Projektwerkstatt

MASSE ... IN FORM GEGOSSEN
WIRD AUS DEN VIELEN AUCH VIELFALT?

Biologie und Kultur des Menschen bieten mehr


1. Soziale Organisierung als Teil des Menschseins
2. Eine Menge von Menschen kann sehr unterschiedlich aussehen
3. In welcher Form leben wir?
4. Biologie und Kultur des Menschen bieten mehr
5. Plädoyer für Vielfalt ohne Hierarchie
6. Links und Leseempfehlungen

Es gibt Laien und ExpertInnen, die meinen, die Natur des Menschen gäbe nicht mehr her als das Leben in durch Zwang geordneten Gruppen, sonst käme es zu Mord und Totschlag, wahlweise auch zu Chaos oder Untergang. Doch das stimmt schon von der Natur her nicht. Jenseits der Frage, ob es eine ursprüngliche Natürlichkeit der menschlichen Sozialisation überhaupt geben kann, wäre diese mit Sicherheit nicht herdenförmig. Ganz im Gegenteil ist auch in der außermenschlichen Tierwelt zu sehen, dass mit dem Grad an Denk- und Bewusstseinsfähigkeit sich nicht nur Werkzeuggebrauch und Lernen ausdehnen, sondern auch die Sozialbeziehungen komplexer werden, also nicht mehr eine bestimmte, einfache Form annehmen.
Die beiden den Menschen am nächsten stehenden Tierarten sind nach dem Wissensstand in der Biologie Schimpansen und Bonobos. Interessanterweise sind - bei aller Ähnlichkeit - die Geschlechterdominanzen offenbar gegenteilig, bei den Bonobos scheint der Zusammenhalt mehr auf die Abstammung zu zielen, ist also familienähnlich.

Im Original: Sozialstruktur bei Schimpansen, Bonobos usw.
Wikipedia zu Schimpansen
Die Sozialstruktur der Schimpansen wird als „Fission-Fusion-Organisation“ beschrieben. Das heißt, sie leben in Großgruppen, die sich jedoch oft in Untergruppen aufspalten. Diese Untergruppen sind sehr flexibel und stellen oft nur vorübergehende Zusammenschlüsse dar. So findet man einzelgängerische Tiere neben Paaren sowie getrennt- und gemischt-geschlechtlichen Gruppen. Die Organisation der Großgruppen unterscheidet sich jedoch bei den beiden Arten: die der Bonobos sind stärker matriarchalisch strukturiert und werden oft von einem Weibchen geführt, bei den Gemeinen Schimpansen sind die Männchen dominant. Auch sind die Untergruppen der Bonobos mit 6 bis 23 Tieren größer als die der Gemeinen Schimpansen (durchschnittlich 4 bis 8 Tiere), öfter gemischt-geschlechtlich und in der Regel friedvoller als die der Gemeinen Schimpansen. Gegenseitige Körper- und Fellpflege („Grooming“) stellt wie bei vielen Primaten eine wichtige soziale Komponente dar und spiegelt auch die Gruppenhierarchie wider.
Eine zehn Jahre währende Beobachtung einer Gruppe von 150 Schimpansen im Kibale-Nationalpark von Uganda hat ergeben, dass sie sich gelegentlich zu Banden zusammenschließen, um Nachbargemeinden das Territorium abzujagen, und bei derartigen Angriffen auch Artgenossen töten. Bei den meisten der wissenschaftlich dokumentierten Angriffen wurden Affensäuglinge der benachbarten Gruppe getötet.


Wikipedia zu Bonobos
Die Sozialstruktur der Bonobos wird als Fission-Fusion-Organisation („Trennen und Zusammenkommen“) beschrieben. Das bedeutet, sie leben in Großgruppen von 40 bis 120 Tieren, die sich oft in Untergruppen von meist 6 bis 23 Tieren aufteilen, um manchmal wieder zusammenzukommen. Im Gegensatz zu den Gemeinen Schimpansen, die eine ähnliche Sozialstruktur aufweisen, sind die Untergruppen der Bonobos größer, öfter gemischt-geschlechtlich und stabiler. Auch findet man nur selten Einzeltiere, und wenn, dann nur Männchen.
Sowohl die Weibchen als auch die Männchen in einer Gruppe etablieren ihre Rangordnung. Dabei kommt es auch zu aggressiven Interaktionen, die zwar nicht seltener, aber von deutlich geringerer Intensität als bei Gemeinen Schimpansen sind. Bei der Aggressionskontrolle kommt sexuellen Interaktionen eine wichtige Rolle zu. Innerhalb der Großgruppe bilden die Weibchen den Kern und übernehmen auch die Führungsrolle. Eine Dominanz der Männchen über die Weibchen ist kaum zu sehen, es gibt sogar Berichte über ein ausgesprochen aggressives Verhalten der Weibchen gegenüber den Männchen. Generell sind die Beziehungen zwischen den Weibchen einer Gruppe viel enger als die zwischen den Männchen. Bei den Weibchen ist die gegenseitige Fellpflege (Komfortverhalten) sehr häufig, auch teilen sie öfter die Nahrung miteinander.
Die Männchen hingegen haben wenig Zusammenhalt untereinander, sie pflegen sich seltener gegenseitig das Fell und bilden im Gegensatz zu den Gemeinen Schimpansen keine Allianzen, um ihre Rangstufe in der Gruppenhierarchie zu verbessern. Überhaupt halten die Männchen zeitlebens einen engen Kontakt mit ihrer Mutter aufrecht – sie bleiben im Gegensatz zu den Weibchen dauerhaft in ihrer Geburtsgruppe. Die Stellung der Männchen in der Gruppenhierarchie dürfte auch vom Rang ihrer Mutter abhängen.

Aus Andrea Roedig: "Der Mensch stammt nicht vom Affen ab", in: Freitag, 11.10.2012 (S. 6)
Was dem Affen recht ist, sollte dem Menschen billig sein. In einem berühmten Experiment trainierten die Primatenforscher Frans de Waal und Sarah Brosnan Kapuzineräffchen darauf, dass sie ihnen zugesteckte Spielmarken wieder aus dem Käfig herausgeben. Doch während ein Affe Weintrauben als Belohnung erhielt, bekamen andere nur Gurkenstücke. Und siehe da, es regte sich Unmut. Die benachteiligten Äffchen verweigerten die Gurken und machten Radau.
Man mag sich wundern, denn jeder Zoobesuch verdeutlicht einem ja, dass im Tierreich dem größten Pavian ganz selbstverständlich auch die schönsten Weibchen und das beste Stück Futter zusteht. Anders bei den Kapuzineräffchen. Sie sind offenbar die Egalitaristen unter den Affen. De Waal und Brosnan schlossen aus ihrem Experiment, dessen Ergebnisse sie 2003 veröffentlichten, auf einen ursprünglichen Gerechtigkeitssinn bei Primaten, der sich auch evolutionär gut begründen lasse. Die Kapuziner jagen gemeinsam und sind auf Kooperation angewiesen, was logischerweise besser funktioniert wenn es halbwegs fair zugeht.


Es soll an dieser Stelle nicht dafür geworben werden, diese Beobachtungen aus der Tierwelt auf den Menschen zu übertragen. Das wäre ebenso fahrlässig wie von einer Tierart auf die andere zu schließen. Beim Menschen kommt seine besondere Fähigkeit zur Abstraktion hinzu, die natürliche Einflüsse stark überstrahlt. Es ist daher naheliegend, für den Menschen als "natürliche" Form eine hochkomplexe, mit ganz feinen Mechanismen geregelte Gemeinschaft mit weitgehend gleichen Möglichkeiten der Individuen anzunehmen. Denn der Trend in der Natur zeigt klar, dass mit Wachsen der Denk-, Reflexions- und Bewusstseinsfähigkeit diese Orientierungen zunehmen. Die durch plumpe Staats- oder Herrschergewalt geformten Hierarchien sind also alles andere als biologisch begründbar.

Im Original: Hierarchie macht unglücklich?
Auszug aus einem Interview mit der Gesundheitsforscherin Kate Pickett in: FR, 28.1.2011 (S. 20)
Es gibt ein interessantes Experiment mit Makaken. Diese wurden zunächst individuell untergebracht und ihr Hirn untersucht. Dabei ging es vor allem um den Dopamin-Gehalt, der bestimmt, ob ein Lebewesen sich wohlfühlt oder Angst hat. Dann wurden die Äffchen in Gruppen zusammengefasst, was dazu führte, dass sich eine soziale Hierarchie herausbildete. Manche wurden dominant, andere ordneten sich unter. Als man ihre Hirne erneut untersuchte, zeigte sich, dass die dominanten sich deutlich wohler und kaum ängstlich fühlten. Sie genossen es, Alphatiere zu sein, während die anderen überhaupt nicht von der Tatsache profitierten, in einer Gruppe zu leben. In einem weiteren Schritt erhielten die Affen die Möglichkeit, sich selbst so viel Kokain zu verabreichen, wie sie wollten. Den Alphatieren war das egal, ihnen reichte offenbar die Genugtuung, ganz oben zu sein. Die unten stehenden Affen konsumierten dagegen große Mengen Drogen, bis deren Hirne eine ähnlich hohe Glückskonzentration zeigten. Kurzum: Diese TIere hatten ein unglaublich genaues Gespür für ihr gesellschaftliches Umfeld und empfangen großen Schmerz, wenn sie in einer Gesellschaft ganz unten waren. Man muss natürlich vorsichtig sein, wenn es darum geht, von Affen auf Menschen zu schließen.

Tatsächlich reicht das aber noch nicht, denn der Mensch verfügt über sozial ausgebildete, aber auf natürlichen Möglichkeiten basierende Fähigkeiten, die ganz neue Qualitäten des Miteinanders und auch der Organisierung hochkomplexer Formen ermöglichen.

Geschichtsschreibung und organisiertes Lernen: Das Know-How immer weiter ausdehnen
Menschen können Wissen und Erfahrungen auch außerhalb ihres Körpers aufbewahren. Das erhöht die Menge des Wissens, dass von einem einzigen Menschen erfasst (gelernt) und auch weitergegeben werden kann, erheblich. Denn Vergessen kann dadurch vermieden werden, dass das einmal vorhandene Wissen in Schrift-, Bild- oder Audioform gespeichert wird. Ob in wirren Zettelhaufen, Kreidetafeln oder vollgestopften Festplatten - der Mensch kann externe Wissensspeicher um sich herum schaffen.
Das ermöglicht zudem den Austausch dieses Wissens mit anderen. Wissen ist im Prinzip digital, d.h. ohne Qualitätsverluste vervielfältigbar. Es ist für jeden Einzelnen sehr vorteilhaft, möglichst unkompliziert an das Wissen anderer heranzukommen. Wenn diese es in Form zugänglicher Bücher, Schriften oder z.B. im Internet bereitstellen, bedarf es höchstens noch einer Übersetzung, um selbiges zu nutzen. Es ist unmittelbar einleuchten, dass es für den Einzelnen von Vorteil ist, wenn sich alle entfalten und ihr Wissen in zugänglicher Form festhalten können. Behinderungen beim Zugang zu solchem Wissen, wie es z.B. in Hierarchien möglich wäre, würden der freien Entfaltung im Wege stehen. Die breite Streuung, folgend die Zugänglichkeit und damit die beste Voraussetzung für die Weiterentwicklung von Wissen ist am bestens in einer Gesellschaft möglich, in der alle Menschen gleichberechtigt, d.h. horizontal zueinander stehen und deren Binnenstruktur möglichst vielfältig und aus wenig voneinander abgegrenzten Subräumen besteht. Förderlich wäre auch ein Lernen, das den freien Zugang zu Wissen und die Lernmöglichkeit aller von allen garantiert, den Austausch von Wissen fördert und Orte schafft, an denen Wissen erreichbar ist. Die heutigen Schulen und Universitäten haben mit einem solchen emanzipatorischen Modell nur sehr wenig Ähnlichkeit.

Aus Nicholas Carr (2014), „Abgehängt“ (S. 55)
In einem automatisierten System konzentriert sich die Macht bei denen, die die Programmierung steuern.

Sprache und Kommunikation: Fähigkeit für komplexe Kooperationen
Damit Wissen zirkulieren und weitergegeben werden kann, braucht es der Verständigungsmittel: Sprache und Kommunikationsmittel. Beides ist bereits jetzt vielfältig vorhanden. Alle Sprachen haben einen umfangreichen Wortschatz und können sehr komplizierte Sachverhalte in Worte fassen. Die Art der Kommunikation ist durch die technischen Entwicklungen sehr unterschiedlich möglich - es ist eine bedauerliche Folge sozialer Zurichtung auf bestimmte Internetformate, dass Kommunikation zur Zeit künstlich immer primitiver gestaltet wird und mitunter nur noch aus computergenerierten Freundeskreisen und Smileys besteht. Grundsätzlich ist der Mensch von Natur aus so ausgestattet, dass er verschiedene Kommunikationsformen miteinander verbinden kann - auch das spricht dafür, Gesellschaft komplex zu gestalten, künstliche Vereinfachungen wie Hierarchien und allgemeingültige Regeln (statt Vereinbarungen) zu verdrängen und viele offene Räume zu schaffen, in denen sich Menschen und ihre Kooperation entfalten können.

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