Martin Luther

KLEINE GESCHICHTE DER UMWELTBEWEGUNG

Einleitung


1. Einleitung
2. Links und Lesestoff

Seit über 100 Jahren gibt es Gruppen und Verbände, die sich um den Schutz der Natur kümmern. Diese Geschichte darzustellen, nimmt ganze Bücher ein (und die gibt es!). Ein auf Kapitellänge zusammengefasster Überblick ist im Buch "Reich oder rechts?" erschienen (PDF-Download). Hier soll nur ein ganz kurzer Überblick erfolgen, eingeteilt in die Phasen mit prägenden Ausrichtungen.

Die Gründungsphase des Naturschutzes
Ende des 19. Jahrhunderts war es soweit. Gedrängt durch die verheerenden Umweltbelastungen aus der Industrialisierung, aber auch aus eigenen Interessen und Vorlieben gründeten sich verschiedene Strömungen. Eine bildete den Vorläufer des heutigen Naturschutzbundes, damals als Bund für Vogelschutz tatsächlich auch fast ausschließlich an Hilfen für die heimische Vogelwelt interessiert. Als Gründerin wird heute vor allem Lina Hähnle benannt. Sie repräsentiert eine wichtige Wurzel der Vogelliebhaberei, denn sie entstammt dem reichen BürgerInnentum, hier einer Unternehmerfamilie. Emanzipatorische Ziele verknüpften sie mit ihrem Einsatz für mehr Brutmöglichkeiten und Schutzgebiete nicht.
Das taten auch einige andere Gruppierungen nicht, die z.B. den Heimatschutz in den Mittelpunkt rückten. Gemeint war damit eine meist eher naturromantische Vorstellung unberührter Landschaften, die tatsächlich aber eher kulturell überformter Regionen war, in denen sich aber noch keine Spuren der Industrialisierung eingegraben hatten.
Einzele Aspekte von Befreiungsperspektiven entwickelten Wandervogel-, Lebensreform- oder z.B. Freikörperkulturspektren. Ihnen nahestehend entstanden die Naturfreunde. Bei ihnen ging es auch immer um freie Lebensentfaltung - ein durchaus früher, emanzipatorischer Zug, der da bei der Thematisierung von Naturschutz und touristischen Ideen mitschwang. Allerdings: Stark war dieser Impuls nie.

1933-1945: Gleichschaltung … Verwaltung … Reichsnaturschutzgesetz
Angesichts der starken Nähe großer Teile des Naturschutzes hatten die Nationalsozialisten mit ihnen überwiegend leichtes Spiel. Sie mussten keine NS-Organisationen neu gründen, sondern integrierten den Verband der Vogelschützer als Reichsbund für Vogelschutz in ihre totalitäre Struktur der Gesellschaft. Alle anderen Umweltgruppen wurden aufgelöst und auf den Reichsbund gleichgeschaltet. Der freute sich überwiegend über diesen staatlich verordneten Bedeutungsgewinn - und tat das noch bis in die 70er Jahre in seiner Chronologie!
Überwiegend Freude und Zustimmung erhielten auch die weiteren Naturschutzpolitiken der Nazis. Sie schufen eine staatliche Behördenstrukturen, erließen das Reichsnaturschutzgesetz (welches bis 1976 gelten sollte!), ernannten Beauftragte für Naturschutz- und Landschaftsfragen. Deutsche Autobahnen sollten mit geschwungener, an Hügel und Flüsse angepasster Linienführung die heimatliche Prägung betonen. Der Vernichtungskrieg Richtung Osten wurde auch damit gerechtfertigt, die überlegene deutsche Kulturlandschaft ins die verwahrlosten Landschaften z.B. Polens zu bringen.
Der Naturschutz erwies sich für die Nationalsozialisten als das, was die meisten Teile der Gesellschaft waren und es den Nazis damit leicht machten: Sie waren keine feurigen Faschisten, sondern willige Vollstrecker. Ein paar Pöstchen und der Eindruck, nun würde sich ein starker Staat um Bäume und Vögel kümmern, machten aus den bestehenden Organisationen leichte Beute.

Nachkriegszeit und pro-staatliche Orientierungen
Trotz der peinlichen bzw. skandalösen Einbindung in den Nationalsozialismus und Vernichtungskrieg gehörten die Naturschutzströmungen zur großen Masse der Gesellschaft, die nach dem zweiten Weltkrieg eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Einbindung in die Verbrechen verweigerte. Die vormals bestehenden Verbände entstanden wieder, aber das Thema hatte keinen Stellenwert mehr. Nachkriegsnot, dann die autoritäre Restaurierung des Landes und schließlich die Phase des Wirtschaftswunders verdrängten Umweltthemen genauso wie andere politische Fragestellungen. Das änderte sich zeitgleich mit einer allgemeinen Politisierung gesellschaftlicher Debatten, die aufgrund der kulturellen Dominanz dieser Strömung schließlich als "68er" benannt werden sollte. Für die Umweltbewegung war diese Zeit ebenfalls von großer Bedeutung.

Die Anfänge der Anti-Atom-Bewegung: Bunte Sammlung von rechts nach links
Ende der 60er flackerten die Kämpfe um Atomkraftwerke auf. Damals ging es um den Bau der Mailer - und schon in den ersten Jahren konnten auch einige dieser Auseinandersetzung erfolgreich abgeschlossen werden. Das AKW Wyhl würde zum Beispiel nie errichtet. Die Menschen strömten aus sehr unterschiedlichen politischen Richtungen zu den Aktionen. Erstmals tauchten offen antikapitalistisch und linksradikal auftretende Menschen auf. Ebenso gab es neben breiten bürgerlichen Schichten aber auch rechte Strömungen, die in das neue Thema einstiegen. Beispielhaft sei der neofaschistische "Weltbund zum Schutze des Lebens" benannt, der unter seiner Öko-Flagge und im Rundbrief "Lebensschutz-Informationen" von der Holocaustleugnung bis zum Infragestellen der deutschen Kriegsschuld alles an rechtsextremen Positionen zu bieten hatte. Der Verein, der später das Collegium Humanum in Vlotho als rechte Kaderschmiede gründete und inzwischen verboten wurde (sein Rundbrief lebt unter dem Titel "Stimme des Reiches" weiter), hatte erheblichen Einfluss auf die sich gründenden Umweltbewegungen. Dabei half ihm seine für diese frühe Zeit überdurchschnittliche Organisiertheit. Auch auf die später zu bundesweiten Akteuren aufsteigenden Umweltverbände und die Ende der 70er sich formierenden Grünen hatte der WSL noch erheblichen Einfluss. Ex-Präsidenten, allen voran Max-Otto Bruker (der sogar zweimal Präsident der Neofaschisten war), waren bei der Gründung des BUND-Bundesverbandes, mehr aber noch bei den Grünen (z.B. in Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein) in der ersten Reihe und werden noch heute als Gründer und Leitfiguren in einigen Strömungen der Umwelt- und Gesundheitsbewegungen verehrt.

Allerdings führte ein Erstarken emanzipatorischer bzw. linker Strömungen in der Gesellschaft Ende der 60er und dann in den 70er Jahren dazu, dass die rechten Ökologen in die Minderheit gerieten und sich bis auf wenige Ausnahmen aus den großen Gruppierungen zurückzogen. Sie gründeten stattdessen eigene Verbände oder Parteien, die kaum Bedeutung gelangten.

Bürgerinitiativen und ihre Übernahme durch professionelle Verbände und die Grünen
Die 70er Jahre waren die Zeit der Bürgerinitiativen. Durch den Impuls der 68er und der zeitgleich beginnenden Umweltkämpfe entstand das Bedürfnis vieler Menschen, sich aus der politischen Abstinenz heraus zu bewegen und sich in konkrete politische Entscheidungen einzumischen. Im Mittelpunkt standen unzählige örtliche Konflikte und einige große überregionale Kämpfe, z.B. weiterhin die Atomfrage. Schnittmengen mit Protesten gegen Aufrüstung und Kriegsvorbereitung waren deutlich. Der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz, z.T. auch mit Landesverbänden präsent, bildete damals den größten Dachverband, dessen Schlagkraft von keinem späteren Verband jemals wieder erreicht wurde. Allerdings waren dessen Jahre schnell gezählt. Denn aus den breiten Protestbewegungen entstand der Impuls zur Professionalisierung. Der sich gründende BUND auf Bundesebene und die entstehende Partei "Die Grünen" schöpften ab Ende der 70er das gewaltige Potential ab und kanalisierte es Stück für Stück in formale Proteststrategien. Dabei blieb die Distanz zu Konzernen und kapitalistischem Wirtschaften zunächst erhalten.
  • Extraseite zu prostaatlichen Positionen im Umweltschutz

Einige Strömungen gewannen aber aufgrund der praktischen Erfahrungen mit polizeistaatlichen Strategien der Obrigkeit eine erhebliche Distanz zum Staat - letztlich eine Folge konfrontativer Staatsstrategien und aus dessen Sicht eher dumm. Aus den Konflikten und schwindendem Vertrauen resultierte der in den 70er Jahren recht starke Ruf nach mehr BürgerInnenbeteiligung, welcher in vielen Gesetzen seinen Niederschlag fand.

Neoliberaler Wandel: Pro Markt aber den 90er Jahren
In den 90er Jahren, mitgerissen vom neoliberalen Zeitgeist, setzten sich in der Umweltbewegung Strömungen durch, die statt der Konfrontation mit Konzernen und dem ständigen Bezug auf den Obrigkeitsstaat eine begrünte Ökonomie wollten. Schnell entwickelte sich eine erhebliche Dynamik in diese Richtung. Binnen weniger Jahre setzten sich in fast allen Umweltverbänden die Ideen der Vereinigung von Ökologie und Ökonomie durch. Angetrieben wurde dieser Wandel auch durch erhebliche Geldflüsse, zum einen durch Fördergelder des Staates, der die Vermarktwirtschaftlichung von Umweltschutzkonzepten unterstützte, zum anderen durch die schnelle Zunahme von Ökofirmen.


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