Projektwerkstatt

HORIZONTALITÄT UND OFFENE SYSTEME: RÄUME, KOMMUNIKATION ... OHNE PRIVILEGIEN

Das Gesamte: Eine Welt, in der viele Welten Platz haben ...


1. Einleitung
2. Verhandeln ohne Regeln und Metaebenen
3. Gleiche Möglichkeiten für alle: Horizontalität in Gesellschaft und Subräumen
4. Worauf ist dann noch Verlass?
5. Anwendungsfelder
6. Das Gesamte: Eine Welt, in der viele Welten Platz haben ...
7. Links

Das Ergebnis ist eine Vielfalt mit intensiv entwickelter Binnenstruktur. Die Subräume sind sowohl eigenständig wie auch vielfach vernetzt. Der Aufbau dieser Vernetzungsstränge ist eine wichtige Aufgabe. Da sie allen Beteiligten nützen, stammt der Antrieb, die aufrechtzuerhalten, von diesen selbst.
Offene Räume sind keine Masse, sondern sie kultivieren geradezu innere Differenz. Dabei sie kennen - das ist für offene Räume und ihre Herrschaftsfreiheit wichtig - keine Vereinnahmung und Außenvertretung, benötigen also auch keine einheitliche Meinung. Sie brauchen nicht einmal einen Namen, geschweige denn ein "Wir"-Gefühl oder eine kollektive Identität. Sie sind einfach da - und hoffentlich immer weiterentwickelt aus dem Kreis der NutzerInnen, die selbst NutznießerInnen ihrer Weiterentwicklungen wären.

Im Original: Multitude als Gesamheit in Vielfalt
Aus Hardt, Michael/Negri, Antonio (2004): „Multitude“, Campus Verlag in Frankfurt
Die Teile der Multitude müssen weder alle gleich werden noch ihre Kreativität verleugnen, um miteinander zu kommunizieren und zu kooperieren. Sie bleiben verschieden, was Ethnie, Geschlecht, Sexualität und so weiter angeht. Es geht darum zu verstehen, welche kollektive Intelligenz aus der Kommunikation und Kooperation einer solchen bunten Vielfalt entstehen kann. ... (S. 111)
Die Multitude produziert nicht nur Güter und Dienstleistungen; sie produziert auch und vor allem Kooperation, Kommunikation, Lebensformen und soziale Beziehungen. Anders ausgedrückt: Die ökonomische Produktion der Multitude ist nicht nur Modell für die politische Entscheidungsfindung, sondern sie wird immer mehr selbst zur politischen Entscheidungsfindung.
Vielleicht lässt sich die Entscheidungsfindung der Multitude als Ausdrucksform begreifen. Denn die Multitude ist in gewisser Weise ähnlich wie eine Sprache organisiert. Sämtliche Elemente einer Sprache sind durch ihre Unterschiede zueinander definiert und funktionieren dennoch als Ganzes. Eine Sprache ist ein flexibles Netz von Bedeutungen, die sich gemäß den akzeptierten Regeln in unendlich vielen verschiedenen Varianten miteinander kombinieren lassen. Ein spezifischer Ausdruck ist somit nicht nur eine Kombination sprachlicher Elemente, sondern er produziert auch reale Bedeutungen: Der Ausdruck gibt einem Ereignis einen Namen. Und so wie aus der Sprache ein Ausdruck entsteht, so entsteht aus der Multitude heraus eine Entscheidung, als würde man dem Ganzen eine Bedeutung und dem Ereignis einen Namen geben. Für den sprachlichen Ausdruck bedarf es jedoch eines separaten Subjekts, das die Sprache zum Zwecke des Ausdrucks verwendet. Hier stößt unsere Analogie an Grenzen, denn anders als die Sprache ist die Multitude selbst ein aktives Subjekt - also eine Art Sprache, die sich selbst ausdrücken kann.
Die Fähigkeit der Multitude zur Entscheidungsfindung ließe sich auch in Analogie zur gemeinschaftlichen Entwicklung von Computersoftware und zu den Innovationen der "Open Source"-Bewegung begreifen. Traditionelle, als Eigentum gesetzlich geschützte Software macht es den Nutzern unmöglich, den Quelleode zu erkennen, der anzeigt, wie ein Programm funktioniert.
... (S. 373)
Die Demokratie der Multitude lässt sich somit auch als eine Art "Open Source"-Gesellschaft verstehen, als eine Gesellschaft, deren Quellcode sichtbar ist, sodass wir alle gemeinsam daran arbeiten können, seine "bugs" zu beseitigen und neue, bessere soziale "Programme" zu entwickeln. ...
Für die Multitude jedoch gibt es keine prinzipielle Verpflichtung gegenüber der Macht. Im Gegenteil, für die Multitude sind das Recht auf Ungehorsam und das Recht auf Abweichung grundlegend. Die Verfassung der Multitude beruht auf der ständigen legitimen Möglichkeit des Ungehorsams. ...
Die Herausbildung der Multitude, ihre Innovation mittels Netzwerken und ihre Fähigkeit, gemeinsam Entscheidungen zu treffen, machen Demokratie heute zum ersten Mal möglich. Politische Souveränität und die Herrschaft des einen, die jede wirkliche Vorstellung von Demokratie bislang stets unterhöhlt haben, erscheinen heute nicht mehr nur als entbehrlich, sondern als absolut unmöglich. Wenngleich die Souveränität auf dem Mythos von dem einen gründete, hat es sich bei ihr schon immer um eine Wechselbeziehung gehandelt, die auf der Zustimmung und dem Gehorsam der Beherrschten beruhte. Da sich nun aber das Gleichgewicht in dieser Beziehung zugunsten der Beherrschten verschoben hat, die die Fähigkeit erlangt haben, soziale Beziehungen autonom zu schaffen, und als Multitude hervorgetreten sind, wird der einheitliche Souverän umso überflüssiger. Die Autonomie der Multitude und ihre Fähigkeit zur ökonomischen, politischen und sozialen Selbstorganisation nehmen der Souveränität jegliche Funktion. Die Souveränität ist nicht mehr ausschließliches Terrain des Politischen, mehr noch: die Multitude verbannt die Souveränität sogar aus der Politik. Wenn die Multitude endlich in der Lage sein wird, sich selbst zu regieren, dann wird Demokratie möglich.
... (S. 374)

Aus Gruppe Gegenbilder (2006), "Autonomie und Kooperation" (S. 107 f.)
Horizontalität stellt die in einer Netzwerkgesellschaft entscheidende Machtfrage: Die Frage der Codes und Diskurse, sprich der Spielregeln. Interessant dabei ist, dass vor allem die Herausnahme von Spielregeln, d.h. der organisierten Form von Privilegien durch bevorzugten Zugang zu Schaltstellen, Informationsflüssen und Ressourcen der Horizontalität hilft. Herrschaft wird aus einer netzwerkartigen Gesellschaft herausgenommen, wenn Normierungen, Eigentum, Zugangskontrolle, Patente und mehr verschwinden und so niemand mehr privilegiert auf gesellschaftliche Ressourcen zugreifen oder andere von diesen ausgrenzen kann. Horizontalität ist die „Regel der Nicht-Verregelung“ von Zugängen ? im optimalen Fall mit der durchdachten Förderung des gleichberechtigten Zuganges, damit auch tatsächlich alle Menschen die Möglichkeit haben, vorhandene Ressourcen, bestehendes Wissen und funktionierende Schaltstellen zu nutzen. Antrieb dazu ist die im Grundgedanken von Autonomie und Kooperation formulierte Erwartung, dass bei fehlender Möglichkeit der machtförmigen Abschottung eigenen Wissens und eigener materieller Ressourcen vor anderen Menschen kein Interesse mehr daran besteht, Menschen in ihrer Selbstentfaltung und damit auch an der intensiven Nutzung aller gesellschaftlichen Möglichkeiten einzuschränken, weil jede Einschränkung in ihren Folgen z.B. fehlender neuer Ideen, Techniken und Ressourcen notwendigerweise auch die trifft, die diese Einschränkungen schaffen.

Zum nächsten Text, dem vierten Text im Kapitel zu Strategien herrschaftsfreier Gesellschaft: Koordinierung und Kooperation

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