Projektwerkstatt

WIE KANN ES WEITERGEHEN? KONKRETE VORSCHLÄGE FÜR DIE PRAKTISCHE ANARCHIE

Anarchie für Träume und TräumerInnen: Theorieentwicklung und Utopiedebatte


1. Einleitung
2. Anarchie für alle: Herrschaftsfreies Leben und Überleben im Alltag
3. Anarchie für Gruppen: Organisierung ohne Hierarchien
4. Anarchie für Betriebe: Produktion und Verteilung
5. Anarchie in Aktion: Intervention ins Hier & Jetzt
6. Anarchie für Träume und TräumerInnen: Theorieentwicklung und Utopiedebatte
7. Was Hoffnung macht: Blicke über die Grenzen

Anarchie wird immer wieder als Träumerei oder schlicht "utopisch" abgetan. "Ja, das ist ja schön und gut, aber es klappt mit diesen Menschen halt nicht" - so oder ähnlich lauten die Reaktionen auf emanzipatorische Ideen und Forderungen nach einer Welt ohne Herrschaft. Doch das Argument gegen eine herrschaftsfreie Welt ist deshalb stumpf, weil ja das "Klappen" (Funktionieren) einer Gesellschaftsformation" offensichtlich sonst auch kein Kriterium ist. Sonst müssten der real existierende Kapitalismus und die dahinterstehende Rechtsstaatslogik längst verjagt worden sein. Denn ein System, das trotz Nahrungsmittelüberproduktion Milliarden in Hunger und Elend leben lässt, das mit riesigen Ressourcen und Umweltzerstörungen Waffen und Kontrollmittel herstellt, um Menschen einzuschüchtern, zu zwingen oder zu töten und das mit all seinen autoritären Mitteln selbst der Hauptgewalttäter in dieser Welt ist und zusätzlich noch Gewalttätigkeit zwischen Menschen massiv fördert, "klappt" nicht.?

Der Verweis auf die bestehenden Verhältnisse ist nützlich, denn als Argument für gesellschaftliche Veränderungen reicht, dass sich die Lage verbessert. Wer auf einen perfekten Entwurf für die Utopie wartet, bevor das bestehende Desaster endlich hinweggefegt oder Schritt für Schritt demontiert wird, zeigt eine beachtliche Gleichgültigkeit von realem Leid. Insofern löst sich auch hier der Widerspruch zwischen Reform und Revolution: Jede Befreiung, jede Verbesserung der Handlungsmöglichkeiten ist es wert, darum zu ringen.

Die Bedeutung von Utopien
Einen Wert hat jede Utopie aber auch als solche. Und zwar aus vielen Gründen.
  • Die Utopie steuert Richtung, Diskussionspunkt und Maßstab für den Entwurf konkreter Handlungen, auch der Teilschritte (Reformen, konkrete Projekte usw.), und deren Reflexion. Wenn Befreiung, Ausdehung von Handlungsmöglichkeiten, Selbstentfaltung und gleichberechtiger Zugang zu allen Ressourcen als Ziel klar ist, müssen auch die Schritte - egal ob als Reform oder Revolution bezeichnet, klein oder groß - etwas von diesem Ziel verwirklichen oder zumindest nicht von ihm weg führen. Darin heiligt kein Zweck die Mittel, während die gewählten Aktionsmethoden der Abwägung im Einzelfall unterliegen.
  • Die Utopie schafft Motivation für das Ringen um Weiterentwicklung und ein besseres Leben. Weniger das Elend, sondern vielmehr die konkrete Hoffnung auf ein besseres Leben sind der Antrieb, den Alltag und die Welt zu verändern, um sie am Ende, hoffentlich, auf den Kopf zu stellen. Utopische Forderungen wirken wie ein Magnet, ohne je erreichbar zu sein.
  • Die angestrebte Herrschaftsfreiheit bleibt immer eine Illusion und notwendigerweise nur ein Entwurf aus dem Wissensstand im Hier & Jetzt. Denn Emanzipation ist ein Prozess - und zwar ein endloser. Jede Befreiung erweitert auch die Fähigkeit, weitere herrschaftsförmige Verhältnisse und Beziehungen zu entdecken. Jede neue Handlungsoption schafft Bedingungen, weitere zu entwickeln. So entsteht ein endloser Prozess.

Es ist deshalb wichtig, um Utopien zu ringen, Debatten anzuzetteln und öffentliche Ausdrucksformen zu finden. Für einen vorwärtstreibenden Anarchismus ist es wichtig, endlich weiterzukommen als die ewige Wiederholung der auf formale Institutionen beschränkten Phantasie revolutionären Verbalradikalismus. Mutiger müssen Lieblingskinder der Nation wie Demokratie und Recht demaskiert werden statt sie in der eigenen Praxis zu verteidigen oder anzuwenden. Die historischen Quellen anarchistischer Theorie sind auf das zu begrenzen, was sie können: Anregungen, mitunter wertvolle, aus einem Blickwinkel, der lange zurückliegt. Die Leerstellen, die sich mit einer solchen Bedeutungsbegrenzung auftun, müssen durch aktuelle und intensive, gerne auch konfliktträchtige Debatten gefüllt werden. Anarchie zu leben, heißt auch, eine brodelnde Küche der gesellschaftlichen Analyse und kreativen Zukunftsentwürfe aufrecht zu erhalten. Davon ist in den aktuellen anarchistischen Zusammenhängen zumindest im deutschsprachigen Raum nichts zu spüren.

Eine Fragestellung, die vor dem Hintergrund erwünschter Utopien und analysierter Gegenwart zu diskutieren ist, ist die nach dem Verhältnis von Ziel und eingesetzten Mitteln. Dabei besteht, wie am Beispiel der Gewaltfrage bereits gezeigt wurde, kein unmittelbar bindender Zusammenhang. Wer emanzipatorische Veränderung will, sollte keine Methoden anwenden, die die Herrschaftsverhältnisse verstärken oder die Chancen einer Befreiung verringern. Das ist aber etwas anderes als die Selbstbeschränkung, nichts anwenden zu wollen, was es auch in der Utopie nicht mehr geben soll. Eine kritische Analyse kann zwischen Dogma und strategischer Umsetzung emanzipatorischer Ideen unterscheiden, d.h. es ist unser Kopf, die Abwägung und der Austausch mit anderen, die Aktionsmittel wählen muss - nicht die Selbstverpflichtungserklärung aus irgendeinem Verbandsbüro oder Slogans, hinter denen Verhaltensnormierungen stecken, die Menschen wieder nur einschränken statt handlungsfähiger und damit "freier" machen.

Im Original: Vision und Praxis
Aus Gordon, Uri (2010): "Hier und jetzt", Nautilus in Hamburg
Die Entsprechung von Vision und Praxis wird unter Anarchisten nicht nur als eine Frage von Grundwerten und Prioritäten angesehen, sondern auch als Voraussetzung, um revolutionäre Ziele zu erreichen. Damit setzen sich Anarchistinnen und Anarchisten eindeutig von autoritären leninistischen Formen des Sozialismus bzw. von den Parteien dieser Art ab. ...
"Alle menschliche Erfahrung lehrt, dass Methoden und Mittel nicht vom angestrebten Ziel getrennt gesehen werden können. Die angewandten Mittel werden durch persönliche Gewohnheit oder gesellschaftliche Praxis Teil des letztendlichen Zwecks; sie beeinflussen ihn, verändern ihn, und schließlich werden Mittel und Zweck eins ... die ethischen Werte, die die Revolution für die neue Gesellschaft durchsetzen soll, müssen mit den revolutionären Aktivitäten der sogenannten Übergangsperiode bereits initiiert werden. Dies kann als echte und zuverlässige Brücke zu einem besseren Leben nur dann gelten, wenn sie aus demselben Material gebaut ist wie das Leben, das über sie erreicht werden soll." ... (S. 62 f.)


Speziell zur Gewaltfrage
Unter Anarchistinnen und Anarchisten ist die politische Gewalt kaum noch ein Thema. ... (S. 121)
Heute ist die vorwegnehmende Verwirklichung eines anarchistischen Modells freiwilliger Gewaltfreiheit eindeutig nicht umzusetzen, weil der Staat dem entgegensteht und systematisch Gewalt einsetzt, die Idee einer universellen Übereinkunft über die Gewaltfreiheit also vereitelt.
Jedenfalls bezüglich der Gewalt ist eine vorwegnehmende Politik heute nur innerhalb anarchistischer Zusammenhänge zu verwirklichen. Die kann geschehen, indem wenigstens in der Bewegung selber gesellschaftliche Beziehungen ohne Gewalt und stattdessen mit den Mitteln friedlicher Konfliktbearbeitung, der Mediation oder - bei unüberbrückbaren Differenzen - der Trennung angestrebt werden.
Schließlich ist es auch nicht ganz abwegig zu behaupten, dass anarchistische Gewalt gegenüber dem Staat tatsächlich eine Vorwegnahme anarchistischer gesellschaftlicher Beziehungen ist. Denn Anarchisten würden auch immer erwarten, dass selbst in einer "anarchistischen Gesellschaft" die Menschen bereit wären, diese, notfalls mit Gewalt, zu verteidigen, sollte es den Versuch geben, soziale Hierarchien wieder einzuführen oder sie anderen aufzuzwingen. Gewalt, die sich gegen die (Wieder)Einführung einer hierarchischen gesellschaftlichen Ordnung wendet, ist also heute ebenso eine angemessene Reaktion, wie sie es in einer Gesellschaft ohne staatliche Strukturen wäre.
So viel zur Behauptung, Gewalt könne von Anarchisten niemals gerechtfertigt werden. Doch es bleibt die Verantwortung von Anarchisten zu begründen, welche Gewalt tatsächlich gerechtfertigt werden kann und mit welchen Argumenten. ... (S. 147)
Zunächst einmal die Frage, wie genau "Gewalt anwenden" gemeint ist. Denn diese Begrifflichkeit ist geeignet, fast jede Form politischen Vorgehens zu umschreiben, nicht zuletzt die juristische. Jeder Appell an den Staat, jede Form von Druck auf ihn, um ihn zur Unterstützung bestimmter Anliegen zu bewegen, ist implizit oder explizit ein Vorstoß dahingehend, seine Gewaltpotenziale für die eigene Seite nutzbar zu machen. Um es mit einem historischen Beispiel zu illustrieren: Der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung wird oft zugute gehalten, dass sie sich gewaltfreier Mittel bedient habe, doch tatsächlich wurde die Abschaffung der gesetzlich geregelten Rassentrennung durch eine ganze Reihe eindeutig gewaltsamer staatlicher Interventionen durchgesetzt, insbesondere durch die Entsendung der Nationalgarde zur Überwachung der Aufhebung der Rassentrennung an den Schulen in manchen Südstaaten. Ähnlich sind auch rechtliche Schritte zum Schutz von Naturgebieten eindeutig Gewaltmittel. Erhält ein Rodungsunternehmen eine rechtliche Verfügung, die es dazu verpflichtet, sich aus einem Waldgebiet zurückzuziehen, so wird es dazu durch die Androhung einer Strafe gezwungen, hinter der letztendlich der bewaffnete Arm der Regierung steht. in letzter Konsequenz mag der Staat in solchen Fällen nicht tatsächlich physisch eingreifen, doch als Drohung steht das entsprechende Gewaltpotenzial bereit und kann eingesetzt werden, falls die juristisch bestätigte Forderung nicht erfüllt wird. Wählen wir also den Rechtsweg, legen wir damit nicht fest, dass Gewalt ausgeschlossen wird - wir überlassen lediglich dem Staat die Entscheidung darüber. Solche Überlegungen scheinen darauf hinauszulaufen, dass kaum noch etwas übrig bleibt, was man tatsächlich als "gewaltfreie Aktion" bezeichnen kann. Möglicherweise kommen überhaupt nur noch sehr passive Formen des Eingreifens infrage. (S. 150 f.)


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