Stiftung Freiräume

WHAT IS PRISON FOR?

Der Blickwinkel des Gefangenen


1. The judicial point of view
2. The point of view of the specialists
3. The point of view of the detainee
4. Der judikative (rechtliche) Blickwinkel
5. Der Blickwinkel der Spezialisten
6. Der Blickwinkel des Gefangenen
7. Fazit
8. Strafvollzug - eine widersinnige Institution
9. Angst ... als Akzeptanzbeschafferin

Dies ist leicht zusammenzufassen: JedeR Gefangene weiß, dass sie/er im Gefängnis hauptsächlich zwei Rechte hat: das Recht, gelangweilt zu sein, und das Recht, den Mund zu halten. Wenn nicht - ins Loch. Wir haben gesehen, dass Gefängnis vor allem den Entzug des Lebens bedeutet, aber für einen Gefangenen ist es noch etwas mehr: neben der Langeweile ist es die Selbstzerstörung, die Zerstörung der eigenen Fähigkeit, sich zu konzentrieren und Entscheidungen zu treffen, die Zerstörung des physischen Zustandes, des Gefühlslebens, der eigenen Sexualität ... Tatsächlich entscheidet mensch im Gefängnis nie über irgend etwas: weder, was mensch essen will, noch wann. Mensch entscheidet nicht über die Stunde oder den Tag des Duschens. Damit Wasser fließt, muss mensch einen Knopf drücken. Weil die meisten Knöpfe kaputt sind, muss mensch einen Finger ständig auf dem Knopf lassen, und das Wasser ist oft eiskalt oder zu heiß. Mensch entscheidet nicht über die Stunde, zu der abends das Licht ausgeht, noch über die Stunde, zu der es morgens eingeschaltet wird. Es gibt keinen Schalter in der Zelle. Der Wärter schaltet das Licht von außerhalb der Zelle. Mensch kann nicht einmal über die Regelung der Heizung entscheiden, wenn mensch friert oder es zu warm findet: es gibt keinen Regler am Heizkörper. Mensch entscheidet nicht über das Wechseln der Bettlaken, wenn sie dreckig sind. Sie werden alle zwei Wochen gewechselt. Seit sieben Jahren habe ich nicht mehr darüber entschieden, welche Kleidung ich anziehen werde: ich werde immer dieselben grauen Leinenhosen tragen, dasselbe dunkelblaue Hemd, denselben grauen Mantel, dieselben Socken, dieselben schwarzen Schuhe, dieselben zu großen oder zu kleinen Unterhosen. In einer Welt, die für immer von vier Wänden von zwei mal vier Metern begrenzt wird, passiert nie etwas Angenehmes.
Letzte Nacht habe ich nicht viel geschlafen. Ein Abhängiger wurde verhaftet, der jetzt auf Entzug ist. Die ganze Nacht schrie er: Ich habe Schmerzen, ich werde sterben. Heute morgen kam eine Abwechslung: ich hörte einen heftigen Streit zwischen einem Wärter und einem Gefangenen. Der Gefangene wurde zum Loch gezogen, und ich höre ihn regelmäßig schreien: Oberwärter, H...sohn.
Ständig höre ich den Lautsprecher vor meiner Zelle: Rückkehr von der Erholung, vorbeigehende Arbeiter, 214 zum Sozialarbeiter, 128 zum Rechtsanwaltsraum, Männer für die Körper-Durchsuchung (nach jedem Besuch ...).
Gestern erhielt ich meine Kisten mit persönlichen Gegenständen aus dem Gefängnis von Huy (?) zurück, in das ich aus Versehen für fünf Tage verlegt wurde. Ich stellte fest, dass eine Kiste mit für mich wichtigen Gegenständen fehlte. Sie „ging verloren“, ich werde sie nie mehr zurückbekommen.
Vor einigen Wochen wurde mir der Zutritt zur Kantine verweigert. Nachdem ich eine Beschwerde eingereicht hatte, stellte die Buchhaltung fest, dass es noch einen Depouhon gab, und als er in ein anderes Gefängnis verlegt wurde, gaben sie ihm mein ganzes Geld! Es wurde zurückgezahlt, aber da mensch in der Kantine nur einmal pro Woche bestellen kann, musste ich eine Woche lang ohne Tabak und Kaffee auskommen.
In dem Gefängnis von Huy weigerte sich ein Moslem, dem seine Religion verbietet, sich nackt zu zeigen, seine Unterhose auszuziehen. Ergebnis: ins Loch. Ich betone, dass er nicht kämpfte und keine Drogen schmuggelte. Er weigerte sich lediglich aus religiösen Gründen, seine Unterhose auszuziehen. Lang leben die Menschenrechte!
Mensch könnte Seiten mit ähnlichen Details füllen. Aber weil in den Zellen niemals etwas passiert, erreichen solche Details die Dimension echter Ereignisse. Und diese Ereignisse sind, ohne viele Ausnahmen, ärgerlich, erniedrigend, herabstufend, scheiße, schwächend, kindisch ... Muss ich hinzufügen, dass ein Gefangener, nachdem er Jahre in so einer Hölle verbracht hat, nicht mehr normal ist und manchmal das Gefängnis wie ein verrückter Hund verlässt?
Ich habe gerade eine interessante Arbeit gelesen: „Der aggressive Mensch“ von P. Karli (Neuro-Biologe), das er gemeinsam mit Odile Jacob 1989 veröffentlichte. Der Autor zeigt im Besonderen, dass, wenn mensch einen perfekt sozialisierten Erwachsenen nimmt und ihn für nur vierzehn Tage isoliert, sich dann bereits neuro-chemische Veränderungen im Gehirn zeigen. Können Sie sich vorstellen, was im Gehirn eines Menschen vorgeht, der zehn Jahre in dieser Hölle isoliert wird? Dieser Mensch ist nicht nur nicht mehr normal, sondern er verlässt das Gefängnis in einem viel gefährlicheren Zustand für die öffentliche Sicherheit als dem, in dem er sich vorher befunden hat.

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