Projektwerkstatt

KRITIK UND PERSPEKTIVEN ANTISEXISTISCHER ARBEIT

Debatten um FLINTA-Begriff


Debatten um FLINTA-Begriff Debatte: Oberkörperfrei? Einleitung AC/PC&H.A.R.A.K.I.R.I: Kritik AC/PC&H...: Perspektiven

Vorab: In einer freien Gesellschaft können sich Menschen so organisieren, wie sie das für richtig halten - nach Interessen, Betroffenheiten oder beliebigen anderen Kriterien, auch per Zufallsauswahl oder anderen Motiven, zusammen zu kommen. Das gilt auch im Hier und Jetzt als Ziel, wenn es auch durch die Zwangsmechanismen, Erwartungshaltungen und Rollenzuweisungen erschwert ist. Insofern sind solidarische Zusammenschlüsse oder Vernetzungen von Menschen mit sexistischen Unterdrückungserfahrungen bzw. ähnlichen Interessen an Gendergerechtigkeit per se legitim. Unter der Garantie der Selbstbestimmung ist Kritik aber ein wichtiges Mittel, Debatten, Erkenntnis und Entwicklungen voranzutreiben.

Kritik am FLINTA-Begriff
Seit einigen Jahren wird in linken, feministischen und anderen Räumen die sich gerne als inklusiv geben immer mehr der FLINTA-Begriff (Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, trans* und agender Menschen) verwendet - als Zugangsbeschränkung für Räume, als politische Positionierung, als Bezeichnung für Personen. Doch gerade aus trans* und nichtbinärer Perspektive gibt es viel Kritik an dem Begriff und seiner Verwendung. Hier eine aus Platzgründen leider sehr unvollständige Liste der Kritikpunkte:
  • Die Intention des Begriffs ist oft die Aussage "alles außer Männer". Trans* und intergeschlechtliche Männer sind aber nicht weniger Männer als cis und endo (=nicht inter) Männer. Und auch wenn ihr immer wieder betont dass ja nicht per se Männer sondern endo cis Männer gemeint sind: das kauft euch kein FLINTA-Mann ab wenn ihr dann trotzdem immer "Menners draußen bleiben" und so an euren FLINTA-Raum schreibt
  • .
  • Der Begriff schafft eine neue Binarität (Männer-FLINTA), und wollten wir Binaritäten nicht eigentlich abschaffen?
  • In der Realität ist mit dem Begriff meistens "Frauen und alles was für uns irgendwie weiblich wirkt" gemeint, also quasi "Frau und Frau light". Das invalidisiert trans* und inter Männer sowie nichtbinäre Menschen.
  • Was soll dieses A am Ende (ich schreibe das als Person die selbst agender ist)? Agender ist ein Teil von nichtbinär, es ergibt keinen Sinn dass das das einzige nichtbinäre Geschlecht ist das extra genannt wird. Meine Vermutung ist dass das A nur hinzugefügt wurde damit das Wort griffiger klingt und vor allem eine weiblich klingende Endung hat, sodass es leichter als Wort für "irgendwie weiblich" verwendet werden kann. Das wäre eine miese Instrumentalisierung von agender Menschen.
  • Der Begriff schafft ein falsches Zugehörigkeitsgefühl. Cis Frauen müssen sich ja gar nicht mit der eigenen Trans- und Interfeindlichkeit auseinandersetzen oder sich mal ernsthaft mit den Wünschen und Bedürfnissen von trans*, inter und nichtbinären Menschen an Gruppen und Räume befassen, denn wir sind ja alle FLINTA-"Schwestern" (lol) und sitzen im selben Boot! Cis Frauen sind aber nicht automatisch weniger diskriminierend als endo cis Männer (siehe TERFs).
  • Der Begriff schmeißt vollkommen unterschiedliche Lebensrealitäten und Diskriminierungsformen in einen Topf. Was zB eine endo cis Frau, ein inter cis Mann und eine transfeminine Lesbe an Diskriminierung erleben unterscheidet sich grundsätzlich.
  • Was wollen wir hier eigentlich ausschließen? Können wirklich nur endo cis Männer mieses patriarchales Verhalten zeigen? Warum darf jetzt ein hypermaskuliner, mackriger trans Mann dabei sein aber keine endo cis Tunte?
  • FLINTA-Räume sind oft die einzigen Schutzräume die es gibt, zB gibt es die Forderung nach FLINTA-Abteilen in S-Bahnen. Dabei wird völlig außer Acht gelassen dass ein großer Teil von queerfeindlicher Gewalt sich gegen schwule Männer richtet die in FLINTA-Räumen ja, wenn sie cis und endo sind, nicht willkommen sind. Wohin sollen die sich vor Gewalt flüchten?
  • Es gibt an FLINTA-Räumen oft Einlasskontrollen bei denen Menschen die "nicht FLINTA genug" aussehen gefragt werden ob sie hier richtig sind oder auch einfach ohne Frage rausgeschmissen werden. Das betrifft insbesondere trans Frauen, trans Männer, inter Männer und alle nichtbinären Menschen die nicht feminin genug aussehen.
  • Menschen werden oft anhand ihres Aussehens als "FLINTA-Person" oder einfach nur "Flinta" bezeichnet (auch bezeichnend dass oft nur noch das F groß geschrieben wird...). Darin steckt die Annahme dass Menschen angesehen werden kann was sie für ein Geschlecht haben, und diese Fehlannahme hatten wir doch längst hinter uns lassen wollen...
  • Der Begriff ist ein Versuch die große Komplexität des Themas Geschlecht zu vereinfachen, und bei Vereinfachungen fällt idR sehr viel runter, vor allem die Sichtbarkeit und Sicherheit der am meisten marginalisierten Menschen einer Gruppe.
  • Wäre es nicht viel sinnvoller Räume so zu bezeichnen dass wirklich klar ist was gemeint ist? Muss jeder Raum der ein Schutzraum vor patriarchalem Gemacker sein soll ein FLINTA-Raum sein?

  • Informiert euch gerne weiter, es gibt einige gute Artikel von trans, inter und nichtbinären Menschen zu dem Thema!

    Aus dem "Queerotic Kalender 2027"

    Ergänzungen
    • Warum das "L" in FLINTA? Die übrigen Buchstaben bezeichnen Eigenwahrnehmungen des eigenen Geschlechts. Das L steht für "Lesbe" oder "lesbisch", ist also eine Präferenz für Sexualität. Es ist in der Aufzählung nicht-heterosexueller Orientierungen (z.B. LGBT) enthalten und dort passend.

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