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WAS SIND WELT UND LEBEN?

Dynamische Materie in Selbstorganisierung


1. Dynamische Materie in Selbstorganisierung
2. Materie im Wandel - an Beispielen
3. Wahrheit und Wahrnehmung

Steigen wir weiter hinein in diese Welt des Stofflichen. Es gibt in der geistigen Geschichte der Menschheit verschiedene Arten, sich Materie vorzustellen. Die ersten waren substantiell, d.h. man versuchte, dingliche Substanzen als Grundlage von allem, was es in der Welt gibt, zu denken. Inzwischen ist bekannt, dass alles Gegenständliche, Dingliche eine Art „Kristallisation“ innerhalb von Prozessen darstellt. Das moderne, neuzeitliche Denken orientiert sich eher an Relationen und Beziehungen als an Dingen und Substanzen. Da sich Relationen und Beziehungen aber ändern, ist auch das Stoffliche nur eine relativ feste Größe. Es scheint nur unverrückbar in der subjektiven Wahrnehmung des einzelnen Menschen, der nur eine begrenzte Zeitspanne überschauen und die darin angetroffenen Zustände vergleichen kann. Da zudem die körpereigenen Wahrnehmungsorgane im gleichen Gehirn zusammenlaufen, ähneln sich ihre Empfindungen auch: Erst sehe ich eine Wand, dann stoße ich dagegen, höre den Aufprall und es tut weh. Eine ganz schnöde, stoffliche Erklärung für dieses Geschehen liegt nahe - und ist auch nicht falsch, denn Erklärungsmodelle für Wahrnehmungen müssen die Mechanismen der Wahrnehmung widerspiegeln, damit das Wahrgenommene in die Erfahrungs- und Begriffswelt einsortiert und gedanklich verarbeitet werden kann.
Nur: Die Welt sieht offenbar etwas anders aus. Das, gegen war wir da gestoßen sind und was uns nun eine Beule am Kopf plus Schmerzen bereitet, ist physikalisch nicht einfach eine zusammenklebende Masse klitzekleiner Teilchen, sondern bei ganz genauen Hinschauen (mit den Augen des Menschen nicht sichtbar) ein bemerkenswert dynamisches Geflecht von physikalischen Erscheinungen, die Materie zu nennen uns schwer fallen würde. Aber das Gesamtergebnis im konkreten Moment ist das, was wir aus unserem Alltag kennen und deshalb so einordnen, wie wir es üblicherweise tun.
Gegenstände können wissenschaftlich sogar ganz in der Relationalität „aufgelöst“ werden oder, dialektisch, als reines Verhältnis begriffen werden. Nur hilft das auch nicht weiter, denn von praktischer Bedeutung für das Leben ist das dann - zumindest zur Zeit - auch nicht mehr. Beide Einseitigkeiten führen zu Problemen. Das rein substantielle Denken, das überall nur starre Teilchen vermutet, führt zu einem naiven, mechanischem Materialismus. Das rein relationale Denken, dass alles nur als Ausdrucksform gegenseitiger Beeinflussungen interpretiert, läuft zumindest Gefahr, ein stark idealistisches, alles relativierendes und am Ende beliebiges Weltbild zu erzeugen. Sinnvoll ist, beides zu verknüpfen, aber nicht als platter Kompromiss nach dem Motto "Die Wahrheit liegt in der Mitte", sondern als Begreifen, dass all diese Qualitäten in dem liegen, was wir so platt als Materie wahrnehmen. Sie ist nicht starr und unveränderbar, allein durch Zufälle getrieben, aber sie ist auch nicht reine Einbildung und tatsächlich gar nicht vorhanden.

Aus Bloch, Ernst: Experimentum Mundi. Frage, Kategorien des Herausbringens, Praxis. Werkausgabe Band 15. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. 1985 (S. 21)
Es kommt darauf an, das Subjektive nicht idealistisch in der Luft hängen zu lassen, aber auch das Materielle nicht mechanisch auf dem Boden liegen zu lassen, als einen Klotz.

Die aus dieser begrifflich schwer fassbaren Materie bestehende Welt ist folglich auch insgesamt keine statische Gegebenheit, sondern eine Fülle von wechselwirkenden Prozessen. In diesen Prozessen kann aus Möglichkeiten heraus jederzeit etwas Neues entstehen. Entwicklung vollzieht sich nicht nur durch bewusstes Tun, sondern schon dadurch, dass sich aus den Ergebnissen von Prozessen die Bedingungen verändern können, d.h. dass neue Moleküle, Stoffwechselvorgänge, eine veränderte Zusammensetzung der Atmosphäre oder andere Veränderungen neue Voraussetzungen dann folgender Entwicklungen schaffen. Evolution ist also der dynamischen Materie von Anfang an inne und nicht erst eine Logik des Lebens, die ja nichts anderes ist als eine besondere Form der Zusammensetzung und Wirkungsweise dieser dynamischen Materie.
Das Spätere basiert also immer auf den früher entstandenen Bedingungen, und jeder Prozess verändert seine eigenen Bedingungen als Voraussetzung für das Folgende. So können die Aufnahme von Stoffen und Energie sowie Abgabe von Stoffen und Energie verändert werden. Diese Veränderungen beeinflussen wiederum die Außenwelt, wodurch die eigenen Bedingungen aufgebraucht werden und neue entstehen.

Aus Bloch, Ernst: Das Materialismusproblem, seine Geschichte und Substanz. Werkausgabe Band 7. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. 1985 (S. 17)
Ein wichtiges Moment einer Weltanschauung, die auf Welt- und Gesellschaftsveränderung abzielt, besteht darin, die Materie als veränderungs- und entwicklungsfähig zu betrachten. Ernst Bloch erinnert immer wieder daran, dass das Wort „Materie“ von „mater“ herkommt, was „fruchtbarer Weltschoß“ bedeutet.

Alles Geschehen hat dabei eine materielle Grundlage, aber dass heißt eben nicht, dass es festgelegt (determiniert) ist. Im Gegenteil: Materie ist dynamisch und schafft sich selbst immer wieder neue Handlungsoptionen, die Sprünge in der Evolution des Stofflichen darstellen. Entwicklung findet immer statt - nur wohin, ist nicht zwingend vorgegeben und folglich auch nicht vorhersehbar. Die materielle Grundlage verändert sich aufgrund des Geschehens. Materie ist Dynamik, das Teil ist die Schwingung und umgekehrt.

Aus: Schlemm, Annette (1999): "dass nichts bleibt, wie es ist ...", Band II: Möglichkeiten menschlicher Zukünfte
Alle Materiebereiche sind in Bewegung. Die Bewegung verändert die (die inneren und die äußeren) Bedingungen des eigenen (Da-)Seins. Diese Rückkopplung zwischen Bewegung und Bedingungänderung ist es, die in der Realität dazu führt, dass jeweils "kritische Punkte" der Bewegung erreicht werden. ... (S. 11)
Die Geschichte ist deshalb keine Wiederholung des Immerselben, weil die gesellschaftliche Reproduktion in ihren Prozessen ihre eigenen Bedingungen irreversibel verändert. Einerseits wird z.B. die Umwelt irreversibel verändert und erzwingt u.a. eine Neuanpassung oder führt zum Untergang - andererseits verändern sich auch innere Charakteristika. (S. 156)

Aus dem "Potsdamer Manifest 2005 (Infoseite und als PDF)
Die Einsichten der modernen Physik, der ‚Quantenphysik’, legen eine Weltdeutung nahe, die grundsätzlich aus dem materialistisch-mechanischen Weltbild herausführt. Anstelle der bisher angenommenen Welt, einer mechanistischen, dinglichen (objektivierbaren), zeitlich determinierten ‚Realität’ entpuppt sich die eigentliche Wirklichkeit (eine Welt, die wirkt) im Grunde als ‚Potenzialität’, ein nichtauftrennbares, immaterielles, zeitlich wesentlich indeterminiertes und genuin kreatives Beziehungsgefüge, das nur gewichtete Kann-Möglichkeiten, differenziertes Vermögen (Potenzial) für eine materiellenergetische Realisierung festlegt. Die im Grunde offene, kreative, immaterielle Allverbundenheit der Wirklichkeit, erlaubt die unbelebte und auch die belebte Welt als nur verschiedene – nämlich statisch stabile bzw. offene, statisch instabile, aber dynamisch stabilisierte – Artikulationen eines ‚prä-lebendigen’ Kosmos aufzufassen.
Die in der Mikrowelt herrschenden immateriellen, informations-tragenden, prä-lebendigen Verknüpfungen werden nur indirekt auf der Meso-Ebene unserer Erfahrungswelt wirksam. Gewöhnlich werden sie ausgemittelt und führen in dieser ‚verwaschenen’ Form zu dem uns wohl-vertrauten ‚klasssischen’ Verhalten des Unbelebten. Instabilität wirkt jedoch wie ein enormer Verstärkungsfaktor, was eine Ausmittelung verhindert: Das Lebendige, wie es uns in unserer Erfahrungswelt begegnet, bezieht seine Fähigkeit zur fortwährenden schöpferischen Differenzierung und kooperativen Integration aus seinem ‚prälebendigen’ (mikrophysikalisch erkennbaren) Urgrund; dessen ‚Informationen’ steigen durch Instabilitäten verstärkt in die Mesosphäre auf und entfalten sich dort schöpferisch in intensiver und reicherer Form. Das ‚Prä-lebendige’ organisiert sich so in der komplexen Vielheit unsere ‚höheren’ bioökologischen Lebendigkeit, wie sie uns in unserem täglichen Leben begegnet. Auch die kulturökologische Vielfalt mit ihren Entwicklungsformen, das heißt ihren Wandlungs- und Ausgleichsprozessen, resultiert letztlich aus diesem Zusammenhang.


Das Ergebnis ist Evolution. Sie bedarf keines Gottes, keiner idealistischen Antriebskraft, sondern folgt notwendig aus dem dynamischen Charakter von Materie.

Aus Schlemm, Annette (1996): "Dass nichts bleibt, wie es ist ...", Lit-Verlag in Münster (S. 68)
Kosmische "Zufälle" liegen auf unserem Entwicklungspfad. Bei anderen ebenso zufälligen Konstellationen würden andere Entwicklungspfade beschritten werden können, andere Rückkopplungen wirken. Die uns bekannte Form von Leben als biotischer Voraussetzung für Selbstwiderspiegelungsprozesse der Materie in Form des Menschen würde es dann sicher nicht geben. Komplexitätserhöhung in Selbstorganisationsprozessen jedoch würde stattfinden, sobald die Bedingungen dafür vorhanden sind.

Aus Fritjof Capra (1985): "Wendezeit", Scherz in Bern, 1985 (S. 97)
Die moderne Physik verwandelte das Bild vom Universum als einer Maschine in die Vision eines unteilbaren dynamischen Ganzen, dessen Teile grundsätzlich in Wechselbeziehungen zueinander stehen und nur als Muster eines kosmischen Prozesses verstanden werden können [...].
Es herrscht Bewegung, doch gibt es letzlich keine sich bewegenden Objekte; es gibt Aktivität, jedoch keine Handelnden; es gibt keine Tänzer, sondern nur den Tanz.


Ein solches Bild der stofflichen Welt macht vieles vergleichbar mit der gesellschaftlichen Entwicklung. Auch die findet nicht im metaphysischen Raum statt, sondern hat immer konkrete Grundlagen. Aber entscheidend für die gespeicherte Information ist das Verbindende - in der stofflichen Welt die Wechselwirkungen zwischen den Quanten oder, falls mensch solche als bestehend akzeptieren will, den Teilchen. So funktioniert auch das Denken als Dynamik der Verknüpfungen zwischen Nervenzellen, Synapsen und mehr im Körper, vor allem im Gehirn. Und ähnlich sieht es in der Welt der Begriffe aus: Entscheidend ist nicht die einzelne Information, sondern die Verknüpfung, d.h. die Assoziation mit anderen Informationen, Erlebnissen, Vorurteilen und Diskursen.

Im Original: Der Doppelspalt und die Folgen
Aus Gribbin, John (1991): "Auf der Suche nach Schrödingers Katze",Piper Verlag in München (S. 228f)
Wir können warten, bis das Photon durch die beiden Spalte hindurchgegangen ist, und dann entscheiden, ob wir ein Experiment machen wollen, bei dem es nur durch ein Loch gegangen ist, oder eines, bei dem es durch "beide zugleich" hindurchging. Bei diesem Experiment der verzögerten Entscheidung hat etwas, das wir jetzt tun, einen unwiderruflichen Einfluß auf das, was wir über die Vergangenheit sagen können. Die Geschichte hängt, zumindest für ein Photon, davon ab, wie wir uns entscheiden, eine Messung vorzunehmen.
Philosophen haben lange darüber nachgedacht, daß die Geschichte keinen Sinn hat das Vergangene hat ja keine Existenz , es sei denn, sie wird in der Gegenwart aufgezeichnet. Wheelers Experiment der verzögerten Entscheidung übersetzt diesen abstrakten Gedanken in etwas Konkretes, Praktisches. "Wir haben ebensowenig ein Recht, zu sagen, was das Photon macht, ehe es nicht registriert ist, wie wir sagen dürfen, um welches Wort es geht, ehe nicht das Frage und Antwortspiel beendet ist" (Some Strangeness, S. 358).
Wie weit kann man diese Vorstellung noch treiben? Die unbekümmerten Quantenköche, die ihre Computer bauen und mit Erbmaterial manipulieren, werden sagen, dies alles sei philosophische Spekulation und habe in der normalen, makroskopischen Welt nichts zu bedeuten.
Doch alles in der makroskopischen Welt besteht aus Teilchen, die den Quantenregeln gehorchen. Alles, was wir als real bezeichnen, besteht aus Dingen, die nicht als real aufgefaßt werden können, "können wir etwas anderes sagen, als daß sie alle in einer Weise, die noch zu entdecken ist, auf der Statistik von Milliarden und Abermilliarden solcher Akte der Beobachter Teilnahme beruhen müssen?"
Wheeler, der vor dem großen intuitiven Sprung keine Angst hat denken Sie an seine Vision von dem einen Elektron, das sich durch Raum und Zeit hindurchwebt , faßt das ganze Universum als einen teilnehmenden, selbst angeregten Kreislauf auf. Beginnend mit dem Urknall, dehnt das Universum sich aus und kühlt ab; nach Milliarden von Jahren bringt es Wesen hervor, die fähig sind, das Universum zu beobachten, und "Akte der Beobachterteilnahme verleihen über den Mechanismus des Experiments der verzögerten Entscheidung ihrerseits dem Universum faßbare 'Realität', nicht nur jetzt, sondern rückwirkend bis zum Anfang". Es könnte demnach sein, daß wir durch die Beobachtung der Photonen der kosmischen Hintergrundstrahlung, die ein Echo des Urknalls sind, den Urknall und das Universum erschaffen. Falls Wheeler recht hat, war Feynman mit der Äußerung, daß das ZweiLöcher Experiment "das einzige Geheimnis enthält," der Wahrheit noch näher, als ihm bewußt gewesen sein mag.
Wir sind, Wheeler folgend, in den Bereich der Metaphysik geraten, und ich kann mir vorstellen, daß viele Leser jetzt denken: Da das alles auf hypothetischen Gedankenexperimenten beruht, kann man jedes beliebige Spiel spielen, und es kommt im Grunde nicht darauf an, welche Deutung der Realität man sich zu eigen macht. Was wir brauchen, sind solide Ergebnisse von realen Experimenten, auf deren Grundlage wir beurteilen können, welche der vielen metaphysischen Optionen, die uns offenstehen, die beste Interpretation liefert.


Deine Zellen sind permanenter Austausch
Dein Blut ist permanenter Fluss
Dein Hirn ist permanente Reaktion
Deine Idee ist dev Versuch, alles anzuhalten

Lyrik eines Landstreichers (auf der Straße gefunden in Bremen)

Vom Kosmos zum Mensch: Evolution als Entwicklung neuer Möglichkeiten
Eine materialistische Weltsicht geht davon aus, dass es materielle Prozesse schon lange gegeben hat, bevor Leben und dann Wesen mit Bewusstsein entstanden sind. Materie ist ausreichend dynamisch und entwickelt sich in Stufen kontinuierlich weiter (statt nur immer wieder aus dem Ausgangsmaterial per Zufall Kombinationen zu bilden, bis mal was Beständiges herauskommt). Die - fraglos - schwer im eigenen Kopf nachvollziehbare Entstehung der komplexen Strukturen von Materie bis hin zum Leben ist aus diesem Selbstorganisierungsprozess heraus erklärbar. Auf „geistige Entitäten“, also die Denker und Lenker im "Off" wie Götter und andere rein geistige Mächte oder Antriegskräfte, die dem Universum über- und vorgelagert sind, kann getrost verzichtet.

Der Begriff von Selbstorganisierung der Materie darf allerdings nicht missverstanden werden. In ihr, die ja nur oder vor allem aus Schwingungen, Beziehungen und Energiefeldern besteht, besteht kein Bauplan der Welt - etwa vergleichbar mit der DNA von Lebewesen. Dort sind Baupläne codiert, wobei es auch hier wesentlich dynamischer zugeht und die DNA das Geschehen nicht allein prägt. Es gab diesen Bauplan auch nie, d.h. die Welt hätte sich auch anders entwickeln können. Das Leben hätte nicht oder anders entstehen können. Was nur auf jeden Fall passieren musste, war der lange Strang der Ausdifferenzierung von Materie zu immer komplexeren Molekülen und dann zu Kombinationen, die die Fähigkeit entwickelten, als Gebilde aus vielen Teilen eine Teilautonomie gegenüber der Außenwelt zu erlangen. Das war zwar nicht wahrscheinlicher als die Entstehung aller anderen komplexen Strukturen - aber als solche Teilautonomien in Form regulierten Stoffaustauschs mit der Umgebung auftraten, konnten sie fortbestehen eben wegen dieser besonderen Eigenschaft. Eine neue Entwicklungsqualität war erreicht, die mit dieser "Erfindung" als Qualität daraus weitergehender Prozesse der Entstehung immer komplizierter aufgebauter Stoffe nutzbar blieb. Aus ihr heraus entstanden weit später dann zellenartige Gebilde mit neuen Qualitätssprüngen wie der Zellteilung, die damit die Weitergabe von Qualitäten durch Kopieren ermöglichte oder schließlich - ein bemerkenswerter weiterer Sprung - die Codierung von Informationen in Zellkernen mit der Chance auf Kombination der codierten Eigenschaften per sexueller Fortpflanzung oder horizontalem Gentransfer.

Aus Bakunin, Michail: Gott und der Staat (Nachdruck 1995 im Trotzdem Verlag, Internet)
Die allmähliche Entwicklung der materiellen Welt ist vollkommen faßbar, ebenso wie die des organischen, tierischen Lebens und die der im Lauf der Geschichte fortschreitenden individuellen und sozialen Intelligenz des Menschen auf dieser Welt. Sie ist eine ganz natürliche Bewegung vom Einfachen zum Zusammengesetzten, von unten nach oben oder von dem Niedrigeren zu dem Höheren, eine all unseren täglichen Erfahrungen und daher auch unserer natürlichen Logik, den Gesetzen unseres Geistes entsprechende Bewegung, dieser nur aufgrund dieser selben Erfahrungen entstehenden und sich entwickelnden Logik, die sozusagen nur deren Wiedergabe oder bewußte Zusammenfassung im Gehirn ist. ... (S. 50)
Der Mensch ist, wie die ganze übrige Welt, ein vollständig materielles Wesen. Der Geist, die Fähigkeit zu denken, die verschiedenen äußeren und inneren Eindrücke zu empfangen und zurückzuwerfen, sich der vergangenen zu erinnern und sie durch das Gedächtnis wieder hervorzubringen, sie zu vergleichen und zu unterscheiden, gemeinsame Eigenschaften zu abstrahieren und so allgemeine oder abstrakte Begriffe zu schaffen, schließlich durch verschiedene Gruppierung und Zusammenfassung der Begriffe Ideen zu bilden, - die Intelligenz mit einem Wort, der einzige Schöpfer all unserer idealen Welt, gehört dem tierischen Körper an und insbesondere der ganz materiellen Organisation des Gehirns. (S. 91)


Aus Schlemm, Annette (1996): "Dass nichts bleibt, wie es ist ...", Lit-Verlag in Münster
Die Welt ist kein "Komplex von fertigen Dingen", sondern ein "Komplex von Prozessen" (Engels 1962, S.293). ... (S. 30)
Die Prozesse unterliegen einer Entwicklung, wenn in ihrem Verlaufe Neues in Struktur undIoder Funktion entsteht und sich etabliert, und dies wieder durch weiteres Neues negiert wird. Jedoch erschöpft sich die Negierung nicht in der einfachen Rückkehr zu Früherem (Kreislauf), sondern hebt ihre Qualitäten in der folgenden Stufe auf ("aufheben" als: "beenden", aber auch "in neuer Form aufbewahren"). Dieses Aufbauen auf bereits vollzogenen Prozessen in der Form der Negation der ersten Negation bringt eine Richtung in die Entwicklung (Spirale). ...
(S. 31)
In der Evolution vergrößert sich jedoch durch die ständige Differenzierung der Komponenten und der Komplexität der Komponenten selbst sowie der jeweils übergeordneten Systeme die Wechselwirkungsvielfalt. Da Wechselwirkungen jedoch zu Bewegungen und Veränderungen führen, ist dies ein sich selbst verstärkender Prozeß, der immer komplexer werdende Bereiche des Seins miteinander verbindet und auf diese Weise neue Formen des Seins entwickelt. Diese Beschleunigung ist ein allgemeines Merkmal der Evolution bis hin zu einer jeweils neuen Stufe. ... (S. 67)

Aus Dürr, Hans-Peter (2010): „Warum es ums Ganze geht“, Ökom in München (S. 102 f.)
Ist dies nicht ein Charakteristikum des Lebendigen? Ein Eichenblatt wird wieder ein Eichenblatt, und ich erkenne es als solches, aber jedes Blatt ist doch anders. Dieselbe Nicht-Materie, wie die tote Materie, führt destabilisiert (oder sollte man sagen: sensibilisiert?) im Verband zu Strukturen, die dem Lebendigen ähneln. Geht das wirklich so? Könnte man sich vorstellen, dass das, was wir lebendige Materie nennen, eigentlich die Grundstruktur der Materie widerspiegelt, in der die "Teile" so miteinander kooperieren, dass etwas wie eine lebendige Zelle oder gar ein Mensch entsteht? Und was bedeutet das nun für unser Weltbild? Da Zukunft im Wesentlichen offen ist, wird die Welt in jedem Augenblick neu erschaffen, aber wohlgemerkt vor dem Hintergrund, wie sie vorher war. Gewisse Dinge sind vorgezeichnet, die im Wesentlichen von den alten herrühren. So wie man Gewohnheiten hat, die man auf diese Weise immer wieder auslebt. Doch alles ist an der Gestaltung der Zukunft mitbeteiligt. Die Zukunft ist nicht etwas, das einfach hereinbricht, sondern die Zukunft wird gestaltet durch das, was jetzt passiert. Das Naturgeschehen ist dadurch kein mechanistisches Uhrwerk mehr, sondern hat den Charakter einer fortwährenden kreativen Entfaltung. Die Welt ereignet sich gewissermaßen in jedem Augenblicke neu nach Maßgabe einer "Möglichkeitsgestalt" und nicht rein zufällig im Sinne eines "anything goes". Die Wirklichkeit, aus der sie jeweils entsteht, wirkt hierbei als eine Einheit im Sinne einer nicht zerlegbaren "Potenzialität", die sich auf vielfältig mögliche Weisen realisieren kann, sich aber nicht mehr streng als Summe von Teilzuständen deuten lässt. Die Welt "jetzt" ist nicht mit der Welt im vergangenen Augenblick materiell identisch. Nur gewisse Gestalteigenschaften (Symmetrien) bleiben zeitlich unverändert, was phänomenologisch in Form von Erhaltungssätzen - wie etwa den Erhaltungssätzen für Energie, Impuls, elektrische Ladung - zum Ausdruck kommt. Doch setzt die Welt "im vergangenen Augenblick" die Möglichkeiten zukünftiger Welten auf solche Weise voraus, dass es bei einer gewissen vergröberten Betrachtung so erscheint, als bestünde sie aus Teilen und als ob bestimmte materielle Erscheinungsformen wie zum Beispiel Elementarteilchen oder Atome ihre Identität in der Zeit bewahren.

Aber damit wären wir schon im nächsten Kapitel. Verharren wir zunächst noch bei den Vorstufen des Lebens. Denn auch wenn das Lebendige als später Entwicklungsschritt auf hohem Vorniveau mit besonderer "Leistungsfähigkeit" komplexer Materie beeindruckt, so ändert das nichts daran, das schon die nichtlebendige Materie, d.h. auch die zeitlichen Abschnitte vor der Entstehung von Leben durch eine Art Selbstorganisierungsprozess von Materie geprägt sind. Die Entwicklung von diffusen, wahrscheinlich - verglichen mit der heutigen Lage - recht einheitlichen Verhältnissen am Beginn der heutigen Welt hin zu den Elementen, Molekülen und mehr ist bereits ein Strang der Entstehung von Komplexität und Vielfalt mit etlichen, im Nachhinein beschreibbaren Qualitätssprüngen, die jeweils die nächsten Entwicklungen erst ermöglichten.
Wer Schwierigkeiten hat, sich das vorzustellen, kann Vergleiche aus der technischen Entwicklung heranziehen. Seit Jahrtausenden basteln Menschen mit den vorhandenen Materialien herum. Das war zunächst sehr mühselig und zog sich über lange Zeiträume. Doch immer mal wieder kamen "Erfindungen" hinzu, die als Qualitätssprünge der Materialbearbeitung im Nachhinein sichtbar sind. Klein erscheint der Sprung, Werkzeug mit Werkzeug herzustellen. Größer der Sprung, Hitze als Bearbeitungsmittel einzusetzen. Jede neue Qualität schuf dann den Ausgangspunkt für die nächsten Steigerungen, z.B. den gezielten Gewinn von Rohstoffen aus Gesteinsmischungen, der vor allem mit dem Einzug bearbeiteten Eisens einen gewaltigen Fortschritt für die damals lebenden Menschen darstellte. In solchen Schritten, also Entwicklungssprüngen (die klar sichtbar werden nur in der Rückschau, während für die damals lebenden Menschen wahrscheinlich alles unendlich langsam verlief und sich über Generationen hinzog), ging es weiter. Jede Stufe schuf den Ausgangspunkt der nächsten Entwicklungen - bis heute mit kleinen Mengen besonderer Rohstoffe in kleinsten, kompliziert strukturierten Materiehaufen riesige Rechenoperationen laufen, die ganz lässig ermöglichen, dieses Buch an einem kleinen Gerät zu schreiben, zu speichern, zu layouten und in ein Format zu wandeln, was wieder andere Materiehaufen namens Druckmaschine, auf flache, etwas einfachere Stoffe, die wir Papier nennen, in strukturierte Farbklekse umsetzen. Das gelingt, weil dahinter eine überlegende Kraft steht, nämlich die Menschen mit Hilfe der von ihnen entwickelten Maschinen, die sich die Struktur der Materiehaufen passend ausdenken. Doch das Potential ist bereits in der Materie vorhanden. Sie ist im Prinzip unendlich flexibel. Was einmal erfunden ist, bildet (falls es nicht durch Zufall wieder verloren geht) den Ausgangspunkt weiterer Entwicklungen.

Im Original: Evolution der Evolutionsbedingungen
Aus Altner, Günter (2009): "Charles Darwin und die Instabilität der Natur",VAS in Bad Homburg
Erst dadurch, dass sich bestimmte Strukturen herausbilden und als existenzfähig erweisen, entwickeln sich auch neue Zusammenhänge oder Gesetze zwischen diesen Strukturen. Nicht schon die Ausgangssituation bestimmt gesetzmäßig über den Ablauf der Entwicklung, sondern eben diese Entwicklung selbst. Eben dies meint letztlich Evolution. ( ... ) Unser Universum ist als evolutionäres Geschehen in vielfältigsten Dimensionen und Feldern zu verstehen. Und damit als ein Geschehen, das Charles Darwin mit seiner Theorie über die Entstehung der Arten paradigmatisch dargestellt hat, das aber in allen Bereichen unserer Wirklichkeit und damit als Forschungsthema nicht nur für die Lebenswissenschaften, sondern auch für die anderen Wissenschaften: für die Naturwissenschaften insgesamt und schließlich auch für die Geistes und Sozialwissenschaften weiterentwickelt werden kann. Eine Voraussetzung für solche Fortentwicklungen besteht aber darin, die Denkfesseln des Determinismus abzustreifen und sich einzulassen auf die Untersuchung der Prozesse, in denen Neues entsteht." (SZ, 25.2.2009, Nr. 46, S.13) ... (S. 35)
In der Kontinuität der Evolution bauen sich neue Strukturen und Potenzen und damit auch Lebensleistungen auf, Schritt für Schritt, die vorher nicht vorhanden waren. Und indem dies so geschieht, wirken die biomolekularen und evolutionsbiologischen Voraussetzungen fort und fort. Doch das, was sie ermöglichen, führt in neue Dimensionen der Lebensleistung, wie sie sich längs der großen Formengruppen (Insekten, Würmer, Fische, Amphibien, Reptilien, Säugetiere) und nicht zuletzt im Menschen dokumentieren. Darin zeigt sich die "evolutionäre Transzendenz", von der schon Dobzhansky gesprochen hatte. ... (S. 43)
Wie hatte es Oswald Schwemmer beschrieben: "Nicht schon die Anfangsituation bestimmt gesetzmäßig über den Ablauf der Entwicklung, sondern eben diese Entwicklung selbst. Eine Voraussetzung für das Verständnis besteht aber darin, die Denkfesseln des Determinismus abzustreifen." So gesehen folgt die Evolution den Regeln der Selbstorganisation, sie ist Selbstorganisation. Sie ist mit sich selbst unterwegs, und dies im Gegenlauf zum allgemeinen Entropiegefälle und in immer neuen Anläufen über die Todesschwelle des Generationenwechsels hinweg. ... (S. 44)
Im instabilen Prozess der Evolution strukturiert sich das Leben in der Spannung von Vererbung und Auslese über die Abgründe des Todes hinweg zu neuer und immer neuer Komplexität, bis schließlich daraus auch der Mensch hervorgeht. Wer sich auf diesen Prozess der Selbstorganisation einlässt, in dem Kontinuität und Innovation, Zufall und Plan, Tod und Leben miteinander unterwegs sind, der wird nicht mehr die Notwendigkeit verspüren, darüber hinaus eine übernatürliche Lenkung ins Kalkül zu nehmen. Hier ist die Entwicklung mit sich selbst unterwegs. Hier zeigt sich die Schöpfung. Hier gilt: Der Weg ist das Ziel. (S. 87)


Das, beschrieben an der gezielten Manipulation von Materie durch den Menschen, ist im unbelebten Raum genauso. Nur dass hier eine denkende Kraft fehlt, aber auch nicht nötig ist. Denn die neuen Qualitäten entstehen von selbst. Sie sind entstanden, so stehen sie ab da zur Weiterentwicklung als neuer Ausgangspunkt bereit.

Im Original: Qualitätssprünge und neue Möglichkeiten
Aus Schlemm, Annette (1996): "Dass nichts bleibt, wie es ist ...", Lit-Verlag in Münster
Über die Stelle des qualitativen "Sprungs" können wir nun genauere Aussagen machen:
1. Durch seine Existenzweise (als Prozeß) verändert jedes aktive System (und nur von solchen sprechen wir hier) seine eigene innere und äußere Qualität. Andere als die bisher wesentlichen Strukturen und Funktionen entstehen aus Variationen. Erst nur langsam - stoßen die quantitativen Veränderungen an die Grenze der Qualität - und führen die bisherige Existenzweise in eine Krise ("selbstorganisierte Kritizität"). Die innerhalb der alten Grundqualität entstandenen anderen Strukturen und Funktionen können sich neu organisieren und zu einer neuen Qualität des Systems führen - oder das System beendet seine Existenz.
2. Das bedeutet, dass "vor" dem Sprung durch Differenzierung andere Strukturen und Funktionen "vorbereitend" entwickelt werden. Der Qualitätssprung ist durch eine neue Kombination dieser Strukturen und Funktionen (gemeinsam mit z.T. bleibenden alten Teilen) gekennzeichnet, die als Synthese bezeichnet werden kann.
3. Für die neuen Strukturen und Funktionen liegen i.a. mehrere Möglichkeiten vor. Die erste Varianz liegt in der Zufälligkeit des Entstehens jeweils verschiedener anderer Strukturen und Funktionen; die zweite Varianz kommt bei der verschieden möglichen Verknüpfung dieser hinzu.
4. Die Kombination mit dem größten Effekt innerhalb seiner Umwelt (sie überlebt selbst, indem sie die Umweltzusammenhänge aktiv mitgestaltet) verdrängt andere, vorher auch mögliche Kombinations- sowie Struktur- und Funktionsvarianten. ...
(S. 123)

Es gibt keinen Beweis, dass hinter der Entstehung der Welt nicht doch eine vergleichbar denkende Kraft steckt wie hinter der Entwicklung z.B. von Platinen. Religionen, esoterische Lehren und manch gut verbreiteter Science Fiction betrachten die Welt oder zumindest die Erde als Kreation. Doch nötig ist eine solche Kraft nicht. Wäre sie da, hätte sich die Entstehung der Welt nicht Milliarden Jahre Zeit nehmen müssen. So aber reichte die Tendenz von Materie, sich zu immer komplexeren Formen zu verbinden und Qualitäten dann auch weiterzugeben, um über die unvorstellbar lange Zeit der Entwicklung des Bestehenden alles entstehen zu lassen: Materie aus bislang weitgehend unbekannte Vorformen, dann immer kompliziertere Moleküle aus einfachen Bauteilen, von diesen über komplexe Stoffe, ersten Membranen zur Steuerung des Stoffaustausches mit der Umwelt bis zu kopierbaren Abbilder gespeicherter Information (später: Gene) und von diesen zu kommunizierten Informationen. Materie ist Information und damit auch immer Geschichte. In ihr stecken mindestens Milliarden von Jahren. Der Mensch bastelt heute durch gezielte Gestaltung neue, leistungsfähige Materiekonstellationen in einer Generation. Er wird selbst die Codierungen wie Gene durch gezieltes Handeln in Bälde nach eigenen Wünschen umgestalten können. Das ist Evolution, d.h. die neue Qualität abstrakten Denkens wird die Komplexität von Materie weiter steigern. Zumindest kann sie das. Ob das für ein gutes Lebens wünschenswert ist oder ob die weitere Evolution nicht angesichts der Ausrichtung menschlicher Betätigung auf Macht, Kontrolle und Profit in eine lebensfeindliche Richtung gedrückt wird, ist eine Frage gesellschaftlicher Kämpfe - und nicht der Logiken von Entwicklung und Evolution. Dass denkende Wesen zu den benannten und weiteren, heute gar nicht vorstellbaren Fähigkeiten kommen werden, ist schlicht und ergreifend "natürlich" - falls sie sich nicht durch das selbstverpasste Diktat von Macht und Profit, ein bedauerlicherweise versehentlich erzeugtes schwarzes Loch, den Bau einer intergalaktischen Fernstraße oder einen weltweiten Vernichtungskrieg über ungemein wichtige Fragestellungen wie dem Grenzverlauf zwischen zwei unbewohnten Miniinseln oder der Bartlänge des einzig wahren Gottes selbst aus der Geschichte der Welt katapultieren. Evolution ist die Weiterentwicklung des Materiellen, auf allen Entwicklungsstufen gleichzeitig. Denken und Bewusstsein basiert auf dem Leben, dieses wiederum auf Molekülen und den von ihnen gebildeten komplexen Stoffen.

Aus Altner, Günter (2009): "Charles Darwin und die Instabilität der Natur",VAS in Bad Homburg (S. 36)
Aus der Rückschau ergibt sich ein folgerichtig erscheinendes Muster der Entwicklung, in der Vorausschau jedoch ist die vom Zufall durchwirkte Weiterentwicklung ein offenes Spiel, gewiss mit angebbaren Regeln und Wahrscheinlichkeiten, aber ohne Zielgarantie. Welche Arten werden aussterben? Welche Variationen des gegenwärtigen Artbildes werden den Sieg davontragen? Welche Formen der Organisation werden sich installieren?

Versuch einer Geschichtsschreibung zur Weltentstehung
Verfolgen wir nun, allerdings im Schnelldurchlauf, diese ganze Entwicklung, um uns ein Bild zu machen, wie voraussichtlich alles entstand. Unsicherheiten durch Wissenslücken sind nicht ausgeschlossen - auch Geschichtsschreibung verläuft, wie eben alles, in ständiger Weiterentwicklung mit Qualitätssprüngen, die ab dann die Geschichtsschreibung durchgehend prägen. Jeden Tag kann eine Entdeckung hinzukommen, die einen guten Teil bisheriger Auffassungen über Geschichte umwirft. Auf dieser neuen Qualität würde es dann weitergehen. Alles - ob materielle Entwicklung, Geschichtsschreibung oder die Entwicklung von Maschinen und Software folgt dieser Logik der Selbstorganisierung als Abfolge von Qualitäten, die dann zur Basis der weiteren Entwicklung werden.

Aber erstmal ganz an den Anfang - zu einem der "Momente", über die immer noch die Theorien hin- und herwogen. Hier folgen trotzdem keine seitenlangen Ausführungen über die verschiedenen Erklärungsmodelle der Weltentstehung, ihre Widersprüche und Leerstellen. Mögen sich die PhysikerInnen und andere Interessierte weiter die Köpfe zerbrechen und neue Erkenntnisse scheibchenweise ans Licht zerren. Hier greifen wir nur eine, zur Zeit gängige Theorie heraus: Die Vorstellung, dass alles, was heute sichtbar ist, mit einem großen Urknall begann. Was auch immer das tatsächlich war, ob es überhaupt knallte, was ein Knall ist, ob der nicht erst durch Ohren und einem Gehirn, was daraus einen Begriff formt, dazu wird ... - wir lassen diese Fragen lässig beiseite, mögen sie auch noch so faszinierend sein. Wer dann auch noch die Zeitrechnung mit diesem Urknall beginnen lässt (wofür es überhaupt keine brauchbare Begründung gibt außer der, dass diese willkürliche Annahme schlicht praktisch ist, um das nachfolgende Geschehen im Kopf sinnvoll ordnen zu können), würde in der allerersten Phase keine Stoffe im klassischen Sinn finden. Raum und Zeit entstehen erst. Ob diese Begriffe für die Beschreibung dessen taugen, was vor dem Urknall war, ist unbekannt und zumindest fraglich. Das wäre, da physikalische Methoden der Erforschung zur Zeit nicht bereitstehen, eine durch und durch philosophische Frage. Spannend, spannend ... aber wir lassen sie beiseite und folgen dem (möglicherweise erst ab jetzt überhaupt anwendbaren) Zeitstrahl in Richtung Jetztzeit ein kleines Stück. Krawommm ... irgendwas passierte also und es begann Ausdehnung, d.h. das, was wir heute als Raum definieren.

Aus Schlemm, Annette (1996): "Dass nichts bleibt, wie es ist ...", Lit-Verlag in Münster
Im Modell des heißen Urknalls geht man davon aus, dass Raum und Zeit (in den jetzigen Formen) vor ungefähr 15 bis 20 Milliarden Jahren gemeinsam mit den sie erfüllenden Materiearten und -formen (in den uns bekannten und höherenergetischeren Arten) entstanden. ... (S. 27)
Zumindest die Rahmenzeit, die mit der Expansion unseres Universums nach dem "Urknall" verbunden ist, wird erst im Moment des "Urknalls" erzeugt. ...
(S. 30)

Kurz darauf erfüllt Strahlung unterschiedlichster Art den - im Vergleich zum jetzigen Kosmos wahrscheinlich noch recht kleinen - Raum. Bleiben wir mal bei diesem Begriff "Raum", auch wenn das nicht ganz einfach ist. Begriffe dienen ja dazu, komplexe und immer miteinander verwobene Zustände in gedankenverarbeitbare Teile zu transformieren. Raum ist etwas, was Ausdehnung hat, wo etwas drin ist (und sei es das Nichts, wie beim Vakuum - wobei das auch schon wieder rein stofflich gedacht, d.h. begrifflich gefasst ist). Wenn vor dem Urknall keine Ausdehnung war, müsste dann nicht direkt danach das Ganze, aus dem das jetzige Weltall hervorging, als klitzekleine Struktur bestanden haben? Eine wirre Vorstellung: die Welt im Hosentaschenformat (nur ohne Hosentasche). Aber so ist das mit Begriffen: Sie sind ein vereinfachendes Abbild dessen, was da draußen tatsächlich abgeht, wir aber in der tatsächlichen Form nicht wahrnehmen können, weil unsere Sinnesapparate, auch die technischen Unterstützungsapparate, die wir uns inzwischen gebaut haben, vor allem aber das all dieses in Begriffe einarbeitende Gehirn das wirkliche Geschehen in eine gedanklich verarbeitbare Form gießen (siehe Abschnitt unten zu "Wahrheit und Wahrnehmung"). So ist es auch mit dem Urknall: Wir basteln uns ein Abbild von einem Vorgang, der sich der Vorstellbarkeit entziehen würde, wenn wir nicht vereinfachende Begriffe bilden würden. Der Vereinfachungsgrad ist hier enorm. Aber wir haben keine Alternative - insbesondere in diesem Buch, wo es ja nur um eine vage Vermittlung der dynamischen Prozesse vom Nichts des Urknalls über Strahlung und viel Unbekanntes über Materie und seine immer komplexeren Formen zum Leben und schließlich der kulturellen Evolution geht.

Also: Die Welt startete als Miniausgabe, bestehend aus einer irgendwie gearteten Mischung aus Strahlung. Sie begann dann wahrscheinlich, ähnlich wie später die Materie, sich auszudifferenzieren in verschiedene Formen der Strahlung. Aus dieser Strahlung "kondensierten" anschließend die stoffliche Materie, die später in Form der Atome eine vergleichsweise hohe Stabilität erreichte und sich dann wiederum immer weiter zu komplexen Molekülstrukturen verband. Dabei erreichen sie immer neue Qualitäten, die dann zum Ausgangspunkt für die folgenden Entwicklungsschritte wird.

Aus Schlemm, Annette (1996): "Dass nichts bleibt, wie es ist ...", Lit-Verlag in Münster (S. 46 f.)
Diese stoffliche Materie als stabile gebundene Zustände von Elementarteilchen stellte gegenüber der früheren Elementarteilchenwelt etwas völlig Neues dar. Eine neue Form der Materie hatte sich "herauskristallisiert". Man kann das auch als ein Herausfrieren von stabilen Strukturen bei Abkühlung mit dem Herausfrieren von Eiskristallen aus dem vorher flüssigen Wasser vergleichen. Allerdings betrifft dieser Vergleich nur die äußere Form, nicht das innere Wesen, die jeweils typische Art und Weise der Zusammenhänge. Die neue Form der Materie, die stoffliche - aus Atomen aufgebaute - existiert seitdem neben der weiterhin vorhandenen Strahlung aus ursprünglichen Photonen. Waren die vorher existierenden Atomkerne und eventuelle kurzzeitige Verbindungen zwischen positiv geladenen Atomkernen und negativ geladenen Elektronen für das Verhalten des Universums als Strahlungsuniversum recht unwesentlich, so veränderte sich die Situation jetzt sprunghaft.
Die aus Atomen aufgebaute Materie bestimmte fortan die weitere Entwicklung - die Strahlungsphotonen verloren mit der Ausdehnung des Universums weiterhin an Energie. In der Gegenwart sind sie als Hintergrundrauschen aus allen Richtungen des Universums mit sehr großer Gleichmäßigkeit mit einer Temperatur von 2,7 K zu messen. Die vorher unwesentliche stoffliche Materie und ihre Beziehungen wurden wesentlich, die vorher vorherrschende Strahlung begleitet die weiteren Prozesse als recht unwesentliche "Begleiterscheinung". dass in einem Bereich vorher wesentliche Zusammenhänge zu unwesentlichen werden und umgekehrt ist ein wichtiges Kennzeichen von Qualitätssprüngen.
Die derzeit noch anhaltende STOFFÄRA begann. ...
Da sie also das Tor öffneten für neue Möglichkeiten der Strukturierung und des Verhaltens der Materie, stellen sie eine Höherentwicklung gegenüber dem undifferenzierten, symmetrischen Materiezustand dar.
Die Elementarteilchen in den Atomen haben gegenüber "freien" Elementarteilchen andere Wechselwirkungsbeziehungen, die zu mehr Stabilität des ganzen Atoms führen. Die Elementarteilchen selbst schränken ihre Bewegungsvielfalt ein - damit das Atom als Ganzes neuartige Struktur- und Verhaltensformen der Materie realisieren kann.


Wichtig ist, dass bei jedem Qualitätssprung die Qualitäten der vorausgegangenen Entwicklungen erhalten blieben, d.h. das Neue baut auf dem Alten auf und vernichtet nicht dessen Möglichkeiten.

Aus Schlemm, Annette (1996): "Dass nichts bleibt, wie es ist ...", Lit-Verlag in Münster (S. 69)
Vollziehen sich Prozesse der Höherentwicklung, so bleiben die Gesetze der niederen Formen der Materie erhalten - es entstehen zusätzlich neue für die neuen Formen. Innerhalb des Bereiches der neuen Formen dominieren dann aber auch die neuen, wesentlichen Zusammenhänge - ohne dass die auf den niederen Ebenen wirkenden Gesetze ausgeschaltet würden.

Autopoiesis: Wenn Materie Stoffaustausch und Reaktionen selbst zu steuern beginnt
Irgendwann - weder der genaue Zeitpunkt noch die genauen Abläufe sind bekannt - entstanden Molekülstrukturen, die nicht mehr nur als zufällige Zusammenballungen existierten, sich weiter verbanden, aber Getriebene der Umgebungseinflüsse blieben, sondern die komplexer gewordenen Strukturen zeigten ein Reaktionsmuster, das die Umgebungseinflüsse wiederum beeinflusste. Sie stabilisierten ihre Existenz dadurch selbst oder beeinflussten zumindest die Art der Einwirkung von außen. Diese Fähigkeit war eine unbedingte Voraussetzung für das Leben, aber ist erst sein Kennzeichen. Wahrscheinlich waren es schon vorhergehende, wenig komplexere Materiehaufen, die mit der Umwelt in einem Austausch standen, aber dieser gegenüber eine gewisse Fähigkeit zur Selbstregulation entwickelten. Magnetische Anziehungs- und Abstoßungskräfte, einfache Membranen, katalytische Fähigkeiten und andere chemische Besonderheiten könnten zu den ersten Formen der Selbstregulation gehört haben, aus denen sich dann immer weitere entwickelten bis zu den Zellen und Organismen, die eine sehr starke Selbstregulation besitzen z.B. hinsichtlich der Stoffe und Strahlen, die nach innen durchgelassen werden. Niemals aber erreichten sie vollständige Autarkie - auch das Leben blieb ein zwar ständiger Prozess der selbstregulierenden Reaktion auf äußere Einflüsse, aber eben in Abhängigkeit von der Existenz solcher Einflüsse.
Autopoiesis nannten einige WissenschaftlerInnen diese Fähigkeit. Sie ist weniger als Autonomie oder Autarkie, weil die Abhängigkeit von den äußeren Einflüssen bleibt. Aber sie bezeichnet die Fähigkeit, die Reaktion und den Austausch mit der Umgebung selbst zu regulieren, d.h. einen vorgesehenen Binnenzustand selbst immer wieder reorganisieren zu können.

Aus einem Interview mit Humberto R. Maturana, in: Freitag, 10. Januar 2003 (S. 18)
Lebende Systeme bringen sich in ihrer geschlossenen Dynamik selbst hervor; gemeinsam ist ihnen ihre autopoietische Organisation im molekularen Bereich. Wenn man ein lebendes System betrachtet, findet man ein Netzwerk der Produktion von Molekülen, die auf eine Weise miteinander interagieren, die ihrerseits zur Produktion von Molekülen führt, die durch ihre Interaktion eben dieses Netzwerk der Produktion von Molekülen erzeugen und seine Grenze festlegen. Ein solches Netzwerk nenne ich autopoietisch. Wenn man also auf ein solches Netzwerk im molekularen Bereich stößt, dessen Operationen es im Ergebnis selbst hervorbringen, hat man es mit einem autopoietischen Netzwerk und demzufolge mit einem lebenden System zu tun. Es produziert sich selbst. Dieses System ist für die Zufuhr von Materie offen, jedoch - wenn man die Dynamik der Beziehungen, die es hervorbringen, betrachtet - geschlossen ...
Moleküle brauchen keine Puppenspieler, sie benötigen keine im Verborgenen wirkende Kraft, die sie bewegt, sie bewegen sich - aufgrund von Energiezufuhr - selbst. Eben darin besteht ihre Besonderheit.


Leben als Selbstorganisierung und Selbstzweck
Die Vollendung autopoietischer System sind Lebewesen - jede Zelle einzeln und ebenfalls, als System der Systeme, ein Organismus. Es gibt keine klare Grenze zwischen Leben und nicht-lebendiger Materie. Viren und andere ebenfalls autopoietische Systeme stehen zwischen ihnen - es werden sicherlich noch viele weitere ge- und erfunden, deren Eingruppierung in Leben und Nicht-Lebendigem nicht recht gelingen wird. Der Welt ist das egal, ob Menschen begriffliche Klarheit schaffen. Schließlich sind die Begriffe ohnehin immer nur vereinfachte Hilfskrücken eines Geschehens, dessen Vielfalt und dynamische Chaotik niemals von einem menschlichen Kopf verarbeitbar wäre ohne diese ordnenden, aber massiv vereinfachenden Hilfen.

Aus Schlemm, Annette (1996): "Dass nichts bleibt, wie es ist ...", Lit-Verlag in Münster
Interessant wird es nun dort, wo sie Bedingungen bereitgestellt hat, die einen großen Sprung in eine völlig neue Qualität ermöglicht - das Leben. An diesen Punkten nimmt eine neue Materieform ihren Anfang, deren Evolutionsprinzipien sehr viel vielfältiger und schöpferischer sind, als die der kosmischen (physisch-chemischen) Evolution. ... (S. 69)
"Leben existiert nie als selbständige Entität, sondern tritt uns ausschließlich als Eigenschaftsleistung, als das "Lebendigsein" besonderer Wesen, der "Lebe"-Wesen, entgegen. Es gibt kein Leben außerhalb und unabhängig dieser Lebewesen."
(H.Penzlin 1994, S. 81). ...
(S. 73)
Das Lebendige kann physikalische und chemische Gesetzmäßigkeiten nicht außer Kraft setzen. Jedoch öffnet sich mit dem Biotischen eine neue Ebene der Möglichkeiten für die Bewegung und Entwicklung der Materie. ... (S. 74)
Die Spezifik des Lebendigen gegenüber den Wechselwirkungen des Nichtlebendigen entsteht dadurch, dass Energie, stoffliche Materie und Information hierbei nicht einfach entsprechend physikalisch-chemischen Gesetzmäßigkeiten von einem lebendigen Wesen auf ein anderes oder von der Umgebung "übertragen" wird, sondern das lebendige Wesen sich aussucht, welche Stoffe, Energien oder Informationen es aufnimmt und sie dann noch spezifisch verarbeitet (vgl. dazu Kamschilow 1977). ... (S. 76)
Lebende Systeme können - innerhalb der Grenzen der Aufrechterhaltung des Systems - ihre eigenen Elemente und deren Beziehungen selbst erzeugen und variieren. Innerhalb des physikalisch und chemisch Möglichen gehen die Elemente lebender Systeme Beziehungen ein, die über physikalische Krafteinwirkungen und anorganische chemische Reaktionen hinausreichend neue Organisationsformen aufbauen. ... (S. 77)
Biotische Systeme nehmen nicht nur Energie für existierende Bestandteile auf - sondern erzeugen diese Bestandteile und damit sich selbst stets selber neu. Diese Auto-Poiesis (Selbst-Herstellung) ist nach Varela und Maturana (Maturana/Varela 1990, S. 50) deshalb das typische Merkmal des Lebendigen. ...
Das Lebendige lebt zwar von geeigneten äußeren Bedingungen - kann aber selbst vielfaltige Strukturen und Verhaltensweisen entwickeln. Speziell ist für das Lebendige typisch, dass es zwar Kräfte aus der Umwelt als Reiz empfängt - seine Reaktion aber von seiner eigenen internen Struktur determiniert wird. Es wird nicht nur eine automatische Antwort auf den Reiz ausgelöst (Strukturdeterminiertheit nach Maturana/Varela 1990) ...
(S. 79 f.)
Die Möglichkeiten der organischen Makromoleküle eröffnen ein Feld von Wechselwirkungen, das es in der physikalisch-chemischen kosmischen und planetaren Evolution vorher noch nicht gab. In den Möglichkeiten steckt die Vielfalt mutativer Variationen ebenso wie die Möglichkeit der Kombination der Eigenschaften auf allen Ebenen des Molekül- und Organismusaufbaus. ... (S. 107)

Tatsächlich ist das Leben, wie wir es heute kennen, keine einheitliche Schöpfung, sondern enthält mehrere Entwicklungsstufen, die aufeinander aufbauten. Ob sie sich nacheinander entwickelten oder sich die Prozesse überlagerten - kein Mensch weiß das bislang. Sicher ist nur, dass Leben am Ende eine Vielzahl von Wechselwirkungen aufzeigte und die Entwicklung immer weiter hin zu neuen Qualitäten lief. Zellen entstanden als gegenüber der Umgebung in reguliertem Austausch stehende Gebilde. Die hochkomplexen Membranen, Botenstoffe, Transmitter und all dieser lebenstechnische Schnickschnack, der heutige Zellen zu komplizierten Systemen macht, werden nicht von Anfang an da gewesen sein. Verschiedene Teile können sogar an verschiedenen Orten in verschiedenen Prozessen entstanden sein und sich dann vereinigt haben. Wie genau das alles geschah - niemand weiß es. Aber als es geschah, war eine neue Qualität da. Die blieb zwar nicht sicher erhalten (wahrscheinlich werden Millionen von "Erfindungen" dynamischer Materie wieder verschwunden sein oder mussten irgendwann wieder neu entstehen, bis sie zu einem dauerhaften Baustein der komplexer werdenden Strukturen wurden - aber die Welt hatte ja "Zeit".
In den teil-selbstregulierten Vorstufen des Lebens entstand Arbeitsteilung - oder fügten sich unterschiedliche Materiehaufen mit bestimmten Formen minimaler Regulierung der Außenbeziehung zu Vorstufen der Zellen zusammen? Auch das ist (noch) nicht bekannt. Es ist aber auch gleichgültig, denn so oder liefen verschiedene Stränge der Bildung immer komplexerer und schließlich auch stabilerer, die Außenbeziehungen regulierender Systeme parallel, nacheinander oder ineinander ab, verbanden sich, zerfielen wieder und bildeten schließlich neue Verknüpfungsformen, die als neue Qualität dann weitere Entwicklungen erst ermöglichten. Irgendwann wurden die Qualitäten codiert. Auch hier werden die unvorstellbar komplexen DNA-Moleküle mit ihren vielen Beistoffen, die Gene erst funktionsfähig machen und halten, nicht am Anfang der Entwicklung gestanden haben. Aber irgendetwas entstand, was Informationen codierte. Es war ein erfolgreiches Modell, das sich in der Evolution durchsetzte und fortan als Entwicklungsstufe die nächsten möglich machte, und bildete quasi den Schritt von analoger zu digitaler Reproduktion von Materie, zumindest halb. Denn Gene sind immer noch stofflich, wenn auch eine äußerst komprimierte Form der Informationsspeicherung in einem Molekülhaufen. In ihnen fanden sich die Baupläne des Lebens, also die ganzen Erfindungen der langen, langen Vergangenheit und ihre materiellen Qualitätssprünge. Gene sind Geschichtsbücher, aber erweiterbar nicht nur hinsichtlich neuerer Entwicklungen, die zur Geschichte hinzukommen, sondern auch der Geschichte selbst. Denn jede Rekombination von Genen (z.B. bei der Fortpflanzung) schreibt das Geschichtsbuch um, fügt neue Kapitel hinzu oder schreibt bestehende um.

Mit dieser Fähigkeit zur codierten Weitergabe von Information erklomm das Leben die nächste Entwicklungsstufe, auf deren Basis eine weitere spektakuläre "Erfindung" möglich wurde, die ohne Codierung völlig sinnlos gewesen wäre: Sie sexuelle Fortpflanzung. Denn nun konnten Geschichten miteinander verknüpft werden. Neues Leben trug das evolutionäre Wissen von zwei anderen Lebewesen in sich, das von diesen später (mit)geschaffene neue Leben von Vieren usw. Was heute per Stick, Internet & Co. massenweise organisiert wird, nämlich die summierende Weitergabe angesammelten Wissens, wurde in der Evolution erstmals durch die Sexualität als neue Qualität bereitgestellt. Wieder entstanden neue Entwicklungsmöglichkeiten bis zur heutigen Welt.

Im Original: Differenz und Kooperation
Aus Schlemm, Annette (1996): "Dass nichts bleibt, wie es ist ...", Lit-Verlag in Münster (S. 96 f.)
Die biotischen Objekte sind nicht völlig gleich, sondern sie unterscheiden sich voneinander. Diese Unterschiede werden nicht "ausgeglichen", indem alle "Abweichler" untergehen. Manche Unterschiede sind einfach neutral, berühren die Überlebensfähigkeit überhaupt (noch) nicht. Andere Unterschiede jedoch verschaffen den sie tragenden Individuen spezifische Vorteile.
Was ist nun ein "Vorteil" ? Ist es nur von Vorteil, selbst zu überleben, während möglichst viele andere sterben? In manchen Darstellungen des Darwinismus scheint das die letzte Weisheit der Selektionstheorie zu sein.
Tatsächlich jedoch ist es geradezu ein Kennzeichen von Entwicklung, wenn sich aus dem Zusammenwirken solcher unterschiedlichen Dinge etwas Neues ergibt. Die Unterschiede führen zu einer Spezialisierung, wodurch bei abgestimmtem Handeln gemeinsam mehr erreicht wird, als völlig gleiche, einander gleichgültige Individuen isoliert voneinander erreichen könnten. ...
Die Unterschiedlichkeit von Dingen ermöglicht ihre Kombination, ihre Kooperation. Diese führt zu einer Einheit, deren Wesen von der spezifischen, sie bildenden Mannigfaltigkeit geprägt ist.

Aus Altner, Günter (2009): "Charles Darwin und die Instabilität der Natur",VAS in Bad Homburg (S. 41ff.)
Mit Recht sagt Ernst Peter Fischer: "Die Gene agieren kreativ. Die Gesamtheit der Gene also das Genom verfügt über Kreativität. ( ... ) Wobei diese Fähigkeit verstanden wird als ein interaktiver Prozess auf der Ebene der Gene und Proteine, bei der das Vorhandene erst registriert und dann auf das Erkundete reagiert wird, um zuletzt nach evolutionären Vorgaben weiter auf ihm aufzubauen." (E. P. Fischer, 2009, S. 103 u. 102) Die allen Lebensformen eignende Spontaneität (Eigendynamik) hat also ihre tiefste Verwurzelung in den Zellen selber, was wir von den Einzellern längst hätten wissen können.
Der gegenwärtige Wissensstand lässt sich in sieben Punkten zusammenfassen:
1. Die Zelle verfügt über ein Arsenal an Werkzeugen, um ihr Erbgut zu organisieren: Sie kann Gene an oder abschalten, reparieren, umbauen und vor Beschädigung schützen.
2. Diese Werkzeuge sind zum größten Teil neben den Genen im Erbgut enthalten. Sie bilden beim Menschen sogar die Hauptmasse der DNA, nämlich 98 Prozent; die Gene machen nur zwei Prozent aus. Die Gene sind machtlos, wenn sie nicht aktiviert werden.
3. Eine wichtige Rolle spielt die RNA; sie dient keineswegs nur dazu, die Gensequenzen der DNA in Proteine zu übersetzen, sondern hat vielfältige Aufgaben und wirkt auch auf die Gene zurück. Auch zwischen den Proteinen (z.B. Enzymen) und der RNA sowie der DNA gibt es vielfältige Rückkoppelungen.
4. Bei den Eingriffen der Zelle ins Erbgut erhalten Bereiche, bei denen eine gewisse Flexibilität sinnvoll ist, einen gewissen Spielraum. Bereiche dagegen, in denen Änderungen schädlich wären, werden aktiv geschützt.
5. Evolution geschieht nicht kontinuierlich, sondern in Entwicklungsschüben, meist ausgelöst durch krisenhafte Veränderungen der Umwelt. Daher können manche Arten viele Millionen Jahre lang unverändert bestehen, während andere sich sehr schnell wandeln.
6. Änderungen am Erbgut, die als Reaktion auf veränderte Umweltbedingungen vorgenommen wurden, können an die Nachkommen weitergegeben werden. Solche Veränderungen schlagen sich nicht in den Genen selbst nieder, sondern "epigenetisch" in den Steuermechanismen der Gene.
7. Lebewesen sind nicht dem blinden Zufall ausgeliefert, sondern gestalten ihre eigene Evolution aktiv mit allerdings nicht bewusst, sondern einzig mit dem Ziel zu überleben. (nach: "Die neue Sicht auf Evolution", natur + kosmos, Febr. 2009, S. 30) …
Es kann nun nicht mehr die Rede davon sein, dass die "Modellierung des Gen Pools .allein in den Händen der Auslese" (Ernst Mayr) liege. Das ist zu einfach. Hier ist sehr viel mehr Eigendynamik und Selbstbestimmung mit im Spiel. Und damit wird es auch notwendig, über die Rolle des Zufalls neu nachzudenken. Er ist über die Fortpflanzung und die Nahrungskonkurrenz weiter im Spiel. Er dürfte auch bei den intermolekularen Strukturprozessen eine Funktion haben. Aber insgesamt erweist er sich auf dem neuen Stand der Dinge als sehr vielfältig eingebunden in die epigenetischen Regularien. Vom willkürlichen "Würfelspiel" kann nicht mehr die Rede sein.


Zwischenstufen: Vom Leben zur Kultur
Das, was Menschen als Leben definieren, nämlich eine vereinfachende Zusammenfassung bestimmter Qualitäten wie einem Stoffwechsel mit regulierten Außenbeziehungen (Autopoiesie) und der codierten Weitergabe der Baupläne an nachfolgende Generationen, ist schon recht alt. Gleichzeitig beschleunigten diese typischen Qualitäten des Lebens die weitere Entwicklung, z.B. konnten neue "Erfindungen" jetzt codiert und damit schneller weiterverbreitet werden. So entstanden die Möglichkeiten, dass einfaches Lebens, im Vergleich zu anfänglichen Molekülen bereits unfassbar komplex im Zusammenbau und Zusammenspiel der Materie, sich zu hochkomplexen Organismen entwickeln konnte. Denn die materielle Ausstattung z.B. des Menschen ist ja schon ein bemerkenswerter Fortschritt gegenüber manch demgegenüber einfach ausgestatteten Einzeller (der wiederum gegenüber einfachen Molekülen hochkomplex ist). Die Selbstregulierung ist mehrfach gestuft, d.h. nicht nur die einzelne Zelle regelt Stoff- und Energieaufnahme bzw. -abgabe teilweise selbst, sondern die Zellen sind, jeweils mit passender Ausstattung, zu Organen verbunden, die als Gesamtes den Austausch mit anderen Teilen des Organismus regulieren. Der gesamte Organismus wiederum reguliert nochmal Stoff- und Energieaustausch mit der Umgebung. Dafür sind spezialisierte Organe zuständig. Nahrung, Luft, Strahlung und andere Stoffe werden nicht überall und beliebig aufgenommen, sondern über speziell dafür vorgesehene Organe und an vorherbestimmten Orten. Gleiches gilt für die Ausscheidung. Wer allein den Energiehaushalt eines menschlichen Körpers anschaut, wie dort durch Verdunstung, Bewegung, Hautveränderungen, Atemtechnik und mehr die richtige Termperatur eingestellt wird, erhält einen Eindruck, was hier an phantastischer Leistungsfähigkeit aus dem Durcheinander wirrer Strahlung zu Urknallszeiten entstanden ist.

Diese organische Basis, die sich auf der Entwicklungsstufe der einfachen Zellen entwickelte, schuf nun weitere Möglichkeiten. Zum einen die immer ausgefeilteren Wahrnehmungsapparate (Augen, Ohren, Geruch, Geschmacks- und Tastsinn). Dann solche Organe, mit denen gezielt die Umwelt verändert werden konnte - vor allem Hände, bei manchen Arten aber auch das Gebiss (z.B. beim Biber, der Bäche und Flüsse aufstaut) oder Schnabel (wenn sich Vögel Nester bauen). Werkzeug konnte gefertigt werden - eine ganz neue Qualität, denn die Entwicklung der Werkzeuge stellt eine eigene Evolution der Möglichkeiten dar, die auf den vorherigen Evolutionsschritten basiert. Ohne die "Fingerfertigkeit" des Menschen wäre dessen Siegeszug in der Umweltgestaltung und -beherrschung nie denkbar gewesen. Gleiches gibt, mindestens ebenso bedeutsam, für die Entstehung und Ausdifferenzierung von Sprache. Das Lebewesen Töne formen können und diese Töne in immer komplizierterer Vielfalt und Kombination möglich wurden, basiert auf der dafür nötigen organischen Ausstattung.

Zeitgleich verfeinerten sich Stofftransport und Informationsübertragung im Organismus. Adern und Venen ließen sich von einer langlebigen und geschickt aufgebauten Pumpe Flüssigkeiten durch ihr Inneres schicken, in der über spezielle Trägersubstanzen die nötigen Stoffe zu den vielen Zellen geschafft oder weggebracht werden konnten. Andere Stoffe übertrugen Informationen, wieder andere bekämpften Krankheitserreger oder schädliche Substanzen. Doch für schnelle Reaktionen des gesamten Körpers war das zu träge. Nervenbahnen entwickelten sich. Ihre Zellen sind in besonderer Weise flexibel - und diese Flexibilität einschließlich der Fähigkeit, sich über elektrische bis elektrolytische Prozesse Signale zu geben, schuf wiederum eine neue Möglichkeit. An deren Ende steht das Gehirn als eine gewaltige, dynamische Schaltzentrale der Autopoiesis, also der teil-selbstregulierten Organisierung des eigenen Körpers innerhalb einer Umgebung, deren Zustand über Daten aus Wahrnehmungsorganen in diese Schaltzentrale eingespeist und dort mit Erfahrungen und anderen Signalen verkuppelt wird, um schließlich eine Reaktion auszulösen - bewusst, als Reflex oder auch irgendeine andere Art. Mensch bedenke: Auch dieses Organ, das Gehirn, ist nichts als ein Haufen von Materie. Es ist zudem nahe dran an der Idee von Chaos. Aber es ist so unendlich komplex, dynamisch und von so vielen Gleichzeitigkeiten geprägt, dass es ähnlich unvorstellbar wird wie die Welt im Hosentaschenformat kurz nach dem Urknall. Dennoch ist uns das Gehirn nicht fremd. Wir tragen es in uns, es stellt eine besondere, aber nicht die einzige Form der Teil-Selbstregulierung des Körpers da, auch wenn wir dieses spannende Organ nachlässigerweise oder mit Bedacht seltener benutzen als gut wäre ...

Emergenz = Entwicklung in Entwicklungssprüngen (Schichten)
Aus Gudrun Kleinlogel (2011): "Die Welt ist nicht, was sie scheint" (R.G. Fischer in Frankfurt, S. 22)
Das Leben wird von anderen Gesetzen bestimmt als die tote Materie. Die Gesetzmässigkeiten, die auf der Stufe von einzelnen Zellen gelten, werden in Organismen und Lebewesen überdeckt von neuen Gesetzmässigkeiten, die erst auf dieser höheren Stufe auftauchen. Die Welt erscheint in diesem Bild als ein komplexes System von übereinanderliegenden Schichten, die nach oben selbst immer komplexer werden. Jede Schicht übernimmt die Gesetzmässigkeiten und Eigenschaften der darunter liegenden Schichten, überdeckt diese aber durch ihre eigenen neuen Gesetzmässigkeiten und Eigenschaften, sodass die Eigenschaften der tieferen Schichten praktisch unsichtbar werden. Man nennt dieses Auftauchen von neuen Eigenschaften auf jeder höheren Komplexitätsstufe eines hierarchischen Systems Emergenz.

Der Mensch: Weiterentwicklung auf dem Stand der bisherigen Entwicklungen
Der Mensch ist kein göttliches Wesen, keine Krone der Schöpfung, kein Held der Marlboro-Plakate und auch nicht die Gattung, aus der in Filmen mit langweiliger Regelmäßigkeit die Kapitäne zukünftiger, Planeten vernetzender Raumschiffe gestellt werden. Sondern er stellt schlicht das folgerichtige, aber nicht zwangsläufige und weiterhin in Entwicklung begriffene bisherige "Endprodukt" dessen dar, was aus dem immer komplexer werdenden Leben als neue Qualität entstand: Bewusstsein und abstraktes Denken. Alle seine Eigenschaften sind nicht einmalig. Bereits auf der Erde weisen viele andere Lebewesen ähnliche Eigenschaften in mehr oder weniger entwickelter Form auf. Die Zusammenstellung ist einmalig, aber das ist Kennzeichen aller Arten der Erde - detailgetreu betrachtet ist sogar jedes Individuum einmalig.

Die konkrete Zusammensetzung von Eigenschaften der Menschen schuf die Möglichkeit zur kulturellen Evolution. Sie ist die neue Qualität, die aus der ständigen Weiterentwicklung des Lebendigen möglich wurde, als der Mensch allmählich eine Sprache entwickelte und damit die Weitergabe von Informationen sehr komplexen Ausmaßes jenseits stofflicher Codierung ermöglichte. Natürlich ist auch Sprache nicht rein immateriell. Sie wird von der Interaktion irgendwelcher Synapsen und Umfeld angeregt, ein Organ ordnet Luftströme und erzeugt komplexe Schallwellen, die ein anderes Organe in Sinnesreize umsetzt, die wiederum Synapsen und Umfeld an einem anderen Ort anregen und dort ein Abbild der abgesandten Information entstehen lassen - leider immer wieder mit leichten Unterschieden zur ursprünglichen Information, was Kommunikation zwischen komplexen Materiehaufen, wie es Menschen nun mal sind, zu einer abenteuerlichen Sache machen. Aber davon mal ab: Sprache, Begriffsbildung und abstraktes Denken sind eine völlig neue Technologie der Informationsweitergabe, die im Laufe der Entwicklung von Leben entstand und beim Menschen, der nicht als Einziges damit ausgestattet ist, eine ungeheure Komplexität erreichte. Die Geschicklichkeit vor allem der Hände, der zwar gegenüber vielen anderen Arten nicht überlegene, aber doch ausreichend gute Wahrnehmungsapparat und die Fähigkeit zur organisierten Kooperation mit anderen Menschen ließen etwas entstehen, was gänzlich neu war: Kulturelles Leben. Es stellt - ähnlich wie das Lebendige gegenüber dem "nur" Materiellen - eine neue, aber auf dem Alten basierende und dieses einschließende Stufe der Evolution dar. Was jetzt möglich wurde, war vorher undenkbar. Menschen gestalteten ihre Umwelt systematisch, organisierten ihr gesellschaftliches Leben planvoll, stellten schließlich weltweit Kommunikation und Austausch her, fanden Wege, um ihr Wissen auf Dauer aufzubewahren und fortzuentwicklen (von der Steinplatte bis zum Buchdruck, dann digital und via Internet weltweit). Sie entwickelten Maschinen, schließlich Maschinen, die ihnen Maschinen entwickelten und schließlich Maschienen, die ihnen ... bis ins Endlose. Das Ganze vollzog sich in immer schnelleren Rhythmen, ohne dass ein Ende dieser Steigerungen absehbar wäre. Hinzu kommt die Entwicklung sozialer Techniken, also des Umgangs miteinander, der Kommunkation, der Entscheidungsfindung, der gegenseitigen Hilfe, der gezielten Herstellung sogenannter Gerechtigkeit - einschließlich der Fähigkeit zu gewollt gegenteiliger sozialer Organisierung.

Im Original: Der Mensch als Träger einer neuen Entwicklungsstufe
Aus Schlemm, Annette (1996): "Dass nichts bleibt, wie es ist ...", Lit-Verlag in Münster
Sind wir als Teil der Evolution der Natur nicht eher genau der Teil, der eine neue Form der Evolution, nämlich die selbstbewußte, zielstrebige, zwecksetzende Evolution entwickeln kann? Dies liegt in den Möglichkeiten der Evolution der Natur. Diese Möglichkeit wird aber nur dann zur einer Wirklichkeit, wenn wir die Herausforderung aufgreifen, unsere Entwicklung wirklich selbst in die eigenen Hände nehmen. Wir dürfen uns dann nicht mehr von "Sachzwängen" wie dem "Kapitalverwertungszwang" beherrschen lassen. ... (S. 22)

Aus Groschopp, Horst: "Humanismusperspektiven", Alibri in Aschaffenburg (S. 69)
Dazu gehört auch, sich in der humanistischen Weltanschauung als Menschenwelt gegenüber der Naturwelt, eingeschlossen die der Tiere, zu verorten. Bei aller „genetischen Verwandtschaft" mit höher entwickelten Tieren, bei allen positiven Bezügen auf die gemeinsame Evolutionsgeschichte und bei allen Lehren aus kulturellen Überspitzungen der Tier-Mensch-Unterschiede in der Vergangenheit (Mensch als „Krone der Schöpfung") - Humanismus bezieht sich ausschließlich auf Menschen. Nur sie sind in der Lage, sich selbst und anderen Lebewesen Würde zu „verleihen". Tiere, selbst hoch entwickelte Affen, sind weder Brüder oder Schwestern der Menschen, noch sind sie deren Freunde, sondern Lebewesen, die genetisch und kulturgeschichtlich differenziert (Wildtiere / Heimtiere / Zuchttiere / Zoo-Tiere ...) den Menschen nahe stehen, weshalb Menschen zu ihnen „Verhältnisse" ausbilden.

Dank seiner biologischen, d.h. im Ursprung materiellen Ausstattung ist der Mensch relativ frei, die Art sozialer Organisierung, also seines Miteinanders zu gestalten. Dass er es so tut, wie es augenblicklick geschieht, folgt keinerlei Zwang folgend, sondern gewollten Entscheidungen und gesellschaftlicher Steuerung. Durch sie setzen sich bestimmte Interessen machtvoller durch. Denken und Entscheiden sind durch die Organisierung von Diskursen beeinflussbar und die Ressourcen gesellschaftlichen Handelns als Folge langer Umverteilungsprozesse sehr ungleich verteilt. Alles ist aber auch eine Folge dessen, dass die meisten, wenn nicht alle Menschen nicht richtig begriffen haben, welches Potential in einer freien Entfaltung der Persönlichkeit aller Menschen liegen würde und welche Zukunftschancen entstünden, wenn menschliche Produktionskraft nicht menschenfeindlichen Zielen oder vermeintlich höheren Interessen geopfert würde. Das Bild von Menschen und ihren Kooperationen als Potential zu einer weiteren freien Entfaltung und Entstehung immer neuen Möglichkeiten bietet eine beeindruckende Basis für den Mut, das Zeitalter ewiger Kontrolle, verstaubter Gesetze, fremdbestimmter Tätigkeit und ständiger Normierung zu überwinden und eine dynamische, offene und vielfältige Welt zu schaffen, in der so viele Welten Platz haben, wie Menschen sie brauchen.

Im Original: Weiterentwicklung des Menschen
Aus Schlemm, Annette (1996): "Dass nichts bleibt, wie es ist ...", Lit-Verlag in Münster
Historisch gesehen, werden wir damit nie "fertig" sein. Weder mit der Erkenntnis der Welt, noch mit der Entwicklung unserer aktiven Fähigkeiten. Wir als Teil der Natur entwickeln uns gemeinsam mit ihr weiter. Es gibt auch für die Natur keinen Stillstand. Es gibt lange Zeiten ökologischer Fließgleichgewichte auf der Erde - aber keinen Stillstand. Die Dinge verändern sich stets. Neues entsteht. Neue Formen der Wechselwirkung werden entwickelt. Alle Kreisläufe werden aufgebrochen zu einer Spirale ins Offene. Auf der Erde führten diese Prozesse zu unserem Dasein als Menschen. ... (S. 21)
Die Evolution arbeitet ohne vorgegebenes Ziel. Aber die Innovation erzeugt gemeinsam mit der Tradierung Strukturen, die etwas Neues darstellen, welches aber nicht losgelöst vom Alten existiert, sondern im Vergleich zu ihm die Funktionen der Struktur besser und effektiver realisiert, oder neue Funktionen erschließt. Diese Art kanalisierter Vielfalt führt zu einer Richtung der Evolution. ... (S. 110)

Aus dem "Potsdamer Manifest 2005 (Infoseite und als PDF)
Eine solch neue Sichtweise öffnet uns auch die Möglichkeit, Kreativität und die Gabe absichtsvollen und gemeinschaftsbezogenen Handelns für uns Menschen als genuin (nicht eingebildet) zu erkennen und daran auch zu glauben. Diese Sichtweise enthält die Basis für unser Streben nach Freiheit und Entfaltung von Individualität und erlaubt uns, anders sein zu können, ohne dabei die zu Grunde liegende Allverbundenheit zu verlieren. Diese äußert sich in einer eingeprägten Neigung, unsere besonders ausgebildeten Fähigkeiten kooperativ mit anderen zu einem höheren Ganzen ‚organismisch’ einzubringen.

Dahin will, zumindest gedanklich, dieses Buch führen. Bis zum Entwurf ist es aber noch ein paar Kapitel weit. Denn es gibt noch einige weitere Grundlagen, die sich klarzumachen nützlich ist. Als nächstes schauen wir auf einen letzten Aspekt der Evolution, nämlich in die Zukunft. Denn so klar es ist, dass der Mensch eine der Möglichkeiten auf der Basis davor entstandener Möglichkeiten ist, so ist auch er als aktuell realisiertes Niveau von Evolution wieder nur der Ausgangspunkt der nächsten Schritte von Evolution. Niemand kann wissen, was genau das alles sein wird - und ob es sein wird (schließlich kann die Erde ja auch einer neuen Hyperraum-Umgehungsstraße zum Opfer fallen, die Maschinen können als Subjekte die Menschen unterwerfen, Aliens ihren Code in das irdische Leben einschleusen oder die Menschheit irgendwann entdecken, dass die Erde nur die Simulation im Computer einer anderen Welt ist). Aber eines ist gewiss: Gott, den es nie gab, wird nicht irgendwann das betrachtete Werk anschauen und sehen, dass es gut war. Die Entwicklung geht immer weiter - bis ans Ende dieser Welt (was dann kommt, brauchen wir uns nicht mehr zu überlegen), bezogen auf die Menschen vielleicht auch nur bis an Ende der Erde oder irgendein kleines, auf den gesamten Kosmos bezogen eher marginales Ereignis irgendwo in der Milchstraße, bei dem auf einem kleinen Planeten irgendwas kaputt ging ...

Neue Qualitäten aufgrund der bisherigen Qualitäten "Bewusstsein" und "abstraktes Denken"
Evolution bleibt nie stehen. Sie entwickelt sich aus dem Bisherigen heraus weiter. Ohne feste Richtung, aber immer zum Komplexeren und zur Kombination bisheriger Qualitäten. Der Mensch ist ja nicht nur die neue Qualität von Bewusstsein und abstraktem Denken, sondern weiterhin Molekülmenge und daraus aufgebaute, komplizierte Substanz sowie Leben mit codierter Weitergabe der Baupläne des Lebendigen. Aufgestattet mit diesem Stapel evolutionärer Erfindungen und auf dieser Basis greift er nun gestaltend ein und fügt neue Qualitäten hinzu: Maschinen, immer komplizierter, immer wirkmächtiger. Die Erde ist weitgehend von ihnen geprägt. Es ist fraglich, ob diese neuen stofflichen Qualitäten eine selbständige Entwicklungsstufe darstellen, sich also irgendwann selbst reproduzieren können, wie es in der Science Fiction gedanklich vorweggenommen wird. Noch zumindest sind alle Maschinen und Platinen vom Menschen abhängig, können ohne ihn nicht auf Dauer existieren, sich reproduzieren oder weiterentwickeln. Doch der Mensch würde das schon längst nicht mehr können ohne die Hilfe der von ihm geschaffenen Werkzeuge und Maschinen. Insofern stellt die enge Verbindung von Mensch und Maschine eine eigene neue Qualität dar. Was aus dieser Produktivkraft dann entsteht, ist hingegen eine kulturell-gesellschaftliche Frage mit zur Zeit starker Hegemonie einer Orientierung auf Ziele, die dem menschlichen Leben wenig bringen, sondern stattdessen seltsame abstrakte Gebilde wie Nationen, Standorte, Aktienindexe oder Kontostände fördern. Diese Orientierungen aber nur zu stoppen, in dem ihnen das Handlungspotential entzogen wird, würde nichts anderes bedeuten als Evolution aufhalten zu wollen - ein bemerkenswert konservatives sowie wahrscheinlich aussichtsloses Unterfangen. Der Gegenentwurf wäre die Befreiung der Produktionkraft aus den auf lebensfeindliche Ziele ausrichtenden Zwängen, unter anderem durch Weiterentwicklung auch von sozialen Prozessen wie Organisierung in Gruppen, Kommunikation, Entscheidungsfindung, Vereinbarung und Kooperation. Mit gewaltigem Aufwand wie Gesetzen, Bürokratien, Gefängnissen, Regierungen, Polizei und Justiz werden hier seit Jahrhunderten Fortentwicklung und Innovation gebremst bis ganz verhindert mit dem Ergebnis, dass technische Möglichkeiten davongaloppieren und dann völlig gestrigen Ideen wie Staaten, Nationen, Konzernen oder Strafritualen dienen. Deshalb braucht es den Impuls der Emanzipation, um die evolutionäre Kraft den lebensfeindlichen Sphären zu entreißen und sie nutzbar zu machen für die Entfaltung des Lebendigen, des Menschen und der Kombination von Mensch und der von ihm geformten Materie. Es gilt, viel zu entdecken, voranzuschreiten auf dem Weg der Entwicklung technischer, sozialer und weiterer Möglichkeiten. Das Korsett, das Menschen, andere Lebewesen und Maschinen zu Sklaven und Armeen veralteter und pervertierter Ziele macht, gehört abgeschüttelt. Evolution ist die Weiterentwicklung und Selbstorganisierung im Chaos der sich ständig ausweitenden Möglichkeiten!

Fatal: Wenn autoritäre Systeme Entwicklung aufhalten
Dummerweise fallen die Menschen mit solchem Willen und Fähigkeiten nicht vom Himmel - und selbst dann würde sie ja ihre Zurichtungen und Vorprägungen in sich tragen. Ebenso entstehen nur selten historische Situationen, in denen die vermachteten Räume dieser Welt plötzlich Inseln frei geben und Menschen ihr Leben neu sortieren müssen und können. Dann starten im Ergebnis beeindruckende Experimente, denn ob im Paris des deutsch-französischen Krieges vor 130 Jahren oder im kleinen Dreieck zwischen Sachsen, Thüringen und Tschechien, welches die Allierten am Ende des zweiten Weltkrieges zu besetzen vergaßen - nirgends griffen Faustrecht, Mord und Totschlag um sich. Stattdessen bemühten sich die Menschen um neue, sicherlich verbesserungsfähige Modelle einer Verteilung der Macht hin zu den Gleichberechtigung sowie weg von abstrakten Institutionen und moralischen Imperativen. Sie währten nicht nicht lange, sondern wurde seitens der machtförmig organisierten Teile der Menschheit mit militärischer Macht geschliffen.

Jenseits dieser Einzelbeispiele ist aber der Alltag in heutigen und, soweit geschichtlich überliefert, auch vielen historischen Gesellschaften dieser Welt immer von restaurativen, einen Stillstand der Geschichte forcierenden Kräften geprägt, die höchstensmit solchen konkurrieren, die zwar Veränderung wollen, aber dabei keineswegs die Entfaltung der Menschen, sondern den Ausbau anderer Beherrschungsregime im Blick haben. Die Befreiung der Menschen, der einzelnen Persönlichkeiten, die Steigerung der Handlungsmöglichkeiten, den gleichberechtigten Zugang zu diesen für alle, d.h. eine emanzipatorische Idee verfolgen diese Systeme leider nicht. Sie sind allesamt autoritär, weil sie die Menschen in vorgefertigte Bahnen zu lenken versuchen. Über Gesetze, eine "Das gehört sich so"-Erziehung und diskursive Normen werden Menschen auf tradierte Denk- und Verhaltensweisen trainiert. Wer gesellschaftliche Weiterentwicklung will, gerät fast automatisch in Konflikt mit den HüterInnen des Gesterns und ihren Waffen in Form von Polizei, Justiz, Erziehungsstätten oder öffentlicher Brandmarkung. Sie alle stellen sich der dynamischen Verfasstheit dieser Welt entgegen. Sie wollen festhalten, die Geschichte anhalten - und das mit brutalsten Methoden, sei es die Hexenverbrennung (die ja im Kern eine Ausschaltung eigenständigen Denkens zum Ziel hatte, also jenseits des persönlichen Leids auch ein Kreuzzug gegen die Evolution war) oder die Anstalten des Wegsperrens heute. Fast alle Persönlichkeiten, deren Fotos und Namen heute als Wegweiser menschlicher Entwicklung die Geschichtsbücher schmücken, standen in ihrer Zeit auf Kriegsfuß mit den HüterInnen der jeweils herrschenden Ordnung. Diese Personen wird es auch heute geben - viele wahrscheinlich verfolgt von Uniformierten und RobenträgerInnen des Landes, stigmatisiert als AußenseiterInnen in Wissenschaft, Politik oder Kunst. Erst die Rückbetrachtung kann klären, welche Ideen zur Weiterentwicklung beitrugen und welche nicht. Doch die heutige Gesellschaft, in der neue Ideen und ihre TrägerInnen bekämpft werden, oder in der Innovation nur gewünscht ist, wenn sie Profit- oder Machtinteressen dient, stellt einfach nur ein großes Hindernis dar für eine emanzipatorische, ja überhaupt für eine Weiterentwicklung auf dieser Erde. Es gilt daher die Regel des Malefix-Spiels: Hürden müssen aus dem Weg geräumt werden!

Ihre Route wird neu berechnet: Ein erstes, vorsichtiges Fazit
Was folgt aus all dem für die Praxis? Seien wird noch ganz vorsichtig - die meisten Kapitel des Buches liegen ja noch vor uns. Evolution ist die Entfaltung von Möglichkeiten, die in dem sind, was existiert, und aus diesem, dann als neue Möglichkeiten, entstehen kann. Die jeweiligen Stufen von Entwicklung machten vorher Unmögliches möglich, zudem beschleunigte sich die Entwicklung durch neue Formen der Weitergabe von Information. Die Baupläne der Organismen wurden in langen Molekülsträngen codiert, Wissen per Sprache und Begriffe, später auf Papier oder Datenkanal vervielfacht. Evolution ist aber kein Selbstzweck, sie ist nicht gut oder böse. Solche Wertungen sind Sache des Menschen. Der kann entscheiden, Entwicklung anzuhalten oder statt Entfaltung nur noch gerichtete Entwicklung zu wollen. Zur Zeit dominiert Letzteres - aber ohne vorherige Vereinbarung. Es ist durch Instanzen, Normen und Gesetze festgeschrieben - vielfach ohne dass (noch) konkrete Personenkreise dahinterstehen und an den Steuerschrauben drehen.

Eine Befreiung der Menschen kann also aus der Evolution nicht begründet werden. Aber es ist möglich, aus ihr abzuleiten, dass nur eine Emanzipation von den ganzen Hindernissen, Zurichtungen und Blockaden zur weiteren Entfaltung des Menschen und seiner besonderen Fähigkeiten, sich kulturell zu organisieren, führt. Außerdem zeigt der Blick auf die bisherige Evolution die ungeheure Kraft, die in den entstehenden Möglichkeiten liegt. Es gibt also keinen Anlass für eine Angst vor der Unbestimmtheit, die aus einer Zerschlagung der fremd- und selbst auferlegten Ketten folgt. Sie ist der Antrieb. Materie und das auf ihr basierende Leben ist das ständige Voran. Ihre Verwirklichung geschieht am besten in offenen Systeme, im Austausch - ohne Normierungen, Zurichtungen und vor dem Hintergrund der Evolution völlig irrationalen Ideen wie Zeugnisse, Knäste oder Lohnarbeit. Die bisherige Evolution ermutigt zur Revolte - aber nicht als Einakter, sondern als Wiederaufnahme dessen, was Evolution immer war: Die Entwicklung von mehr Handlungsmöglichkeiten.

Aus Schlemm, Annette (1996): "Dass nichts bleibt, wie es ist ...", Lit-Verlag in Münster
Sind wir als Teil der Evolution der Natur nicht eher genau der Teil, der eine neue Form der Evolution, nämlich die selbstbewußte, zielstrebige, zwecksetzende Evolution entwickeln kann? Dies liegt in den Möglichkeiten der Evolution der Natur. Diese Möglichkeit wird aber nur dann zur einer Wirklichkeit, wenn wir die Herausforderung aufgreifen, unsere Entwicklung wirklich selbst in die eigenen Hände nehmen. Wir dürfen uns dann nicht mehr von "Sachzwängen" wie dem "Kapitalverwertungszwang" beherrschen lassen. ... (S. 22)
Dieses Schöpfertum der Natur wurde, besonders in Bezug auf die Entstehung und Entwicklung des Lebens, oft im Gegensatz zu einer wichtigen physikalischen Gesetzmäßigkeit gesehen: In geschlossenens Systemen kann die Größe Entropie nicht abnehmen. ... (S. 64)

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