seiten zum Thema

Nicht erschrecken! Diese Seite behandelt eine komplizierte Frage: Das Leben in der Projektwerkstatt. Denn der Mensch ist (zum Glück) keine Maschine - und selbst Maschinen entwickeln oft ihr Eigenleben, brauchen Aufmerksamkeit, Erholungspausen und Stoff-/Energiezufuhr. Der Mensch ist da komplizierter, eigenartiger und kreativer. Das ist auch gut so und nicht Grund für den Text auf dieser Seite.

Die Projektwerkstatt soll allen diesen Menschen offen stehen. Allerdings nicht für alles, sondern explizit als Ort politischer Aktivität. Dazu ist das Haus da. Allen, die eigentlich etwas anderes suchen, aber die Projektwerkstatt trotzdem nutzen wollen, weil sie sich selbst einreden, politisch aktiv zu sein, weil das Haus so schön ausgebaut und das Essenslager immer woll ist, sei gesagt: Nur Mut, du schaffst das auch ohne uns. Fast alle anderen Gebäude des Landes sind für das gebaut, was du willst. Du wirst bestimmt was finden. Das wird da zwar ein bisschen Geld kosten, aber so ist die Welt da draußen halt aufgebaut: Du bezahlst, irgendwo anders, meist weit weg auf der Welt, werden dafür Mensch und Natur ausgebeutet. Das ist für die nicht schön, für dich aber bequem. Du musst aber dir dieses Geld besorgen und dich dafür wiederum selbst den Verhältnissen anpassen. Aber: Wir möchten nicht die von dir Ausgebeuteten sein. Du schaffst das schon, in der Normalität klarzukommen und dich selbst zu belügen, das sei irgendwie alternativ. Wir glauben fest daran ;-)

Wer in der Projektwerkstatt kommt und nicht nur ein Seminar u.ä. besucht, sollte dort etwas vorhaben, also zum Beispiel an einem oder mehreren politischen Projekten schrauben. Das soll nun kein Dogma für 100% der Lebenszeit. Im Gegenteil: Selbst die heftigsten Polit-Workoholics (die es in der Projektwerkstatt immer gab und gibt) haben ein Leben neben der Aktion. Darum bietet das Haus nicht nur viele Projekträume und Werkstätten für die Zeitraum der Aktivität, sondern auch für Phasen dazwischen und rundherum. In mehreren Räumen stehen Betten, es gibt Küchen, Klos, Hängematten, Leseecken, Musikanlagen und -instrumente, Lebensmittellager, Heizung und vieles mehr. Das klingt schön, zieht aber auch die notwendige Instandhaltungarbeit nach sich. Denn wenn mensch sich nicht mehr der unsichtbaren Hand von Mami, Papi, einer_m Hausmeister_in oder, die moderne Form nach dem Auszug zuhause, dem anonymen Markt bedienen kann (oder sogar: will!), dann müssen alle wichtigen Dinge selbst organisiert werden. Sonst geht das Haus langsam zugrunde oder einige schuften für andere mit. Die Liste ist lang: Material besorgen, Reparieren, Renovieren, Essen beschaffen, heizen, all der Formalkrempel, Anfragen beantworten, Menschen unterstützen und 1001 Dinge mehr - dazu all das Unvorhergesehene, was so passieren kann.

Dummerweise reichten Appelle, das Haus gemeinsam zu organisieren, nicht immer aus. Oder ehrlicher: Es war häufiger so, dass Menschen sich auf dem Handeln anderer ausgeruht haben als dass die Menschen sich die anfallenden Tätigkeiten aufgeteilt hätten. Offenbar zieht ein offener und so gut organisierter Raum auch Menschen an, die keine konkreten eigenen Projekte verfolgen (bzw. sich das nur einreden). Manche sind sogar ganz scharf auf eine Fortsetzung der Betreuung, sehen die Projektwerkstatt und die dorten Aktiven also als etwas Ähnliches wie Mami/Papi oder das Jobcenter. Die werden ausgetauscht durch die Aktivistis in der Projektwerkstatt, die sich um Essen, Heizung, Renovierungen, reproduktive Hausarbeiten usw. kümmern. Verschärft wird das durch die Mischung aus fehlendem Alltags-Knowhow (weder handwerklich-technisch noch in Haushalts- und Geschäftsführung) und mangelndem Willen, sich Wissen anzueignen (Abneigung gegen Bücher, Bedienungsanleitungen und selbständiges Lernen). Für all solche wirkt die Projektwerkstatt sehr bequem, da hier auch Leute agieren, die das Haus ziemlich gut in Form halten. Aber: Wer bislang (das ist ja keine eigene Schuld) wenig kann, sich aber auch nichts aneignen will, ist hier falsch. Der Kapitalismus bietet da bessere Möglichkeiten, fremdgesteuert tätig zu sein und dann den Mangel an Fähigkeiten durch Einkauf fremder Arbeitskraft zu kompensieren. Bitte macht einen Bogen um uns, wenn Ihr nicht wisst, was Ihr hier wollt und auch nicht aktiv danach suchen wollt. Wir wollen eine kreative und widerständige Runde von Menschen sein, die sich was zutrauen und immer neu aneignen. Das Haus soll eine gut organisierte Plattform für Projekte und Aktionen sein. Herzlich eingeladen sind alle, die an so etwas mitwirken wollen oder so etwas suchen - egal ob nur für ein paar Stunden oder für längere Zeit. Platz für ein schönes Leben bietet die Projektwerkstatt nämlich nebenbei auch. Schlafräume, Küchen und mehr ergänzen die Werkstätten, Bibliotheken und Tagungsräume.
Einige Menschen aus dem Umfeld der Projektwerkstatt organisieren sich als Widerstands-NomadInnen, d.h. sie haben auch andernorts keine festen (eigenen) Räume, sondern verbringen ihr Leben - werkelnd an Projekten - in den Häusern, die jeweils passen. Die Projektwerkstatt in Saasen mit ihrer hervorragenden Ausstattung und der verkehrsgünstigen Lage mitten in der abzuschaffenden Republik gehört immer wieder dazu - aber wir sind auch gerne in Kooperation mit anderen Häusern dieser Art.

Selbstorganisierung und selbstbestimmtes Leben brauch Aktivität, vor allem vom Kopf, der eigene Ideen kreiiert, eigene Ziele setzt und den Willen formt, das auch erreichen so wollen. Einfach da sein und hoffen, dass andere das Geschehen organisieren, führen dazu, in der Projektwerkstatt zu scheitern. Nur mal einige von vielen Varianten dieses Scheiterns:
  • Viele kommen blauäugig in das Haus, fasziniert von der Radikalität des Lebensentwurfes, von spektakulären Aktionen und/oder den Theorien von Herrschaftsfreiheit, von einer Welt ohne Strafe oder irgend etwas anderem, was sie über die Projektwerkstatt lesen bzw. hören. Sie glauben, cool genug drauf zu sein, um mit Herrschaftsfreiheit klar zu kommen. Doch oft entpuppt sich das als folgenschwerer Irrtum und endet dann in völliger Orientierungslosigkeit oder im Wunsch nach Führung (durch andere Menschen, Apps, Google ...).
  • In anderen Fällen, oft verbunden mit Unwillen/Unfähigkeit, das Leben selbst zu gestalten, ruhen sich Menschen mehr oder weniger bewusst auf der Organisierungstätigkeit Anderer aus. Denn ohne Putzplan, Arbeitsverteilung per Plenum oder Anweisung, ohne die Erinnerungs-App oder die Angst vor Jobverlust bei Versagen schaffen es viele nicht, das zu tun, was sie eigentlich wollen oder sich sogar vornehmen.
  • Vieles ist nicht böser Wille, sondern Unachtsamkeit: Ohne Wissen, wie "Leben" überhaupt geht, bleibt oft verborgen, was alles täglich oder immer wieder anliegt und gemacht werden muss. Viele genießen warme Räume und Duschen, sauberes Geschirr und Wäsche, Strom und Internet, volle Kühlschränke und Vorräte, fahrbereite Räder und Hänger, ohne eine Ahnung davon zu haben, woher das eigentlich alles kommt, wer das herstellt, in Gang hält, bezahlt, besorgt, organisiert, wer sich mit den formalen Hintergrundvorgängen herumschlägt oder repariert, was kaputt geht. Bei Mami zuhause oder in der Dienstleistungsgesellschaft scheint das ja auch alles wie von selbst zu klappen. Wie und wo soll mensch lernen, wie Leben geht?
  • Aber selbst wenn Menschen es wirklich ernst meinen und versuchen - immer droht die Wiederanpassung. Denn selbst wer mit dem Willen startet, das eigene Leben anders zu führen als auf dem Rücken anderer Menschen (denen vor Ort und denen im entfernten globalen Süden) und den Ressourcen der Natur, entdeckt im Laufe der Zeit, dass im reichen Deutschland überall staatliche Förderungen lauern. Aus idealistischen Ideen können einfach und schnell kleine Startups oder gut gepamperte Mini-NGOs entstehen. Das reizt, schafft auch zunächst einige schnelle Erfolge, verändert aber die Einstellung zu Selbstorganisierung und zwingt zu Kompromissen und politischer Zurückhaltung. Das treibt die Akteuris Stück für Stück wieder in die Arme der bürgerlichen Gesellschaft. Ein Konflikt und der Abgang aus der Projektwerkstatt sind die Folge - oft nach zähem Ringen mit sich selbst und anderen, aber immer noch als bessere Lösung gegenüber der andernorts üblichen Variante, das Haus mitzunehmen in die Etablierung und Anpassung.

Für die Projektwerkstatt stellt das oft die größte Herausforderungen dar: Nicht Polizei und Justiz, BASF oder die Nazis der Umgebung setzen dem Haus und denen, die es aufrecht zu erhalten versuchen, am meisten zu, sondern die Menschen, die im Haus aktiv sind, aber sich treiben lassen von Zufällen, umgebenden Einflüssen und denen, die sich kümmern. Dem Ideal, dass die im Haus aktiven Menschen Kooperation und Organisierung untereinander, d.h. ohne vorgegebene Strukturen aushandeln, nähern wir uns oft nur zentimeterweise oder gar nicht an. Plena, Vorstände, Chef_innen - all das soll es ja nicht geben, ebenso keine Hauptamtlichen. Das alles wären Formen der Steuerung - und zwar auch dann, wenn sie als nett empfunden würden oder ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen.Selbstbestimmung basiert auf Aufmerksamkeit, Kommunikation, Selbstorganisierung und daraus folgend freier, bewusster Kooperation. Doch genau das fehlt meist. Menschen kommen von draußen in der Projektwerkstatt - also daher, wo alles herrschaftsförmig, zunehmend automatisiert funktioniert und Mamis bzw. des anonymen Marktes unsichtbare Hand alles Nötige bereitstellt. Wer in der Projektwerkstatt nicht aktiv umschaltet, sondern sich treiben lässt wie im Rest der Gesellschaft, ist schnell draußen aus Kooperation und Organisierung. Das fühlt sich sogar bequem an, weil gar nicht auffällt, dass alles weitergeht wie bei Mami oder im Kapitalismus - nur ohne Geld oder patriachaler Rollenzuweisung. In den letzten Jahren waren es immer nur eine Minderheit, mitunter Einzelne, die sich um (fast) alles kümmerten. Welch ein Desaster des gegenkulturellen Versuchs. Trotzdem war es das immer wert, denn erstens ist genau deshalb, weil der Versuch hartnäckig immer fortgesetzt wurde, das Haus weiter mit seinen Potentialen da. Und zweitens ist auch das Scheitern im Experiment ein Ergebnis, aus welchem etwas folgen kann - für die Menschen, für Ideen und Projekte. So oder so: Die Projektwerkstatt hat Bestand, ist nicht zu einem staatsförderungs-abhängigen Projekte oder eine Ansammlung klein-kommerzieller Einrichtungen geworden, auch zu keinem Schöner-Wohnen-Projekt oder einfach untergegangen. Hier gibt es immer noch kein Eigentum. Wer die eigenen Arbeits- und Lebensperformance verbessern will, verbessert für alle anderen mit. Wie viel bunter und besser nutzbar wäre es, wenn das mehr Menschen täten, also selbstorganisiert handeln, das Ganze mittragen, miteinwickeln und ihre Ideen umsetzen? Von diesem Traum der "Villa Kunterbunt für kreativen Widerstand" wollen wir nicht lassen ...

Was hilft, ist schwierig zu sagen. Oft herrscht nur Ohnmacht, die sich in Überlegungen ausdrückt, wie es besser gehen könnte. Diese Seite ist eher eine Baustelle, wie das Leben selbst ... Es folgen Texte, die im Laufe der Zeit als Beschreibung oder Appell verfasst wurden. Viele Texte sind nie geschrieben worden, denn etliche Bewohnis der Projektwerkstatt fanden nicht nur das selbstorganisierte Leben zu anstrengend, sondern auch die Idee, ihre eigenen Vorstellungen zu der Frage mal zu benennen oder niederzuschreiben.

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