Stiftung Freiräume

LIBERTÄR ODER LIBERAL? WENN DIE MARKTWIRTSCHAFT ZUM ANARCHISTISCHEN IDEAL WIRD ...

Alternativökonomie


1. Einleitung
2. Markt oder Staat - die falsche Frage
3. Einzelfragen
4. Die Schnittstellen zu Marktwirtschaft und Bürgerlichkeit
5. Parecon - krude Wirtschaftstheorie aus anarchistischen Kreisen
6. Alternativökonomie
7. Kritik
8. Links und Materialien

Anarchistische Ideen und bekennende AnhängerInnen derselben sind in alternativ-ökonomischen Zusammenhängen immer wieder anzutreffen. Hier werden konkrete Firmen geschaffen oder verwandelt, die dann in ihrer Struktur Herrschaftsverhältnisse abbauen sollen. Besonders beliebt sind kleine Firmenkollektive und Genossenschaften.
Ein genauerer Blick auf solche Strukturen lässt allerdings einen doppelten Zweifel aufkommen. Zum einen weisen die meisten der Firmen keine interne Hierarchiefreiheit auf, obwohl das in der Regel das erklärte Ziel ist. Bei kleinen Kollektiven, also Firmen, in denen zwar das Innen und Außen (wer gehört dazu und wer nicht) klar und damit auch eine Hierarchie der Mitbestimmung definierend geschaffen wurde, könnten immerhin innerhalb des Kollektivs horizontale Verhältnisse geschaffen werden. Das hängt allerdings mehr von der Praxis der gemeinsamen Tätigkeit und sonstigen, dann vor allem freien Vereinbarungen ab - weniger von der Rechtsform und -struktur.
Ganz düster sieht es hingegen bei größeren Betrieben, vor allem den hochgelobten Genossenschaften aus. Diese werden immer wieder als Inbegriff für Gleichberechtigung präsentiert. Tatsächlich verfügen sie aber über eine stark zentralistische Struktur mit Vorstand und Aufrichtsrat. Denen steht die Menge weitgehend einflussloser GenossInnen gegenüber. Das ähnelt den verpöhnten Aktiengesellschaften mit dem einzigen Unterschied, dass in der Genossenschaft alle gleiches Stimmrecht haben. Praktisch hat das wenig Effekt, denn so oder so sind die großen Versammlungen der großen Firmen von den zentralen Gremien gesteuert. Eine aufmüpfige Basis lässt sich in allen Fällen leicht ausbremsen - durch die Machtspiele bei Tagesordnung, Abstimmungsmethoden oder Wahl von Tagungsort und -zeitpunkt, um die Teilnahme der nicht in den Firmeneliten verankerten GenossInnen zu erschweren. So legte die aus anarchistischen Kreisen kommende, dann sich innerhalb weniger Jahre bruchlos zu bemerkenswerter Bürgerlichkeit wandelnde Szene um das Ökozentrum Verden ihre Genossenschaftssitzungen absichtlich auf Termine wie Montagmorgen, um der basisdemokratischen Pflicht nachzukommen, aber doch unter sich zu bleiben. Die dahinter stehende Denklogik setzte sich in den Folgejahren bruchlos in die Modernisierung und Hierarchisierung aller Strukturen dort fort (siehe Bergstedt, Jörg (2001): "Reich oder rechts?", IKO-Verlag in Frankfurt).

Im Original: Alternative Ökonomie als Lösung?
Aus Cantzen, Rolf (1995): "Weniger Staat - mehr Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (S. 127 f.)
Diskutiert wird hingegen über die Alternativ- und Selbsthilfeökonomie in ihrer eingeschränkten Bedeutung als "Schattenwirtschaft" innerhalb des staatlich-kapitalistischen Rahmens. Betont wird der genossenschaftliche Charakter solcher Alternativbetriebe, die Einkommensgleichheit, das Fehlen einer innerbetrieblichen Hierarchie und die Versuche, die Trennung von Kopf- und Handarbeit sowie von Arbeit und Privatleben aufzuheben oder einzuschränken. Ebenso positiv wird häufig auch vermerkt, daß ökologisch sinnvolle Produkte hergestellt werden.
Bei vielen solcher wohlmeinenden Untersuchungen zur Alternativökonomie und zur Selbsthilfebewegung wird vor allem die sozialpsychologische Dimension dieser Formen der Selbstorganisation gewürdigt: Es werde die Isolation und Anonymität abgebaut, Arbeitslose erhielten Beschäftigung, Minderheiten und sozial Benachteiligte könnten ihr lädiertes Selbstbewußtsein in der Gruppe aufpolieren. Neben dieser psychischen Korrekturfunktion werden auch die Aspekte der Erziehung zur Demokratie, zur (unternehmerischen) Selbständigkeit und zur Mitbestimmung und Eigeninitiative genannt. Weder aus den zuvor genannten Wertungen noch aus dem Selbstverständnis vieler Beteiligter geht hervor, daß in den bereits praktizierten Ansätzen der Selbstverwaltung und solidarischen Kooperation etwas qualitativ Neues steckt, das in seinen Prinzipien erkannt und über die vorhandenen Ansätze hinaus erweitert eine gesellschaftliche Strukturveränderung zur Folge haben könnte. ...
Die pragmatische Orientierung im Umfeld der Alternativ-Projekte läßt häufig die Chance ungenutzt, mit der eigenen Praxis von Selbstverwaltung und Vernetzung auch die bestehenden ökonomischen Strukturen in Frage zu stellen und aus diesen Praxisansätzen weitergehende Perspektiven zu entwickeln.
Dieses Fehlen der von Anarchisten propagierten Perspektive eines dezentral strukturierten Selbstverwaltungs- oder Gesellschaftssozialismus droht bei zunehmender Professionalisierung, beim Zwang zur Anpassung an den kapitalistischen Markt oder an staatliche Subventionsauflagen den "alternativen" Anspruch zurückzudrängen. Die Bemühungen um die notwendige ökonomische Effizienz lassen oft einen perspektivlosen Pragmatismus überhand nehmen, bei dem die ursprünglichen Ziele, sofern es solche gab, ihre systemsprengenden Konsequenzen erst gar nicht entfalten können. Die Angleichung der alternativen Betriebe an die etablierten herrschaftlich-kapitalistischen Strukturen ist nur noch eine Frage der Zeit. Ähnliche Anpassungsprozesse gab es bereits in der Genossenschaftsbewegung vor allem zu Beginn dieses Jahrhunderts.
Die fehlende Perspektive und theoretische Alternative zur staatlichen Planwirtschaft und kapitalistischen Marktwirtschaft begünstigt aber nicht nur solche Anpassungsprozesse, sondern führt auch dazu, dass bestehende Veränderungspotentiale in ihrer Bedeutung verkannt bleiben oder erst gar nicht zur Kenntnis genommen werden. Das zeigen die obengenannten Versuche, in diesen Bewegungen lediglich ein sozial-psychologisches Korrektiv zu sehen. Eine kritische Neuorientierung an anarchistischen Theorien könnte die Staats- und Kapitalismuskritik von den traditionell dominierenden „linken“ Perspektiven und Interpretationsmustern lösen. ...


Zur sogenannten "Dualwirtschaft"
Aus Cantzen, Rolf (1995): "Weniger Staat - mehr Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (S. 129)
Eine Tendenz zu weniger Staat und mehr gesellschaftlicher Selbstorganisation und Selbstbestimmung kommt in den Konzepten einer "besser balancierten Dualwirtschaft" zum Ausdruck. Der Begriff "Dualwirtschaft" ist bereits sehr verbreitet. Er bezeichnet die faktische Doppelung der Volkswirtschaft in einen formellen Bereich (d. h. die mit Steuern belegte Arbeit vor allem in Industrie und Verwaltung gegen Lohn) und in einen informellen Bereich (d. h. die verschiedenen Formen der Eigenarbeit, Nachbarschaftshilfe, Hausarbeit, Eigenversorgung usw.). In den verschiedenen Konzepten einer "besser balancierten Dualwirtschaft" wird dafür plädiert, den informellen Sektor unter Zurückdrängung des formellen zu erweitern. (Huber 1979; Robertson 1979; Gorz 1980) Die Menschen sollten verstärkt Produkte durch selbstbestimmte, unentfremdete und dezentral-selbstorganisierte Eigenarbeit erwirtschaften und Dienstleistungen in Kooperation und Selbstorganisation erbringen.
Auf die möglichen positiven ökologischen, sozialen und ökonomischen Folgewirkungen einer solchen Ausweitung der Eigentätigkeit wird hingewiesen: Die Menschen könnten gemeinschaftliche Lebensformen entwickeln, Konsum- und Leistungsorientierung würden als grundlegende Wertvorstellungen in Frage gestellt, auf ökologisch bedenkliches Wirtschaftswachstum könnte verzichtet und bei einer entsprechenden gesellschaftlichen Arbeitszeitverkürzung im formellen Sektor und einer Arbeitsumverteilung könnte der Arbeitslosigkeit entgegengewirkt werden. Mit dieser Vorstellung einer "besser balancierten Dualwirtschaft" wird die Erweiterung von Freiräumen und von gemeinschaftlich-kooperativen Formen des Lebens und Arbeitens angestrebt.


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