Projektwerkstatt

WAS SIND WELT UND LEBEN?

Wahrheit und Wahrnehmung


1. Dynamische Materie in Selbstorganisierung
2. Materie im Wandel - an Beispielen
3. Wahrheit und Wahrnehmung
4. Buchvorstellungen zum Themenbereich

Sämtliche Annahmen fester Grundbestandteile des Stofflichen haben sich im Laufe der Zeit widerlegt oder zumindest soweit abgeändert, dass sie nur ein Zwischenschritt der Erkenntnis waren und nur deshalb als unteilbarer Grundbaustein ("A-tom") erschienen, weil zur Zeit ihrer Entdeckung keine Instrumente bereitstanden, genauere Analysen durchzuführen.

Eine gewisse Ähnlichkeit mit dieser Dekonstruktion scheinbar endgültiger wissenschaftlicher Erkenntnisse hat die Diskussion um die Existenz unverrückbarer Wahrheiten in alltäglichen bis ideologischen Debatten, also in der kulturellen Evolution. Eigentlich müsste die Idee des Wahren schon aufgrund seiner vielfachen, irrtümlichen oder ideologischen Verwendung in der Geschichte eine skeptische Haltung hervorrufen. Interessanterweise ist das aber eher selten. Obwohl seit Jahrtausenden Ideologien durch die Behauptung, Wahrheiten zu verkünden oder das wahre Leben zu offenbaren, Herrschaftspositionen und abstruse Meinungen mit Wichtigkeit und Allgemeingültigkeit aufbliesen, gelingt dieses Manöver noch heute. Ob in Wissenschaft, Gerichtssälen, Medien oder Bildung - gelehrt wird die Existenz von Wahrheit (modern auch als Objektivität bezeichnet) und das Vorhandensein von Methoden, diese festzustellen. Ein skeptischer Blick darauf, wie hoffnungslos käuflich die heutige Wissenschaft ist, wie Urteile vor Gericht aus einer Mischung aus desinteressiert-arbeitsüberlasteten Fließband-Aburteilerei und platter Interessenverfolgung entspringen oder in Medien und Schulen Meinungsmache als wertfreier Inhalt vermittelt wird, könnte schon einige Zweifel hervorrufen. Doch selbst wenn diese Wesenszüge herrschaftsförmiger Gesellschaften nicht vorhanden wären, blieben grundsätzliche Bedenken gegen die Existenz von Wahrheit oder zumindest gegen deren Verkündung. Dazu sollen zunächst einige Begriffe geklärt werden, um dann zu verdeutlichen, dass Menschen und ihre Kollektive grundsätzlich nicht in der Lage sind, Wahrheit ausmachen und verkünden zu können. Nicht, weil es sie nicht gibt (das muss, wie zu sehen ist, offen bleiben, denn es ist vom Menschen nicht zu klären), sondern weil kein Mensch sie erkennen kann.

Wahrheit und Objektivität
Die AnhängerInnen der Theorie, dass Wahres bzw. Objektives existiert, definieren Selbiges so, dass es etwas Bestehendes (PhilosophInnen sprechen gern von "Seiendem") so beschreibt, wie es auch tatsächlich ist. Das meint, dass das Wahre und Objektive unabhängig vom Betrachter existiert. Es könnte von jedem auch so erkannt werden, wenn ideologische Verblendungen, Diskurse usw. abgelegt würden und die Sache an sich erkannt würde.

Im Original: Wahrheit
Definition in einem Philosophischem Lexikon
In einem attributivem Gebrauch kann man von einem wahren Ereignis, einem wahren Leben, einem wahren Kunstwerk usw. reden, womit gemeint ist, dass das Ereignis, das Leben oder das Kunstwerk echt, wirklich oder gut sind. Häufig liegt diesem Begriff von Wahrheit die Vorstellung zugrunde, dass es für jedes Ding eine ideale Gestalt gebe und dass ein Ding um so wahrer werde, je näher es diesem Ideal kommt (vgl. z. B. Platon, Hegel und Kierkegaard). ...
Für die Unterscheidung der Theorien sind neben ihren Aussagen über die Wahrheit auch die Aussagen über die jeweils akzeptierten Wahrheitskriterien wesentlich.

Auszug aus Voland, Eckart, "Eine Naturgeschichte Gottes", in: "Der Neue Humanismus", Alibri in Aschaffenburg (S. 78f)
Zu den Besonderheiten des menschlichen Geistes gehört auch, was man als „kognitiven Imperativ" bezeichnet hat. Der kognitive Imperativ zwingt ständig zum Nachdenken über die Regelhaftigkeiten und Gesetzmäßigkeiten des Seins, über die Gründe für das Vofindliche, über die Ursachen des Geschehens - letztlich über den Sinn und Zweck des Ganzen. Man kann praktisch nicht nichts Zusammenhängendes wahrnehmen und wenn doch, wird dies als Grenzerfahrung erlebt. Der kognitive Imperativ zwingt zu einer plausiblen, kohärenten Konstruktion des Abbilds des Weltgeschehens, ohne Erklärungslücke, ohne irrationale Inseln. Menschen können Kontingenz, Irrationalität und kausale Ungewissheit offenbar nicht gut aushalten, weil Nichtverstandenes Angst erzeugt. Um dies zu vermeiden, werden Gründe und Ursachen auch dort gesehen, wo es keine gibt. Das Gehirn ist ein permanent arbeitender Geschichtengenerator. Es sieht nicht nur Regeln, wo keine sind, sondern erfindet auch Geschichten, die diese Regeln mehr oder weniger plausibel erscheinen lassen. Konfabulationen haben hier ihren Ursprung. Deren vorrangige Aufgabe ist es, plausible Erklärungen für all jenes zu liefern, was ansonsten unverstanden bliebe. ...
An den Grenzen des Wissens entstehen deshalb ganz automatisch konfabulierte Geschichten, die, wenn sie Angst reduzierend wirken sollen, plausibel sein müssen - plausibel allerdings nach Maßgabe einer darwinisch evolvierten kognitiven Maschinerie. Deshalb sind die Bilder, die sich Menschen vom Jenseitigen machen, letztlich Projektionen einer diesseitstauglichen Psyche. Das Jenseitige trägt irdische Züge und ist deshalb kognitiv beherrschbar. Götter haben Absichten und Bedürfnisse, sie können lieben oder strafen. Wäre dem nicht so, könnte Kontingenz nicht verarbeitet, Angst nicht reduziert werden. In dieser Sicht wären die metaphysischen Grundannahmen lediglich unvermeidbare, in ihren Konsequenzen aber biologisch eher harmlose Nebenprodukte der ganz normalen, auf die Bewältigung irdischer Lebensprobleme hin ausgerichteten Psyche, die zwar effizient, aber nicht fehlerfrei arbeitet.


Nun wirft das aber eine Menge Fragen auf. Die erste stammt schon aus der bereits dargestellten Physik der "Sachen". Wenn diese dynamisch sind, was ist dann ihr wahrer Kern, was ihr objektiver Zustand? Lässt sich - auch im günstigsten Fall - nicht nur eine Momentaufnahme machen, die schon Millisekunden später nicht mehr sicher in der gleichen Form existiert? Das gilt für alles Stoffliche genauso wie für die kulturelle Evolution, also die sozialen Verhältnisse. Alles ist immer im Fluss, wenn auch mitunter über lange Zeiträume. Was aber - sorry für die Abzweige in die Weiten der Physik - auch schon wieder problematisch ist. Denn ob es Zeit als Konstante überhaupt gibt oder sie nur ein Konstrukt des Bewusstseins ist, um Wahrnehmungen besser sortieren zu können, darüber sind sich die PhysikerInnen längst nicht mehr einig.

Das ist aber noch einfach. Mensch könnte ja versuchen, die Veränderbarkeit mit in eine Beschreibung des objektiven Zustandes einer Sache einfließen zu lassen. Das würde zwar die Beschreibung erheblich komplexer machen und Zustandbeschreibungen nur in der Vergangenheitsform erlauben - aber immerhin, denkbar bliebe es vor diesem Hintergrund.
Schwieriger wird da schon etwas anderes: Wahrheit hin oder her, kein Mensch hat einen objektiven Blick darauf. Denn die soziale Zurichtung, Erwartungshaltungen, Ideologie, die Wünsche des Geldgebers oder anderer Personen, das Denken an die eigene Karriere, Angst vor Verbotenem oder auch nur unangenehmen Erkenntnissen - das und noch viel mehr spielen eine Rolle bei allen Überlegungen und Forschungen, die vermeintlich der Wahrheit auf den Grund gehen. Wahrheit wäre das, was unabhängig von der Position eines/r BetrachterIn existiert. Nur hat jedeR BetrachterIn eine Position - auch wenn das im allgemeinen Gerede von "Sachlichkeit" in Wissenschaft und Politik oder "Objektivität" im Journalismus oft vergessen wird. Denn was als Wahrheit oder Objektivität bezeichnet wird, gewinnt durch dieses Etikett an Durchschlagskraft. Das ist ein wichtiges Motiv, die beiden Begriffe und das dahinterstehende Denkgebäude inflationär zu gebrauchen. Argumente lassen sich durch die Behauptung reiner Sachlichkeit, Wahrheit und Objektivität durchaus auch mal komplett ersetzen.

Im Original: Sprache und Begriffe schaffen Wahrnehmung
Aus Boroditsky, Lera: "Wie die Sprache das Denken formt", in: Spektrum der Wissenschaft 4/2012 (S. 30ff.)
Wenn Menschen grundverschieden sprechen, dann denken sie auch unterschiedlich. ...
Lange war unklar, ob der Gebrauch von Mian, Russisch, Indonesisch, Mandarin oder Piraha wirklich zu jeweils eigenen Wahrnehmungen, Erinnnerungen und Überlegungen führt. Doch zwahlreiche Forschungen - unter anderem in meinem Labor - haben in zwischen gezeigt, dass die Sprache sogar die grundlegenden Dimensionen menschlicher Erfahrung präfgt: Raum, Zeit, Kausalität und die Beziehung zu anderen. ...
Von der Sprache hängt sogar ab, wie schnell Kinder herausfinden, ob sie Jungen oder Mädchen sind. Im Jahr 1983 vergleich Alexander Guiora von der University of Michigan in Ann Arbor drei Gruppen von Kindern, die Hebräisch, Englisch oder Finnisch als Mutterspreche hatten. Das Hebräische bezeichnet das Geschlecht ausgiebig - sogar das Wort "du" variiert dementsprechend
-, Finnisch macht keine solchen Unterschiede, und Englisch liegt dazwischen. Dementsprechend finden hebräische Kinder ihr eigenes Geschlecht rund ein Jahr früher heraus als finnische; englische nehmen diesbezüglich einen Mittelplatz ein. ...
Bringt man Menschen zum Beispiel neue Farbwörter bei, verändert dies ihre Fähigkeit, Farben zu unterscheiden. Lehrt man sie, auf eine neue Weise über Zeit zu sprechen, so beginnen sie, anders darüber zu denken. ...
All diesen Forschungsergebnissen zufolge wirken die Katagorien und Unterscheidungen, die in speziellen Sprachen existieren, stark auf unser geistiges Leben ein. ...
Ein Grundzug menschlicher Intelliganz ist ihre Anpassungsfähigkeit - die Gabe, Konzepte über die Welt zu erfinden und so abzuändern, dass sie zu wechselnden Zielen und Umgebungen passen. Eine Folge dieser Flexilibilität ist die enorme Vielfaltder Sprachen. Jede enthält eine Art und Weise, die Welt wahrzunehmen, sie zu begreifen und mit Bedeutung zu füllen - ein unschätzbarer Reiseführer, den unsere Vorfahren entwickelt und verfeinert haben. Indem Wissenschaftler erforschen, wie die Sprache unsere Denkweise formt, enthüllen sie, wie wir Wissen erzeugen und die Realität kosntruieren. Diese Erkenntnis wiederum hilft uns zu verstehen, was uns zu Menschen macht.


Aus "Kopf und Körper" von Peter Hacks, in: Junge Welt, 13.12.2018 (S. 12f)
Fast jedes schwierigere Problem hat mehrere Lösungen von annähernd gleicher Wahrscheinlichkeit. ...
Alle geistreichen Gespräche landen schnell bei diesen ursprünglichen Unbeweislichkeiten, von denen, wenn sie geschickt gewählt sind, auch die äußerste Albernheit streng und eilend abgeleitet werden kann. ...
Aus alle dem ist ersichtlich, dass es einem Menschen in grundlegenden Fragen und auf lange Sicht fast unmöglich ist, um des eigenen Vorteils willen zu lügen und sich zu verstellen: Es ist zu schwer, an den erlogenen und vorgetäuschten Maximen nicht endlich etwas Wahres zu finden. Und schließlich ist das menschliche Bedürfnis, Weltbild und Handlungen in Einklang zu bringen, mehr als ein Luxus. Es ist eine Lebensnotwendigkeit. Man findet also kaum eine richtigere Lehre als die des ethischen Intellektualismus, nur muss seine Formel nicht: Ich tue, was ich als gut erkenne, heißen, sondern: Was ich tue, erkenne ich als gut.


Aus Andreas Anter (2007), „Die Macht der Ordnung“ (S. 11ff und 21)
Jede Reflexion über die Frage der Ordnung hat einen selbstreferentiellen Aspekt, da sie selbst bereits ein Ordnungsprozeß ist. In epistemologischer Hinsicht ist Ordnung ein Erkenntnisprinzip. Da jede Erkenntnis zunächst in einem Vorgang des Ordnens besteht, ist es sinnvoll, diese grundlegende Dimension in den Blick zu nehmen: Wir können »gar nicht anders als ordnend erkennen« Was wir als »Wirklichkeit« bezeichnen, präsentiert sich unseren Sinnesorganen in Form einer Kette von Wahrnehmungen, die wir in eine bestimmte Ordnung bringen, um sie verstehen und erklären zu können. Diesen schlichten, gleichwohl elementaren Sachverhalt kann man auf eine ebenso schlichte Formel bringen: »Without order our senses could not function«. Umgekehrt bedeutet dies, daß das Ungeordnete für uns um so schwerer verständlich ist: »Was wir nicht in eine Ordnung einbeziehen können«, meint Julien Freund, »bleibt für uns unverständlich, rätselhaft, zumindest unklar.« …
Diese Frage stellt sich spätestens seit Kants vielzitiertem Satz aus der Kritik der reinen Vernunft: »Die Ordnung und Regelmäßigkeit also an den Erscheinungen, die wir Natur nennen, bringen wir selbst hinein, und würden sie auch nicht darin finden können, hätten wir sie nicht, oder die Natur unseres Gemüts ursprünglich hiiieingelegt.« Für das Verhältnis von Ordnung und Erkenntnis bedeutete dies in der Tat eine kopernikanische Wende. In der mittelalterlichen Vorstellungswelt verhielt es sich noch genau umgekehrt. Während Thomas von Aquin noch sicher war, daß die Ordnung sich »vornehmlich in den Dingen selbst« finde und von dort erst in unsere Erkenntnis »übergeleitet« werde, hat sich diese Sicherheit seit Kant verflüchtigt. Auch Schopenhauer lokalisierte die »Ordnung der Dinge« im menschlichen Gehirn, da diese »Ordnung der Dinge, welche das Kriterium und den Leitfaden ihrer empirischen Realität abgibt, selbst erst vom Gehirn ausgeht und von diesem allein ihre Kreditive hat«.
Damit wanderte die »Ordnung der Dinge« in die Ordnung der Köpfe. Es ist der menschliche Verstand, der sie überhaupt erst konstituiert. … Hans Cornelius, der heute weitgehend vergessene Lehrer Adornos, eröffnete den Ordnungserkenntnisdiskurs des letzten Jahrhunderts mit der Feststellung, aus unserem Bewußtsein entspringe »die begriffliche Ordnung, in welche wir die Gesamtheit unserer Erlebnisse fassen und durch welche sich uns das Chaos dieser Erlebnisse zur Einheit unseres Erfahrungsganzen zusammenschließt«. …
Jede Vorstellung sei daher zwangsläufig subjektiv: »Wir wissen nur von der subjektiven Ordnung in unserem Kopfe ... Der Mensch hat die Ordnung in die Natur hin-eingetragen«. …
Konstruktivisten sind ohnehin von Haus aus davon überzeugt, daß die Eigenschaften, die angeblich in den Dingen liegen, sich stets nur »als Eigenschaften des Beobachters erweisen«. Diese Überzeugung hat sich weit über Fächergrenzen hinweg zur Gewißheit verfestigt. Auch die ordnungstheoretischen Köpfe der Nationalökonomie, die, wie noch genauer zu zeigen sein wird, eng mit den Annahmen der Selbstorganisationstheorie verbunden sind, verzichten in ihren Reflexionen nicht auf kognitionstheoretische Grundierungen. So meinte Friedrich August von Hayek, daß das zentrale Nervensystem aufgrund der physikalischen Wahrnehmung eine Sinnesordnung (sensory order) produziere, die sich jeweils individuell konstituiere. Daher sei unsere Wahrnehmung der physikalischen Welt notwendig eine subjektive Ordnung. Für Hayek, der sich strikt von einer »sklavischen Nachahmung der Methode und Sprache der Naturwissenschaft« abgrenzte, war daher auch die sozialwissenschaftliche Erkenntnis eine subjektive, wobei er jedoch nicht so weit ging, die Existenz einer objektiven Realität zu bestreiten. ...
»Es ist jedoch auch der Fall denkbar, daß der wissenschaftliche Beobachter eine Ordnung konstruiert, die überhaupt nicht auf einen empirischen Gehalt gegründet ist. Wie eine solche imaginäre oder verzerrte Ordnung unter Umständen zustandekommen kann, zeigt die Klage über die Tücken der empirischen Sozialforschung: »Das ständige Problem ist, daß der Beobachter ... auch eine zerstückelte Verhaltenssequenz oder unverständliche bzw. widersprüchliche Elemente einer Situation nicht so unverbunden und gestört beschreibt, wie er sie vorfindet, sondern durch Interpretation in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen sucht. Er schafft auch dort Ordnung, Zusammenhang und Sinn, wo ursprünglich keiner oder zumindest in dieser Form keiner bestand.«

(zitiert nach: Jürgen Friedrichs, Methoden empirischer Sozialforschung, Opladen 1983, S. 284)

Wenn aber eine Wahrnehmung oder Auffassung zur Wahrheit mutiert, nimmt sie in den Augen des/r VerkünderIn eine grundsätzlich neue Qualität ein. Sie ist nicht mehr hinterfragbar, andere Auffassungen müssen logisch falsch sein (Nicht-A ist unwahr, wenn A wahr ist). Das provoziert Meinungskämpfe unter dem Deckmantel unanfechtbarer Behauptungen.

Heinz von Foerster, in: Bernhard Pörksen (2008), „Die Gewissheit der Ungewissheit“ (S. 26)
Denn auch die Sicherheit und die vermeintliche Statik der Verhältnisse bringen einen Menschen womöglich zu einem bestimmten Zeitpunkt seines Lebens in große Schwierigkeiten: Er erkennt dann nicht, dass die Verhältnisse, die ihn bedrängen, auch ganz anders sein könnten und dass er die Kraft besitzt, sie zu verändern.

In diesem Sinne ist "Wahrheit" eine religiöse Kategorie, weil sie etwas Menschengedachtes über das menschliche Bewerten und Abwägen stellt. Der Glaube an Gott kann hier bemerkenswerte Schnittmengen mit dem an Wissenschaft und Aufklärung bilden.

Im Original: Wahrheit in der Wissenschaft
Dürr, Hans-Peter (2010): „Warum es ums Ganze geht“, Ökom in München (S. 76)
Die moderne Naturwissenschaft hat uns gelehrt, dass es eine objektivierbare Wirklichkeit, eine aus unzerstörbaren Einheiten bestehende dingliche Realität eigentlich gar nicht gibt. Was wir als Wirklichkeit erfahren, hängt wesentlich von der Methode ab, mit der wir die Wirklichkeit erfahren, hängt wesentlich von der Methode ab, mit der wir die Wirklichkeit ausforschen und traktieren. Die naturwissenschaftliche Wirklichkeit trägt immer den Stempel unseres Denkens, sie ist geprägt durch die Art und Weise, wie Teile durch unser Denken aus dem Gesamtzusammenhang herausgebrochen wurden. Jedes Wissen, das wir begrifflich fassen, bedeutet deshalb Wertung. Die Wirklichkeit, die wir durch unser begriffliches Denken und insbesondere durch Naturwissenschaft erfassen können, ist nicht die ganze Wirklichkeit, die wir prinzipiell erfahren können. Wirklichkeit ist mehr als dingliche Realität. ...
Wirklichkeit ist im Prinzip kreativ, hat keine Grenzen, ist offen, dynamisch, instabil, das unauftrennbare Ganze. Ich habe diese Wirklichkeit bereits als Geist charakterisiert. Die Grundlage der Welt ist nicht materiell, sondern geistig. Und die Materie ist gewissermaßen die Schlacke des Geistes, sie bildet sich hinterher durch eine Art Gerinnungsprozess.
Aus den bisherigen Ausführungen ergibt sich, dass das Wesentliche des Lebendigen in seiner Instabilität liegt. Nur in einem labilen, instabflen Zustand, der kurzfristig zusammenbricht, können sich prinzipiell hoch geordnete, differenzierte Strukturen bilden. Hier schließt sich die Frage an: Gibt es Möglichkeiten, Instabilität zu stabilisieren? Eine solche Situation gibt es in der Tat. Wir praktizieren sie täglich: Wir stehen auf einem Bein und sind, statisch betrachtet, instabil. Wir stehen auf dem anderen Bein und sind in der gleichen wackligen Lage. Sobald wir aber gehen, wechseln wir von einer Instabilität in die andere und erreichen dadurch einen dynamisch stabilen Gang, ohne dabei hinzufallen (Abbildung 4). Das ist das Wesen des Lebendigseins: statische Instabilität in eine Dynamik einzugliedern, bei der der Vorzug der Instabilität, nämlich offen zu sein (also nicht determiniert und deshalb unter Umständen auch kreativ und entscheidungsfähig zu sein), verbunden wird mit einer bestimmten Beständigkeit. Also nicht zu Boden zu fallen und in den statisch stabilen Zustand zu wechseln, der Sterben bedeuten würde. Manche von uns schaffen diese Balance ja tatsächlich achtzig Jahre und länger.


Dürr, Hans-Peter (2010): „Warum es ums Ganze geht“, Ökom in München
Die Wissenschaft basiert auf fragmentierendem, reduktionistischem Denken. ... (S. 120)
Die scheinbar so harmlose Forderung einer exakten Kenntnis der Natur gesetze und einer exakten Festlegung und Beschreibung eines Systems erwies sich jedoch in der Folge zur großen Überraschung der Naturwissenschaftler als prinzipiell unerfüllbar. Dies war zunächst ein Ergebnis der mikrophysikalischen Forschung, die bei der Enträtselung der Eigenschaften der Atome die Quantenphysik entdeckte. Für die von uns direkt wahrgenommene Welt ergab sich jedoch eine ähnliche Konsequenz viel unmittelbarer durch die Entdeckung des "chaotischen" Verhaltens von nicht einfachen und stark nichtlinear wechselwirkenden Systemen. Bei diesen lässt sich die Eigentümlichkeit beobachten, dass kleine Änderungen in der Ausgangssituation dieser Systeme im Allgemeinen nicht zu entsprechend kleinen Abweichungen in der vorhergesagten Endkonfiguration führen, sondern dass radikal andere Endzustände auftreten können. Überraschend war außerdem, dass dieses unerwartete Verhalten eigentlich mehr die Regel als die Ausnahme darstellt. ... (S. 138)

Aus Siegfried Jäger (2004): "Zum Objektivitätsanspruch der Naturwissenschaften aus diskursanalytischer Sicht", in: Thomas Ernst u.a.: "Wissenschaft und Macht", Westfälisches Dampfboot in Münster (S. 60ff.)
Was wäre also die Alternative? Sollen wir schlicht auf Wahrheitsansprüche und damit auf wissenschaftliche Rationalität verzichten? Wird angesichts der nicht zu bestreitenden Paradigmenwechsel auch in den Naturwissenschaften ich sage nur von Kopernikus zu Einstein und darüber hinaus bis zur Stringtheorie Naturwissenschaft und Wissenschaft überhaupt beliebig, relativ, zu einer Auffassung von Natur und Gesellschaft, die sich nicht prinzipiell von irgendwelchen Mythen unterscheiden läßt?
Der Politologe und Mathematiker Michael Heinrich, sich auf Karl Marx berufend, sieht als entscheidende Vermittlungsinstanz zwischen erkennendem Subjekt und erkannt zu werdendem Objekt, also der Welt der Dinge, die gesellschaftliche Praxis. In ihr", so führt er aus, sind Subjekt und Objekt immer schon als Momente einer vermittelten Einheit vorhanden" (Heinrich 1990: 103). Ihre Isolierung sei ein Produkt der Abstraktion. Weder seien die Subjekte der Erkenntnis unbeschriebene Blätter, noch seien die Objekte der Erkenntnis an sich gegebene Dinge, die bloß angeschaut werden müßten. Was als auch wie etwas zum Gegenstand der Erkenntnistätigkeit werde, sei gesellschaftlich vermittelt. Von Wahrheit könne daher auch nur innerhalb dieser Vermittlung gesprochen werden. Für die Naturwissenschaft bedeute dies, daß sowohl die Art und Weise wie Natur zum Gegenstand von Wissenschaft werde, als auch das, was als Wissenschaft gelte, gesellschaftlich konstituiert sei. Sie sei nicht an sich gegeben, sie werde immer schon mittels nicht empirischer Vorbegriffe (wie etwa dem des Naturgesetzes oder dem der Trägheitsbewegung), die die Empirie erst strukturieren, aufgefaßt. Die Evidenz solcher Vorbegriffe finde ihre Erklärung im sozialen Kontext. Ebenso seien die Geltungskriterlen vorn jeweiligen Wissenschaftsbegriff abhängig, und dieser wiederum sei ein historisches Resultat. Daher schließt er auch, die Naturwissenschaft sei keineswegs die 'Naturform' des Wissens über die Natur. Sie sei ebensowenig wie andere geistige Formen unabhängig vom sozialen Lebensprozeß. Die neuzeitliche Naturwissenschaft sei denn auch Naturwissenschaft der bürgerlichen Gesellschaft. Sie operiere "mit 'objektiven Gedankenformen' (Marx), die in der bürgerlichen Gesellschaft ihre Grundlage haben" (Heinrich 1990: 102f).
Diese letzten Endes Marxsche Begründung läßt sich ohne weiteres mit diskurstheoretischen Erwägungen verbinden und weiter präzisieren. Michel Foucault hat gezeigt, daß es Wahrheiten immer nur als jeweils gültige Wahrheiten gibt, also als das in der jeweiligen Zeit herrschende bzw. vorherrschende Wissen. Er formulierte:
"Wichtig ist, so glaube ich, daß die Wahrheit weder außerhalb der Macht steht noch ohne Macht ist. ( ... ) Die Wahrheit ist von dieser Welt; in dieser wird sie aufgrund vielfältiger Zwänge produziert. ( ... ) jede Gesellschaft hat ihre eigene Ordnung der Wahrheit, ihr(e) 'allgemeine Politik' der Wahrheit: d.h. sie akzeptiert bestimmte Diskurse, die sie als wahre Diskurse funktionieren läßt; es gibt Mechanismen und Instanzen, die eine Unterscheidung von wahren und falschen Aussagen ermöglichen und den Modus festlegen, in dem die einen oder anderen sanktioniert werden; es gibt bevorzugte Techniken und Verfahren zur Wahrheitsfindung; es gibt einen Status für jene, die darüber zu befinden haben, was wahr ist und was nicht. ( ... ) Es gibt einen Kampf 'um die Wahrheit' , oder zumindest 'im Umkreis der Wahrheit', wobei nochmals gesagt werden soll, daß ich unter Wahrheit nicht das 'Ensemble der wahren Dinge, die zu entdecken oder zu akzeptieren sind', verstehe, sondern das 'Ensemble der Regeln, nach denen das Wahre vom Falschen geschieden und das Wahre mit spezifischen Machtwirkungen ausgestattet wird'( ... )." (Foucault 1978: 51ff.)
Das Wahre ist also immer auch nur jeweils wahr, zeitweilig gültig und kann von anderen Wahrheiten abgelöst werden.
Foucault schließt dabei, ebenso wie Thomas S. Kuhn, die Naturwissenschaften keineswegs aus. Auch das Wissen der Naturwissenschaften ist immer nur jeweils gültiges oder auch (vor )herrschendes Wissen. Dieses Wissen kann immer nur zeitweilig festgelegt werden und somit auch nur zeitweilig gelten. Es ist nach Foucault zudem das Wissen der, die aus der Vergangenheit kommend, die Gegenwart durchfließen und auch in Diskurse der Zukunft weiterwirken, wobei immer zu beachten ist, daß dabei Modifikationen und Brüche, stereotype und gleichförmige Wiederholungen und Zyklen, aber auch gänzliches Versiegen eintreten können. ...
Die Tauglichkeit von Theorien mißt sich daran, was wir Menschen mit diesen Modellen anfangen wollen. In die Wissenschaft gehen immer menschliche Zwecke ein, ob sie nun dazu führten, Atombomben zu bauen und abzuwerfen, chirurgische Kriege zu führen oder die Menschenrechte zu erfinden und durchzusetzen. Die Wissenschaften und damit auch die jeweiligen WissenschaftlerInnen sind also voll für das verantwortlich, was sie tun. Es gibt keine Wahrheiten, die ihnen diese Verantwortung abnehmen und hinter denen man sich verstecken kann. Deshalb komme ich auch zu dem Schluß: Ohne fundierte Ethik ist verantwortbare Wissenschaft nicht zu haben.


Aus Ulf von Rauchhaupt: "Philosophische Quantenphysik: Ganz im Auge des Betrachters", in: FAZ, 15.2.2014
Der Quantenzustand ist nichts Objektives, sondern Ausdruck einer subjektiven Überzeugung des Beobachters. „Eine Messung enthüllt keinen zuvor existierenden Zustand der Dinge“, sagt Christopher Fuchs vom Perimeter Institute im kanadischen Waterloo, einer der Begründer des QBismus. „Es ist etwas, das ein Akteur mit der Welt anstellt und das zur Schöpfung eines Resultates führt, einer neuen Erfahrung für diesen Akteur.“ ...
Realität ist völlig subjektabhängig ...
So ist die wissenschaftliche Realität für verschiedene Subjekte unterschiedlich. „Das ist nicht so seltsam, wie es klingt“, erklärt Fuchs. „Was für einen Akteur real ist, das beruht allein darauf, was dieser Akteur für Erfahrungen gemacht hat. Und verschiedene Akteure machen verschiedene Erfahrungen.“ Damit ist Realität zwar völlig subjektabhängig. Sie ist aber trotzdem etwas Zusammenhängendes, Erforschbares, schließlich können sich die Subjekte über ihre Erfahrungen austauschen.
Wie schon Niels Bohr ziehen die QBisten aus der Quantentheorie, so wie sie sich uns präsentiert, den Schluss, dass man sich von der Vorstellung einer externen Wirklichkeit, die menschliche Wissenschaft gleich einem Territorium immer vollständiger erkunden könne, verabschieden muss. Während Bohr sich aber damit keinen Schluss auf die Nichtexistenz einer solchen, dann eben für Physiker unerforschlichen Wirklichkeit erlaubt, ist Christopher Fuchs radikaler: „Es ist nicht so, dass Natur vor uns verborgen wäre“, erläutert er. „Sie ist noch gar nicht ganz da und wird das auch nie sein. Natur wird in dem Moment, da wir darüber reden, ausgearbeitet.“


Aus Niklas Luhmann, "Einführung in die Systemtheorie" (S. 62)
Dasselbe gilt erst recht, wenn man sich Wissenschaft als Beobachter vorstellt. Wie soll man sich denken, dass Wissenschaft beobachten kann, ohne selber ein System zu sein, ein System mit vernetzten Kommunikationen, ein System mit bestimmten institutionellen Vorkehrungen, ein System mit bestimmten Wertpräferenzen, ein System mit individuellen Karrieren, ein System mit gesellschaftlicher Abhängigkeit? Ich brauche das in einem soziologischen Kontext wohl nicht weiter zu erläutern. Wenn das aber nun so ist, wenn der Beobachter immer ein System ist, wird er durch all das, was er einem System zuschreibt, durch die Begrifflichkeit, aber auch durch die empirischen Resultate seiner Forschungen zu Rückschlüssen auf sich selbst gezwungen. Er ann gar nicht rein analytisch vorgehen, wenn er selbst immer schon ein konkretes System sein muss, um so vorgehen zu können.

Ernst von Glaserfeld, in: Bernhard Pörksen (2008), „Die Gewissheit der Ungewissheit“ (S. 49)
Wissenschaftliche und religiöse Redeweisen ähneln sich darüber hinaus vielfach auch darin, dass sie beide meinen, absolutes Wissen zu vermitteln. Auch das ist eine Parallele, die mich hier und da amüsiert. Aber die Annahme mancher Wissenschaftler, Wahrheiten zu verbreiten, lässt sich leicht als Wunschtraum ausmachen, denn in der Geschichte der Wissenschaft bleibt nichts gleich; die Theorien und Modelle von der Wirklichkeit ändern sich beständig.

Wahrhaftigkeit
Von der Wahrheit ist die Wahrhaftigkeit zu unterscheiden. Sie bezeichnet das subjektive Empfinden einer Person, die Wahrheit zu sagen. Wahrhaftig ist damit jemand, der das sagt, was er/sie tatsächlich so als richtig empfindet. Nicht wahrhaftig, also einE LügnerIn, ist, wer etwas anders sagt, als er/sie es selbst sieht. Dabei kann es viele Gründe geben, nicht wahrhaftig zu sein - viele davon sind ehrenwert. Es steckt also kein automatisches Qualitätsurteil in dem Begriff, aber er kann dennoch Sinn machen, um vom Subjektstandpunkt heraus das Verhalten eines Menschen zu beschreiben. Außerdem ist er ehrlicher als der Begriff der Wahrheit, weil Wahrhaftigkeit die empfundene Wahrheit und nicht eine irgendwie abstrakt bestehende, also auch für andere geltende Wahrheit meint.

Im Original: Definition
Definiton in einem Philosophischem Lexikon
Vom Wahrheitsbegriff ist die Wahrhaftigkeit zu unterscheiden, die als das subjektive Für-Wahr-Halten der eigenen Aussage bestimmt werden kann.

Aus dem Philosophischen Wörterbuch, Kroner zu "Wahrhaftigkeit"
Übereinstimmung der Rede mit dem Gedanken bzw. der Überzeugung des Redenden.

André Heller (aus einer Zitatesammlung)
Die Lüge ist wahrer als die Wahrheit, weil die Wahrheit so verlogen ist.

Bei näherem Hinsehen hat aber auch die Wahrhaftigkeit erhebliche Grauzonen. Denn angesichts der Veränderbarkeit des Bewusstseins einschließlich seiner materiellen Grundlage (siehe oben), kann ein Mensch sich selbst so "programmieren", dass er etwas als wahr empfindet, was seiner vorherigen Wahrnehmung widerspricht. Das, was als Erinnerung im Gehirn abgespeichert ist, ist wandelbar wie die Synapsen und weiteren Mini-Bauteile des Gehirns, die sich ständig wandeln, abbauen und erneuern. So kann ein Mensch im Laufe der Zeit recht unterschiedliche Sichtweisen zur gleichen Sache formulieren und dabei immer wahrhaftig sein. Nur dass sich die Auffassung verändert hat.

Im Original: Eigenbau von Wahrheit
Oliver Hassencamp, dt. Schriftsteller (aus einer Zitatesammlung)
Aus Lügen, die wir glauben, werden Wahrheiten, mit denen wir leben.

Hinzu kommt die Schwierigkeit, dass kein Mensch das, was er als wahr empfindet, ungefiltert äußern kann. Er muss seine Erlebnisse und Überzeugungen in eine Form gießen, die von anderen aufgenommen werden kann: Also in Begriffe, Sätze, Geschichten, Bilder, Musik, Dissertationen oder was noch an Möglichkeiten besteht. Dabei sind die Ausdrucksformen erstens beschränkt und zweitens selbst wieder einer objektiven Richtigkeit entzogen, d.h. jemand anders fasst das Symbol, welches jedes Wort und jedes Bild immer auch darstellt, möglicherweise anders auf als es abgesandt wurde. Wahrhaftigkeit gilt also zunächst nur für den/die SenderIn einer Information. Wer sie aufnehmen will, stößt auf die Subjektivität der Wahrnehmung.

Wahrnehmung
Das Gehirn wurde schon beschrieben, die komplexe dynamische Materie auch. Nun erreichen Signale aus der hochkomplexen, in seinen Erscheinungsformen hochvariablen Welt den Kopf eines/r BetrachterIn über die Schnittstellen der Sinnesorgane. Das Signal wird in Impulse umgewandelt, die wiederum im Gehirn verarbeitet wird. Ins Bewusstsein des/r BetrachterIn gelang der Impuls nur, wenn die Empfindung, die das Signal auslöst, in Begriffe gebracht und in Beziehung zum sonstigen Erfahrungsschutz gesetzt wird. Was dann im Kopf entsteht, ist die Wahrnehmung. Sie stellt also eine Vermischung von äußerer Information und bisherigen Denkmustern, unter anderem bestehenden Erwartungshaltungen an Signale von außen dar. Das äußere Geschehen kann nicht ohne diese Vermischung erkannt werden, weil erst das Bilden von Begriffen, Symbolen und Bildern eine Information zum Bewusstsein wandelt. Wer seine Gedanken freihalten will von dieser Vermischung mit den eigenen Denkmustern, kann das nur auf eine Art: Nicht denken. Denn Denken ist immer die Verarbeitung der Information mit dem Vorhandenen im Kopf.

  • Text von Gerhard Roth als Beitrag im Buch von Ralf Schnell (2005): Wahrnehmung, Kognition, Ästhetik, transcript-Verlag Bielefeld

Im Original: Wahrnehmung
Aus dem Philosophischen Wörterbuch, Kroner zu "Wahrnehmung"
Wahrnehmung heißt das Erleben, das Bewußtwerden eines außenweltlich oder innenweltlich Wirklich-Gegenständlichen durch die äußeren Sinne oder durch den "inneren" Sinn unmittelbar; Wahrnehmung heißt auch das Gegenständliche selbst als Bewußtseinsinhalt. Wissenschaftlich betrachtet ist Wahrnehmung der Vorgang, durch den ein Empfindungszusammenhang in das Bewußtsein eintritt und seine Stelle im Wahrnehmungsfeld einnimmt. (...) Durch diesen Vorgang erhält der Empfindungszusammenhang eine der Struktur des Bewußtseins entprechende Gestalt und einen dem Inhalt des Wahrnehmungsfeldes entsprechenden Rang.

Aus Schlemm, Annette (1996): "Dass nichts bleibt, wie es ist ...", Lit-Verlag in Münster
Obwohl wir neugierig auf neues Wissen sind, bleiben wir bei manchen Bildern stehen. Erst neue Beobachtungen drängen dazu, unser vorheriges Weltbild zu verändern. Manchmal übersehen wir die Anzeichen dazu auch, bis es überhaupt gar nicht mehr anders geht. Erst einmal "sehen" wir oft, was wir erwarten. Wenn wir nur beim Anschauen blieben, würde unser Bild sicher sehr subjektiv bleiben - und sich kaum verändern. Wirkliche Erkenntnis ist damit verbunden, dass wir mit dem Gegenstand der Erkenntnis "herumhantieren", die Beobachtungsmittel variieren und kombinieren, experimentieren, selbst vorher nicht vorhandene Zustände produzieren. ...
Das Weltbild ist jedoch nicht nur eine Kopie des äußeren Seins in unserem Kopf. Unser Kopf ist nur deshalb ein erkennender Kopf, weil sein Träger ein Mensch ist. Und zu Menschen sind wir nicht durchs passive Betrachten und Anschauen der Dinge geworden, sondern durch unser tätiges Herumexperimentieren und Produzieren. Das ist mehr als das bloße Antworten auf äußere Reize. Wir müssen eine aktive Vorleistung bringen, die sich wiederum historisch nur antrainiert und entwickelt hat durch Hantieren und Produzieren über Generationen hinweg. ..
. (S. 21)
Der Begriff "Teilchen" z.B. bezieht sich erstens allgemein auf Dinge, die bestimmte Eigenschaften zeigen. Diese Eigenschaften realisieren die Dinge nur in Wechselwirkung mit anderen Objekten (u.U. unter der manipulierenden und beobachtenden Kontrolle der erkennenden Subjekte, der Menschen). ... (S. 37)
Der Berriff "Materie" ist tatsächlich Bestandteil unseres Bewußtseins - nicht aber die konkreten (objektiv realen) Materiearten und -formen. Wie wir diese widerspiegeln, hängt allerdings tatsächlich stark von unseren eigenen Aktivitäten in der Wechselwirkung mit der objektiven Realität ab. ...
Allerdings sind konkrete Erkenntnisobjekte stets durch das erkennende Subjekt vermittelt. Obwohl die Erfahrung Ausgangspunkt der Erkenntnis ist, muss das Denken ihre Inhalte zuerst ordnend analysieren, dadurch ein erstes Mal vermitteln.
(S. 42)

Aus Cantzen, Rolf (1995): "Weniger Staat - mehr Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (S. 180)
Scheinlösungen zur Klärung des Mensch-Natur-Verhältnisses kommen häufig auch dadurch zustande, dass vorausgesetzt wird, der Mensch könne die Natur so erkennen, wie sie "an sich" sei. Der Mensch müsse sich nur von Ideologien, religiösen Vorurteilen etc. befreien, um, mit Fortschreiten der Naturwissenschaften, immer genauer erkennen zu können, wie die Natur "an sich", also unabhängig vom jeweiligen Betrachter und unabhängig vom jeweiligen gesellschaftlichen Umfeld, "wirklich" ist. Dass die Naturwissenschaft ebenso, wie die menschliche Wahrnehmung, in großem Maß geprägt ist von ihrem gesellschaftlichen und kulturellen Hintergrund, bleibt dabei unreflektiert.
Nach diesen Auffassungen einer Erkennbarkeit einer Natur "an sich" stellt die menschliche Naturerkenntnis, selbst wenn sie sich kompliziertester Apparate bedient, nichts weiter dar, als eine Spiegelung von natürlichen Sachverhalten, wie diese an sich sind. Mangels historisch-dialektischer Reflexion bleibt die Tatsache außer acht, dass die Natur im Erkenntnisprozeß selbst eine gesellschaftlich konstituierte ist. Auch die experimentelle Naturwissenschaft weiß darum, dass je nach Anordnung der Natur in Experimenten die Erkenntnisse über die Beschaffenheit der Natur verschieden ausfallen. (Prigogine/Stengers 1981, 21) Es ist also nicht davon auszugehen, dass die Natur an sich eine bestimmte Ordnung habe, die sich in der menschlichen Erkenntnis lediglich abbilde. Vielmehr unterwirft der Mensch die Natur bestimmten vom gesellschaftlichen und kulturellen Umfeld geprägten Ordnungssystemen. Die Ordnung wird der Natur also vom Menschen auferlegt, um sie erklärbar und nutzbar zu machen: "Theorien, wissenschaftliche Erklärungssysteme, schaffen die Welt, die sie dann beschreiben oder kritisieren." (Reiche 1984, 53)


Aus Helmut Willke, "Systemtheorie II, Interventionstheorie" (S. 23)
Die Logik der Beobachtung (und der daraus folgenden Beschreibung) ist die Logik des beobachtenden Systems und seiner kognitiven Struktur. Damit ist gesagt, dass es der Beobachter ist, der - über die Art und Weise, wie er beobachtet - festlegt, was er beobachten kann. Die Instrumente des Beobachtens (Sinnesorgane, technische Beobachtungsinstrumente, kognitive Strukturen wie Begriffe, Theorien oder Weltsichten) definieren den Möglichkeitsraum der Bobachtung.

Aus Bernhard Pörksen (2008), „Die Gewissheit der Ungewissheit“ (S. 12, 15, 20)
Jeder Akt der Kognition beruht, so nimmt man an, notwendig auf den Konstruktionen eines Beobachters - und nicht auf der punktgenauen Übereinstimmung der eigenen Wahrnehmungen mit einer externen Wirklichkeit. „Alles, was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt.” …
Es ist der Anspruch auf Objektivität, der aufgegeben werden muss, gehört es doch zu den Merkmalen einer objektiven Beschreibung, dass die Eigenschaften des Beobachters nicht in diese eingehen, sie beeinflussen und bestimmen. Heinz von Foersters kryptisch-aphoristische Objektivitätsdefinition - ebenso ein Schlüsselsatz des Konstruktivismus und ein Thema des ersten Kapitels in diesem Buch - wird erst vor diesem Hintergrund verständlich: „Objektivität”, so sagt er, „ist die Wahnvorstellung, Beobachtungen könnten ohne Beobachter gemacht werden.” …
Von Psychoanalytikern hört man die auf Freud zurückgehende These, der Mensch sei „nicht Herr im eigenen Haus“ und das Unbewusste die prägende Kraft. Die marxistische Zentralformel lautet; „Das Sein bestimmt das Bewusstsein.“ Bei dem Behavioristen Skinner entdeckt man die deterministische These: „Die Variablen, deren Funktion menschliches Verhalten ist, liegen in der Umwelt.”

Interview mit Heinz von Foerster, in: Bernhard Pörksen (2008), „Die Gewissheit der Ungewissheit“ (S. 22)
VON FOERSTER Genau, immer muss es da jemanden geben, der riecht, schmeckt, der hört und sieht. Und mir ist nie recht klar geworden, was die Anhänger objektiver Beschreibungen überhaupt beobachten wollen, wenn sie einem Menschen seine persönliche Sicht der Dinge untersagen.
PÖRKSEN „Objektivität ist die Wahnvorstellung“, so zitiert Sie die American Society for Cybernetics, „Beobachtungen könnten ohne Beobachter gemacht werden.”
VON FOERSTER Man muss sich doch fragen: Was soll ein Beobachter wahrnehmen, der, folgt man der allgemeinen Definition von Objektivität, eigentlich blind, taub und stumm sein müsste und dem es verboten ist, seine eigene Sprache zu verwenden? Was soll er uns mitteilen? Wie soll er sprechen? Es ist doch immer ein Beobachter, der beobachtet. Ohne ihn bleibt nichts übrig.
PÖRKSEN Wenn wir, wie Sie vorschlagen, das Erkennen strikt an den Erkennenden koppeln - welchen Sinn und welche Funktion haben dann noch die Schlüsselbegriffe des Realismus wie Wirklichkeit, Tatsache und Objekt?
VON FOERSTER Sie werden, wenn man sie überhaupt noch gebraucht, zu Krücken, Metaphern, short cuts, Abkürzungen. Sie lassen sich verwenden, um etwas zu sagen und einen Bezug zu etablieren, ohne sich weiter und in einem tieferen Sinn mit den involvierten Fragen zu beschäftigen. Man kann sich mit ihrer Hilfe schnell auf eine bestimmte Bezugsstelle - einen Ort, ein Objekt, eine Eigenschaft, die sich vermeintlich in der Welt befindet - beziehen und entsprechende Aussagen machen. Gefährlich wird es, wenn man übersieht, dass es sich um Krücken und Metaphern handelt, und meint, die Welt werde tatsächlich und in Wirklichkeit in unseren Beschreibungen abgebildet. Das ist der Augenblick, in dem Streit und Feindschaft und Kriege um die Frage entstehen, was der Fall ist und wer sich im Besitz der Wahrheit befindet.


Humberto R. Maturana, in: Bernhard Pörksen (2008), „Die Gewissheit der Ungewissheit“ (S. 74)
Der Beobachter beobachtet, er sieht etwas und behauptet oder negiert seine Existenz und tut, was er eben tut. Ohne ihn gibt es nichts. Er ist das Fundament des Erkennens, er ist die Basis jeder Aussage über sich selbst, die Welt und den Kosmos. Sein Verschwinden wäre das Ende und das Verschwinden der uns bekannten Welt; es gäbe niemanden mehr, der wahrnehmen, sprechen, beschreiben und erklären könnte. Was unabhängig von diesem Beobachter existiert, ist notwendig und unvermeidlich eine Sache des Glaubens, nicht des gesicherten Wissens, denn stets muss es jemand geben, der etwas sieht. Dieser Beobachter ist das Forschungsthema, das ich habe, er ist das Forschungsziel und das Instrument der Erforschung. Nicht die Ontologie steht am Anfang, sondern die Erfahrung: Hier sitze ich, Humberto Maturana ist mein Name, und ich denke nach und stelle mir die reflexive Frage, wie es mir möglich ist, zu denken und das Erkennen zu erkennen. Die Schlussfolgerung, mit der ich dann unweigerlich konfrontiert bin, ist, dass ich mich mit der Biologie beschäftigen muss: Der Naturwissenschaftler, der sich diese Fragestellt, der Philosoph, der Mathematiker, der Priester, der Einbrecher, der Politiker - sie alle sind Menschen, lebende und strukturdeterminierte Systeme, biologische Entitäten.

Aus Erich Fromm, "Haben oder Sein" (S. 97)
Unsere bewußten Motivationen, Ideen, und Überzeugungen sind eine Mischung aus falschen Informationen, Vorurteilen, irrationalen Leidenschaften, Rationalisierungen und Voreingenommenheit, in der einige Brocken Wahrheit schwimmen, die uns die (freilich falsche) Gewißheit geben, daß der ganze Mischung real und wahr sei.

Wahrnehmen heißt: Unterscheiden, einsortieren
Aus Bernhard Pörksen (2008), „Die Gewissheit der Ungewissheit“ (S. 34f)
Jede Beobachtung, so schreibt George Spencer-Brown in seiner berühmt gewordenen Abhandlung Laws of Form, setzt mit einem Akt des Unterscheidens ein. Genauer gesagt: Beobachtungen operieren mit zweiwertigen Unterscheidungen, deren eine Seite jeweils bezeichnet werden kann. Will ich etwas bezeichnen, muss ich mich zunächst für eine Unterscheidung entscheiden. Die Wahl der Unterscheidung bestimmt, was überhaupt gesehen wird. Mit der Differenz von gut und böse kann ich - egal wo ich hinschaue - etwas anderes beobachten als mit der Unterscheidung von reich und arm, schön und hässlich, neu und alt oder krank und gesund. Und so weiter. Beobachten hieße demnach: unterscheiden und bezeichnen.

Aus Richard Häussler, "Erfundene Umwelt" (2004, ökom in München, S. 16)
Der Konstruktivismus meint nicht, dass wir die Welt um uns herum bewusst, und willkürlich „aufbauen“. Konstruktivismus bedeutet, dass unsere eigene Wahrnehmung und unsere Deutungen darüber entscheiden, was wir erkennen und für „real“ oder „wahr“ halten. ... (S. 19)
Das Erkennen eines Bildes ist ein aktiver Vorgang, keine passive Spiegelung unserer Umwelt. Unsere Wahrnehmungen sind subjektiv, sie täuschen uns beständig. ... (S. 21)
Um diesen Unterschied heraus zu arbeiten, ist es wichtig, die Kernthese des Konstruktivismus zu kennen, die die erkenntnistheoretische Problematik auf eine neue Weise akzentuiert. Die zentrale Aussage des Konstruktivismus lässt sich so zusammenfassen: „Menschen sind autopoietische, selbstreferentielle, operational geschlossene Systeme. Die äußere Realität ist uns sensorisch und kognitiv unzugänglich. Wir sind mit der Umwelt lediglich strukturell gekoppelt, das heißt, wir wandeln Impulse von außen in unserem Nervensystem ‚strukturdeterminiert‘, das heißt auf der Grundlage biografisch geprägter psycho-physischer, kognitiver und emotionaler Strukturen um. Die so erzeugte Wirklichkeit ist keine Repräsentation, keine Abbildung der Außenwelt, sondern eine funktionale, viable Konstruktion, die von anderen Menschen geteilt wird und die sich biografisch und gattungsgeschichtlich als lebensdienlich erwiesen hat. Menschen als selbstgesteuerte „Systeme“ können von der Umwelt nicht determiniert, sondern allenfalls perturbiert, das heißt ,gestört‘ und angeregt werden.“ (S. 34)


Aus Richard Häussler, "Dekonstruktion - Wie die Welt verschwindet"
Die konstruktivistische Erkenntnistheorie besagt, dass jeder Mensch seine Umwelt individuell und einzigartig wahrnimmt. Jeder einzelne von uns baut sich seine Wirklichkeit so zusammen, wie er sie wahrnimmt und sich vorzustellen in der Lage ist. Das ist durchaus verschieden von Mensch zu Mensch - und auch von der Welt „an sich”, die wir nach Auffassung der Konstruktivisten eigentlich gar nicht erkennen können.

Das Ganze sei an einem Beispiel beschrieben, dem Farbsehen. Das Beispiel ist willkürlich ausgewählt, andere wären möglich . Eine Farbe zu sehen, also zum Beispiel das Blaulicht eines vorbeifahrenden Polizeifahrzeuges, erscheint simpel. Mensch ist geneigt, davon auszugehen, dass alle Menschen das gleiche wahrnehmen. Aber weit gefehlt: Es fängt schon mit der Farbe des Lichtes an. Das ist nämlich gar nicht festgelegt. Vielmehr verändert sich die Farbe abhängig davon, ob das Fahrzeug sich nähert oder entfernt, d.h. ob ich es von vorne sehe oder von hinten. Nicht dass das Blaulicht nach hinten ein anderes wäre als nach vorne. Sondern die Bewegung des lichtabstrahlenden Fahrzeugs macht den Unterschied. Das ist kompliziert, aber in der Physik als Rotverschiebung bekannt (siehe Spektrum der Wissenschaft, 11/2010?). Der Effekt würde sich stark auswirken, könnte das Polizeiauto bedeutend schneller fahren als es auf irdischen Straßen so üblich ist. Aber ganz minimal, fürs menschliche Auge so nicht sichbar, verändert sich die Wellenlänge (relativ zum/r BetrachterIn) und damit die Farbe. Das wäre noch dramatischer, wenn sich verschiedene BetrachterInnen jetzt auch noch selbst bewegen würden - und zwar unterschiedlich. Jede Person würde eine andere Farbe sehen, wenn auch nur unmerklich bei den Geschwindigkeiten, die auf der Erde bislang so üblich sind.
Damit ist beschrieben, dass schon das ausgesandte Signal nicht einheitlich ist, sondern relativ zum/r BetrachterIn. Es kommt schlimmer. Nun erreicht der Lichtstrahl den Menschen und dort verschiedene Sinnesorgane. Die Haut kann gebräunt werden, d.h. sie reagiert mit der Herausbildung eines Pigmentschutzes gegen die Lichteinstrahlung. Licht wandelt sich in Wärme, dieser Impuls erreicht dann sogar ab einer bestimmten Intensität das Gehirn und könnte, in Begriffe gewandelt, ins Bewusstsein rücken. Der wichtigste Sinnesapparat für die Aufnahme und Verarbeitung von Licht ist aber das Auge. Dieses kann das Licht und seine Farbe anhand der Farbfrequenzen analysieren, d.h. in unterschiedliche Impulse umsetzen, die dann an das Gehirn geschickt werden. Allerdings geht das nicht mit allen Farben, einige wie Ultraviolettblau gehen verloren. Das Gehirn baut aus den einströmenden Impulsen eine Empfindung, die dann, verschnitten mit bisherigem Wissen, Erfahrungen und Bildern als Wahrnehmung ins Bewusstsein gerät.
Die meisten Impulse, die das Auge erreichen, kommen soweit nie. Sonst würde das Gehirn allein durch die ständigen Bilder überlastet. Wir gehen durchs Leben und das meiste, was auf uns einströmt, erreicht nie das Bewusstsein. Der Anteil ist aber veränderbar - je höher er ist, desto größer ist die Möglichkeit, auf das dann Wahrgenommene auch zu reagieren. Wahrnehmung zu trainieren, kann also der Selbstentfaltung dienen. Doch dazu später ...
Hier geht um einen anderen, bemerkenswerten Effekt. Das Auge kann nämlich nur im zentralen Bereich farbig sehen. Wer aber jetzt mal darüber nachdenkt, was er/sie gerade im Blickfeld hat, sieht alles in Farbe. Wie kann das sein? Nun: Das Gehirn als Ort gewaltiger Rechenleistung malt die äußeren Bereiche aus Erfahrungswerten bunt an. Wo also eine rote Gardine wahrgenommen wurde, bleibt sie auch rot, wenn sie in den Randbereich des Blickfeldes gerät, obwohl dort gar keine Farbwahrnehmung mehr existiert. Das Rot ist eine Illusion auf Basis der Erinnerung und das Beispiel veranschaulicht prägnant, was es bedeutet, dass Informationen, sollen sie ins Bewusstsein gelangen, immer schon mit den bisherigen Denkmustern verschnitten sind. Das kann zu bösen Fehlannahmen führen, ist meistens aber eher praktisch und hat sich deshalb im Laufe der Evolution durchgesetzt.

Im Original: Placeboeffekt
Aus Jutta von Campenhausen (2011): "Wissenschaftsjournalismus", UVK in Konstanz (S. 69)
Um zu prüfen, ob ein Wirkstoff tut, was er soll, vergleicht man ihn mit einem Scheinmedikament - nicht mit gar keiner Intervention. Denn allein das Wissen, dass eine Behandlung erfolgt, hat einen Effekt, den Placeboeffekt. Der wurde in zahllosen Studien untersucht und kann ungeheuer stark sein. Wer weiß, dass er behandelt wird, reagiert darauf Wissenschaftliche Studien zeigen: Placebos haben starke Nebenwirkungen (wenn man sie auf die Packungsbeilage schreibt). Kapseln sind wirksamer als Tabletten, rote Placebos sind wirksamer als blaue, und vier wirkstofffreie Tabletten haben deutlich mehr Effekt als zwei. Teurere oder angebliche Markenplacebos sind wirksamer als billige Nachahmerplacebos. Ein piksiges Placeboritual, das der Akupunktur ähnlich war, erwies sich als wirksamer als Placebopillen. Und es kommt noch stärker: Vorgetäuschter Ultraschall lindert Zahnschmerzen, vorgetäuschte Operationen heilen Knieschmerzen. Eine Herzoperation, bei der der Brustkorb geöffnet, aber nicht weiter operiert wird, ist genauso heilsam wie eine echte OP, und in einer schwedischen Studie erwies sich das Einsetzen von Herzschrittmachern als extrem hilfreich - auch wenn die Geräte nicht eingeschaltet wurden.
Wenn der verabreichende Arzt glaubt, das Placebo sei wirksam, so wirkt es stärker als wenn er glaubt, er gebe nur ein wirkungsloses Placebo. Es sind ganze Bücher über die wunderbare Welt der Suggestion geschrieben worden, und die Liste atemberaubender Experimente ist ebenso spannend wie endlos.
Zwei Harvard-Psychologen erklärten einer Gruppe Zimmermädchen, dass ihre Arbeit im Hotel gesunde Bewegung sei, für die Kontrollgruppe blieb sie der ganz normale Job. Nach vier Wochen, in denen beide Gruppen die gleiche Menge der gleichen Arbeit getan hatten, waren die, die das für gesund hielten, messbar und signifikant gesünder: Sie hatten Fett verloren und an Muskelmasse zugelegt.
Die Botschaft all dieser Experimente ist: Der Glaube, dass etwas passiert, kann enorme Folgen haben. Die Tatsache, dass eine körperliche Veränderung eintritt, heißt nicht, dass ein Wirkstoff oder ein Eingriff die Ursache dafür ist.

Zahlreiche Bücher beschäftigen sich mit dem Placeboeffekt. Eine gute, knappe, aber umfassende Darstellung ist: Moerman DE, Jonas WB: Deconstructing the placebo effect and finding the meaning response. ANNALS OF INTERNAL MED1C1NF. 3/2002, S. 19, 136 (6), 471-476 (kostenlos online).


Wichtig ist, dass es Wahrheit und Objektivität im menschlichen Bewusstsein und damit in der Kommunkation, im Fachstreit, im politischen Raum und an jedem beliebigen anderen Ort nicht geben kann. Daraus folgt aber nicht, dass es egal ist, was ist. Um Erkenntnis- und darauf folgend auch Handlungsmöglichkeiten des Menschen zu erweitern, sind Neugier und Drang nach Wissen ebenso reizvoll wie der Wille zum Fortschritt. Genau dort, wo Sichtweisen als wahr oder objektiv verklärt werden, wird dieser Drang nach Erkenntnis gebremst. Denn wenn das vermeintlich Wahre schon klar ist, wieso dann noch Fragen stellen? Die Akzeptanz, dass es Wahrheit im Bewusstsein nicht geben kann, ist der Antrieb zum immer genaueren Hingucken, zum Hinterfragen und zur eigenen Loslösung aus Voreingenommenheiten, ideologischer Verblendung und diskursiver Beeinflussung.

Im Original: Keine Objektivität
Aus Kant, Immanuel: Ausgabe der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 1900ff, AA IV, 178
Was die Dinge an sich sein mögen, weiß ich nicht und brauche es auch nicht zu wissen, weil mir doch niemals ein Ding anders als in der Erscheinung vorkommen kann.

Philosophisches Wörterbuch, Kröner: "0bjektivität"
Der Charakter des Objektiven; das Freisein von subjektiven Zutaten, subjektiven Einflüssen; Sachlichkeit, Neutralität. Objektivität nennt man auch die Fähigkeit, etwas "streng objektiv" zu beobachten oder darzustellen. Eine solche Fähigkeit besitzt der Mensch nicht; vielmehr wirkt bei jeder Erkenntnis und bei jeder Aussage das ganze körperlich-seelisch-geistige Sosein des Einzelnen einschließlich der Kräfte seines Unterbewußtseins und des Erlebnistranszendenten mit.

Aus Christoph Spehr, 1999: "Die Aliens sind unter uns", Siedler Verlag München (S. 43+216)
In der Vorstellung der Moderne war die Wahrheit etwas, was immer schon da ist, wie der Topf beim Topfschlagen. In der Postmoderne gilt die Wahrheit als etwas, was erst beim Suchen entsteht und nicht unabhängig von den Suchenden existiert. Wir können nicht aufhören, in unserer jeweiligen Sprache nach der vollen Wahrheit zu suchen, auch wenn wir damit nie fertig werden; und dass wir die Wahrheit nicht besitzen, hindert uns nicht zu handeln. ...
Eine Revision mit weitreichenden Konsequenzen ist die Abkehr vom Glauben an Objektivität. Sie tritt in den neuen Befreiungstheorien zunächst als Erkenntniskritik auf: als Kritik an der patriarchalen Wissenschaft; an der zerstörerischen Vernunft der Verwertung; am marxistischen Geschichtsdeterminismus, seiner Werttheorie, seinem Essentialismus. Ebenso kritisiert sie jede Politik, die die Selbstinterpretation der Subjekte mißachtet und von oben erkennen und durchsetzen will, was für sie gut und richtig ist. Wenn es kein objektives Erkennen von außen gibt, wenn es nicht legitim ist, die Lage von Subjekten an deren Subjektivität vorbei "festzustellen", dann bricht auch die traditionelle Vorstellung von Gleichheit und Gerechtigkeit zusammen. Die "gerechte Ordnung" ist immer autoritär und herrschaftsförmig, Gleichheit kann nicht nach objektiven Maßstäben hergestellt werden. Emanzipation kann weder objektiviert werden, noch findet sie ihre Zielsetzung in Gleichheit.


Aus Christoph Spehr (2003): "Gleicher als andere", Karl Dietz Verlag in Berlin
Die Skrupellosigkeit liegt heute auf der Seite der "Wertfreien", der Pragmatiker, derer, die für sich "Ideologiefreiheit" in Anspruch nehmen. Ideologiefreiheit und Utopiefreiheit sind jedoch Märchen. Wir sind nie "ideologiefrei", denn wir handeln immer aus Deutungen der Welt heraus (die Frage ist eher, wie stark die Vielzahl der Deutungen unter ein bestimmtes Modell vereinheitlicht wird bzw. welche Hierarchien von Bedeutung und welche allgemeinen Geltungsansprüche damit aufgemacht werden). Wir sind auch nie "utopiefrei", denn wir handeln immer aus Zukunftserwartungen heraus, aus Bildern davon, wie es sein soll. So ist die Ideologiefreiheit selbst eine Ideologie, und in der Utopielosigkeit verbirgt sich selbst eine Utopie, auch wenn sie sich nicht so nennt. Die Utopie der "Ideologiefreien" heute ist eine Welt, in der alles klappt, in der sie alles dürfen und in der sich niemand etwas anderes vorstellen kann. ... (S. 56)
Wir leiten unsere Anschauungen nicht unmittelbar aus der Wirklichkeit ab; eher entwerfen wir ein Gebäude, das wir der Wirklichkeit anlehnen. Unsere Auffassungen von der Wirklichkeit, was nichts anderes heißt als unsere Praxis, sind "eine Harmonie parallel zur Natur", wie es Cezanne für die moderne Malerei formuliert hat. Die postmoderne Philosophie weist darauf hin, dass in dieser Vorstellung noch eine feste gedankliche Unterscheidung zwischen Auffassung und Wirklichkeit enthalten ist, die sich ebenfalls nicht halten lässt. Wir haben keinen Zugang zur Wirklichkeit, der nicht über Auffassungen von der Wirklichkeit führt, ob es nun formulierte Ansichten sind oder Auffassungen, die in unserer Praxis zum Ausdruck kommen. Zu Ende gedacht heißt das, dass wir uns immer in Auffassungen bewegen, die Vorstellung von einer Wirklichkeit, die jenseits von Auffassungen irgendwo "real" herumliegt, verschwindet damit. Alles ist "Text" oder, mehr marxistisch ausgedrückt, alles ist soziale Praxis. ... (S. 61 f.)

Aus Gudrun Kleinlogel (2011): "Die Welt ist nicht, was sie scheint" (R.G. Fischer in Frankfurt, S. 24)
Auch wenn es uns nicht möglich ist, die universelle Wirklichkeit mit unserem auf die Realität im Hier und Jetzt spezialisierten Hirn wirklich zu erfassen, so sollten wir doch schon allein wegen des Wissens um ihre Existenz und die offensichtliche Beschränktheit unserer irdischen Realität Folgendes an Erkenntnis in unser Weltbild einfliessen lassen:
• Die Welt ist nicht, was sie scheint.
• Definitive Beurteilungen über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit von bisher unbekannten Phänomenen sollten wir besser unterlassen, da wir hierzu nicht in der Lage sind.
• Logische Schlüsse aus unserem Alltag lassen sich nicht auf die Welt als Ganzes verallgemeinern.


Das Ganze mit kabarettistischem Stil ...
Aus: Eckart von Hirschhausen (2008): "Die Leber wächst mit ihren Aufgaben", Rowohlt in Reinbek (S. 172)
Der größe Entertainer der Welt ist nicht Robbie Williams, sondern der Cortex Cerebri, die Hirnrinde. Denn das, was uns das Hirn täglich an Unterhaltung bietet, übertrifft an Authentizität jedes Konzert, an Fiktion jede Fernsehserie. Es zeigt uns Dinge, die so gar nicht sind, und trotzdem glauben wir fest daran, dass die Welt so ist, wie wir sie wahrnehmen.
Solange wir uns keinen Kopf darum machen, haben wir sogar das Gefühl, irgendwo im Körper ein Ich und ein Selbst zu haben - aber besser nicht zu lange darüber grübeln. Die meisten Menschen sind sogar irgendwie von ihrer körperlichen Unsterblichkeit überzeugt, obwohl die historische Faktenlage erschreckend eindeutig dagegen spricht: Bisher sind noch alle irgendwann gestorben.
Wie und warum uns das Hirn all diese Dinge vorgaukelt, ist mit dem reinen Überlebenstrieb der Gene nicht wirklich befriedigend erklärt. Die Forscher lieben deshalb die Meeresschnecke Aplysia, weil sie ein langes Neuron hat, an dem man wunderbar Strom und damit die Aktivität dieser Nervenzelle messen kann. Der Mensch hat aber 100 Milliarden von diesen Nervenzellen, und was die miteinander austauschen, wird ein Rätsel bleiben.


Warum aber nehmen Menschen ihre Umwelt im Großen und Ganzen ähnlich wahr, so dass Kommunikation und Kooperation überhaupt möglich sind und nicht ständig alle aneinander vorbei reden und handeln? Das liegt daran, dass die Sozialisation durch Abgucken, Lernen, Sprache, Erziehung, Normen, Diskurse usw. ähnlich ist.

Heinz von Foerster, in: Bernhard Pörksen (2008), „Die Gewissheit der Ungewissheit“ (S. 40)
Ich behaupte auch nicht, dass es eine Willkür und Beliebigkeit bei der Realitätserfindung gibt, die es mir erlaubt, den Himmel einmal blau, dann grün und beim nächsten Öffnen der Augen gar nicht mehr zu sehen. Natürlich ist jeder Mensch in ein soziales Netzwerk eingebunden; das Individuum ist kein isoliertes Wunderphänomen, sondern auf andere angewiesen und muss - um eine Metapher zu wählen - mit ihnen tanzen, Wirklichkeit in der Gemeinsamkeit konstruieren.

Fallbeispiel: Dominik Brunner
Ein faszinierendes Beispiel für als Wahrheit gefühlte Wahrnehmung bot der öffentlich stark wahrgenommene Prozess um den Tod des aus der Mitte einer wirtschaftlich aktiven BürgerInnentums stammenden Dominik Brunner auf einem S-Bahnhof bei München. Er starb nach einer Schlägerei mit zwei Jugendlichen, die wiederum das Gegenteil von sozial anerkannt und integriert darstellten. Monatelang veröffentlichten Medien Heldengeschichten über Brunner, der angeblich andere Kinder zu schützen versuchte. Denkmäler wurden für ihn gebaut, Straßen nach ihm benannt, während gegen die vermeintlichen Täter mediale Hetzjagden veranstaltet wurden. InnenpolitikerInnen und gesellschaftliche ScharfmacherInnen aller Couleur nutzten das Ereignis zur Durchsetzung autortärer Politiken. Systematisch belogen Polizei und Staatsanwaltschaft die Öffentlichkeit. Erst während der Gerichtsverhandlung sickerte durch, was offenbar abgelaufen war: Brunner hatte die (vermeintlich zu schützenden) Kinder an einer falschen Haltestelle aus der S-Bahn gelockt, um Publikum für einen von ihm gewünschten Kampf zu haben. Er fing auch an zu prügeln und rief zu Herumstehenden, dass es jetzt gleich einen erwischen werde. Das Blut auf dem Bahnsteig stammte von den vom ihm geschlagenen Personen, die sich dann auch zu wehren begannen. Dummerweise erlitt Brunner einen Herzinfarkt während des Kampfes und starb. Das Gericht verurteilte die beiden Jugendlichen trotzdem zu Höchststrafen und stellte per Urteil die alte Wahrheit wieder her.
Beeindruckend waren die Aussagen vieler ZeugInnen. Die medial vermittelte, politisch gewünschte Ablaufversion war derart in ihren Köpfen eingebrannt, dass sie diese mit bestem Gewissen wiedergaben - trotz Ermahnung, bei Falschaussagen bestraft zu werden. Da verschiedene technische Überwachungsgeräte (z.B. Brunners versehentlich mitlaufendes Handy) die Abläufe aufzeichneten, war klar, dass die ZeugInnen überwiegend komplette Phantasiegeschichten erzählten. Sie waren sich der Falschheit aber nicht mehr bewusst. Die Geschichte, wie sie in den Medien zu finden war, war selbst bei unmittelbaren TatzeugInnen bereits als empfundene Wahrheit stärker eingebrannt als das Gesehene auf dem Bahnsteig.
Das formal zur Wahrheitsfeststellung berufene Gericht setzte dem die passende Krone auf und verkündete als Urteil eine an den medialen Erfindungen orientierte Version. Die beiden Jugendlichen bezahlten diese Inszenierung gerichteter Wahrnehmung mit einem viele Jahre dauernden Gefängnisaufenthalt (lebenslänglich konnte nur vermieden werden, weil das für Jugendliche nicht möglich ist). Doch bedeutungsvoller war dieser Prozess als Beweis über die völlig frei konstruierbare Wahrheit. Den Beteiligten Lüge vorzuwerfen, vereinfacht den Prozess gerichteter Wahrnehmung bis ins Verfälschende. Es sind soziale Kontexte, Diskurse und, eingemischt, auch gezielte Verfälschungen, die ein frei erfundenes Bild entstehen lassen, von dem die Beteiligten aber überzeugt sind, dass sie genau das als eigene Wahrheit empfinden. Sie lügen also nicht, sondern irren. Und haben keinen Begriff von der Relativität menschlicher Wahrnehmung.

Im Original: Text über den Brunnerprozess
Aus Bergstedt, Jörg (2010): "Unser täglich Mannichl heißt jetzt Brunner", in: Contraste 9/2010
Zugegeben - vergleichen lassen sich die beiden Herren nicht. Der eine ist Polizist, der andere war Unternehmer. Ob der Cop ein guter Kampfsportler war, ist nicht überliefert, von Brunner ist zumindest bekannt, das er das anstrebte. Öffentlich zu Helden gemacht wurden beide. Und warum? Weil sie von „asozialen“ (Spiegel) „Gangstertypen“ (FAZ) angegriffen wurden. Der eine inszenierte sich als Opfer von Nazis, doch seine Polizeitruppen verwischten alle Spuren, nahmen Nazis fest, die zur Tatzeit an anderen Orten observiert wurden - und Deutschland bis hin zu allen möglichen Linken stand zum Passauer Polizeiboss. Als durchsickerte, dass die ganze Story wahrscheinlich gefälscht war und wohl eher ein Familiendrama war, verschwand die Geschichte in der Versenkung. Mannichl bekam kein Denkmal, überlebte aber die Attacke. Brunner hat schon ein Denkmal, überlebte aber nicht. Doch die Herzen der Nation erreichte sein Schicksal. Und soll das - posthum - weiter tun. Er, der Manager, wurde zum Idol. Er habe Kinder schützen wollen und wurde deshalb von bösen Menschen ermordet. Der Prozess gegen die Mörder (in den üblichen Medien wurde kaum noch ein anderer Begriff verwendet) hatte alles, um die Nation zusammen- und die Verschärfung der Innenpolitik voranzubringen. Dabei war die Story von Anfang an eine Fälschung. Die Staatsanwaltschaft wusste alles und tischte eine komplette Lügenstory auf.
So etwas klappt regelmäßig in diesem Land, das Uniformierten viel und RobenträgerInnen fast uneingeschränkte Privilegien zur Festlegung von Wahrheiten gibt. Doch diesmal traten Komplikationen auf. „Unstrittig ist nach den bisherigen Zeugenaussagen im Prozess, dass Brunner sich auf dem Bahnsteig vor die drangsalierten Kinder gestellt hatte und dann in Erwartung einer Auseinandersetzung mit Sebastian L. und Markus S. auf diese zuging und auch zuerst zuschlug“, schrieb am 17.7.2010 die SZ. Seine Jacke hätte er auch noch ausgezogen und Kindern sowie S-Bahnfahrern das Schauspiel angekündigt. Als sein Handy, wahrscheinlich versehentlich per Wahlwiederholung, nochmals bei der Polizei anrief, konnte die mehrere Minuten mitzeichnen. Das ging so: 16.10 Uhr pöbelt Brunner in breitem Bayrisch: "Oan erwischt's gleich". Umgekehrt wäre das sicherlich als Morddrohung und damit als Indiz für Mordabsicht gewertet worden. 16.13 Uhr bricht Brunner zusammen. Nicht wegen der Schläge, sondern wegen einem Herzversagen. Das alles weiß die Staatsanwaltschaft von Beginn an, denn diese Beweismittel sind sofort zugänglich. Aber monatelang verschwieg sie alles. Das entschuldigt zwar keine der Handlungen der Prügelgegner, aber über Brunner wissen wird jetzt, dass er künstlich aufgebaut wurde zu einem Mythos. Doch noch schlimmer: Hier wurde ein klassischer Diskurs gestartet. Die autoritäre Innenpolitik braucht solche Greueltaten, um ihre Videoüberwachung, immer brutalere Polizei, immer längere Haftstrafen und üblere Gefängnisse, Sicherungsverwahrung und neue Waffen für die Ordnungshüter durchzusetzen. Würden die schlichten Zahlen veröffentlicht, dass die Kriminalität in den meisten Bereichen abnimmt und zudem die meisten Übergriffe in Familien, auf Partys, vielleicht noch in Arztpraxen oder katholischen Internaten ablaufen, wäre es um die Hoffnung der Innenminister geschehen, diesem Land die Knute aufzuzwingen. Wie bei Mannichl kommt jetzt bei auch im Fall Brunner scheibchenweise ans Tageslicht, zu was die Repressionsbehörden da sind: Einschüchtern und Märchen konstruieren, die ebenfalls einschüchtern sollen. Die Brüder Grimm der Jetztzeit tragen Robe. Und ihre Helden sind, was eine widerliche Nation als Helden verdient: Ein mackeriger Manager, der sich Kinder als Publikum zu seinen Heldentaten einlädt und dann auch noch als ihr Beschützer gefeiert wird. Das Beweismittel und ZeugInnenaussagen genau das Gegenteil bewiesen, ficht die deutsche Justiz nicht an. Die Horde von Justiz, Polizei und – wegen der Panne nur der meisten - Medien schaffte es, die Story vom Manager, der seine Kampfsportfähigkeiten überschätzte, genauso tief zu vergraben wie ihren toten Helden. Die Staatsanwaltschaft verlangte im Plädoyer trotz allem eine Mordverurteilung mit Höchststrafe ausgerechnet gegen denjenigen, dessen Blut auf dem Bahnsteig verteilt gefunden wurde. Das Urteil folgte dem Ganzen – und schon hetzte die Meute der Angstmacher los. Seitenweise Artikel über gerechte Urteile und die schlimmen Mörder prägten die Titelseiten der Zeitungen. Schade, dass solche Prozesse nie dazu genutzt werden können, die Rolle von Polizei und Justiz für die Legitimation von Herrschaft zu nutzen. Aber dazu fehlen mit zwei eingeschüchterten Jugendlichen, deren Leben restlos zerlegt wurde, und stromlinienförmigen Advokaten in Anwaltsrobe die falschen Leute auf der Bank der Angeklagten.
Ach ja. Kennen Sie Emeka Okoronkwo? Nein? Das überrascht nicht. Er sich am 2. Mai 2010 in Frankfurt eingemischt, als zwei Frauen von zwei Männern bedrängt wurden. Einer der Männer hat ihm ein Messer ins Herz gerammt. Haben Sie nicht mitbekommen? Naja, Okoronkwo ist ja auch weder ein echter Deutscher noch ein echter Macker. Der taugt nicht für die mentale Aufrüstung dieses Landes. (Quellen: Auswertung etlicher Presseartikel, u.a. FR, Spiegel, FAZ, SZ)


Ist das "Opfer" keine Projektionsfläche für gesellschaftliche Heldenstorys, sieht die Welt ganz anders aus. Die Abläufe im folgenden Fall sind ähnlich, aber durch die Gut-Böse-Brille kommt mensch, weil hier das "Opfer" eine ausgegrenzte Person ist, zu einer ganz anderen Wahrnehmung. Der Fall spielt 2017: Ein Psychiatriepatient in Bremen ist aggressiv (behauptet die Klinik jedenfalls), wird dann von etlichen Pflegern attackiert, überwältigt - und stirbt, angeblich an Herzversagen. Die Presse berichtet vor allem von den Gewalttagen des Patienten, die Klinik kommt einseitig zu Wort.
Auch der Kampfsportler und Geschäftsmann Brunner war aggressiv und griff zunächst die Jugendliche an. Die wehrten sich. Der Angreifer starb an Herzversagen. Doch hier jubelt ihn die Presse zum Helden hoch, während die Jugendlichen Höchststrafen wegen Mord erhalten.
Die Storys sind ziemlich ähnlich, die gesellschaftliche Reaktion gegen gegenteilig: Einmal ein Psychiatrisierter, einmal ein Geschäftsmann. Böse und gut sind einfach gestrickt, die Einordnung eines Geschehens in diese Kategorien überprägt unsere Wahrnehmung.

Dekonstruktion der ideologischen Wahrnehmungsmatrix
Das Demaskieren scheinbarer Wahrheiten als soziale Erfindung wird als Dekonstrukion bezeichnet. Gemeint ist damit, den Wahrnehmungen ihre ideologische Matrix zu entreißen. Letztlich muss das immer ein unvollendetes Werk bleiben, denn menschliches Denken ist nicht abkoppelbar von Erinnerung, Wertungen und Überzeugungen. Diese sind zwar hinterfragbar, aber kein Mensch wird dadurch zum Neutrum. Das wäre aus emanzipatorischer Sicht nicht einmal wünschenswert, denn die soziale Beeinflussung ist einer der Gründe für die Einmaligkeit jedes Menschen. Auf jeden Fall aber ist sie vorhanden, kann aber hinterfragt und gewandelt werden. Es ist trainierbar, Informationen zu hinterfragen, skeptisch zu sein und nicht einfache Erklärungsmodelle zu übernehmen, um im Kopf eine Harmonie der Überzeugungen mit dem Erlebten zu erzeugen. Kollektivschuld-Zuweisungen gehören zu solchen Vereinfachungen. Durch sie werden negative Erlebnisse mit einem Mantel der Pseudoerklärung verhüllt. Eine kopf-anstrengende Analyse der Ursachen entfällt, schuld sind z.B. die AusländerInnen, die Kriminellen, "die da oben", früher oft Juden, Hexen und andere seltsame Schubladen für eigentlich völlig heterogene Mengen von Menschen.

Es gibt bemerkenswerte Konstrukte, die sich über Jahrhunderte oder Jahrtausende halten, aber dadurch nicht wahrer werden. Sehr lange gingen Menschen von der Existenz von Rassen aus. Dazu wählten sie die Hautfarbe als Unterscheidungskriterium - eine ziemlich willkürliche Auswahl angesichts dessen, dass viele andere Körpermerkmale auch hätten genutzt werden können (Augen- oder Haarfarbe beispielsweise). Dann wurden den Rassen sogar noch bestimmte Eigenschaften angedichtet, bis sich reichlich spät eine hörbare Gegenposition bildete, die zumindest die Zuordnung einheitlicher Eigenschaften, mitunter aber sogar die Einteilung in Rassen in Frage stellt, d.h. dekonstruiert. Viele Köpfe haben solche Einsichten immer noch nicht erreicht.
Das Gleiche gilt für die Geschlechter. Weil es immer so war und immer so behauptet wurde, teilen die meisten Menschen in diesem Kulturkreis (in einigen anderen gibt es mehr Geschlechter) genau in zwei Geschlechter. Wer in diese Idealtypen nicht hineinpasst, wird in sie hineinkonstruiert oder sogar -operiert. An jedes Geschlecht werden haufenweise vermeintliche typische Eigenschaften angehängt - in der Gesellschaft verwirklichen sich diese tendenziell sogar, weil Menschen Erwartungshaltungen von außen oft zu ihrer eigenen Identität machen.

Im Original: Dekonstruktion des Schein-Wahren
Aus Mümken, Jürgen: "Keine Macht für Niemand"
Dekonstruktion könnte im Sinne einer „anarchischen Subjektivität“ eine wichtige Praxis des Anarchismus sein/werden, denn das Subjekt dekonstruieren „meint nicht verneinen oder abtun, sondern in Frage stellen“. „Eine Voraussetzung in Frage zu stellen, ist nicht das gleiche wie sie abschaffen; vielmehr bedeutet es, sie von ihren metaphysischen Behausungen zu befreien, damit verständlich wird, welche politischen Interessen in und durch die metaphysischen Plazierung abgesichert wurden“ (Butler zitiert nach: Lorey 1996, 17). Dekonstruktion richtet sich gegen alle Naturalisierungen und geht von der gesellschaftlichen Konstruktion der Begriffe und Kategorien aus. Dekonstruieren heißt verändern oder die Möglichkeit der Veränderbarkeit sichtbar machen. Dekonstruiert werden, müßten vor allem oppositionelle Begriffsrelationen wie z.B.: Natur/Kultur, passiv/aktiv, Materie/Diskurs, Körper/Geist, weiblich/männlich und öffentlich/privat. Die oppositionelle Begriffsrelationen „werden meist als Binarismen verstanden, d.h. als aus zwei Einheiten bestehend. Diese, sich gegenseitig ausschließenden Einheiten erhalten ihre Bedeutung erst in Relation zum jeweils anderen Part“ (Lorey 1996, 16). Dekonstruktion bedeutet hier, die immanenten Hierarchien innerhalb der Binarismen aufzuzeigen, sie zu deplazieren und zu verschieben. Butler geht davon aus, dass Begriffe oder die schon genannten Begriffsrelationen nicht ohne weiteres verabschiedet oder für falsch erklärt werden können.
Butler argumentiert, „dass eine kritische Position immer 'innerhalb' des Begriffssystems konstituiert ist, das verändert werden soll. Demnach gibt es nichts Unberührtes, Unverändertes, nichts, was in seinem natürlichen Zustand belassen und unabhängig oder außerhalb gesellschaftlicher Machtverhältnisse wäre. Mit anderen Worten: Sobald wir von etwas Unberührten, Natürlichem sprechen, ist es nicht (mehr) unverändert. Die Dinge bekommen ihre Bedeutung durch die Sprache. Sie haben sie nicht an sich“ (Lorey 1996, 15).


Aus Möll, Marc-Pierre: "Kontingenz, Ironie und Anarchie - Das Lachen des Michel Foucault" (Quelle)
Mit seiner Idee "permanenter Kritik" grenzt sich Foucault von der "Ideologiekritik" ab. Er will nicht ein bestimmtes Bewußtsein als "falsch" oder "scheinhaft" denunzieren und zugunsten eines vermeintlich "wahren" überwinden. Foucault versucht vielmehr den Anspruch zu problematisieren, geltende Orientierungen im Denken, Handeln oder Wollen seien Ausdruck von Universellem, von Wahrheit oder Evidenz, und besäßen folglich mehr als bloß faktische, historische und lokale Geltung. Foucault knüpft hier an Heideggers Analyse der "Verfallenheit an die 'Welt'" an. In seiner Analyse der "Verfallenheit" zeigt Heidegger, inwiefern der Mensch (das "Dasein"), indem er je so oder so existiert, "von ihm selbst als eigentlichem Selbstseinkönnen zunächst immer schon abgefallen und an die 'Welt' verfallen (ist)." Heidegger weist darauf hin, "dass sich das Dasein in ihm selbst verfängt", d.h. dass der Mensch dem Schein anheim fällt, die ihm gegenwärtige und für ihn selbstverständliche "Alltäglichkeit" sei nicht ein historisch kontingentes, sondern vielmehr "ein universales Daseinsverständnis". Weil der Mensch dabei "von ihm selbst als eigentlichem Selbstseinkönnen" entfernt ist, spricht Heidegger von der "Uneigentlichkeit des Daseins". Die "Eigentlichkeit", das "eigentliche Selbstseinkönnen", wird indes darin gesehen, dass der Mensch sich "in seinem Sein ... selbst 'wählen'" kann, dass er ein Möglichkeitswesen ist, "in dessen Sein es um das Seinkönnen geht". Der Zustand der "Verfallenheit" ist Heidegger zufolge für den Menschen zwar "eine mögliche Seinsart seiner selbst"; er "verschließe" jedoch die Einsicht, dass der Mensch nicht auf die Art von Existenz festgelegt sei, die er gerade zu führen geneigt ist. Dies bleibe dem Menschen aber vor allem "durch die öffentliche Ausgelegtheit verborgen". Kurz: Weil alle Welt (das "Man") die Dinge so und nicht anders sieht, werden Alternativen dazu systematisch ausgeschlossen oder zumindest verdunkelt. Gleichwohl geht es nicht darum, dem Phänomen der Verfallenheit "den Sinn einer schlechten und beklagenswerten ontischen Eigenschaft bei(zu)legen, die vielleicht in fortgeschrittenen Stadien der Menschheit beseitigt werden könnte". Vielmehr unterliegt der Mensch stets dieser unvermeidlichen Gefahr. Es herrscht eine "ständige Versuchung zum Verfallen". ...
Foucault grenzt sich gegen ein universalistisches Verständnis von "Geltung" ab, weil er sich grundsätzlicher fragt, wie zu einem bestimmten Moment, in einem bestimmten Kontext, etwas überhaupt gültig sein kann. Foucault leugnet nicht, dass innerhalb von Denksystemen Wahrheitsansprüche gestellt und eingelöst werden können. Er steht jedoch außerhalb dieser Denksysteme und behauptet, dass ein anderes Denksystem eine andere Wahrheit konstituiert. Und damit handelt es sich nicht um eine theoretische, sondern um eine "theoriepolitische" Differenz. Das Verhältnis von Denksystemen zueinander ist "politisch" so wie die Kontexte, in denen die Fundamente unserer Denksysteme entstanden sind, politisch im Sinne eines Willens zu einer bestimmten Wahrheit sind. Das Verhältnis von Wahrheit zur Macht ist jedoch kein einseitiges
Begründungsverhältnis, in dem Wahrheit durch Macht fundiert wird. Vielmehr gilt auch umgekehrt, dass "das Wahre mit spezifischen Machtwirkungen ausgestatten wird, ... die Wahrheit selbst ... Macht" ist, d.h. Wahrheit ist "zirkulär an Machtsysteme gebunden". Diese Einsicht in die wechselseitige Verwobenheit von Wahrheit und Macht begründet Foucaults Arbeit an der Veränderung der historischen "Böden" von Wahrheit, seine fundamentalontologische Macht- und Wahrheitskritik als eine politische Aktivität.
Denksysteme sind Wahrheitssysteme und die Geschichte ist eine Serie von geschlossenen Wahrheitssystemen. Es sind verschiedene historische und kulturelle Identitäten mit "inkommensurablen Werten", Spiele serieller "Einzelgeschichten" ohne "Zentrum" und kumulative Prozessualität. Insofern geht es darum, die Suche nach höheren Wertsetzungen, in deren Namen politische Kämpfe geführt werden könnten, aufzugeben, ohne handlungsunfähig zu werden. Foucault will politische Kämpfe nicht im Namen von Wahrheit, Freiheit oder Fortschritt, sondern im Bewußtsein ihrer Kontingenz und Partikularität führen.

Aus Foucault, Michel: "Dispositive der Macht" (S. 51)
Jede Gesellschaft hat ihre eigene Ordnung der Wahrheit: d.h., sie akzeptiert bestimmte Diskurse, die sie als wahre Diskurse funktionieren läßt.


Auch Wissen ist keine ungefärbte, also objektive Sammlung von Informationen. Nicht die Daten, sondern die Verknüpfungen der Daten sind das Entscheidende. Verknüpft werden sie aber immer auch mit unserem eigenen Vorwissen, Erwartungshaltungen, mitunter Voreingenommenheiten oder Vorurteilen und mit unserer ganzen, eingeübten Art, Informationen aufzunehmen und zu verknüpfen.

Im Original: Wissen ist mehr als Datenmengen
Dürr, Hans-Peter (2010): „Warum es ums Ganze geht“, Ökom in München (S. 116 f.)
Mit der rasant zunehmenden Menge an Informationen, die uns die modernen Technologien erschließen, können wir zunächst wenig anfangen. Es passiert nämlich überhaupt nichts Wesentliches, wenn wir nur Informationen austauschen. Information wird für mich erst fruchtbar, wenn ich sie verarbeitet und daraus Wissen geschaffen habe. Der unterscheidende Verstand und die bewertende Vernunft sind hierbei der eigentliche Engpass. Die Qualität ihres Wirkens erfordert Zeit. Wachsende Beschleunigung gibt ihnen keine Chance. Deshalb darf die sich formierende Datenaustauschgesellschaft nicht mit einer viel schwerer zu verwirklichenden Wissensgesellschaft gleichgesetzt werden. Dass sich eine solche herausbildet, wird durch die wachsende Datenflut eher erschwert.
Wir sagen, unsere Welt sei komplex geworden. Die Welt ist immer komplex gewesen. Uns bedrückt nur in zunehmenden Maße die Komplexität unserer Welt, weil wir glauben, dass wir nur dann mit ihr zurechtkommen, wenn wir sie zuvor auseinandergenommen und ausreichend begriffen haben, um sie zu unserem Nutzen manipulieren zu können. Nein, Leben heißt, mit komplexen Dingen ohne große Ängste umgehen zu lernen. Es verlangt, das Wenige für mich und in meiner augenblicklichen konkreten Situation Relevante, was auch die fernere Zukunft betreffen kann, zu erkennen und notwendige Handlungen einzuleiten. Alles Übrige kann in den Hintergrund treten. Der nächste Augenblick kann schon zu einer anderen Auswahl führen, was ständige Aufmerksamkeit verlangt. Wir müssen lernen, mit einer unbestimmten Zukunft zuversichtlich leben zu können; lernen, ein Mehr an Sicherheit durch bessere Orientierung, durch topologische Wahrnehmung und Mustererkennung zu erreichen. Sicherheit stellt sich über die Fähigkeit her, Zusammenhänge grob zu erfassen, und weniger durch exaktes Faktenwissen. Letzteres kann uns ein Computer verlässlicher und umfassender bieten.
Wesentlich für das Lebendige ist weniger die Fülle an erreichbarer Information, sondern die Fähigkeit, die im Augenblick jeweils irrelevanten Informationen zu unterdrücken. In einer Welt, in der vornehmlich chaotische Prozesse ablaufen, sind langfristige Prognosen kaum möglich. Deshalb ist auch derjenige nicht am erfolgreichsten, der ein festes Ziel im Auge hat und versucht, dieses auf beste Weise zu erreichen. Das Ziel läuft ihm zwischenzeitlich einfach davon. Es sei denn, er versucht dieses durch umfassende Manipulation der Natur gewaltsam zu "fixieren". Trotz der "Genialität" des Menschen kann ihm dies nur in einem ganz beschränkten Maße gelingen. Wer in der Evolution des Lebens mit ihren verrutschenden Zielen letztend lich überlebt, muss die Fähigkeit zum Spielen haben: Er darf sich nicht auf ein festes Ziel konzentrieren, sondern muss die Möglichkeit schaffen, verschiedenartigen zukünftigen Herausforderungen erfolgreich begegnen zu können. Dies verlangt Lebendigkeit, Flexibilität, Vermehrung der Optionen anstatt Maximierung einer bestimmten Option. Es wäre wie bei der Vorbereitung einer neuartigen Olympiade, bei der erst am Vorabend der Spiele entschieden würde, in welcher Disziplin ein Sportler oder eine Gruppe von Sportlern zum Wettkampf antreten soll. In diesem Falle müssten sich die Sportler oder ihr Team auf ganz andere Weise vorbereiten, um am Ende eine gute Leistung zu erbringen. Dies würde mehr der Vorbereitung auf das wirkliche Leben entsprechen. Es ist seine enorme Flexibilität und nicht seine besondere physische Stärke, die dem Menschen bisher eine so erfolgreiche Entwicklung beschert hat. Flexibilität wird hierbei durch große Vielfalt und konstruktive Kooperation des Verschiedenartigen erreicht.


Sprache und Begriffe
Es wird noch schlimmer. Um unsere Wahrnehmungen überhaupt denken und uns merken zu können, betrachten wir sich nicht nur durch die Matrix unserer bisherigen Erfahrungen, Erinnerungen und Wertungen, sondern wir packen sie in Begriffe. Die sind wiederum selbst einerseits kulturell vorgeprägt, andererseits wiederum auch mit unseren Assoziationen beim Denken gefüllt. "Die Sprache ist die Kleidung der Gedanken ..." findet sich als schöne Umschreibung auf einer Internetseite zur Frage von Geschlechterkonstruktion durch Worte und Begriffe.
Dadurch wird alles Wahrgenommene nochmal unserer Persönlichkeit entsprechend verbogen.

Wollen wir das dann wiederum anderen mitteilen, benutzen wir wieder Sprache. Landessprachen und Dialekte sind aber kulturell geprägt, drücken verschiedene Selbstverständnisse aus. In jedem Wort steckt aber auch individuelle Subjektivität, d.h. mein Gegenüber versteht jeden Satz von mir anders als ich ihn meine. Objektiven Inhalt hat er ohnehin nicht.

Aus Andreas Anter (2007), „Die Macht der Ordnung“ (S. 16)
Einerseits ist die Sprache selbst eine Ordnung: eine Ordnung von Zeichen, deren Spezifikum darin liegt, daß sie einer linearen Ordnung folgt; jeder Sprechakt stellt sich als eine zeitliche Ordnung von Zeichen, jeder Text als eine räumliche Ordnung dar. Andererseits ist es die Sprache, die die Ordnung der Wirklichkeit erst konstituiert. Selbst wenn man der klassischen These Wilhelm von Humboldts nicht folgt, daß jede Sprache zu einer spezifischen »Weltansicht« führe, wird man nicht daran zweifeln, daß Erkenntnis, wie Humboldt meinte, »nur mit und durch Sprache möglich« ist.

Heinz von Foerster, in: Bernhard Pörksen (2008), „Die Gewissheit der Ungewissheit“ (S. 26)
... wir arbeiten mit einem Medium - das ist die Sprache. Und unser Gebundensein an dieses Medium verführt uns immer wieder dazu, auf eine Weise zu sprechen, die eine unabhängig von uns existente Welt suggeriert. Das ist ein großer Wunsch von mir: Ich möchte lernen, meine Sprache so zu beherrschen, dass Ethik, ganz gleich, ob es um Politik, Wissenschaft, Poesie oder was auch immer geht, implizit bleibt und es mir gelingt, meine eigene Person stets als Bezugsquelle meiner jeweiligen Beobachtungen sichtbar zu machen.

Helfen technische Apparaturen?
Nun wäre denkbar, das Problem, dass menschliche Wahrnehmung ohne eine Durchmischung der neuen Informationen mit dem Altbestand an Gedanken, Mustern und Begriffen im Kopf nicht möglich ist, technisch zu überwinden. Solche Apparate können nicht nur dabei helfen, von den menschlichen Sinnensorganen nicht Wahrnehmbares messbar zu machen, sondern auch von den subjektiven Deutungsmustern freie Aufzeichnungen zu erhalten. Also z.B. die Farbe der Gardine messen, um bei oben genanntem Beispiel der Subjektivität von Farbwahrnehmung zu bleiben. Doch stimmt das? In Grenzen schon, denn in der Tat wäre eine Apparatur zur Messung von Farbfrequenzen im Augenblick der Messung (vorausgesetzt, das Gerät funktioniert) unabhängig von den bisherigen Messungen, d.h. es bildet keine Erinnerung und folgt keinen eingeschliffenen Denkmustern um Vergleich zu bisherigen Messungen.
Doch ganz frei von Subjektivität ist der Weg über das technische Hilfsmittel auch nicht. Erstens ist die Farbe keine sichere Konstante, sondern z.B. (wie in obigem Beispiel benannt) abhängig von der Bewegung des ausstrahlenden und des messenden Gegenstandes. Zweitens ist jedes technische Gerät ein in Form gegossener Ausdruck der Erwartungshaltungen und des Wissens der das Gerät konstruierenden und/oder mit passender Software speisenden Person(en). Schließlich bleibt der Versuchsaufbau von der Person abhängig, die das Gerät einsetzt. Und viertens müssen die Ergebnisse des Gerätes wiederum in das Bewusstsein des/r GeräteanwenderIn gelangen. Spätestens dort treffen sie auf bisherige Denkmuster und vor allem, ganz gefährlich bei wissenschaftlichen Experimenten, auf die Erwartungshaltung zum Experiment. Oft liegt bereits in der Software, die gemessene Daten in Ergebnisbegriffe, Grafiken oder Zahlen umsetzt, viel der Denkmuster des/r ProgrammiererIn. Mehr dieser subjektiven Wertung geschieht aber in der Übernahme der Maschinendaten zum/r BetrachterIn. Wenn dieseR dann die Ergebnisse in einen wissenschaftlichen Text packt und der wiederum von Anderen gelesen wird, wiederholt sich der Effekt mehrfach zu einer Kette von Stille-Post-Effekten (ein Kinderspiel, bei beim eine Information durch eine Kette von Personen per Flüstern weitergegeben wird und am Ende zu überraschend starken Abweichungen von der Ausgangsinformation führt).

Damit soll nun nicht ausgesagt werden, dass sich technische Apparaten gar nicht lohnen. Sie sind oft ein praktisches, für viele von menschlichen Sinnesorganen nicht messbare Effekte notwendiges Hilfsmittel. Das gilt auch dann, wenn in die Entwicklung, Programmierung und Anwendung eine Vielzahl von Subjektivitäten der handelnden Personen einfließen. Entscheidend ist, dass das im Bewusstsein bleibt, dass wissenschaftliches Arbeiten immer unter dem Problem leidet, von Erwartungshaltungen geprägt zu sein. Dramatisch sichtbar ist das in der Gefälligkeitswissenschaft, die heute prägend ist. Mit ausreichend Geld lässt sich jede beliebige Theorie wissenschaftlich beweisen. Dazu bedarf es gar keiner Fälschung, sondern nur des geeigneten, durch das gewünschte oder erwartete Ergebnis beeinflussten Versuchsaufbaus einschließlich der passenden Interpretation der Ergebnisse. Bei einigen Forschungsbereichen, z.B. Umfragen und Auswertung von Statistiken, ist diese beliebige Manipulierbarkeit schon zum geflügelten Wort gewachsen: "Trau keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast", trifft dabei aber noch nicht einmal den dramatischen Kern. Es bedarf gar keiner Fälschung im Sinne einer bewussten Veränderung. Es reicht die Überbetonung einiger Werte, das Weglassen anderer - und das muss nicht einmal bösartig und gezielt erfolgen.

Illusionen pflastern den Weg des Lebens
Das Wahrnehmung immer subjektiv ist, gilt selbstverständlich auch für diesen Text. Und zwar in beide Richtungen: Einmal ist der Text von Menschen geschrieben, die ihre Überzeugungen einbringen. Das lässt sich durch Zitate anderer zu einem vielfältigeren Leseerlebnis machen, aber aufgehoben wird die Subjektivität dadurch nicht - zumal die Auswahl der Zitate wiederum subjektiv erfolgte. Es geht nicht anders. Wer behauptet, er/sie könne objektiv schreiben, dem muss mit Heinz Förster dessen legendärer Satz entgegengehalten werden: "Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners".
Zum zweiten kann dieser Text nicht ohne eigene, d.h. subjektive Begriffsbildung gelesen werden. Das heißt, Sie, liebeR LeserIn, und wir als SchreiberInnen treffen aufeinander und lassen Informationen durch zwei Wahrnehmungsapparate fließen. Da wird einiges der unsprünglichen Idee verwandelt werden. Was Sie lesen, ist nicht unbedingt das, was geschrieben werden sollte. Daraus gibt es keinen Ausweg. Illusionen sind der Stoff, aus dem unser Alltag zu guten Teilen besteht.

Vergleich mit Zauberei
Aus Bernhard Pörksen (2008), „Die Gewissheit der Ungewissheit“ (S. 24f)
Der Akt des Zauberns setzt sich ja, etwas technisch gesprochen, aus drei Faktoren zusammen: dem Zauberer, dem Ereignis und den Zuschauern. Wenn wir nun einen Solipsisten, einen Realisten und einen Konstruktivisten bitten, das, was hier geschieht, zu beschreiben, so würden wir ebenso jeweils sehr unterschiedliche Berichte zu hören bekommen. Die Solipsisten würden uns erzählen, dass nichts von dem Beschriebenen wirklich ist und alles die Schimäre unseres Geistes, der sich eben den Zauberer und eine tatsächlich nicht existente Welt nur vorstellt. Realisten würden betonen, dass Beobachten im Grundsatz nichts anderes ist als die Abbildung der Wirklichkeit auf der Leinwand unseres Bewusstseins - und dass der Beobachter, der Zuschauer, hier eben durch die Tricks des Zauberers getäuscht wird: Er ist einer Illusion verfallen, die die Wirklichkeit des Gegebenen nicht adäquat repräsentiert. Der Konstruktivismus, den Sie vertreten, steht zwischen Realismus und Solipsismus: Es gibt da etwas, so würden Sie vermutlich sagen, es passiert wirklich etwas, das scheint unbezweifelbar; aber ebenso sicher ist, dass jeder die Wirklichkeit dieses Ereignisses auf die ihm eigene Weise beschreibt und seine eigene Welt konstruiert.

Das Platzen scheinbar unverrückbarer Wahrheiten kann weitreichend sein. Eine zentrale Illusion erlebt gerade, d.h. in der aktuellen Phase wissenschaftlicher Debatte, ein Begräbnis erster Klasse - und wird dennoch kaum wegzudenken sein als Grundlage menschlichen Denkens: Die Zeit. Der Mensch ordnet Geschehnisse in einem Zeitstrang ein: Was ist wann geschehen oder könnte demnächst geschehen, sind die zentralen Kategorien von Erinnerung, Planung und systematischem Vorgehen. Doch die Physik hat vermehrt Zweifel, ob es die Zeit überhaupt gibt. Oder zumindest, ob es sie als Konstante gibt, wie das menschliche Gehirn die Geschehnisse sortiert. Darüber werden ganze Bücher gefüllt. Für das praktische Leben wird das kaum Bedeutung haben, denn der Mensch lebt sehr gut mit der Art von Sortierung von Ereignisse auf einem als Erinnerung gefühlten Zeitstrang. Wir müssen aber damit rechnen, dass es eine - wenn auch lebenspraktische - Illusion ist.

Im Original: Ist Zeit eine Illusion?
Aus Callender, Craig: "Ist Zeit eine Illusion?", in: Spektrum der Wissenschaft 10/2010 (S. 33)
Schritt für Schritt haben Physiker die Zeit der meisten Eigenschaften beraubt, die wir ihr gemeinhin zuschreiben. Jetzt kommt dieser Prozess zu seinem logischen Abschluss, denn nach Meinung vieler Theoretiker existiert die Zeit eigentlich überhaupt nicht.

Aus: Schlemm, Annette (1999): "dass nichts bleibt, wie es ist ...", Band II: Möglichkeiten menschlicher Zukünfte (S. 14)
Zeit entsteht aus irreversiblen Veränderungen, wobei die Vergangenheit festgelegt, die Zukunft jedoch weitestgehend offen ist. Die Gegenwart als Zeitspanne dazwischen ist der Raum, in dem wir entscheiden und gestalten."

Aus Gribbin, John (1991): "Auf der Suche nach Schrödingers Katze",Piper Verlag in München (S. 207ff)
Aber wie "erlebt" das Photon selbst den Pfeil der Zeit? Aus der Relativitätstheorie erfahren wir, daß bewegte Uhren langsam laufen und daß sie umso langsamer laufen, je näher sie an die Lichtgeschwindigkeit herankommen. Bei Lichtgeschwindigkeit steht die Zeit sogar still und die Uhr bleibt stehen. Ein Photon pflanzt sich natürlich mit Lichtgeschwindigkeit fort, so daß Zeit für ein Photon nichts bedeutet. Ein Photon von einem fernen Stern, das auf der Erde ankommt, mag Tausende von Jahren unterwegs gewesen sein, gemessen an den Uhren auf der Erde, aber für das Photon selbst ist überhaupt keine Zeit vergangen. Ein Photon der kosmischen Hintergrundstrahlung ist, aus unserer Sicht, seit dem Urknall, mit dem das Universum, so wie wir es kennen, begann, etwa 15 Milliarden Jahre durch den Raum unterwegs gewesen, doch für das Photon selbst sind der Urknall und unsere Gegenwart ein und dieselbe Zeit. Im Feynman Diagramm ist die Bahn des Photons nicht mit einem Pfeil versehen, nicht nur, weil das Photon sein eigenes Antiteilchen ist, sondern weil es beim Photon sinnlos ist, von einer Bewegung durch die Zeit zu sprechen und deshalb ist es sein eigenes Antiteilchen.
Diese Tatsache, die uns lehrt, daß alles im Universum, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, mit allem anderen durch ein Netz elektromagnetischer Strahlung, welches alles "gleichzeitig" sieht, verbunden ist, scheint den Mystikern und jenen populärwissenschaftlichen Autoren, die östliche Weisheit mit moderner Physik gleichzusetzen versuchen, entgangen zu sein. Natürlich können Photonen erzeugt und vernichtet werden, und daher ist das Netz unvollständig. Aber die Realität ist eine Photonenbahn in der Raum Zeit, die mein Auge beispielsweise mit dem Polarstern ver-bindet. Es gibt keine wirkliche Bewegung der Zeit, in der sich eine Bahn von dem Stern bis zu meinem Auge entwickelt; das ist nur meine Wahrnehmung von meinem Standpunkt aus. Von einem anderen, ebenso gültigen Standpunkt aus ist diese Bahn eine ewige Erscheinung, um die herum das Universum sich verändert, und im Laufe dieser Veränderungen im Universum kommt es unter anderem dazu, daß sich mein Auge und der Polarstern zufällig an den entgegengesetzten Enden der Bahn befinden.
Was ist nun mit den anderen Teilchenbahnen im Feynman Diagramm? Wie "real" sind sie? Über sie kann man praktisch das gleiche sagen. Stellen wir uns ein Feynman Diagramm vor, das den gesamten Raum und die gesamte Zeit umfassen würde und auf dem die Bahn eines jeden Teilchens dargestellt wäre. Stellen wir uns nun vor, wir würden dieses Diagramm durch einen schmalen Schlitz betrachten, durch den wir nur einen begrenzten Zeitabschnitt sehen können, und wir würden diesen Schlitz allmählich nach oben verschieben. Was wir durch den Schlitz sehen, ist ein verwirrender Tanz von wechselwirkenden Teilchen, Paarerzeugung, Vernichtung und weit kompliziertere Ereignisse, ein sich ständig wandelndes Panorama. Dennoch tun wir nichts anderes, als etwas räumlich und zeitlich Feststehendes zu betrachten. Was sich verändert, ist unsere Wahrnehmung, nicht die zugrundeliegende Realität. Weil wir an einen sich stetig bewegenden Sehschlitz gebunden sind, sehen wir ein Positron, das sich in der Zeit vorwärtsbewegt, und nicht ein Elektron, das sich in der Zeit rückwärtsbewegt, doch beide Interpretationen sind gleichermaßen real. John Wheeler ist noch weiter gegangen, als er sagte, man könnte sich vorstellen, daß alle Elektronen im Universum durch Wechselwirkungen miteinander zusammenhängen und einen hochgradig komplexen Zickzackweg durch die Raum Zeit bilden, vorwärts und rückwärts. Dies war ein Bestandteil seiner ursprünglichen Eingebung, die dann bei Feynman ihre definitive Ausarbeitung fand die Vorstellung von "einem einzelnen Elektron, das auf dem Webstuhl der Zeit immer wieder hin und herfährt und einen prächtigen Teppich webt, der vielleicht sämtliche Elektronen und Positronen der Welt enthält." Nach diesem Bild wäre jedes Elektron irgendwo im Universum lediglich ein anderer Abschnitt von nur einer Weltlinie, der Weltlinie des einen, einzig "realen" Elektrons.
In unserem Universum trifft diese Vorstellung wohl nicht zu; damit sie zuträfe, müßte man ebensoviele rückwärtsgerichtete Abschnitte der Weltlinie, ebensoviele Positronen finden, wie es vorwärtsgerichtete Abschnitte Elektronen gibt. Auch die Vorstellung, daß die Realität etwas Feststehendes sei und lediglich unsere Ansicht von ihr sich ändert, wird in dieser Einfachheit nicht zutreffen wie ließe sie sich mit dem Unbestimmtheitsprinzip vereinbaren?' Zusammen bieten diese Vorstellungen jedoch ein weit besseres Verständnis der Natur der Zeit als unsere gewöhnliche Erfahrung. In der gewöhnlichen Welt ist der Fluß der Zeit ein statistischer Effekt, der weitgehend auf der Ausdehnung des Universums im Übergang von einem heißeren zu einem kühleren Zustand beruht. Doch selbst auf dieser Ebene lassen die Gleichungen der Relativitätstheorie Reisen in der Zeit zu, und anhand von Raum-Zeit Diagrammen kann man das ganz einfach verstehen.


So ist es mit vielem: Wenn Sie über das übliche Sehvermögen verfügen, das Menschen mitgegeben ist, so sehen Sie, wie bereits beschrieben, im Moment einen Ausschnitt der Sie umgebenden Welt - wahrscheinlich gerade das Buch "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen" oder die dazugehörige Internetseite im Mittelpunkt (sonst würden Sie diesen Text ja nicht lesen). An den Kanten von Bildschirm oder Buchseiten vorbei sehen sie vielleicht einen Tisch, weiteres Mobiliar, eine Tapete, Fenster, aber vielleicht auch Blumen auf einer Wiese oder Sandstrand. Was auch immer Sie sehen, sie sehen in Farbe - das gesamte Bild. Tatsächlich ist das nur Illusion, wenn auch praktisch für das Leben. Solche Effekte sind auch in anderen Fällen hilfreich. Wer Buchstabenhöhen in einem Wort schon Selbiges lesen kann, erfasst Wegweiser ein paar Meter früher als alle, die erst die genauen Buchstaben erkennen müssen.
Das Ganze kann aber auch erheblich stören. Wer schon mal mit Angst nachts unterwegs war, sei es im dunklen Wald oder beim Graffitisprühen in der Großstadtnacht, wird sich vielleicht noch erinnern, wieviele verschwommene Gegenstände plötzlich zu wilden Tieren oder heraneilenden PolizeibeamtInnen wurden. In verschwommenen Fotos lassen sich Bekannte mitunter besser erkennen als im gestochen scharfen Bildern, weil das Gehirn die fehlenden Informationen aus der Erinnerung ersetzt und so das vertraute Erscheinungsbild der Person viel besser im "inneren Auge" entstehen kann als auf dem gestochen scharfen Foto, wo vielleicht unbekannte Lichtreflexe im Gesicht ein fremdes Aussehen erzeugen.

Verzweifeltes Festklammern an der Idee der klaren, einheitlichen Welt ...
Waren Sie schon mal in einem Gerichtssaal? Das sind großartige Schauspiele, leider oft mit schlimmen Konsequenzen für die schlecht bezahlten SchauspielerInnen (Angeklagte und ZeugInnen). Das gesamte Geschehen ist eine Aneinanderreihung von Ritualen, um einen würdevollen Rahmen zu schaffen. Eigentlich wäre es eher ein guter Vorschlag für den Award der dümmsten Kommunikationsform, die zwischen Menschen gefunden werden kann. Wenn Menschen, deren Leben von hochbezahlten ParagraphenreiterInnen sozial zerstört werden, bei diesem Akt ehrerbietend aufstehen müssen; wenn ZeugInnen darauf festgelegt, mitunter sogar vereidigt werden, nur die reine Wahrheit (gibt es auch unreine? Was wäre denn das?) zu sagen, obwohl sie ja gerade ihre Wahrnehmungen schildern sollen und nicht das, was möglicherweise der objektive Ablauf oder Zustand gewesen sein könnte; und wenn dann auch noch einE RichterIn, aus welcher Eingebung (Würfel?) auch immer am Ende in einer völlig subjektiven, oftmals zusammenhanglosen oder gar widersprüchlichen Aneinanderreihung einiger aufgeschnappter und hinzuerfundener Informationen ein Urteil fällt, das Wahrheit schafft - immer dann ist vollkommen offensichtlich, dass Wahrheit eine Inszenierung ist und dem religiösen Glauben sehr nahesteht. Auch der Glaube an Gott wird durch theatralische Inszenierungen (z.B. Gottesdienste) eingetrichtert, und trotzdem bzw. wegen mangelnder Begründungen als Wahrheit definiert.

Überraschend ist, wie weit dieses krampfhafte Klammern an die Überzeugungswirkung einer als Wahrheit deklarierten Meinung verbreitet ist. Es taucht selbst in Kreisen auf, die kritisches oder zumindest dialektisches Denken auf ihre Fahnen schreiben. Nein, noch schlimmer: Es kommt vor, dass dialektisches Denken - obwohl von der Methode her gerade als These und Gegenthese verankert - mit Wahrheiten in Verbindung gebracht, die sich vermeintlich so finden lassen.

Im Original: Beharrlicher Glaube an das Wahre
Marxistische Polemik gegen Absage von Objektivität im Anarchistischen: Nicht der Mensch, sondern das Drumherum soll entscheidend sein!
Aus Frei, Bruno (1971): Die Anarchistische Utopie. Marxistische Taschenbücher in Frankfurt (S. 45)
... wird ... deutlich, wie der "linke" Revolutionismus und Aktionismus im Effekt reaktionär ist, weil er die gesellschaftsverändernde Kraft in das Subjekt, in dessen Willen verlegt und das Kritierium des objektiven, gesellschafltichen Bezugs, verschwinden läßt.

Dogmatische Wahrheitsfans schaffen es sogar, die Akzeptanz von Wahrheit zur Voraussetzung jeder Kommunikation zu erklären. Wer nicht an Wahrheit glaubt, sei per se rückwärtsgewandt. Klare Kategorien wie "normal" und "krank" seien zentrale Bausteine von Gesellschaft und daher nötig - furchterregend, wenn solche Vorschläge nicht nur aus religiösem Eifer oder der solchen Neigungen nicht unähnlichen faschistischen Ideologie stammen, sondern beispielsweise aus marxistischer Ecke. Konflikt wandelt sich dann zur Belehrung, der Unbelehrbare wird abgewiesen oder mit der Diagnose "krank" stigmatisiert, in Extremformen zwangserzogen bzw. schlicht als "lebensunwert" abgestempelt.

Im Original: Wahr und unwahr im Marxismus
Aus Seppmann, Werner: "Strategien der Wissenschaftszerstörung", in: Junge Welt, 4.11.2010 (S. 10 f.)
Wenn es keine verläßliche Weltgewisserung gibt, ist automatisch nicht nur jeder den Ursachen auf den Grund gehenden Beschäftigung mit den gesellschaftlichen Widerspruchsformen, sondern auch jeder prograssiven Veränderungsperspektive der Boden entzogen. ... Realitätsverleugnung ...
... wird ... spiegelbildlich zur Irrationslisierung der kapitalistischen Vergesellschaftungsprozesse (um sie ideologisch zu entlasten) jegliche Unterscheidung zwischen Normalem und Pathologischem in Frage gestellt.


Aus Christoph Spehr (2003): "Gleicher als andere", Karl Dietz Verlag in Berlin (S. 41)
Es gehört zur Schwäche des vorherrschenden Marxismus, dass er über keine Konflikttheorie verfügt. Konflikte und der Umgang damit sind nicht vorgesehen. Konflikte sind immer objektiv entscheidbar, oder sie verschwinden im zukünftigen Kommunismus. Sie können daher nicht Gegenstand einer Politik des Sozialen sein, die auf Freiheit und Gleichheit Bezug nimmt.

Die Alternative liegt in der Akzeptanz der Vielfalt von Wahrnehmung bei gleichzeitigem Willen, zu hinterfragen, Wissen und Erkenntnis voranzutreiben - aber eben von der Position aus, dass niemand im Besitz der Wahrheit sein kann, weil es sie entweder nicht gibt oder sie zumindest nicht erkennbar ist. Nötig ist daher eine Streitkultur, die den Austausch und das Messen von Positionen organisiert, ohne SiegerInnen erklären zu wollen.

  • Extraseite zu Vorschlägen für eine produktive Streitkultur

Der Schaden des Ganzen: Streit wird zum Hegemonialkampf, die Wahrheit zur konservativen Waffe
Wer in Wahrheiten denkt, macht aus dem Ringen um Meinungen schnell einen Hegemonialkampf. Denn die andere Überzeugung ist ja, einfacher Logik folgend. Die Ideen der Dekonstruktion und auch der Dialektik widersprechen dem. Dekonstruktivismus vermutet hinter jeder Position sozial geprägte Auffassungen, Dialektik begreift sich zwar als Methode, der Wahrheit näherzukommen, aber aus These und Antithese entsteht nicht der Sieg einer der beiden, sondern die Synthese, der - dialektisch gedacht - immer eine erneute Antithese gegenübergestellt werden kann. Wird das als endloser Prozess der Erweiterung von Wissen und Erkenntnissen begriffen, stehen Dialektik und die Akzeptanz der Unmöglichkeit, Wahrheit in Reinform erkennen zu können, in keinem Gegensatz mehr zueinander.

Schauen wir in die gesellschaftliche Realität, so dominiert dort der Kampf um die allein gültige Position. Die Wege dorthin sind unterschiedlich. Sie reichen von der Verkündung von Wahrheiten aus höherer Quelle (z.B. in Gottesdiensten und Gerichten) bis zur demokratischen Abstimmung, also der Schaffung des Richtigen durch die Mehrheit oder, meist noch etwas stärker mit der Aura der Richtigkeit aufgeladen, im Konsens. Da gesellschaftliches Geschehen keine lose Aneinanderreihung von Einzelfallentscheidungen ist, sind alle Wahrheitsfindungen durch verknüpfende Diskurse und Normen verbunden, die sie sich wiederum oft in der Maske der Wahrheit zeigen. Was sich als allgemeingültige Wahrheit durchgesetzt hat, wirkt dann fort bis in die Einzelfälle.

Im Original: Wahrheit als Machtmittel
Aus Foucault, Michel (1991): "Die Ordnung des Diskurses" (S. 11)
Dieser Wille zur Wahrheit stützt sich, ebenso wie die übrigen Ausschließungssysteme, auf eine institutionelle Basis: er wird zugleich verstärkt und ständig erneuert von einem ganzen Geflecht von Praktiken wie vor allem natürlich der Pädagogik, dem System der Bücher, der Verlage und der Bibliotheken, den gelehrten Gesellschaften einstmals und den Laboratorien heute. Gründlicher noch abgesichert wird er zweifellos durch die Art und Weise in der das Wissen in einer Gesellschaft eingesetzt wird. Es sei hier nur symbolisch an das alte griechische Prinzip erinnert: dass die Arithmetik in den demokratischen Städten betrieben werden kann, da in ihr Gleichheitsbeziehungen gelehrt werden; dass aber die Geometrie nur in den Oligarchien unterrichtet werden darf, da sie die Proportionen der Ungleichheit aufzeigt. ...
Ich denke auch daran, wie das so gebieterische System der Strafjustiz seine Grundlage oder seine Rechtfertigung zunächst in einer Theorie des Rechts und seit dem 19. Jahrhundert in einem soziologischen, psychologischen, medizinischen, psychiatrischen Wissen sucht: als ob selbst das Wort des Gesetzes in unserer Gesellschaft nur noch durch einen Diskurs der Wahrheit autorisiert werden könnte.

Michael Foucault, 1977: Dispositive der Macht, Merve Verlag Berlin
Nicht die Veränderung des "Bewußtseins" der Menschen oder dessen, was in ihrem Kopf steckt, ist das Problem, sondern die Veränderung des politischen, ökonomischen und institutionellen Systems der Produktion von Wahrheit. Es geht nicht darum, die Wahrheit von jeglichem Machtsystem zu befreien - das wäre ein Hirngespinst, denn die Wahrheit selbst ist Macht - sondern darum, die Macht der Wahrheit von den Formen gesellschaftlicher und kultureller Hegenomie zu lösen, innerhalb derer sie gegenwärtig wirksam ist.

Heinz von Förster/Bernhard Pörksen (8. Auflage 2008), „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“, Carl Auer Verlag in Wiesbaden
Mein Ziel ist es vielmehr, den Begriff der Wahrheit selbst zum Verschwinden zu bringen, weil sich seine Verwendung auf eine entsetzliche Weise auswirkt. Er erzeugt die Lüge, er trennt die Menschen in jene, die recht haben, und jene, die - so heißt es - im Unrecht sind. Wahrheit ist, so habe ich einmal gesagt, die Erfindung eines Lügners. ... Damit ist gemeint, dass sich Wahrheit und Lüge gegenseitig bedingen: Wer von Wahrheit spricht, macht den anderen direkt oder indirekt zu einem Lügner. Diese beiden Begriffe gehören zu einer Kategorie des Denkens, aus der ich gerne heraustreten würde, um eine ganz neue Sicht und Einsicht zu ermöglichen. ...
Meine Auffassung ist in der Tat, dass die Rede von der Wahrheit katastrophale Folgen hat und die Einheit der Menschheit zerstört. Der Begriff bedeutet - man denke nur an die Kreuzzüge, die endlosen Glaubenskämpfe und die grauenhaften Spielformen der Inquisition - Krieg. Man muss daran erinnern, wieviele Millionen von Menschen verstümmelt, gefoltert und verbrannt worden sind, um die Wahrheitsidee gewalttätig durchzusetzen. ...
in dem Moment, in dem man von Wahrheit spricht, entsteht ein Politikum, und es kommt der Versuch ins Spiel, andere Auffassungen zu dominieren und andere Menschen zu beherrschen. ...Ich will noch einmal betonen, dass ich im Grunde genommen aus der gesamten Diskussion über Wahrheit und Lüge, Subjektivität und Objektivität aussteigen will. Diese Kategorien stören die Beziehung von Mensch zu Mensch, sie erzeugen ein Klima, in dem andere überredet, bekehrt und gezwungen werden. Es entsteht Feindschaft. ... (S. 29 ff.)
Mein Wunsch wäre es, meine Sprache so zu beherrschen, dass Ethik in jedem Dialog - ganz gleich, ob es um Politik, Wissenschaft, Poesie oder was auch immer geht - implizit bleibt, so dass ich, wenn ich einen bestimmten Satz gesagt habe, immer noch ein anständiger Mensch bin. Ein Mensch, der andere nicht zu etwas zwingen will. Ein Mensch, der sich nicht zum Richter oder Polizisten aufschwingt, sondern dem anderen seinen Raum läßt. Das ist der Grund, warum ich eigentlich keine weiteren Kriterien und Checklisten für eine endgültig richtige Sprache und Form der Darstellung nennen möchte. ... (S. 40)
Wenn ich sage, eine Aussage sei objektiv, dann liegt dieser Behauptung die Vorstellung zugrunde, man selbst habe nichts mit dieser Aussage zu tun. Man beschreibt ja nur, man fungiert als eine Art Kamera und als ein passiver Registrator. Politisch gesehen ist diese Ablösung des Beobachters vom Beobachteten ein beliebtes Gesellschaftsspiel; denn wie will man diesen objektiven Beobachter für irgend etwas verantwortlich machen? Er ist ja nur ein Berichterstatter, er ist nicht beteiligt an dem, was geschieht, er kann sich immer darauf zurückziehen, dass er nur objektiv darstellt, was der Fall ist. (S. 156)


Humberto R. Maturana, in: Bernhard Pörksen (2008), „Die Gewissheit der Ungewissheit“ (S. 71ff)
Wir leben in einer Kultur, in der man Differenzen nicht respektiert, sondern lediglich toleriert. Und es kommt immer wieder, eben gerade weil sich manche Menschen im Besitz der Wahrheit wähnen, zu der Situation, dass das Andersartige und Unterschiedliche als eine inakzeptable und unerträgliche Bedrohung erscheint. Die Folge ist, dass Menschen anderen Menschen Gewalt antun. Sie rechtfertigen sich dann, indem sie behaupten, sie besäßen einen privilegierten Zugang zu der Realität oder der Wahrheit oder kämpften für ein bestimmtes Ideal. Diese Vorstellung legitimiert, so glauben sie, ihr Verhalten und unterscheidet sie von gewöhnlichen Kriminellen. …
Sich einer Sache ganz sicher zu sein bedeutet demnach: nicht mehr nachdenken, nicht mehr fragen, nicht mehr zweifeln zu müssen.



Die Illusion von Wahrheit aber stützt nicht nur die herrschenden Diskurse und Normen und verhindert produktiven Streit, sondern sie wirkt auch als Bremsklotz gesellschaftlicher Entwicklung, d.h. sie ist konservativ. Was als Wahrheit begriffen wird, ist renitent gegenüber neuen Erkenntnissen - egal ob es die Erde als Scheibe, der Donner als Sprache Gottes, der Mensch als Krone der Schöpfung, die Frau als weiches Geschlecht und der starke Mann als vermeintliches Gegenüber ist, es braucht viel Energie, oft viele Opfer unter den Skeptikerinnen und lange Zeiträume, solche Wahrheiten anzufechten und schließlich aufzuheben. Wie im Großen, so im Kleinen: Was wir im Kopf als klar und wahr empfinden, geben wir so schnell nicht auf.

Im Original: Wahrheit als Bremsklotz
Aus Schlemm, Annette (1996): "Dass nichts bleibt, wie es ist ...", Lit-Verlag in Münster
Obwohl wir neugierig auf neues Wissen sind, bleiben wir bei manchen Bildern stehen. Erst neue Beobachtungen drängen dazu, unser vorheriges Weltbild zu verändern. Manchmal übersehen wir die Anzeichen dazu auch, bis es überhaupt gar nicht mehr anders geht. Erst einmal "sehen" wir oft, was wir erwarten. Wenn wir nur beim Anschauen blieben, würde unser Bild sicher sehr subjektiv bleiben - und sich kaum verändern.

Ihre Route wird neu berechnet ...
Halten wir ein Drittes vorsichtig fest: Hingucken, hinterfragen, selbstbestimmt wahrnehmen
Wir haben ein faszinierendes Organ zwischen den Schultern (ohne die anderen kleinreden zu wollen). Die Dynamik und Veränderlichkeit sind seine Stärken. Es ist geradezu eine Beleidigung, das Gehirn immer nur mit einfachen Botschaften und Erklärungsmustern für die Welt abzuspeisen. Das geht besser - zumindest kommt der Denkkasten wieder ordentlich in Fahrt, wenn wir ihm mehr zumuten. Betrachten wir die Welt nicht länger durch die vorgefertigten Brillen der herrschenden Diskurse mit ihren politisch motivierten und meist stark vereinfachenden Wahrheiten. Die Neugierde von Kindern kann ein Vorbild sein, auch wenn die Lage nicht so einfach vergleichbar ist. Aber das Hinterfragen, Erforschen von Alltäglichkeiten und scheinbaren Selbstverständlichkeiten, der Wille zu besseren Lösungen als dem Bestehenden, die Abneigung zur schlichten Hinnahme vorgekauter Meinungen und viele Formen skeptisch-kreativen Denkens können nicht nur das Leben interessanter machen, sondern auch unser Denken in Schwung halten oder bringen, um uns immun zu machen gegenüber den einfachen Weisheiten, die mitunter in aufreizend großen Buchstaben in die Köpfe gehämmert werden sollen.
Ob Plattheiten aus BILD-Zeitung, Aktenzeichen-XY und Parteien oder die gediegen formulierten Weisheiten der titelbehangenen ExperInnen dieses Landes: Immer lohnt der skeptische Blick und der Verdacht, dass hier aus mehr oder weniger verborgenen Interessen Darstellungen so erfolgen, dass sie bestimmte Assoziationen auslösen, Denkmuster bedienen und unsere Meinungen manipulieren.

Es gilt immer: Für eine Welt, in der viele Welten Platz haben. Oder anders und in Anlehnung an ein ähnlich klingendes Sprichwort ausgedrückt: Niemand hat die Wahrheit mit Löffeln gefressen. Alle Erkenntnis ist Wahrnehmung, etwas anderes ist nicht möglich. Daraus lässt sich wunderbarer Streit organisieren, das Ringen der Argumente, neue Entdeckungen und eine hohe Dynamik der Weiterentwicklung von Wissen. Das Beharren auf vermeintliche Wahrheiten war immer ein Bremsklotz in der kulturellen Entwicklung - egal ob es die zähe Verteidigung der Welt als Scheibe oder der Einteilung in Rassen und Geschlechter, das Volk ohne Raum oder die Definition von krank, verrückt, Zauberei oder anderen Normabweichungen war. All das kam immer mit einem wissenschaftlichen Trommelwirbel daher und ertränkte die Skepsis in Blut und Tränen.

Nehmen wir Abschied vom Glauben, Wahrheit erkennen zu können - und stürzen uns mit unserer Lust an der Entdeckung auf die vielen Fragen dieser Welt. Sie zu erforschen, Erklärungsmodelle zu formulieren, sich dann mit anderen darum produktiv zu streiten und wieder neu nachzuforschen, kann eine Antriebskraft der kulturellen Evolution sein. Käufliche Wissenschaft, ideologische Wahrheitsproduktion und das Beharren auf vermeintlich unverrückbare Erkenntnisse hingegen sind ein Hemmklotz.
Dieser Text soll, gerade weil er zu analytischer Skepsis gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen aufruft, auch nur ein Beitrag sein, mehr und intensiver das fortschreitende Wissen aus allen Ecken der Gesellschaft wahrzunehmen, zu diskutieren und immer wieder in die Entwüfe und Forderungen für eine bessere Zukunft bzw. emanzipatorische Veränderung aufzunehmen. Das Gleiche gilt für neue Techniken. Wer es den bürgerlichen oder neoliberalen Kreisen überlässt, Sinn und Unsinn von Erfindungen und Entwicklungen zu diskutieren oder anzuwenden, gerät schnell ins Hintertreffen. Eine emanzipatorische Welt schöpft aus dem Vollen - aber nicht beliebig, sondern eben aus dem Blickwinkel, was den freien Menschen in freien Vereinbarung für ihr Leben nützt.

Zum nächsten Text, dem zweiten Text im Kapitel zur Theorie herrschaftsfreier Gesellschaft: Was ist der Mensch?

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