TEXTE ZU ORGANISIERUNG VON UNTEN
Texte und Links zu Strategien
Texte und Links zu Strategien ● Text Gruppe Landfriedensbruch ● Teil 2: Wie weiter ... ● Medien und Kommunikationswege ● Utopien und Praxis entwickeln ● G8-Mobilisierung ● Organisierung an Hochschulen ● Buchvorstellungen zum Thema

Die folgenden Beschreibungen laden zum Mitmachen und Mitentwickeln ein. Sie sind keine Seminare, d.h. es geht nicht in erster Linie um Wissensvermittlung, sondern um das praktische Schaffen von Kooperation, Vernetzung und Aktivität. Diese und weitere Organisierungsansätze sollen eine Alternative zu Bündnissen, Verbänden und anderen dominanzdurchzogenen Organisationsmodellen aktueller "linker" und sozialer Bewegung sein. Wer auf Fahnen, Koordinierungskreise oder Vorstände, Moderation und Lenkung, Podien und gemeinsame Aufrufe steht, kann getrost hier wegbleiben und wird sich in den Niederungen doitscher Protestnormalität wohlfühlen ... und (später) in der Gesellschaft auch.
Hanna Poddigs abschließendes Kapitel "Fragend voran", in: Klimakämpfe (2019, Unrast-Verlag, S. 97f)
Die Initiativen und Strukturen sind vielseitig, widersprüchlich, inkompatibel, teils zerstritten und doch gerade in ihrer Vielfalt stark und unberechenbar. Sie unterscheiden sich in ihrem Politik- und Aktionsstil, in der Zeit die Menschen investieren, in den Risiken, die Menschen bereit sind einzugehen, darin ob sie die Widerständigkeit auch in ihren sonstigen Alltag tragen, darin ob es neben der Politik überhaupt noch einen sonstigen Alltag für sie gibt. Manchmal entstehen Doppelstrukturen, viele Räder werden immer wieder neu erfunden, manchen erscheint es vermeidbar, andere halten es für den einzig richtigen Weg. Sollen wir auf die Waldbesetzung ziehen und uns dort ein Baumhaus bauen? Oder in ein Wohnprojekt und es als unkonventionellen Freiraum mit funktionalem Wohnen versuchen? Ein Brettspiel entwickeln? Infoveranstaltungen machen? Mit unseren Arbeitskolleg*innen in der Behörde oder am Fließband diskutieren? Sollen wir unser eigenes Gemüse pflanzen oder Menschen vor Gericht vertreten? Sollen wir uns anketten oder einfach eine Person von Tausenden sein? Strommasten fällen oder Kreisverkehre blockieren? Ist ein fetisch-sex-positivistischer Erotikkalender Klimaschutz?
Es gibt keine externen Wegweiser, die uns sagen, wo im Widerstand der beste Platz für uns ist. Die Entscheidung, welche Form von Widerständigkeit wir für uns wählen, bleibt eine persönliche. Und so sehr wir vielleicht meinen, rational zu entscheiden, so oft merken wir im Nachhinein, dass wir in einer bestimmten Kampagne mitgearbeitet haben, weil wir in eine*n Beteiligte*n verliebt waren, weil das Essen gut war, weil es geregnet hat, als wir eigentlich aufbrechen wollten. Weil unsere besten Freund*innen dort waren, weil Aussicht auf Straßenschlachten bestand, die Musik uns gefallen hat, es einen Kickertisch im Keller des Wohnprojektes gab. Damit will ich nicht dagegen plädieren, anspruchsvoll zu bleiben und immer wieder zu diskutieren, warum wir uns in welchen Gruppen und Kontexten organisieren, sie ändern, sie aufgeben, neue Kooperationen eingehen. Aber ich glaube, es ist ebenso wichtig, sich einzugestehen, dass auch das Wohlfühlen seinen Anteil haben darf an diesen Entscheidungen. Und schlussendlich gilt es, auszuprobieren, Experimente zu starten, immer wieder neue Versuche zu wagen, ganz nach dem zapatistischen Motto »fragend gehen wir voran« (Preguntando caminamos). Und viele dieser Experimente werden scheitern, aber genau das macht ein Experiment aus: Das Ausprobieren trotz des Risikos des Scheiterns, weil ein ›weiter-so‹ jedenfalls keine sinnvoll vertretbare Option ist.
Aus "Linke Diskurse aus der Hölle", auf: Steady am 22.4.2026
Wir wollen Kampagnen und mit Argumenten & Fakten überzeugen, während wir uns selbst aber von Argumenten und Fakten (Mehrheiten sind nicht der Schlüssel, Hebel sind es; um Linksradikalität ist es schlecht bestellt; wir verhindern Repressionen nicht, indem wir nichts tun und nach Regeln spielen…) auch nicht überzeugen lassen. Wir reden von Rojava als leuchtendes Beispiel und wollen von indigenen Kämpfen lernen, während wir bei der Gewaltfrage regelmäßig schon mit einer ehrlichen Analyse der real existierenden und durch/für uns ausgeübten Gewalt scheitern und Schnappatmung bekommen, wenn über Selbstverteidigung geredet wird. …
1. Gewaltfreiheit ist eine Illusion und Militanz ist notwendiges Mittel, welches nicht ausnahmslos und von allen genutzt werden kann und muss, welches aber in unseren Strukturen und Aktionen glaubhaft und überzeugend verankert werden muss.
2. Sicherheit ist eine Illusion, die in direkter Abhängigkeit von Privilegien immer nur bis zu einem bestimmten Punkt aufrechterhalten werden kann und die i.d.R. auf Kosten anderer geht.
3. Untätigkeit und das Spielen nach allen Regeln ist kein Schutz vor Repression. …
So lange wir Kritiker*innen in den eigenen Reihen wie Gegner*innen behandeln und dem Weiter-so frönen mit der nächsten Kampagne, der nächsten großen Demo, der nächsten sinnlosen Stellungnahme zu irgendwas, so lange wird unsere eigene Position stetig weiter Richtung Bedeutungslosigkeit driften, denn wieso sollte uns irgendwer ernst nehmen, wenn wir das selbst nicht tun? Wir sind mittlerweile in Teilen unsere eigene Zensurbehörde, Repressionsinstanz und unser eigener erhobener Zeigefinger. ...
Wir brauchen (auch) eine Sprache, die Dinge klar benennt, die kraftvoll ist und (zuerst auch mal uns selbst) ein Gefühl von Stärke vermittelt. Damit ist noch nichts gewonnen, aber wir haben in vielen Bereichen jegliche Kontrolle verloren und diese wiederzuerlangen, wird nicht flüsternd funktionieren und auch nicht mit Worten, die keinerlei Gewicht haben.
Links zu Strategietexten
- Unveröffentlichtes Manuskript "Der Widerstand"
- Text über Autonome "Zum Ende einer Bewegung und eines Organisationsansatzes", in: re:volt am 19.4.2018
Interviews zu politischen Analysen von Widerstand und Aktionsformen