Projektwerkstatt

PRAXIS: EXPERIMENT, AKTION UND ALLTAG

Aneignung und Austeilen


1. Einleitung
2. Demaskierung des Herrschaftsförmigen in Verhältnissen und Beziehungen
3. Herrschaft abwickeln
4. Aneignung und Austeilen
5. Beteiligungsmöglichkeiten ausdehnen, Hemmnisse abbauen
6. Alternativen und Gegenkultur
7. Utopien entwickeln, benennen und vorantreiben
8. Experimente und Anwendungsfelder
9. Aktion: Öffentlichkeit und Widerstand
10. Links

Verteilung und Zugänglichkeit von Ressourcen prägen gesellschaftliche Verhältnisse und Handlungsmöglichkeiten. Zur Zeit sind sie sehr ungleich verteilt und zwar aufgrund des Eigentumsrechtes, wirtschaftlicher Verhältnisse und der autoritären Rolle des Staates. Die Ungleichverteilung fällt dabei so stark aus, dass erhebliche Ressourcen ungenutzt herumliegen, weil sie dort, wo sie liegen, im Überfluss sind oder nicht gebraucht werden, formale Schranken aber ihre Nutzung an anderer Stelle verhindern. Es ist daher sinnvoll, den Zugang zu Ressourcen zu verbessern. Das ist je nach Art der Ressource auf sehr unterschiedlichen Wegen möglich.

Ressourcen aneignen und zugänglich machen
Einige haben viel, viele haben wenig. Das schafft Privilegien und ungleiche Handlungsmöglichkeiten. Eine ausgeglichenere Verteilung des Reichtums, insbesondere auch des Zugriffs auf Produktionsmittel, kann Herrschaftsverhältnisse abbauen. Solche Veränderungen sind über politische Prozesse möglich, aber auch über die Aneignung. Die Besetzung eines Hauses, die Verwandlung bisher unzugänglicher Grundstücke in öffentliche Gärten, Umsonstläden, das Knacken eines Kopierschutzes bzw. des Quellcodes digitaler Ressourcen oder die als Diebstahl von den VerwalterInnen der bestehenden Ungleichverteilung gebrandmarkte Plünderung und Verteilung an Bedürftige sind einige von vielen Handlungen, die bestehende Verteilung zu verändern. Dass vieles davon illegal ist, muss nicht überraschen - Gesetze sind die Regeln derer, die Privilegien nutzen und erhalten wollen - unter anderem das Privileg, Gesetze erlassen zu können.

Der bloße Wechsel von Verfügbarkeit stellt allerdings nur einen kleinen Fortschritt dar. Wirkungsvoller wäre, die Ressourcen dauerhaft öffentlich zugänglich zu machen - als das Haus nicht nur per Besetzung dem Dasein als reines Spekulationsobjekt zu entreißen, sondern es zu öffnen für die Nutzung Vieler (potentiell aller). In diesem Sinn sind die meisten Hausbesetzungen vertane Chancen, weil nur Namen, Alter und Dresscode derer wechseln, die in spießiger Art ihr Eigentum gegenüber offener und vielfältiger Nutzung zu schützen versuchen. Wesentliche Veränderungen entstehen dann, wenn die Ressourcen allgemein verfügbar werden: Wissen, Technik und Erfindungen zugänglich machen, digitale Information offen gestalten (wie es z.B. bei Open Source Software der Fall ist), offene Räume schaffen und vor allem Produktionsmittel für alle bereitstellen. Ob Bagger, Schweißgerät, Druckerei oder Laserdrucker - es macht Sinn, wenn alle Menschen solche Sachen nutzen können (bei aller Schwierigkeit, wie der Prozess einer Kooperation dann konkret zu organisieren ist).

Wissen vermehren - für sich und alle
Es sind nicht nur äußere Bedingungen, die Handlungsmöglichkeiten einschränken, sondern auch fehlendes Wissen um diese. Das ist oft auch gesellschaftlich bedingt, weil z.B. Schule und Ausbildung keine für selbstorganisiertes Lebens passenden Informationen vermitteln, weil sie die Lust am eigenständigen Lernen vermiesen und weil es funktional scheint, statt eigener Anstrengung einfach im Strom mitzuschwimmen. Aber es hilft nichts: Die eigene Schwäche, sich aus dieser Umklammerung zu lösen, ist Teil des Problems - wohlgemerkt: Die Schwäche ist gesellschaftlich erwünscht. Es bedarf eines gegenkulturellen Aktes, eines mit der eigenen Zurichtung brechenden Willensaktes, die Bahn zu verlassen und sich selbst zum/r AkteurIn des eigenen Lebens zu erklären. Notwendig ist dann die ständige Aneignung der Fähigkeiten zu selbstorganisiertem Alltag - ein immerwährender Prozess, denn niemand kann alles Wissen und alle z.B. handwerklichen Anwendungen beherrschen. Aber es darf gerne ständig immer mehr werden ...
  • Bedienungsanleitungen lesen, Fragen stellen
  • Aufmerksam sein und mitkriegen, wo was fehlt oder nötig ist, wo was zu holen ist, wie was funktioniert
  • Willen zur Verbesserung entwickeln: Lässt sich das nicht geschickter lösen?
  • Die Technik durchschauen, beherrschen und selbst optimieren können, die im eigenen Leben prägend ist (vom Wasserhahn über Computer bis Auto/Fahrrad)
  • Erfahrung und Wissen sammeln, wie sich neue Fragen klären und Lösungen finden lassen

Das und vieles mehr bedeutet die Selbstermächtigung zum eigenen Leben. So entsteht die Alternative zum Mitschwimmen im Strom. Sie kann mit anderen Menschen geteilt werden. Wenn solche Informationen öffentlich zugänglich gehalten werden und sich Menschen ihr Wissen weitergeben, dann wächst bei allen die Fähigkeit zum selbstorganisierten Handeln.

Doch am Beginn steht die eigene Entscheidung, der Willen, sich selbst zum Mittelpunkt des eigenen Lebens zu machen. Das heißt: Selbständigkeit trainieren, Wissen um praktisches Handeln erweitern, Aufmerksamkeit schulen, Mut entwickeln, selbst die handelnde Person zu sein.

Im Original: Üben, üben, üben
Zu Immanual Kant, teilzitiert in Kappler, Marc (2006): "Emanzipation durch Partizipation?", Marburg (S. 13)
Die Ursachen der selbstverschuldeten Unmündigkeit findet er beim Individuum. Es seien "Faulheit und Feigheit", des Großteils der Menschen die Gründe für den Nichtgebrauch des eigenen Verstandes. Es sei nicht nur "bequem, unmündig zu sein", sondern der Mensch habe die "beinahe zur Natur gewordene Unmündigkeit (...) sogar liebgewonnen". Dennoch wagt Kant einen Blick über das Individuum hinaus, indem er die zur Natur gewonnene Unmündigkeit als Struktur, sowie den Subjektivierungsprozess von Strukturen, inklusive der Schwierigkeit ihrer Veränderung, erkennt. So seien "(...) Satzungen und Formen (...) die Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit. Wie sie auch abwürfe, würde dennoch auch über den schmalesten Graben einen nur unsicheren Sprung tun, weil er zu dergleichen freier Bewegung nicht gewöhnt ist. Daher gibt es nur wenige, denen es gelungen ist, durch eigene Bearbeitung ihres Geistes sich aus der Unmündigkeit herauszuwickeln und dennoch einen sicheren Gang zu tun.


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