Projektwerkstatt

WIE KANN ES WEITERGEHEN? KONKRETE VORSCHLÄGE FÜR DIE PRAKTISCHE ANARCHIE

Anarchie in Aktion: Intervention ins Hier & Jetzt


1. Einleitung
2. Anarchie für alle: Herrschaftsfreies Leben und Überleben im Alltag
3. Anarchie für Gruppen: Organisierung ohne Hierarchien
4. Anarchie für Betriebe: Produktion und Verteilung
5. Anarchie in Aktion: Intervention ins Hier & Jetzt
6. Anarchie für Träume und TräumerInnen: Theorieentwicklung und Utopiedebatte
7. Was Hoffnung macht: Blicke über die Grenzen

Wer die Kritik an den herrschenden Verhältnissen oder Entwürfe für herrschaftsfreie Zukünfte in Aktionen und Projekten vermitteln will, muss Wege finden, wie sich diese in eine konkrete Aktivität mit einbauen lässt, oder sogar speziell dafür Aktionsideen entwerfen. Von größerer praktischer Bedeutung dürfte das Erstere sein, denn das gesellschaftliche Engagement von Menschen entzündet sich regelmäßig eher an Detailfragen als an gesamtgesellschaftlichen Utopien. So suchen BürgerInneninitiativen, Verbände und unabhängige Gruppen in der Regel ganz konkrete Aktivitätsfelder, in denen sie ihren Protest entwickeln. Seltener sind eigene Vorschläge, die sich zudem auch meist auf ganz konkrete Punkte beziehen. Das ist völlig legitim, weil direkte Betroffenheit oder ein konkretes Interesse die Menschen motivieren, sich zu engagieren.
Eine Verknüpfung visionärer Ideen mit dem Ein-Punkt-Protest ist aber nicht nur regelmäßig möglich, sondern bei kritischer Analyse der Hintergründe des angegriffenen Missstandes auch nötig. Es ist sogar eine der Gründe für manche Schwäche oder Kurzlebigkeit vieler Initiativen und Protestgruppen, dass sie ihr Vorhaben aus dem Zusammenhang reißen und lösen wollen, ohne die sonstigen politischen Verhältnisse zu ändern. Mitunter kann das auch gelingen - als Zugeständnis der Eliten aus dem Kalkül heraus, den Bogen von Unterdrückung und kapitalistischer Ausbeutung nicht so zu überspannen, dass Unzufriedenheit den Protest mehr anheizt als nötig.

Es ist nicht schwer, hinter jedem Missstand auch die politische Gesamtstruktur zu entdecken. Nichts ist von den gesellschaftlichen Verhältnissen getrennt: Keine Person agiert im leeren Raum und keine politische Entscheidung, keine betriebliche Investition und keine Organisationsform (eigentlich) öffentlicher Belange fällt vom Himmel.
Diesen Zusammenhang zum Teil der eigenen Aktion zu machen, ist danach nicht nur strategisch klug, sondern politisch auch nötig. Sonst beschränkt sich BürgerInnenprotest immer auf die Korrektur im Detail. Aufgrund der begrenzten Kraft des oft nur ehrenamtlichen Engagements gegenüber einer mit Personal, Geld und materiellen Ressourcen überfrachteten Sphäre aus Staat, Institutionen und Konzernen wandelt sich selbst ein zunächst resolut vorgetragener Protest in eine Politikberatung, die am Ende im Appell an die Mächtigen endet, deren Machtfülle einschließlich Verteilung von Ressourcen und Gestaltungsmitteln aber nicht in Frage stellt. Damit aber bleiben die Entstehungsvoraussetzungen des Problems, d.h. selbst nach einem erfolgreichen Ringen ums Detail können ähnliche Probleme und sogar die gleiche Geschichte wieder entstehen.

Den konkreten Widerstand mit der Vermittlung der zu dem jeweiligen Einzelpunkt passenden Argumente und Vorschläge so umzusetzen, dass auch die Kritik an den Entstehungsvoraussetzungen und erhofften, über das Einzelne hinausgehenden Visionen in ihnen mitschwingt, ist die Kunst emanzipatorischer Aktion - und damit auch der Anspruch an anarchistisches Agieren in der Öffentlichkeit.
Zwei verschiedene, ebenfalls geschickt miteinander verbindbare Formen sollen hier dargestellt werden: Der Widerstand als Angriff auf das Bestehende - gern verbunden mit über die Kritik hinausgehender Formulierung alternativer Möglichkeiten und Vorschläge. Und der Aufbau von Projekten, in denen entweder Folgen sozialer Missstände aufgefangen, kleine Verbesserungen angestrebt oder Keimzellen für etwas größeres Neues gelegt werden. Denkbar ist, beide Ansätze miteinander zu verbinden.

Widerstand
An dieser Stelle kann und soll nicht das breite Spektrum unterschiedlicher Aktionsmethoden vorgestellt werden. Wer nach Ideen oder konkreten Tipps sucht, ist auf www.direct-action.siehe.website richtig oder kann den Direct-Action-Reader bestellen. Zum offensiven Umgang mit Repression, Polizei und Gerichten gibt es eine besondere Seite und auch einen weiteren Reader. Es gibt aber einige grundsätzliche Überlegungen, die aus Protest eine emanzipatorische Aktion machen, d.h. eine, in der sich Anspruch und Wirklichkeit wenigstens annähern.

Ein Punkt ist das Vermeiden von Appellen an die Herrschenden oder des Einsatzes bestehender Machtverhältnisse für das eigene Ziel. Denn damit wird genau das legitimiert, im schlimmsten Falle sogar gestärkt, was den Missstand hervorruft. Das sei am Beispiel Umweltzerstörung erläutert. Die rücksichtslose Nutzung von Ressourcen, die Vernichtung von Lebensgrundlagen, das Pflastern immer neuer Industriegebiete, Straßen usw. in die Landschaft und die Entsorgung des anfallenden Mülls vom Papiertaschentuch bis zum strahlenden Ex-Brennstab eines AKWs funktionieren nur über Mechanismen von Herrschaft, zum einen in seiner platten Form bei der Durchsetzung von Interessen in politischen Sphären und beim gelegentlich notwendigen Durchprügeln der Vorhaben durch die Polizei, zum anderen aber auch in der Steuerung von Diskursen, Informationsflüssen und Wertungen. Ohne diese Matrix der Macht bedürfte gesellschaftliche Gestaltung immer der freien Vereinbarung mit den Betroffenen und Interessierten. Das aber würde Umweltzerstörung ganz oder weitgehend unmöglich machen, denn Menschen sind nicht von sich aus so dumm, sich ihre eigene Überlebensgarantie, nämlich ein lebensfähiges Nahumfeld, einfach kaputt machen zu lassen.
Wer nun für den Umweltschutz eintritt, dabei aber weder an emanzipatorischen Zielen interessiert ist noch beim Mittel der Umsetzung kritisch reflektiert, kann schnell geneigt sein, für das eigene Anliegen die umsetzungsstärksten und daher scheinbar effizientesten Wege zu gehen. Das aber wären in der heutigen Zeit Polizei, Gerichte, Behörden und Konzerne. Tatsächlich haben Umweltschutzverbände fast immer darauf gesetzt - zunächst auf den starken Staat, ab den 90er Jahren und damit als Mitschwimmende und AntreiberInnen des Neoliberalismus immer mehr auf Konzerne und marktförmige Mechanismen. Für manch Einzelprojekt war das nützlich, aber in der Gesamtheit wurde damit der Umweltschutz zu einem Instrument der Herrschenden. Sie bestimmen heute, was "nachhaltig" oder "umweltgerecht" ist. Umweltorganisationen sind überwiegend abhängig von Industrie- und Staatsgeldern. Ein riesiges Protestpotential, ursprünglich eher in einer diffusen Protestszene von BürgerInneniniativen, Aktionsgruppen und Netzwerken mit kaum einheitlicher politischer Ausrichtung (einschließlich auch starken rechten Strömungen) ist heute die Sache von Staat, Wirtschaft und bürokratischen, abhängigen Umwelt-NGOs. Die Sphäre der Macht ist also um ein Tätigkeitsfeld erweitert worden, während die Menschen mal wieder das Nachsehen haben (was die meisten, lethargisch als MitläuferInnen und Rädchen im System sozialisiert, nicht stört).

Um dieser Falle zu entgehen, mit dem Protest für das scheinbar Gute das Falsche zu stärken, braucht es direkte Aktionen. Damit ist gemeint, dass nicht der Appell an die Mächtigen, sondern die eigene Handlung die Veränderung schafft - entweder ganz konkret (ein ausgerupftes Genfeld ist einfach weg, ein demontierter Abschiebeknast ebenso ... alles schon vorgekommen!) oder über einen öffentlichen Druck, der dann zwar doch zu einer Umsetzung der Forderung über die Sphären der Macht führt, aber diese eben nicht selbst anruft und dadurch auch nicht legitimiert und stärkt.

Desweiteren bedarf es einer klaren Position gegen die Strukturen der Macht. Sie mindestens zu benennen und im Rahmen der Aktivitäten als Ursache bzw. Problem zu demaskieren, wäre der mindeste Anspruch an emanzipatorischen Protest. Er würde sich zum Widerstand wandeln, wenn die Herrschaftsverhältnisse und -beziehungen, die den Hintergrund von Missständen darstellen, nicht nur benannt, sondern auch angegriffen werden.
  • Der Kampf gegen die Atomkraft kann mit dem Widerstand gegen die eine solche Nutzung überhaupt ermöglichenden Konzerne, ihren Verflechtungen, den Gesetzen, der Vergabe von Fördergeldern und vielem mehr verbunden werden.
  • Wer gegen die Diskriminierung nach Geschlecht agiert, kann das mit Aktionen gegen die Strukturen verbinden, die das Problem geschaffen oder seit Jahrzehnten bis Jahrhunderten aufrechterhalten haben: Lehrpläne, Gesetze, Kinderspielzeug, Werbeplakate usw.
  • Hausbesetzungen sind ein Ausdruck der Eigeninitiative. Sie mit dem Appell ausgerechnet an die Stadtregierungen zu verbinden, die den Verlust von Lebensqualität in den Städten verantworten, wäre - und ist! - absurd. Besser wäre eine Demaskierung politischer Verhältnisse und die Forderung, viel mehr Flächen und Gebäude einer Selbstorganisierung der NutzerInnen und Interessierten zu überlassen.
  • Ministerien, Lebensmittelbehörden und andere, die seit Jahren die Agro-Gentechnik sowie den Umbau zur industrialisierten Landwirtschaft fördern und durchwinken, sind die falschen AdressatInnen für den Ruf nach gentechnikfreiem und selbstbestimmtem Wirtschaften auf Äckern und Wiesen. Vielmehr muss ihre Rolle, müssen Verflechtungen und Interessen offengelegt sowie die Dezentralisierung der Macht oder, weitergehend, die Verlagerung hin zu einer selbstverwalteten Sache der Menschen selbst gefordert werden (Text zur emanzipatorischen Gentechnikkritik).

Eine wichtige Unterscheidung: Ziviler Ungehorsam und "Direct-Action"
Viele Aktionen, die immerhin nicht auch noch blind an der Grenze der Legalität hängenbleiben (ohne Sinn und Zweck von Gesetzen zu hinterfragen, die überwiegend reinen Machtinteressen folgen), werden mit dem Label des zivilen Ungehorsams versehen. Das geschieht auch in anarchistischen Kreise, vor allem in den gewaltfreien Zusammenhängen, wo der zivile Ungehorsam die Leitidee von Aktion darstellt. Bei näherer Betrachtung aber ist ziviler Ungehorsam eben gerade nicht direkt, sondern auch nur ein Appell an die Herrschenden - wenn auch in einer provokant zugespitzten und mitunter die Regeln der angerufenen Machteliten verletztenden Weise.

Aus Gordon, Uri (2010): "Hier und jetzt", Nautilus in Hamburg (S. 31 f.)
Zwischen der direkten Aktion und einem verwandten Konzept, dem des "zivilen Ungehorsams" sollte unbedingt unterschieden werden. Unter dem Letzteren ist meiner Ansicht nach jede Art kollektiver Verweigerung gegenüber dem Gesetz zu verstehen, wobei dies entweder aus moralischen Motiven geschieht oder um Druck auf die Regierenden auszuüben, damit sie schließlich auf Forderungen eingehen. So schreibt Henry D. Thoreau: "Wenn die Alternative darin besteht, entweder alle Gerechten einzukerkern oder Krieg und Sklaverei abzuschaffen, wird der Staat bei der Wahl nicht zögern." Demnach ist ziviler Ungehorsam im Grunde eine konfrontative Form des Dialogs zwischen Bürgern, die sich nicht unterordnen, und dem Staat. Dieser Dialog stellt die grundlegende Legitimität des Staates nicht infrage (denn es wird vom Staat erwartet, dass er auf die Forderungen der Ungehorsamen reagieren und beispielsweise ein ungerechtes Gesetz ändern wird). Oft geht der zivile Ungehorsam mit einer Rhetorik der Aufrufe an die Gesellschaft einher, sie möge sich doch ihren eigenen Idealen gemäß verhalten. Auf diese Weise wird der Status quo der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Institutionen eher bestätigt als herausgefordert.

Zudem wird der zivile Ungehorsam regelmäßig mit dogmatischen Beschränkungen in den Aktionsformen verbunden, vor allem mit dem Verzicht auf jede Form von Gewalt. Auch das ist ein Verlust emanzipatorischer Orientierung, denn jedes Weniger an Entscheidungskompetenz der konkret Handelnden ist ein Mehr an externer Steuerung. Sie geschieht durch eine höherrangige Selbstverpflichtung, deren konkrete Ausgestaltung in der Regel aber auch noch privilegierte Personen schafft - nämlich die, die dann definieren, was Gewalt ist.

So ähnlich "Direct Action" in der Praxis unabhängiger AktivistInnen wirkt (siehe z.B. im gleichnamigen Reader oder unter www.direct-action.siehe.website), so hat es doch eine grundlegend andere Herangehensweise. Hier gibt es keine allgemeingültige Aktionsmoral. Immer stehen die handelnden Menschen im Mittelpunkt und ihre, auf eine reflektierte Abwägung folgende Entscheidung. Jegliche Bevormundung durch vorher festgelegte Regeln entfällt. Stattdessen geht es um die Aneignung von Handlungsmöglichkeiten – technischen, kommunikativen und vielen weiteren. Dadurch sollen die AktivistInnen in die Lage versetzt werden, in einer konkreten Situation aus möglichst vielen Optionen auszuwählen und ihre Ziele umzusetzen.
Damit ist „Direct Action“ die Kampfform emanzipatorischer Politik. Denn Emanzipation ist die Idee, gesellschaftliche Verhältnisse aus dem Blickwinkel der einzelnen Menschen und ihrer freien Zusammenschlüsse zu betrachten, zu analysieren und so zu verändern, dass sich die einzelnen Menschen – wohlgemerkt: alle! – möglichst frei und weit entfalten können. Es wäre absurd, wenn als erster Schritt hin zu diesem Ziel wieder nur Regeln und Dogmen gelten würden, wie es bei konventionellen Versammlungen oder Beteiligungsverfahren nach Recht und Ordnung üblich ist, aber auch im zivilen Ungehorsam.
Ein weiterer Unterschied ist der gewollte Verzicht, ausgerechnet solche Strukturen, die eine unerwünschte Lage heraufbeschwören oder zu sichern helfen, durch einen Appell, endlich zu handeln, auch noch zu legitimieren. Abschreckendstes Beispiel war der Slogan des Protestkonzerns Greenpeace beim Klimagipfel in Kopenhagen: „Politiker reden, Führer handeln“. Wie kann noch deutlicher der Wille dokumentiert werden, ein autoritäres System zu wollen – wenn auch mit anderen Teilzielen. Um Genversuchsfelder zu verhindern, kann mensch – am einfaches per vorgekauter Mail von Campact an Ilse Aigner oder Angela Merkel appellieren. Sinn macht das voraussichtlich wenig angesichts dessen, dass die sich längst entschieden haben, die Anwendung der Technik zu wollen. Oder mensch geht hin, besetzt den Acker, reißt die Pflanzen heraus, blockiert die Fabrik- oder Ministeriumstore, sabotiert die Propagandaveranstaltungen oder enthüllt die Verflechtungen und Geldflüsse. „Protest ist, wenn ich sage Das und Das passt mir nicht. Widerstand ist wenn ich dafür sorge, dass Das und Das nicht mehr passiert.“ (Ulrike Meinhof)

Direct Action basiert auf präziser Herrschaftsanalyse und will mit den Aktionen dazu beitragen, das Herrschaftsförmige aus den gesellschaftlichen Beziehungen und Verhältnissen zu jagen. Ob institutionelle Formen der Machtausübung, ökonomische Zwänge oder diskursive Beherrschung – alles kann Ziel von Direct Action sein. Zu ihr passt also eine ständige Skepsis gegenüber subtilen Formen der Beeinflussung und Fremdsteuerung, sie will nicht nur Institutionen angreifen, sondern auch Denkmuster, Kommunikationsverhältnisse und die ungeschriebenen Normen der Welt. Die Aktion wirkt über die Köpfe, die wie wahrnehmen. „Nicht die Taten bewegen die Menschen, sondern die Worte über die Taten“, sagte schon Aristoteles.
Direct Action ist eine Form gelebter Freiheit: Die AkteurInnen entscheiden selbst über das, was sie tun. Sie müssen auf keine Verbandslabel, staatlichen Zuschüsse, Vorstände oder AuftraggeberInnen Rücksicht nehmen. Ihre Selbstbestimmung steigt mir ihrem Reflexionsvermögen, d.h. mit der Fähigkeit, auch tatsächlich eigene Überzeugungen in einer Aktion zu verwirklichen statt nur plumpen Parolen, der Demagogie der führenden Bewegungsköpfe oder scheinbaren Sachzwängen zu folgen. Sie wächst ebenso mit dem Knowhow der Beteiligten.
Bei alledem ist Direct Action nicht alles. Sie versteht sich als gleichberechtigter Teil zu anderen kreativ-emanzipatorischen Handungsstrategien wie Gegenöffentlichkeit, Freiräume und Aneignung und versucht, Erstarrungen in den Aktionsformen und -strategien zu überwinden, z.B. die Wirkungslosigkeit vieler vereinheitlichender Aktionsformen (Latschdemo, Lichterkette ...). Verachtet wird der Hegemonialkampf zwischen Labeln und KarrieristInnen oder aufgrund verschiedener Aktions- und Ausdrucksformen.

Ziele von Aktionen
Aktion kann verschiedene Zwecke verfolgen und diese auch kombinieren. Davon abhängig werden ebenso die Methoden sein wie die Frage, welche Inhalte in den Vordergrund gestellt und welche noch benannt werden. An dieser Stelle sollen nicht alle möglichen Zwecke aufgeführt werden, dazu sei auf den Direct-Action-Reader und die Internetseite www.direct-action.siehe.website verwiesen. Vielmehr geht es in der folgenden Aufzählung speziell um die Frage, welche emanzipatorischen, d.h. herrschaftskritischen, utopischen oder befreienden Inhalte sich an Aktionen knüpfen lassen.
  • Aufklärung: Herrschaft demaskieren
    Aktionen können das Herrschaftsförmigen in den bestehenden Verhältnissen und Beziehungen - allgemein oder in einer ganz konkreten Situation - aufzeigen. Dazu bieten sich alle Formen der Gegenöffentlichkeit und der Subversion an. Letztere bedeutet, das Geschehen so zu demaskieren, dass der Vorgang der Demaskierung nicht in den Vordergrund rückt oder ganz unkenntlich bleibt. Stattdessen offenbarr sich der Herrschaftsgehalt, wenn er gezwungen wird, sich zu zeigen; indem scheinbar die Privilegierten selbst ihn öffentlich machen; indem er bizarr und überzogen zutage tritt (z.B. über ein verstecktes Theater der Überidentifikation).
  • Stören, blockieren, sabotieren - Sand ins Getriebe der Macht
    Eine weitere Möglichkeit ist, das Räderwerk der Macht schlicht zu blockieren. Eine Überwachungskamera, die kaputt ist, überwacht auch nicht mehr. Das ist ein einfaches Beispiel und bedarf nur einer einfachen Sabotageaktion. Doch die Störung des Allgemeinbetriebes erfordert oft komplizierteres Handeln, in dem Sabotage nur eine von vielen Optionen ist. So kann eine große Versammlung durch eine komplexe Vernetzung von Sabotage und Blockade verhindert werden (wie 1999 in Seattle), oder auch durch eine schlau fingierte, offiziell aussehende Absage. Wie immer in einem emanzipatorischen Verständnis der Aneignung von Handlungsfähigkeit heißt es: Entdecke die Möglichkeiten ... Dazu gehört wieder die Subversion, also die Ressourcen und Mittel hierarchischer, ökonomischer und sonstiger Macht gegen sich selbst zu wenden oder für emanzipatorische Politiken nutzbar zu machen. Ein sexistisches Werbeplakat kann durch geschickte Veränderung zur Fläche für Protest und Aufklärung werden, Internetseiten und die Dauerberieselung über Bildschirme in U-Bahnen können gehackt und für neue Botschaften genutzt, Aufstandsbekämpfungspolizei selbst in ein Mittel der Störung verwandelt werden.
  • Ringen um Diskurse und Deutungen
    Komplizierter, aber ebenso wichtig wie der Angriff auf die sichtbaren Strukturen der Macht ist die Auseinandersetzung mit den Normen, Wertungen und allen Diskursen, die sich in den Köpfen der Vielen in der Gesellschaft halten und von dort verbreitet werden. Eine Möglichkeit der Einmischung ist das Wirken in den Diskursen selbst, also das Teilnahmen an dessen Gestaltung und Inhalten.
    Der Mittel sind viele:
    • Medienarbeit, d.h. das Nutzen der vorhandenen Medien über Beiträge in ihnen, Einladen von PressevertreterInnen zu Veranstaltungen und Aktionen usw.
    • Gegenöffentlichkeit mit eigenen Zeitungen, Internetseiten, Beiträgen auf freien Radiosendern und offenen Kanälen oder auch das Kapern der offiziellen Medien durch Piratenfunk, an den Verteilpunkten von Tageszeitungen eingeschobener Beilagen, Plagiate usw.
    • Kommunikationsguerilla: Meist wirken Verlautbarungen von offiziellen oder bekannten Stellen mehr. Informationsschreiben auf dem Briefkopf von Behörden, Firmen oder als Aufruf durch bekannte Persönlichkeiten können zudem ein zweites Mal wirken, wenn bekannt wird, dass sie eine Fälschung (Fake) waren. Unangenehme Botschaften, bisher Geheimgehaltenes und vieles mehr lässt sich so effektvoll in die Öffentlichkeit tragen. Auch verstecktes Theater mit den Insignien der Macht (z.B. in weißem Laborkittel oder Polizeiuniform) verbreitet eine bemerkenswerte Wirkung - der "Hauptmann von Köpenick" ist eine gute Vorlage und durchaus realistisch, was die Wirkung von autoritärer Codes betrifft.
    • Szenische Darstellung: Doch nicht nur subversive Inszenierung, überhaupt ist Theater eine gute Vermittlungsform. Möglich ist das als offen sichtbares Theater auf der Straße oder, oft besser, an solchen Orten, die Kommunikation besonders ermöglichen wie öffentlicher Personennahverkehr, Bahnhofshallen, Kaufhäuser, Restaurants und mehr. Eine schöne Variante stellt aber auch das versteckte Theater dar, bei dem die spielende Gruppe nicht erkennbar wird, sondern - im sonstigen Geschehen verteilt und mit passenden Rollen - etwas Vorüberlegtes oder spontan in die Abläufe Hineinwirkendes darstellt.
    • Adbusting ist eine Wortschöpfung, die das gezielte Verändern von Werbebotschaften bedeutet, also der großen Plakatwände, von Laufschriften, den Einlagen in Plakatständern usw. Zudem können kahle Betonflächen, Firmenfronten und mehr zu Wandzeitungen oder mit aussagekräftigen Graffities und anderem verschönert werden.
  • Hinzu kommt die direkte Intervention im Alltag, also das ständige Reagieren auf die Erscheiungsformen von Unterdrückung und Diskriminierung. Wieder können alle benannten Aktionsformen Anwendung finden. Das bereits aufgeführte Aktionsbesteck (siehe oben und hier), das so oder teilweise ständig mitgeführt werden kann, bietet deutlich verbesserte Handlungsmöglichkeiten für jeden Menschen, auf Übergriffe, Anmachen, Kontrollen und Schikanen ebenso zu reagieren wie auf den alltäglichen Terror von Werbung, Reglementierung und mehr.

Was für alle Formen der Organisierung gilt, ist bei politischen Aktionen besonders wichtig: Sie sind nicht nur Intervention, sondern auch Übungsfeld für eine andere Kultur des Lebens. Zentral gesteuerte Latschdemos oder die modernen Instantaktionen der hochprofessionellen Bewegungsagenturen erfüllen dieses nicht. In ihnen kommen mehrere Aspekte zum Ausdruck, die der Idee von Selbstbestimmung, freier Kooperation und horizontaler Kommunikation widersprechen. Das gilt von Seiten der MacherInnen solcher Aktionen, die Menschen als Setzfiguren großer Inszenierungen sehen und ständig nach Spenden und Mitgliedern schielen - teilweise in einem seltsamen Gegensatz zu ihrer basisdemokratischen Propaganda oder der Selbstdarstellung als Netzwerk. Genau davon kann aber bei den vorgekauten Aktionen keinerlei Rede sein. Das gilt genauso für die, die nur mitmachen und sich per Geldüberweisung in einen Status von TheaterbesucherInnen versetzen. Das wird nicht besser, wenn - wie durchaus beliebt - viele selbst verpeilt sind und auch gern andere für sich denken lassen, sich nicht selbst organisieren, aber hinterher nöhlen, dass die Hirten der herdenförmigen Aktion nicht korrekt waren. BewegungsführerInnen wie Jochen Stay, Christoph Kleine und andere sind nicht allein das Problem, sondern auch die Vielen, die längst die vorgekaute Aktion brauchen.

Im Original: Aktion als experimenteller Raum und Erfahrungsfläche
Aus Wilk, Michael (1999): "Macht, Herrschaft, Emanzipation", Trotzdem Verlag in Grafenau (S. 57)
Libertäres gesellschaftliches Agieren, das das Ziel verfolgt emanzipative Wirkung zu erzielen, kommt nicht umhin, die geschilderten Phänomene als Herausforderung zu begreifen. Die kritische Beleuchtung eigener Strategie zeigt oft erhebliche Mängel im Bereich des sensiblen Umgangs mit dem Gegenüber. Die eigenen Angebote in der Auseinandersetzung mit anderen überschreiten meist kaum die Ebenen der Problemwahrnehmung, das heißt die Information oder Aktion verweist auf ein gesellschaftliches Problem, ohne jedoch mehr als die Qualitätsmargo des Appells zu überschreiten. Nachvollziehbare praktische Handlungsansätze und Angebote, die auf nicht überforderndem Niveau einen Einstieg in eine konkrete Erfahrungsebene bieten könnten, fehlen oft.

Immer und überall handlungsfähig sein: Knowhow, Aufmerksamkeit und passendes Werkzeug
Emanzipatorisch ist es, möglichst oft auf möglichst viele Weisen auf eine Situation reagieren oder etwas selbst anzetteln zu können. Wenn Menschen ihre Handlungsmöglichkeiten erweitern, ist das also ein Akt der Befreiung. Das hat mehrere Säulen:
  • Wahrnehmung schulen
    Ich kann verändern, was ich sehe. Und voranbringen, weiterentwickeln bzw. initiieren, wo ich die Chancen dafür überhaupt entdecke. Der aktive Blick in die Umgebung ist Voraussetzung, handlungsfähiger zu werden. Das bedarf der Übung. Die heutige dominante Sozialisierung macht Menschen zu Nicht-Zuständigen für das Geschehen in ihrem Umfeld, ja meist sogar selbst in Bezug auf ihre eigenen Belange. Wo liegen Materialien für meine Vorhaben? Wo geschehen Übergriffe, die ich verhindern kann? Was steht da draußen herum und blockiert emanzipatorische Prozesse? Diese und viele weitere Fragen kann sich jedeR immer stellen. Es ist beeindruckend, was auf jeden hundert Metern zurückgelegtem Weg, in jedem neuen Raum, den wir betreten, und in jeder sozialen Struktur, in der wir uns bewegen, an Veränderungspotential vorhanden ist. Es lohnt sich, zu üben, das alltäglich zu erkennen (Beispiel für die Wahrnehmung von Herrschaftsförmigkeiten in Verhältnissen und Beziehungen).
  • Handlungskompetenz aneignen
    Nehme ich Chancen und Notwendigkeiten des Handelns wahr, ist schon viel gewonnen. Die Handlungsmöglichkeiten steigen weiter, wenn ich auch weiß, wie was zu erreichen ist. Dazu gehört handwerkliches Knowhow, technisches Wissen, Empathie und/oder Rhetorik, Verkleidungsmöglichkeit, künstlerische Begabung und das Wissen, wo Wissen gewonnen werden kann (Bibliotheken, Internet, andere Menschen mit passender Erfahrung usw.). Niemand hat das alles, aber Kopf und Körper bieten viel Platz, um seine eigenen Handlungsmöglichkeiten immer weiter auszudehnen. Das ist praktizierte Emanzipation, denn die Fälle, in denen ich ohnmächtig nur zuschauen kann, werden weniger. Wenn noch eine neue Vernetzung mit möglichen KooperationspartnerInnen hinzu kommt, die wieder andere Fähigkeiten haben, erweitert sich der Horizont noch mehr.
  • Werkzeug bereithalten und Unterstützung organisieren
    Es ist typisch menschlich, die eigene Schaffenskraft durch Werkzeuge und durch Kooperation mit anderen zu verstärken. Da dadurch die eigenen Möglichkeiten erweitert werden, ist das auch emanzipatorisch - solange es von den Menschen und ihren freien Zusammenschlüssen selbst ausgeht. Das gilt auch für Aktionen. Um nicht ständig immer wieder bei Null anzufangen, erhöht es die Handlungsfähigkeit, Werkzeug und Ressourcen bereitzuhalten - aus emanzipatorischer Sicht selbstverständlich in gleichberechtigtem Zugriff aller, d.h. nicht in verschlossenen Verbandskellern oder privaten Schränken, sondern in offenen Aktionsplattformen, wie sie z.B. Projektwerkstätten darstellen.
    Ebenso erweitern sich Handlungsmöglichkeiten durch Netzwerke gegenseitiger Unterstützung. Dadurch wächst das Gesamtwissen, wie Lösungen aussehen können. Zudem wird manches erst möglich, wenn mehrere Menschen es zusammen anpacken - sei es platterweise, weil etwas zu Bewegendes für eine Person zu schwer ist, oder weil eine Aktion aus verschiedenen Teilen besteht, z.B. ein Theaterstück.

Wer viele Handlungsmöglichkeiten und -notwendigkeiten erkennt, dann Ideen und Wissen hat, wie gehandelt werden kann und, falls erforderlich, auf die nötigen Hilfsmittel zurückgreifen kann, kann aus einer größeren Menge von Alternativen das der Situation Angemessene und selbst Gewollte auswählen.
Gleichgültiges Desinteresse am Geschehen, das Verharren in Unwissen oder Verzicht bzw. Vernichtung von Ressourcen (Werkzeug, Materialien, Räume usw.) schaffen umgekehrt ebenso Handlungsbeschränkungen wie selbstauferlegte Dogmen. Provokativ ausgedrückt: Emanzipation bedeutet, einen Molotov-Cocktail (Brandsatz einfacher Bauart) in einer konkreten Situation nicht zu werfen, weil es unangemessen oder aus anderen Gründen gerade nicht als beste Aktionsform erscheint - also weil mensch es nicht will, und nicht weil mensch es nicht kann. Umgekehrt: Sollte es dann doch einmal als günstige Handlungsmethode erscheinen, ist es gut, diese auch zu beherrschen, sonst entstehen schnell unerwünschte Nebeneffekte oder der Haupteffekt klappt nicht. Die üblicherweise peinlichen militanten Aktionen im deutschsprachigen Raum zeigen meist wenig Hirn hinter Stein-, Flaschen- oder Brandsatzwürfen.

Im politischen Tageskampf: Immer die Machtfrage stellen
Aus anarchistischer Sicht wäre vorteilhaft, jede Aktion so zu organisieren, dass sie neben dem konkreten Thema, um das es geht, auch darüber hinausgehend die hinter einem Missstand stehenden Machtverhältnisse sowie - als Krönung - visionäre Ideen einer anderen Welt bzw. gesellschaftlichen Gestaltung vermittelt.

Das gilt auch da, wo der Meinungskampf - aus taktischen Gründen oder als Folge einer zunächst außerparlamentarischen Initiative - in der Sphäre von Ämtern, Regierungen und Parlamente ausgetragen wird. Denn hier ist die Gefahr besonders groß, im Sumpf der Anpassung den Mechanismen herrschaftsförmiger Umsetzungsstrategien zu verfallen und am Ende selbst auf ein Erreichen der Detailziele durch administrative Maßnahmen, also den Weg "von oben" zu verfallen. Das fühlt sich am Einzelfall sogar gut an, wenn z.B. ein konkretes Projekt oder eine Forderung, um die monate- oder jahrelang gerungen wurde, endlich ganz oder wenigstens teilweise verwirklicht werden kann. Doch solcher Erfolg im Detail kann schweren Schaden im Gesamten nach sich ziehen, oder zumindest Chancen vernichten, die bestanden, wenn damit Herrschaft legitimiert wird. Das sei am Beispiel der Energiewende erläutert.

Der Wandel von fossil befeuerten Groß- und vor allem Atomkraftwerken zu erneuerbaren Energiequellen beruht auf einem gesellschaftlichen Meinungswandel, der stark durch Proteste und Aktionen hervorgerufen wurde. Prägend war die Anti-Atom-Bewegung, die nicht nur an konkreten Baustellen neuer Kraftwerke und bei Transporten von Atommüll erhebliche Aufmerksamkeit erzielte, sondern immer wieder und mit der Zeit zunehmend für regenerative Energien stritten. Was sie aber dabei fast immer vergaßen, war die Frage der Macht. Zwar waren in Anti-Atom-Zusammenhängen Slogans wie "Herrschende Klasse stillegen" oder "Herrschaft abschalten" immer präsent, doch bei der Umsetzung alternativer Projekte wurden die AkteurInnen brav und opportunistisch, d.h. sie suchten für ihr Vorhaben den einfachsten Weg. Der bestand regelmäßig in der Nutzung des angebotenen Instrumentarium von Normen und Kapital.
Ausnahmen bildeten nur drei Fälle, in denen aber das Besondere, nämlich Emanzipatorische an der Umsetzungsform selten oder gar nicht benannt wurde, weil es nie das ursprüngliche Ziel war.
  • Die Anfänge, in denen eine neue Idee noch nicht wirtschaftlich ist und auch nicht als Potential erkannt wird. Das war vor allem bei den ersten Windkraftanlagen so, die Ende der 80er oder Anfang der 90er Jahre im Binnenland errichtet wurden. Da die heutigen Investoren noch fehlten, taten sich BürgerInnen zusammen, gründeten kleine Vereine und betrieben mit dem zusammengelegten Geld eine bis wenige Anlagen in ihrer Region, oft in der gleichen Gemarkung, wo die Quasi-BesitzerInnen der Anlage wohnten. Diese Projekte fristen heute nur noch ein Schattendasein in der durchkommerzialisierten Energiewendepolitik.
  • Zentrales Steuerungsmittel der Energieversorgung sind die Produktionsmittel, hier die Energiegewinnungsanlagen und das Verteilnetz, im Strombereich also die Leitungen und Kabel. Im Schwarzwaldstädtchen Schönau wollten BürgerInnen dieses den mit Atomstrom handelnden Großanbietern entreißen. Da sie aber unter den Herrschenden keine UnterstützerInnen fanden, versuchten sie, ihre Idee durch einen BürgerInnenentscheid durchzusetzen - und gewannen. Die Koalition mit den vor Ort lebenden Menschen war nicht einem emanzipatorischen Grundverständnis, sondern dem Mangel an Alternativen geschuldet. Doch aus der Not wurde eine Tugend: Dass die Elektrizitätswerke Schönau heute das Vorzeigebeispiel konsequenter Energiewende verbunden mit der Dezentralisierung von Macht sind, zeigt die Wichtigkeit, diese Fragen miteinander zu verbinden und sich nicht in die Systeme von Herrschaft integrieren zu lassen.
  • Der dritte Fall bürgerInnennahen Baus von Energieanlagen beruht auf dem Streben nach PR. Es betrifft daher nur Ausnahmen, allerdings regelmäßig sehr auffällige Fälle. So werden vielfach Solaranlagen auf Dächern von Kindergärten, Schulen, Kirchen oder Rathäusern als Gemeinschaftsprojekt vieler dort lebender Menschen organisiert.

In allen diesen Beispiele zeigt sich, dass nicht der Wille, emanzipatorische Ziele zu verwirklichen, sondern die jeweilige politische Lage oder andere Motive im Vordergrund standen, aber als Nebenwirkung auch die Mitbestimmung der Menschen stieg. Tatsächlich ist die Energiewende aber eine verspielte Chance, endlich einmal die Wucht des eigenen Protestes zu nutzen, um nicht nur das konkrete Details, sondern auch die gesellschaftlichen Verhältnisse zu ändern. Angesichts dessen, dass z.B. die gewaltfreien Strömungen selbst ernannter AnarchistInnen bei diesem Verzicht auf emanzipatorische Politik mitspielten und ohne Zögern die kapitalistisch ausgerichtete Geldanlage in bürgerInnenfernen Energieanlagen oder den Wechsel auf profitorientiert arbeitende Ökostromanbieter propagierten, besteht der Verdacht, dass emanzipatorisches Denken hier höchstens eine PR-Masche, aber keine praktisch werdende Überzeugung ist.
Das Ergebnis der Orientierung auf Marktmechanismen, Konzerne und Profit ist fatal und beweist: Der Kapitalismus macht aus jeder noch so guten Idee etwas Menschen- und Umweltfeindliches. Regenwald wird für Palmplantagen umgenietet, Solarwüsten dehnen sich in der Landschaft aus, Windräder werden verbrauchsfern errichtet, Maisplantagen füttern Biogasanlagen - und alles gilt als "öko".

Dabei wäre die Verbindung von Herrschaftsabbau und Befreiung mit praktischer Politik eine besonders gute Möglichkeit, emanzipatorische Veränderung nicht im luftleeren Raum zu fordern und durchzusetzen, sondern sich ohnehin vollziehende Wandlungen innerhalb des dadurch zunächst nicht gefährdeten kapitalistischen und rechtsstaatlichen Normalbetriebes zu nutzen, die Mit- und Selbstbestimmungsmöglichkeiten der Menschen zu erhöhen. Die Macht muss aus den Parlamenten, Behörden und Konzernen herausgezogen werden hin zu den Menschen und von ihnen gebildeten und geprägten Kooperationen.

Genau das Gleiche gilt für alle anderen Bereiche der - wie heißt es so schön - öffentlichen Daseinsvorsorge. Sie sind weder im Würgegriff von Konzernen (Privatisierung) noch in der Hand abgehobener Regierungen bzw. ihren Verknüpfungen (Public-Private-Partnership) sinnvoll, sondern - als Etappe zu einer Gesellschaft fern von Eigentumslogik und Privilegien - in Produktions- und Versorgungseinheiten, die von den BürgerInnen selbst organisiert und verwaltet werden. Gleiches gilt für den Kultur- und Bildungsbereich und an vielen anderen Stellen.

Im Original: Angriff ohne Utopie und Inhalt?
Aus "Einige Notizen zu aufständischem Anarchismus"
Wir haben kein Rezept für eine ideale Gesellschaft oder liefern das Bild einer Utopie für den allgemeinen Konsum. Die meisten AnarchistInnen der Geschichte, ausgenommen derer die glaubten daß die Gesellschaft sich zu dem Punkt hinentwickeln würde an dem sie den Staat zurücklässt, waren aufständische AnarchistInnen. Einfach gesagt bedeutet dies, daß der Staat nicht einfach dahinschwinden wird. Vielmehr müssen wir AnarchistInnen angreifen, denn warten ist eine Niederlage; was wir brauchen ist eine offene Meuterei und das Verbreiten von Subversion unter den Ausgebeuteten und Ausgeschlossenen. Anarchismus ist deshalb hauptsächlich eine Praxis und konzentriert sich auf die Organisaiton des Angriffs.


Gesellschaftliche Großkonflikte und ein zielgerichtetes Mitmischen
Es gibt viele Missstände und Probleme in dieser Welt, die selten oder nie ans Tageslicht kommen. Dazu gehören viele alltägliche Konflikte, Diskrimierungen und Unterdrückungen, oft verbunden mit Gewalt, die im Dunkel der Familien, Arbeitsplätze oder anderen mehr oder weniger geschlossenen Gesellschaften ablaufen. Ebenso zählen viele Arten wirtschaftlicher Kriminalität dazu, vor allem wo sie sich nicht gegen potente Konkurrenten, sondern gegen Schwächere oder Menschen in fernen Ländern richten. Selten oder nie geahndet wird die regelmäßige und oft heftige Kriminalität von Träger hoheitlicher Befugnisse. Beleidigungen und Körperverletzungen, Beweismittelfälschung und -vernichtung, Freiheitsberaubung und Rechtsbeugung sind in Polizeiwachen und Justizgebäuden Alltag - ohne jegliche Sanktion.

Diesen Mauern des Verschweigens stehen andere Bereiche gegenüber, die zu gesellschaftlich hochbrisanten Themen heranreifen und immer wieder große Auseinandersetzungen provozieren. Dazu gehören Konflikte um Risikotechnologien, allen voran die Atomenergie und die Agro-Gentechnik. Kriege provozieren Protest, das Wirken der Armeen in sogenannten Friedenszeiten hingegen kaum. Mitunter lösen lokale und regionale Themen Aufregung aus - wie im Verlaufe des Jahres 2010 recht plötzlich der Konflikt um Stuttgart 21.
Solche Auseinandersetzungen sind wichtig, können aber zu mehr genutzt werden als dem Ringen um das konkrete Einzelthema. Das liegt sogar nahe, denn bei Großvorhaben, die größere Proteste hervorrufen können, sind die dahinterstehenden Machtstrukturen deutlich erkennbar. Hier bestände die Chance, politischen Widerstand auch zu einer Kritik an herrschaftsförmigen Verhältnissen und zu einem offensiven Werben für herrschaftsfreie Utopien zu nutzen. Zur Zeit geschieht das selten oder unvollständig. So wurde im Konflikt um Stuttgart 21 zwar thematisiert, dass hinter dem Projekt - wie sollte es anders sein - Firmen- und Regierungsinteressen stehen. Doch eine Systemkritik war kaum zu hören, sonst hätten nicht grüne Oberfunktionäre (alle männlich, daher ohne -Innen) das Ruder z.B. im Rahmen der Schlichtung so leicht in die Hand nehmen können. Als der geschickte Fadenzieher Heiner Geißler dann auch noch eine der Regierungsmeinung ähnliche Lösung als "Schlichtung" verkaufte, trat der Grünen-Landeschef vor die Kameras und verkündete das als großen Erfolg. Sein Ziel war sichtbar, Wahlkampf zu betreiben. Wer Herrschaftsverhältnisse analysiert und visionär denkt, hätte klar haben müssen, dass über die Logik von Staat und Regieren gesellschaftliche Bedingungen nicht grundsätzlich zu ändern sind, weil zum Ziel, sich in solchen Sphären zu betätigen, nie passt, die eigene Machtfülle an andere zu verteilen. Das aber wäre das Ziel emanzipatorischer Umgestaltung: Die Macht rauszuziehen aus Regierungen, Parlamenten und Institutionen, aus Märkten und Kapitalbesitz, von allen Stellen, wo Privilegien eine Hierarchie zwischen Menschen, ihren Zusammenschlüssen oder z.B. Metropolen und Peripherie bilden. Es geht nicht um das Hin- und Herschieben der Macht zwischen den Zentren der Macht, wie es die meisten NGOs und Parteien fordern, sondern um deren Schwächung zugunsten des Gewinns an Gestaltungsmacht bei den Menschen und ihren freien Vereinbarungen. Weder Liberalisierung (als Abbau staatlicher Dominanz zugunsten der Privatwirtschaft) noch Verstaatlichung oder Reregulierung (als umgekehrter Trend) erhöhen die Handlungsmöglichkeiten der Menschen. Beide sind damit keine Emanzipation - und damit nicht mit der Idee von Anarchie verbindbar.

Fast alle gesellschaftliche Konflikte, mitunter sogar ganze Aufstände (wie zuletzt in vielen Staaten der arabischen Welt) mündeten schnell in den Ruf nach einer anderen Regierungsmannschaft. Bei allen internen Konkurrenzen waren sich die Privilegierten der Welt an dieser Stelle auch immer einig. Nie hat jemand lauthals gefordert, dass mensch es bei der Absetzung der Regierung doch belassen soll und die Angelegenheiten gesellschaftlicher Organisierung ohne formalen Überbau zu einer Sache der Menschen selbst zu machen. So, wie sich die Aufständischen perfekt über die Nutzung direkter und technisch unterstützter Kommunikation zu ihren Protesten verabreden konnten, können sie auch die gesellschaftliche Steuerung ohne einheitliches Zentrum gestalten. Doch auf diese Idee kam niemand - oder die wenigen Hoffnungen dieser Art gingen in einem internen und von außen gesteuerten Trommelfeuer zur Bildung neuer Regierungen und deren Anerkennung durch andere Staaten unter.

Keimzellen und Projekte
Die Propaganda der Tat vollzieht sich nicht nur in direkten Aktionen, sondern auch in Projekten und Experimenten, in denen neue Formen der Alltagsgestaltung, Kommunikation und Kooperation entwickelt und gelebt werden. Sie wirken nach außen und tragen soziale, ökonomische oder politische Impulse und Ideen in die Gesellschaft. Ihnen kommt dabei eine mindestens vierfache Funktion zu:
  • Das Ausprobieren in der Praxis ist eine wesentliche Quelle der Überprüfung eigener Ideen und Entwürfe. Lebendige Theoriediskussion und anschauliche Praxis der Intervention in die Gesellschaft leben stark von den Erfahrungen, Reflexionen und kreativen Ideen, die aus dem Ausprobieren und begleitendem Nachdenken entstehen.
  • Jedes Projekt, in dem Ideen umgesetzt werden, für die auch im gesellschaftlichen Meinungskampf gestritten wird, kann selbst eine politische Strahlkraft haben oder zumindest die öffentliche Debatte unterstützen. So stärkt z.B. die Möglichkeit eines Verweises auf Umsonstläden die Aussagekraft eines Straßentheaterstücks oder versteckter Inszenierungen in Läden zur Kritik an ständiger Inwertsetzung aller Dinge durch Preise und Profitzwang.
  • Weitergehend können praktische Versuche Ausgangspunkt von mehr sein, sich also ausdehnen und Kooperationen schaffen. Sie bieten so das Potential, zu Keimzellen des Neuen zu werden. Das bedeutet eine kulturelle Prägung gesellschaftlicher Abläufe, d.h. das Projekt bleibt nicht Nische, sondern verbreitet sich als Idee. Als Beispiel wird hier sehr oft die Entwicklung freier Software benannt, obwohl das ein bisschen hinkt, weil die Idee von Beginn an existierte - eher sogar länger als die proprietäre, also käufliche und quellengeschützte Software. Dennoch stimmt, dass die Idee erst später als politische Position begriffen und auf andere gesellschaftliche Felder übertragen wurde. Sie trat dann, nach jahrelanger Dominanz von Kauf-Software, einen beeindruckenden Siegeszug im Computerbereich an, der z.B. im Bereich der Internetbrowser dazu führte, dass dort alle relevanten Programme zumindest kostenlos erhältlich sind (was allerdings auch die Neigung zur Finanzierung über Werbung förderte). Aus anarchistischer Perspektive ist der Keimzellencharakter dann interessant, wenn die Ausbreitung einer Idee die Stärkung von Mit- und Selbstbestimmung nach sich zieht.
  • Schließlich können Projekte und Experimente für die daran Beteiligten einen Beitrag zur eigenen Unabhängigkeit bieten - nämlich dann, wenn sie materielle Ressourcen schaffen oder sichern, die für Alltag oder gesellschaftliches Engagement eine Basis bieten. Das ist eine wichtige Frage, denn viel politisches Engagement und Kraft zu gesellschaftlichen Veränderung geht verloren, weil viele Menschen zwar eigentlich die Notwendigkeit für Veränderungen in der Welt begreifen und auch gerne selbst so agieren wollen, aber letztlich doch zur Normalität neigen. Ihnen fehlten Mut, ausreichender Willen oder die Möglichkeit eines Überlebens ohne kapitalistische Verwertung ihrer Arbeitskraft oder der von ihnen geschaffenen materiellen bzw. geistigen Werte. So beschreiten sie dann doch die vorgegebenen Wege. Gäbe es mehr Projekte einschließlich einer fördernden Vernetzung und Kooperation zwischen ihnen, in denen Menschen unabhängiger leben, würde auch die Kraft zur gesellschaftlichen Veränderung wachsen. Anarchismus muss diese Perspektiven schaffen.

Je mehr herrschaftsfrei oder wenigstens herrschaftsarm organisierte Projekte es gibt, je mehr sie mit ihren Außenbeziehungen in die Gesellschaft strahlen und je besser Vernetzung und Kooperation zwischen den Projekten bestehen, desto eher ist es möglich, dass viele Menschen in ihnen eine Sicherung ihrer Existenz finden und damit angstfreier, mit mehr Risikobereitschaft und Kraft, vor allem aber dauerhafter in Aktionen und Projekten wirken können.

Anarchistische Projekte müssen kein Nischendasein fristen. Es gibt etliche Belege dafür, dass sie sogar wirksamer agieren können als die schwerfälligen Apparate von Umwelt-NGOs oder die zwar flexiblen, aber ihre Kraft wesentlich auf Spendenjagd und das Verbreiten des eigenen Labels fokussierenden Bewegungsagenturen.
Das ist gut bei Aktionen, z.B. dem Protest gegen Naziaufmärsche, Castor-Transporte oder Genfelder zu sehen, wo kleine, selbstorganisierte Aktionsgruppen einen großen Teil der Wirkung erzeugen, weil sie in der Lage sind, unberechenbare und dadurch wirksame, überraschende Aktionen durchzuführen. Im Bereich der Agrogentechnik-Kritik gab es sogar noch eine weitere Besonderheit, dass Apparate, Umweltverbände und Grüne seit Jahren die sowohl inhaltlich als auch von möglichen Aktionsformen her anspruchsvollen Versuchsfelder komplett ignorierten. Ihre Büros sind auf die Metropolen beschränkt, ihre Öffentlichkeitsarbeit richtet sich gegen symbolstarke "Feinde" (z.B. die Firma Monsanto und die Genmaissorte MON810, auch als diese schon lange als kommerzieller Anbau verboten war) und blieb immer verbunden mit dem Bemühen um Spenden. Die deutschen Versuchsanlagen waren hochgesicherte Bereiche mit meist mehreren Feldern, die als Forschung verschleiert wurden. Unabhängige Aktionsgruppen mit emanzipatorischer Ausrichtung in Organisierung und Argumentation agierten seit 2007 genau an diesen Schwerpunkten und lagen sowohl von der Aktionsfähigkeit als auch im inhaltlichen Niveau deutlich über den Presseverlautbarungen aus grünen oder NGO-Büros. Dabei taten die ihnen näher stehenden Medien viel, um den platten Protest gegen Monsanto zu fördern und die unabhängigen Aktionsgruppen unsichtbar zu halten oder sogar zu diffamieren.

Ähnliches gilt für einzelne lokale oder regionale Projekte. Wenn emanzipatorische Ideen mit strategischer Organisierung, Gegenöffentlichkeit, radikalen, aber niveauvollen Inhalten verbunden wurden, konnten sie sich trotz Ignoranz in bürgerlichen Medien, Gegenwehr der klassischen NGOs und Parteien Gehör verschaffen - vor allem mit direkten Aktionen aller Art. Beispiele sind einige besetzte Häuser in der Schweiz oder in den Niederlanden, oder die Projektwerkstätten der 90er Jahre, von denen bis heute, also über 20 Jahre, die Projektwerkstatt in Reiskirchen-Saasen nicht nur unabhängig überlebte, sondern als intensiver regionaler und überregionaler Akteur wirksam blieb.

Fragend voran: Skeptizismus und permanente Kritik
Ob eigene Projekte, gesellschaftliche Intervention oder die Debatte um Utopien, keine Idee oder Erkenntnis darf starr bleiben. Denn Stillstand wäre eine Folge entweder von fehlender Reflexion über den noch bestehenden Gehalt an Herrschaft in den jeweils entstandenen Verhältnissen und Beziehungen oder von formalen, inneren oder äußeren Zwängen, die eine Weiterentwicklung blockieren. Emanzipation aber bedeutet ein permanentes Voran bei Befreiung und Ausdehnung der Handlungsmöglichkeiten.
  • Der Gehalt an Herrschaft und Ungleichheit in allen sozialen Beziehungen erscheint, zumindest gemessen an unseren heutigen Fähigkeiten, Herrschaft überhaupt zu entlarven, geschweige denn zu überwinden, unendlich. Jedem Fortschritt wohnen Entdeckungen inne, welche weiteren Momente von Hierarchie, diskursiver Steuerung, Vereinnahmung oder anderen Herrschaftsformen gibt, die bislang unerkannt blieben. Insofern löst schon das immer genauere Hinsehen eine ständige Lawine neuer Handlungsfelder aus. Das ist keine Überforderung, sondern kann zusätzlich motivierend sein, weil es ein sich selbst verstärkender Prozess ist, dass Befreiung neue und mehr Optionen weiterer Befreiung aufzeigt. Letztlich ist das genau die Umkehrung bisheriger Prozesse, die Menschen zu Rädchen im System machen bei abnehmender Fähigkeit, das noch zu bemerken.
  • Die Fähigkeiten, die eigenen Lebensbedingungen zu verändern und damit die Handlungsmöglichkeiten - allein oder durch Kooperation mit anderen - zu erweitern, sind endlos ausdehnbar. Der Mensch wird, solange er kreativ tätig ist und nicht vollständig zum reinen willigen Vollstrecker in einem erstarrten bis rückwärts gewandten System degradiert wurde, immer nach Mitteln suchen, empfundene Schranken der eigenen Möglichkeiten zu überwinden. In einer herrschaftsfreien Utopie wird dieser Prozess angetrieben vom Willen, das eigene Überleben zu sichern, von der Lust auf ein besseres Leben, dem Willen zu einem effizienteren Prozess der Herstellung neuer Verhältnisse und Möglichkeiten sowie von der Selbstentfaltung der eigenen Ideen, Neigungen und Fähigkeiten. Der Kapitalismus zieht viele dieser Kräfte für eine profitorientierte Produktivität einschließlich Erfindungen ab, der Moloch Staat und die vielen Hierarchien in den gesellschaftlichen Subräumen schlucken ebenfalls große Teile menschlicher Energie für die Aufrechterhaltung ihrer Systeme. Dennoch verbleibt vielen Menschen Gestaltungskraft und -wille, die sich in Produktivität, Erfindungsgeist und Aufruhr gegen die Hemmnisse niederschlagen.

Beide Prozesse, also sowohl die ständige Neuentdeckung bislang unbekannter Herrschaftsförmigkeiten in Beziehungen und Verhältnissen als auch die Entwicklung neuer Handlungsmöglichkeiten, sind endlos. Um diesen Prozess in Gang zu halten, bedarf es der ständigen kritischen Betrachtung des Bestehenden einschließlich des jeweils neu Erreichten. Gewünscht ist ein permanenter skeptischer Blick auf die Geschehnisse, selbst- und fremdverursachte. Emanzipation bedeutet das offensive Hinterfragen, das Demaskieren von Situationen und der freie Weg von Informationen in die Öffentlichkeit.

Aufklärung ist dabei zu wenig, wenn sie nur auf der sachlichen Ebene bleibt, aber Interessen, Deutungen und Privilegien ausblendet. Notwendig sind verschiedene Blickwinkel, die Politisierung aller Abläufe und immer die emanzipatorische Perspektive, also die Frage, was eine Situation für die konkreten Menschen bedeutet und wo weitere Schritte ihrer Befreiung und Ausdehnung ihrer Handlungsmöglichkeiten bestehen.
Voraussetzung ist unter anderem Transparenz, d.h. der Zugang zu allen Informationen für alle Menschen statt Datensammelwut und -monopole bei Behörden. Wichtig werden organisierte Hilfsmittel für gemeinsame Reflexion, Diskussion und Streit sein. Denn Betriebsblindheit tritt bei allen Menschen ein, die sich in konkrete Aktivitäten und Themen stürzen. Sie betrachten die Welt aus einer sich verfestigenden Perspektive, aus der sie nur durch die soziale Interaktion herausgerissen werden können.

Hinterfragen, skeptische Analyse und Organisierung von Kritik und Streit können und sollten sofort beginnen, aber nie enden. Gelebte Anarchie heißt immer auch, das Hinterfragen und den produktiven Streit anzuheizen, zu organisieren und einfach zu machen. Sich im Bestehenden einzurichten oder Widersprüche zu verschleiern, kann das Ende des Voranschreitens und damit der emanzipatorischen Veränderung bedeuten.

Aus Stehn, Jan: "Anarchismus und Recht" in der sich als anarchistisch bezeichnenden GWR, Nr. 216, Februar 1997
Träume ich 'mal von einer anarchistischen Bewegung mit vielen Menschen, so stelle ich mir vor, daß schrittweise autonome Rechtsbereiche erkämpft werden. Ein Grundsatz könnte sein, daß staatliches Recht nur soweit gilt, wie die betroffenen Menschen ihre Rechts-Angelegenheiten nicht selber regeln. Zum Beispiel: Dort wo Menschen ihre Konflikte durch eigene Schiedsgerichte lösen, hat die staatliche Justiz nichts mehr zu suchen. Einhergehen muß damit auch das Recht, die Steuern zu reduzieren oder zurückzufordern. Etwa so: Wo Eltern eine frei Schule gründen, entfallen nicht nur die staatlichen Schulgesetze, ihnen steht auch der entsprechende Anteil ihrer Steuern, die der Staat für Bildung aufwendet, zu.
Der Anarchismus kommt nicht 'Knall auf Fall' - in vielen Schritten muß der Staat zurückgedrängt, anarchistisches Menschenrecht behauptet und Selbstbestimmung mit Leben und Inhalt gefüllt werden.


Die emanzipatorische Fragestellung der ständigen Skepsis ist der Gehalt an Herrschaft in jeweiligen Verhältnissen und Beziehungen. Ziel ist, sie zu überwinden oder, als Zwischenschritt, ihnen den hegemonialen Charakter zu nehmen. Die Macht muss herausgezogen werden aus den Apparaten, Konzernen, Parlamenten und allen anderen Orten der Fremdbestimmung. Sie gehört zu den Menschen und ihren freien Zusammenschlüssen.


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